Mittwochmorgen, 22. November, 9.00 Uhr, Justizpalast Brüssel. Sechshundert Gewerkschafter, Künstler, Jugendliche und die 13 Angeklagten von Clabecq fragen sich, was der von der Staatsanwaltschaft angerufene Berufungsgerichtshof beschließen wird: endgültiger Stopp des Prozesses oder Neubeginn zum dritten Mal.
Eine halbe Stunde später erscheint Roberto D’Orazio auf der Treppe des Gerichts. Atemlose Stille und dann: der Prozess soll noch einmal von vorne aufgerollt werden!
Die Empörung der Anwesenden ist groß. Zahlreiche Kollegen melden sich wuterfüllt zu Wort. Einer, der mit einer Delegation aus einem besetzten Textilbetrieb gekommen ist, sagt ins Megafon: „Morgen kann uns das Gleiche passieren, denn auch wir weichen nicht vor der Logik von Gewinn und Verlust zurück – wir wollen unsere Jobs behalten!“
Also was tun? „Zu Nollet“, wird gerufen. Der Vorsitzende des FGTB kann und muss helfen, den Prozess zu stoppen. Verbal gefordert hat er das schon einmal. Und die Kollegen sind uneingeschränkt der Meinung, dass die Gewerkschaft endlich die Prozesskosten übernehmen muss. Über 2 Millionen Franc (100 000 Mark) sind das inzwischen.
Gut zweihundert Kollegen und Sympathisanten machen sich auf den Weg zur nahen Gewerkschaftszentrale. Sie wollen vom FGTB-Vorsitzenden empfangen werden.
Der lässt sich jedoch zunächst verleugnen, woraufhin D’Orazio mit einigen anwesenden Gewerkschaftssekretären die Situation berät. Die „Besucher“ haben sich inzwischen im großen Versammlungsraum niedergelassen und unter Leitung von Silvio Marra diskutiert und beschlossen, solange zu bleiben, bis folgende Forderungen erfüllt sind:
Nachmittags geht das Gerücht um, die Brüsseler Polizei wolle das Haus stürmen, aber niemand glaubt das so richtig. „Das ist doch unser Gewerkschaftshaus? Es gibt doch keinerlei Probleme hier.“
Antonio Cocciolo, Gewerkschaftsdelegierter vom FGTB bei Caterpillar zu den Vorgängen im Gewerkschaftshaus am 22.11.00, an den auf einer Gewerkschaftsversammlung anwesenden Nollet gerichtet:
„Ich und die andere Delegierten, die dabei waren sind erstaunt darüber, wie die Dinge dargestellt worden sind. Das stimmt keinesfalls mit dem überein, was wir miterlebt haben. Dreihundert Menschen warteten dort auf ein Gespräch mit Nollet. Dann kam er endlich. Erst Erfolg versprechend, bis sich dann Nollet und D’Orazio über zweitrangige Fragen zu streiten begannen. Nach zwanzig Minuten war keine Rede mehr von einem Vergleich. Alles was sonst noch darüber erzählt wird, ist gelogen...“
Es ist Blut geflossen von einem Arbeiter, im Gewerkschaftshaus
Cocciolo legt dar, dass nach dieser Unterhaltung eine neue Delegation von etwa zehn ausgesuchten Delegierten zusammengestellt wurde. „Sie sollten ohne mich und ohne Roberto wegen einer weiteren Unterredung bei Nollet anfragen. Aber das war vergebliche Mühe, denn wir bekamen stattdessen zu hören, dass die Polizei ins Gebäude eingefallen sei. Delegierte eilten ins Treppenhaus um zu verhindern, dass die Sache aus dem Ruder läuft, aber es war zu spät. Wir wurden umgerannt, auf den Boden geworfen und gefesselt. Ich hörte Schreie und Schimpfen... Als ich so da lag mit meinem Gesicht auf dem Boden und die Füße auf dem Rücken, ging mir eine Menge durch den Kopf. Ich habe Menschen kennen gelernt, die ihr Land verlassen haben vor oder nach dem Krieg, auf der Suche nach einem Platz zum Überleben, aber mit erhobenem Haupt. Dort gaben sie ihre Familie und ihr Dorf auf, hier ihre Gesundheit. Sechzig Jahre später muss ich feststellen, dass wir erneut nicht das Recht haben mit erhobenem Haupt herum zu laufen.
Nicht, dass ich da Illusionen gehabt hätte aber ich habe nie gedacht, dass ich das im Haus meiner eigenen Gewerkschaft mitmachen müsste. Auch Hassan (ein anderer Delegierter von Caterpillar) wurde geschlagen und verletzt. Es ist Blut geflossen, von einem Arbeiter, im Gewerkschaftshaus.
Als ich gefesselt abgeführt wurde, sah ich, wie die Bullen die Frauen mit ihren Schlagstöcken bearbeiteten. Wir schrien, dass sie aufhören sollten, aber sie riefen zurück: ,Wenn der Vlaams Blok (faschistische Partei in Belgien, lobo) gewinnt, werdet ihr noch ganz anders schreien.’
