Für Dialektik in Organisationsfragen
In den letzten 20 Jahren sind im Sudan Millionen Menschen durch verschiedene Bürgerkriege ums Leben gekommen, sind verletzt oder vertrieben worden. Wenn überhaupt in den Medien berichtet wird, werden diese Konflikte meist dargestellt als unerklärliches, sinnloses Morden von verrückt gewordenen, bestialischen Kontrahenten, nur um, wie aktuell, dann wieder den Mantel des Schweigens darüber auszubreiten.
Am 29. Oktober 2025 veröffentlichte die Sudanesische Kommunistische Partei (SCP) eine Erklärung zu den aktuellen Massakern, begangen von den Rapid Support Forces (RSF) in den Städten Bara und El Fasher in der Region Darfur, die wir im Folgenden abdrucken.
Unsere Partei steht klar und entschieden gegen die entsetzlichen Massaker, die an Zivilist:innen in den Städten El Fasher und Bara sowie in anderen Gebieten von Kordofan und Darfur begangen werden – eine Haltung, die keinerlei Zweideutigkeit oder Rechtfertigung duldet.
Die Rapid Support Forces setzen ihre systematische Gewalt gegen unbewaffnete Zivilist:innen fort: Feldhinrichtungen, willkürliche Verhaftungen, Plünderungen und Zerstörung von Eigentum, Massenvertreibungen und das Erzwingen der Flucht der Bewohner:innen – und mehr, wie durch Berichte der Vereinten Nationen, Menschenrechtsorganisationen und der Medien dokumentiert und bestätigt wurde.
Diese höllische, systematische Gewalt ist das Ergebnis all der Kriege, die unser Land durchlitten hat – geprägt von Barbarei und dem Versagen, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Straflosigkeit war niemals die Ausnahme, sondern einer der Hauptgründe für die Wiederholung dieser Verbrechen. Dass die Täter nicht zur Verantwortung gezogen wurden, hat ein Umfeld geschaffen, das die Rückkehr von Kriegsverbrechen und Völkermord gegen die Bevölkerung von Städten und Dörfern ermöglicht, sobald sich die Kräfte des Regimes zurückziehen – wie in Bara und El Fasher zu beobachten ist.
Was wir heute erleben, ist eine Fortsetzung jener Politik, die seit den ersten Massakern in Darfur etabliert ist. Daher erfordert die Konfrontation mit diesen Verbrechen sofortige und entschlossene Rechenschaft für alle, die die Befehle erteilt oder ausgeführt haben.
Wir betonen außerdem, dass das Versäumnis, unbewaffnete Zivilist:innen zu schützen, und der Rückzug der Armee aus der standhaften Stadt El Fasher über Monate hinweg angesichts der Dschandschawid-Milizen, ein unverantwortlicher Akt ist, der Verurteilung und Rechenschaft erfordert. Die wichtigste Aufgabe der Armee besteht darin, die Bürger:innen und das Heimatland zu schützen – nicht sich selbst.
Wir in der Sudanesischen Kommunistischen Partei bekräftigen stets, dass das, was geschieht, kein bloßer militärischer Machtkampf ist. Es handelt sich vielmehr um eine komplexe Auseinandersetzung zwischen den parasitären Flügeln des Kapitalismus im Land um Macht und Ressourcen. Diese Kräfte haben ihren Reichtum und ihre Privilegien durch Korruption und die Ausnutzung der Macht zur Plünderung der Ressourcen angehäuft und nutzen bewaffnete Konflikte und Terror, um ihre Herrschaft zu festigen.
Gleichzeitig ist der Krieg ein regionales, internationales und imperialistisches Komplott, das darauf abzielt, den sudanesischen Staat zu schwächen und Bedingungen für Zersetzung und Spaltung zu schaffen – mit dem Ziel, die Fähigkeiten des Volkes, den Reichtum des Landes und die nationale Souveränität zu untergraben. Diese politische und wirtschaftliche Dimension des Konflikts (lokal, regional und international) legt der internationalen Gemeinschaft eine doppelte Verantwortung auf: sofort zu handeln, um diesen Krieg und diese Massaker zu beenden.
