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George Orwell – Dichtung und Wahrheit

Der englische Autor George Orwell (Pseudonym für Eric Arthur Blair 1903 – 1950) ist einer der auflagenstärksten britischen Autoren in Deutschland (Platz 12 auf der BBC-Auswahl der erfolgreichsten britischen Romane). Schriften wie „1984“, „Farm der Tiere“ („Animal Farm“) und auch sein Bericht aus dem Spanischen Bürgerkrieg „Mein Katalonien“ (auf den im Folgenden Bezug stets mit dem englischen Titel „Homage to Catalonia“ genommen wird) sind im Englischunterricht an deutschen Schulen häufig Pflichtlektüre. In Berlin-Lichtenberg ist gar eine Schule nach ihm benannt. Der Regisseur und bekennende Trotzkist Ken Loach hat sich im Übrigen in seinem berüchtigten Spielfilm von 1995 „Land and Freedom“ (Land und Freiheit) deutlich an Orwells Spanien-Buch angelehnt.

Einer weit verbreiteten bürgerlichen Mär zufolge werden Orwells bekannteste Bücher als literarische Werke behandelt, die sich einer eindeutigen politischen Deutung entziehen. Sein „Farm der Tiere“ wird dabei gern als sozusagen phantastische Erzählung, als Gleichnis ewig „menschlicher“ Schwächen (in Tiergestalt), als zeitlose Parabel jenseits der Geschichte aufgefasst. Und ähnlich wird sein düster-dystopisches „1984“ oft als Allegorie auf den deutschen Faschismus fehlinterpretiert. Diese Fehldeutungen stehen jedoch in krassem Gegensatz zu Orwells eigenem Bekunden; Orwell, der selbst Trotzkist war, plante, schrieb und sah seinen Verkaufsschlager „1984“ als Abrechnung mit dem „Stalinismus“. Und so gibt es eine zweite Schule, die das Werk Orwells als eine angeblich fortschrittliche Kritik des Sozialismus behandelt, ganz im Sinne der Totalitarismus-Doktrin des kalten Krieges der späten 40er und 50er Jahre – Orwell, der Sozialist und Bannerträger gegen den sog. Totalitarismus!

Beide Mythen sind hingegen genau dies – interessierte, wohlkalkulierte Mythen und Waffen in der gut geölten Maschinerie des Kalten Krieges gegen den Marxismus, d.h. gegen die sozialistische Sowjetunion, die osteuropäischen Volksdemokratien und die um Befreiung und gegen den Imperialismus kämpfenden Völker und Staaten der kolonial unterjochten Kontinente Afrika, Asien und Lateinamerika.

Dass George Orwell in diesem Kampf eine völlig andere Rolle zukommt, als gemeinhin behauptet, zeigt eine sehr empfehlenswerte britische Broschüre mit historischen Dokumenten, die nun in deutscher Übersetzung mit dem Titel „Zwei Streitschriften über den Spanischen Bürgerkrieg“ vorliegt. Sie zeigt Orwell als bezahlten Büttel des britischen Kolonialismus, als eingeschworenen Antikommunisten und – im spanischen Kampfgetümmel – als kurzzeitigen Beobachter an einem kleinen, unbedeutenden Frontabschnitt, fernab des eigentlichen Kampfgeschehens. Und sie enthüllt die höchst schändliche aber entscheidende Schützenhilfe des CIA für den Welterfolg des allseits gefeierten Erfolgsautors.

2019 wurde im Verlag Manifesto Press Cooperative Limited (UK) „Two pamphlets from the Spanish Civil War-ISBN 978-1-907464-39-3“ (Zwei Streitschriften vom Spanischen Bürgerkrieg) veröffentlicht. Die Übersetzung ins Deutsche besorgte S. Trotter und R. Silbermann. Wir veröffentlichen hier Auszüge/ „Appetithappen“ aus dieser Broschüre. Die vollständige deutschsprachige Broschüre kann von der Gedenkstätte Ernst Thälmann in Hamburg bezogen werden. Kontakt: pamphletsGET@gmx.de

Einführung in Bill Alexander’s Orwell in Spanien (Tom Sibley)

