„Als ich in die Lehre trat (1912 - d. AG.), hatte ich schon einige Schriften über Sozialismus, über die Sozialdemokratie, über die Gesellschaftsordnung gelesen. Vieles habe ich nicht verstanden; dann bin ich zu den Bauarbeitern gegangen und habe gesagt: „Kommt, erklärt mir das doch mal!“ Ich hatte zum Beispiel auch nicht verstanden, was Imperialismus ist. Darauf antworteten sie, der Inhaber der Schichau-Werft sei ein Imperialist. Warum? Der läßt Torpedoboote für den Kaiser bauen, mit deren militärischer Macht dieser andere Völker unterdrücken will. Er will seine Macht nicht nur in Elbing und in Ost- und Westpreußen, sondern auch gegenüber anderen Völkern, damals besonders gegenüber den Kolonialvölkern, durchsetzen. ...
Weiter verstand ich auch nicht ganz den Begriff Militarismus. Ich habe wieder die Arbeiter vom Bau gefragt: was ist das, wer ist ein Militarist? Ist der ein Militarist, der in einem Kriegerverein ist? Nein, antworteten mir die Bauarbeiter. Wieso nicht? Dort wären auch Irregeleitete drin, nicht jeder von ihnen wäre gleich ein Militarist, wenngleich die Kriegervereine selbst als Einrichtung auch zum System des Militarismus gehörten, dessen Wesen ja gerade darin bestände, daß die auf Eroberung fremder Gebiete gerichtete militaristische Politik des Kaiserhauses mehr und mehr auch alle Bereiche des öffentlichen und des privaten Lebens im Land durchdränge. ...“[1]
Mit diesen Erinnerungen beschreibt Max Reimann[2] die Situation, die für die Entwicklung in Deutschland um die Jahrhundertwende kennzeichnend war. Über seinen Vater erzählt er in der folgenden kurzen Episode: „Mein Vater war auch Sozialdemokrat, aber einer - das sollte ich später erst erfahren - der auf einer ganz anderen Position als die Bau- und Werftarbeiter stand. ... Mein Vater war groß und stark. Er hatte bei der Garde gedient, beim ersten Garde-Alexander-Regiment in Berlin. Darauf war er unbändig stolz.
Bei uns in der Nähe war ein Militärfriedhof. Wenn einer vom Kriegerverein das Zeitliche segnete, wurde er ... mit allen militärischen Ehren beerdigt. Das war etwas für meinen Vater! Er konnte nüchtern sein oder betrunken: wenn die Kapelle draußen den Gardemarsch spielte, dann hat er in der Stube den Parademarsch gekloppt! Er konnte nur drei Schritte tun, größer war die Stube gar nicht, aber immer hin und her ging’s, hin und her und her und hin, Parademarsch! Parademarsch!“[3]
Diese Schilderung erscheint aus heutiger Sicht befremdlich. Und doch wieder erschreckend nah, wenn man das Publikum bei öffentlichen Gelöbnissen der Bundeswehr selbst erlebt hat. Sicher, so einfach läuft die Sache heute nicht mehr, die Stuben sind größer geworden und die Empfindungen differenzierter. Doch der Graben, der sich auftut zwischen Politik und Alltag, zwischen Befürwortern militärischer „Friedenseinsätze“ und Gegnern derselben, ist Ausdruck einer vergleichbaren Entwicklung. Was besonders bedrückend erscheint: Bau- und Werftarbeiter, die derartige Auskünfte über Imperialismus und Militarismus geben könnten, sind rar geworden. Und vor allem: Militäreinsätze sind Bestandteil deutscher Außenpolitik geworden, der Militarismus hat Platz genommen in der öffentlichen Diskussion.
„Der moderne Militarismus ist ein Resultat des Kapitalismus. In seinen beiden Formen bildet er eine ,Lebenserscheinung’ des Kapitalismus: als Militärmacht, die die kapitalistischen Staaten bei ihren äußeren Zusammenstößen einsetzen (,Militarismus nach außen’, ...), und als Waffe in den Händen der herrschenden Klassen zur Niederhaltung aller (ökonomischen und politischen) Bewegungen des Proletariats (,Militarismus nach innen’).“[4]
Unter Militarismus könne man auf den ersten Blick alles verstehen, was sich auf das Militärwesen bezieht, erklärte 1907 Karl Liebknecht in seiner Rede auf einer Konferenz der Sozialdemokratischen Partei in Leipzig. „Diese Definition ist aber unzweckmäßig“, um die besondere Funktion des Militarismus im Kapitalismus verstehen zu können. „Herkömmlicherweise verstehen wir darunter eine ganz besondere Art des Militärwesens, eine Erscheinung, die nicht aus dem Gesamtwollen des Volkes geboren ist, sondern vielmehr auf dem Boden der Klassengegensätze gewachsen ist. Also: die scharfe Absonderung des Militärs von der Zivilbevölkerung , der Drill, die Mißhandlungen, die Militärjustiz, wie man die Kosten aufbringt. Alles, was den Militarismus zum Werkzeug der Klassenherrschaft macht und einem Bevölkerungsteil die Möglichkeit gibt, ihn eventuell gegen den anderen zu verwenden. ...
Zwei Hauptzwecke sind also erkennbar: zunächst Angriff und Abwehr gegen den äußeren Feind! Diese Funktion ist von vorherein gegeben; daneben tritt aber mit Einsetzen der Klassenscheidung die zweite auf als Waffe im Kampfe gegen die rechtlose Klasse.“[5]
Zu den bereits genannten Funktionen kommt eine weitere hinzu, die den „modernen Militarismus“ vom bisherigen wesentlich unterscheidet: „Er ist nicht bloß eine Stütze des Kapitalismus durch seine Schöpfung an sich, sondern es zeigen sich darüber hinaus noch weitere Einwirkungen. Die Bevölkerung wird allenthalben mit militärischem Geiste durchdrängt. Man denke an das Reserveoffizierswesen, an die Militäranwärter usw. Auch die Justiz sucht man unter den militärischen Drill zu bringen.“[5]
Der Militarismus drückt sich also nicht mehr nur darin aus, daß das stehende Heer nach innen und außen als Unterdrückungsinstrument dient. Er übernimmt die Funktion einer geradezu alltäglichen Ideologie, ist nicht mehr eine mehr oder weniger ausschließliche Angelegenheit der Verhältnisse innerhalb des Militärs (alle diesbezüglichen Erscheinungsformen finden sich bereits in den vorkapitalistischen Klassengesellschaften).
Der Kern des „modernen Militarismus“ liegt in den Beziehungen des Militärs zu den nicht-militärischen Bereichen der Gesellschaft. Er umklammert die Gesellschaft mit einem Netz militaristischer Macht- und Propagandainstitutionen, die jede demokratische Bewegung unterdrücken sollen, das gesellschaftliche Leben in seinem Interesse reglementieren und alle öffentlichen wie auch privaten Bereiche mit militaristischer Ideologie durchdringen (Anbetung der militaristischen Gewalt als des angeblich bestmöglichen Mittels zur Lösung innen- und außenpolitischer Streitfragen, Glorifizierung des Krieges und des Obrigkeitsstaates, Diffamierung demokratischer Bestrebungen als antinational usw.).
Ermöglicht wird diese Entwicklung, indem der zunächst nationale Widerspruch zwischen Kapital und Lohnabhängigen mit der hauptseitig internationalen Konkurrenz der national unterschiedlichst zusammengesetzten Monopolverbände gleichgesetzt wird. Streiten sich heute Siemens/Schneider mit General Electric, so geraten sich morgen General Electric/Siemens mit dem restlichen Europa in die Haare. Und deutsche Alleingänge machen selbst Gegner zu „Freunden“, wenn es darum geht, bei der Aufteilung der Beute nicht zu kurz zu kommen.
Die „schicksalhafte“ Gleichsetzung der Interessen von Ausbeutern und Ausgebeuteten enthält eine zweifache Gefahr. Der Militarismus erzeugt die materielle und ideelle Basis, um einerseits den organisierten Kampf gegen die verschärfte Ausbeutung im eigenen Land notfalls durch Bürgerkrieg zu ersticken. Und bietet andererseits als Notausgang zur Lösung der „sozialen Frage“ die militante Volksgemeinschaft zur Disziplinierung anderer Völker an, die in der „natürlichen“ Überlegenheit des deutschen Kapitals nichts als schnöde Ausbeutung erkennen wollen und sich unter Mißachtung aller geheiligten kapitalistischen Gesetze dagegen zu wehren gedenken.
„Dem Proletariat (national wie international - d. AG.) steht er, ein bis an die Zähne bewaffneter Räuber, gegenüber, dessen Ultimatum aber nicht lautet: Geld oder Leben!, sondern, die Räubermoral übertrumpfend: Geld und Leben! Es ist außer der großen künftigen (der Weltkrieg, d. AG.) - eine stets gegenwärtige, stets verwirklichte Gefahr, auch wenn er nicht gerade zuschlägt.“[5]
Der Militarismus zwingt der Gesellschaft außerdem ein System materieller Gewalt auf, treibt die Aufwendungen für Rüstungsausgaben ständig in die Höhe, verschärft die durch den Zwang zur Profitmaximierung bereits gegebenen Widersprüche (steigende Ausbeutung und Arbeitslosigkeit) durch den Entzug von Steuergeldern für Sozialausgaben und heizt die Inflation an (ein Panzer ist keine Drehbank, er zeigt seine „Nützlichkeit“ erst im Expansions- und Bürgerkrieg).
Die Existenz des Militarismus fördert auch in hohem Maße die Kriegsgefahr. „Es kann ... nicht verkannt werden, daß die Existenz der stehenden Heere, in denen sich der Militarismus in seiner ausgeprägtesten Form sedimentiert ( = niederschlägt), an und für sich den internationalen Frieden bedroht, eine selbständige Kriegsgefahr bildet.“[2] Hat die Situation sich erst einmal so weit entwickelt, daß militärisches Eingreifen zur „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ geworden ist, dann hat der Militarismus ein vitales Interesse daran, „einen günstigen Augenblick jeweiliger militärischer Überlegenheit nicht unbenützt verstreichen zu lassen ..., die aber stets mehr für den Zeitpunkt des Kriegsausbruchs als für den Ausbruch selbst maßgebend ist.“[6]
Seit der Einverleibung der DDR und dem Niedergang der Sowjetunion vollzieht sich in Deutschland unübersehbar und unüberhörbar der Übergang zur aggressiven imperialistischen und militaristischen Politik. Und Rühe liefert für diese Entwicklung auch gleich die richtige „Idee“: „Unsere Idee des einen Europa ist ein politisch-kultureller Entwurf, in dem sich christlich-abendländische Überzeugungen, die europäische Philosophie von der Antike über die Aufklärung bis hin zur Moderne und sicherheitspolitische Zwecke unverwechselbar durchdringen.“[7]
Das ist unverwechselbar deutsche politische „Lyrik“ in Zeiten, in denen sich der deutsche Imperialismus nach zwei mißlungenen Anläufen auf den nächsten vorbereitet.
Der Nährboden für den modernen Militarismus ist die vom Imperialismus selbst vorangetriebene, seit der entscheidenden Schwächung des sozialistischen Lagers besonders ungehemmte Zuspitzung der ökonomischen und politischen Widersprüche zwischen den Klassen, Nationen und staatenlosen Völkern.
Der Militarismus als Institution (stehendes Heer, Spezialeinheiten, Bundespolizei BGS) ist ein Instrument in den Händen der Monopolbourgeoisie,
- das eigene Volk (Arbeiterklasse, Kleinbürgertum, kapitalistischer Mittelstand) ihren Zielen unterzuordnen und niederzuhalten,
- ihre Expansionspolitik gegenüber anderen Ländern (imperialistische Konkurrenten und unterentwickelte Länder) zunehmend mit militärischen Mitteln zu verwirklichen,
- und somit Krieg in seinen verschiedenen Abstufungen (Stellvertreterkriege, „humanitäre Einsätze“, imperialistischer Weltkrieg) als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln zu führen.
