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Widersprüche und militärische Entscheidungen im 2.Weltkrieg:

„Dank Euch ihr Sowjetsoldaten!”

Zum 60. Jahrestag der Befreiung vom deutschen Faschismus wird in den bürgerlichen Medien und von den offiziellen Politikern praktisch nichts gesagt über die Rolle der Sowjetunion im 2.Weltkrieg. Diese Leugnung, bzw. Nichterwähnung der herausragenden Leistungen der Sowjetunion bei der militärischen Zerschlagung des Nazi-Faschismus ist nichts Neues. Das war in Westdeutschland auch schon so, als die Sowjetunion noch existierte. Neu ist allerdings die Deutlichkeit, mit der man trotz gemeinsamer Friedensfeiern und Beteuerung ewiger Freundschaft der einstigen Gegner bei passender Gelegenheit auch gegen die westlichen „Freunde“ der Anti-Hitler-Koalition losschlägt. „Wir sind wieder wer“ ist die Botschaft in diesem Jahr der Jahrestage, „wir übernehmen die Verantwortung für die Geschichte – doch auch uns ist schweres Unrecht getan worden“. So reihen sich nahtlos das Gedenken an die Bombardierungen Dresdens, Nürnbergs oder Hamburgs durch die westlichen Alliierten in das Gedenken zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und in die Feierlichkeiten zur Befreiung vom Hitler-Faschismus.

So versteigt sich z.B. die FAZ am 12.2.2005 anlässlich des 60. Jahrestages der Bombardierung Dresdens: „Nur war Coventry ein Zentrum der Rüstungsindustrie, nicht eine offene, zivile Stadt, die keine Luftabwehr hatte und kaum Luftschutzbunker ... Da verbietet sich ein Vergleich eigentlich[1]. Aber möglicherweise war, relativ gesehen, das englische Entsetzen am Auftakt des Bombenkriegs, als die Maßstäbe noch irdischer waren, tatsächlich so groß, wie das deutsche am Ende, als sie höllisch wurden? Nur so ließe sich erklären, dass Engländer immer noch ohne Verlegenheit, nicht zu sagen ohne Scham, „Coventry“ sagen, wenn sie „Dresden“ hören.“

Schämen sollen sie sich also die Engländer, wenn sie daran erinnern, wer zuerst fremde Städte bombardiert hat und: Ein Vergleich verbietet sich! Aber nicht so herum, dass man in dem Land, von wo der Krieg ausging, vergleicht, als am Ende der Krieg auch in Deutschland Zerstörung bedeutete und Opfer forderte: Wir haben auch Ungerechtigkeit erfahren, guckt doch nach Dresden! Sondern andersherum, 180 Grad weiter sozusagen: Es verbietet sich überhaupt den sauberen, deutschen Militärangriff auf Coventry mit dem hinterhältigen Verbrechen der mörderischen Engländer an Dresden irgendwie nebeneinander zu erwähnen. Ursachen, Täter und Opfer, Hintergründe, Wer hat die kriegerische Neuaufteilung der Welt begonnen und wer hat warum wie reagiert? – das alles soll zu einem Brei unerklärlicher Vorgänge aus grauer Vorzeit verschwimmen. Die im Interesse der Weltmachtsgelüste der deutschen Monopolbourgeoisie begangenen Verbrechen derart relativierend, schickt sich diese heute wieder an, gegenüber ihren Rivalen in altbekannter Manier ihren Platz an der Sonne einzufordern.

Umso dringlicher ist es, diesen Geschichtsfälschungen etwas entgegenzusetzen. Die Frage ist dabei nicht in erster Linie, wer hat wann, wo, wie viele Bomben geworfen, sondern: In wessen Interesse ist dieser Krieg gegen die Barbarei des Hitlerfaschismus von den verschiedenen Seiten aus geführt worden? Dabei zeigt sich, dass schon alleine das Schweigen über die Rolle des Arbeiter- und Bauernstaates Sowjetunion eine Geschichtslüge ist, ohne die es der herrschenden Klasse hierzulande nicht möglich wäre, sich als geläuterter Garant gegen Faschismus und berechtigter Ankläger jeglichen „Unrechts“ hinzustellen.

Der „seltsame Krieg“

Ohne die Sowjetunion wäre die Anti-Hitler-Koalition nicht zustande gekommen. Der faschistische deutsche Imperialismus war der tödliche Feind der Arbeiterklasse. Er bedeutete die barbarische Unterjochung der Völker Europas und erschwerte den Kampf um die Zukunft in jeder Hinsicht. Die Sowjetunion war deshalb gemeinsam mit den gegen den Hitlerfaschismus kämpfenden Völkern und der Arbeiterklasse in den imperialistischen Staaten der Motor dieser Koalition und prägte den antifaschistischen Charakter des Krieges gegen Hitler-Deutschland. Dabei hat die Sowjetunion nicht nur hinsichtlich der Zahl der Opfer und der gewaltigen Zerstörungen auf ihrem eigenen Staatsgebiet die übergroße Hauptlast des Krieges getragen, sie hat auch trotz zeitweilig deutlich schlechterer Waffentechnik den entscheidenden Teil der militärischen Zerschlagung des Hitler-Faschismus allein geleistet. Die westlichen Alliierten USA, Großbritannien und (nach späterem Beitritt) Frankreich, hatten im Gegensatz zur Sowjetunion schwankende Interessen in diesem Krieg. Einerseits war Deutschland ein kapitalistischer und imperialistischer Konkurrent, der durch Streben nach der Weltmacht seine Interessen nach Absatzmärkten, Einflusssphären und Rohstoffen durchsetzen wollte und damit die anderen imperialistischen Räuber bedrohte. Gleichzeitig waren die Alliierten naturgemäß entschiedene Gegner des Sozialismus. Die Entwicklung in der Sowjetunion, die – unter großen Entbehrungen und Opfern – erreichten Fortschritte auf ökonomischem und technischem Gebiet bedrohte sie immer stärker, die Sympathie vieler Arbeiter für diese Aufbauleistungen machte ihnen zu schaffen. Somit waren sie in dem Zwiespalt, dass eine gravierende Schwächung der Sowjetunion oder gar ein Sturz der Arbeiterklasse an der Macht durch einen deutschen Angriff ihnen durchaus recht war, aber ein vollständiger Sieg Hitlerdeutschlands und ein damit verbundener Aufstieg des deutschen Imperialismus schon aus Konkurrenzgründen zu verhindern wäre. Durch diese gespaltenen Interessen waren ihre konkreten Handlungen auf den ersten Blick oftmals widersprüchlich, unentschlossen oder zweideutig. Für die herrschende Klasse der USA, Großbritanniens und Frankreichs wäre ein Kriegsausgang optimal gewesen, bei dem am Ende mit Deutschland und der Sowjetunion zwei große Verlierer gestanden hätten.

