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Inflation 1923 – ein Blick zurück

Angesichts der aktuellen Jahreszahl und der hohen Inflation erinnert man sich zwangsläufig an das Jahr 1923, in dem Vieles wie im Brennglas zusammen kam, auch eine explodierende Inflation mit dem Zusammenbruch der Währung. Die einzelnen Schritte dazu sind nachstehend beschrieben. Die Tatsache, dass das Ruhrgebiet als industrielles Zentrum besetzt wurde und vor allem die Arbeiterschaft stark unter den Reparationsforderungen der anderen Imperialisten – den Siegermächten des 1. Weltkrieges ­– gelitten hat, darf nicht falsch gewertet werden. Krieg und die Folgen waren Ausdruck der imperialistischen Konkurrenz. Diese Konkurrenz geht immer auf Kosten der Bevölkerung, insbesondere der Arbeiterklasse. Scheinbar lag der Deutsche Imperialismus am Boden. Letztlich hat er sich durch diese Krise mit Hyperinflation wieder herausgewunden, im Ergebnis gestärkt, um keine 10 Jahre später den nächsten Anlauf zur Weltherrschaft zu nehmen. Verwirrend dabei möglicherweise noch die Tatsache, dass der US-Imperialismus ihm dabei wieder hoch half. Doch auch dieser Teil der Geschichte zeigt, dass vorübergehende Schwäche und Unterordnung eben nur Zwischenstadien sind. Am Ende zeigte gerade die Ruhrbesetzung: Der Hauptfeind steht im eigenen Land und heißt deutscher Imperialismus! So hatte es damals auch die KPD erkannt.

Am Ende des „Großen Kriegs“, heute der 1. Weltkrieg, der um die Neuaufteilung der Welt zwischen den Imperialisten geführt worden war, hatte der deutsche Imperialismus, der einen „Platz an der Sonne“ für sich beanspruchen wollte, eine herbe Niederlage eingesteckt. Die Alliierten verlangten, dass die Zeche nun von den Deutschen beglichen werden sollte.

Mehr als 132 Milliarden Goldmark wurden im April 1921 vom Deutschen Reich als gesamte Kriegsentschädigung in Dollar ($), Pfund (£) und Franc (FF) gefordert, also in Devisen. Gleichzeitig wurde ein (Londoner) Ultimatum von 6 Tagen gesetzt, diese anzunehmen oder man würde das Ruhrgebiet besetzen. Die Forderungen, die das gesamte Staatseinkommen um 25% überstiegen, konnten so nicht erfüllt werden.[1]

Zum Beispiel betrugen die Staatseinnahmen 1925 12,9 Milliarden Reichsmark. Davon wurden 7% als Reparationszahlungen geleistet.[2]

Am 11. Januar 1923 begann die Ruhrbesetzung durch französische und belgische Truppen. Die französischen Imperialisten hatten das von langer Hand für eine passende Gelegenheit geplant. Die deutschen Imperialisten gaben den Anlass mit unvollständigen Reparationszahlungen und dem Bruch der Londoner Zahlungsbedingungen.

Der deutsche Imperialismus spekulierte darauf, mit Unterstützung Englands und USA Frankreich eine Niederlage beibringen, dessen Reparationsforderungen abzuschütteln und es zu einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit, zu den von ihm geforderten Bedingungen zwingen zu können. Die französischen Imperialisten beabsichtigten ihrerseits, durch ihre bewaffnete Aktion die Ruhrindustriellen zu zwingen, einer wirtschaftlichen Vereinigung der Ruhrindustrie mit der französischen Schwerindustrie zuzustimmen, bei der die französische Seite das Übergewicht haben würde.[3]. „Das industrielle Herz Deutschlands, in dem 72% der Steinkohlen-, 54% der Roheisen- und 53% der Rohstahlproduktion Deutschland konzentriert waren, wurde ausländischer imperialistischer Herrschaft unterworfen und bald durch eine Zollgrenze vom übrigen Deutschland abgetrennt.“[4] Die Ruhrbesetzung führte schon nach kurzer Zeit zu katastrophalen wirtschaftlichen Folgen. Die Lostrennung des Zentrums der deutschen Schwerindustrie vom Rest des deutschen Gebiets zerrüttete die deutsche Wirtschaft und führte zu einem raschen Produktionsrückgang (1923 47% von 1913). Schon im Frühjahr wurden 260.000 Arbeitslose gezählt, 380.000 Kurzarbeiter bekamen Unterstützung. Viele Tausende bekamen gar nichts. Die Steuersabotage der Monopolherren und die Finanzierung des „passiven Widerstands“, das heißt, die Streikenden bekamen den Lohn vom Staat, führten zum völligen Zusammenbruch des Staatshaushaltes.