Der Militarismus als Ideologie (Friedenssicherung durch Expansionskriege) ist eine Waffe in den Händen der Monopolbourgeoisie,
- um die innere Entwicklung unter Kontrolle zu halten, wenn Klassenjustiz und aktive Bestechung von Teilen der Arbeiterklasse nicht mehr ausreichend erscheinen bzw. für nebensächlich gehalten werden,
- um dem Übergang von der bisherigen „Schaukelpolitik“ gegenüber den imperialistischen Konkurrenten zu immer offeneren Formen militärischer Einmischung die theoretische und gesellschaftliche Legitimation zu verleihen und in der politischen Diskussion zu verankern (von den „Verteidigungspolitischen Richtlinien“ bis hin zum Berufsbild „Soldat“),
- Teile der Arbeiterklasse derselben noch stärker als bisher zu entfremden, z.B. durch Sonderzahlungen für Bosnien-„Freiwillige“ (Arbeitslosigkeit!) und neue Formen der militärischen Organisation (Elite- und „Verantwortungs“bewußtsein),
- die Kaste der Berufsoffiziere und -soldaten wieder zu einem öffentlichen Teil der „ehrenwerten“ bürgerlichen Gesellschaft zu machen und sie mit einem (durch Sondergesetze geschützten) Bewußtsein auszustatten, damit sie sich über den bloßen ordinären „Bürger in Uniform“ hinausgehoben fühlen und auch entsprechend verhalten können.
In seinen Erinnerungen beschreibt Max Reimann die Reaktion der Herrschenden auf den elfwöchigen Streik der Hamburger Hafenarbeiter 1896/97 (Anlaß war das Mißverhältnis zwischen steigenden Gewinnen und sinkenden Löhnen). Er zitiert aus einer Denkschrift des Generals Alfred Graf von Waldersee an Kaiser Wilhelm II. vom 22. Januar 1897, in der er unverhüllt zum Niederschießen streikender Arbeiter auffordert:
„Die Vorgänge, welche sich hier in den letzten Wochen abgespielt haben, werden vorbildlich sein für viele weitere Fälle:
Es legten 18.000 Arbeiter gleichzeitig die Arbeit nieder, keineswegs durch schlechte Löhne gedrängt, sondern begehrlich gemacht durch den angeblich guten Verdienst der Reederei; sie verpflichteten sich, solidarisch zusammenzuhalten und haben dies nunmehr durch acht Wochen und trotz vielfacher Entbehrungen und Aufzehrens von Ersparnissen durchgeführt und, den Instruktionen der Führer gehorsam folgend, sich musterhaft verhalten und Exzesse oder Auflehnungen gegen die Polizei vermieden.
Die Führer haben eine Art von Heerschau abgehalten und sind mit dem Resultat durchaus zufrieden. Sie haben gesehen, wie fast die gesamte Arbeiterschaft Hamburgs zusammenhielt, und wie erhebliche Volksmassen anderer Berufsarten auf Seiten der Arbeiter standen ...
Bei der gewaltigen Ausdehnung der sozialdemokratischen Organisation scheint es mir, wenn nicht bald Gegenmittel gefunden werden, unvermeidlich, daß der Zeitpunkt naht, an welchem die Machtmittel des Staates sich mit denen der Arbeitermassen werden messen müssen.
Sollte der Kampf aber, wie es meine Ansicht ist, unvermeidlich sein, so kann der Staat von einem Hinausschieben desselben nicht gewinnen. Die zweite Generation einer sozialdemokratischen Familie bringt die Umsturzidee bereits mit zur Fahne.
Ich meine, daß es im Interesse des Staates liegt, nicht den sozialdemokratischen Führern die Bestimmung des Zeitpunktes für den Beginn der großen Abrechnung zu überlassen, sondern diesen nach Möglichkeit zu beschleunigen!“[8]
Für solche „Abrechnungen“ mußte der einfache Soldat im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal zugerichtet werden. Die kaiserliche Armee war berüchtigt für das Schinden der Rekruten. „Schon bei der Gestellung zwischen Tag und Dunkel am anderen Morgen bekamen wir einen kleinen Vorgeschmack von der Wirklichkeit des Soldatenlebens. Ein Hauptmann stieß einen Zuspätgekommenen mit dem Reiterstiefel in die bekannte untere Rückenpartie, daß der Junge nur so ins Glied hineinkollerte. Die Leiden übertrafen alle Ahnungen. Nie im Leben waren wir widerstandslos einer Bande so auserlesener Schubiake überantwortet wie beim Unteroffizierskorps unserer Kompanie. Sie haben uns gedemütigt, wie keine Räuber und Verbrecher gedemütigt werden. Es war, als sollte uns im ,vornehmsten Rock’ alle Menschenwürde und Selbstachtung ausgetrieben werden. Wir standen schon nach wenigen Wochen oft am Rande der Verzweiflung.“[9]
Karl Liebknecht prangerte diese Barbarei immer wieder in seinen Reden und Schriften an. Und Rosa Luxemburg stellte in einer Rede im Jahr 1914 fest: „Handelte es sich bei den Bestrebungen des heutigen Militarismus wirklich um die Verteidigung des Vaterlandes, dann brauchte man nicht das verwerfliche System der Soldatenmißhandlungen. Oder glaubt ein Mensch im Ernst, der malträtierte Soldat werde mit besonderer Begeisterung in den Kampf ziehen? Die Mißhandlungen gehören zum eisernen Bestand der militärischen Erziehungsmethoden. Sie sind nötig, willenlose Sklaven aus den Soldaten zu machen, die sich zu jedem Verbrechen kommandieren lassen, die sich gebrauchen lassen, jene Scheußlichkeiten zu begehen, die wir im Chinafeldzug, in dem Kampf gegen die Hereros erleben mußten. Sie sind aber auch nötig, damit der Soldat, ohne mit der Wimper zu zucken, bereit ist, auf seine Arbeitsbrüder, auf Vater und Mutter zu schießen.“[10]
„So etwas tut man, aber sagt es nicht“
Juli 1900 - Die Aufforderung Kaiser Wilhelms II. an die Soldaten, gegen die chinesischen Rebellen hart durchzugreifen, stieß auf heftige Kritik. Der „Frankfurter Generalanzeiger“ kommentierte wie folgt:
„Die Russen haben alle verwundeten Chinesen mit dem Kolben zerschmettert, Gefangene hat niemand gemacht. ,So etwas tut man, aber sagt es nicht!’ ... Aber bei deutschen Truppen liegt die Gefahr falscher Humanität vor, und deshalb müssen sie von berufener Stelle aufgeklärt werden. Pardon wird nicht gegeben! Dieses Wort ist für alle, die Verwandte in den Feldzug ziehen lassen, ein großer Trost. Wenn wir wüßten, daß der deutsche Soldat Gefangene zu machen verpflichtet ist, die im nächsten Augenblick vielleicht einen verborgenen Dolch hervorziehen, so müßten wir in ewiger Angst schweben.“[1]
Reichsregierung verlangt Straffreiheit
Nov. 1900 - Reichskanzler von Bülow fordert den Reichstag auf, die Kosten der Chinaexpedition in Höhe von 152 Mio. Mark nachträglich parlamentarisch zu entlasten und somit Indemnität (= Straffreiheit) für verfassungswidrige bzw. im Ausnahmezustand ergriffene Maßnahmen zu gewähren. Bülow: „Wir werden uns das Recht auf eine verständige, besonnene Weltpolitik weder ausreden noch verkümmern lassen.“[2]
China-Friedensbedingungen
Dez. 1900 - Die von den Vertretern der Kolonialmächte (USA, Deutschland, Frankreich, England - d. AG.) unterzeichneten Friedensbedingungen werden in Peking den chinesischen Unterhändlern übergeben.
Die Hauptforderungen lauten:
- Todesurteile werden gegen die - namentlich genannten - Rädelsführer des Boxeraufstands verhängt.
- Chinas Regierung leistet Entschädigungszahlungen ...
- Die ausländischen Mächte dürfen strategisch wichtige Punkte zwischen Peking und der chinesischen Küste besetzen.[3]
1 „Chronik - Bibliothek des 20.Jahrhunderts“ Bd.1/1900-1903, Bertelsmann Lexikon Verlag Gütersloh 1998, S.124.
2 Ebenda S.194.
3 Ebenda S.205.
1897 wurden zwei deutsche Missionare von Chinesen, Feinden der weißen Plünderer, erschlagen. Staatssekretär des Auswärtigen von Bülow triumphierte: „Also endlich haben uns die Chinesen den ... so lang ersehnten Grund und ,Zwischenfall’ geboten. Ich beschloß, sofort einzugreifen ... Hunderte von deutschen Kaufleuten werden aufjauchzen in dem Bewußtsein, daß endlich das deutsche Reich festen Fuß in Asien gewonnen hat.“[11] Zehn Tage später war Kiautschou deutsch. Am 20. Juni 1900 wurde der deutsche Gesandte von Ketteler während des sog. Boxeraufstands[12] erschossen. General Graf von Waldersee, der sich bereits für das Niederschießen streikender Arbeiter empfohlen hatte, wurde Oberbefehlshaber der europäischen Truppen in China. Die Truppen des „christlichen Abendlandes“ marodierten nicht nur unter den Aufständischen. Sie mordeten, vergewaltigten, raubten und plünderten in einer Weise, daß selbst Europa vor Scham und Empörung aufschrie. Im Oktober 1900 veröffentlichte der sozialdemokratische „Vorwärts“ Briefe von deutschen Soldaten aus China. Während der Strafexpedition gegen die Boxer - so die zitierten Briefe - sei die Tötung und Folterung von Gefangenen etwas Alltägliches, Gefangene würden so gut wie keine gemacht. „Grausamkeiten sind in diesem Kriege vorgekommen, wie selbst bei den Hunnen nicht“, stellte August Bebel fest, „bei den Vandalen nicht, bei Dschingis-Khan nicht ... Nachdem der Kaiser in seiner Bremerhavener Rede ausdrücklich auf die Kriegsführung der Hunnen hingewiesen hat, wird jetzt in Deutschland allgemein von einem Hunnenkriege gesprochen..“[13]
Vor dem Krieg waren allerlei völkerrechtliche Regeln über zulässige und unzulässige Kampfmethoden und Kampfmittel aufgestellt worden. Der Krieg machte mit der Illusion, nach Paragraphen morden zu können, ein Ende. Denn: je grausamer und effektiver die Mittel, umso größer erschien die Aussicht, den Gegner vernichtend zu schlagen. Um die führungs- und ziellos gemachten Massen für die imperialistische Politik gewinnen zu können, mußten sie in einen dauernden chauvinistischen Taumel versetzt werden. Die Brutalität des Vernichtungskrieges, vermeintliche oder tatsächliche Greuel des Gegners, aufgeschlitzte Bäuche, gemordete Kinder und vergewaltigte Frauen wurden der Bevölkerung mit der Morgenzeitung zum Frühstück serviert. Dem Soldaten wurde eingeredet, er kämpfe gegen ein Volk, das durchweg aus Menschenfressern und Barbaren besteht.
