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Für Dialektik in Organisationsfragen

Der Italienische Faschismus 1922-1943

Warum beschäftigen wir uns mit dem italienischen Faschismus im vergangenen Jahrhundert? Italien war das erste Land, in dem die Monopolbourgeoisie den Faschismus an die Macht brachte. Der italienische Faschismus war also so etwas wie ein Vorreiter, der das Arsenal der Reaktion gegen die Arbeitermassen und gegen die bürgerliche Demokratie mit neuen Waffen bereicherte. Er diente den Faschisten in allen Ländern als Vorbild und Stütze – und gab dieser offen terroristischen Herrschaftsform der Monopolbourgeoisie ihren Namen.

Zum anderen waren es gerade die Besonderheiten des italienischen Faschismus an der Macht, die das Augenmerk der Monopolbourgeoisie international auf sich zogen. Der deutsche Faschismus war aufgrund seiner ungeheuerlichen Verbrechen nach 1945 völlig diskreditiert. „Im Verlaufe des Krieges hatte die ‚Hitlerclique durch ihre Kannibalenpolitik alle Völker der Welt gegen Deutschland aufgebracht und die sogenannte auserwählte deutsche Rasse wurde zum Gegenstand des allgemeinen Hasses“ zitiert der sowjetische Wissenschaftler S.M. Slobodskoj Stalin in seiner Untersuchung „Der Italienische Faschismus und sein Zusammenbruch“[1], auf die ich mich im Folgenden beziehe. Zum italienischen Faschismus dagegen schreibt Slobodskoj: „Bis zur Kapitulation Italiens wurde der italienische Faschismus in gewissen, recht einflussreichen Kreisen der USA und Großbritanniens, sowie in den Kreisen des Vatikans als eine besondere, angeblich durchaus ‚annehmbare‘, ‚zivilisierte‘ Abart des Faschismus hingestellt“ (S. 7). Da wir in dieser durch und durch reaktionären und erneut weltkriegsschwangeren Entwicklung hier wie in anderen imperialistischen Staaten auf ein Umschalten der Monopolbourgeoisie auf die faschistische Herrschaftsform vorbereitet sein müssen und wir davon ausgehen können, dass innerhalb der Monopolbourgeoisie nach durchsetzbaren, angeblich „zivilen“ Formen gesucht wird, ist es sinnvoll, sich mit dem italienischen Faschismus näher auseinanderzusetzen.

Ein Ausflug in die Geschichte der Entwicklung des italienischen Imperialismus

Der Verfall der Feudalordnung und die Entwicklung kapitalistischer Verhältnisse begann in Italien früher als in anderen Ländern. Im 14. und 15. Jh. war Italien das wirtschaftlich am weitesten entwickelte Land. Doch aufgrund der Verlagerung des Welthandels an die Küsten des atlantischen Ozeans und verheerender Kriege auf dem Gebiet Italiens begann im 16. Jh. der politische und wirtschaftliche Verfall. Während England und Frankreich in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung und der Bildung zentralisierter Staaten (Bedingung für eine schnelle kapitalistische Entwicklung) voranschritten, blieb Italien rückständig, in einzelne Staaten und Fürstentümer zersplittert, die zum größten Teil unter das Joch fremder Eroberer gerieten (Spanier, Franzosen, Habsburger). Der revolutionäre demokratische Kampf um die Vereinigung Italiens begann mit der französischen Revolution und war gleichzeitig immer ein Kampf gegen seine ausländischen Unterdrücker, vor allem gegen das Habsburger Reich. Sie erfolgte wie in Deutschland spät, im Jahre 1870. Doch die Früchte des langen Kampfes trugen nicht die fortschrittlichen Kräfte davon, die es nicht verstanden, sich mit der großen Masse an Bauern zu verbünden, sondern fielen der furchtsamen gemäßigten Bourgeoisie und dem verbürgerlichten Adel zu. So wurde Italien unter der Herrschaft der Savoyen-Dynastie von oben geeint. Aus Angst vor der Arbeiterklasse führte die italienische Bourgeoisie die bürgerliche Revolution nicht zu Ende. Die Agrarfrage wurde nicht angegangen, Überbleibsel der Leibeigenschaft blieben bestehen. Die Herrschaft der Gutsherren wurde auf lange Zeit hinaus nicht angetastet, die Bauern blieben arm bzw. verarmten weiter. Das verzögerte auch die kapitalistische Entwicklung, wurde zum Hemmschuh für die Entwicklung der Industrie, die im Landesinneren keinen größeren Absatz fand. Im Ausland aber stieß die italienische Bourgeoisie auf schärfste Konkurrenz der weiter entwickelten kapitalistischen Länder. Zudem war Italien arm an für die industrielle Entwicklung notwendigen Rohstoffen. Im Konkurrenzkampf mit den anderen Mächten verschärfte die Bourgeoisie die Ausbeutung der Arbeiter, von denen ein Überfluss zur Verfügung stand. Dies aber verstärkte nur das Problem des inneren Absatzmarktes, weshalb die italienische Bourgeoisie immer mehr zu kolonialen Eroberungen drängte.