Diese gespaltene Grundlage des Handelns führte lange Zeit zu einer Politik nicht eingehaltener Versprechen, für den der Begriff des „seltsamen Krieges“[2] geprägt wurde. Nachdem der faschistische deutsche Imperialismus am 1. September 1939 Polen überfiel, verkündeten die britische und französische Regierung bereits am 3. September (also zwei Tage später) den Kriegszustand mit Deutschland, gleichzeitig erklärten sie, die Polen gegebenen Garantieversprechen nunmehr einzulösen. Darauf folgten keine nennenswerten Taten, gleiches galt für die USA. So ermöglichten die imperialistischen Westmächte der faschistischen deutschen Wehrmacht Polen ungestört zu erobern.

Diese Taktik der Westmächte setzte sich zunächst fort: „Die britische und die französische Regierung hofften immer noch, dass es ihnen gelingen werde, die faschistischen Aggressoren gegen die UdSSR zu lenken. Aus diesem Grunde provozierten sie im Winter 1939/1940 den Krieg Finnlands gegen die Sowjetunion und unterstützen diesen Verbündeten Deutschlands mit Waffen und Geld. ... So führten Großbritannien und Frankreich in Westeuropa einen Krieg, der in der ganzen Welt als „seltsamer Krieg“ bezeichnet wurde ...[3]

Widersprüche und seltsame Wirrungen

Auch die britische und französische Regierung verfolgten imperialistische Kriegsziele. Sie wollten im Krieg, unterstützt von den USA, die eigenen imperialistischen Interessen sichern, Deutschland als gefährlichen Konkurrenten ausschalten und die eigene Großmachtstellung in Europa behaupten. ... Getrieben von dem blinden Hass auf die Sowjetunion, versuchten die britische und die französische Regierung gleichzeitig, die faschistischen Aggressoren gegen den ersten sozialistischen Staat zu lenken. Der Antikommunismus war die Triebkraft ihrer Innen- und Außenpolitik. Die wachsenden Widersprüche im imperialistischen System und die kluge Außenpolitik der UdSSR verhinderten jedoch das Entstehen einer antisowjetischen Einheitsfront der kapitalistischen Staaten.

Der zweite Weltkrieg unterschied sich wesentlich vom ersten. ... Obwohl der zweite Weltkrieg als ein beiderseits imperialistischer Krieg begann, enthielt er von Anfang an Elemente eines gerechten, antifaschistischen Krieges auf der Seite der gegen Hitlerdeutschland kämpfenden Völker und Kräfte. Seit Kriegsbeginn entwickelte sich in den vom deutschen Imperialismus unterjochten oder bedrohten Ländern der antifaschistische Befreiungskampf der freiheitsliebenden Völker für ihre nationale Existenz und Unabhängigkeit ...[4]

Dies war die wesentliche Unterstützung für die Länder – insbesondere die Sowjetunion – die sich gegen die faschistische Unterdrückung wehrten. Der Kampf tobte aber auch in den Ländern der Westmächte, wo Kommunisten, Gewerkschafter und auch demokratisch gesinnte bürgerliche Kräfte[5] ein entschlossenes Eingreifen gegen Nazi-Deutschland forderten. So richtete sich der Widerstandskampf „aber auch gegen die reaktionären Kräfte im eigenen Lande, die mit den faschistischen Okkupanten paktierten oder die profaschistische, antisowjetische Politik des „seltsamen Krieges“ verfolgten ...

Der widersprüchliche Charakter des Krieges zeigte sich außerdem darin, dass Frankreich und Großbritannien sowie die unterjochten und bedrohten Völker Europas in Hitlerdeutschland einen gemeinsamen Feind hatten. Somit war der zweite Weltkrieg in seinem Anfangsstadium eine ungleich kompliziertere gesellschaftliche Erscheinung als der erste Weltkrieg.[6]

Trotz der weit gehenden Untätigkeit der Westmächte ist der Charakter des 2.Weltkrieges klar zu erfassen, Stalin beschrieb diesen 1946 wie folgt: „Infolgedessen nahm der zweite Weltkrieg gegen die Achsenmächte, zum Unterschied vom ersten Weltkrieg, gleich von Anfang an den Charakter eines antifaschistischen, eines Befreiungskrieges an, dessen eine Aufgabe denn auch die Wiederherstellung der demokratischen Freiheiten war.[7] Die Sowjetunion hatte die militärische Bedrohung durch das Naziregime schon bei der Machtübertragung in Deutschland 1933 längst erkannt und immer wieder Versuche einer Isolierung der aggressivsten imperialistischen Macht, also Deutschlands, unternommen. Alle diese Versuche wurden zu dieser Zeit von den Westmächten abgelehnt. In der Folge blieb der Sowjetunion letztlich nichts übrig, als den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag[8] zu schließen und damit Zeit zu gewinnen, den deutschen Angriff hinauszuzögern, bis man militärisch ausreichend gerüstet war. Zu diesem Komplex zitieren wir in diesem Heft ausführlich den Faschismusforscher Kurt Gossweiler, der die Entwicklungen dieser Jahre und die Fragen und Diskussionen von Kommunisten dazu selbst aktiv miterlebt hat.

Die zweite Front und die alliierten Waffenlieferungen an die UdSSR

Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 wuchs die Gefahr, dass der Konkurrent Deutschland seine Kriegsziele in erheblichem Umfang erreichen könnte, gleichzeitig aber schädigte der Angriff den aus Sicht der Westmächte verhassten Klassenfeind Sowjetunion. Offiziell bekundeten die Westmächte der Sowjetunion ihre Unterstützung, taten aber weiterhin wenig. Zwar war die Festigung der politischen und ökonomischen Beziehungen zwischen der UdSSR, Groß­britan­nien und den USA wichtig und bedeutsam. Doch das reichte nicht aus, um den Tag des Sieges über die Aggressoren schnellstens näher zu rücken. Erforderlich wäre ein wirklich enges militärisches Zusammenwirken gewesen, diese Frage wurde mit dem faschistischen Überfall auf die Sowjetunion höchst ak­tuell.