Die deutsche Kriegsführung erwarb sich die ersten Lorbeeren dieser Art in Belgien. Die systematische Hetze ließ deutsche Soldaten hinter jeder Hausecke und in jedem Fenster den Gewehrlauf eines „Franktireurs“ (= Heckenschütze, Partisan) sehen. Die Dortmunder „Arbeiter-Zeitung“ veröffentlichte im September 1914 den „Brief eines Genossen“ aus Belgien, in dem es hieß: „Die Bevölkerung war im Anfang gemein; man hat allerwärts auf deutsche Truppen geschossen, und da hat das Militär kurzen Prozeß gemacht, die Lumpen an die Wand gestellt und niedergemacht. Die schuldigen Dörfer wurden in Brand gesteckt; das hat geholfen. Heute laufen die Leute, wenn sie bloß von weitem einen Soldaten sehen. ... In ein paar Tagen fällt Namur, und dann marschieren wir nach Frankreich hinein. Ich denke, daß wir den Brüdern den Zimt schon besorgen werden.“[14]
„Ein sechzehnjähriger Knabe, der sich unter den Gefangenen befand, rief auf dem Kasernenhof: ,Hoch lebe Karl Liebknecht!’, und erhielt von einem jungen Soldaten ... einen Schlag auf den Kopf, der ihm den Schädel spaltete. ... Der junge Mensch erhob sich noch einmal und bat, ihm doch nichts mehr zu tun. Man rief ihm zu, er solle aufstehen, sich umdrehen und mit erhobenen Händen zur Wand gehen. Ein junger Scharfschütze kniete an der gegnüberliegenden Kaserne nieder und schoß durch einen Treffer in den Hinterkopf den jungen Menschen nieder. Ein gefangener Chauffeur, der sich Äußerungen dagegen erlaubte, wurde sofort durch drei Schüsse niedergestreckt.“[15]
Das Organisationszentrum der Konterrevolution, die Oberste Heeresleitung, orientierte sich anfangs noch auf die intakten Teile der alten Armee und arbeitete Pläne zur Auslöschung der Revolution durch Fronttruppen aus. Die Einheiten lösten sich jedoch zumeist auf, sobald sie in der Heimat mit der Realität konfrontiert wurden, die für den mörderischen Krieg verantwortlichen Machthaber gegen das nach Brot und Frieden verlangende Volk verteidigen zu müssen. Viele Soldaten schlossen sich den Protesten an und wurden selbst zur treibenden Kraft der Revolution.
Deshalb wurden neue konterrevolutionäre Eliteformationen aufgestellt wie der als Kampftrupp gegen den Bolschewismus aufgemachte „Heimatschutz Ost“. Bald darauf wurden die ersten Freikorps gebildet, die Marinebrigade Ehrhardt, das Freikorps Lichtschlag und andere. Unter dem Schutz der Ebert-Regierung wurde in der bürgerlichen und sozialdemokratischen Presse für diese „Freiwilligenverbände“ geworben, das Geld für Ausrüstung und Unterhalt floß reichlich aus den Tresoren des Finanzkapitals und der Junker. Etwa 30 Reichsmark monatlich gab es als Söldnerlohn, „fünf Mark und zwei Würste extra erhielt jeder Soldat vom Freikorps Epp, nachdem diese Truppe im Mai 1919 die Räterepublik beseitigt hatte“.[16]
Für die durch den Militarismus entwurzelte und verrohte Soldateska war der Krieg zum Handwerk geworden und „sie bemühten sich erst gar nicht, ein anderes zu finden“.[2] Ideologisch wurden diese Korps von der Monopolpresse, der „Antibolschewistischen Liga“ und anderen reaktionären Vereinigungen auf ihren Einsatz vorbereitet. Gegen die Revolution in Deutschland und als konterrevolutionäre Stoßtrupps außerhalb deutscher Grenzen (wie die „Eiserne Division“ im Baltikum). Davon zeugen Schilderungen wie die des damaligen „Baltikumers“ Ernst von Salomon: „Wir knallten in überraschte Haufen und tobten und schossen und schlugen und jagten. ... Wir erschlugen, was uns in die Hände fiel, wir verbrannten, was brennbar war. ... Wo wir gehaust hatten, da stöhnte der Boden unter der Vernichtung ...“[17]
„Ende Juli 1941 befand sich das damals von mir geführte Infanterie-Regiment 528 auf dem Wege nach Shitomir (Stadt in der Ukraine - d. AG.) ... Wir bekamen bald den Eindruck, daß sich hier ein grausames Schauspiel abspielen müsse, denn nach einiger Zeit sahen wir zahlreiche Soldaten und Zivilisten einem vor uns liegenden Bahndamm zuströmen, hinter dem ... laufend Erschießungen vorgenommen wurden. ... Als wir schließlich den Bahndamm erklettert hatten, bot sich jenseits dieses Dammes ein Bild, dessen grausame Abscheulichkeit auf den unvorbereitet Herantretenden erschütternd und abschreckend wirkte. In die Erde war ein etwa 7-8 Meter breiter Graben eingezogen, dessen ausgeworfene Erde auf der einen Seite aufgeschichtet war. Diese Aufschichtung und die darunterliegende Grabenwand war vollständig mit Strömen von Blut besudelt. ... Hinter dem aufgeschütteten Wall stand ein Kommando Polizei, das von einem Polizeioffizier befehligt wurde. Die Uniformen dieses Kommandos wiesen Blutspuren auf. In weitem Umkreis ringsherum standen unzählige Soldaten dort bereits liegender Truppenteile, teilweise in Badehose, als Zuschauer ...“ (Major Rösler am 3.1.1942 an den General der Infanterie Schniewindt über Judenerschießungen beim Einfall in die Sowjetunion).[18]
„Es ist auch vorgekommen, daß uns Wehrmachtsangehörige die Karabiner aus den Händen genommen haben und selbst an unserer Stelle im Exekutionskommando mitschossen.“ (Erich Heidborn, Mitglied des Sonderkommandos 4a)[4]
Während des Hitler-Faschismus konnte der Militarismus alle gesellschaftlichen Bereiche unbeschränkt erfassen: Schule, Hitler-Jugend, Deutsche Arbeitsfront, Zeitungen, Rundfunk, Kino, Musik, Literatur. Die Grausamkeit einfacher Soldaten gegenüber Juden und „bolschewistischen Untermenschen“ ist vielfach dokumentiert. Und selbst Völkern wie Griechen und Italienern gegenüber, die nicht mit dem Kainsmal „rassischer Minderwertigkeit“ versehen wurden, kam es beim geringsten Anzeichen von Widerstand auch beim Einsatz regulärer Wehrmachtstruppenteile zu exzessiven Gewaltausbrüchen.
„15 Monate beim Bund - das ist schon schlimm genug. Aber wenn man dann noch beim Marschieren das faschistische „Panzerlied“ singen und täglich an einer „Traditionsecke“ vorbeigehen muß, die den Angriffskrieg verherrlicht, dann hat man endgültig die Nase voll. Nazibücher in der Kasernenbibliothek, Ölgemälde mit Darstellungen der „siegreichen“ Hitlermacht, Naziorden, Wehrmachtsfahnen und -flaggen: Dies ganze braune Gerümpel wird gehegt, gepflegt und gestapelt in Kasernen, deren Namen oftmals die gleiche Tradition verkörpern. Das ist nicht einfach Nostalgie. Das offenbart eine bestimmte Geisteshaltung, die wir bei vielen Vorgesetzten antreffen.“[19]
Diese Schilderung steht im krassen Gegensatz zu dem Bild, das die Bundeswehr in der Öffentlichkeit immer wieder erzeugen wollte. Die Hervorhebung von „fachlichen“ Qualitäten, der ehrenwerte „Bürger in Uniform“ - das sind wohl die bekanntesten Schlagworte. Inzwischen sind - unter dem zunehmenden Druck der Arbeits- und Perspektivlosigkeit - die oben genannten Bildungsinhalte verstärkt bei den Rekruten selbst angekommen. Der Skandal um einen Videofilm mit gestellten Erschießungen und Vergewaltigungen zeigt: Ausbildungs-, „Traditions“-Inhalte und militärische Ziele werden zwar intelligenter und zurückhaltender gehandhabt, sind aber die alten geblieben.
„Das Finanzkapital erzeugte die Epoche der Monopole. Die Monopole sind aber überall Träger monopolistischer Prinzipien: An Stelle der Konkurrenz auf offenem Markt tritt die Ausnutzung der ,Verbindungen’ zum Zweck eines profitablen Geschäftes. ... Auf diese Weise wirft das Finanzkapital im buchstäblichen Sinne des Wortes seine Netze über alle Länder der Welt aus.“[20]
Mit der Herausbildung des Finanzkapitals (Monopolstellung der Banken und Verschmelzung von Banken- und Industriekapital) teilt sich die Welt - auf der einen Seite in einige wenige imperialistische Staaten, während auf der anderen Seite der Rest der Welt in den Zustand der Unterentwicklung versinkt. So werden die unterentwickelten Länder durch die ökonomische Abhängigkeit vom Imperialismus - selbst bei Wahrung ihrer formalen staatlichen Souveränität - in einen Zustand wirtschaftlicher und sozialer Verwüstung versetzt, der den Auswirkungen eines Krieges kaum nachsteht. Infolgedessen sind selbst in Zeiten des „imperialistischen Friedens“ Bürgerkriege an der Tagesordnung.
Da Teilung und Neuaufteilung der Welt nach der Größe des Kapitals und der sich daraus ergebenden Machtposition erfolgen, gibt es kein anderes Mittel als Krisen in der Industrie und Kriege in der Politik, um die erreichte Machtposition zu überprüfen und neu zu bestimmen. So umfassend und stabil die Monopole ihre Herrschaft auch auszubauen suchen, sie steigern nur Zahl und Intensität wirtschaftlicher und kriegerischer Katastrophen, sie erzeugen selbst das Gespenst des Zusammenbruchs und des Krieges.
1913 schrieb Franz Mehring in seinem Artikel „Miliz und stehendes Heer“: „So ist der Krieg eine Sache der Politik, nicht aber eine Sache des Rechts oder der Sittlichkeit oder gar der Strafjustiz. Krieg wird nicht geführt, um die Gegner für ihre angeblichen oder wirklichen Sünden zu bestrafen, sondern um den Widerstand zu brechen, der sich gegen die eigenen Interessen erhoben hat.“[21]
Neben der Einschränkung der bürgerlichen Demokratie (z. B. dem staatlich regulierten Rassismus) wird daher der Militarismus zum Hauptwerkzeug der bürgerlichen Klassenherrschaft. Nach außen wie nach innen - der Militarismus in seinen beiden Formen (als Krieg wie als bewaffneter Friede) ist ein „legitimes Kind, ein logisches Ergebnis des Kapitalismus“ (Rosa Luxemburg, 1914), er gehört zur Monopolbourgeoisie wie der Gestank zum Harzer Käse.
Die Besonderheit der deutschen Situation bestand - im Gegensatz zur Entwicklung Englands und Frankreichs - darin, daß das deutsche Bürgertum erst 1848 die eine umfassende kapitalistische Entwicklung hemmenden feudalen Hindernisse zu beseitigen begann. Mehr als 50 Jahre zu spät und eingekeilt zwischen der verhaßten, die preußische Militärmacht stützende Adelskaste auf der einen Seite - auf der anderen Seite einer wachsenden Arbeiterklasse gegenüberstehend, die der drückenden kapitalistischen Ausbeutung und der anhaltenden politischen Entmündigung die Kraft ihrer zahlenmäßig und politisch zunehmenden Organisierheit entgegenstellte.
Vor 1848 waren es vor allem wandernde Handwerksgesellen, denen die deutsche Krähwinkelei zu eng geworden war, die in Frankreich und der Schweiz an ersten sozialistisch-utopistischen Bestrebungen teilnahmen. So hatten sie gerade in Paris eine eigene Organisation („Bund der Gerechten“) gegründet, aus der unter dem tatkräftigen Einfluß von Marx und Engels schließlich in London der internationalistisch organisierte „Kommunistenbund“ hervorging. Selbst noch eine kleine Elite, gelang es den Mitgliedern des Bundes jedoch, unter dem Eindruck der revolutionären Entwicklung von 1848 zahlreiche Arbeitervereine zu gründen oder ihre Gründung zu beeinflussen.
Aber das alarmierende Beispiel der Streiks und Juni-Aufstände 1848 in Paris vor Augen, in der proletarische und radikaldemokratische Teile des Volkes die Entwicklung über die bloße „Freiheit“ des Privateigentums hinauszutreiben versuchten, entschied sich die deutsche Bourgeoisie für den „Mittelweg“ zwischen einer gut organisierten und bewaffneten Volksbewegung und dem Verharren in feudaler Kleinstaaterei.