Zu spät gekommen

Doch Anfang des 20. Jh. steigerte sich vor allem im Norden des Landes, näher an den Zentren Europas und reich an Wasserkraft zur Energieerzeugung, die industrielle Entwicklung. Große Betriebe entstanden (Maschinenbau, Schiffbau, Energieerzeugung, Automobile, Chemie, Zuckerindustrie, Textil). Mailand, Turin, Genua wurden zu großen Industriezentren. Die Handelsschifffahrt nahm einen Aufschwung. In der Po-Ebene entstand durch Bewässerungssysteme und Arbeiten zur Verbesserung des Bodens eine großkapitalistische Landwirtschaft, während im Süden die halbfeudalen Zustände weiter existierten. Doch dieses Heranwachsen von großen Industriekonzernen stieß an die Grenzen der Konkurrenz der bereits bestehenden Monopole in anderen Ländern. Die äußeren Widersprüche verschärften sich, der Drang nach Expansion entsprechend. Aufgrund hoher Schutzzölle zugunsten der heimischen Konzerne und Steuern verteuerten sich die Lebensmittel, die Armut der breiten Massen stieg, ebenso wie die Erwerbslosigkeit, da viele Kleinbürger in Stadt und Land ihre Existenzgrundlagen verloren. So war Italien zu Beginn des letzten Jahrhunderts ein Land mit sehr scharfen innen- wie außenpolitischen Gegensätzen. Immer wieder gab es spontane Aufstände der unterdrückten Bauern im Süden. In den Industriezentren schlossen sich die Arbeiter zusammen, erkämpften sich um 1900 das Streikrecht. Die räumliche Nähe zwischen den Landarbeitern auf den Großgütern im Norden und der Industrie förderte eine Zusammenarbeit und gemeinsame Kämpfe, die auch wiederum Ausstrahlungen auf die Bauern im Süden hatte. Der Sozialismus hatte so viele Anhänger auch unter den kleinbürgerlichen Massen. Der heftige Klassenkampf des Proletariats und dessen wachsender politischer Einfluss war mit eine Ursache für die politische Schwäche des italienischen Imperialismus. Die italienische Monopolbourgeoisie hatte eine geringe soziale Basis. Erst mit Beginn des 20. Jh. begann die Bourgeoisie mit ihren Versuchen, in die organisierte Arbeiterschaft, also Gewerkschaften und Sozialistische Partei, ideologisch einzudringen. Mit einigen Zugeständnissen wie Almosen für bestimmte Schichten der Arbeiter und politischer Kompromisse gewann sie bei einigen Teilen der Oberschicht des Proletariats etwas Einfluss. Der opportunistische Flügel in der 1892 gegründeten Sozialistischen Partei wuchs, was sich dann auch an der Unterstützung des Libyen-Krieges (Beginn 1911) durch die Sozialisten zeigte. (1911, Krieg gegen die Türkei, trug mit zur Entfesselung der Balkankriege 1912, sowie des Ersten Weltkrieges bei.)

Doch insgesamt war der Einfluss dieser Strömung innerhalb des Proletariats noch nicht sehr groß. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg kam es zu heftigen Kampfaktivitäten, immer wieder zu großen Streiks und Demonstrationen, was den Einfluss der imperialistischen Ideologie und Propaganda zurückdrängte. Nationalistische, militaristische und rassistische Demagogie hatten bei den Massen keinen großen Einfluss.

Drang nach Expansion

Der „abenteuerlichste Flügel“ der italienischen Bourgeoisie, wie Slobodskoje schreibt, v.a. Schwerindustrie und Rüstungskapital, drängte trotz bzw. wegen der Schwäche des italienischen Imperialismus auf Eintritt in den Ersten Weltkrieg, was 1915 dann auch geschah. Dabei hatte sich gegen die Befürworter einer Unterstützung Deutschlands und Österreich-Ungarns, die Linie innerhalb der Bourgeoisie durchgesetzt, die auf Seiten der Entente in den Krieg ziehen wollte. Ziel war die Herrschaft über das Adriatische Meer durch Eroberung Albaniens, der dalmatinischen Küste, Kolonien Frankreichs und Englands in Nordafrika.... Doch all das wurde nicht erreicht. Italien erhielt Trentino und Südtirol zugesprochen, doch mit der Herrschaft über das Mittelmeer wurde nichts. Während im Krieg die Monopole der Schwerindustrie, des Maschinen- und Automobilbaus usw. anwuchsen, wurde Italien außenpolitisch geschwächt, was den Drang nach weiteren Eroberungen nur verstärkte.

Entwicklung der Klassenkämpfe im Inneren

Doch die innenpolitische Situation war bedrohlich für die Bourgeoisie. Die Unterstützung während des Krieges durch die Verbündeten fiel weg, viele Betriebe der Schwerindustrie erlebten einen Rückgang oder gingen in den Bankrott. Die Arbeitslosigkeit stieg drastisch an, verstärkt auch noch durch Maßnahmen in Europa und Amerika gegen die Einwanderung von Arbeitern. Die Armee war demoralisiert, der Staatsapparat wurde unzuverlässig. Die Kräfteverhältnisse verschoben sich sehr zugunsten des kämpferischen Proletariats, das auch während des Krieges und v.a. nach der siegreichen Revolution in Russland seinen Kampf nicht eingestellt hatte. Gewerkschaften und Sozialistische Partei erhielten Massenzustrom. Bei den Wahlen 1919 wurde die Sozialistische Partei die stärkste Fraktion. Streiks und Demonstrationen waren an der Tagesordnung. Um die Genossen in Russland gegen die feindlichen ausländischen Armeen zu unterstützen, bestreikten Arbeiter die Lieferung von Waffen. Die Parole „Es lebe Sowjetrussland!“ drang bis in die kleinsten Dörfer vor. Die Bourgeoisie war nicht imstande, die revolutionäre Bewegung zu unterdrücken. In den Industriestädten Mailand, Turin, Genua, begannen die Arbeiter, Fabriken zu besetzen, bildeten bewaffnete Rote Garden. Die Armee zersetzte sich bzw. lief auf die Seite der Arbeiter über, der Staatsapparat hatte an Autorität verloren.

Doch in dieser revolutionären Situation fehlten die revolutionären Führer. Die Führung der Sozialistischen Partei bestand im Wesentlichen aus Kleinbürgern und Intellektuellen, die wenig Ahnung vom Marxismus hatten und nicht in der Lage waren, diese Situation auszunutzen und das Proletariat in die Revolution zu führen. Ihre Ablehnung des Krieges beruhte oftmals auf einer pazifistischen Haltung, hinter ihren revolutionären Phrasen verbarg sich die Angst vor der Revolution. Ein großer Bestandteil des Proletariats bestand aus landwirtschaftlichen Arbeitern, die zwar oftmals an der Seite der Industriearbeiter kämpften, aber viele noch dem Kleinbürgertum nahestanden und anarchistische oder halbanarchistische Vorstellungen hatten. Proletarische Führer bildeten sich gerade erst in den Kämpfen in und um die Fabriken heraus. Eine kommunistische Partei gab es noch nicht. (Die Kommunistische Partei Italiens wurde erst im Januar 1921 gegründet, nachdem die revolutionären, proletarischen Kräfte aus der Sozialistischen Partei ausgetreten sind.) In dieser revolutionären Situation verrieten die reformistischen Führer der Sozialistischen Partei in Zusammenarbeit mit den rechten Gewerkschaftsführern die Arbeiter und schlossen mit der Regierung ein Abkommen, in dem die Regierung eine Produktionskontrolle durch die Gewerkschaften versprach und dafür die besetzten Fabriken geräumt wurden. Die bedeutendste bürgerliche Zeitung von Mailand, „Corriere della Sera“, schrieb damals (29.9.1920): „Italien war vom Untergang bedroht. Wenn die Revolution nicht ausbrach, so geschah das nicht, weil wir es verstanden haben, ihr zu widerstehen, sondern weil die Allgemeine Arbeiterkonföderation keine Revolution wollte.“ (zit. nach Slobodskoj, S. 48) 

Ab da flaute die revolutionäre Welle ab. Zudem erfasste eine Wirtschaftskrise das Land.