General „Winter“ und General „Schlamm“

Die bürgerliche Geschichtsschreibung nennt die militärische Niederlage des deutschen Faschismus in der Sowjetunion gerne auch „die Schlammperiode“ und „den russischen Winter“. Eine britische Quelle (die sich auf Aussagen Shukows[1] in „Erinnerungen und Gedanken“ beruft) berichtet: „In den Nachkriegsjahren haben Hitlers Generale und bourgeoise Historiker sich häufig über die schlechten russischen Straßen und den Schlamm auf der einen Seite und den russischen Frost auf der anderen ausgelassen. Diese Methode der Legendenbildung ist bereits als untauglich entlarvt worden; trotzdem möchte ich die Aufmerksamkeit des Lesers erneut auf die Ausführungen General Kurt von Tippelskirchs lenken, der ebenfalls behauptet, die Deut­schen seien durch widriges Wetter an der Einnahme Moskaus ge­hindert worden. Die Straßen seien unpassierbar geworden, schrieb er nach dem Krieg, der Schlamm habe an den Stiefeln der Männer, den Hufen der Zugtiere und den Rädern von Fuhrwerken und Kraftfahrzeugen geklebt ... So sei die Offensive zum Stehen ge­kommen. Hatten Hitlers Generale denn bei der Planung ihres Ostfeldzugs damit gerechnet, bis nach Moskau und darüber hinaus auf glatten, asphaltierten Straßen fahren zu können? Umso schlimmer für sie und ihre Soldaten, die – wie Tippelskirch behauptet – vor Mos­kau im Schlamm stecken blieben. Ich habe damals mit eigenen Au­gen Tausende und Abertausende von Moskauerinnen gesehen, die nicht an schwere Arbeit gewöhnt und leicht bekleidet aus ihren Stadtwohnungen gekommen waren. Sie hoben bei dem selben schlechten Wetter und im Schlamm Panzer- und Schützengräben aus, errichteten Panzersperren, bauten Barrikaden und Drahthin­dernisse und schleppten Sandsäcke heran. Der Schlamm klebte auch an ihren Füßen und an den Rädern der mit Erde gefüllten Schubkarren und machte die ohnehin nicht für Frauenhände be­stimmten Schaufeln unvergleichlich schwerer...

Ich glaube, dass ich den Vergleich nicht weiter auszuführen brau­che, aber ich möchte zur Information derer, die dazu neigen, die wirklichen Ursachen der deutschen Niederlage vor Moskau unter Schlamm zu verbergen, doch feststellen, dass die Schlammperiode im Oktober 1941 verhältnismäßig kurz war. Das kalte Wetter be­gann Anfang November; es schneite, und Gelände und Straßen waren überall wieder befahrbar. In den Novembertagen des deut­schen „Generalangriffs“ herrschten im Raum Moskau im Durchschnitt sieben bis zehn Grad Frost und bekanntlich gibt es bei solchem Wetter kein aufgeweichtes Gelände“[2]

Zum russischen Winter

„Schukows Kommentare über Versuche von deutscher Seite, für die Niederlage vor Moskau nicht die Rote Armee, sondern das Winterwetter verantwortlich zu machen, sind ebenso sarkastisch wie seine früheren Bemerkungen über den Schlamm. Er stellt fest, dass die deutschen Generale mit dem russischen Winter hätten rechnen müssen. Obwohl außer Zweifel steht, dass die Wehrmacht durch den Mangel an Winterkleidung schwer behindert war, wie die Zahl der Ausfälle durch Erfrierungen zeigt, und mit Schwierig­keiten zu kämpfen hatte, weil Gefrierschutzmittel, dünnflüssige Schmieröle und geeignetes Waffenfett für Patronen und Granaten fehlten (das verwendete fror fest, so dass jede Granate vor dem La­den saubergekratzt werden musste, worunter die Schussgeschwindigkeit litt), muss fairerweise gesagt werden, dass diese Schwierig­keiten selbstverschuldet waren. Der deutsche Russlandfeldzug war auf einen raschen Erfolg ausgelegt, und die Verantwortlichen hat­ten keine Vorbereitungen für eine Fortsetzung der Kämpfe in den Winter hinein getroffen. .... Auch wenn die Stärke der Roten Armee ein gut gehütetes Geheim­nis gewesen war, konnte man das von der Strenge des russischen Winters kaum behaupten, und Schukows Sarkasmus ist in diesem Punkt vielleicht gerechtfertigt. Darüber hinaus steht unbestreitbar fest, dass seine Soldaten zwar ebenso wenig immun gegen die Kälte wie die Deutschen, aber zumindest eher daran gewöhnt, entspre­chend bekleidet und mit Gerät ausgerüstet waren, das auch bei starkem Frost noch funktionierte. Außerdem bezeugen zahlreiche deutsche Berichte, dass die zurückgehenden Kräfte der Roten Ar­mee systematisch alle Gebäude zerstörten, die den Deutschen hät­ten Schutz bieten können, was wiederum beweist, dass die Sowjets die deutschen Schwierigkeiten erkannten und geschickt ausnützten – wie es zu den Grundzügen erfolgreicher Kriegsführung gehört.“[3]

Wir wollen den Argumenten „Schlamm“ und „Winter“ nicht nur mit Ironie begegnen. Natürlich behindert beides die Führung des Gefechtes. Dabei behindert es den Angreifenden zunächst wesentlich stärker als den sich in vorbereiteten Stellungen Verteidigenden. Spätestens aber ab dem Augenblick, wenn der Verteidigende aus seinen Stellungen geworfen worden ist, sprich den deutschen Angreifern der Durchbruch durch die gegnerische Verteidigung gelungen war, und die Rote Armee zum Rückzug gezwungen war, trafen für beide Seiten die gleichen Schwierigkeiten der Bedingungen zu. Im Verlauf des Krieges führte die Rote Armee nicht wenige erfolgreiche Angriffsoperationen während der Schlammperioden durch.

