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KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”

Sanktionspolitik gegen Russland oder

Schadet sich der deutsche Imperialismus selbst?

Das Russland-Geschäft sei eingebrochen, heißt es. Weit gefehlt!! Die Importe aus Russland steigen wieder. Das liegt aber nicht daran, dass jetzt größere Mengen an Gas, Erdöl, Nickel usw. aus der Russischen Föderation (RF) importiert würden, sondern daran, dass – u.a. dank der Sanktionen gegen die RF – die Preise sich stark erhöht haben. So kaufen jetzt deutsche Importeure weniger Ware aus Russland ein, dafür aber viel teurer. Und weil die Preise auf den Weltmärkten wegen der künstlichen Verknappung bei Öl und Gas gestiegen sind, darf es nun noch dreckiges und teureres Fracking-Gas und -Öl aus den USA oder „Autokraten“-Gas aus Katar sein. Und die Kartellschwestern Exxon-Mobil, Texaco, BP, Shell u.a. wie die französische Total fahren obszöne Extra-Profite ein. Und ganz nebenbei: die deutschen Energiemonopole RWE und Eon auch. Die Exporte waren schon mit den Sanktionen 2014 (wegen der völkerrechtskonformen Sezession der Krim von der Ukraine) rückläufig. Mit den neuen Sanktionen sind jetzt auch Fahrzeuge, Maschinen, Elektro- und Elektronikerzeugnisse u.a. betroffen und damit solche Firmen wie VW oder Siemens. Die BASF sah sich wegen der Gas-Verknappung schon kurz vor der Werksschließung.

Moskau – hell erleuchtet und mollig warm

Und: „Russlands Wirtschaft stabiler als gedacht“, vermeldet der Deutschlandfunk[1]. Der Russischen Föderation hätten die Sanktionen zwar geschadet, aber keineswegs im erwarteten (ruinösen) Umfang. Während durch die Medien bei uns Kriegsstimmung angeheizt wird, unterfüttert mit für viele Familien unbezahlbaren Heizungs- und Strompreisen, mit an Notverordnungen erinnernde Spar-, Frier- und Verdunkelungsaktionen vom Quartetto Infernale Scholz, Habeck, Lindner und Baerbock; während sogar Eon und RWE beflissen die Raumtemperaturen in den Büros auf 19 Grad bringen und Warmwasser abstellen, erscheint Moskau in diesem Winter hell erleuchtet und mollig warm.

Haben sich unsere Strategen verrechnet und ins eigene Knie geschossen? Oder hat man sich einmal mehr in Lakaienmanier dem Druck der Yankees gebeugt?

Sehen wir uns dazu zunächst die Entwicklung vor dem Februar 2022, vor der russischen Intervention in der Ukraine, an.

Das bisherige „Geschäftsmodell“ des deutschen Imperialismus

Das bis dahin geltende „Geschäftsmodell“ des deutschen Imperialismus kann grob folgendermaßen skizziert werden: Aufgrund von Lohndumping (dank ruhig gehaltener Gewerkschaften), bei günstiger Zufuhr von Energie und Rohstoffen und aufgrund technischer Errungenschaften auf dem Weltmarkt Konkurrenten niederhalten oder ausschalten. Nicht zuletzt durch frühzeitige Teilhabe am größten Wachstumsmarkt der Welt in China hat sich die BRD als relativ kleines Land (1% der Weltbevölkerung) in manchen Bereichen eine weltweit führende Stellung bei Produktion und bei Waren- und Kapitalexport verschafft. Sie hat auf dieser Grundlage – trotz zweier von Deutschland angezettelter und verlorener Weltkriege – die Hegemonie in der EU erobert. Dies nicht zuletzt dank der maßgeblichen Rolle der BRD bei der Zerschlagung des Sozialismus in Europa (1989 -92), der damit verbundenen Einverleibung der DDR und der zügigen ökonomischen Durchdringung der „frei von Sozialismus“ gemachten Länder im Osten und Südosten Europas. Aggressiv vom deutschen Imperialismus betrieben, wurden Staaten zerstört und in ihre Bestandteile zerlegt, die im Ergebnis des Widerstands- und Befreiungskriegs gegen Nazideutschland entstanden waren, wie die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien und die Tschechoslowakische Sozialistische Republik.