Dies war der Zeitpunkt, ab dem Teile der Bourgeoisie – Gutsherren, Großpächter, die Herren der Schwer- und Rüstungsindustrie und andere Monopolkreise – begannen, zum Gegenangriff anzutreten. Die Arbeiterklasse sollte entwaffnet und zerschlagen werden, ihr die erkämpften Errungenschaften – wie der 8-Stunden-Tag – entrissen und die Kosten des Krieges und der Wirtschaftskrise aufgebürdet werden. So sollte einem drohenden neuen Aufschwung der Arbeiterbewegung vorgebeugt und die internationalen Ziele wieder in Angriff genommen werden. Da aber nicht nur im Proletariat sondern insgesamt unter den Werktätigen immer noch eine erhebliche Stimmung für den Sozialismus herrschte, lehnten diese reaktionärsten und aggressivsten Kreise der italienischen Bourgeoisie die Methoden des Parlamentarismus und der bürgerlichen Demokratie ab und suchten nach entsprechenden Kräften zur Durchsetzung ihrer Ziele. Diese fanden sie in den um Mussolini gescharten nach dem Krieg deklassierten Kräften, die sich 1919 zum „Fasci di combattimento“ (Kampfbündnis) zusammengeschlossen hatten. Ihr Hass gegen die Arbeiterbewegung, ihre Verherrlichung des Krieges und geifernder Nationalismus brachten sie den entsprechenden Kräften der Bourgeoisie näher.

Kurz zu Mussolini

Mussolini, Sohn eines Schneiders und von Beruf Lehrer, hatte sich in seiner Jugend der sozialistischen Bewegung angeschlossen und kämpfte gegen die Reformisten in der sozialistischen Partei, allerdings von einem kleinbürgerlichen, antimarxistischen Standpunkt aus. Nachdem er sich den Interventionisten angeschlossen hatte, die für eine Beteiligung Italiens am Ersten Weltkrieg an der Seite Deutschlands eingetreten waren, wurde er aus der Sozialistischen Partei ausgeschlossen.„Mussolini – ein Mensch, dem jeder moralische Halt fehlte, der völlig prinzipienlos war, der Abenteuerlust mit Berechnung und Wendigkeit, Menschenverachtung mit Popularitätssucht vereinte; ein Karrieremacher, der in seinen Mitteln nicht wählerisch war, der alle Veränderungen in der politischen Situation rasch zu erfassen und sich ihnen anzupassen verstand; ein Heuchler und Poseur, der Grausamkeit und Rachsucht mit dem Glanz eines ,zivilisierten Europäers’ tarnte; ein Demagoge, der die Gabe einer geschwollenen und oberflächlichen Beredsamkeit besaß, die aber auf die Menge Eindruck machte – Mussolini erwies sich als der geeignete ,Heros’ und das geeignete Werkzeug für die reaktionärsten Elemente der italienischen Bourgeoisie.

Mussolini war für sie ein wertvoller Fund, nicht nur wegen seiner moralischen ,Qualitäten’, nicht nur als Anführer einer zu allem fähigen terroristischen und konterrevolutionären Bande, sondern auch als eine ehemals prominente Persönlichkeit der sozialistischen Bewegung, die ihre schwachen Seiten und die Mängel ihrer Führer kannte und über große Erfahrung im Umgang mit den Massen verfügte. In der Person Mussolinis und seiner nächsten Mitstreiter hatte die Bourgeoisie nicht nur die Henker der Arbeiterklasse, sondern auch erfahrene Provokateure gefunden.“ (S. 54)

In dem ursprünglichen Programm der Faschisten von 1919 wurde eine Reihe von Forderungen aufgestellt, die die revolutionär gesinnten Massen täuschen sollten: Erweiterung des Wahlrechts und Ausdehnung auf die Frauen, Mindestlöhne, Teilnahme der Arbeitervertreter an der Leitung der Produktion, Übergabe der technischen Leitung in großen Betrieben an die Werkkomitees, Nationalisierung der Rüstungsindustrie und Ähnliches. Gleichzeitig wurden außenpolitische Forderungen erhoben, die den Expansionsgelüsten der aggressivsten Teile der Monopolbourgeoisie entsprachen: Konsolidierung aller Kräfte der Nation um die Früchte des Sieges, die die „undankbaren“ Alliierten Italien entrissen hatten, endlich zu ernten: Dalmatien, Albanien, Teile griechischer und türkischer Gebiete, Vertreibung der „Ausländer“ (damit war vor allem die britische Konkurrenz gemeint) aus dem Mittelmeer.

Angriff auf die Arbeiterklasse

Während die Faschisten vor keiner antikapitalistischen Demagogie zurückschreckten, schoben sie gleichzeitig die nationalistischen Ziele im Sinn der Bourgeoisie in den Vordergrund. Eine über den Klassen stehende Partei sollte entstehen, die im Inneren einen Burgfrieden zwischen den Klassen und nach außen eine Politik der starken Hand gewährleisten konnte. Zunächst hatten die Faschisten wenig Erfolg. 1919 brachten sie keinen einzigen Abgeordneten ins Parlament. Die faschistische Bewegung begann erst nach dem Abebben der revolutionären Situation zu wachsen. Sie wurde zunehmend von Guts- und Monopolherren finanziert und fand ihre Basis in Teilen der von den Arbeitern enttäuschen Kleinbürger in Stadt und Land. Und hier vor allem im Norden Italiens, wo mit der Steigerung der Preise für landwirtschaftliche Produkte und Bodenverkäufe der eingeschüchterten Gutsbesitzer eine gewisse Erweiterung und Festigung der Schicht der Kleinbauern und Pächter vor sich ging. Von daher wurde hauptsächlich in ländlichen Gegenden Norditaliens der Faschismus zu einer Massenbewegung, die die Arbeiterorganisationen und armen Bauern und Knechte systematisch terrorisierte. Während zunehmend auch andere Kreise der Bourgeoisie die Faschisten unterstützten, entfesselten diese 1921 geradezu einen Bürgerkrieg gegen die Arbeiter. Sie brachen in Dörfer und Arbeiterviertel ein, plünderten die Büros der Arbeiterorganisationen und Zeitungen und steckten sie in Brand. Sie jagten und misshandelten Arbeiteraktivisten, brachen in Wohnungen ein und ermordeten sie.