1984, in dem Jahr, in dem George Orwell´s gleichnamiger dystopischer Roman (1) spielt (der fast ungebrochenes Lob bis hin zur Anbetungsgrenze sammelte – viele behaupteten er sei vielleicht der größte englische Schriftsteller seit Dickens), veröffentlichten Lawrence und Wishart eine Auswahl von Essays, die die Ehrlichkeit, den Charakter und das politische Urteil des „großartigen Mannes“ in Frage stellten. (2)

Es gab zwei Kapitel, die Orwells Schriften über den Spanischen Bürgerkrieg gewidmet waren. Bill Alexanders Kapitel („George Orwell und Spanien“) wurde später als 18-seitige Broschüre (von Bill Alexander selbst, d. Ü.) veröffentlicht. Alexanders Motiv war es, die Politik von Homage to Catalonia (deutsch: Mein Katalonien) in Frage zu stellen ebenso wie Orwells oft fantasievolle Darstellung des Spanischen Bürgerkriegs, die auf seiner Erfahrung mit einer weitgehend inaktiven Front in Aragón basierte, wo er in einer kleinen Gruppe von POUM-Milizen war. (3)

Orwells Buch enthält ebenso einen Augenzeugenbericht über die Ereignisse in Barcelona im Mai 1937, wo ultra-linke Gruppen wie die POUM und oppositionelle Anarchisten ihre Waffen auf regierungstreue republikanische Kräfte richteten. Dieser verräterische Akt sollte ihre eigenen übertriebenen und völlig unrealistischen Ambitionen zur Förderung einer sozialen Revolution vorantreiben und beinhaltete den Versuch, die gewählte Regierung der Volksfront Kataloniens zu stürzen, dabei die Folgen für den militärischen und politischen Kampf gegen Franco, Hitler und Mussolini ignorierend.

Das POUM-Bulletin vom 1. Mai (zwei Tage vor dem Aufstand) forderte die Arbeiter auf, den Kampf um die Macht der Arbeiterklasse aufzunehmen, während die damalige POUM-Zeitung La Batalla „mit den Waffen in der Hand“ zur Wachsamkeit aufrief. Und doch leugnete Orwell in Homage to Catalonia, dass ein Aufstand beabsichtigt war. (4)

Das 80. Jubiläumsjahr

2019 jährte sich zum 80. Mal das Ende des Spanischen Bürgerkriegs, in dem 2.500 britische und irische Freiwillige für die Verteidigung der spanischen Republik, gegen den Militärputsch von Franco, Hitler und Mussolini, kämpften. Homage to Catalonia gilt immer noch als eines der einflussreichsten politischen Bücher des 20. Jahrhunderts. Es wurde inzwischen über zwanzig Mal neu aufgelegt und ist, wie Bill Alexander 1984 betonte, fast immer die Nummer eins auf der Leseliste der Schüler und Studenten, die den Spanischen Bürgerkrieg studieren.

In den letzten Jahren haben jedoch viele spanische, britische und amerikanische Historiker die Wahrhaftigkeit, Genauigkeit und Analyse des Buches in Frage gestellt. Alexander hält fest: Homage to Catalonia ist so nützlich wie das Studium des Zweiten Weltkriegs an Hand der Geschichte einer kleinen Gruppe von Soldaten weit weg von den Hauptfronten. (5) Und der große Journalist der New York Times, Herbert Matthews, der während des Bürgerkriegs in Spanien war, schrieb: „Das Buch hat mehr getan, um die republikanische Sache zu schädigen, als jedes Werk, das von seinen Feinden geschrieben wurde. Alles was er (Orwell, d.Ü). von Januar bis Mai 1937 sah, war ein kleiner Teil der unechten (gemeint ruhigen, d.Ü.) Front in Huesca und die blutigen Zusammenstöße im Mai 1937 in Barcelona.

Im Falle von Huesca bemerkte Matthews: „Orwell schrieb über einen verwirrten, unwichtigen und obskuren Vorfall in einem Krieg, den er nicht verstand.“ (6 ) (...) Wer die komplexe Geschichte des spanischen Bürgerkriegs besser verstehen möchte, sollte sich mit den beiden, der hier reproduzierten Broschüre und Alexanders herausragender Studie des britischen Batallions, des British Volunteers for Liberty, befassen.

