Für Dialektik in Organisationsfragen
Am 9. Oktober lief bei Tesla in Grünheide eine Aktion der IG Metall, an der sich über 1.000 Kolleginnen und Kollegen beteiligten. Vorher gab es schon Presseberichte über die äußerst miesen Arbeitsbedingungen. Du bist selbst Arbeiterin bei Tesla. Seit wann arbeitest du dort, und was kannst du über die Arbeitsbedingungen bei Tesla berichten?
Ich arbeite dort seit März letzten Jahres. Die Arbeitsbedingungen sind sehr hart und anstrengend. Die Leute müssen 2 oder 3 Aufgaben übernehmen, weil der Krankenstand teils sehr hoch ist, und Tesla Leute feuert.
Und wie sieht es mit deinem Lohn aus im Vergleich zu deiner früheren Arbeitsstelle?
Da muss ich sagen, das ist besser.
Und im Vergleich zu anderen Betrieben der Automobilindustrie?
Da ist das schlechter.
Gibt es bei Tesla einen Tarifvertrag?
Nein.
Wie sieht es mit der IG Metall im Betrieb aus?
Ich sehe da sehr positiv in die Zukunft. Das Tesla-Management stellt sich sehr dumm an. Ich denke, die haben schlechte Berater, und die Leute rennen, ohne dass groß Werbung gemacht werden muss, nach Fangschleuse[1] und treten in die Gewerkschaft ein.
Warum treten sie ein? Was erhoffen sie sich?
Das ist Unzufriedenheit. Da gibt es Abmahnungen oder Briefe, die sie von der Geschäftsführung bekommen, dass sie ihre Krankentage offenlegen müssen, die Ärzte von der Schweigepflicht entbinden sollen. Sie erhoffen sich Hilfe. Viele warten auch ab und fragen, wann kommt die IG Metall rein. Aber ich denke, die Leute brauchen vielleicht nur ein kleines Erfolgserlebnis und werden bewusster als Arbeiter und Gewerkschafter.
Und wie ist es mit dem Betriebsrat? Gibt es einen, und wie ist der?
Einen Betriebsrat gibt es seit März letzten Jahres. Der lässt sich nicht blicken. Die Hälfte der Belegschaft weiß gar nicht, wie der aussieht. Ich finde den Betriebsrat gerade nicht sehr gut. Er vertritt nicht die Arbeiterrechte.
Hat der Betriebsrat was mit der IG Metall zu tun?
Der hat schon auch was mit der IG Metall zu tun. Tatsache. Es gibt IG Metaller im Betriebsrat. Aufrechte, die sind aber in der Minderheit. Und es gibt auch Metaller, die gekippt sind, weil sie vielleicht – keine Ahnung – geschmiert worden sind. Das sind jetzt natürlich nur Unterstellungen, ich kann es nicht beweisen.
Jetzt nochmal zu den Arbeitsbedingungen. Von den Problemen kranker Kollegen und den Abmahnungen hast du schon berichtet. Wie ist es zum Beispiel mit den Leiharbeitern?
Auch da betreiben die eine Spaltung. Ich weiß nicht, nach welchem System die Leiharbeiter bei Tesla eingestellt werden. Die schon über ein Jahr da sind, die ackern sich da zu Tode, klotzen mächtig ran, aber die werden nicht eingestellt. Und da kommen welche später rein und die werden eingestellt. Vielleicht wollen sie da auch eine Spaltung drin haben, und dass man sich untereinander überhaupt nicht versteht. Leiharbeiter können auch ganz schnell abgemeldet werden. Mir ist zu Ohren gekommen, dass welche gar nicht wissen, dass sie abgemeldet wurden. Die kommen einfach nicht mehr rein, weil die Chipkarte gesperrt ist.
Wie international ist die Belegschaft bei Tesla?
Es sind viele Kulturen bei Tesla, was ich sehr schön finde. (Anmerkung dazu: Das IG-Metall-Flugblatt erschien in den Sprachen Deutsch, Polnisch, Arabisch, Englisch, Türkisch und Kurdisch.)
Ich habe gehört, dass die polnischen Kollegen bei Tesla ungefähr 1000€ mehr als zu Hause bekommen. Sind sie dadurch erpressbar?
Ja, aber ich kenne auch einige, die trotzdem aufgehört haben, weil sie die Arbeitsbedingungen nicht mehr ausgehalten haben und jetzt woanders in Deutschland arbeiten. Die Leiharbeiter haben, glaube ich, schon Druck. Ich rede jetzt von denen, die schon ein Jahr da sind, und die das nicht mehr ausgehalten haben. Ich kenn einige, die sich nach anderer Arbeit umgesehen haben. Aber wiederum auch nicht nur polnische, auch deutsche Kollegen halten den Druck nicht mehr aus und gehen wieder, ohne dass sie gekündigt werden.
Jetzt zu der Aktion am 9. Oktober. Was ging da vor sich und war das Ganze ein Erfolg? Gab es gewerkschaftsfeindlichen Widerstand und wie hat die Geschäftsleitung reagiert?