Die Arbeiterklasse verteidigte sich tapfer und ging teilweise auch zum Gegenangriff über. Doch sie war, wie bereits in der revolutionären Periode, ohne Führung, die Kommunistische Partei war noch zu schwach, die rechten Sozialisten verhinderten den gemeinsamen, entschlossenen Kampf und warnten vor Gewalt. So schrieb der sozialistische Opportunist Filippo Turati an die Arbeiter Apuliens: „Reagiert nicht auf Provokationen, gebt keinen Anlass dazu, antwortet nicht auf Kränkungen! Seid ehrlich, geduldig und vernünftig! So wart Ihr Tausende von Jahren, so bleibt auch jetzt. Haltet aus, seid nachsichtig und vergebt sogar!“ (S. 64) So erlitt die italienische Arbeiterklasse eine Niederlage gegenüber der faschistischen Offensive. Ein durch die Gewerkschaftsführung hastig und schlecht organisierter Generalstreik im August 1922 wurde vorzeitig abgebrochen. Im Oktober marschierte dann Mussolini ungehindert von der Regierung mit seinen faschistischen Streitkräften nach Rom, der berüchtigte Marsch auf Rom, der mehr eine Inszenierung war und leicht hätte gestoppt werden können. Doch er sollte nicht gestoppt werden. Am 30.10. wurde Mussolini dann vom König zum Regierungschef ernannt und mit der Regierungsbildung beauftragt.

Die Situation bis Ende 1926:
Der Faschismus an der Macht, doch noch mit der Arbeiteraristokratie als Hauptstütze

Doch die Massenbasis Mussolinis war noch nicht stark genug, der Einfluss des Faschismus in den Massen – bei der Arbeiterklasse sowieso, aber auch beim ländlichen und städtischen Kleinbürgertum – war noch zu gering. Außerdem gab es heftige Kämpfe innerhalb der Bourgeoisie und entsprechend innerhalb der faschistischen Bewegung über den weiteren Weg. So wurde die Sozialdemokratie als Hauptstütze noch gebraucht. Weder die anderen bürgerlichen Parteien, noch die Arbeiterparteien und Gewerkschaften wurden verboten, bei gleichzeitigen ständigen Terrorakten gegenüber der Arbeiterklasse. Es gab noch eine bürgerliche Scheindemokratie, ein Parlament, das aber nicht mehr viel zu sagen hatte.

Die ersten Maßnahmen der Faschisten an der Regierung aber waren ein einziger Angriff auf die Arbeiterklasse und die kleinen Bauern und Pächter. Die Interessen des Kapitals wurden in allen Bereichen in den Vordergrund gestellt, Steuern für sie gesenkt und für die Massen erhöht. Der Acht-Stunden-Tag und die 48-Stunden-Woche wurden abgeschafft, die erkämpften Sozialversicherungen stark eingeschränkt, Arbeitslose und Kleinbauern davon ausgeschlossen. Zehntausende kämpferische Arbeiter wurden entlassen mit dem Ziel, sie nach und nach durch dem Faschismus Getreue zu ersetzen. Frühere Gesetze zur Einschränkung der Gutsherren wurden abgeschafft.

Die Maßnahmen zugunsten der Bourgeoisie führten auf der einen Seite zu einer vorübergehenden Erholung der Industrie. Aber die gnadenlose Ausbeutung breitester Volkschichten zugunsten der Spitzen der Bourgeoisie erzeugte eine wachsende Unzufriedenheit und Empörung. Selbst innerhalb des faschistischen Lagers verstärkten sich die Widersprüche, Kleinbürger forderten Maßnahmen zugunsten der kleinen Leute. Auch die Tatsache, dass sich innerhalb der faschistischen Organisationen zunehmend Vertreter der Großindustrie und der Banken, sowie Großagrarier an die Spitze setzten, führte zu zunehmendem Unmut und Kämpfen innerhalb der faschistischen Bewegung, die teilweise auch blutig ausgetragen wurden. Innerhalb der Monopolbourgeoisie bildeten sich zwei Flügel. Der eine setzte auf die totale Durchsetzung der faschistischen Diktatur und das Verbot aller Gewerkschaften (auch der faschistischen). Der andere Flügel traute dem Faschismus nicht zu, die Arbeiter niederzuhalten und wollte weiterhin auf die rechten Gewerkschaftsführer setzen.

Als im Juni 1924 der sozialistische Abgeordnete Matteotti auf Befehl Mussolinis ermordet wurde, erfasste eine breite Welle der Empörung nicht nur die Arbeiterklasse, sondern auch breite Schichten des Kleinbürgertums. In dieser Situation hätte die faschistische Mussolini-Regierung gestürzt werden können. Doch die nicht faschistischen Parteien wie z.B. die katholische Volkspartei, wie auch die Sozialistische Partei, die nach der Ermordung Matteottis demonstrativ das Parlament verlassen und den „Aventinischen Block“ gebildet hatten, zeigten keinerlei Entschlossenheit, diese Situation zu nutzen. Sie meinten nun, den Faschismus aufgrund einer gewissen Isolierung der Mussolini-Regierung ohne Gewalt stürzen zu können. Der Vorschlag der KPI, die Massen zum gemeinsamen Kampf zu mobilisieren und den Generalstreik auszurufen, wurde aus Furcht vor der Arbeiterklasse abgelehnt.