Im Windschatten des US-Imperialismus und als Bollwerk gegen den Sozialismus hatte sich der deutsche Imperialismus seit den 1950er Jahren im spannungsvollen Bündnis mit Frankreich in Westeuropa ein Sprungbrett geschaffen für den dritten Anlauf zur Weltmacht. Anlauf zur Weltmacht nehmen ist ein Prozess und bedeutet „auf Augenhöhe“ mit dem US-Imperialismus zu kommen, heraus aus der Rolle eines Imperialismus zweiter Klasse. Das bedeutete nach 1989/92 weiterhin Kollaborieren und Profitieren von den Bastionen der USA bei Militär, Finanzen, Logistik/Kommunikation, aber zunehmend Rivalisieren vor allem auch durch Aufbau starker Positionen in China und in Russland.

US-Imperialismus – was tun?

Versetzt man sich einmal in die Lage der USA, dann ergibt sich daraus für den US-Imperialismus die Aufgabe: dem aufstrebenden Konkurrenten die Federn stutzen, ohne ihn zu sehr zu schwächen – denn ohne Verbündete kann der US-Imperialismus den Kampf gegen die VR China im Bündnis mit der Russischen Föderation nicht gewinnen. Die Instrumente zum Federnstutzen werden vor allem seit 2014 (Ukraine/Maidan-Putsch/Donbass/Krim) gezeigt: Iran-Sanktionen (dort sind u.a. Total, Siemens, Airbus engagiert), Maßnahmen des Handelskriegs gegen die EU ab 2017 und schließlich zur Durchsetzung der Interessen des anglo-amerikanisch dominierten Ölkartells die Sanktionen gegen russisches Öl und Gas[2] bis zur Sprengung von Nordstream2.

Statt Russland als Kraftquelle für das Rivalisieren mit dem US-Imperialismus nutzen zu können, soll Deutschland als Speerspitze des Imperialismus in Stellung gebracht werden gegen Russland, soll der deutsche Imperialismus seinen Beitrag leisten, um Russland zu zerschlagen. Mit der Ausschaltung Russlands als Machtfaktor soll der Weg geebnet werden, um den eigentlichen Gegner, das sozialistische China, ins Visier zu nehmen. Kleiner Hintergedanke dabei: Deutschland soll sich dabei die Hörner abstoßen bzw. bluten. Dann – mit zerschlagenem Russland und geschwächtem Deutschland – komme der große US-Bruder zum Schlichten und zum Einsacken der Beute für die Wall Street. Kennen wir dieses Szenario nicht bereits? Ja, dieses Szenario kennen wir bereits, als Deutschland schon in der Weimarer Republik von den Westmächten in Stellung gebracht wurde gegen die Sowjetunion, schließlich die Hochrüstung des deutschen Faschismus gefördert wurde, bis Hitler dann den Krieg auf eigene Rechnung begann – nicht für die Wall Street, sondern für Krupp, Thyssen, IG Farben, Siemens, Deutsche Bank.

Die scheinbare Einheit der imperialistischen Mächte

Dem angesprochenen Geschäftsmodell des deutschen Imperialismus werden also – nicht erst seit dem Ukraine-Krieg – die Grundlagen entzogen. Der Krieg hat dabei lediglich vor aller Augen die Widersprüche zwischen den imperialistischen Großmächten offener und deutlicher gemacht – auch wenn lautstark die „Einheit“ und die „Harmonie“ „des Westens“, der „Wertegemeinschaft“ gefeiert werden.

Es ist immer ein Alarmzeichen, wenn die Imperialisten statt vom Geschäft von „höheren Werten“ sprechen. Wenn sie sich mit Sanktionen scheinbar ins eigene Knie schießen, sich scheinbar selbst schaden. Suizid-Gefahr? Stunde der Lemminge? Oder: Was sonst führen die „Zeitenwender“ dann im Schilde?

„Wandel durch Annäherung darf nie auf Wandel durch Handel reduziert werden.“ – Klingbeil[3]

Wir sehen seit einiger Zeit einen Wandel in der deutschen Politik gegenüber Russland und China. Bis 2018 etwa galt die bei der DDR-Unterhöhlung bewährte Maxime „Wandel durch Handel“ bzw. „Wandel durch Annäherung“. Seitdem geht es in die Richtung: Wandel durch Verweigerung von Handel, Wandel durch Sanktionen, Wirtschaftskrieg und offene Aggression bis hin zu Zerstörung nicht nur von Lieferketten, sondern von Pipelines und ganzen Ländern. „Russland ruinieren“. „Kämpfen – bis zum letzten Ukrainer!“ Im grün-transatlantischen Gewand wird der Revanchismus wieder eingebläut, kommen die Ostlandreiter aus der Deckung, kommt Vergeltung für den verlorenen Weltkrieg wieder in den Bereich des Möglichen, Rache für Stalingrad.[4]

Der US-Imperialismus hat bereits seit 2011, noch unter Obama, seine strategische Ausrichtung auf den asiatisch-pazifischen Raum gelegt: pivot to Asia. Die VR China rückt nicht nur in der US-Hetzpropaganda, sondern auch in mehr oder minder offiziellen Strategieüberlegungen zunehmend vom Wettbewerber, zum Rivalen, zum Gegner und schließlich zum Feind auf.