Es war ein schwerer Irrtum, das FGTB-Haus durch die Polizei räumen zu lassen. Du kennst auch die Geschichte, Michel. Diese Leute meinten nicht nur uns, sondern jeden dort Anwesenden, dich inbegriffen.“
Einige Stockwerke höher findet endlich die schon seit zwei Jahren geforderte Unterredung Nollet – D’Orazio statt. Um 17.00 Uhr kommt Roberto in den großen Saal zurück. Er ist bestürzt. Das Gespräch hat nichts gebracht. Nollet hat wieder die alten Lügen aufgetischt: die Gewerkschaftsdelegation von Clabecq sei Teil einer Mafiabande, die Gewalt gegenüber einer ganzen Region ausgeübt hätte; D’Orazio habe die Schließung des Stahlwerkes gewollt, aber er – Nollet – habe es gerettet... Schließlich droht er damit, die Polizei zu rufen.
Roberto und Silvio schlagen vor, noch einmal eine Abordnung von Gewerkschaftsdelegierten zu Nollet rauf zu schicken, um vielleicht doch noch im Gespräch ein positives Ergebnis zu erzielen.
Aber dazu kommt es nicht mehr. Polizisten (sog. Robocops) in voller Kampfmontur, ausgerüstet mit Schlagstöcken und Pfefferspray stürmen das Gebäude, schlagen wahllos Kolleginnen und Kollegen zu Boden und führen schließlich 98 Besetzer gefesselt ab. Wie Verbrecher. Und das, obwohl die Anwesenden zuvor einen friedlichen Abzug angeboten hatten.
Nach Bekanntwerden dieses unglaublichen Vorgangs ist die Wut und Empörung bei der übergroßen Mehrheit der Gewerkschafter im Land groß. Das beweisen die zahlreichen Stellungnahmen und Solidaritätserklärungen aus Betrieben und Gewerkschaften und vor allem aus der größten Sektion im FGTB, der Metallgewerkschaft CMB.
Dagegen und zur „Rechtfertigung“ ihres Vorgehens bläst die FGTB-Führung mit Hilfe der Presse in den folgenden Tagen die spontane und friedliche Besetzung des Gewerkschaftshauses zu einer „gut vorbereiteten, mit militärischer Disziplin durchgeführten Geiselnahme“ auf. Sie entblödet sich tatsächlich nicht, den Kollegen „faschistische Methoden“ vorzuwerfen.
Am 8. Januar 2001 also sollen Roberto D’Orazio, Silvio Marra und ihre Kameraden erneut vor Gericht erscheinen.
Rechtsanwalt Fermon:
„Die Anklageschrift erhebt 43 Beschuldigungen. D’Orazio wird wegen aller 43 angeklagt, Marra wegen ein paar weniger. Laut Anklage sollen die zwei acht Bedford-Lastkraftwagen der Reichswacht zerstört haben, weiterhin zwei Wasserwerfer, Leitplanken, Masten und noch ein paar Kleinigkeiten. Man bekommt sicher Muskeln, wenn man jahrelang im Stahlwerk arbeitet, aber sie müssen doch nicht übertreiben...
Roberto und Silvio werden tatsächlich nicht für Taten verfolgt, die sie selbst begangen haben sollen, sondern weil man in ihnen diejenigen sieht, die die Arbeiter dazu angestiftet haben. Um das fest zu klopfen, beruft sich die Staatsanwaltschaft auf Artikel 66, Paragraf 4 des Strafgesetzbuches. Dieser Artikel wurde 1887 nach den Arbeiteraufständen im Gebiet von Charleroi (ehemalige Kohle- und Stahlregion, lobo) ins Strafgesetzbuch aufgenommen. Zu der Zeit war Streiken noch verboten und es bestand kein allgemeines Wahlrecht. Mit den bestehenden Gesetzen konnte man Streikführer nicht verfolgen. Darum wurde ein neues Gesetz erlassen (Art. 66, §§ 4), um jeden, der dazu aufruft, strafbare Taten zu begehen, so verfolgen zu können, als ob er sie selbst begangen habe. Hundert Jahre lang wurde das Gesetz außerordentlich selten angewendet.
Der Clabecq-Prozess wurde damit jetzt inszeniert, um diese Gewerkschafter als Verbrecher verurteilen zu können.“
Aber die Kollegen geben sich nicht geschlagen. So hartnäckig die Klassenjustiz auch bemüht ist, sie persönlich zu kriminalisieren und gleichzeitig einen vernichtenden Schlag gegen die gesamte kämpferische Gewerkschaftsbasis zu landen – die Angeklagten gehen in Revision. Das ist ihre letzte juristische Möglichkeit, gegen die Neuaufnahme des Prozesses vorzugehen.
Damit jedoch nicht genug:
Die Bewegung für die Erneuerung der Gewerkschaften ruft unter folgenden Forderungen zu einer Großdemonstration in Clabecq gegen Entlassungen und Aussperrungen auf:
Lobo
* Zitate und Fotos aus Solidair, Wochenzeitung der Partei der Arbeit Belgiens, Nr. 44-46/2000