Wir, die Sudanesische Kommunistische Partei, rufen die Völker der Welt und ihre demokratischen Organisationen – an erster Stelle die kommunistischen und Arbeiterparteien –, ebenso wie Menschenrechtsorganisationen und das Gewissen der gesamten Welt, zur internationalen Solidarität mit dem sudanesischen Volk auf, das allein und standhaft einem brutalen Krieg entgegentritt, der nun in sein drittes Jahr geht – ohne Aussicht auf eine Lösung oder ein Ende.
Wir rufen zu weltweiten Volksbewegungen auf – auf den Straßen, in den Zeitungen, in den sozialen Medien oder auf andere Weise –, um den sofortigen Stopp des Krieges im Sudan und die Solidarität mit unserem Volk zu fordern.
Wir fordern außerdem, dass „weiche Erklärungen“ und formelle Appelle in praktische Schritte umgesetzt werden, um Zivilist:innen zu schützen, humanitäre Korridore zu öffnen, Hilfe zu leisten und neutrale, unabhängige Untersuchungen aller Kriegsverbrechen in unserem Land durchzuführen. Die Kritik und Verurteilungen internationaler und menschenrechtlicher Institutionen müssen durch konkrete Maßnahmen ergänzt werden: durch politische, wirtschaftliche und diplomatische Sanktionen gegen die Täter, durch ein Verbot des Waffenexports und der logistischen Unterstützung für die Verbrecher und durch die Überweisung der Verbrechen an unabhängige internationale und nationale Justizorgane.
Wir fordern außerdem:
Einen sofortigen Waffenstillstand, die Ausrufung einer humanitären Waffenruhe und die vollständige Öffnung humanitärer Korridore nach El Fasher sowie in andere Gebiete von Darfur, Bara und ganz Nord- und Südkordofan – mit dem Schutz der Hilfskonvois.
Eine rasche, unabhängige und transparente internationale Untersuchung der Kriegsverbrechen und die Rechenschaft aller, die diese begangen, angeordnet oder dazu beigetragen haben.
Dringendes Handeln der Völker der Welt, ihrer demokratischen Kräfte und Menschenrechtsorganisationen, um Staaten und internationale Institutionen unter Druck zu setzen, jegliche Unterstützung oder politische bzw. militärische Komplizenschaft mit den Verantwortlichen der Verbrechen zu beenden.
Gleichzeitig rufen wir die Avantgarde unseres Volkes, die Kräfte der Volksmobilisierung und die demokratischen Kräfte auf, ihre Reihen zu vereinen, den friedlichen Massenkampf zu intensivieren und politische Initiativen zu entwickeln, die darauf abzielen, den Krieg zu beenden, die Macht von den De-facto-Regierungen in Port Sudan und Nyala zu entreißen und auf den Weg der Revolution zurückzukehren, um einen zivilen, demokratischen Staat aufzubauen, der die Menschenrechte schützt und soziale Gerechtigkeit verwirklicht.
Wir werden nicht zulassen, dass die Zeugnisse der Opfer in bloßen Beileidserklärungen ohne Konsequenzen begraben werden. Das Blut schreit nach Gerechtigkeit – nach echtem Schutz und Rechenschaft.
Stoppt das Töten. Öffnet die Korridore für Hilfe. Bringt die Täter vor Gericht.
Gerechtigkeit für die Opfer – und Freiheit und Frieden für das Volk des Sudan.
Sudanesische Kommunistische Partei
29. Oktober 2025
Die Erklärung der SCP nennt diesen Krieg „ein regionales, internationales und imperialistisches Komplott, das darauf abzielt, den sudanesischen Staat zu schwächen und Bedingungen für Zersetzung und Spaltung zu schaffen – mit dem Ziel, die Fähigkeiten des Volkes, den Reichtum des Landes und die nationale Souveränität zu untergraben.“
Wie fast überall hat auch der deutsche Imperialismus seine Hände im Spiel, ist dabei im Kampf um Einfluss und um den Reichtum des Landes. So forcierte die deutsche Regierung seit den 1990er Jahren die Abspaltung des Südsudan vom Sudan, ein „Vorzeigeprojekt der Berliner Afrikapolitik“ (german-foreign-policy.com 5.5.2025) Es ging dabei vor allem um die sudanesischen Bodenschätze (Erdöl), wovon die meisten im Südsudan lagern. Um den Sudan beim Abtransport zu umgehen, ließen deutsche Firmen alternative Transportwege bauen. Nach einem Bürgerkrieg mit vielen Toten spaltete sich der Südsudan 2011 schließlich ab.