Der deutsche Imperialismus: „Zeitenwende“ und „Führungsmacht“

Unter diesem Aspekt gewinnt der deutsche Imperialismus als Führungsmacht der EU eine neue Bedeutung.

Dabei kommt es ganz viel auf Deutschland an. Deutschland muss den Anspruch einer Führungsmacht haben. Nach knapp 80 Jahren der Zurückhaltung hat Deutschland heute eine neue Rolle im internationalen Koordinatensystem. ... Als Führungsmacht muss Deutschland ein souveränes Europa massiv vorantreiben. Deutschland kann nur stark sein, wenn Europa stark ist.“ – Klingbeil (Hervorhebungen Corell)

Die Aufgaben:

1. EU nach Osten maximal ausdehnen und gegen Russland ausrichten: Aufnahme von sechs „West-Balkan-Ländern“: Albanien (und dann die in Happen aufbereiteten Teile des ehemaligen Jugoslawiens), Serbien, Kosovo, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Nord-Mazedonien. In den Aufmarschplan der EU sind dann bereits fest eingeplant: Moldawien, Georgien und Ukraine. Inzwischen tauchen in diversen Statistiken unter dem Begriff „Mittel- und Osteuropa (MOEL)“[5] 29 Staaten auf, darunter auch Kasachstan. Das bisherige Osteuropa hat unter dem Aspekt von Handel und Kapitalexport für die BRD eine Größenordnung erheblich größer als China oder die USA. Allein nach Polen, Ungarn, und Tschechien gehen zusammengerechnet deutsche Exporte in Höhe von 155 Milliarden Euro, in die USA 119, in die VR China 103 Milliarden Euro (2021).[6]

„Ich setze mich ein für die Erweiterung der Europäischen Union um die Staaten des Westbalkans, um die Ukraine, um Moldau und perspektivisch auch um Georgien.

Eine Europäische Union mit 30 oder 36 Staaten aber wird anders aussehen als unsere heutige Union. Das liegt auf der Hand. Europas Mitte bewegt sich ostwärts, könnte man angelehnt an den Historiker Karl Schlögel[7] sagen.“ – Scholz (Hervorhebungen Corell)

2. Russland so einengen, in Kriegen und Rüstung so zermürben, dass es keine Unterstützung mehr für die VR China sein kann und/oder einen Regimewechsel herbeizuführen, der Russland auf längere Zeit in eine Halbkolonie des Imperialismus verwandelt und damit zu einer Bedrohung der VR China. Latent ist damit natürlich auch die Drohung verbunden, mindestens den nördlichen Korridor der Neuen Seidenstraße zu stoppen. Dieser Korridor wird jetzt schon in Polen behindert. Zunehmend wird dabei der mittlere Korridor (über Baku, Istanbul nach Hamburg) genutzt.

„Wenn wir aus den baltischen Staaten oder Polen hören, dass sie Angst davor haben, die nächsten Ziele Russlands zu sein, dann müssen wir das ernst nehmen. Bundeskanzler Olaf Scholz hat mehrfach deutlich gemacht, dass wir jeden Zentimeter Nato-Territorium verteidigen werden. Ich begrüße seine Entscheidung, mehr deutsche Truppen an der Ostflanke der Nato zu stationieren und den Schutz unserer osteuropäischen Partner zu intensivieren. Auch hierzu ist eine bessere Ausstattung der Bundeswehr dringend notwendig.“ – Klingbeil (Hervorhebungen Corell)

3. Das gelingt dem Imperialismus nur, wenn die Hegemonie der BRD in der EU ausgebaut wird: ökonomisch, politisch, militärisch.