„Wäre von den Liberalen, als sie 1848 die Macht in den Händen hatten, in Deutschland die Republik proklamiert worden, so wäre damit auch die Frage der deutschen Einheit gelöst, dann hätten wir es nicht nötig gehabt, zweiundzwanzig Jahre später auf den leichenbedeckten Schlachtfeldern Frankreichs aus Bismarcks bluttriefenden Händen die deutsche Reichseinheit zu empfangen.“[22]
Das reaktionäre Bündnis zwischen einer Bourgeoisie, die um ihren „Besitzstand“ fürchtete, und dem Teil des Adels, der sich um jeden Preis in die neue Zeit hinüberretten wollte, machte den Militarismus von Anfang an zu einem „natürlichen“ Bestandteil der bürgerlichen Herrschaft in Deutschland.
Historisch zu spät und zu kurz gekommen, konnte das deutsche Finanzkapital seine Weltherrschaftspläne erst mit Beginn des 1. Weltkrieges voll entfalten: „Der deutsche Imperialismus verbindet das brutale Draufgängertum des preußischen Junker- und Polizeistaates mit der ungestümen Gier eines modernen Finanzkapitals, das gerade in der Bluttaufe dieses Krieges seine größte Zusammenballung erreicht hat.“[23]
Die Situation entwickelte sich derart, „daß der europäische Weltkrieg zur Entladung ... (kommt), sobald die partiellen und abwechselnden Gegensätze zwischen den imperialistischen Staaten eine Zentralisationsachse, einen überwiegend starken Gegensatz finden ..., um den sie sich zeitweilig gruppieren können. Diese Lage wurde geschaffen mit dem Auftreten des deutschen Imperialismus.“[24]
Obwohl nationalstaatlichen Grenzen längst entwachsen, muß sich jedes Monopol zunächst der jeweiligen „Geburtsstätte“ des Nationalstaates als Sprungbrett bedienen, um seine Expansionsziele erreichen zu können. Zur Ausübung von Macht und Gewalt benötigt die herrschende Minderheit der Monopolbourgeoisie die „Armee aus dem Volk gegen das Volk“. Darin liegt der Grundwiderspruch des Militarismus, daß er gezwungen ist, seine Todfeinde zu bewaffnen.
Die wichtigste Machtgrundlage des Militarismus ist ein Staat, der den Interessen des Finanzkapitals untergeordnet ist und immer offener und aggressiver zum Vollstrecker monopolistischer Interessen nach innen wie nach außen wird. Die Macht des Staates findet ihren sichtbaren Ausdruck in der „Einrichtung einer öffentlichen Gewalt, welche nicht mehr unmittelbar zusammenfällt mit der sich selbst als bewaffnete Macht organisierenden Bevölkerung“[25], wie sie in Stammesorganisationen (Gesellschaftsformen ohne Aufspaltung in Klassen) noch üblich war.
Es entstehen „besondere Formationen bewaffneter Menschen“[25] als Ausdruck einer scheinbar über der Gesellschaft stehenden Macht wie das stehende Heer, die Armee, deren Einsätze (mit welchem Etikettenschwindel auch immer abgesegnet) den entscheidenden Schritt signalisieren: den unvermeidlichen Übergang vom wirtschaftlichen zum militärischen Expansionismus und somit zur steigenden Kriegsgefahr. Hinzu kommt der „Bundesgrenzschutz“ (BGS), der systematisch zur länderunabhängigen Bundespolizei ausgebaut wird und jederzeit die Rolle einer Bürgerkriegsarmee übernehmen kann.
Der Übergang zum immer offeneren Militarismus ist in den ökonomischen Widersprüchen des Imperialismus selbst begründet. Er wird aber auch dadurch beschleunigt, daß mit der Niederlage des sozialistischen Lagers der Streit um die Verteilung der Beute die Widersprüche zwischen den imperialistischen Konkurrenten weiter zugespitzt hat. Was hinter dem den Kampf zwischen Kapital und Arbeiterklasse verschleiernden Begriff der „System-Konkurrenz“ zunächst verschwunden schien, wird nun in alter Frische wieder sichtbar: das altbekannte, neu herausgeputzte Gesicht des deutschen Imperialismus. Eines Imperialismus, der alle bürgerlich-demokratischen Grundsätze im Innern ebenso wie das Völkerrecht nach außen mit Füßen tritt oder für seine Zwecke demagogisch instrumentalisiert.
Wie weitsichtig erscheinen da die Gedanken Rosa Luxemburgs, die für den Ausgang des Ersten Weltkrieges folgende Überlegungen anstellte:
„Ein Sieg Deutschlands wäre somit nur ein Vorspiel zum alsbaldigen zweiten Weltkrieg und dadurch nur ein Signal zu neuen fieberhaften militärischen Rüstungen sowie zur Entfesselung der schwärzesten Reaktion in allen Ländern, aber in erster Linie in Deutschland selbst. ...
Auch von dieser Seite (der Niederlage Deutschlands - d. AG.) führt der Sieg also dazu, neue fieberhafte Rüstungen in allen Staaten - das besiegte Deutschland selbstverständlich mit an der Spitze - und damit eine Ära der ungeteilten Herrschaft des Militarismus und der Reaktion in ganz Europa vorzubereiten mit einem neuen Weltkrieg als Endziel.“[26]
Geradezu prophetisch erscheinen diese Worte und sind doch nichts anderes als die konsequente Anwendung der Erkenntnisse Lenins über den Charakter des Imperialismus. Deshalb kann die „Hoffnung“, sich gemeinsam mit der eigenen Bourgeoisie - ob wirtschaftlich oder militärisch - gegen den Rest der Welt behaupten zu können, nur zur Vorbereitung neuerlicher Katastrophen führen.
Und diese „Gemeinsamkeit“ einklagend verkündete Minister Rühe in staatsmännischer Pose:
„Unsere wirtschaftliche, technologische und finanzielle Leistungsfähigkeit lassen eine Selbstbeschränkung deutscher Außenpolitik nach dem alten Muster nicht mehr zu.“[27]
„Da zu den politischen Besonderheiten des Imperialismus die Reaktion auf der ganzen Linie sowie die Verstärkung der nationalen Unterdrückung in Verbindung mit dem Druck der Finanzoligarchie und mit der Beseitigung der freien Konkurrenz gehören, so tritt mit Beginn des 20. Jahrhunderts in fast allen imperialistischen Ländern eine kleinbürgerlich-demokratische Opposition gegen den Imperialismus auf.“[28]
Diese Opposition ist also zunächst eine logische Folge der imperialistischen Entwicklung, die alle im Rahmen des Nationalstaates entstandenen bürgerlichen Freiheiten durch die fortschreitende Monopolisierung zu erdrosseln sucht: die „Freiheit“ des Besitzes, des Handels und die formale Gleichheit vor dem Gesetz. Solange von der Arbeiterklasse der Kampf hauptseitig entlang der von Rosa Luxemburg gezogenen Trennungslinie „Sozialismus oder Barbarei“ geführt wird, tritt sie als eigenständige Kraft nicht bestimmend in Erscheinung. Ihre konsequentesten antimilitaristischen Vertreter finden sich schließlich im antifaschistischen Widerstandskampf an der Seite von Kommunisten, Sozialdemokraten und parteilosen Linken wieder.
Die gemeinsamen Erfahrungen waren nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus stark genug, den von der KPD 1951 propagierten Vorschlag einer Volksbefragung gegen die Remilitarisierung breit zu unterstützen und - mit einem ebenso breiten Widerhall in allen Schichten der Bevölkerung - zu einem spürbaren Erfolg werden zu lassen.
„Die gegenwärtige Friedensbewegung verfolgt das Ziel, die Volksmassen zum Kampf für die Erhaltung des Friedens, zur Verhütung eines neuen Weltkrieges zu mobilisieren. Folglich setzt sie sich nicht das Ziel, den Kapitalismus zu stürzen und den Sozialismus zu errichten - sie beschränkt sich auf die demokratischen Ziele des Kampfes für die Erhaltung des Friedens. ...
Am wahrscheinlichsten ist, daß die gegenwärtige Friedensbewegung, als Bewegung für die Erhaltung des Friedens, im Falle des Erfolges zur Verhütung eines bestimmten Krieges, zu seinem zeitweiligen Aufschub, zur zeitweiligen Erhaltung des gegebenen Friedens, zum Rücktritt einer kriegslüsternen Regierung und zu ihrer Ablösung durch eine andere Regierung führt, die bereit ist, zeitweilig den Frieden zu erhalten. Das ist natürlich gut. ... Aber dennoch genügt das nicht, um die Unvermeidlichkeit von Kriegen zwischen den kapitalistischen Ländern überhaupt zu beseitigen. Es genügt nicht, da bei allen diesen Erfolgen der Friedensbewegung der Imperialismus dennoch erhalten bleibt, bestehen bleibt und folglich auch die Unvermeidlichkeit der Kriege bestehen bleibt.“[29]
Diese 1952 getroffene Einschätzung Stalins kennzeichnet den Widerspruch, in dem die Friedensbewegung befangen bleibt. Welchen Inhalt und welche Form der jeweilige antimilitaristische Kampf annimmt, ist abhängig vom Verhältnis zum Imperialismus selbst - vor allem zur imperialistischen Politik des eigenen Landes. Die Abhängigkeit vom US-Imperialismus war der einzig mögliche Weg für den Wiederaufstieg der deutschen Monopole („Die Amerikaner wollen lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb“[30]), der Weg zur militärischen Neutralität war mit der Spaltung Deutschlands und dem Wechsel ins imperialistische Lager vertan. Es galt sich zu entscheiden: Entweder mit der Arbeiterklasse (und der Sowjetunion) gegen den deutschen Militarismus oder mit der nationalistischen, von der eigenen Bombe träumenden Bourgeoisie gegen die Arbeiterbewegung.
Der Kampf gegen die Remilitarisierung (1949 - 55) war noch bestimmt von der unmittelbaren Erfahrung, daß die aggressivsten Vertreter des Finanzkapitals die Hitlerfaschisten finanziert und damit die Zerschlagung der Weimarer Republik ermöglicht hatten. In der sich Mitte der 70er Jahre erneut formierenden Friedensbewegung stand nur noch die Frage im Vordergrund, wie ein stabiler Status quo erhalten werden kann. Die Erwartungen fanden schließlich ihren politischen Ausdruck in den Bürgerinitiativen, der Anti-AKW-Bewegung, der Gründung einer Partei („Die Grünen“) und in der massenhaften Bewegung gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden.
Der Ende der 70er Jahre einsetzende Kampf gegen die US-Mittelstreckenraketen trieb die Entwicklung auf die Spitze. Für den Friedenskampf genügte die bloße Angst vor der Vernichtung, um als Friedensfreund willkommen zu sein. Ausschlaggebend war das Unverständnis für die entscheidende Frage, daß die Kriegsgefahr nicht ursächlich aus dem wachsenden militärischen Anteil im Staatshaushalt, sondern aus der kapitalistischen Produktion selbst resultiert. Schon die Produktion von Butter für das Kapital nur dann „lohnend“ ist, wenn nicht nur immer mehr Deutsche Butter essen wollen und können, sondern der letzte Winkel dieser Erde für Verkauf und Produktion derselben erschlossen werden kann.
Rede des Grünen-Sprechers Jürgen Trittin am 10.6.1998:
Liebe Freundinnen und Freunde, das Verwaltungsgericht hat der Bundeswehr und dem General Schönbohm, der hier im Nebenberuf noch Innensenator ist, eine Lektion ins Stammbuch geschrieben. Es hat ihm aufgeschrieben, daß öffentliche Plätze für alle da sind, nicht nur für die Bundeswehr. Und es hat hinzugefügt, die Bundeswehr kann nicht beanspruchen, daß Gelöbnisse auf einem öffentlichen Platz ausschließlich vor einem ihr wohlgesonnenen Publikum durchzuführen. Wir fordern die Polizei und die Einsatzleitung auf, diesem Spruch des Gerichts hier Folge zu leisten und aufzuhören, diese Kundgebung weiter mit kleinlichen Aktionen zu schikanieren. Ich füge aber ein weiteres hinzu: es kann heute schon als sicher gelten, der Plan, ein zweites öffentliches Gelöbnis in Berlin durchzuführen, ist gescheitert.