Eine Folge der Ruhrbesetzung war das Anheizen der schon bestehenden Inflation. Schon zu Kriegsbeginn[5] hatte das Parlament die Golddeckung der Reichsmark aufgehoben.

Zu Beginn der 1920er Jahre stand der deutsche Staat nicht nur bei den Siegermächten in der Kreide, sondern auch bei der eigenen Bevölkerung. Durch sogenannte Kriegsanleihen wurde an den Patriotismus der Bevölkerungsgruppe appelliert, denen es möglich war Geld anzulegen. „In Deutschland wurden zwischen 1914 und 1918 insgesamt neun Kriegsanleihen ausgegeben, die 98 Milliarden Mark einbrachten und etwa 60 % der deutschen Kriegskosten deckten.[6] Die Reichsregierung stand mit dem Rücken zur Wand. Um die Forderungen bedienen zu können, brachte die Regierung immer mehr Geld in Umlauf, auch wenn es dafür keine materiellen Gegenwerte im Land gab. Immer mehr Druckereien arbeiteten Tag und Nacht, um den Bedarf an Geldscheinen decken zu können. Immer mehr Geld war immer weniger wert, die Preise explodierten. Durch die Ruhrbesetzung wuchs die Arbeitslosigkeit auf über 3 Millionen und es gab noch einmal so viele Kurzarbeiter. Die Zahlen beziehen sich auf Arbeitslosenunterstützungsempfänger. Die nichts bekamen, sind da nicht erfasst.

Die Löhne reichten nicht mehr für das Nötigste zum Leben. Mitte des Jahres wurde von Staatswegen eine Indexierung der Löhne verordnet. Diese mussten mindestens alle zwei Wochen an einen Preisindex angepasst werden, der jede Woche veröffentlich wurde. Im Herbst 1923 reichte auch das nicht mehr. Das Niveau der Reallöhne war ein bis zwei Drittel niedriger als 1913. Auch der Staat entlohnte so seine Beamte.

Noch schlimmer traf es die Arbeitslosen und Rentner. Die Arbeitslosenversicherung gab es noch nicht. Für die Arbeitslosen war die staatliche Erwerbslosenfürsorge zuständig, die in den kommunalen Arbeitsämtern angesiedelt war. Die Finanzierung übernahm zur Hälfte das Reich, zu einem Drittel das Land und zu einem Sechstel die Gemeinden. Nur 26 Wochen wurde Arbeitslosenunterstützung bezahlt. Die Höhe der Auszahlung war von Ort zu Ort verschieden. Sie deckte aber nicht den Bedarf, der notwendig war für ein gesundes Leben. So waren die Wochenlöhne für Maurer (hochbezahlte Arbeiter) in Berlin im Dezember 1923 bei 32,44 Rentenmark, das Existenzminimum für eine Familie mit zwei Kindern lag bei 30,89. Die Stütze lag bei 11,35 und danach bei 8,80. Dann kam die Wohlfahrt mit 6,50, pro Kind zwei Mark Zuschlag, im Monat![7] Die Arbeitslosen mussten jeden Tag zur Stempelstelle, um sich dort zu melden. Frauen und Jugendlichen wurde weniger bezahlt. Auch angesichts der steigenden Arbeitslosenzahlen konnten die Kommunen ihre Ausgaben nicht weiter steigern. So wurde die Beteiligung von Unternehmern und Arbeitern eingeführt und erst 1927 auf die Arbeitslosenversicherung übertragen.

Die bestehende Rentenversicherung zahlte monatliche Teuerungszuschläge als Zulage zur Rente. Die Kosten trugen die Rentenversicherungsträger. 1921 beschloss der Reichstag die Einrichtung einer Sozialrentnerfürsorge für Rentner mit niedrigen Bezügen. Die Leistungen wurden zu 80% vom Staat und zu 20% von den Kommunen getragen. Die Alterssicherung war wieder zur staatlichen Wohltätigkeit verkommen. Ende 1923 waren durch die Inflation neun Zehntel des ursprünglichen Deckungskapitals der Rentenversicherungen vernichtet. Für die Rentenansprüche von Millionen Versicherten bestand keine Deckung mehr.