Dennoch kam es im Juli zum Generalstreik, an dem trotz der Sabotage der rechtssozialistischen Gewerkschaftsführung 500.000 Werktätige teilnahmen. Die Zersetzung der antifaschistischen Bewegung durch die ausdrücklich „gewaltfreie“ Haltung des Aventinischen Blocks und durch das Zurückweichen der sozialdemokratischen Führer, war aber zu weit fortgeschritten. Die Arbeiterklasse konnte ihre Bündnispartner nicht halten und zum Kampf zusammenschließen. Dies aber stärkte das faschistische Lager, Teile der kleinbürgerlichen Massen waren enttäuscht und wandten sich wieder dem Faschismus zu. Innerhalb der Großbourgeoisie setzte sich derjenige Teil durch, der die Organisationen der Arbeiterbewegung endgültig zerschlagen wollte. Im Oktober 1926 wurde das Streikrecht geschliffen, im November wurden dann alle antifaschistischen Parteien verboten und deren Abgeordnete aus dem Parlament ausgeschlossen. Die Abgeordneten und Führer der KPI wurden verhaftet. Ausnahmegesetze wurden beschlossen, die für politische Straftaten Zuchthaus, später auch die Todesstrafe vorsahen. Auch die faschistische Partei wurde gründlich gesäubert. Nun war die Sozialdemokratie als Hauptstütze der Bourgeoisie zugunsten der faschistischen Massenbewegung endgültig abgelöst. Dass sie trotzdem weiterhin eine Reserve der Herrschenden waren, bewiesen die reformistischen Gewerkschaftsführer, als sie am 4. Januar 1927 die „Selbstauflösung“ des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes (CGL) verkündeten.

Gründe für den Wechsel der Hauptstütze

Dieser Übergang zu hundert Prozent Faschismus hatte nicht nur innenpolitische, sondern vor allem auch außenpolitische Gründe. Denn die wichtigste Aufgabe des Faschismus war nun die Vorbereitung auf eine zweite Runde des Krieges um die Neuaufteilung der Welt. Das faschistische Italien konnte zwar seinen Einfluss an den Küsten des Adriatischen Meeres (z.B. in Albanien) ausdehnen. Doch Italien war gegenüber den imperialistischen Konkurrenten Frankreich und England zu schwach, sich weitere Gebiete auf dem Balkan und im Mittelmeer auch nur wirtschaftlich zu erobern. Durch die extreme Ausplünderung der Massen im Land und des dadurch fehlenden inländischen Absatzes wurde der Drang der italienischen Monopolbourgeoisie nach Absatzmärkten und billigen Rohstoffen nur noch größer, stieß aber immer wieder an die Grenzen der Konkurrenz. Die Monopolbourgeoisie drängte mit Macht zur kriegerischen Neuaufteilung. Dazu brauchte sie die völlige Zerstörung der bürgerlichen Demokratie, sowie aller Organisationen der Arbeiterklasse und aller antifaschistischen Kräfte.

Es war kein Zufall, dass der Faschismus in Italien entstanden und zur Macht gekommen ist. Auch in Italien ist die Bourgeoisie zu spät gekommen, hatte sich der Kapitalismus sehr spät entwickelt, entwickelte sich dann aber schnell, hatte aber von Anfang an das Nachsehen im Konkurrenzkampf mit den anderen kapitalistischen Mächten, an deren Grenzen er stieß. Der italienische Faschismus nahm, wie Slobodskoj schreibt, den „Charakter eines raubgierigen aber schwachen Imperialismus an“. (S. 79) Der Sieg des Faschismus war nicht Ausdruck der Stärke des Imperialismus, sondern das Ergebnis der Schwäche der Arbeiterklasse, die noch keine starke Führung hatte und in entscheidenden Momenten von den rechten Sozialdemokraten verraten worden ist.

Methoden der faschistischen Diktatur, um das doch recht widerspenstige Volk kriegstüchtig zu machen

Die terroristische Diktatur der Faschisten war vor allem darauf gerichtet, die Arbeiterklasse niederzuhalten, sie wirtschaftlich zu versklaven, politisch zu unterdrücken und im faschistischen Geiste zu erziehen, um sie in ein gehorsames Mittel zur Erfüllung der faschistischen Eroberungspläne zu verwandeln. Das geschah zum einen mit Hilfe des faschistischen Terrors, anfänglich vor allem ausgeführt durch die „Freiwillige Miliz zur nationalen Sicherheit“, die Demonstrationen und andere Aktionen der Antifaschisten überfielen, faschistische Aufmärsche absicherten usw. Doch Terror alleine reichte nicht, um die Arbeiter und alle Antifaschisten zum Werkzeug der Eroberungspläne des italienischen Imperialismus zu degradieren. Im ganzen Land wurden, die ganze Gesellschaft durchziehende, faschistische Organisationen, wie z.B. die faschistische Gewerkschaft (anders als hier, im Hitlerfaschismus gab es keine Gewerkschaft mehr, auch keine faschistische, sondern die Deutsche Arbeitsfront), aufgebaut. Formal war die Mitgliedschaft freiwillig, real aber waren es Zwangsorganisationen, in die alle gepresst worden sind. Zur Täuschung der Massen wurde ein sogenanntes Korporationssystem errichtet, mit dem sich Mussolini einerseits auf mittelalterliche Zunfttraditionen beziehen konnte, andererseits aber auch in Kreisen der Intelligenz noch immer vorhandene Anhänger einer Planwirtschaft demagogisch bediente. Mit diesem Korporationssystem, dessen Kern zunächst die Regelung der scheinbaren Zusammenarbeit zwischen den faschistischen Gewerkschaften und den Unternehmerverbänden war, sich später aber auf alle möglichen Bereiche ausdehnte, wurde eine Beteiligung aller an den nationalen Entscheidungen vorgegaukelt, während in Wirklichkeit darüber die Ziele der faschistischen Führung durchgesetzt werden sollten. Es diente vor allem der demagogischen Verklärung des italienischen Faschismus, wurde als „unsozialistische aber auch nicht kapitalistische Ordnung“ ausgegeben, welches die „Interessen der Arbeit und des Kapitals harmonisch versöhnte“. (S. 118) Anders als im deutschen Faschismus leugnete der italienische also die Existenz von Klassen nicht. Doch er war genauso darauf ausgerichtet, jegliche eigenständige Aktion der Arbeiterklasse im Keim zu ersticken. Der fieberhaft vorbereitete Krieg wurde als Zusammenstoß zweier Systeme – „des korporativen und des kapitalistischen“ – verklärt, als ein Kampf um Verbreitung der korporativen Idee, der korporativen Ordnung, eines Systems, „das höher und gerechter ist als die Gesellschaftsordnung anderer Völker“ („Critica fascista“, zit. nach Sloboskoj S. 119)