Dieses Gelöbnis, was hier stattfindet, das ist nicht öffentlich. Das ist ein mobiler Kasernenhof unter Polizeischutz und nichts anderes.
Liebe Freundinnen und Freunde, fast können einem die Soldaten dort hinter dem Zaun ja leid tun. Ich sagte: fast. In über hundert Fällen hat der Bundesverteidigungsminister in diesem Jahr Soldaten für Wahlkampfzwecke eingesetzt, und ich finde, auch ein Stück mißbraucht. Aber - mit Nachdruck - wir sind jederzeit an jedem Ort und in jedem Jahr gegen öffentliche Gelöbnisse.
Wir sind genau aus diesem Grunde gegen öffentliche Gelöbnisse, den Herr Rühe selber genannt hat. Auf die Frage, warum man denn so etwas brauche, es ein Soldatengesetz und alles mögliche gibt, warum heute noch Soldaten nicht etwa auf die Verfassung, das Grundgesetz, sondern auf eine abstrakte Bundesrepublik geloben, hat er gesagt: es geht um die Pflege von Tradition.
Nun schauen wir uns in der traditionsreichen, aber ruhmarmen deutschen Geschichte um. Selbst in Preußen, einer Militärdiktatur. Und es gibt nichts Gutes, wenn man sagt, man knüpfe an preußische Traditionen an. Selbst in Preußen haben Gelöbnisse und Vereinigungen im Kasernenhof stattgefunden. Es hat, liebe Freundinnen und Freunde, es hat nur eine Zeit in Deutschland gegeben, wo öffentlich gelobt und vereidigt wurde, und das waren nicht die Zeiten der Demokratie, sondern des blanken faschistischen Terrors. Und ich sage ganz deutlich, es hat Kritik an den Veranstaltern dieses breiten Bündnisses gegeben wegen eines Plakats: wer am Jahrestag von Lidice hier ein Gelöbnis veranstaltet und sich dabei auf Traditionen beruft, der stellt die Bundeswehr selbst in die Tradition der Wehrmacht, und deswegen mit allem Nachdruck: Nein zu dieser Tradition. Wer öffentliche Gelöbnisse veranstaltet, muß sich selbst über Rechtsradikale und Neonazis in der Armee und in der Gesellschaft nicht wundern.
ND, 24.6.98
Es war nicht mehr zu übersehen, was aus einer Bewegung wird, die die Frage nach dem Nutzen des Nachrüstungsbeschlusses ersetzt durch den Appell an die Angst vor dem Untergang. Mit der Zuspitzung - Was nützt uns der Streit um die Klassenfrage, wenn wir darüber das Leben im Strahlentod verlieren? - öffnete sich die Bewegung für diejenigen, die nationalistische Ziele verfolgten. Es wimmelte nur so von Militärs und selbsternannten Strategen, die alle möglichen Theorien entwickelten.
Der wohl bekannteste Vertreter dieser nationalistischen Strömung (siehe „Frieden nur für Deutsche!“), Oberstleutnant a. D. Mechtersheimer, bringt es nachträglich auf den Punkt, wenn er gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärt, daß „mein Widerstand gegen die Nato-Nachrüstung von der Sorge motiviert war, daß die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs ihren (!) Konflikt auf Kosten des deutschen Volkes unter Umständen mit atomaren Waffen austragen“[31]. Deutschland als Spielball fremder Mächte - stramm nationale Kreise haben das schon immer so gesehen, kommentiert der Verfasser des SZ-Artikels. Aus den ursprünglichen Zielen, die die Aufrüstung des deutschen Militarismus verhindern sollten, wurden dann „alternative Verteidigungskonzepte“ für den sich entfaltenden deutschen Imperialismus.
Für diese Logik waren breite Teile des großbürgerlichen Lagers sehr empfänglich. Welche Qualität eine derartige „Friedenssehnsucht“ wirklich hatte, wurde deutlich anhand einer kleinen 12-Zeilen-Meldung[32], daß die Siemens AG mit „Martin Marietta Aerospace“, dem Hersteller der verhaßten US-Raketen, ein gemeinsames Unternehmen zur Vermarktung der Steuerelektronik in den europäischen Nato-Ländern gegründet hatte. Dem entschiedenen NEIN zu den amerikanischen Raketen stand ein ebenso entschiedenes JA für deutsche Waffen gleicher Art gegenüber. Der Wechsel von der nationalen Frage (ein einiges friedliebendes Deutschland) zur eigenständigen imperialistischen Position des Separatstaates „Bundesrepublik Deutschland“ war nicht nur in diesem Punkt bereits vollzogen.
„Aber das stehende Heer erzeugt ... eine moderne Kriegerkaste, eine Kaste von Personen, die sozusagen von Kindesbeinen auf den Krieg dressiert sind, eine privilegierte Konquistadorenkaste, die im Kriege Abenteuer und Beförderung sucht. Hinzu kommen diejenigen Kreise, die im Falle eines Kriegs ihr besonderes Schäflein scheren, die Lieferanten von Waffen, Munition, ... kurz: die Armeelieferanten ...“[33]
Diese von Karl Liebknecht 1907 beschriebene Kriegerkaste, vor allem das dem Adel entstammende Offizierskorps, betrieb das militärische Handwerk von Berufs wegen und genießt im wilhelminischen Deutschland eine außerordentlich privilegierte Stellung. Hinzu kommt ein ausuferndes Versorgungssystem für Reserveoffiziere.
Diese Privilegierung ist aber gleichzeitig Ausdruck der vollkommenen Abhängigkeit vom Kriegshandwerk. Sie läßt - um der „Ehre“ willen - keine andere, tieferstehende gesellschaftliche Tätigkeit zu, die förmlich als „Degradierung“ empfunden wird. Der verlorene Erste Weltkrieg und die Novemberrevolution beenden zunächst das spätfeudale Theater des Deutschen Kaiserreichs und setzten den Berufsoffizier und seinen Troß den nivellierenden Verhältnissen einer bürgerlichen Demokratie aus.
So schrieb der Erste Generalquartiermeister Seiner Majestät Wilhelm Groener in seinen Erinnerungen: „Der Sturz des Kaisertums entzog den Offizieren den Boden ihres Daseins ... Wir hofften, durch unsere Tätigkeit (Bildung von Freikorps nach Auflösung der Armee und Niederschlagung der Novemberrevolution - die AG.) einen Teil der Macht im neuen Staat an Heer und Offizierskorps zu bringen, gelang das, so war ... das beste und stärkste Element des alten Preußentums in das neue Deutschland hinüber gerettet.“[34]
Ebenso war für die kleinen und mittleren „Hoflieferanten“, die die Bedürfnisse einer halbfeudalen Armee bedienten, die Internationale nun mal kein „Kaiserwalzer“. Von den Rüstungsmonopolen enteignet, in untergeordnete Verhältnisse oder Abhängigkeit gepreßt, waren sie bereit, nach jedem Strohhalm zu greifen. Ebenso das Heer der vom Staat alimentierten hohen und mittleren Beamten in den zivilen und militärischen Verwaltungsinstanzen, in der Polizei und an den Schulen. Sie alle waren aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung Gegner jeglichen Fortschritts.
Weltwirtschaftskrise 1921 und Inflation ließen Vereine, Parteien und „Bewegungen“ der zwielichtigsten Art entstehen. Gebraucht wurde außerdem eine Führerfigur, die auf der Grundlage einer zusammengeschusterten Weltanschauung Gruppen und Grüppchen zu einer Gesamtbewegung zusammenleimte und diese Sammlungsbewegung dem Großkapital als lenkbare „Massenbewegung“ derart andiente, daß sie gerne in sie investierte, um den emanzipatorischen Bestrebungen der Arbeiterbewegung zuvorzukommen.
Am Abgrund ihrer möglichen ökonomischen Vernichtung stehend, war ihnen jedes Ressentiment willkommen. Alles, was den angepaßten Spießer preußischer Beengtheit ängstigen konnte - Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten -, durften sie nun mit panischem Haß verfolgen und liquidieren nach dem Motto: Und willst du nicht mein untertäniger Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein.
Die Barbarei des Hitlerfaschismus überzog Deutschland mit einem Netz von Zwangsarbeits- und Vernichtungslagern, aus denen das deutsche Kapital sich gern und billigst bediente.
Nach der totalen Niederlage im Zweiten Weltkrieg verschwand dieser Teil des reaktionären Kleinbürgertums zwar nie völlig von der Bildfläche. Er trat jedoch zurück in die politische Reserve des deutschen Imperialismus.
Stattdessen betritt ein anderer Typus die politische Bühne - der in seinem Nationalgefühl zurückgesetzte und im „Konzert der Großmächte“ um Anerkennung ringende Nationalkonservative. Der wohl bekannteste Vertreter dieser Richtung war Alfred Mechterheimer. Als Oberstleutnant a. D. und ehemalige Lehrkraft an der Bundeswehrhochschule stellte er sich der Öffentlichkeit mit seiner Erklärung im „Stern“ 14/1981 vor: „Leider wird die Sicherheitspolitk der Bundesrepublik stärker von den Wünschen der USA beeinflußt und geprägt als vom verteidigungspolitischen Sachverstand ... Die gegenwärtige Sicherheitspolitik ist nur noch durch Unkenntnis und fehlende öffentliche Diskussion zu erklären.“[35]
Mechtersheimer konnte als Vertreter des „rechtskonservativen“ Lagers auf Stimmungen in der Friedensbewegung zurückgreifen, die angesichts der realen Gefahr eines Atomkrieges auf deutschem Boden jegliche Erinnerung an den mit großer Härte geführten Kampf gegen die Wiederbewaffnung des deutschen Monopolkapitals verloren hatte. Und die Rettung in einer breiten, bis ins großbürgerliche Lager und in die Bundeswehrelite hineinreichenden Bewegung für den Frieden suchte - nur für welches Ziel?
„Für mich war immer klar, seit ich mich mit Abrüstung beschäftige: Eigentlich geht es gar nicht um eine Raketendiskussion, sondern um die deutsche Frage.“[36]
Also vor allem für das Ziel, in Konkurrenz zu den Interessen des amerikanischen Imperialismus eigenständige imperialistische Ziele durchzusetzen. Insbesondere die Wiedervereinigung Deutschlands, an dessen Teilung politische Kräfte wie Mechtersheimer selbst mitgewirkt hatten. Da ist man dann gerne auch mal für den Frieden - einen Frieden, der den Klassengegensatz in den Interessengegensatz zwischen zwei imperialistischen Konkurrenten verwandelt.
Die Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenraketen konnte so nicht verhindert werden. Dafür ist die Aggressivität des deutschen Finanzkapitals lebendiger denn je. Neue Waffentechnologien dienen als Grundlage für militärische Strategien, die Kriege wieder führbar machen sollen. Die Rüstungsgeschäfte laufen weiter und der Griff nach der Bombe ist längst noch nicht abgehakt.
„Friedenskämpfer“ Mechtersheimer (auch er mußte sich ja für eine Seite entscheiden) bedient heute die neofaschistische Szene, die mit dem Geschrei von der „überfremdeten Bananenrepublik Deutschland“ nur das etwas zu schrille Echo einer aggressiv imperialistischen Militär- und Außenpolitik darstellt. Und er läßt sich von den Reps im Bürgerhaus von Ottobrunn keineswegs satirisch zum Thema ankündigen: „Weder Einigkeit? Weder Recht? Weder Freiheit? Es spricht Gastreferent Dr. Alfred Mechtersheimer, der Initiator der Deutschlandbewegung.“[2]
„Die internationale Spaltung der gesamten Arbeiterbewegung ist jetzt schon ganz offen zu Tage getreten ... Auch die Tatsache des bewaffneten Kampfes und des Bürgerkriegs zwischen den beiden Richtungen ist zutage getreten: ... in Deutschland - die Scheidemann samt Noske und Co. mit der Bourgeoisie gegen die Spartakusleute...