Aus verschiedenen Welten

(...) Orwell (kann) am besten als ein Dilettant mit einem Schuss Mut und einem Auge für eine gute Geschichte beschrieben werden, die mit Stil und Klarheit erzählt wird. Er ging nach Spanien, entschlossen, sich als Schriftsteller einen Namen zu machen. Orwell, der als Stipendiat in Eton ausgebildet worden war, verbrachte sein frühes Berufsleben als Polizist in Burma, um die Einheimischen im Interesse des britischen Imperialismus niederzuhalten. Nachdem Orwell vom Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Harry Pollitt, (siehe später) für die Mitgliedschaft in den Internationalen Brigaden abgelehnt worden war, wandte er sich an die Unabhängige Arbeiterpartei (ILP) und wurde anschließend (von der ILP, d. Ü.) nach Barcelona geschickt, um sich einer sehr kleinen Gruppe britischer Freiwilliger in der POUM, der Schwesterorganisation der ILP, anzuschließen.

(...) reiste Orwell als ahnungsloser Ausländer mit ziemlich vagen antifaschistischen Ansichten nach Spanien. Wie auch immer, sein Antifaschismus manifestierte sich jedoch nie in politischer Aktivität. (...) Orwell schloss sich bald einer POUM-Milizgruppe an, die in Aragón eine im Allgemeinen inaktive Front(stellung, d. Ü.) einnahm und die Faschisten selten in direkten Kampf verwickelte. Zur gleichen Zeit ging Orwell im April 1937 nach Barcelona und zog aktiv in Betracht, sich an die Vertreter der Internationalen Brigade zu wenden. Er wollte einen Wechsel zur Internationalen Brigade in Madrid beantragen, wo ein Großteil der Kämpfe stattfand, um dort Material für sein Buch zu bekommen.

Während der Mai-Ereignisse, bei denen die POUM dazu beitrug, einen Putsch gegen die Volksfrontregierung auszulösen, änderten sich Orwells Pläne, (...) dass Orwell aus Spanien floh und nach England zurückkehrte, um sein Buch fertigzustellen. Das Buch verkaufte sich zunächst schlecht. Dieser Trend hielt mehrere Jahre an, bis der US-Geheimdienst Central Intelligence Agency (CIA), als Teil ihres Kalten Krieges, des Kreuzzuges gegen Kommunismus und Antikolonialismus, aktiv den weltweiten Vertrieb unterstützte. Das Buch wurde nun sehr schnell zum Verkaufsschlager und wird seitdem immer wieder verlegt.

Revolutionäre Hirngespinste

Alexander beschreibt Orwells Einschätzung der Möglichkeit einer sozialistischen Revolution in Spanien zu dieser Zeit als „extrem naiv; die Bedingungen und Kräfte, um eine Revolution durchzuführen, existierten nicht“.(7) Alexander erklärt, dass die Linke gespalten und ohne geschlossene revolutionäre Führung war, und dass der Faschismus in weiten Teilen Europas auf dem Vormarsch war. Alexanders Ansicht wurde zu dieser Zeit von der gesamten Linken mit Ausnahme der POUM und von den vielen Anarchisten geteilt. Diese glaubten, die Revolution hätte bereits im Juli 1936 stattgefunden, als die (Franco-, d. Ü.) Rebellen von den Arbeitermilizen aus ihren Kasernen in Barcelona und Madrid vertrieben wurden. Fast jeder beliebige Fachhistoriker des Spanischen Bürgerkriegs hat danach die allgemeine Auffassung von Alexander unterstützt. (...)

Orwell und die Kommunistische Partei

Einige Kommentatoren behaupteten, Orwell sei der Kommunistischen Partei positiv gesonnen nach Spanien gegangen. Es wären die Ereignisse in Barcelona, insbesondere die Niederwerfung der POUM gewesen, die Orwell zu einem bösartigen Antikommunisten gemacht haben. Dies ist mit ziemlicher Sicherheit falsch. Orwell schrieb in einem Brief an den Dichter Stephen Spender am 15. April 1938:

Ich hatte sicherlich beiläufig beleidigende Bemerkungen über ,Salonbolschewisten’ wie Auden und Spender gemacht oder dementsprechende Worte von mir gegeben. Ich wollte Sie als typischen Salonbolschewisten benutzen, weil ... Ich betrachtete Sie als eine Art angesagten Erfolgsautor. Ich bin auch ein Kommunist oder kommunistischer Sympathisant, aber bin der Kommunistischen Partei seit etwa 1935 sehr feindlich gesinnt.“ (...)