Zur Vorbereitung dieses Krieges wurde Italien Jahre vor Beginn bereits in ein Militärlager verwandelt. Man brauchte nicht nur Waffen, sondern vor allem den Menschen als Waffe. In einem Gesetz von 1934 „über die Militarisierung der italienischen Nation“ hieß es, „die Militärausbildung habe zu beginnen, sobald das Kind lernen kann und fortzusetzen ist, solange der Bürger die Waffe tragen kann“ (S. 126)

Kinder, Jugendliche, Erwachsene, alle wurden nicht nur militärisch gedrillt, sondern ihnen auch die Vergötterung der rohen Kraft beigebracht, die rassische und kulturelle Überlegenheit des italienischen Volkes über andere Völker eingeimpft und damit das Recht und die Macht, andere Völker zu überfallen, zu unterwerfen und bei Bedarf auch auszurotten. Der Antisemitismus spielte dabei offensichtlich in Italien zu dieser Zeit noch keine große Rolle.

Die Ausbeutung der Arbeiter und des ganzen Volkes wurde bis zum Äußersten forciert, die Ausgaben für die Aufrüstung stiegen sprunghaft (bereits 1925 betrugen sie mehr als 25 Prozent des Nationalbudgets). Alle wirtschaftlichen Maßnahmen dienten den militärischen Zielen, auch wenn dies zum Schaden der Volkswirtschaft und der Gesamtheit war. So hatte „der Kampf um Autarkie“ zur Folge, dass ganze Zweige der Industrie und Landwirtschaft ruiniert wurden.

Außenpolitische Ziele

Außenpolitisch gab man sich, wie auch die Nazis, als Freunde der muslimischen Welt und als Beschützer des Islam, was gegen Frankreich und England gerichtet war. Doch das hinderte die Faschisten nicht daran, auch diese Völker bei Bedarf grausamst zu unterdrücken. Wie z.B. das libysche Volk, das sich während des 1. Weltkrieges und in der revolutionären Periode danach weitgehend vom italienischen Joch hat befreien können, dessen Widerstand jedoch zwischen 1924 und 1930 mit brutalsten Mitteln bekämpft und schließlich zerschlagen worden ist.

Wie das Deutsche Reich, so leisteten auch die italienischen Faschisten erhebliche Wühlarbeit auf dem Balkan. Jugoslawien war ihnen ein Dorn im Auge bei ihren Zielen, sich den gesamten Balken zu unterwerfen. So wurde jegliche Sezessionsbestrebungen angeschürt, gegen Jugoslawien und die Kleine Entente gehetzt, die faschistischen kroatischen Separatisten unterstützt und auf italienischen Territorium Ustascha-Abteilungen organisiert. Die slawische Minderheit in Italien wurde grausam unterdrückt.

1935 überfiel Italien Abessinien (heute Äthiopien), das für Großbritannien und dessen Seeweg nach Asien wichtig war. Der Krieg um die Neuaufteilung der Welt war begonnen. Die Nachsicht des Völkerbundes gegenüber diesem Überfall, der vom deutschen Faschismus mit initiiert worden ist, machte die italienischen, aber auch die deutschen Faschisten nur noch frecher. Kurz darauf mischten sich beide Staaten militärisch in den Bürgerkrieg in Spanien ein. Ohne diese Unterstützung hätten die Franco-Faschisten die spanische Volksfront nicht besiegen können.

1939 überfiel der italienische Faschismus dann Albanien.

Trotz Konkurrenz – Bündnis mit dem Hitlerfaschismus

Zunächst wandte sich Mussolini auch noch gegen Hitler und seine Annexionspläne Österreich betreffend, ließ 1934 während der Dollfuß-Affäre sogar italienisches Militär an der österreichischen Grenze auffahren. Denn gerade auf dem Balken und im Donauraum waren beide imperialistischen Staaten schärfste Konkurrenten. Damals musste Hitler noch nachgeben und viele waren der Meinung, dass der Bruch zwischen den beiden faschistischen Räubern und der Kampf um die Herrschaft im Donauraum und um den Balkan unvermeidlich sei. Doch im Frühjahr 1938 konnte das faschistische deutsche Reich ungehindert in Österreich einmarschieren, im Herbst dieses Jahres stimmte Mussolini dann im Münchner Abkommen der Zerschlagung und Annexion der Tschechoslowakei zu. Im Bündnis mit dem faschistischen Deutschland versprach sich die Mussolini-Clique letztendlich größere Möglichkeiten für Raub und Kriegsbeute und ließ sich dazu vor dessen Karren spannen. Im Mai 1939 wurde ein Militärbündnis mit Deutschland abgeschlossen, 1940 riss Mussolini dann das italienische Volk an der Seite des grausamsten und räuberischsten Faschismus in den Zweiten Weltkrieg hinein.

Dahinter steckte nicht nur das Kalkül, in diesem Bündnis die größte Beute erzielen zu können. Die Herrschenden in Italien und ihr Bevollmächtigter Mussolini brauchten nun auch den Krieg, um die inneren und äußeren Schwierigkeiten zu überwinden. Denn alle diese militärischen Abenteuer stärkten den schwachen italienischen Imperialismus nicht, sondern schwächten ihn noch mehr. Das Anwachsen der Industrieproduktion zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg erfolgte fast ausschließlich zugunsten der Schwer- und Rüstungsindustrie und Energiegewinnung. Die Konsumgüterindustrie, Baumwoll- und Seidenindustrie, wichtige Exportartikel Italiens, wie auch die Nahrungsmittelindustrie und der Wohnungsbau gingen stetig zurück und das bei einer kontinuierlich anwachsenden Bevölkerungszahl. Der Kampf um die Autarkie brachte den Verfall ganzer Industriezweige, aber keine Autarkie. Italien war erheblich auf die Einfuhr gerade auch für die Kriegsproduktion wichtiger Rohstoffe angewiesen. Selbst da, wo Erfolge erzielt worden sind, wie in der Erzeugung von Energie durch Wasserkraft, konnte dies nicht den Bedarf an Energie decken. Nicht einmal der Bedarf an Nahrungsmitteln konnte gedeckt werden. Viele der Einfuhren kamen über den Seeweg, über die Meerenge von Gibraltar oder den Suezkanal und waren stets bedroht durch England, das diese Wege unmöglich machen konnte. Das Defizit des Staatsbudgets stieg und stieg. Zölle, Zwangsanleihen, eine permanente Inflation und immer höhere Steuern sollten die Kosten decken. 1938 betrug die Steuerlast der italienischen Bevölkerung 50 Prozent des gesamten Volkseinkommens. Die Mussolini-Regierung ging daran, die Einfuhren vor allem der Nahrungsmittel und der Waren für die zivile Industrie radikal zu kürzen. Gleichzeitig wurde der Export von landwirtschaftlichen Produkten forciert.