Die Aktion hat in der Nachtschicht in der Pause angefangen. Die Sekretäre standen an verschiedenen Stellen, nicht im Werk, da werden die von Tesla nicht reingelassen. Dann ab Montag zur Frühschicht waren sie mit 70 Leuten am Start. Aus ganz Deutschland haben die sich Verstärkung geholt. Die standen vor den Toren von Tesla, haben die Leute abgeholt. Die saßen in den Shuttlezügen, die saßen in den Shuttlebussen, die standen am Bahnhof Erkner, die standen am Bahnhof Fangschleuse. Das war eine Riesenaktion, und es gab auch Gewerkschaftseintritte. Sie haben Flugblätter verteilt und Aufkleber, die man sich an die Kleidung kleben konnte. Das war auch eine große Werbeaktion, was ich gut finde. Aber natürlich auch eine Outing-Aktion: Nachdem Tesla so tut, als gäbe es keine IG Metall im Betrieb, haben wir gezeigt: Wir sind drin! Es gab natürlich Widerstand von der Geschäftsführung. Die haben während der Pausen selbst Angebote gemacht mit einer kostenlosen Suppe und Überraschungen, die Überraschung war ein T-Shirt. Leute, die an der IG-Metall-Aktion beteiligt waren, haben keine T-Shirts bekommen. Das wurde auch auf der Betriebsversammlung danach angesprochen. Darauf die Geschäftsleitung: „Das ist alles nicht wahr, hier wird jeder gleichbehandelt.“ Die Sekretäre hatten es auch schon wieder sehr schwer, aufs Werksgelände zu kommen, obwohl alles angemeldet war. Ansonsten muss ich sagen, auch wenn es wenig Leute waren – es arbeiten dort 11.000 Leute, das darf man nicht vergessen –, war es für mich ein großer Erfolg. Es war sehr unterschiedlich, in manch einer Abteilung hat keiner was gegen die Aktion gemacht, da hat vielleicht mal der Supervisor den Leuten zugezwinkert: coole Sache, macht weiter. Und dann gab es aber auch Abteilungen, wo die Leute unter Druck gesetzt worden sind. Es ist also sehr unterschiedlich bei Tesla in den ganzen Abteilungen, wie die IG Metall so ankommt.
Dazu noch eine Frage: Warum lassen sich die Gewerkschaftssekretäre verbieten, in den Betrieb zu kommen? Könnten die sich nicht z. B. zu einer Betriebsversammlung unter Polizeischutz Eintritt verschaffen?
Ja, das hätte die Belegschaft mal aufgerüttelt: warum müssen Sekretäre mit Polizeischutz hier reinkommen, wo doch der Betriebsrat die IG Metall zur Betriebsversammlung einladen müsste. Aber ich glaube, die Sekretäre wollen nicht ganz so eine Eskalation haben.
Gab es für die Aktion Solidarität von anderen Betrieben oder sonst von woanders?
Es werden ja gerade in den USA die drei großen Autokonzerne bestreikt, und da gab es große Solidarität von der Gewerkschaft dort, der UAW.
Kam aus den Automobilwerken in Berlin – Daimler und BMW – Solidarität?
Da ist mir nichts zu Ohren gekommen.
Wäre es gut gewesen, wenn noch was gekommen wäre? Wäre das aufmunternd gewesen?
Ja. Auf jeden Fall.
Kannst du noch was zur gewerkschaftlichen Arbeit im Betrieb berichten?
Das wird einem sehr schwer gemacht. Man kann mit den Leuten nur in den Pausen reden oder wenn mal das Band steht, kann man die Leute aufklären und mitnehmen. Werbematerial wird abgeräumt. Auf den Bildschirmen ist auch IG-Metall-Bashing. Da steht dann „Mehr Geld ohne IG Metall“.
Das war nach der Aktion?
Genau.
Wie haben das die Kollegen aufgefasst?
Die meisten lachen darüber. Aber bei der Betriebsversammlung hat der Betriebsrat behauptet, dass sie ja schon viel länger an Verhandlungen dran sind – die Lohnerhöhung sei ihr Verdienst, nicht das der IG Metall. Ich habe auch immer gesagt, das T-Shirt und die kostenlose Suppe gab es nur wegen der IG Metall. Sonst hätte es keine Suppe und keine „Überraschung“ gegeben.
Wie siehst du die Arbeit der IG Metall in und an dem Betrieb?
Sehr gespalten. Ich weiß, dass sie viel zu tun hat gerade mit den ganzen Abmahnungen und mit den Briefen, die zur Entbindung von der Schweigepflicht der Ärzte auffordern und Kündigungen androhen und so. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass die vielleicht einmal im Quartal vorm Werk stehen und Aufklärungs-Flyer verteilen. Weil den meisten Leuten bei Tesla nicht so wirklich bewusst ist, was Gewerkschaft ist. Gewerkschaft ist Arbeiterbewegung, und die Gewerkschaft ist so stark wie die Arbeiterklasse ist im Betrieb.
Meinst du, dass noch weitere solcher Aktionen der IG Metall bei Tesla organisiert werden sollten?
Ja. Diese Aktion hat auch gezeigt, dass viele ihre Rechte gar nicht kennen. Manche haben ihre Aufkleber abgerissen, wenn sie bedroht worden sind. Ich glaube aber, bei der nächsten Aktion werden es mehr sein, weil sie gesehen haben, die den Aufkleber getragen haben, die vielleicht bedroht worden sind und trotzdem ihre Aufkleber drangelassen haben, die sind immer noch da, das ist nur heiße Luft, was die Zuträger der Geschäftsleitung da versprühen. Und bei der nächsten Aktion werden es mehr. Ich bin davon fest überzeugt.
1 Fangschleuse ist ein Gemeindeteil von Grünheide mit einem Regionalbahnhof in der Nähe des Tesla-Werks. Die IG Metall hat dort ein Büro.