Am 10. Dezember 2000 starb in Berlin Genossin Irma Gabel-Thälmann, Tochter und Mitkämpferin Ernst Thälmanns, Hüterin und unermüdliche Propagandistin seines revolutionären Vermächtnisses.
Von den Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, kennt wohl fast jeder ihren Namen. Irma Thälmann hat mit ihrer unermüdlichen Arbeit ihren Anteil dazu geleistet, dass der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands, Ernst Thälmann, Jahre nach seiner Ermordung im August 1944 der populärste deutsche Antifaschist in der DDR wurde.
Thälmann hatte großen Einfluss auf die Bildung des proletarischen Klassenbewusstseins und des starken Charakters seiner Tochter. Dabei konnte Irma Thälmann ihren Vater gar nicht sehr oft sehen: als sie gerade sechs Jahre war, wurde er Vorsitzender der KPD, die ihre Zentrale in Berlin hatte. Die kleine Arbeiterfamilie blieb in Hamburg wohnen, wo der Transportarbeiter Ernst Thälmann seine Wurzeln und seine Verbindungen zu seinen Kollegen hatte. Irma organisierte sich bei den Roten Jungpionieren, lernte, gemeinsam mit anderen Arbeiterkindern in Schule und Straße für die Sache der Arbeiter einzustehen. Es gab für sie keine andere Welt als die des proletarischen Internationalismus und des Vorbilds der Sowjetunion, wo die Arbeiter und Bauern selbst ihre Geschicke in die Hand genommen hatten. Nationale Arroganz und Rassismus waren unter den klassenbewussten Arbeitern, die in der KPD gemeinsam mit Ernst Thälmann kämpften, verpönt und geächtet. Irma Thälmann erinnerte sich, dass ihr Vater ihr einmal über seine Erlebnisse als Farmarbeiter in den USA erzählte und ihr dann sagte: „Irma, vergiss nie, dass alle Kinder der Welt gleich sind, auch wenn sie eine andere Hautfarbe haben als wir.“
Als die Hitlerfaschisten vom großen Kapital an die Macht gebracht worden waren, begann für Irma Thälmann eine sehr schwere Zeit. Am 3.März 1933, zwei Tage vor der Reichstagswahl, wurde Ernst Thälmann verhaftet und blieb bis zu seiner Ermordung am 18.August 1944 im Kerker. Nun begann ein Kesseltreiben gegen Irma als Tochter des „Verbrechers“ Thälmann. Jahrelang gab es Hausdurchsuchungen, Schikanen in der Schule, und schließlich keine Arbeitsstelle. So schlimm diese Jahre waren, Irma Thälmann eiferte ihrem Vater nach, blieb tapfer und gab dem Faschismus nicht mal den kleinen Finger (ebenso übrigens wie ihre Mutter Rosa Thälmann). Sie beteiligte sich an der illegalen Widerstandsarbeit und konnte sogar gemeinsam mit Kindern der sozialdemokratischen Falkenorganisation gegen faschistische Schikanen vorgehen. Sie war neben ihrer Mutter eine unentbehrliche Stütze für die KPD und die internationale kommunistische Bewegung bei der Herstellung der ständigen Verbindung zu Thälmann. Durch diese Arbeit konnte es den Faschisten nie wirklich glücken, Thälmann von seiner Partei zu isolieren. Irma schmuggelte Briefe ihres Vaters, seine Ausarbeitungen und die Anklageschrift gegen ihn aus den Kerkermauern heraus. Sie fotografierte ungeachtet der damit verbundenen Lebensgefahr den ungebrochenen Arbeiterführer im Gefängnis und gab damit den Arbeitern in aller Welt Nahrung für ihre Hoffnung, eine Hoffnung, die Thälmann selbst seinen Wächtern gegenüber so ausdrückte: „Stalin bricht Hitler das Genick!“
Sie riskierte sehr viel. Am 58. Geburtstag Thälmanns, dem 16.April 1944, wurde sie verhaftet und einige Monate in Einzelhaft gehalten. Dann kurzes Wiedersehen mit der Mutter im Frauen-KZ Ravensbrück, anschließend Schwerstarbeit im Waldbaustraflager Neubrandenburg, wochenlanger Arrest bei Hunger und eisiger Kälte. Irma wird schwer krank. Auf ihrem Schutzhaftschein steht „Rückkehr nicht erwünscht“. „Aber der Frühling kam und mit ihm die Hoffnung auf Befreiung“, schrieb sie in ihren Erinnerungen. „Das gab uns übermenschliche Kraft. Und die Befreiung kündigte sich bereits an. Von fernher hörten wir die dröhnenden Geschütze der Sowjetarmee.“
Bitter war es für Rosa und Irma Thälmann, dass sie nach der Befreiung erfahren mussten: die Nachrichten über die Ermordung Thälmanns waren kein Gerücht, sondern die Wahrheit. Beide widmeten nun ihre ganze Kraft dem Kampf für die Erfüllung des Vermächtnisses Ernst Thälmanns, und arbeiteten für dieses Ziel bis zum letzten Atemzug. Sie beteiligten sich am Aufbau des ersten Arbeiter- und Bauernstaats auf deutschem Boden, der Deutschen Demokratischen Republik, wohl wissend, dass dieser neue Staat eine Kampfposition, aber kein Platz zum Ausruhen war: „Wir dürfen ... nicht vergessen, dass in Westdeutschland dieselben Henker, die Ernst Thälmann mordeten, dieselben Kanonenkönige, die den letzten Krieg entfesselten, noch an der Macht sind. Ihnen, den Mördern Ernst Thälmanns und Tausender tapferer Antifaschisten, ihnen, den Spaltern Deutschlands, den Vorbereitern eines neuen Krieges, gilt unser ganzer Hass“, schrieb Irma Thälmann Anfang der fünziger Jahre.
