Für Dialektik in Organisationsfragen
Im November 1921 erschien die erste Ausgabe von „Sowjetrußland im Bild“ (SiB) und im Oktober 1938 in Prag die letzte Ausgabe der Volks-Illustrierten (VI). Dazwischen liegen knapp 700 Ausgaben mit ca. 12.000 Seiten. Herausgeber von SiB war die Internationale Arbeiterhilfe (IAH), ein Jahr später erfolgte die Umbenennung zu „Sichel und Hammer“ (SuH). Sowohl SiB als auch SuH erschienen monatlich. 1924 wurde SuH von Willi Münzenbergs „Neuer Deutschen Verlag“ übernommen, 1925 erfolgte eine erneute Umbenennung in „Arbeiter-Illustrierte-Zeitung“, ab 1926 dann 14tägiges Erscheinen. Eine erneute Umbenennung gab es 1927 zu „A-I-Z“, bis 1929 noch mit der Unterzeile „Die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung aller Länder“. Seit 1927 erschien die AIZ nun jede Woche und so blieb es auch bis 1938. Die Machtübernahme des Faschismus zwang die Redaktion 1933 in das Exil, nach nur dreiwöchiger Unterbrechung erschien Ende März die erste Ausgabe in Prag. Seit Oktober 1935 gab es eine neue Unterzeile: „Das illustrierte Volksblatt“, im August 1936 wurde aus der AIZ dann die „VI (Die Volks-Illustrierte)“
Der Umfang begann 1921 mit 10 Seiten, stieg 1924 mit der Übernahme in den NDV auf 16 Seiten, 1929 dann auf 20 Seiten und erreichte 1932 mit 24 Seiten den Höhepunkt. Im Exil hatte die AIZ bzw. VI weitgehend konstant 16 Seiten.
Die Auflage begann bei SiB mit 10.000 Exemplaren, erreichte 1924 schon 180.000 und 1931/32 mit 500.000 ihren Höhepunkt, manche Sonderausgaben vor Wahlen gingen auch noch höher. Im Exil war die Auflage wesentlich geringer, als einzige Zahl ist hier 12.000 für 1936 bekannt. Die AIZ selbst förderte ausdrücklich das „gemeinsame Lesen“ und die Weitergabe. Sie ging von fünf bis sechs Lesern pro Exemplar aus und sprach deshalb von „bis zu drei Millionen AIZ-Lesern“.
Die Herausgabe besorgten in der Hochphase Anfang der 30er Jahre fünf Personen – dies war aber nicht nur Redaktion sondern auch Herstellung (Layout) und Vertrieb (Marketing)
Von John Heartfield erschienen zwischen 1930 und 1938 insgesamt 237 Fotomontagen, davon 32 Titelseiten. Der Schwerpunkt dieser Arbeiten liegt zu 80% in der Exilzeit.
Auswahl, Zusammenstellung, Montagen und Layout, TAB und Walfried
Die AIZ unterscheidet sich von allen anderen illustrierten Zeitungen grundsätzlich. Sie hat ihr Gesicht ganz dem Leben und den Kämpfen der Arbeiter und aller werktätigen Schichten zugewandt. Sie bringt Bilder aus den Betrieben, von Streiks, von den Stempelstellen, von Demonstrationen, Versammlungen, Hungerkatastrophen. Sie zeigt Photos aus dem Leben der Bauern, der Kleinbürger und der Mittelschichten. Den Befreiungskämpfen der unterdrückten, vor allem der farbigen Völker, widmet sie ihre Aufmerksamkeit, sie berichtet z.B. in Wort und Bild von der Lage der chinesischen Kulis, der indischen Arbeiter und der Negersklaven. Sie eroberte der politisch-kulturellen Aufklärung das Gebiet der Photomontage, mit dessen Hilfe die Arbeiterorganisationen heute besser als vorher die Gegensätze der kapitalistischen Gesellschaftsordnung im Bilde darstellen können.
