KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”
Mit dem Kauf von mehr als 10% der Aktien – noch vor der akuten Corona-Pandemie im Februar/März 2020 – bei einem der größten Luftfahrtunternehmen der Welt, der Lufthansa AG, ist Heinz Hermann Thiele zum größten Einzelaktionär geworden und ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gerückt. Thiele ist unter Kapitalisten kein Unbekannter. Thiele steht (lt. Forbes 2019) mit einem Vermögen von 13,6 Milliarden Euro an 91. Stelle der reichsten Menschen dieser Welt! In der BRD liegt er auf Platz 6. Die Henne, die ihm die goldenen Eier legt, heißt Knorr-Bremse AG (KB), oder besser gesagt die dort schuftenden Arbeiter. Er ist mit 70% Anteil größter Aktionär bei diesem weltweit führenden Unternehmen für Bremssysteme bei Nutz- und Schienenfahrzeugen.
Den Umsatz von KB von fast 7 Mrd. Euro erarbeiten über 28.000 Beschäftigte (2018); Thiele bekam 2018 allein 200 Mio. Euro an Dividende überwiesen.
KB spiegelt auf eigene Art die Geschichte des imperialistischen Deutschlands. Georg Knorr, der Firmengründer, ist zunächst Angestellter im Berliner Büro des US-amerikanischen Erfinders Jesse Fairfield Carpenter und seiner Firma Carpenter & Schulze, die ihre Druckluftbremsen seit 1883 auf Deutschlands – seit der Herstellung des Reichs unter preußischem Stiefel – boomendem Eisenbahnmarkt verkaufen. 1893 setzt sich jedoch Westinghouse mit seinen Bremsen in Preußen durch. Carpenter verkauft seine Firma an Georg Knorr. Der entwickelt die Bremsen weiter. Ab 1905 – Deutschland ist inzwischen unter die imperialistischen Großmächte aufgerückt – werden seine Bremsen in fast allen europäischen Eisenbahnen eingesetzt. Jetzt wird die Firma umbenannt in Knorr Bremse, eine große Fabrik wird in Berlin-Lichtenberg errichtet. 1907 war als kaufmännischer Direktor Johann Ph. Vielmetter bei Knorr eingestiegen; er kauft nach dem Tod von Knorr (1911) die erbende Witwe aus – ein gelungener Coup. Denn richtig Fahrt nimmt die nun schon bedeutende KB mit dem 1. Weltkrieg auf. Betrug das Kapital der AG vor 1914 gerade mal 4 Mio. Mark, ist es am Ende des Kriegs auf fast 100 Mio. angeschwollen! Räder bremsen für den Sieg!
Aber nicht zu vergessen: „Im letzten Kriegsjahr wird die Firma zu einem Zentrum des Arbeiterwiderstands. Arbeiter der KB nehmen an spontanen Demonstrationen gegen den Krieg teil. 1917 kommt es zu Streiks bei KB. ... Obwohl die Firma durch verbesserte Renten und Zuwendungen die Beziehungen zu den Arbeitern zu verbessern sucht, blieb die Fabrik auch nach dem Krieg eine Hochburg der kommunistischen Arbeiterbewegung in Berlin.“[2]
KB kommt aber relativ unbeschadet durch revolutionäre Nachkriegskrise und Inflation – man verkauft schließlich auch wieder ins Ausland und nimmt harte Devisen ein. 1924 ist KB der größte Bremsenhersteller in Europa. 1920/21 übernimmt KB sogar Aktien der Bayerischen Motorenwerke (BMW). Vielmetter steigt in den Kreisen der Berliner Bourgeoisie nach oben. Er wird Vizepräsident der IHK Berlin.
Gründlich beschwiegen in der offiziellen Firmenbiographie: Vielmetter war Geldgeber und Förderer der NSDAP[3] Ab 1933 zahlt sich das aus. Jetzt gibt es nach der Durststrecke der Großen Krise wieder Aufträge. Die Rüstung für den Krieg nimmt Fahrt auf. KB legt nun den Fokus auf die Entwicklung und Produktion für LKW-Bremsen; aber auch bei Panzern ist KB gut im Geschäft. 1939 sind 90 Prozent aller deutschen LKWs von 7 bis 16 Tonnen ausgerüstet mit Bremsen von KB. Über das besonders brutale Ausbeuterregime bei Knorr kann man in der „Wirtschaftswoche“ vom 28.8.2016 nachlesen: „Unternehmen war (über den Einsatz von Zwangsarbeitern hinaus) besonders an NS-Verbrechen beteiligt: Arisierungen, Beschäftigung von KZ-Häftlingen und jüdischen Zwangsarbeitern, Übernahme von Betrieben in besetzten Ländern u.a.“ Der Umsatz allein im Eisenbahnsegment von KB wächst zwischen 1937 und 1943 von RM 11,8 Mio. auf RM 72,.6 Mio. – Räder müssen rollen – für Tod und Verderben. Bei jedem Transport nach Auschwitz fährt Knorr Bremse mit.