Ebenso wurden viele Einzelhändler, Handwerker und Bauern ruiniert. Viele kleine und mittlere Unternehmer verloren ihre Ersparnisse und gingen bankrott. Über Nacht wurden alle Rücklagen vernichtet, die Kriegsanleihen an den Staat wurden wertlos. Kurz, die Inflation war auch die Untergrabung der Existenzgrundlagen der Rentiers und Privatiers und bewirkte eine Proletarisierung breiter kleinbürgerlicher Schichten. Die Arbeiter hatten keine großen Ersparnisse, derer sie verlustig gehen konnten. Für sie war die Inflation „nur“ eine weitere Erschwernis des Lebens, wie schon oben ausgeführt. Im Herbst 1923 wurden die Löhne täglich ausgezahlt und dann musste erst einmal damit eingekauft werden, anstatt am Arbeitsplatz zu bleiben. Händler und Grundbesitzer bunkerten ihre Vorräte und Bestände, weil sie daran nichts mehr verdienen konnten. Das führte zu einer Verknappung des Warenangebotes. Die Inflation explodierte. Wer es sich leisten konnte, investierte in Immobilien, Gold und Devisen. Die Monopolherren des Ruhrgebiets erhielten vom Staat auf Kosten der Steuerzahler riesige Entschädigungssummen für wirkliche und angebliche Verluste. Große Konzerne wie Stinnes (siehe Kasten auf Seite 32) profitierten vom Verfall der Währung und brachten weite Teile des deutschen Nationalvermögens in ihre Hände. Auch Schulden waren wertlos geworden. Wer kurz nach dem Weltkrieg einen Kredit aufgenommen hatte, konnte seine Verpflichtungen mit wertlosem Papier begleichen. Die großen Werke zahlten kaum noch Zinsen.

Um die Inflation zu beenden und nachdem der Ruhrkampf verlorenen war, wurde am 15.11.2023 die Rentenmark eingeführt. Da zur Deckung des Grundkapitals die Reichsregierung nicht genügend Goldvorräte besaß, wurde der Grundbesitz von Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe mit einer Hypothek von 3,2 Milliarden Rentenmark belastet. 1 Billion Mark entsprach einer Rentenmark, eine Rentenmark entsprach 4,20 Dollar. Der Staat hatte somit im Zuge der Inflation seine gesamten Kriegsschulden von 154 Milliarden Mark auf 15,4 Pfennige reduziert. Das war aber nur eine Übergangslösung. Ab August 1924 wurde die Rentenmark von der Reichsmark abgelöst. Die neue Währung konnte sich mit Hilfe der Kredite, die vom US-Imperialismus gewährt wurden, stabilisieren (Dawes-Plan 1924). Die Reichsmark hatte wieder als Deckung Gold und wertbeständige Devisen. Das Verhältnis Renten- zu Reichsmark war eins zu eins. Ziel des Dawes-Plan war, eine geregelte Zahlung der Reparationen durch die Reichsregierung und den Rückzug der französischen und belgischen Truppen aus dem Ruhrgebiet einzuleiten. Die letzten Besatzungstruppen verließen das Reichsgebiet endgültig am 31. Januar 1926.

H.Renrew

Für 2023 sind zu einzelnen Ereignissen des Jahres 1923 noch weitere Artikel geplant. Themen werden sein: Kampf gegen die Regierung Cuno, Arbeiterregierung Sachsen und Thüringen, Hamburger Aufstand, Hitlerputsch und Rheinische Separatisten.

Hugo Stinnes (1870 – 1924)

Im 1. Weltkrieg war Stinnes einer der bedeutendsten Kriegslieferanten. Seine Firmen waren führend an der Ausbeutung von Rohstoffen in den besetzten Gebieten beteiligt. 1918 unterzeichnete er einen Vertrag mit der opportunistischen Gewerkschaftsführung über die Schaffung einer „Zentralarbeitsgemeinschaft“, um auch nach dem Krieg die Arbeiter dem Diktat des Kapitals zu unterwerfen und sie an der Revolution zu hindern. Ab 1919 kompensierte er seine Kriegsverluste durch den Erwerb zahlreicher Firmen im In- und Ausland mit Krediten. Am 18. April 1923 kaufte er eine große Menge an Devisen an der Börse und förderte damit die Inflation in Deutschland. Er gehörte zu den Hauptprofiteuren der Inflation. Sein Imperium war damals das größte weltweit und hatte über 600.000 Beschäftigte.

1 Der Schuldendienst des Reiches lag bei 126 Prozent der Staatseinnahmen.

2 Stephen A. Schuker (2012). Das Problem der Staatsverschuldung in der Zeit der Weimarer Republik, 1919 – 1933, GESIS Datenarchiv, Köln. ZA8537 Datenfile Version 1.0.0, doi.org/10.4232/1.11353.

3 Kurt Gossweiler, Kapital, Reichswehr und NSDAP, PapyRossa Verlag, S. 276

4 Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Kapitel VII, Dietz Verlag Berlin 1967, S. 182

5 4. August 1914

6 Arno Surminski: Die Assekuranz im Ersten Weltkrieg. In: Zeitschrift für Versicherungswesen. Nr. 15–16, 2014, S. 455.

7 Jürgen Kuczynski, Geschichte des Alltags des deutschen Volkes, Band 5, PapyRossa Verlag, S. 112

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