Im Übrigen wäre es eigentlich nicht schlimm, wenn der deutsche Angriff letztlich am Schlamm gescheitert wäre. Entscheidend ist und bleibt die Tatsache, dass er gescheitert ist und dass die Sowjetunion ihr Territorium und später auch Deutschland vom Nazi-Faschismus befreite. Wir gehen hier auf die Argumente Schlamm und Winter deshalb ein, weil sie Ablenkungsmanöver sind, die die wahre Leistung der Sowjetunion, die Überlegenheit des Sozialismus in dieser Phase überdecken und ungeschehen machen wollen. Die Leistung der Soldaten der Roten Armee und der Völker der Sowjetunion, die unter der unvorstellbaren Zahl von mehr als 20 Millionen Toten erbracht wurde, soll so bestritten werden.

1 Marshall der Sowjetunion, wesentlicher militärischer Kopf der Roten Armee

2 Panzer vor Moskau Titel der Originalausgabe: The Defense of Moscow, erschienen im Verlag Pan/Ballantine, London/New York Aus dem Englischen von Wulf Bergner © 1968 by Geoffrey Jukes © 1984 der deutschen Übersetzung by Verlagsunion Erich Pabel-Arthur Moewig KG, Rastatt Seite 110

3 ebenda Seite 120

Schon vor dem deutschen Angriff, am 30.Juni 1941 kam es zu Gesprächen zwischen dem damaligen sowjetischen Außenminister Molotow und der britischen Militärmission unter der Leitung von General Frank Macfarlane. Molotow betonte, dass Großbritannien nach seiner Überzeugung in der Lage sei, durch eigene Handlungen die Nazi-Militärs zu zwingen, nennenswerte Kräfte von der Ostfront abzuziehen. Dies würde der Roten Armee entsprechende Entlastung bringen. „Am nächsten Tag teilte die britische Regierung Cripps telegrafisch mit, Groß­britannien sei nicht in der Lage, der UdSSR irgendwelche militärische Hilfe zu leisten. Das hinderte jedoch den britischen Botschafter nicht daran, am 2. Juli ge­genüber dem Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten erneut zu erklä­ren, wie das zuvor auch Churchill in aller Öffentlichkeit getan hatte, dass Groß­britannien bereit sei, der UdSSR jede mögliche Hilfe zu erweisen. Die britische Diplomatie hielt derartige außenpolitische Gesten für nützlich, um die Entschlos­senheit der Sowjetunion im Krieg aufrechtzuerhalten.“[9] Auch diente dies der Beruhigung der Teile der eigenen Bevölkerung, die dringend Unterstützung für die Sowjetunion forderten oder einfach gegen die militärische Aggression des deutschen Imperialismus waren. Während dieser Lippenbekenntnisse erlitt die Rote Armee riesige Verluste an der tausende Kilometer langen Front. Natürlich verliefen die Kämpfe für die faschistische Wehrmacht auch nicht schadlos, doch konnte die Wehrmacht zu diesem Zeitpunkt Regimenter und Divisionen aus Westeuropa relativ gefahrlos nachschieben ohne eine andere Front zu entblößen.

„Anfang September 1941 verwies die Sowjetregierung erneut auf die Notwen­digkeit, eine zweite Front zu eröffnen. In seinem Schreiben vom 3. September setzte Stalin Churchill davon in Kenntnis, dass ,30 bis 34 frische deutsche Infan­teriedivisionen und gewaltige Mengen von Panzern und Flugzeugen an die Ost­front geworfen worden sind und die 20 finnischen sowie 26 rumänischen Divisio­nen[10] eine große Aktivität ent­faltet haben’. Die Sowjetunion habe reichlich die Hälfte der Ukraine eingebüßt und außerdem stehe der Feind vor den Toren Le­ningrads. ,Die Deutschen’, so hieß es in dem Schreiben, ,betrachten die Ge­fahr aus dem Westen als Bluff und verlegen ungestraft alle ihre Kräfte aus dem Westen nach dem Osten, da sie überzeugt sind, dass es eine zweite Front im We­sten weder gibt noch geben wird.’ Zur Erleichterung der Lage an der sowje­tisch-deutschen Front, schrieb der sowjetische Regierungschef, gebe es nur einen Ausweg: noch im Jahre 1941 eine zweite Front zu errichten, ,die die Deut­schen zwingt, 30 bis 40 Divisionen von der Ostfront abzuziehen’.“[11]

Am ersten Juni 1942 erklärte der Präsident der USA gegenüber dem sowjetischen Außenminister Molotow, dass er bemüht sei noch 1942 die zweite Front zu eröffnen. „Der ame­rikanische Präsident teilte jedoch General George C. Marshall und später auch Churchill mit, seine während der Verhandlungen abgegebene Erklärung über die Eröffnung einer zweiten Front im Jahre 1942 habe lediglich bezweckt, ,die sowjetische Regierung zu beruhigen’.“[12]

Bedeutung der Waffen­lieferungen

Der unbestreitbare Sieg der Sowjetunion über das faschistische Deutschland wird oftmals mit Waffenlieferungen der USA und Großbritanniens begründet. So schreibt beispielsweise im letzten Jahr DER SPIEGEL: „Ohne die gigantischen Lieferungen der amerikanischen Industrie an die bankrotten Briten und die verzweifelten Sowjets, ohne die Millionen GIs, die in Italien oder Frankreich kämpften, ohne die Tausenden US-Bomber, welche Deutschlands Rüs­tungs­maschinerie zerschlugen, wäre die Befreiung Europas von den Nazis nie ge­lungen.“[13] Gigantische Lieferungen hat es leider nicht gegeben. Nach den unterschiedlichsten Quellen betrugen diese Waffenlieferungen von USA und Großbritannien 4-5% der sowjetischen Rüstungsproduktion, außerdem erfolgten sie völlig unkontinuierlich, waren also kaum einzuplanen. Der ehemalige USA-Präsident Her­bert Clark Hoover musste zugeben, dass die Sowjetarmee die Deutschen letztlich zum Stehen brachte, bevor die Lend-Lease-Lieferungen sie erreichten.

