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Der Roman „Nackt unter Wölfen’’ von Bruno Apitz

Der Roman „Nackt unter Wölfen“ von 1958 war der erste Roman über das Konzentrationslager Buchenwald. Verfasst wurde der Roman von Bruno Apitz[*], der selbst von den Nazischergen 1937 nach Buchenwald verschleppt wurde und bis zur Befreiung des KZs im April 1945 dort eingekerkert war.

„Nackt unter Wölfen“ schildert anhand der Geschichte eines jüdischen Kindes aus Polen das schier unerträgliche Leben der Häftlinge im KZ Buchenwald, die es aber trotzdem schaffen, dank ihres Zusammenhaltes, das Leben des Kindes zu retten und das vieler Tausender ihrer selbst.

Der Roman gibt authentisch Auskunft über die Peiniger, über deren Brutalität gegenüber den Häftlingen aber auch über die Widersprüchlichkeit in deren Reihen, ihre Feigheit gegen Ende des Krieges, die sie gerade deswegen so gefährlich machten für das Überleben der Häftlinge.

Das Auftauchen des Kindes, welches in einem Koffer nach Buchenwald kam, brachte das Lagerleben der Häftlinge und der illegalen Lagerorganisation zunächst durcheinander. Die illegale Lagerleitung wurde dadurch vor große Probleme gestellt: Einerseits galt es das Leben des „kleinen Wurmes“ zu schützen und zu retten, andererseits durfte unter keinen Umständen das illegale Netz der Widerstandskämpfer im Lager gefährdet werden, die sich über Jahre darauf vorbereiteten Buchenwald selbst zu befreien und die Nazischergen zu verjagen.

Dieser kaum lösbare Widerspruch zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Schließlich wird das Kind gerettet und verlässt befreit durch die Häftlinge die Hölle von Buchenwald.

Bruno Apitz hat mit „Nackt unter Wölfen“ dem antifaschistischen Widerstand weltweit ein Denkmal gesetzt. Der Roman ist Mahnung und Anleitung in einem. Der Roman gibt Einblick in die Kraft des Zusammenhalts, in die Kraft der Internationalität und in die Kraft der Humanität. Anhand der Geschichte des Kindes kann man nachvollziehen, welch schwierige Entscheidungen täglich von den organisierten Kämpfern im Internationalen Lagerkomitee (ILK) zu treffen waren. Der Roman zeigt, dass nur Menschen die bewußt für die gerechte Sache des Kampfes gegen Ausbeutung und Unterdrückung eintreten, dieser Hölle trotzen können.

Ein Leseauszug aus dem Buch vermittelt trefflich die Situation in Buchenwald gegen Ende des Krieges.

* Bruno Apitz wurde 1900 in Leipzig geboren. In frühester Jugend macht Apitz bereits Bekanntschaft mit der organisierten Arbeiterbewegung. Er betätigt sich 1914 im Arbeiterbildungsverein. Sein Engagement gegen den Krieg lässt Apitz schnell Bekanntschaft mit der Justiz machen. Wegen Antikriegspropaganda wird er 1917 festgenommen und bleibt 9 Monate in Untersuchungshaft. Apitz schließt sich 1920 dem kommunistischen Jugendverband an und kämpft gegen den Kapp-Putsch. Er schreibt erste Stücke und wird Schauspieler. 1927 tritt er in die KPD ein. Sofort nach dem Machtantritt der Faschisten wird Apitz verhaftet. 1937 wird Apitz in das KZ Buchenwald verschleppt. In Buchenwald schreibt Apitz zahlreiche Gedichte und Texte. Apitz fertigt 1944 in Buchenwald die berühmte Holzplastik „Das letzte Gesicht“. Nach der Befreiung ist Apitz Gründungsmitglied der SED und engagiert sich mit voller Kraft im gesellschaftlichen und politischen Leben der DDR.

Mit dem Buch „Nackt unter Wölfen“ wird Apitz weltweit als großartiger antifaschistischer Schriftsteller bekannt. 1963 wird das Werk von der DEFA verfilmt. Apitz ist als Drehbuchautor und als Schauspieler aktiv an der filmischen Umsetzung beteiligt. Im April 1979 stirbt Apitz in Ost-Berlin.

„In den Widerstandsgruppen gärte es. Sie forderten Waffen. Unruhe und Ungeduld bedrohten die Disziplin. Die Verständigung mit den Gruppen durch die Verbindungsleute reichte nicht mehr aus. In der Not der Stunde mussten die Genossen des ILK immer mehr aus ihrer Verborgenheit hervortreten. Kurz entschlossen setzten sie daher eine Besprechung mit den Führern der Widerstandsgruppen an.

Nach Einbruch der Dunkelheit kamen über hundert Mann von ihnen in einem durch die Austreibung leer gewordenen Block zusammen. Auch Krämer nahm an der Besprechung teil.

Kaum dass Bochow sie eingeleitet hatte, kam aus den Reihen der Versammelten die Forderung nach bewaffnetem Widerstand gegen die weiteren Evakuierungen. Am ungeduldigsten war wiederum Pribula. Seine Freunde von den polnischen Gruppen schlossen sich ihm an. Aber auch andere Führer verlangten die Aufgabe der passiven Haltung.