„Die Europäische Union muss auch mit mehr Mitgliedern in der Lage sein, schnell zu handeln. Daher müssen wir das Einstimmigkeitsprinzip abschaffen, etwa in der Außenpolitik oder in der Finanz- und Fiskalpolitik. Das macht die EU schlagfertiger, handlungsschneller und demokratischer.“ – Scholz

„Ich bin beispielsweise fest davon überzeugt, dass genau jetzt der Moment ist, um endlich eine europäische Verteidigungs- und Sicherheitspolitik voranzutreiben. 27 Länder, die ihr eigenes Beschaffungswesen unterhalten, ihre eigenen Rüstungskonzerne haben, die einzeln mit diesen Rüstungskonzernen verhandeln. Ich kann niemandem mehr erklären, warum wir das nicht endlich europäisch bündeln.“ [8]– Klingbeil (Hervorhebungen Corell)

4. Dazu werden wir auch erleben, wie die bisherigen Beschränkungen für den deutschen Imperialismus (z.B. aus dem Potsdamer Abkommen) mehr und mehr in Frage gestellt werden. Angestrebt wird dabei, eine europäische Streitmacht in relativer Unabhängigkeit von der NATO aufzubauen. Dabei wird das Verhältnis zum französischen Imperialismus mit dem direkten und offenen Zugriff auf Atomwaffen eine wichtige Rolle spielen. Mit dem Rüstungsprogramm und weiteren flankierenden Maßnahmen wird die Bundeswehr zur zweitgrößten (konventionellen) Armee der NATO.[9] Die Wiedereinführung der Wehrpflicht ist bereits absehbar.

„Die europäischen Staaten in der Nato sollten in Zukunft in der Lage sein, europäisches Territorium gemeinsam zu verteidigen. Das ist keine Politik gegen das transatlantische Bündnis, sondern eine Politik, die das Bündnis stärkt.“ – Klingbeil

5. Mit einer derart deutsch-diktierten EU im Kreuz kann der deutsche Imperialismus auch für eine gewisse Zeit gegenüber China eine scheinbar unabhängige Rolle spielen, um die taktische Variante zu versuchen „Wandel durch Annäherung“ oder „Die Burg von Innen sturmreif machen“.

„Europa muss seine strategische Autonomie ausbauen. Kritische Güter und kritische Infrastruktur müssen hier bei uns in Europa hergestellt und gefördert werden. Mit Blick auf China bedeutet das etwa, dass wir Abhängigkeiten in den Bereichen Medizin oder Technik abbauen. Das bedeutet nicht, dass wir mit Staaten wie China keinen Handel mehr betreiben sollten, wie es manche fordern – aber es bedeutet, dass wir uns strategisch klug und resilient aufstellen.“ – Klingbeil (Hervorhebungen Corell)

„Doch bei allem, was gerade Präsident Biden für unsere Partnerschaft getan hat, wissen wir zugleich, dass sich der Blick Washingtons stärker auch auf den Wettbewerb mit China und auf den asiatisch-pazifischen Raum richtet. Das wird für künftige amerikanische Regierun-gen ebenso gelten, vielleicht sogar noch mehr.“ – Scholz (Hervorhebungen Corell)

6. Offen ist es, wie dabei vor allem Frankreich (Italien?) bei der Stange gehalten werden kann mit der Ausdehnung von Einflusssphären in Afrika und Asien. Und wie der britische und US-Imperialismus dem entgegenwirken.

7. Offen ist auch, wie schnell der deutsche Imperialismus die Dekarbonisierung (d.h. letztlich Unabhängigkeit vom anglo-amerikanischen Ölkartell) und die digitale „Souveränität“, ohne die eine relative Unabhängigkeit (vor allem auch militärisch) nicht möglich sind, vorantreiben kann.

USA halten dagegen

Kritisch ist dabei der US-Cordon Sanitaire[10] von den baltischen Staaten, über Polen, Rumänien bis in den Kosovo (Bondsteel Camp). In diesen Ländern ist der Einfluss des US-Imperialismus wirtschaftlich, politisch und militärisch besonders stark. Diese Pufferzone ist einerseits ein vorgeschobener Posten gegen Russland unter der direkten Fuchtel des US-Imperialismus. Andererseits auch gegen die Dominanz des deutschen Imperialismus gerichtet, um ihn unter Kontrolle zu halten, ggf. die Wege Richtung Osten zu blockieren und einen deutschen Sonderweg wie ehedem[11] zu unterbinden. Denn: Ökonomisch werden alle Staaten in Osteuropa von der BRD und ihren Konzernen dominiert. Dazu kommt die Beherrschung durch den Euro. Außerhalb der Euro-Zone stehen noch Polen, Ungarn, Tschechien. Die haben dadurch immer noch die Möglichkeit, sich durch Währungsabwertungen (in erster Linie) flexibler an Krisen anpassen zu können. Bis auf Polen, das besondere Beziehungen zu den USA unterhält, könnte aber die Bundesbank über verschiedene Kanäle jederzeit Forint und Krone aushebeln (und vermutlich auch den Złoty zumindest schwächen) und diese Länder damit politisch erpressen.