Sie hielt diesem westdeutschen Staat seine Verbrechen vor und machte damit den Namen Thälmann in den achtziger Jahren in Westdeutschland wieder populär, den doch die Machthaber gern in Vergessenheit gesehen hätten. Die Presse musste Jahre über den Prozess berichten, der gegen den pensionierten Mädchenschullehrer Wolfgang Otto geführt wurde, seinerzeit SS-Oberscharführer und einer der Henker Thälmanns. Irma Gabel-Thälmann nutzte ihre Position als Tochter des Opfers und Nebenklägerin, um diese Schandtat an der deutschen und internationalen Arbeiterklasse anzuklagen. Das konnte ihr keiner nehmen, auch wenn der Mörder in zweiter Instanz freigesprochen wurde und 1989 als geachteter Bürger in der Kleinstadt Geldern friedlich verstarb.
Unermüdlich war Irma Thälmann, Leben und Wirken ihres Vaters zu popularisieren und Jung und Alt anzufeuern, das Werk Thälmanns fortzusetzen. Eins der schönsten Zeugnisse dafür ist ihr Buch „Erinnerungen an meinen Vater“. Es ist ein Kinderbuch, das sich kein Erwachsener, der was über Thälmann wissen will, entgehen lassen sollte (auch wenn es zur Zeit schwer erhältlich ist).
Als die DDR von dem verhassten westdeutschen Staat einverleibt wurde, als angeblich „neue Zeiten“ und „blühende Landschaften“ auf das eroberte Gebiet zurollten, änderte sich an Irma Gabel-Thälmanns Haltung zum imperialistischen Klassenfeind überhaupt nichts. Sie war nicht im Geringsten zu beeindrucken, weder durch die Phrase von der „Freiheit“ noch durch Reformprojekte oder „dritte Wege“ noch durch „neue Erkenntnisse“, die von allerhand „Geschichtsforschern“ ausgegraben wurden und werden. Der Staat, der die Mörder Thälmanns, die Schlächter der Arbeiterklasse, verfolgt, bestraft und davongejagt hat, wurde überrollt von dem Staat, der dem Arbeitermord Pensionsberechtigung garantiert, weil er den Auftraggebern der Mörder gehört. Deshalb sah Irma Gabel-Thälmann auch jetzt keine andere Aufgabe, als genauso unermüdlich wie vorher das Vermächtnis ihres Vaters zu verteidigen – nur dass jetzt ein erbitterter Kampf daraus wurde, denn die Verleumdungen gegen Thälmann wurden massiv ausgestreut, mit Büchern, über Presse und Fernsehen, von Feinden und falschen Freunden. Dass es so kam, ist verständlich: gerade weil Irma Gabel-Thälmann so viel getan hat, um den Arbeiter Ernst Thälmann als Vorbild und anfeuerndes Beispiel zu popularisieren, muss jetzt die Bourgeoisie umso mehr Geschütze auffahren, um das wieder zu zerstören. Das war oft schwer für Irma, aber zu zermürben war sie nicht.
Irma Gabel-Thälmann arbeitete im Vorstand des Freundeskreises Ernst-Thälmann-Gedenkstätte in Ziegenhals. Und sie ließ nicht nach, das immer wieder angegriffene Andenken Thälmanns in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald zu verteidigen. Auch um die KZ-Gedenkstätte Ravensbrück kümmerte sie sich, solange es ging. Sie hielt ständig Verbindungen mit Genossen aus anderen Ländern, in Frankreich, in Belgien, in der Tschechischen Republik, und scheute trotz angegriffener Gesundheit weite Reisen nicht. Die internationale Klassensolidarität der Arbeiter war immer ihr erster Gedanke, und es war ihre ständige Sorge, wie die proletarische Organisation heute auszusehen hat. Ihr Vertrauen in die Arbeiterklasse war nicht zu erschüttern. Wenn man sich im politischen Tagesgeschäft, im Kleinkram des ständigen Abwehrkampfes verlor, dann konnte sie die drängende und berechtigte Frage stellen, wie wir denn nun an die Gewerkschaften herankommen können, wie wir mehr die Arbeiter für unseren Kampf gewinnen können.
Wer sie persönlich kannte, wird sich immer an ihre Kameradschaftlichkeit, ihre einfache Herzlichkeit gegenüber ihren Mitkämpfern erinnern. Wenn sie in einer Runde von Freunden und Genossen saß, erzählte sie manchmal von ihrer Kindheit, und unterhielt alle prächtig dabei: wie sie mit dem, was sie bei den Roten Jungpionieren gelernt hatte, die Lehrerin zur Verzweiflung brachte, oder wie sie für einen Aufsatz, in dem sie wahrheitsgemäß über den proletarischen 1.Mai berichtet hatte, eine Fünf nach Hause brachte, und von ihrer Mutter ermahnt wurde, dass über so eine Fünf nicht geweint wird. Sie hatte sich einen unwiderstehlichen, fröhlichen Charme bewahrt, mit dem sie auch anderen Mut machen konnte.
Irma Gabel-Thälmann wird denen fehlen, die sie kannten, aber auch vielen, die sie nicht kannten. Die um sie trauern, werden nun einen Teil der Last schultern müssen, die sie getragen hat – und die sie tragen konnte, weil sie nie die Zuversicht und das Vertrauen in die Arbeiterklasse verloren hat.
Redaktion der
Kommunistischen Arbeiterzeitung