Willi Münzenberg, Solidarität 10 Jahre IAH 1931
Die Arbeiter-Illustrierte Zeitung ist eine der besten aktuellen Bilderzeitungen. Sie ist reichhaltig, technisch gut, vor allem aber ist sie ungewöhnlich und neu. Zur Anschauung bringt sie die proletarische Welt, die für andere illustrierte Blätter merkwürdiger Weise nicht vorhanden zu sein scheint, obwohl sie doch die größere Welt ist. Was im Leben vorgeht, wird hier mit den Augen der Arbeiter gesehen, und es ist Zeit, dass so gesehen wird. Gemäß der Lage des Proletariates drücken ihre Bilder seine Klage und seine Drohung aus – zugleich aber auch schon das Selbstvertrauen, das seine tatkräftige Selbsthilfe überall beweist. Das Selbstvertrauen des Proletariates ist in diesem ermüdeten Erdteil die hoffnungsvollste Tatsache.
Heinrich Mann, AIZ Nr. 9 von 1926
Die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung wurde nicht an Kiosken verkauft, da viele in der Hand von Hugenberg waren, der den Vertrieb von kommunistischen Zeitungen und Zeitschriften ständig zu verhindern versuchte, sondern die AIZ baute sich ab 1928 auf einem Apparat auf, der teils ehrenamtlich, teils gegen ganz winzige Entschädigungen, die aus dem Verkauf der einzelnen Nummern resultierten, funktionierte, dem sogenannten Kolporteur-Apparat.
Theo Pinkus, Zit. Nach Ästhetik & Kommunikation Nr. 10 1973, S. 70
Was Albrecht Dürer für den Holzschnitt, Rembrandt für die Strichradierung, Goya für die Aquatintaradierung, Daumier für die Lithografie, das ist Heartfield für den Kupfertiefdruck. Alle waren sie Humanisten und haben für ihre Propaganda jeweils die neueste grafische Technik, mit der breiteste Volkskreise zu erreichen waren, zur Kunst erhoben.
Heiri Strub, 1972
Die ungeheuere Entwicklung der Bildreportage ist für die Wahrheit über die Zustände, die auf der Welt herrschen, kaum ein Gewinn gewesen: die Photographie ist in den Händen der Bourgeoisie zu einer furchtbaren Waffe gegen die Wahrheit geworden. Das riesige Bildmaterial, das tagtäglich von den Druckerpressen ausgespien wird und das doch den Charakter der Wahrheit zu haben scheint, dient in Wirklichkeit nur der Verdunkelung der Tatbestände. Der Photographenapparat kann ebenso lügen wie die Setzmaschine. Die Aufgabe der AIZ, hier der Wahrheit zu dienen und die wirklichen Tatbestände wieder herzustellen, ist von unübersehbarer Wichtigkeit und wird von ihr, wie mir scheint, glänzend gelöst.
Bertolt Brecht, AIZ-Nr. 41 1931, zit. nach „Der Schnitt entlang der Zeit“, Dresden 1981
An dieser Stelle muß noch etwas gesagt werden zu den raffinierten Methoden, die AIZ trotz aller Schwierigkeiten in Deutschland an den Mann zu bringen. Da gab es zum Beispiel die Methode, von 100 Heften 90 an Nazis und andere zu versenden – in der Hoffnung, daß wenigstens 10 weitere Hefte die Kommunisten erreichen würden. Die Kommunisten waren ihrerseits geschützt, wenn bekannt wurde, daß die AIZ auf postalischem Wege auch Nazis erreichte. Es gelang, die AIZ auch mit Hilfe sogenannter fingierter Absender von bekannten SS- und SA-Größen über die Grenze zu versenden. Wurde an der Grenze die AIZ abgefangen und nach dem Absender geforscht, bestand keine Gefahr für den wahren Absender.
Karl Retzlaw Zit. Nach Ästhetik & Kommunikation Nr. 10 1973, S. 86
Herr Keuner begegnete Herrn Wirr, dem Kämpfer gegen die Zeitungen.