Im Sommer und Herbst 1942 wurden erneut Versprechungen nicht erfüllt. Bis Ende November waren aus den USA nur wenig mehr als die Hälfte der geplanten Lieferungen in der UdSSR eingetroffen. Die von Groß­britannien und den USA gelieferten Waffen waren häufig auch veraltet oder defekt. „Große Schwierigkeiten hatte das mit britischen Panzern ausgerüstete Panzerregiment von Oberstleutnant Borissow zu überwinden. Geringe Manövrierfähigkeit, hohe Verwundbarkeit und verminderte Geländegängigkeit erschwerten ihren Einsatz[14].[15]

Wir hatten mehrere amerikanische und britische Panzer bekom­men und verglichen sie sehr sorgfältig mit unseren. Der Vergleich fiel eindeutig zu unseren Gunsten aus. Der komfortable «Sherman» war weniger beweglich, schwächer im Feuer und hatte eine dün­nere Panzerung. Für den «Churchill» traf dasselbe zu. Außerdem konnten seine Ketten selbst geringe Steigungen und Gefälle nur mühsam überwinden.

Auf meinen Vorschlag hin nieteten unsere Mechaniker dem «Churchill» Sporen an die Ketten; dadurch wurde er etwas ge­ländegängiger. Die kleine Verbesserung hatte sich bald in der 65. Armee herumgesprochen, und Batow erkundigte sich scherzend bei mir: ,Sag mal, wie hast du es bloß geschafft, unserem Verbün­deten «Churchill» Beine zu machen?’“[16]

Ein maßgeblicher Konstrukteur sowjetischer Jagdflugzeuge berichtete Ähnliches über die gelieferten Luftwaffen: „Bereits Ende 1941 hatten wir mit den Engländern und Ameri­kanern darüber verhandelt, dass sie uns mit Flugzeugen, Motoren und Ausrüstungen helfen sollten. Die Engländer konnten uns je­doch nichts Wesentliches geben, außer den veralteten Jagdflugzeu­gen Hurricane, die sie selbst nicht mehr verwendeten. Mit dieser Hurricane hatten sowjetische Flieger an der Nordfront gekämpft; der Held der Sowjetunion Safonow flog zum Beispiel damit im Raum Kola-Murmansk Sperre und schützte Seekonvois.

Nach dem Eintritt der USA in den Krieg erhielten wir von den Amerikanern die Jagdflugzeuge der Firma „Bell“ Airacobra; sowje­tische Flieger brachten sie aus Alaska über Sibirien direkt an die Front. In den ersten Serien dieser Maschinen entdeckten wir ernst­hafte Defekte: Während des Flugs brach mehrmals das Leitwerk, und das führte zu Katastrophen.“[17]

Aber es soll nicht ausgeklammert werden, dass es auch geliefertes Gerät gab, welches den Anforderungen angepasst war, so z.B. den LKW „Studebaker“, den geländegängigen PKW „Willys“ oder das Transportflugzeug „Douglas“. Andererseits kam Hilfe von Seiten, die die bürgerliche Geschichtsschreibung völlig verschweigt: „Allein im Jahre 1941 trafen aus der Mongolischen Volks­repu­blik 140 Waggons Geschenke für die Sowjetsoldaten im Gesamt­wert von 65 Millionen Tugrik ein. Bei der Außenhandelsbank liefen 2,5 Millionen Tugrik und 100.000 US-Dollar sowie 320 Kilogramm Gold ein. Für diese Mittel wurden 53 Panzer gebaut, davon 32 vom Typ T-34, an deren Bordwänden der ruhmreiche Name Suche-Bators und die Namen anderer Helden der Mongoli­schen Volksrepublik standen. Viele dieser Panzer kämpften erfolg­reich gegen die faschistischen Truppen und gelangten mit der 112. Panzerbrigade der 1. Gardepanzerarmee bis Berlin. Außer den Panzern wurde den sowjetischen Luftstreitkräften die Staffel ,Mongolische Araten’ übergeben. Sie gehörte zum 2. Orschaer Gardefliegerregiment. Die Staffel ,Mongolische Araten’ kämpfte erfolgreich während des gesamten Kriegsverlaufs. 1941/42 wurden der Roten Armee 35.000 Pferde geschenkt, die die sowjetischen Kavallerietruppenteile erhielten.“[18]

Das Blatt wendet sich

Am 19. August 1942 versuchten die Alliierten im Norden Frankreichs, im Raum von Dieppe, eine Landung. Das Scheitern dieser mit begrenzten Mitteln (6.000 Mann) und begrenzten Zielen durchgeführten Seelandung diente anschließend als Begründung für die angebliche Unmöglichkeit, eine zweite Front zu errichten. Schon die Menge der bereitgestellten Mittel lässt erkennen, dass nie ernsthaft an die Eröffnung einer zweiten Front in Dieppe gedacht worden war, 6.000 hauptsächlich kanadische Soldaten, wurden verheizt, um einen Vorwand für die weitere Untätigkeit zu schaffen.

Zur gleichen Zeit tobten im Osten gewaltige Schlachten. Der faschistischen Wehrmacht gelang es dabei – im Gegensatz zu vorher – immer weniger, die riesigen Verluste an Menschen und Material auszugleichen. Für die Sowjetunion aber war nicht nur der militärstrategische Umschwung geschafft, sondern längst auch der wirtschaftliche. So waren ca. 1.300 Betriebe seit Beginn des Krieges in den westlichen Landesteilen abgebaut und in den Osten und Südosten des Landes geschafft worden. Dies war eine gigantische Leistung, die in der Geschichte bisher einmalig ist. Dabei ist zu bedenken, dass dies während der kriegsbedingt äußerst angespannten Lage des Transportsystems und nicht selten unter Beschuss aus der Luft geschah. Die Betriebe mussten in kürzester Zeit nicht nur wieder aufgebaut, sondern die gesamte Strom- und Wasserversorgung am neuen Ort geschaffen und dazu die Logistik von Materialversorgung und Zulieferung völlig neu organisiert werden. Die Produktion der sowjetischen Industrie von Panzern, Flugzeugen und Geschützen überstieg dadurch spätestens ab Jahresbeginn 1943 die Deutschlands und seiner (wenigen) Verbündeten deutlich. Das Kriegsmaterial war jetzt den Erfordernissen des modernen Krieges angepasst, wie insbesondere der legendäre Panzer T34, der schwere Panzer IS 2, das Schlachtflugzeug IL 2 („schwarzer Tod“), der reaktive Geschoßwerfer BM13 bzw. BM31 („Stalinorgel“) oder die Jagdflugzeuge Jak 3 und 7 bzw. Mig 3 bewiesen. Alle diese Waffen waren in extrem kurzer Zeit entwickelt und in hohen Stückzahlen unter schwierigsten Bedingungen produziert worden.