1945 wird KB von der Roten Armee beschlagnahmt und schließlich 1946 in die „Sowjetische A.G. für Transportmaschinen“ eingebracht. Die Geschäftsleitung war bereits in den amerikanischen Sektor Berlins „umgezogen“. 1947/48 wird der Sitz des Unternehmens nach München verlegt. Dort werden die Enkel von Vielmetter, der 1944 verstorben war, Joachim Vielmetter und Liselotte von Bandemer, wie selbstverständlich als Eigentümer akzeptiert. Mit der Gründung der BRD und der Wiederherstellung der alten Besitzverhältnisse ist KB ungebrochen im Geschäft: Bundesbahn, LKW-Hersteller usw. Ab 1953 sind die Bremsen von KB für Schienenfahrzeuge in Westeuropa wieder freigegeben. Die Expansion nach Lateinamerika erfolgt ab 1954 über das faschistische Spanien in Kooperation mit der Sociedad Espanola de Frenos Calefacción y Senales S. A. 1964 fasst KB im vom Apartheidsregime geprägten Südafrika Fuß. 1969 erfolgt in Johannesburg die Gründung der Knorr-Bremse (S.A.) Pty. Ltd. mit eigener Produktion. Ab 1973 expandiert KB in die USA. KB wird in den folgenden Jahrzehnten auch Teilbereiche solch bedeutender US Monopole wie Westinghouse (seit 1995 in Auflösung) bzw. Honeywell (Bendix) übernehmen. Zuletzt wurde hier der langjährige Konkurrent Wabco im Zusammenwirken mit ZF Friedrichshafen geschluckt (2018). Dies auch zum Thema der einseitigen Überlegenheit des US-Kapitals und seiner armen Vasallen in Deutschland.
Seit 1986 ist Heinz Hermann Thiele für KB verantwortlich. Der (geb. 1941) war seit 1969 als Jurist in der Patentabteilung bei KB gelandet und hatte sich dort bis in den Vorstand hochgedient. Als es zum Konflikt kam zwischen den Vielmetters und v. Bandemers, den Erben der dritten Generation, schlug er zu. Der zu einer christlichen Sekte ausgestiegene Jens von Bandemer verkaufte ihm seinen 71%-Anteil. Seit 1989 ist er Alleineigentümer und wandelt KB wieder in eine AG um.
Als am 3. Oktober 1990 die DDR offiziell per „Vertrag“ einverleibt wird, war Thiele schon da: In der DDR firmierte die Hinterlassenschaft des Nazifinanziers und Kriegsgewinnlers Vielmetter unter VEB Berliner Bremsenwerk und Werkzeugmaschinenfabrik Marzahn. Springers „Welt“ (28.9.1999) lässt den ehemaligen VEB-Direktor Jahn ausplaudern: „,Gleich im November 1989 (!) besuchte Knorr-Vorstandschef Heinz Hermann Thiele uns in Berlin und fragte, was wir jetzt tun wollen“, erinnert sich Jahn. „Wir hatten vor 1989 bereits Kontakte zum Knorr-Konzern, da wir in Lizenz Bremsvorrichtungen herstellten.“ Die intensiven Gespräche führten dazu, dass innerhalb weniger Monate das erste große deutsch-deutsche Joint Venture entstand. Vorher erwarb der Knorr-Bremse-Konzern die beiden enteigneten Werke von der Treuhandanstalt zurück.[4] Damals wurden große Hoffnungen geweckt. Inzwischen sind die Standorte in Berlin nur noch ein Schatten ihrer selbst. Als Beitrag zur Konzernsanierung – trotz hoher Gewinne – verlangte man z.B. 2017 schon mal die 42 Stunden-Woche (statt 35) – zum gleichen Lohn.[5] Nennt man das nicht „Sozialpartnerschaft“?