Auf abenteuerlichem Kurs ...

Das Wichtigste bei der Beurteilung der Entwicklung der Kräfteverhältnisse ist es, den Widerspruch als Ausgangspunkt zu nehmen: Einerseits das Bestreben, das imperialistische Lager zu vereinen gegen den gemeinsamen Feind: den Sozialismus (die VR China vor allem, aber damit auch potenziell alle vom Imperialismus abhängigen und unterdrückten Länder). Andererseits die antagonistische Konkurrenz unter den imperialistischen Großmächten um die Neuaufteilung der Welt und die Aufteilung der Beute.

Der deutsche Imperialismus ist dabei im Zuge des Ukraine-Kriegs in Deckung gegangen, um sich mehrere Optionen offenzuhalten. Nach einigen Kritiken und Protesten etwa von BASF, Wintershall u.a., die existenziell von Öl- und Gaszufuhr abhängen, haben sich die Spitzenverbände des deutschen Kapitals letztlich offiziell für Sanktionen gegen Russland ausgesprochen. Dennoch sind weiterhin alle Konzerne mit früherem Engagement in Russland dort auch weiterhin vertreten z.T. über Mittelsmänner/-frauen. Das verbindende Glied zwischen den Monopolfraktionen im deutschen Imperialismus ist derzeit: Die Aufrüstung mindestens im EU-europäischen Rahmen (s. Klingbeil) mit der Perspektive: in ein paar Jahren auch als militärische Großmacht sowohl gegenüber China wie den USA in den Kampf um die Neuaufteilung der Welt eintreten zu können. Mit der Rüstung kann man über gewisse Zeiträume die Wirtschaft ankurbeln, Nachfrageausfälle im zivilen Bereich etwa beim Konsum oder beim Export kreditfinanziert kompensieren[12], um sich auf längere Sicht an Russland, Afrika, Lateinamerika und Asien schadlos zu halten.

Alles in Allem ein klar imperialistischer Kurs, ein abenteuerlicher Kurs mit vielen Unbekannten und ein Kurs, der sicher in die Katastrophe führt – wenn die Arbeiterklasse und die Völker Europas ihn nicht stoppen. Und es ist ein Kurs, der auch die Steilvorlagen für die völkischen Faschisten liefert. Für die ist – holzschnittartig skizziert – das derzeitige Haupthindernis für Deutschlands Glanz und Gloria: US-Amerika. Ihr Kalkül: Sollen die USA doch in der Ukraine ihre Dollars verbrennen und verpulvern. Das schwächt sie. Dazu unterstützen wir Russland, den aktuellen Hauptwiderpart der USA. Und im Übrigen: Sollen sich doch von den slawischen Völkern so viele gegenseitig totschlagen wie möglich. Das schafft den Boden, damit Deutschland wieder aufräumen kann in seinem „Lebensraum im Osten“.

Dieser Faschistenwahnsinn erhält noch keine große Unterstützung im deutschen Finanzkapital. Doch das Geschrei einiger SPD-Spitzenpolitiker – von den Grünen Kriegstreibern ganz abgesehen – von der „Führungsmacht Deutschland“ und von der Ostexpansion von EU und NATO macht die Nazis in Nadelstreifen salonfähig. Die können dann sagen: Wir wollen doch das Gleiche, nur ein bisschen anders, effizienter und „in traditioneller Weise“.

... solange wir bezahlen und ihnen nicht das Handwerk legen

Wir sollten uns von kritischen Stimmen aus dem Lager des Monopolkapitals zu Sanktionen nicht täuschen lassen. Den Konzernen ist es relativ gleichgültig, woher das Gas oder das Öl kommt. Wenn es nicht billig aus Russland kommt, dann kommt es eben teuer aus den USA. Schließlich gibt es auch noch zahllose Möglichkeiten mit Lippenbekenntnissen die US-Verantwortlichen zu beruhigen, und mit Um- und Auswegen[13] das zu tun, was im eigenen Interesse liegt. Alles kein Thema, solange die Ausweichmanöver von der Regierung für sie gedeckt werden, und die fehlenden Rohstoffe von ihrem Staat ggf. beschafft und subventioniert werden – und wir bezahlen.