Das Wichtigste aber war, dass die sowjetischen Soldaten jetzt nicht nur mit dem Glauben an den Sieg kämpften, sondern ihn direkt vor sich sahen. Die sowjetische Militärstrategie und Taktik hatte riesige Schritte gemacht.[19] Die Rote Armee hatte jetzt nicht nur kämpfen, sondern auch siegen gelernt. Davon zeugen die groß angelegten Angriffs- und Umfassungsoperationen[20].

Als am 6.Juni 1944 die Truppen von USA und Großbritannien in der französischen Normandie landeten, stand die Frage nicht mehr, ob die faschistische Wehrmacht oder die Rote Armee siegen würde, es ging nur noch darum, wann das faschistische deutsche Reich unter den Schlägen der sowjetischen Garde- und Panzerarmeen zusammenbrechen würde. Längst bestimmte die Rote Armee das Geschehen auf dem Schlachtfeld und jetzt auch in der Luft. Allerdings forderten auch diese Siege weiterhin einen hohen und bitteren Blutzoll. Deshalb war diese nun endlich erfolgte Landung der westlichen Alliierten – auch wenn sie nicht zuletzt das Ziel hatte einen vollständigen Sieg der Sowjetunion zu verhindern – hilfreich, um die Kriegsdauer abzukürzen und nicht noch mehr Soldaten opfern zu müssen.

Die Rote Armee hatte mittlerweile ihr gesamtes Staatsterritorium befreit und marschierte nun auf die Grenzen des deutschen Reiches zu. Nur wer noch an die „Wunderwaffen des Führers“ glaubte oder die Augen vor der Realität vollkommen verschloss, konnte am Sieg der Sowjetunion Zweifel haben. Die amerikanischen wie britischen Strategen sahen diese Lage klar, die mit dem Aufblühen nationaler Befreiungskämpfe in vielen Ländern verbunden war. Diese Partisanenkämpfer waren während der schweren Jahre des Abwehrkampfes der Roten Armee eine echte Unterstützung gewesen, sie hatten nicht wenige faschistische Divisionen gefesselt. So stellte sich die Situation für die Strategen der West-Alliierten immer deutlicher dar: Würde die Rote Armee Deutschland allein befreien, die faschistischen Divisionen im restlichen Europa würden sofort ihres Nachschubs und jeder Art von Versorgung beraubt. Damit hätten sie nur noch die Wahl, sich der Roten Armee oder den Partisanenverbänden zu ergeben oder auf völlig verlorenem Posten weiterzukämpfen bis zum letzten Mann. Dies hätte aber in jedem Fall bedeutet, dass die Rote Armee bis zum Atlantik durchmarschieren müsste (je mehr Wehrmachtssoldaten bis zum Tod weiterkämpften, desto konsequenter müsste sie das tun ...). Dies war völlig gegen die Interessen der Herrschenden in den USA, Großbritannien und Frankreich. Ein geschlagenes Deutschland war ihnen recht, aber nicht ein alleiniger Sieger Sowjetunion. Daher muss man das Eingreifen ihrer Armeen auch gerade im Hinblick auf den Zeitpunkt bewerten: Die Eröffnung der zweiten Front wäre bis 1943 noch ein ganz entscheidender Schritt zur Entlastung der Roten Armee und zur Befreiung Europas gewesen. 1944 hatte er vorrangig nur noch den Zweck das Vordringen der Roten Armee nach Westeuropa zu verhindern.

Sieg und Niederlage haben klare Ursachen

In der ersten Periode des Vaterländischen Krieges[21], als die UdSSR 1.300 Fabriken in den Osten des Landes verlegte, um modernes Kriegsgerät produzieren zu können und die Fronten große Verluste hatten, wären die überwiegend ausgebliebenen Hilfslieferungen der Westmächte trotz der großen Mängel in den Gefechtseigenschaften eine echte Hilfe gewesen. Damals fehlte aber relevante Unterstützung, so dass die Sowjetunion selbst mit der Verlegung der Betriebe in die Tiefe des Landes den Grundstein für die Zerschlagung des deutschen Faschismus legen musste. Diese Maßnahme der Umsetzung von 1.300 Fabriken über weite Entfernungen ist eine in der Weltgeschichte einmalige Leistung und bewies die Überlegenheit sozialistischer Planwirtschaft[22]. Schon 1942/43 übertraf dadurch die Produktion der sowjetischen Verteidigungsindustrie die des faschistischen Deutschlands (einschließlich seiner besetzten Gebiete) wie die nebenstehende Tabelle zeigt.

Legt man zugrunde, dass die militärische Stärke eines Landes letztlich die ökonomische Stärke mal dem politisch-moralischen Faktor seines Volkes und seiner Streitkräfte ist – dann war der Sieg der Sowjetunion unausweichlich. Die Kommunistische Partei unter Stalins Führung führte das gesamte sowjetische Volk – im Gegensatz zu den Regierungen der Westalliierten – in einen wahren Volkskrieg gegen den Aggressor. Der Kampf wurde nicht nur von den Armeen geführt, sondern auch von Partisanen und Illegalen, von Bauern und Arbeitern, ja oft standen Halbwüchsige an den Plätzen ihrer an die Front gegangenen Väter.