Die Folge all dessen war eine permanente Verarmung der Massen. Dazu kamen immer wieder Kampagnen zur Herabsetzung der Löhne, sodass selbst die faschistischen Gewerkschaften zugeben mussten, dass z.B. die Löhne in der Schwerindustrie zwischen 1929 und 1934 um 50 Prozent gesunken sind. Zudem wurde die Ausbeutung noch durch alle möglichen Maßnahmen zur Intensivierung der Arbeit gesteigert.

Verschärfung der Widersprüche im Inneren

Die Bauern und hier vor allem die Kleinbauern wurden durch verschiedenste zusätzliche Steuern und Abgaben erdrückt, wie z.B. Steuern für die Verarbeitung und den Verkauf ihrer Produkte, eine enorme Erhöhung der Grundsteuer, während die der Großgrundbesitzer fiel, oder in manchen Gebieten sogar einer Steuer für unverheiratete Söhne. Gleichzeitig waren die hohen Preise für Düngemittel oder Landmaschinen für viele kaum mehr leistbar, dafür aufgenommene Kredite mit enorm hohen Zinsen versehen. Viele Kleinbauern wurden so in den Ruin getrieben und gesellten sich zu dem eh schon großen Heer der Arbeitslosen. Die Lage der Halbpächter dagegen, so Slobodskoj, erinnerte immer mehr an die Lage von Leibeigenen, da die Großgrundbesitzer schalten und walten konnten, wie sie wollten. So mussten sie beispielsweise für den Bodenbesitzer Brot backen, Wäsche waschen, Holz und Stroh für seine Häuser in der Stadt liefern.

Mit der Armut und der Erwerbslosigkeit wuchs die kulturelle Rückständigkeit. Ein Erlass zur Umgestaltung der Anfangsschulen – bei uns wohl Grundschulen – hatte laut einem Professor, selbst Faschist, zur Folge, dass alleine im Aosta-Tal 700 Schulen wegfielen. In manchen Gebirgsgegenden gab es keine Schule mehr, keine Ärzte, keine Medizin. Die landesweit durchschnittliche Analphabetenrate betrug 21 Prozent, in Sizilien 40 und in Kalabrien 48 Prozent. Das Land verfiel.

Es profitierten trotz aller gegenteiligen Demagogie von der faschistischen Diktatur nur die Monopolbourgeoisie, die in ihrem Dienst stehenden Oberschichten der faschistischen Intelligenz und Bürokraten, die Gutsherren und Großbauern, sowie die käuflichsten Elemente der Mittel- und Kleinbourgeoisie, die mit der Monopolbourgeoisie und der Oberschicht der faschistischen Partei persönlich verbunden waren.

Der italienische Faschismus konnte sich mit Hilfe des Terrors, der Demagogie und der Zwangsorganisationen über 20 Jahre lang aufrechterhalten, weil es ihm gelang, bestimmte Schichten des Kleinbürgertums mitzureißen und die Arbeiterklasse niederzuhalten. Vor allem Letzteres hat ihm in den reaktionärsten Kreisen der internationalen Bourgeoisie großes Ansehen verschafft, die ihn materiell und moralisch unterstützten. Doch nun schwand seine soziale Basis. Der Widerspruch zwischen der demagogischen Verklärung des Faschismus, seinen Versprechen und der Realität wurde zu groß. Trotz des Terrors, trotz der Anstrengungen jede Unmutsäußerung im Keim zu ersticken, flammten vermehrt Widerstandsaktionen auf. Die Arbeiter hatten immer wieder aufbegehrt, so in einem großen Streik in Norditalien 1925 und mit einer Reihe weiterer Arbeitsniederlegungen in den folgenden Jahren. Die faschistische Justiz stellte fest, dass jährlich etwa 1.000 Arbeiter wegen Teilnahme an Streikaktionen angeklagt und verurteilt worden sind. Immer wieder kam es zu spontanen Demonstrationen von Erwerbslosen vor den Arbeitsämtern. Viele Arbeiter weigerten sich, sich in die faschistischen Gewerkschaften einbeziehen zu lassen, obwohl ihnen Misshandlungen und Entlassung drohten.

Organisationen der Katholischen Kirche, dazu gedacht, die Jugend von Marxismus und Kommunismus fernzuhalten, wurden als einzige nicht-faschistische Organisationen zu Zufluchtsstätten für Jugendliche, die der menschenverachtenden und chauvinistischen Propaganda der Faschisten feindlich gegenüberstanden. Manch eine katholische Prozession wurde so spontan zu einer Demonstration gegen die Regierung, was zu blutigen Zusammenstößen mit der Polizei führte.

Auch innerhalb der faschistischen Organisationen kam es zu offenen Auseinandersetzungen. Der Faschismus hatte nicht nur die Arbeiterklasse, sondern auch das Kleinbürgertum aus den eigenen Reihen zu fürchten. Das war der Grund für ständige Umorganisierungen und Säuberungen der faschistischen Partei und für eine Verschärfung des Terrors.

Hinter der Nebelwand der Phrasen von einer korporativen Zusammenarbeit verschärfte sich der Kampf zwischen den verschiedenen kapitalistischen Gruppen.

Bis zum Überfall auf Abessinien (1935) fanden diese Widersprüche einen halblegalen Ausdruck in Diskussionen in der faschistischen Presse, die über das Korporationssystem geführt wurden. Es gab Forderungen nach einer korporativen Kontrolle der Trusts und Kartelle, nach Erweiterungen der Rechte der Gewerkschaften. Unternehmern wurde eine Sabotage an der korporativen Zusammenarbeit der Klassen vorgeworfen. Oder es wurde die Umwandlung der Korporationen in Organe der Leitung der Produktion verlangt.