Hatte KB 1989 noch knapp 800 Mio. DM Umsatz und 5200 Beschäftigte, so macht KB heute in Größerdeutschland etwa 7 Milliarden Euro Umsatz – dazu hat das China-Geschäft seit 1989 maßgeblich beigetragen – dank etwa 5.000 Beschäftigten!
Hatte KB 1989 noch knapp 800 Mio. DM Umsatz und 5200 Beschäftigte, so macht KB heute in Größerdeutschland etwa 7 Milliarden Euro Umsatz – dazu hat das China-Geschäft seit 1989 maßgeblich beigetragen – mit einer in Deutschland auf 5.000 verminderten Belegschaft! Die gewaltige Ausdehnung war nur möglich, weil KB eingesponnen ist in das Netz der noch gewichtigeren Anbieter von Schienenfahrzeugen (in der BRD also Siemens) und LKW (vor allem MAN/VW, Daimler). Eng ist KB auch verbunden mit solch relevanten Konzernen wie ZF Friedrichshafen und Bosch (Alltrucks), Georg Fischer, Schaeffler (für Radsysteme) u.a. Derzeit steht „autonomes Fahren“ ganz oben auf der Agenda. KB fährt mit.
Zur Absicherung dieser Verbindungen hat sich Thiele als neuen Aufsichtsratsvorsitzenden den geprüften Fahrensmann des deutschen Monopolkapitals geholt, Prof. Klaus Mangold, mit besonders enger Verbindung zu Daimler. U.a. fungierte der dort schon als AR-Vorsitzender des grandiosen Toll Collect –Konsortiums. Er hat wichtige Funktionen im BDI, sitzt im Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft. Mangold ist verbunden mit dem russischen Oligarchen Beresowski (s. Panama Papers), Corps-Student und Berater u.a. von Kanzler Schröder.
Neuerdings greift Thiele auch offen in die Politik ein. Merkel nennt er Autokratin aus der DDR und ihre Regierung feindet er geradezu an. Der Wind weht dabei von ultrarechts. In einer Talkshow der reaktionären Passauer Neuen Presse hetzt er gegen Erhöhung von Kindergeld und Mindestlohn, gegen Migranten, vor allem Muslime.[6] Dabei spielt er noch den Volkstribun und fordert alle Bürger auf, sich dagegen zu wehren. Er befürchtet, dass es zu einer Lage kommen könnte wie vor dem 1. Weltkrieg! Solche Töne decken sich weitgehend mit der AfD.
Der Börsengang von 2018 spülte 3,9 Mrd. Euro in die Privatschatulle von HH. Thiele. Er hat seine Aktivitäten in der Stella Vermögensverwaltungs GmbH gebündelt, deren Geschäftsführer er selbst ist. Mit seinem Sohn, der fürstlich hinausbugsiert wurde, hat sich der Patriarch überworfen. Dafür macht er nun in Stiftung zusammen mit seiner Tochter. Er will sich – nach seinen Kriterien und Maßstäben – in Bildung und Kultur einzumischen, um sich den „Zeitgeist“ untertan zu machen. Auch Friedrich Engels lässt er dabei nicht aus: „Friedrich Engels schrieb in ,Dialektik der Natur’ dass die Arbeit den Menschen schuf, aber aus meiner Erfahrung würde ich sagen. dass die Arbeit den Menschen rettet.“[7] Engels hätte in diesem Punkt vermutlich nur ergänzt, wenn wir dabei die Kapitalisten loswerden.
Eigentlich wollte sich Thiele, bald 80, mehr seiner Rinderfarm in Uruguay widmen, doch das Geldmachen lässt ihn nicht los. Bei der im Börsencrash abgestürzten Lufthansa kauft er sich mit grade mal 440 Mio. Euro 10% – ein Schnäppchen für ihn, spekulierend auf Rettungsaktionen durch den Staat. Da muss es einen um Übernahmen aus dem Ausland nicht bange sein. Die Hauptgeier sitzen im eigenen Land.