Orwell und die Volksfront

Was steckte also hinter Orwells heftigem Antikommunismus? Es war mit ziemlicher Sicherheit seine tief sitzende Opposition gegen die Volksfrontstrategie des VII. Kongresses der Komintern von 1935, die von der Kommunistischen Partei begeistert aufgenommen wurde. Diese (Volksfrontstrategie, d. Ü.) beinhaltete den Aufbau von Bündnissen mit allen antifaschistischen Kräften, einschließlich Teilen der Mittelschicht und ihren politischen Vertretern. Dies wurde von Orwell, einem zu jener Zeit schlecht informierten angehenden Revolutionär, verabscheut. Diesen trotzkistischen Blick auf die Volksfront nahm er mit nach Spanien. Wie Trotzki argumentierte Orwell, dass ein Bündnis von unterschiedlichen Klassenkräften jede Aussicht auf eine vom Proletariat angeführte sozialistische Revolution zerstören und unweigerlich zu dem führen würde, was es verhindern wollte – einer faschistischen Diktatur.

In einem Brief an Geoffrey Gorer (englischer Anthropologe und Autor, d.Ü.) machte Orwell seine Verachtung der Politik der Volksfront deutlicher als in „Homage to Catalonia“,. Er schrieb: „Der Volksfrontquatsch läuft darauf hinaus, dass, wenn der Krieg kommt, Kommunisten, Sozis usw., anstatt daran zu arbeiten den Krieg zu stoppen und die Regierung zu stürzen, auf der Seite der Regierung stehen werden ... so wird man also Faschismus mit kommunistischer Beteiligung haben ... das ist in Spanien geschehen.“ (8)

Zu dieser Analyse war Orwell bis 1939 gekommen und folgt logischerweise der politischen Hauptstoßrichtung von Homage to Catalonia. Er hielt diese Ansichten bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein aufrecht. Er argumentierte zum Beispiel, dass für die Niederlage Hitlers vorab der Sturz der britischen Regierung nach einer sozialistischen Revolution notwendig sei. (9)

Pollitt und Orwell

Trotz seiner Abneigung gegen die Kommunistische Partei wandte sich Orwell Ende 1936 an Harry Pollitt, der zu dieser Zeit für die Rekrutierung von Freiwilligen für die Internationale Brigade aus Großbritannien verantwortlich war. (...)

In seiner Daily Worker-Rezension zu diesem Buch aus dem Jahr 1937 beschrieb Pollitt Orwell als „einen desillusionierten kleinen Jungen der Mittelklasse, der den Imperialismus durchschauend sich entschied herauszufinden, was der Sozialismus zu bieten hat.

Pollitt fuhr fort: „Glücklicherweise gestand Orwell seine eigene Ignoranz ein. Er sagte uns: „Aber ich wusste nichts über die (Lebens-, d. Ü.) Bedingungen der Arbeiterklasse ...

Orwells Eingeständnis, dass er nichts über die (Lebens-, d. Ü.) Bedingungen der Arbeiterklasse und noch weniger über die Arbeiterbewegung wusste, war keine Empfehlung für Pollitt. Orwell reiste nach Spanien mit ähnlichen lückenhaftem Wissen und selbst erkannten Wissenslücken über sich und über die spanische Arbeiterbewegung. Diese Wissenslücken hielten ihn aber nicht davon ab, sich selbst fast augenblicklich als Strategieexperte für einen revolutionären Wandel in Spanien zu präsentieren.

