Im Juli 2021 hat der bayerische Ministerpräsident Markus Söder die STIKO und ihren Vorsitzenden Prof. Dr. Thomas Mertens frontal angegriffen, weil die Experten nicht sofort und generell eine Impfempfehlung für alle über 12-Jährigen aussprechen wollten wegen fehlender Studiendaten. Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA), die den Corona-Impfstoff für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen hat, „das sind die Profis“, sagte Söder. Die STIKO hingegen sei nur eine ehrenamtlich tätige Kommission. Dagegen verwahrte sich die Kommission. „Die STIKO ist ein unabhängiges Expertengremium, dessen Tätigkeit von den Mitarbeitern im Fachgebiet Impfprävention des Robert Koch-Instituts (RKI) maßgeblich unterstützt wird“. ... „Sie arbeitet entsprechend ihres gesetzlichen Auftrages transparent nach streng wissenschaftlichen Kriterien und ist dabei keinesfalls weniger ,professionell’ als die EMA.“ Politischer Druck kam auch von den Herren Spahn, Schäuble und Lauterbach.
Das war im Juli. Gerade wird der Druck wieder größer, die STIKO solle doch endlich auch eine dritte Impfung, die sogenannte Boosterimpfung, nicht nur für wenige Alte und abwehrgeschwächte Menschen aussprechen, sondern generell für Alle nach einer bestimmten Zeit. Doch gibt es dafür noch gar keine unabhängigen wissenschaftlichen Daten. Die Daten, die die Pharmafirmen Pfizer und BioNTech bisher vorlegen, zeigen nur, dass nach ca. 6 Monaten die Antikörpertiter sich in unterschiedlicher Weise reduzieren. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass alle geimpften Menschen deshalb auch wirklich gefährdeter sind, als frisch Geimpfte. Da jeder Mensch außer den Antikörpern auch noch durch die sogenannten Gedächtniszellen eine sehr effektive zelluläre Abwehr besitzt, die bei einem erneuten Kontakt mit dem Coronavirus sofort aktiv wird und auch die Antikörperproduktion wieder hochfährt. So wirkt jeder neue Kontakt mit dem Virus bei Geimpften wie ein Booster, eine Drittimpfung beim gesunden Erwachsenen. Bisher gibt es für eine generelle dritte Impfung in erster Linie die am Gewinn orientierte Empfehlung der Pharmafirmen. Am liebsten wäre es ihnen als Umsatzgarantie, wenn man weiterhin mindestens jährlich einmal nachgeimpft werden müsste wie bei der Grippeimpfung. Aber auch die FDA in den USA gibt derzeit keine generelle dritte Impfempfehlung selbst für alle älteren Menschen. Zuletzt empfahl die STIKO eine Drittimpfung nur zusätzlich für betagte Menschen über 75 Jahre, da diese häufig Begleiterkrankungen und ein geschwächtes Immunsystem haben.
Herr Söder und andere Politiker vertrauen in ihrer populistischen Manier immer wieder darauf, dass die meisten Menschen nicht wissen, welcher Unterschied zwischen der „Zulassung“ einer Impfung und einer „Impfempfehlung“ aus ärztlicher Sicht besteht. Ganz abgesehen davon, dass bisher alle Zulassungen der Coronaimpfungen „vorläufige“ oder „Notfallzulassungen“ sind wegen der verkürzten Entwicklungs- und Studienzeit, setzt eine „Zulassung“ lediglich eine in Studien nachgewiesene Wirksamkeit voraus bei gleichzeitigem Ausschluss schwerwiegender Nebenwirkungen bei den Studienteilnehmern. Nur weil ein Impfstoff zugelassen ist, bedeutet das nicht, dass es medizinisch empfehlenswert ist, ihn in großer Zahl zu verimpfen. Die STIKO hatte sich gegen allgemeine Kinderimpfungen bei Corona ausgesprochen, weil Kinder nur sehr selten schwer an Covid-19 erkranken. Im Gegenzug ist über mögliche Risiken der Impfung (insbesondere Langzeitnebenwirkungen) aus Sicht der Fachleute bei Kindern noch zu wenig bekannt. Die Kommission hat vorwiegend aus sozialen Gründen dann ihre Empfehlung geändert.
Die STIKO ist bisher noch eine relativ unabhängige staatliche Kommission aus 18 hochrangigen Experten. Sie sagt selbst: „Wir erachten das als ein Qualitätsmerkmal, dass die Mitglieder der STIKO ihre Aufgabe ehrenamtlich erfüllen und damit nicht in Abhängigkeit gegenüber irgendwelchen Interessen geraten.“ Sie erarbeitet wissenschaftlich fundierte ärztliche Impfempfehlungen, die dann vom Robert Koch Institut (RKI) und dem Bundesgesundheitsministerium für deren offizielle Empfehlungen verwendet werden können, aber nicht müssen. Die Politik hat daher noch sogenannten „Gestaltungsspielraum“! Klar muss auch sein, dass die Wissenschaftler STIKO natürlich in vielfältigen Verbindungen zur Pharmaindustrie stehen, die wiederum maßgeblich auch die Fragestellungen der Studienlandschaft bei uns bestimmt. Unabhängig ist daher auch hier eher ein Aushängeschild!
AG Corona