Diese Schicht der verbürgerten Arbeiter oder der „Arbeiteraristokratie“, in ihrer Lebensweise, nach ihrem Einkommen, durch ihre ganze Weltanschauung vollkommen verspießert, ist die Hauptstütze der II.Internationale und in unseren Tagen die soziale (nicht militärische) Hauptstütze der Bourgeoisie. Denn sie sind wirkliche Agenten der Bourgeoisie innerhalb der Arbeiterbewegung, ... wirkliche Schrittmacher des Reformismus und Chauvinismus. Im Bürgerkrieg zwischen Proletariat und Bourgeoisie stellen sie sich in nicht geringer Zahl unweigerlich auf die Seite der Bourgeoisie...“[37]
Es sind die Erfolge der damaligen revolutionären sozialdemokratischen Parteien in den entwickelten kapitalistischen Ländern, die Illusionen erzeugen über die „Demokratisierung“ der kapitalistischen Gesellschaft. Das scheinbare Zurückweichen der Bourgeoisie zugunsten unpersönlicher staatlicher Institutionen, eine relativ lange Friedensperiode vor dem Ersten Weltkrieg und durch erfolgreiche Kämpfe erzielte Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen sind der Ausgangspunkt für Theorien, die einen gewaltfreien Übergang zum Sozialismus ohne revolutionären Einschnitt möglich machen sollen.
Die für Revolutionäre selbstverständliche Wechselwirkung von Reformen (deren politischer Zweck der organisatorische Zusammenschluß der Arbeiter ist) und Revolution (Beseitigung des kapitalistischen Ausbeutersystems in einer historisch günstigen Situation) wird in den Antagonismus[38] Revolution oder Reformen verwandelt. Dadurch verändert sich die Haltung dieser „Reformer“ dahingehend, daß das Verhältnis zum Staat, zum Gesetz, zur Kapitalistenklasse und zum Militär abhängig gemacht wird von Zugeständnissen, wechselseitigen Übereinkünften (in Verträge und Gesetze „gegossen“) und dem Verzicht auf „nichtlegale“ Gewaltanwendung.
Die Folge ist, daß das bestehende System samt Überbau (Staatsapparat, Militär, etc.) zur politischen Handlungsgrundlage gemacht wird. So wird der Militarismus nicht mehr als eine Erscheinungsform der Ausbeutergesellschaft gesehen. Stattdessen kämpft man „zäh und entschlossen“ gegen alle Auswüchse dieses mörderischen Systems. Mit dem Erfolg, daß die Arbeiterklasse im Falle imperialistischer Kriege ideologisch und praktisch entwaffnet dasteht.
Erklärung Haases im Namen der SPD-Fraktion zur Bewilligung der Kriegskredite in der Reichstagssitzung vom 4. August 1914
„Meine Herren, im Auftrage meiner Fraktion habe ich folgende Erklärung abzugeben.
Wir stehen vor einer Schicksalsstunde. Die Folgen der imperialistischen Politik, durch die eine Ära des Wettrüstens herbeigeführt wurde und die Gegensätze unter den Völkern sich verschärften, sind wie eine Sturmflut über Europa hereingebrochen. Die Verantwortung hierfür fällt den Trägern dieser Politik zu („Sehr wahr!” bei den Sozialdemokraten.); wir lehnen sie ab. („Bravo!” bei den Sozialdemokraten.)
Die Sozialdemokratie hat diese verhängnisvolle Entwicklung mit allen Kräften bekämpft und noch bis in die letzten Stunden hinein hat sie durch machtvolle Kundgebungen in allen Ländern, namentlich in innigem Einvernehmen mit den französischen Brüdern (Lebhaftes „Bravo!” bei den Sozialdemokraten.), für die Aufrechterhaltung des Friedens gewirkt. (Erneuter lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Ihre Anstrengungen sind vergeblich gewesen.
Jetzt stehen wir vor der ehernen Tatsache des Krieges. Uns drohen die Schrecknisse feindlicher Invasionen. Nicht für oder gegen den Krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern über die Frage der für die Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel. (Lebhafte Zustimmung bei den bürgerlichen Parteien.) Nun haben wir zu denken an die Millionen Volksgenossen, die ohne ihre Schuld in dieses Verhängnis heineingerissen sind. („Sehr wahr!” bei den Sozialdemokraten.) Sie werden von den Verheerungen des Krieges am schwersten getroffen. („Sehr richtig!” bei den Sozialdemokraten.) Unsere heißen Wünsche begleiten unsere zu den Fahnen gerufenen Brüder ohne Unterschied der Partei. (Lebhaftes allseitiges „Bravo!” und Händeklatschen.) Wir denken auch an die Mütter, die ihre Söhne hergeben müssen, an die Frauen und die Kinder, die ihres Ernährers beraubt sind und denen zu der Angst um ihre Lieben die Schrecken des Hungers drohen. Zu diesen werden sich bald Zehntausende verwundeter und verstümmelter Kämpfer gesellen.(„Sehr wahr!”) Ihnen allen beizustehen, ihr Schicksal zu erleichtern, diese unermeßliche Not zu lindern, erachten wir als eine zwingende Pflicht. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Sieg des russischen Despotismus, der sich mit dem Blute der Besten des eigenen Volkes befleckt hat (Lebhafte Rufe „Sehr wahr!” bei den Sozialdemokraten.), viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. (Erneute Zustimmung.) Es gilt, diese Gefahr abzuwehren, die Kultur und die Unabhängigkeit unseres eigenen Landes sicherzustellen. („Bravo!”)
Da machen wir wahr, was wir immer betont haben: Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich. (Lebhaftes „Bravo!”) wir fühlen uns dabei im Einklang mit der Internationale, die das Recht jedes Volkes auf nationale Selbständigkeit und Selbstverteidigung jederzeit anerkannt hat („Sehr richtig!” bei den Sozialdemokraten.), wie wir auch in Übereinstimmung mit ihr jeden Eroberungskrieg beurteilen. („Sehr gut!” bei den Sozialdemokraten.)
Wir fordern, daß dem Kriege, sobald das Ziel der Sicherung erreicht ist und die Gegner zum Frieden geneigt sind, ein Ende gemacht wird durch einen Frieden, der die Freundschaft mit den Nachbarvölkern ermöglicht. („Bravo!” bei den Sozialdemokraten.) Wir fordern dies nicht nur im Interesse der von uns stets verfochtenen internationalen Solidarität, sondern auch im Interesse des deutschen Volkes. („Sehr gut!” bei den Sozialdemokraten.)
Wir hoffen, daß die grausame Schule der Kriegsleiden in neuen Millionen den Abscheu vor dem Kriege wecken und sie für das Ideal des Sozialismus und des Völkerfriedens gewinnen wird. (Lebhaftes „Bravo!” bei den Sozialdemokraten.)
Von diesen Grundsätzen geleitet, bewilligen wir die geforderten Kriegskredite.” (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Reihe II, Bd. 1, Dietz Verlag, Berlin 1958, S. 22/23.
Die Zustimmung der Mehrheitssozialdemokratie zu den Kriegskrediten 1914 offenbarte ihren politischen Bankrott. Sie stellte alle Organisationen der Arbeiterklasse (Partei, Gewerkschaft, Presse) in den Dienst des Imperialismus und ließ die Arbeiter für die Kriegsziele des Monopolkapitals in den Schützengräben verbluten. Und die Bourgeoisie läßt kommentieren: „Stellen wir uns vor, wir hätten diese große Arbeitervereinigungen nicht, sondern Millionen ständen dem Staat nur als Individuen gegenüber, so ist es doch sehr wahrscheinlich, daß sich sehr viele unter ihnen finden würden, die, nicht von der allgemeinen Bewegung ergriffen, der Einberufung zur Armee passiven oder auch aktiven Widerstand entgegengesetzt hätten. Vor 1870 haben die Mobilmachungen an nicht wenigen Orten nur mit Gewalt durchgesetzt werden können. ... Diesmal hat sich auch nicht das Geringste dergleichen ereignet.“[39]
Im Vorwort zu einer 1981 herausgegebenen Dokumentation zur Militärpolitik erklärte der damalige DGB-Vorsitzende Heinz Oskar Vetter zu dem Verhältnis der Gewerkschaften zur Bundeswehr, daß „in den schweren Jahren des Wiederaufbaus und der Grundlegung der wirtschaftlichen und sozialen Fundamente unseres Staates ... die soziale Aufrüstung (!) Vorrang vor der militärischen (hatte).“[2] Es sei deshalb undenkbar gewesen, daß Gewerkschaften und Bundeswehr in einer gemeinsamen Erklärung ihren Stellenwert und ihre zukünftige Zusammenarbeit festlegen konnten.
„Heute ist dies möglich, weil beide Organisationen die unterschiedlichen Aufgaben und Funktionen der anderen Seite anerkennen und sich gegenseitig als Bestandteil des demokratischen Sozialstaats respektieren.“[40]
Diese Worte zielten noch auf die „System-Konkurrenz“ mit den sozialistischen Ländern, insbesondere auf die DDR. Der Wegfall derselben enthüllen ihren eigentlichen gnadenlosen Charakter. Nicht nur Abwehr des Kommunismus, sondern eine Kriegserklärung gegen alle Völker, die sich dieser Koalition und ihrer „Besitzstandwahrung“ in den Weg zu stellen wagen.
„Die ökonomische Grundlage des Opportunismus und Sozialchauvinismus (= Vaterlandsverteidigung - d. AG.) ist ein und dieselbe: die Interessen einer ganz geringfügigen Schicht von privilegierten Arbeitern und Kleinbürgern, die ihre privilegierte Stellung, ihr „Recht“ auf Brocken vom Tische der Bourgeoisie verteidigen, auf Brocken von Profiten, die „ihre“ nationale Bourgeoisie durch die Ausplünderung fremder Nationen, durch die Vorteile ihrer Großmachtstellung usw. einstreicht.
Der ideologisch-politische Inhalt des Opportunismus und des Sozialchauvinismus ist ein und derselbe: Zusammenarbeit der Klassen statt Klassenkampf, Verzicht auf revolutionäre Kampfmittel, Unterstützung der „eigenen“ Regierung in einer für sie schwierigen Lage statt Ausnutzung dieser Schwierigkeiten für die Revolution.“[41]
„Die Arbeiterklasse, die vorzugsweise die Soldaten zu stellen und hauptsächlich die materiellen Opfer zu bringen hat, (ist) eine natürliche Gegnerin des Krieges, der im Widerspruch zu ihren Zielen steht: Schaffung einer auf sozialistischer Grundlage beruhenden Wirtschaftsordnung, die die Solidarität der Völker verwirklicht ...“[42]
Es ist die vom Kapital selbst geschaffene Organisation der Arbeit im Großbetrieb, die die Arbeiter zu allen Formen der Kooperation unter allen möglichen und unmöglichen Bedingungen regelrecht zwingt. Wie keine andere Schicht oder Klasse steht das Proletariat im scharfen Gegensatz nicht nur zur Ausbeutung durch das Kapital, sondern auch zur aus der imperialistischen Konkurrenz resultierenden Kriegsgefahr.
Sein Kampf gegen Ausbeutung und Kriegsgefahr wird dadurch erschwert, daß die Arbeiter ihre Kämpfe gegen das Kapital von sich aus zwar kollektiv, aber zunächst nur an ihren unmittelbaren Interessen orientiert, führen (siehe „Spontane Erfolge“ S.26). Im Gegensatz zur Bourgeoisie fehlt ihnen das politische Klassenbewußtsein, um über die „Keimformen des Klassenkampfes“[43] hinauszugehen. Es bedarf einer revolutionären Organisation, die das Wissen über den antagonistischen Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit in ihre Reihen hineinträgt und dem spontanen Kampf die entscheidende Wendung gibt: die bewußt organisierte Beseitigung von Imperialismus und Militarismus.