In seiner Rezension betont Pollitt Orwells mangelndes Einfühlungsvermögen für das Leben der Arbeiterklasse. Orwell schrieb zum Beispiel: „Als ich an Armut dachte, dachte ich an massenhaftes Verhungern. Deshalb habe ich mich sofort den Extremfällen zugewandt, den sozial Ausgestoßenen, Landstreichern, Bettlern, Kriminellen, Prostituierten. Diese Leute waren die ‚Niedrigsten der Niedrigen’ und das waren die Leute, mit denen ich in Kontakt treten wollte.“ (10) Pollitt kommentiert: „Es ist vielleicht selbstverständlich, dass ein Polizist des späten Imperialismus nur die Niedrigsten der Niedrigen als (Lern-, d. Ü.) Ort für sich sieht, um ein neues Verständnis der sozialen Bedingungen und des Sozialismus zu erlangen. Aber natürlich war es völlig falsch und muss für die schrecklich verzerrte Sichtweise auf die Arbeiterbewegung verantwortlich sein und alles was mit dieser zu tun hat.

Die Anarchisten

In Homage to Catalonia machte Orwell seine Unterstützung für den Anarchismus deutlich und schrieb: „Was meine politischen Vorlieben angeht, hätte ich mich gern den Anarchisten angeschlossen.“ (...)

Im ersten Jahr des Spanischen Bürgerkriegs bereiteten Gewalt und ziviler Ungehorsam hinter den republikanischen Linien der Volksfrontregierung enorme Schwierigkeiten. In vielen Gebieten konnte die örtliche Verwaltung kriminelle Vorfälle, von Anarchisten als revolutionäre Vergeltung dargestellt, nicht angemessen polizeilich verfolgen. (...). Tausende landloser Bauern wurden gegen ihren Willen in Kollektive gezwungen.

Der renommierte spanische Filmregisseur Luis Buñuel drückte es so aus: „In den frühen Tagen des Krieges war das Lager der Republikaner von Zwietracht durchdrungen. Das Hauptziel der Kommunisten und Sozialisten war den Krieg zu gewinnen ... die Anarchisten betrachteten den Krieg bereits als gewonnen und hatten begonnen, ihre ideale Gesellschaft zu organisieren.“ Buñuel stellte fest, dass die Kommunisten organisiert und diszipliniert waren, aber „es war traurig, aber wahr, dass die Anarchisten die Kommunisten mehr hassten als die Faschisten“. (11) (...)

Orwells unterschiedliche Wahrnehmung beruhte auf seinen sehr begrenzten Erfahrungen. Er war in einer POUM-Miliz für ein paar Monate und in keiner anarchistischen Miliz. Orwell behauptet, dass die Anarchisten die besten und tapfersten Truppen der Republik waren. Alexander bestreitet dies nachdrücklich. Er argumentiert, dass die anarchistischen Milizen oft schlecht diszipliniert und unzuverlässig waren. (...)

Der Historiker Eric Hobsbawm zitiert Beispiele von anarchistischen Milizionären an ruhigen Fronten, die am Freitag für ein Wochenende nach Hause gehen und für die Montagmorgen-„Schicht“ an die Front zurückkehren (oder auch nicht ).(12) Der Interbrigadist Frank Farr berichtet dazu in seinen Memoiren von seinen Erlebnissen an der Front von Aragón. Er sagt: „Als ich mit der ersten Ambulanzeinheit an der Front von Aragón ankam, wurde die Linie von freiwilligen Milizeinheiten gehalten. Einmal, als der strömende Regen unsere primitiven Gräben in schlammige Gräben verwandelte, entschied die spanischen Centuria auf der rechten Seite des Sektors von sich aus den Schlamm zu verlassen und sich vergleichbar bequemer in das rückwärtige Dorf zurückzuziehen. Die deutsche Centuria zu unserer Linken wachte am Morgen auf und fand ihre Flanke völlig entblößt. Wenn die uns gegenüber liegenden Faschisten das gewusst hätten (!), dass sie ungehindert durch die Linien laufen können ... “ (13)

Über die Sowjetunion

Von den großen antifaschistischen Mächten reagierte nur die Sowjetunion auf den Hilferuf Spaniens. Dennoch verurteilte Orwell weiterhin pauschal die sowjetische Politik und Strategie. Er beschrieb die Reaktion Moskaus zur Unterstützung des republikanischen Spaniens als knauserig, völlig eigennützig und ausschließlich darauf ausgelegt, das zu unterdrücken, was Orwell als soziale Revolution in diesem Land ansah.

Dies widerspricht den Tatsachen, die Orwell zum Zeitpunkt der Fertigstellung seines Buches mit ziemlicher Sicherheit bekannt waren. (...)