Ein Ausdruck der zunehmend sich zuspitzenden Klassengegensätze war denn auch eine Reduzierung der korporativen Demagogie. Diese wurde immer riskanter, da sie in zu große Widersprüche zur Wirklichkeit geriet und unter den einfachen Faschisten dazu genutzt wurde, mit radikaleren Forderungen ihre Unzufriedenheit auszudrücken. Stattdessen verschärften nun auch die Mussolini-Faschisten die rassistische und antisemitische Propaganda, von der Mussolini anfangs abgerückt war. Doch die rassistische Hetze und die Judenverfolgungen trafen auf großen Widerwillen. 1938/1939 kam es sogar zu spontanen Sympathiekundgebungen für die verfolgten Juden.

Die wachsende Gegnerschaft zum Faschismus zeigte sich deutlich in der Einstellung zum Hitlerfaschismus. Während die führende Faschistenclique immer näher an die Hitlerfaschisten heranrückte, war ein erheblicher Teil auch unter Faschisten gegen die Deutschen eingestellt. Die enge Zusammenarbeit und Übernahme von Maßnahmen der Hitler-Faschisten durch den Duce rief in breiten Schichten – auch innerhalb der Bourgeoisie – Empörung hervor. Die Beziehung des Faschismus zur Geistlichkeit verschlechterte sich. Teile der Bourgeoisie, z.B. das Handelskapital, reagierten mit großem Unmut auf Handelsabkommen mit dem deutschen Reich, da sie sich von der stärkeren Konkurrenz aus dem Norden bedroht fühlten.

Die Tätigkeit der KPI lebte wieder auf. Bereits 1934 war es ihr gelungen, mit der Sozialistischen Partei in der Emigration eine Einheitsfront zu schaffen, die zu verstärkten Aktivitäten der Emigranten führte, was sich auch auf die gemeinsamen antifaschistischen Aktionen im Lande auswirkte. Massenhaft tauchten vor allem in den großen Städten und Industriezentren Norditaliens Aufrufe gegen den Krieg in der Öffentlichkeit auf.

Die Faschisten reagierten mit immer grausamerem Terror. Razzien, Massenverhaftungen, Misshandlungen und die Ermordung missliebiger Elemente, auch innerhalb der faschistischen Partei, waren an der Tagesordnung.

Der Zusammenbruch

Der Eintritt des faschistischen Italiens in den Zweiten Weltkrieg an der Seite Hitler-Deutschlands verbesserte weder die wirtschaftliche noch die politische Lage im Land. Mit der Schließung der Seewege durch England wurde Italien von wichtigen Versorgungsquellen abgeschnitten. Die territorialen Eroberungen der deutschen Faschisten in Europa nutzten Italien wenig. Handelsverträge, die die Mussolini-Regierung vor und während des Krieges mit Ländern wie Rumänen oder Finnland abgeschlossen hatte, blieben auf dem Papier stehen, da das faschistische Deutschland alles was möglich war, aus diesen Ländern herauspresste. Auf der anderen Seite versorgte Hitler-Deutschland seinen Verbündeten nur in dem Maße mit Rohstoffen und Waffen, wie es für die eigenen Eroberungspläne notwendig war. Teile der italienischen Landwirtschaft wurden praktisch unter deutsche Kontrolle gestellt: der Bedarf, die Preise, Fristen wurden vom Deutschen Reich festgelegt.

Die dem italienischen Faschismus an allen Fronten beigebrachten Niederlagen zersetzte das Hinterland zusätzlich. Es zeigte sich die große Kluft zwischen der faschistischen Propaganda eines starken Italiens unter faschistischer Herrschaft und der tatsächlichen Schwäche des italienischen Imperialismus. Mussolini verlor zusehends an Rückhalt – bei seiner sozialen Basis, innerhalb der Bourgeoisie und entsprechend auch innerhalb der faschistischen Partei. Die endlich zustande gekommene Anti-Hitler-Koalition trug auf der antifaschistischen Seite dazu bei, die Zersplitterung zu überwinden und eine Volksfront gegen den Faschismus zu schaffen. Die Aktionen gegen Faschismus und Krieg wurden immer heftiger. Im März 1943 traten innerhalb von 10 Tagen bis zu 300.000 Arbeiter in den Streik. Die Abschaffung des Mussolini-Regimes wurde für die italienische Bourgeoisie zu einer Notwendigkeit, um aus dem absehbar verlorenen Krieg auszuscheiden und einer Volkserhebung zuvorzukommen. So wurde auf einem für den 24. Juli dringlichst einberufenen großen faschistischen Rat Mussolini abgesetzt, am Tag darauf wurde er verhaftet.

Sofort nach seinem Sturz kam es zu Massendemonstrationen mit der Forderung nach vollständiger Liquidierung des Faschismus, Bruch mit Hitler-Deutschland, Frieden mit der Anti-Hitler-Koalition. Arbeiter und andere Antifaschisten begannen, Faschisten festzunehmen und antifaschistische Gefangene freizulassen.

So hatte sich die neue Regierung unter dem Marschall Badoglio das allerdings nicht vorgestellt. Sie zeigte weder irgendeine Entschlossenheit, den Faschismus vollständig zu liquidieren und das Land zu demokratisieren, noch mit Hitler zu brechen. Über das Land wurde ein Belagerungszustand verhängt.

Die antifaschistischen demokratischen Organisationen traten Badoglio gemeinsam entgegen, forderten Frieden und demokratische Rechte. Die Arbeiter unterstrichen ihre Forderungen mit einer Reihe von Demonstrationen und Streiks. Unter diesem Druck nahm Badoglio Friedensverhandlungen mit der britischen und US-amerikanischen Führung auf. Am 3. September 1943 kapitulierte Italien.

Kaum war die Kapitulation veröffentlicht, fielen die deutschen Faschisten in Italien ein. Italien wurde ausgeplündert, das Volk als Rache gegen den „Verrat“ mit noch viel größerem Terror überzogen.

Der Kampf der Antifaschisten in Italien gegen den italienischen Faschismus wurde nun zum bewaffneten Kampf um die Befreiung vom Hitlerfaschismus.

Gretl Aden

1 S.M. Slobodskoj: „Der Italienische Faschismus und sein Zusammenbruch“, SWA-Verlag Berlin, 1948

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