Und auf uns, die Werktätigen samt Rentnern, Kindern, Kranken, Hartz-Geplagten u.a., kommt es gewaltig angerollt:

Der Handel mit Russland und China hatte bisher dazu beigetragen, dass die Reallöhne sogar gesenkt werden konnten, ohne dass sich das unmittelbar beim Lebensstandard bemerkbar machte. Vom Spielzeug bis zur Küchenmaschine: Made in China. Öl und Gas aus Russland zu stabil niedrigen Preisen machte viele Waren erschwinglich: Von Dünger bis zum Gemüse aus dem Glashaus.

Die angekündigte „Zeitenwende“ bedeutet, dass nunmehr der deutschen Arbeiterklasse, den Völkern Europas und der ganzen Welt, aber auch den anderen imperialistischen Konkurrenten direkt und ganz anders Dampf gemacht wird. Jetzt gilt es, den Wert der Arbeitskraft nicht mehr durch Verbilligung der in die Reproduktion eingehenden Waren zu senken, sondern die Reallöhne unter den Wert der Arbeitskraft zu drücken, ohne Abschwächung durch Billigimporte. Das geht kurzfristig durch die inflationären Preissteigerungen, die durch die scheinbar so gewaltigen Lohnerhöhungen bei weitem nicht aufgefangen wurden. Längerfristig wächst dann der Druck auf die Nominallöhne, der Duft von Notverordnungen wird riechbar. Bei uns vielleicht noch eine Weile sozialdemokratisch „abgefedert“, aber sicher EU-weit verbunden mit einem Großangriff auf Gewerkschaften, Arbeiterrechte, Löhne und Sozialkassen – wie wir es jetzt schon in Frankreich und Britannien erleben.

Den Widerstand dagegen zu unterstützen, zu mobilisieren und Stoßrichtung zu geben gegen den Hauptfeind im eigenen Land – das ist die Aufgabe, vor der wir stehen! Sozialismus oder Barbarei!

AG Krise: R. Corell, Flo, S. Müller, O‘Nest

(inhaltlich abgeschlossen 10. Jan. 2023, Grundlage u.a. für einen Vortrag

von Corell auf einer Veranstaltung der KO

in Berlin am 13. Jan. 2023)

Klingbeil stellt an den Anfang seiner „Tiergarten“-Rede vom 21.7.2022 („Zeitenwende – Der Beginn einer neuen Ära“) auch noch eine Definition von „Krise“. Sie stammt von Antonio Gramsci, den er als „italienischen Schriftsteller“ einführt, nicht als Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens. Um dann im Zusammenhang mit dem 9. November 1989 und der Öffnung der Grenze der DDR erklären zu können: „Die Idee des Kommunismus war tot ...“. Soviel zur Geschichtsklitterei von Klingbeil.

Die wirkliche Definition von Gramsci sei dem Leser nicht vorenthalten: „Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: in diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.“ – Antonio Gramsci, Gefängnishefte, H. 3, §34, S. 354f., Hamburg 1991

Und noch einen Blick auf unseren wandlungsfähigen Karrieristen Klingbeil, Sohn eines Berufssoldaten (letzter Dienstgrad: Unteroffizier), aber einstmals selbst Kriegsdienstverweigerer:

Friedenspolitik bedeutet für mich, auch militärische Gewalt als ein legitimes Mittel der Politik zu sehen. Das sieht übrigens auch die Charta der Vereinten Nationen vor. Es ist stets das äußerste Mittel, aber es muss eben auch klar sein, dass es ein Mittel ist. Wir sehen das gerade in der Ukraine.

Europäische Skyshield-Initiative von Scholz

Als erstes Projekt für die in seiner Prag-Rede angedrohte europäische Rüstungskooperation hat Scholz den „Europäischen Skyshield“, also ein europäisches Luftabwehrsystem, initiiert. 15 Länder haben dazu ihre Bereitschaft erklärt, aber Frankreich und Polen haben bereits abgewunken. Eine polnische Analyse gibt einen Eindruck, wie Scholz damit deutsche Rüstungskonzerne (hier vor allem Diehl) fördern will, und wie gewaltig die Konkurrenz in diesem Schlangennest ist.