Arbeitslosigkeit, steigende Arbeitshetze und Steuerlast, keine Aussicht auf eine nennenswerte Verringerung der Militärausgaben - der unversöhnliche Klassengegensatz tritt in aller Schärfe hervor. Welchen Nutzen kann sich das Proletariat von einer Politik erwarten, die den Militarismus nach innen wie nach außen notwendig macht?
Die Antwort auf diese Frage liegt im internationalen gewerkschaftlichen und politischen Zusammenschluß der Arbeiter. Damit dieser internationale Kampf zustande kommen kann, ist eine Voraussetzung entscheidend: „Dem Proletariat können die politischen, sozialen und kulturellen Bedingungen seines Kampfes nicht gleichgültig sein, folglich können ihm auch die Geschicke seines Landes nicht gleichgültig sein. Jedoch interessieren es diese Geschicke nur insofern, als sie seinen Klassenkampf betreffen, nicht aber kraft eines bürgerlichen, im Munde von Sozialdemokraten ganz unangebrachten ,Patriotismus’.“[44]
Entscheidend ist die Haltung gegenüber der eigenen imperialistischen Bourgeoisie. Bestimmend dafür kann nicht die bloße Kritik an den Symptomen des Militarismus und der Kampf dagegen sein - wie z.B. Staatsverschuldung, Rüstungsausgaben, Erfassung der Frauen für militaristische Ziele und Aufgaben. Zu den entscheidenden Aufgaben gehört es, die vom Imperialismus vorangetriebene Entwicklung über die Grenzen der bestehenden Verhältnisse hinauszutreiben.
Wenn die Imperialisten
- die Militarisierung der Gesellschaft verstärken,
- alle Teile des Volkes - also auch die Frauen - für ihre Ziele direkt oder indirekt einspannen,
- die Konkurrenz mit anderen Imperialisten bis zum offenen Krieg zuspitzen,
dann besteht die Aufgabe des Proletariats darin, alle Möglichkeiten zu nutzen, um diesen Krieg in einem Bürgerkrieg gegen die eigene Bourgeoisie zu verwandeln.
Da „die Bourgeoisie aller imperialistischen Großmächte ... so reaktionär geworden (ist) und vom Streben zur Weltbeherrschung durchdrungen (ist), .. (kann) jeder Krieg seitens der Bourgeoisie dieser Länder nur reaktionär sein ... Das Proletariat soll nicht nur gegen jeden solchen Krieg sein, sondern auch die Niederlage seiner Regierung in solchen Kriegen wünschen und zur revolutionären Erhebung benutzen, wenn eine solche Erhebung zur Verhinderung des Krieges mißlingt.“[45]
Werden diese entscheidenden Punkte in allen imperialistischen Ländern der Erde vom Proletariat übernommen und durchgeführt, dann besteht zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die Möglichkeit, Kriege für immer abzuschaffen. Deshalb läßt sich das antimilitaristische Programm des Proletariats am deutlichsten in den folgenden Zeilen eines Briefes Karl Liebknechts zusammenfassen: „Gesetzt den Fall: in Berlin hause eine Räuber- (Einbrecher-) bande und in Paris eine andre. Was ist dagegen zu tun? Die Regierungssozialisten sagen: Ganz einfach: Die Berliner fordern von den Parisern, (daß) die dortige Bande unschädlich gemacht werde, die Pariser von den Berlinern, daß sie die hiesige abhalftere, widrigenfalls ...
Wir sagen: Da könnt ,ihr lange hin- und herfordern’! Wir wissen ein besseres Rezept: Ihr Berliner packt die Berliner Bande, Ihr Pariser die Pariser Bande - so seid ihr beide mit einem Schlag los. Nun urteilt, welche Taktik ist vorzuziehen?“[46]
Arbeitsgruppe „Militarisierung“
1 Franz Ahrens über Max Reimann, „Streiflichter aus dem Leben eines Kommunisten“, Blinkfüer Verlag Hamburg 1968, S.19ff.
2 Max Reimann, 1898 in Elbing geboren, wird 1913 Nieter auf der dortigen Schichau-Werft und im Metallarbeiterverband gewerkschaftlich aktiv. Beteiligt sich 1916 an der antimilitaristischen Arbeit im Spartakusbund und 1918 an den Kämpfen der Novemberrevolution. Ist danach Bergarbeiter in Ahlen, baut den dortigen KJV auf. Geht 1933 in die Illegalität, nach seiner Verhaftung von 1939-45 im KZ Sachsenhausen. Ab 1948 1.Vorsitzender der KPD bis zu ihrem Verbot im August 1956.
3 Franz Ahrens über Max Reimann, S.11.
4 W. I. Lenin, „Der streitbare Militarismus und die antimilitaristische Taktik der Sozialdemokratie“, LW Bd.15, Dietz Verlag Berlin 1984,S.187.
5 Zitiert nach: Franz Ahrens über Max Reimann, S.20ff.
6 Karl Liebknecht, „Militarismus und Antimilitarismus“, Gesammelte Reden und Schriften Bd.1, Dietz Verlag Berlin 1985, S.358.
7 Zitiert nach: Wolf-Dieter Gudopp, „Auf dem Weg in den Dritten Weltkrieg?“, Verein Wissenschaft & Sozialismus Frankfurt (Main) 1993, S.78f. (Rühe in der FAZ vom 10.9.1993 - Titel: „Es geht nicht um Eroberungen, es geht um Hilfe“).
8 Franz Ahrens über Max Reimann, „Streiflichter aus dem Leben eines Kommunisten“, Blinkfüer Verlag Hamburg 1968, S.3f.
9 Otto Rühle, „Illustrierte Kultur- und Sittengeschichte des Proletariats“ Bd.2 (Nachdruck der Originalausgabe von 1930), Verlag Neue Kritik Frankfurt (Main) 1971, S.535f.
10 Rosa Luxemburg, „Über Militarismus und Arbeiterklasse“ (Rede am 12.Mai 1914 im VI.Berliner Reichstagswahlkreis), Gesammelte Werke Bd.3, Dietz Verlag Berlin 1983, S.444.
11 „Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution“ (Nachdruck des Originals von 1929), Verlag Neue Kritik Frankfurt (Main) 1970, S.73.
12 Geheimgesellschaft der Boxer: Nationalistischer Geheimbund des chinesischen Adels, entstanden 1770, um den „Ausverkauf Chinas“ an ausländische Interessen durch die damals herrschende Adelsdynastie zu verhindern. Zum genannten Zeitpunkt Teil des antiimperialistischen Kampfes in China (z. B. Protest gegen die Verpachtung von Militärstützpunkten an England und Deutschland), der sich auf religiöse und terroristische Ideen stützte. Die „Boxer“ gaben den Anstoß für einen landesweiten Aufstand gegen die Ausplünderung Chinas durch das internationale Kapital, an dem sich etwa 20 Millionen Chinesen beteiligten. Der Name „Boxer“ ist der von den Kolonialherren verächtlich verkürzte Name der Gesellschaft I-ho-ch’üan („Faustkämpfer für Rechtlichkeit und Einigkeit“).
13 „Chronik - Bibliothek des 20.Jahrhunderts“ Bd.1/1900-1903, Bertelsmann Lexikon Verlag Gütersloh 1998, S.179.
14 „Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution“, S.105.
15 „Illustrierte Geschicte der deutschen Revolution“, S.292.
16 „Weimars Wehr“, Die Zeit Nr.21 vom 16.5.1975.
17 „Novemberrevolution 1918/1919“, Dietz Verlag Berlin 1978, S.258.
18 Ernst Klee u. a. (Hrsg.), „Schöne Zeiten“ - Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer, S. Fischer Verlag Frankfurt (Main) 1988, S.115.
19 Jürgen Pomorin, „Rührt euch Kameraden - Tagebuch eines Wehrpflichtigen“, Weltkreis Verlag Dortmund 1980, 4. Auflage, S.187.
20 W.I.Lenin, „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, Bücherei des Marxismus-Leninismus, Dietz Verlag Berlin 1973, S.70 f.
21 Franz Mehring, Gesammelte Schriften Bd.8, „Zur Kriegsgeschichte und Militärfrage“, Dietz Verlag Berlin 1982, S.292.
22 R. Luxemburg, „Der preußische Wahlrechtskampf und seine Lehren“, GW Bd.2, S.316.
23 R. Luxemburg, „Der Katastrophe entgegen“, GW Bd.4, S.382.
24 R. Luxemburg, „Die Krise der Sozialdemokratie“, GW Bd.4, S.78.
25 W. I. Lenin, „Staat und Revolution“, Ausgewählte Werke in 3 Bänden (Bd.II), Dietz Verlag Berlin 1961, S.324.
26 R. Luxemburg, „Die Krise der Sozialdemokratie“, GW Bd.4, S.156/157.
27 Kriegsminister Rühe, zitiert nach: Gudopp, „Auf dem Weg in den Dritten Weltkrieg?“, Verein Wissenschaft & Sozialismus Frankfurt (Main) 1993, S.9.
28 W. I. Lenin, „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, Verlag für fremdsprachliche Literatur, Peking 1975, S.137.
29 J. W. Stalin, Werke Bd. 15, „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR“, Verlag Roter Morgen Dortmund 1979, S.327f.
30 Innenminister Carlo Schmid, zitiert nach: Hans Ahrens über Max Reimann, „Streiflichter aus dem Leben eines Kommunisten“, Blinkfüer Verlag Hamburg 1968, S.128.
31 Süddeutsche Zeitung Nr.186/14.8.98, S.9, Artikel-Überschrift: „Täglich eine gute Tat für Deutschland“.
32 „Aus Unternehmen“ in electronic journal 10/1984, zitiert nach: Arbeitsmaterial zur KAZ, München 1990, S.277.
33 Karl Liebknecht, „Militarismus und Antimilitarismus“, Gesammelte Reden und Schriften Bd.1, Dietz Verlag Berlin 1985, S.358f.
34 „Chronik - Bibliothek des 20.Jahrhunderts“ Bd.5 (1916-19), Chronik Verlag Gütersloh 1998, S.172, Offiziere für ein neues Preußentum.
35 Zitiert nach: Lorenz Knorr, „Geschichte der Friedensbewegung in der Bundesrepublik“, Pahl-Rugenstein Verlag Köln 1983, S.191.
36 Alfred Mechtersheimer, zitiert nach: Süddeutsche Zeitung Nr.186, 14.8.98, S.9, Artikel-Überschrift: „Täglich eine gute Tat für Deutschland“.
37 W. I. Lenin, „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, Bücherei des Marxismus-Leninismus, Dietz Verlag Berlin 1973, S.12f.
38 Antagonismus: unlösbarer Widerspruch. Z. B. ist der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit antagonistisch.
39 „Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution“, S.109.
40 „Gewerkschaften und Bundeswehr“, Militärpolitik-Dokumentation Heft 23/24, Haag+Herchen Verlag Frankfurt (Main) 1981, S.1.
41 W. I. Lenin, „Sozialismus und Krieg“, LW Bd.21, Dietz Verlag Berlin 1984, S.311.
42 W. I. Lenin, „Der streitbare Militarismus und die antimilitaristische Taktik“, Dietz Verlag Berlin 1972, LW Bd.15, S.188.
43 W. I. Lenin, „Was tun?“, Ausgewählte Werke in drei Bänden (Bd.I), Dietz Verlag Berlin 1970, S.166.
44 W. I. Lenin, „Der streitbare Militarismus und die antimilitaristische Taktik“, LW Bd.15, S.190.
45 W. I. Lenin, „Das Militärprogramm der proletarischen Revolution“, LW Bd.23, S.80.
46 Brief Karl Liebknechts aus dem Zuchthaus Luckau, zitiert nach: KAZ Nr.198/199, 15.8.1981, S.21.
Zum Bild: Volksentscheid in Sachsen 1946 - Enteignung der Kriegsverbrecher und antifaschistisch-demokratische Umwälzung (aus: „120 Jahre Deutsche Arbeiterbewegung“, Dietz Verlag Berlin 1964, S.299).