„Ich bin ein großer Gegner der Zeitungen“, sagte Herr Wirr. „Ich will keine Zeitungen.“
Herr Keuner sagte: „Ich bin ein größerer Gegner der Zeitungen: Ich will andere Zeitungen.“
Bertolt Brecht. Geschichten vom Herrn Keuner, 1930
AN ALLE LESER! Heute finden unsere Freunde auf der Titelseite zum letztenmal die drei Buchstaben AIZ. Mit der heutigen Nummer wird eine bestimmte Etappe der Entwicklung unserer Zeitungsarbeit, unseres Pressekampfs abgeschlossen. Doch das bedeutet nicht, daß eine Bresche entsteht. Ohne Unterbrechung in der Belieferung erscheint ab nächste Woche die „VOLKS-ILLUSTRIERTE“. An die fünfzehnjährige Tradition der AIZ anknüpfend, wird sie den Kampf für den Frieden und gegen den Krieg, für die Einheit der Werktätigen und ihren Zusammenschluß mit allen fortschrittlichen und kriegsgegnerischen Schichten fortführen; auf breiterer Grundlage als bisher, was schon aus der Gegenüberstellung der beiden Titel hervorgeht: in der Epoche der VOLKSFRONT tritt folgerichtig an die Stelle der ARBEITER-ILLUSTRIERTEN-ZEITUNG die VOLKS-ILLUSTRIERTE. In den vielen Jahren ihres Bestehens hat die AIZ vor allem eine Aufgabe zu erfüllen gesucht: die Spaltung in der Arbeiterbewegung überwinden helfen. Denn dies ist die Voraussetzung zur Sicherung des Friedens, der Freiheit, eines besseren Lebens. Wir glauben sagen zu dürfen, daß die AIZ in diesem Kampf redlich ihren Mann gestanden hat. Sie hat in diesen Jahren des erbittertsten Kampfes gegen den barbarischen Faschismus und der die Weltkultur bedrohenden Kriegsgefahr manches dazu beigetragen, die antifaschistischen Freiheitskämpfer und Friedensfreunde fester zusammenzuschließen, zu stärken. Ihre „Tribüne der Volksfront“ stand allen offen, die sich für den Zusammenschluß im Kampf für Frieden und Freiheit einsetzten. Wir wissen, daß diese offene Aussprache in unserem Blatt uns nicht nur die Zustimmung aller Freunde der Volksfront erworben hat, sondern auch in nicht unbeträchlichem Maße zur Beseitigung der Mißverständnisse beitrug, die noch immer die Verwirklichung der Volksfront in manchen Ländern verhindert. Diese letzten Hindernisse auf dem Weg zur Einheit zu beseitigen, soll eine der vornehmsten Aufgaben der neuen Volks-Illustrierten sein. Sie will noch mehr TRIBÜNE DER VOLKSFRONT werden, an ihrer Verwirklichung als Pionier des Friedens, der Freiheit, des gemeinsamen Kampfs gegen Krieg und Faschismus arbeiten. Sie will den Kreis der Mitarbeiter noch weiter spannen und sich noch intensiver mit allen Fragen beschäftigen, die in dieser Schicksalsstunde der Menschheit aufgeworfen werden, da es um Krieg und Frieden, um Sein und Nichtsein von Leben und Kultur geht. Sie soll, um diese Aufgaben erfüllen zu können, in noch weitere Schichten eindringen und sie wird deshalb im Inhalt vielfältiger, bunter, mannigfaltiger werden. War die AIZ eine gute Waffe im Kampf, so soll die Volks-Illustrierte unter neuen Bedingungen eine noch schärfere Waffe werden! Die Schlagkraft einer Zeitung als Waffe steigt mit ihrer Auflage und Verbreitung. Wenn die „Volks-Illustrierte“ bis in die letzte Hütte getragen wird, wird das tote Papier zur Gewalt, die die Massen erschüttert. Diese Aufgabe kann nur gelöst werden bei aktivster Unterstützung durch die Leser. Sie, die der AIZ stets Treue gehalten, stets Hilfe gewährt haben, werden – dessen sind wir sicher – der Volks-Illustrierten tätige Freunde und Helfer sein.
Erklärung der AIZ-Redaktion in einer Beilage zur Nr. 33 von 1936.
Auch die VI erschien wöchentlich bis Oktober 1938.