„Deutschland, der Initiator des Projekts, lässt sich von mehreren Zielen leiten. Indem es sich für die Entwicklung wichtiger, aber fehlender Fähigkeiten in der NATO einsetzt, will sich Berlin als verantwortungsbewusster Verbündeter zeigen und seine Glaubwürdigkeit in der Region zurückgewinnen, die durch sein Zögern, der Ukraine größere militärische Unterstützung zukommen zu lassen, stark gelitten hat. Deutschland möchte auch seine eigenen Luftverteidigungskapazitäten stärken: Kurzstreckenraketen (derzeit keine Kapazitäten), Mittelstreckenraketen (12 aufgerüstete Patriot-Batterien) und Langstreckenraketen (keine Kapazitäten). Deutschland hofft insbesondere, dass der gemeinsame Kauf eines exoatmosphärischen Raketenabwehrsystems dessen Preis senken und das Land zu einem europäischen Vorreiter bei der Entwicklung dieser Art von Fähigkeiten machen wird. Berlin bemüht sich auch um die Förderung seiner eigenen Rüstungsindustrie und verweist auf das Kurzstrecken-Luftabwehrsystem IRIS-T SLM (hergestellt von Diehl Defence) als Teil der europäischen Sky Shield Initiative. Das System wurde bisher von Ägypten gekauft; eine erste Batterie von IRIS-T SLM wurde im Oktober auch an die Ukraine geliefert.

Die Unterzeichnung der Absichtserklärung durch nicht weniger als 15 Länder könnte auch ein Druckmittel sein, um die USA dazu zu bewegen, Israel den Verkauf des von Israel Aerospace Industries und Boeing hergestellten Arrow-3-Systems an Deutschland zu erlauben. Trotz des Drucks aus Jerusalem und Berlin zögert Washington eine solche Genehmigung hinaus, die notwendig ist, weil das System einige in den USA hergestellte Komponenten enthält. Es ist möglich, dass die USA es vorziehen würden, wenn ihre europäischen Verbündeten das THAAD-Raketenabwehrsystem mit ähnlichen Fähigkeiten kaufen würden (das sich auch leichter in NATINAMDS integrieren ließe), und deshalb Berlin dazu bringen wollen, seine Pläne zu ändern.

Weder Frankreich noch Polen haben sich der europäischen Sky Shield Initiative angeschlossen. Paris ist nicht am Kauf US-amerikanischer oder deutscher Systeme interessiert, da es auf die Förderung seiner eigenen Militärtechnologie setzt und sich zudem auf europäische Rüstungsprogramme konzentriert. Warschau ist derweil mitten in der Umsetzung fortschrittlicher Luftabwehrprogramme für kurze und mittlere Reichweiten. Es hat eine militärisch-industrielle Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten im Rahmen des Wisła-Mittelstrecken-Luftabwehrprogramms und mit dem Vereinigten Königreich im Rahmen des Narew-Kurzstrecken-Luftabwehrprogramms entwickelt.“ (Justyna Gotkowska vom polnischen Centre of Eastern Studies, www.osw.waw.pl/en/publikacje/analyses/2022-10-14/germanys-european-sky-shield-initiative – 9.1.2023 )

1 www.deutschlandfunk.de/russlands-wirtschaft-wirkung-sanktionen-100.html -9.1.2023

2 s. KAZ 379: Ein Blick hinter die Kulissen – Öl und Gas und der Ukraine Konflikt

3 Hier und im Folgenden sind Zitate eingefügt aus der „Tiergarten“-Rede (21.7. 2022) Klingbeils, des Vorsitzenden der SPD („Zeitenwende – Der Beginn einer neuen Ära“) sowie aus der Rede von Bundeskanzler Scholz an der Karls-Universität am 29. August 2022 in Prag. Es handelt sich um sorgfältig ausgearbeitete Stellungnahmen, die nicht aus der Feder der beiden Politiker stammen und durch zahlreiche Hände von politischen, ökonomischen und militärischen „Beratern“ gegangen sind.

4 Also das, was in einigen Ländern Osteuropas schon vorexerziert wird: Zerstörung von sowjetischen Ehrenmalen, Errichtung von Denkmalen für Faschisten und Kollaborateure der Nazis und nicht zu vergessen das Wiederaufleben von chauvinistischen Ansprüchen wie zuletzt von Bulgarien gegenüber Nord-Mazedonien. Und wir haben vor der eigenen Haustür zu kehren gegenüber den deutschen Revanchisten, nicht zuletzt in den „Landsmannschaften“: Schlesien bleibt polnisch! Und Kaliningrad russisch!!