Der Kampf gegen die Remilitarisierung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg war durch eine Ausnahmesituation gekennzeichnet. Zum ersten Mal war ein imperialistisches Land vollständig besiegt worden. Ohne die Stützung durch den US-Imperialismus wäre der deutsche Militarismus nicht mehr auf die Füße gekommen. Der Kampf gegen den Militarismus verband sich daher eng mit der nationalen Frage. Die deutsche Bourgeoisie löste das Problem auf ihre Weise: Sie warf sich dem US-Imperialismus förmlich in die Arme und betrieb die Spaltung Deutschlands. Erst mit der vollzogenen Remilitarisierung und dem KPD-Verbot 1956 traten wieder „normale“ imperialistische Verhältnisse ein.
Bereits Anfang 1948, also noch vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, sickerten erste Meldungen über die Aufstellung regulärer westdeutscher Militärverbände durch. Die allmählich einsetzende Diskussion löste in der deutschen Öffentlichkeit helle Empörung aus.
- 25.000 junge Arbeiter riefen auf der ersten Jugendtagung der IG Bergbau in Bochum dem Bundespräsidenten Theodor Heuß im Sprechchor zu: „Wir wollen keine Soldaten sein. Theodor geh’ Du allein!“ Losungen an Häuserwänden und Mauern wie „Butter statt Kanonen!“ widerspiegelten sichtbar die antimilitaristische Stimmung der Bevölkerung.[1]
- Im Januar 1951 entstand die erste organisatorische Plattform (Friedenskongreß in Essen) mit dem Ziel einer Volksbefragung. Die Abstimmungsfrage lautete: „Sind Sie gegen die Remilitarisierung und für den Abschluß eines Friedensvertrages mit Deutschland im Jahre 1951?“ ... Ob in Betrieben oder Wohnbereichen, auf Mitgliederversammlungen der Gewerkschaften ..., überall, wo die Volksbefragung durchgeführt werden konnte, stimmte die Mehrheit gegen die Remilitarisierung.[2]
- Als sich 1950/51, mitverursacht durch den Koreakrieg, die Konjunktur im Bergbau rasch zu entwickeln begann, konnte der Kohle-Export erheblich gesteigert werden. Dadurch war aber eine ausreichende Deckung des Inlandsbedarfs nicht mehr möglich. Folglich versuchten die Zechenbesitzer durch die willkürliche Festlegung von Sonderschichten, ihre Profite kräftig zu erhöhen. Als offenbar wurde, daß die derart geförderte Kohle nicht für den Hausbrand der Bevölkerung, sondern für die Schwerindustrie (insbesondere für die amerikanische Rüstungsproduktion) verwendet werden sollte, reagierten die Bergarbeiter zunächst mit Protesten. Sie bezeichneten die Sonderschichten als „Panzerschichten“. Die von der KPD eingebrachte Parole „Auf Panzerschichten folgen Panzerschlachten“ wurde ihre eigene und wirksame Aktionslosung. Aus der spontanen Abwehr entwickelte sich eine bewußte politische und erfolgreiche Demonstration. Die Folge war, daß kaum noch solche Schichten gefahren werden konnten und die Beteiligung daran stark zurückging.[3]
- Bei der Übernahme des DGB-Vorsitzes im August 1951 erklärte Christian Fette vor der Presse: „Als Vorsitzender einer großen demokratischen Organisation halte ich es für absolut notwendig, daß wir unsere Freiheit gegen jeden totalen Angriff verteidigen.“ Schon vorher, im Frühjahr 1951, hatten 2000 Mitglieder der IG Bergbau von der Schachtgruppe „Rheinbaben“ eine Entschließung an der Vorstand des DGB verabschiedet, in der sie eine Betriebsräte- und Vertrauensmännerkonferenz verlangten, auf deren Tagesordnung nur ein einziger Punkt - der Kampf der Gewerkschaften gegen die Remilitarisierung - stehen sollte. Hunderte Entschließungen gleichen Inhalts wurden von Belegschaften anderer Betriebe an den DGB gerichtet. Nach Fettes Presseerklärung stieg die gewerkschaftliche Opposition gegen den Rüstungskurs sprunghaft an.[4]
- Am 5. Februar 1951 hatte der Betriebsrat des Hüttenwerkes Haspe AG (Hagen) einen Appell an die französischen und an alle Arbeiter Europas gerichtet und unter Hinweis der großen Verantwortung der Gewerkschaften die Einberufung einer „Europäischen Arbeiterkonferenz gegen die Remilitarisierung Deutschlands“ vorgeschlagen. ... Nachdem im Februar 1951 auf der ersten vorbereitenden Konferenz im Berliner Glühlampenwerk ein Internationales Initiativkomitee gegründet worden war, tagte die Europäische Arbeiterkonferenz gegen Militarismus und Krieg vom 23. bis 25. März 1951 in Berlin. Über 900 Delegierte aus 19 europäischen Ländern waren anwesend. ... Die Vertreter der europäischen Arbeiter beschlossen, gemeinsam den Kampf gegen die Remilitarisierung Westdeutschlands vor allem durch Aktionen zur Verhinderung der Produktion und des Transportes von Kriegsmaterial in ihren Ländern zu führen. Sie versicherten den westdeutschen Arbeitern, sie bei der Durchführung jener Aufgaben zu unterstützen, die von den Vertretern der westdeutschen Arbeiterklasse in ihrer gemeinsamen Erklärung formuliert worden waren: „Die Lehren und Erfahrungen der Kämpfe der Arbeiter Europas haben unsere Überzeugung gestärkt, daß wir alle, gleich ob Sozialdemokraten, Kommunisten, Christen oder Parteilose, gemeinsam und entschlossener den Kampf gegen die Remilitarisierung führen müssen ... Laßt uns ohne Unterschied der Weltanschauung einheitlich in den Betrieben und Gewerkschaften den Kampf gegen die Remilitarisierung organisieren und führen. ... Fordert und organisiert die Volksbefragung gegen die Remilitarisierung Deutschlands!“[5]
- Im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um den „Vertrag über die Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft“ (EVG) kam es zu umfassenden Aktionen in den Betrieben. In allen wichtigen Großbetrieben verurteilten die Belegschaften das geplante Wehrgesetz. In Süddeutschland, im Ruhrgebiet und im Norden der Bundesrepublik streikten Arbeiter aus Protest gegen die Remilitarisierung. Allein in Süddeutschland fanden bis Ende Februar 1952 in 65 Betrieben Warnstreiks statt. In Nordrhein-Westfalen wurden 24 Warn- und Proteststreiks gezählt.[6]
- Höhepunkt der Manifestation der antimilitaristischen Opposition war ein Treffen junger Menschen am 11. Mai 1952 in Essen. ... Essen wurde in jenen Tagen Mittelpunkt des Protestes gegen den Rüstungskurs der Adenauer-Regierung. Zunächst versuchten polizeiliche Einheiten die Friedenskarawane zu stoppen. Polizisten provozierten die Gewalt und feuerten schließlich rücksichtslos auf fliehende junge Menschen. Tödlich von einer Kugel getroffen sank der junge Münchner Kommunist Philipp Müller zu Boden. Schwer verletzt wurden der parteilose Dreher Albert Bretthauer aus Kassel und der junge Sozialdemokrat Bernhard Schwarz aus Münster. ... „Heute schießt man auf die Jugend“, so warnte das Zentralbüro der Freien Deutschen Jugend, „morgen wird man auf Arbeiter schießen, die für ihre Rechte streiken.“[7]
- Adenauers reaktionäre Politik wurde während der ganzen Zeit von Demonstrationen und anderen Aktionen gegen die Remilitarisierung begleitet. Betriebe legten aus Protest gegen die Ratifizierung der Militärverträge (EVG- und Generalvertrag, Nov. 1952) kurzfristig die Arbeit nieder. Bauern leisteten nach wie vor Widerstand gegen den Landraub für militärische Zwecke. Rund 14 Millionen Menschen hatten sich bis dahin mit ihrer Unterschrift offen gegen die Remilitarisierung und für einen deutschen Friedensvertrag ausgesprochen. Zugleich verstärkte sich der Widerstand des französischen, italienischen und belgischen Volkes gegen die Ratifizierung der Militärverträge. Dieser Widerstand war so umfassend, daß er bis in die Regierungen dieser Länder hineinwirkte und sie zwang, vorübergehend in dieser Frage den USA, die auf die Ratifizierung drängten, nicht zu folgen.[8]
- Ab 22. Januar 1955 - einer der Höhepunkte des antimilitaristischen Widerstandes - setzte der starke Arm der Arbeiterklasse die wohl größte Friedensdemonstration in der BRD in Gang: Generalstreik - 800.000 Berg- und Hüttenarbeiter legten für 24 Stunden die gesamte Kohle- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets still. „Diesem System keinen Mann und keinen Groschen“ forderten sie mitten im Herzen der Industrie des Krieges der deutschen Imperialisten. ... Gegen alle fremden Mächte, ein starkes Deutschland, die deutsche Volksgemeinschaft, Deutschland über alles - dafür wird ja der Arbeiter in seiner Jugend in die Uniform der Bundeswehr gesteckt, dafür muß er ja tagtäglich schuften, ob er nun Tornados oder Kochtöpfe produziert. Dafür wird er auf die Straße geworfen und dafür soll er zahlen, zahlen, zahlen.[9]
- In der BRD marschierten Ostern 1960 erstmals ca. 1.000 norddeutsche Atomwaffengegner in einem Sternmarsch von Hamburg, Bremen, Braunschweig und Lüneburg zum Raketenübungsplatz in der Lüneburger Heide. ... Ermutigt wurden die damals versprengten Reste der Aktion „Kampf dem Atomtod“, als die Jugendkonferenz der IG Metall im Mai 1960 im Namen von 300.000 jungen Metallarbeitern zu entschlossenen Kampfmaßnahmen gegen die Atombewaffnung in der BRD aufrief. Im Oktober 1960 folgte ein ähnlicher Beschluß des 6.Verbandstages der IG Metall ... Vor den Ostermärschen 1961 warnten die SPD-Führung und der DGB-Vorstand ihre Mitglieder vor einer Teilnahme an dieser „kommunistisch inspirierten“ Aktion. Aber die Teilnehmerzahl wuchs sprunghaft: ca. 9.000 nahmen an den vier Regionalmärschen Nord, Ruhrgebiet, Rhein-Main-Gebiet und Bayern teil; 23.000 waren bei den Abschlußkundgebungen anwesend. Vor allem wirkte die Teilnahme von Arbeiterjugend-Gruppen, insbesondere der „Falken“ und der Naturfreundejugend, politisierend: das antimilitaristisch-politische Gedankengut trat neben das pazifistisch-ethische. Während 1960 „die“ Bombe und „der“ Krieg allgemein verurteilt wurde, zeichnete sich 1961 die Tendenz zu konkreten politischen Forderungen ab. ... Viele Transparente lauteten „keine Moneten für Strauß-Raketen!“.[10]
1 Fritz Krause, „Antimilitaristische Opposition in der BRD 1949-55“, Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt/M. 1971, S.42, Kap. „Wehrdienst ohne uns!“
2 Ebenda, S.44f., Kap. „Das Volk fragen!“
3 Ebenda, S.62f., Kap. „Panzerschichten verweigert“.
4 Ebenda, S. 68, Kap. „Aktionseinheit - Gebot der Stunde!“
5 Ebenda, S.71f., Kap. „Antimilitaristische Opposition formiert sich“.
6 Ebenda, S.89, Kap. „Arbeiterschaft in Aktion“.
7 Ebenda, S.119, Kap. „Kalter Krieg nach innen“.
8 Ebenda, S.152f., Kap. „Entscheidung gegen das Volk!“
9 KAZ Nr. 200/201, 11.2.1982, S.2, „Ein proletarischer Friede“.
10 Lorenz Knorr, „Geschichte der Friedensbewegung in der Bundesrepublik“, Pahl-Rugenstein Verlag Köln 1983, S.126f.