Völlig anders stellte sich die Politik der westlichen Alliierten dar. Dies galt auch beim Angriff auf ihr eigenes Territorium, insbesondere in Frankreich: Die Gruppierung der deutschen Truppen bei der Operation „Gelb“[23] bestand beispielsweise aus 136 Divisionen (darunter zehn Panzer- und sieben motorisierte Divi­sionen), die über rund 2.600 Panzer und ungefähr 7.400 Artilleriegeschütze ab Kaliber 75 mm aufwärts verfügten. Zu den zwei Luftflotten gehörten über 3.800 Kampfflugzeuge. Die Personalstärke der Gruppierung erreichte 3,3 Millio­nen Mann. Auf französischer Seite gehörten zur Nordostfront insgesamt 108 Divisionen, darunter 17 Divisionen der Reserve des Befehlshabers der Front; weitere sieben Divisionen blieben in der Verfügung des Chefs des französischen Generalstabes. Sie waren mit über 3.100 Panzern und 12.500 Artilleriegeschützen ab Kaliber 75 mm aufwärts ausge­rüstet. Anfang Mai 1940 zählten die Luftstreitkräfte Frankreichs und Großbritan­niens ungefähr 3.500 Kampfflugzeuge der ersten Linie. Vom Bestand der briti­schen Luftwaffe wurden 500 Flugzeuge auf französischen Flugplätzen stationiert. Die in Frankreich aufgestellten Streitkräfte der polnischen bürgerlichen Exilre­gierung des Generals W. Sikorski waren im Juni 1940 bereits 84.500 Mann stark. Somit wurde im Frankreichfeldzug der Wehrmacht von dieser eine Armee zerschlagen, die annähernd gleich stark und in einigen Bereichen sogar überlegen war. Folglich hätte man mindestens ernsthaften Widerstand leisten können[24], wenn man eine echte Mobilmachung im Sinne eines Volkskrieges ausgerufen hätte. Dies wiederum hätte allerdings für die französische Bourgeoisie das Risiko beinhaltet, dass sie am Ende eines erfolgreichen Volkskrieges möglicherweise selbst hinweggejagt worden wäre, weil die Abwehr des deutschen Angriffes in einen sozialistischen Umsturz hätte übergehen können. So musste der Kampf aufgrund dieses Widerspruchs halbherzig bleiben und die französische Reaktion nahm lieber eine Niederlage in Kauf. So wurde Frankreich ein von Deutschen besetztes Land, aber einen Teil der Macht hatte die französische Bourgeoisie sich gesichert.

Kräfteverteilung

Die Frage, wo die wesentlichen Ereignisse des 2.Weltkrieges waren, lässt sich auch an der Gruppierung der Kräfte der Wehrmacht gut ablesen:

Die englisch–amerikanischen Truppen landeten am 8.-11.November 1942 in Nordafrika. Um die danach folgenden Schlachten des deutschen Afrikacorps ranken sich vielerlei Geschichten und Legenden (insbesondere zum „Wüstenfuchs Rommel“ usw.). Dabei wird vergessen, dass allein die Partisanen in Europa mehr als zehnmal so viele faschistische Truppen banden und die Rote Armee gegen die fünfunddreißigfache Anzahl deutscher Soldaten[25] kämpfte, als die englisch–amerikanischen Verbände in Nordafrika. Auch nach der Landung der Amerikaner in Sizilien im August 1943 entfiel auf die gesamten amerikanischen Truppen ein Fünftel der deutschen Truppen in den besetzten Gebieten und ein Zehntel der Truppen an der sowjetisch-deutschen Front. Hierbei sind die auf deutscher Seite kämpfenden Kontingente Rumäniens, Finnlands, Ungarns, Italiens, der Slowakei, eine spanische Division, faschistische Legionen aus Frankreich, Dänemark, Belgien, Niederlande, Norwegen und einigen anderen Ländern, sowie reaktionäre und faschistische Formationen innerhalb der Sowjetunion[26] nicht mitgezählt.

Selbst nach der Landung der Alliierten in der Normandie 1944 waren 51,8% der deutschen Truppen an der Ostfront, 19,4% in den besetzten Gebieten und nur 28,8% standen an der Westfront. Selbst am 01.01.1945 (als es kaum noch besetzte Gebiete gab und der Anteil deutscher Besatzungstruppen auf 4,5% geschmolzen war), befanden sich vor den sowjetischen Truppen noch immer 60,6% der Wehrmacht, nur 34,9% standen an der Westfront den Westmächten gegenüber.

Während des 2.Weltkrieges wurden Verbände, die an der Ostfront zerschlagen wurden, meist nach Frankreich zur Neuauffüllung und Neuausrüstung verlegt. Auch nach Auffüllung und Neuausrüstung war der Kampfwert dieser Einheiten begrenzt. Dies bestätigt selbst DER SPIEGEL in seinem Bericht, als er Truppenkräfte beschreibt, die den Amerikanern 1944 in der Normandie gegenüber standen: „Die deutschen Heerestrup­pen in der Normandie zählten zu den ältesten im Westen (Durchschnittsalter in den meisten Divisionen: 37 Jah­re). ... Jeder sechste Soldat war ein Beutekamerad, wie Landser die militanten Antikommunis­ten aus Russland, der Ukraine oder Ungarn bezeichneten, die mehr oder minder freiwil­lig bei der Wehrmacht ange­heuert hatten. Über ihre Motivation notierte Generalleutnant Karl-Wil­helm von Schlichen: „Russen in Frankreich für Deutschland gegen Amerika (sind) nur sehr bedingt verwendbar.“ Die Ausrüstung der Truppen war zudem oft miserabel.“[27]

Bestehen und Länge der Fronten

Das obenstehende Diagramm[28] verdeutlicht, dass die deutsch-sowjetische Front mit 6.200 Kilometern Länge nicht nur die längste der damals Bestehenden war, sondern mit fast vier Jahren Kampfdauer (1.448 Tage) auch die am längsten existierende war[29]. Schon rein rechnerisch zeigt sich, dass die Hauptlast des 2.Weltkrieges in jeder Beziehung von der Roten Armee und der mit ihr verbündeten Truppen getragen wurde[30]. Nicht in Zahlen ausdrücken lässt sich die Tatsache, dass der Krieg gegen die Sowjetunion vom ersten Tag an ein Vernichtungskrieg war. Vernichtungskrieg bedeutete nicht nur Kampf gegen die sich dem Aggressor entgegenstellende Rote Armee, sondern Krieg gegen die gesamte Bevölkerung mit dem Ziel der Vernichtung jeglicher Lebensgrundlage.

Warum war die Anti-Hitler-Koalition trotz allem ein großer Erfolg?