5 Die EU hat fast im Gleichschritt wie die NATO expandiert. Nachdem 1991 bereits erste Assoziierungsabkommen geschlossen waren, wurden 1997 die ersten fünf MOEL EU-Kandidaten: Estland, Polen, Tschechien, Slowenien, Ungarn. 1999 kamen hinzu: Bulgarien, Lettland, Litauen, Rumänien, Slowakei. Sie wurden 2004 bzw. 2007 EU-Mitglieder. Auf der Website des Bundes-Umweltamts finden wir den Hinweis: „Im weiteren Sinn umfasst der Begriff alle ehemals kommunistischen Länder, die geographisch Europa zuzurechnen sind. Über die oben genannten hinaus sind das u.a. Albanien, Belarus, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Moldawien, Montenegro, Russland, Serbien, Ukraine.“ (sns.uba.de/umthes/en/concepts/_00650774.html – 3.1.2023) Man höre und staune: Belarus und Russland haben sie auf dem Schirm! Zu den 29 Partnerländern des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft werden neben all den genannten Ländern auch noch Georgien, Armenien, Aserbeidschan, Kasachstan und dann noch Turkmenistan und Usbekistan gezählt. Mitglied des Ost-Ausschusses ist die Crème des deutschen Monopolkapitals inklusive der großen Unternehmerverbände.

6 Bei den Waren-Importen: USA: 71 / VR China 110 / Polen, Tschechien, Ungarn (zusammen): 149 Mrd. Euro. Das Bild beim Kapitalexport (2019): BRD nach USA: 392 – nach VR China: 90 – nach Polen: 38 – nach Tschechien: 29 – nach Ungarn: 20. Zusammen immerhin fast soviel wie nach China! Dabei sind die Kapitalimporte aus diesen osteuropäischen Ländern beinahe eine zu vernachlässigende Größe. Siehe hierzu: Unmittelbare und mittelbare Direktinvestitionen im Ausland bzw. im Inland, www.bundesbank.de/resource/blob/891988/6ebae18684a7a72e9d6a01222532c109/mL/2022-06-01-09-40-57-direktinvestitionsstatistiken-data.pdf, S. 48 ff. – 3.1.2023)

7 Ausgerechnet Schlögel, der sich vom ultralinken Sektierer (KPD-AO) zum reaktionären Protagonisten der imperialistischen Ostexpansion gemausert hat.

8 Als neues Projekt hat Scholz den „Europäischen Skyshield“ initiiert – s. dazu den Kasten.

9 „Deutschland wird in Europa bald über die größte konventionelle Armee im Rahmen der Nato verfügen“, so Kanzler Scholz (Spiegel, www.spiegel.de/politik/deutschland/olaf-scholz-deutschland-hat-bald-groesste-konventionelle-nato-armee-in-europa-a-ab463e8f-2603-4ecd-b2be-8930d7d5fcd1 – 4.1.2023)

10 Hier: Pufferzone zwischen den Machtblöcken EU und RF. Historisch kommt als Referenz hierzu etwa die Kleine Entente, vom französischen Imperialismus dominiert, in der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg in Betracht.

11 Ein Weg, der schließlich zum Sieg des Sozialismus in Osteuropa, zur Ausweitung des sowjetischen Einflusses bis Berlin und insgesamt zu einer Schwächung des imperialistischen Lagers geführt hatte.

12 Im Übrigen bekommen sie ja zunehmend Erfahrung, wie man die Schuldenmacherei für die Kriegsvorbereitung vor dem Publikum verstecken kann: „Sondervermögen“, Schattenhaushalte, Umwidmungen usw.

13 Ein Beispiel für Dichtung und Wahrheit zum Abkoppeln von China: „Die deutsche Wirtschaft ist viel abhängiger von China als umgekehrt. Die Verflechtungen hätten sich im ersten Halbjahr 2022 ‚mit einem enormen Tempo in die falsche Richtung entwickelt‘, urteilt IW-Ökonom Jürgen Matthes in einer Studie. „Die deutschen Direktinvestitionsflüsse nach China waren noch nie so hoch.“ Auch die Importe aus China und das deutsche Defizit im Handel erreichten Allzeithochs. Dagegen schwächte sich das Wachstum der deutschen Ausfuhren nach China stark ab.“ (www.businessinsider.de/wirtschaft/olaf-scholz-besucht-xi-jinping-in-peking-so-abhaengig-ist-deutschlands-wirtschaft-von-china/ – 6.11.22)

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