Die meisten Kommentatoren gaben zu, dass sowjetische Waffen auf dem neuesten Stand der Technik waren. Diese Waffen und die Internationalen Brigaden, die größtenteils von der Komintern über nationale kommunistische Parteien organisiert wurden, halfen 1936 und 1937 Madrid zu retten. Zum Beispiel wurde 1936 50% der sowjetischen Kampfflugzeugproduktion nach Spanien geschickt. Während des gesamten Krieges unterstützte die Sowjetunion die Republik diplomatisch im Völkerbund und im Nichteinmischungskomitee. (14) Waffen wurden auf Anfrage geliefert, oft wenn nötig auf Kredit und dies bis zum Ende des Spanischen Bürgerkriegs.

Es ist anzumerken, dass die Sowjetunion im Jahr 1936 weder über die industriellen Kapazitäten noch über die logistischen Möglichkeiten verfügte, um die Blockade der italienischen Marine zu durchbrechen und Waffen nach Spanien zu liefern, um eine Waffenmenge zu erreichen, die dem von Hitler und Mussolini an Franco geleisteten Unterstützungsniveau entsprach. (...) Orwells Betrachtung der Lage war seine Ansicht, dass die Strategie der Sowjetunion nicht nur einfach darin bestand, die soziale Revolution zu verschieben bis Franco besiegt wurde. (...) Im Gegensatz dazu argumentiert Alexander, es sei niemals das „Geschenk“ der Sowjetunion gewesen, eine Revolution zu fördern oder zu zerschlagen. (...)

Die Auseinandersetzung geht weiter

Die Debatte geht seit 1984 weiter. In den letzten Jahren haben bisher nicht verfügbare Archive neue Materialien für Forscher zur Interpretation freigelegt. Ein Großteil dieses Materials stellt Orwells Version der Ereignisse in Frage. Die vielleicht beste Analyse liefert Professor Ángel Viñas, Spaniens führender Historiker, spezialisiert auf das Studium des Spanischen Bürgerkriegs. Nach umfangreichen Nachforschungen in den Moskauer Archiven legt Viñas dar, dass es im Gegensatz zu Orwell`s (Behauptung, d.Ü.) keine sowjetische Verschwörung, um die Mai-Ereignisse in Barcelona zu provozieren, gab. Er kommt auch zu dem Schluss, dass die Anarchisten viele Monate vor dem Mai 1937 einen gewaltsamen Aufstand vorbereitet hatten und dass Barcelona erneut, im Gegensatz zur Darstellung Orwells mit Waffen überflutet wurde, die an der Aragón-Front gegen Franco hätten eingesetzt werden sollen. Dazu gehörten Panzer und schwere Artillerie. Gestützt auf Beweise aus Archiven stellt Viñas fest, dass in den Wochen vor den Ereignissen im Mai rund 2.000 anarchistische Milizionäre von der Aragón-Front zurückgekehrt seien. (15)

(...) In demselben Artikel hebt Preston Orwells Unehrlichkeit hervor. Er zitiert einen Brief von Orwell an den befreundeten Journalisten Frank Jellinek, um zu zeigen, wie der Autor den Lesern von Homage to Catalonia dort eine weitgehend falsche Darstellung seiner Ansichten zur POUM präsentierte. Orwell sagte: „Tatsächlich habe ich die POUM-Linie sympathischer beschrieben als ich mich tatsächlich gefühlt habe, da ich ihnen immer gesagt habe, dass sie falsch liegen und mich geweigert habe in ihre Partei einzutreten. Aber ich musste es so sympathisch wie möglich ausdrücken, weil es in der kapitalistischen Presse kein Gehör gefunden und in der linken Presse nur Verleumdungen gegeben hätte.“ (...)