Lieber wollen wir kämpfend untergehen, als länger zusehen, wie unsere Kameraden in den Tod gejagt werden. Heute sind es zehntausend, morgen werden es vielleicht dreißigtausend sein. Die Unruhe steigt an. „Lasst uns zu den Waffen greifen! Morgen schon!“

Krämer, der abseits stand, konnte sich nicht mehr zurückhalten. Er rief in das Rumoren hinein: „Zuerst einmal: Schreit hier nicht so ‘rum! – Wir sind auf keiner Streikversammlung, sondern im Lager! Wollt ihr mit eurem Lärm noch die SS anlocken? „Es wurde augenblicklich still. „Zu den Waffen wollt Ihr greifen, und das morgen schon? – Na, so was.“

Krämers Spott reizte. Viele lärmten erneut auf.

„Lasst mich sprechen, gottverdammich! – Schließlich habe ich als Lagerältester den größten Brocken zu schleppen und darum auch was zu sagen. – Wieviel Waffen wir eigentlich besitzen, dass weiß ich nicht so genau. Ihr werdet es besser wissen. Aber eines weiß ich! Es werden nicht so viele und so gute Waffen sein, dass wir es mit 6.000 SS-Leuten aufnehmen könnten. Ich weiß auch, daß sich der Kommandant hüten wird, hier ein Leichenfeld zurückzulassen, wenn wir ihn nicht durch unsere eigene Dummheit dazu zwingen!“

„Durch unsere eigene Dummheit?“

„Was bist du für ein Lagerältester?“

„Hört nur, er nimmt den Kommandanten noch in Schutz!“

Bochow griff ein: „Lasst den Lagerältesten zu Ende sprechen.“

Krämer schnaufte.

„Ich weiß nicht, ob ihr alle Kommunisten seid? Ich bin einer! – Hört mir gut zu, damit ihr begreift, was ich meine.“

Er machte eine knappe Pause.

„Wir haben hier im Lager ein kleines Kind versteckt. Sicher wisst ihr davon. Wegen dieses Kindes haben wir viel durchmachen müssen. Seinetwegen sitzen zwei von uns im Bunker, ihr kennt sie. Wegen des Kindes hat sich unser Pippig totschlagen lassen. Wegen des Kindes haben viele andere Kumpel ihren Arsch riskiert. Ihr selbst, wie ihr hier sitzt, seid wegen des Kindes in großer Gefahr gewesen. Manchmal hing es für das ganze Lager am seidenen Faden. Was war das für eine Dummheit von uns, ein kleines Kind zu verstecken? – Hätten wir es, als wir das Wurm fanden, lieber am Tor abgegeben, dann lebte unser Pippig noch und dann säßen nicht Höfel und Kropinski im Bunker und warteten jetzt auf ihren Tod! Dann wäre auch über euch und das Lager keine Gefahr gekommen. Allerdings hätten sie dann das Kind totgeschlagen, doch das wäre nicht so schlimm gewesen, was?“

Eine sonderbare Aufmerksamkeit füllte den Raum.

„Hättest du das Kind bei der SS abgegeben? fragte Krämer Pribula, in dessen Nähe er stand?

Der junge Pole antwortete nicht. Krämer sah das heimliche Glitzern in dessen Augen.

„Siehst du, so schwer ist die Entscheidung über Leben und Tod! – Meinst du, dass es mir leichtfällt, Todestransporte zum Tor zu schicken?“

Krämer wandte sich allen zu. „Was soll ich tun? – Soll ich zu Kluttig gehen: Ich verweigere den Befehl, schieß mich über den Haufen? ...Großartig von mir, was? ...Ihr würdet mir bestimmt ein Denkmal setzen ...Aber ich verzichte auf die Ehre und schicke dafür Menschen in den Tod, um ...Menschen zu retten, nämlich nur, damit Schwahl nicht schießt!“

Krämer sah in die Gesichter hinein, die ihn anstarrten. „Begreift ihr das? ...Es ist nicht so leicht, das zu begreifen. Es ist überhaupt nicht leicht. Denn alles was wir jetzt tun müssen, ist nicht nur eine einfache Entscheidung! Wir haben nicht einfach zu wählen zwischen Leben und Tod! Wäre es so, dann würde ich sagen: Jawohl, her mit den Waffen, ab morgen schießen wir! Sagt mir: haben wir Pippig in den Tod getrieben, weil wir das Kind gerettet haben? Sagt mir: hätten wir das Wurm umbringen lassen sollen, um Pippig zu retten? – Na, sagt es doch! Wer gibt mir die richtige Antwort?“

Krämer war in tiefe Erregung geraten. Er musste noch viel sagen. Doch die Gedanken wurden für ihn immer komplizierter, er formte sie mit den Händen, fand aber keinen Ausdruck mehr und kapitulierte vor dem Schweigen.

Die Männer schwiegen. Es war gewesen, als hätte Krämer jedes einzelne seiner schweren Worte von der Waagschale genommen und sie in die Hände der Männer gelegt: da, wägt selbst!

Die Männer waren zur Besinnung gekommen. Disziplinierter, als sie begonnen, wurde die Besprechung zu Ende geführt.

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