Wurde die sudanesische Regierung unter Omar Al Bashir, die die Abspaltungsbestrebungen heftig bekämpft hatte, zunächst jahrelang geächtet, kam sie wieder zu Ehren als es darum ging, Flüchtlinge davon abzuhalten, in die EU und nach Deutschland zu kommen. Dabei waren „zumindest in einigen Fällen Milizen am Kampf gegen die Flucht beteiligt, die wenige Jahre zuvor noch im Westen wegen ihrer mörderischen Praktiken in der Aufstandsbekämpfung in Darfur scharf attackiert wurden. All dies hielt Berlin und die EU jedoch nicht ab, Khartum hohe Summen für die Flüchtlingsabwehr zur Verfügung zu stellen. Bereits Anfang 2018 hatte Sudans Regierung gut 200 Millionen Euro erhalten“ berichtete gfp am 24.1.2019. Erstarken konnte durch diese Zuwendungen auch die Bürgerkriegsmiliz Rapid Support Forces. Ihr Anführer ist ein langjähriger Helfer dieser „Abwehr“, indem er Jagd auf Flüchtende machen ließ.
Die RSF, die mit ihrem Aufstand 2023 gegen die regulären Streitkräfte des Sudan nicht nur weite Teile der Hauptstadt Khartum, sondern auch die westsudanesische Region Darfur unter ihre Kontrolle gebracht hat, wird vor allem mit Waffen massiv unterstützt von den Vereinigten Arabischen Emiraten, die nach mehr strategischem Einfluss in der Region streben. Gute Beziehungen zu den VAE pflegt auch die Bundesregierung. „Mit intensiven Gesprächen in Abu Dhabi hat Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche die deutschen Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten, dem Hauptunterstützer der genozidalen RSF-Miliz im Sudan, gestärkt“, so gfp vom 19.11.2025. Zuvor besuchte bereits der Minister für Internationales des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, Nathanael Liminski die VAE, um dort nach eigenen Angaben unter anderem „den engen Austausch ... zu hochmodernen Verteidigungssystemen“ zu suchen. Die Emirate gehören schon heute zu den wichtigsten Käufern deutscher Rüstungsgüter“ (gfp 3.11.2025).
Im April 2025 fand in London eine sogenannte Sudan-Konferenz statt. Mitinitiator war die BRD. Hier hätte man noch den Versuch unternehmen können, die bevorstehende Katastrophe zu verhindern, aber „die Konferenz hatte nur ... zur Zusage von humanitärer Hilfe durch europäische Staaten, ... geführt. Politischer Fortschritt blieb aus. Insbesondere wurden keine Schritte eingeleitet, um einen drohenden Massenmord in der westsudanesischen Region Darfur zu verhindern, wo die Bürgerkriegsmiliz RSF (Rapid Support Forces) schon in den ersten Kriegsmonaten mehr als 10.000 Angehörige einer schwarzafrikanischen Bevölkerungsgruppe, der Masalit, umbrachte“, so gfp vom 23.4.2025
Die Sudanesische Kommunistische Partei hat also allen Grund, unsere Solidarität einzufordern!
Im Jahr 1864 wurde bei der Gründung der Ersten Internationale von Karl Marx dargelegt, dass die Arbeiterklassen die Pflicht haben, „in die Geheimnisse der internationalen Politik einzudringen, die diplomatischen Akte ihrer respektiven [jeweiligen, d. Verf.] Regierungen zu überwachen, ihnen wenn nötig entgegenzuwirken; wenn unfähig zuvorzukommen, sich zu vereinen in gleichzeitigen Denunziationen und die einfachen Gesetze der Moral und des Rechts, welche die Beziehungen von Privatpersonen regeln sollten, als die obersten Gesetze des Verkehrs von Nationen geltend zu machen. Der Kampf für solch eine auswärtige Politik ist eingeschlossen im allgemeinen Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse.” (Karl Marx u. Friedrich Engels: Werke, Bd. 16, 1962, Berlin/DDR, S. 5-13) Die Zusammenhänge kennen, sie zu benennen und den Finger in die Wunde legen, das ist unsere Aufgabe als Kommunisten.