Fürsprecher Orwells und der Poum

(...) Die meisten führenden Autoritäten, die damals die republikanische Seite unterstützten, haben seitdem, sowohl in Spanien als auch in Großbritannien anerkannt, dass die sogenannte Revolution, die von den Anarchisten und der POUM in Katalonien und Aragón angeführt wurde, für die republikanische Sache destruktiv war. Wenn die Einheit gefestigt und die faschistische Kriegsmaschinerie besiegt werden sollte, war es notwendig, sowohl die gewaltsamen Auseinandersetzungen hinter der Front entschieden zu beenden als auch eine moderne Armee mit einem einheitlichen Kommando aufzubauen, um den leistungsstärkeren und besser ausgerüsteten faschistischen Feind zu bekämpfen. Dies bedeutete, die POUM und die anarchistischen Milizen zu entwaffnen und sowohl die Kämpfer als auch ihre Waffen in die nationale Armee aufzunehmen. Dies musste schnell geschehen, sollte nach mehreren militärischen Niederlagen der republikanischen Seite diese (Niederlagen-, d.Ü.) Flut des Krieges in den ersten Monaten des Jahres 1937 aufhören. (16)

Ein schändliches Ende

(...) viele sahen in der „Orwellschen“ Natur den Denunzianten. Der High-Tory (traditioneller Konservativer in England, d. Ü.)-Kommentator Peregrine Worsthorne schrieb z.B.: „In Bezug auf das Richtige kann Orwell nichts falsch machen ... Wenn er also dachte, der Kalte Krieg rechtfertige, dass ein Schriftsteller einen anderen denunzieren kann, dann ist es halt so. Aber eine unehrenhafte Handlung wird nicht ehrenhaft, nur weil sie von George Orwell begangen wird.“(The Spectator, 29. Juli 1966)

1 1984

2 Inside the Myth Lawrence und Wishart Christopher Norris (Hrsg.)

3 POUM – Die kleinste der Parteien, aus denen die (Volks-, d.Ü.) Front zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs bestand, oft als stark vom Trotzkismus beeinflußte oppositionelle kommunistische Organisation beschrieben. Sie vertrat heftigsten Antisowjetismus und war ohne Verbindung zur kommunistischen Massenbewegung der PCE / Kommunistischen Partei Spaniens oder der mit ihnen verbundenen PSUC / Einheitliche Sozialistische Partei Kataloniens.

4 Orwell, George. Homage to Catalonia, London (Secker&Warburg), 1938, S. 92 – deutsch: “Mein Katalonien“

5 Inside the Myth Lawrence & Wishart Christopher Norris S. 85 (Hrsg.) (1984)

6 aus Paul Prestons Artikel im Bulletin of Spanish Studies 2018 zitiert und aus Paul Prestons George Orwell’s Spanish civil war memoir is a classic, but is it bad history? Guardian vom 7. Mai 2017

7 Inside the Myth Lawrence & Wishart S. 100 Christopher Norris (Hrsg.) (1984)

8 1938 Brief an Geoffrey Gorer, zitiert in George Orwell A Life, S. 350 Bernard Crick.

9 Orwells Essay My Country Right or Wrong, Herbst 1940, zitiert aus George Orwell English Rebel, Robert Collis.

10 Daily Worker 17. März 1937

11 Luis Buñuel My Last Breath Abigail Israel (trans.) Flamingo 1987 S. 155 Auszug aus My Last Breath Luis Buñuel reproduziert in No Pasaran – Writing from the Spanish Civil War, ausgewählt von Peter Ayrton, London, 2016, S. 1-20.

12 siehe: Revolutionaries, S. 84, Phoenix pbk. Wiedenfeld und Nicholson 1973. Eric Hobsbawm

13 www.international-brigades.org.uk/content/lessons-spain

14 Auf Initiative Frankreichs wurde aus 27 europäischen Ländern ein Komitee gebildet, darunter das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien (die wichtigsten Waffenlieferanten und militärischen Verbündeten). Die Aufgabe des Komitees bestand darin, Waffenlieferungen zu überwachen, um Leben zu retten und eine Waffenruhe zu arrangieren. Da es zu keinem Zeitpunkt intervenierte, unterstützte und festigte dieses Arrangement den militärischen Vorteil Hitlers und Mussolini, den die faschistische Seite genoss.

15 siehe IBMT-Magazin, Ausgabe 20, Frühjahr 2008

16 Siehe P. Prestons Interview im IBMT Magazine, Nr. 2-2018, insbesondere die Seiten 13 und 14 – online verfügbar. Siehe auch Inside the Myth, Lawrence & Wishart, S. 87 und 100-101, Christopher Norris (Hrsg.) (1984).

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