Nun ziert sich der feine Herr angesichts der geradezu obszönen Rettungsaktion des Staates durch Altmeier (CDU), den Minister der Bosse, ob er auf der anstehenden Hauptversammlung der Lufthansa dem Paket zustimmen soll. Der Einfluss des Staates könne dadurch zu groß werden. Dabei tanzen alle Puppen schon nach seiner Pfeife. Altmeier hat nur unter dem Druck der Öffentlichkeit einen Aktienanteil übernommen – am liebsten wären ihm direkte Zuschüsse für den Champion gewesen. Und Altmeier hat ganz „vergessen“, die Beschäftigten der Lufthansa zu schützen, die jetzt um zehntausende Stellen bangen und vor der Erwerbslosigkeit stehen (s. auch den Artikel „ Konjunkturpakete“ – „Avanti Profitanti“ in dieser KAZ). Wie dreist der alte Schinder pokert, zeigt seine Aufstockung des Lufthansa-Aktienpakets, jetzt Anfang Juni, auf 15%. Noch vor der Hauptversammlung der Lufthansa, die der eigenen Rettung zustimmen muss, bekommt er mit der Drohung das Rettungspaket platzen zu lassen ein Gespräch mit Olaf Scholz. Was er will? Noch weniger Staatseinfluss und noch mehr und leichtere Entlassungen. Er fordert es geradezu heraus, die Lufthansa pleite gehen zu lassen. Immerhin könnte dann der Staat die Lufthansa retten, ohne die Aktionäre entschädigen zu müssen. Und Thiele würde in die Röhre gucken – welch‘ ein Genuss!
Richard Corell
Thiele zu A. Merkel: „... dass diese Frau nie eine Demokratin war, sondern sie ist von Anfang an, wie sie es in der DDR gelernt hat, eine Autokratin.“
Thiele zu Migranten und Migration: „Ich will ja gar nicht davon reden, dass ein Mann hier mit drei Frauen und vierzehn Kinder versorgt wird und nicht arbeiten gehen will, weil er zu viel mit seinen Frauen und Kinder zu tun hat“.
„Wir sind in Europa ein vielfältig strukturiertes Land. Wir haben eigene Sprachen, eigene Geschichte und unterschiedliche Kulturen und Fähigkeiten. Das sollten wir uns bewahren“, betont der Unternehmer weiter. Es handele sich dabei auch um eine Frage des christlichen Glaubens und der Wahrung der Identität. (alles aus einer Veranstaltung der Passauer Neuen Presse zum Thema „Menschen in Europa“, neben Thiele auch P. Gauweiler und H.W. Sinn, der frühere Chef des Wirtschaftsinstituts Ifo. youtu.be/USqGwVUqU2A)
„In unserem volkseigenen Berliner Bremsenwerk, der ehemaligen Knorr-Bremse AG, wurde m Kampf gegen den imperialistischen Krieg im Aprilstreik 1917, nach den Weisungen der Spartakusgruppe, der erste Arbeiterrat Deutschlands gebildet“
Am 19.4.1917 stellte der Rat die Forderungen auf, Karl Liebknecht und andere in Schutzhaft Befindliche freizulassen, das Vereinsgesetz aufzuheben und völlige politische Freiheit zu gewähren, den Belagerungszustand aufzuheben und die ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln sicherzustellen sowie den Krieg ohne Anspruch auf Entschädigungen und Eroberungen zu beenden. Ferner wurden die Beschäftigten anderer Betriebe aufgefordert, ebenfalls Arbeiterräte zu bilden. (www.gedenktafeln-in-berlin.de/nc/gedenktafeln/gedenktafel-anzeige/tid/arbeiterrat/)
1 Dieser Artikel erschien in stark gekürzter Fassung unter dem Titel „Gründlich beschwiegen“ in junge Welt vom 15.4.2020. Er wurde vom Verfasser erweitert und aktualisiert.
2 www.encyclopedia.com/books/politics-and-business-magazines/knorr-bremse-ag – eigene Übers.
3 s. T. Hertz, Die Industrie- und Handelskammer zu Berlin: Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte Berlins, Berlin 2008, S. 61f.
4 www.welt.de/print-welt/article585573/Der-Knorr-Konzern-setzt-auf-den-historischen-Standort.html
5 Berliner Zeitung 16.3.2017 – www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/knorr-bremse-konzern-ein-traditionsbetrieb-wird-geschlossen-li.65371
6 vgl. Epoch Times, 8.11. 2018 – www.epochtimes.de/wirtschaft/unternehmen/deutscher-unternehmer-und-milliardaer-angela-merkel-schafft-die-demokratie-ab-diese-frau-war-immer-eine-autokratin-a2701987.html
7 www.forbes.com/profile/heinz-hermann-thiele/#41818d7947d5