Die Sowjetunion hat erfolgreich die Hauptlast des Krieges getragen, sie hat diesen bis dahin größten Angriff auf den Sozialismus abgewehrt. Gleichzeitig hat sie immer wieder um Unterstützung der Alliierten ersucht, trotz vieler nicht oder nur verspätet und unzureichend eingelöster Zusagen angestrebt, die Anti-Hitler-Koalition zusammenzuführen und zum Ziel zu bringen. Die Anti-Hitler-Koalition wurde so ein historisch einmaliges Bündnis, ein Bündnis zwischen den stärksten Imperialisten und dem Mutterland des Kommunismus. Dies beinhaltet Widersprüche, Vor- und Nachteile auf allen Seiten, auch auf der Seite der Sowjetunion, obwohl diese mit der Anti-Hitler-Koalition die Widersprüche und Konkurrenz zwischen den Imperialisten in grandioser Weise ausgenutzt hat. Voraussetzung für dies alles war eine weltweit starke Arbeiterklasse, zusammengeführt durch die Kommunistische Internationale[31]. Die Anti-Hitler-Koalition entstand also in der Verbindung der konkreten Bedingungen aus Konkurrenz und Widersprüchen zwischen den Imperialisten, dem Streben des deutschen Imperialismus nach kriegerischer Neuaufteilung, der Existenz eines Arbeiter- und Bauernstaates Sowjetunion, einer antifaschistisch geprägten Arbeiterbewegung in den Deutschland bekämpfenden, imperialistischen Ländern und weltweit aktiven Befreiungsbewegungen. Auf Grundlage dieser Situation konnte die Anti-Hitler-Koalition erfolgreich sein, konnte ein historisch bedeutsamer Sieg des Kommunismus erreicht werden. Sie hatte allerdings für die inneren Kämpfe in den Ländern der beteiligten kapitalistischen Staaten auch starke negative Auswirkungen, weil aufgrund der besonderen historischen Situation der Klassenkampf in diesen Ländern ideologisch zurückbleiben musste.

Wir danken der Sowjetunion!

Die Menschen der sozialistischen Sowjetunion leisteten Unglaubliches, um ihr Land und Europa vom Nazi-Terror zu befreien und das faschistische Deutsche Reich zu stürzen. Über 20 Millionen tote Sowjetbürger standen am Ende dieses Krieges, ein riesiges Land war in wichtigen Teilen zerstört. Und doch war es ein großer Sieg, der Sieg des Sozialismus, des Arbeiter- und Bauernstaates über den Faschismus. Die Alliierten haben in einigen Phasen geholfen und – oft nicht uneigennützig – ihren Beitrag geleistet, den größten Beitrag aber leistete die Rote Armee. Dies verlieh den Siegern auch wieder Kraft, nach all den Schlägen sich gleich wieder an den Aufbau zu machen, wieder Neues zu schaffen. Die Sowjetunion war mit diesem Sieg auch an ihrem Höhepunkt hinsichtlich der weltweiten Sympathie, der Sozialismus hatte einen gewaltigen Erfolg errungen und dies gab auch der Arbeiterbewegung in den kapitalistischen Hauptländern Unterstützung und Auftrieb. Dennoch hatten die West-Alliierten mit ihrer Hinauszögerung des deutlichen Eingreifens in das Kriegsgeschehen auch das Ziel der Schwächung der Sowjetunion erreicht. Der Schaden war so weit größer, als er gewesen wäre, wenn die USA und Großbritannien spätestens 1941 konsequent gegen die Nazi-Truppen vorgegangen wären. Aber wäre oder hätte sein können ist nicht Geschichte, Geschichte beruht nicht auf Zufälligkeiten, Geschichte bestimmt sich durch konkrete Interessen und durch Kämpfe um die Durchsetzung dieser Interessen, was immer mit Widersprüchen verbunden ist. Daher hat die sozialistische Sowjetunion so lange Zeit fast allein gegen die deutsche Militärmaschinerie kämpfen müssen. Nur auf Grundlage sozialistischer Verhältnisse konnte dieser große Sieg über den deutschen Faschismus gelingen!

„Die Welt ist erschüttert und zugleich von tiefstem Hass gegenüber Deutschland erfüllt angesichts dieser beispiellosen Verbrechen, dieses grauenerregenden Massenmordens, das von Hitlerdeutschland als System betrieben wurde.“

Wäre Gleiches mit Gleichem vergolten worden, deutsches Volk, was wäre mit dir geschehen?

„Aber auf der Seite der Vereinten Nationen, mit der Sowjetunion, England und den Vereinigten Staaten an der Spitze, stand die Sache der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Fortschritts. Die Rote Armee und die Armeen ihrer Verbündeten haben durch ihre Opfer die Sache der Menschheit vor der Hitlerbarbarei gerettet. Sie haben die Hitlerarmee zerschlagen, den Hitlerstaat zertrümmert und damit auch dir, schaffendes deutsches Volk, Frieden und Befreiung aus den Ketten der Hitlersklaverei gebracht.“[32]

Arbeitsgruppe „Zwischenimperialistische
Widersprüche“

1 Hervorhebung durch KAZ

2 Mit dem Begriff „seltsamer Krieg” ist die Tatsache gemeint, dass sich Frankreich und Großbritannien (und später auch die USA) zwar offiziell im Kriegszustand mit Deutschland befanden, aber effektiv den Krieg nicht nennenswert oder entschlossen führten. Es wirkte wie ein erklärter, aber nicht durchgeführter Krieg. Dies ist das Gegenteil eines Vorganges, den es in der Geschichte schon oft gegeben hat, nämlich die Führung eines Krieges, den man nicht offiziell erklärt hat (nicht erklärter Krieg).

3 Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, in acht Bänden, Dietz Verlag 1966, Band 5, S. 241/242

4 ebenda S. 242/243

5 Die Widersprüchlichkeit war in der Bourgeoisie Frankreichs extrem. Ein Teil (gerade auch mit liberal-bürgerlicher Tradition) wehrte sich gegen die deutsche Besatzung, zumal sie von Faschisten durchgeführt wurde. Ein anderer kollaborierte mit den Besatzern, nicht zuletzt deshalb, weil dies einen Schlag gegen die Arbeiterbewegung ermöglichte.

6 Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, in acht Bänden, Dietz Verlag 1966, Band 5, S. 243

7 J.W.Stalin, Werke, Band 15, S. 36, Rede in der Wählerversammlung des Stalin-Wahlbezirkes der Stadt Moskau am 9.Februar 1946

8 Im antisowjetischen Sprachgebrauch „Hitler-Stalin-Pakt“

9 Der zweite Weltkrieg, 1939-1945, Kurze Geschichte, Internationales Redaktionskollegium, Dietz Verlag 1985, Berlin

10 mit der deutschen Wehrmacht verbündete Truppen

11 Der zweite Weltkrieg, 1939-1945, Kurze Geschichte, Internationales Redaktionskollegium, Dietz Verlag 1985, Berlin

12 ebenda

13 Spiegel Nr.: 23 vom 23.05.2004 Seite 48

14 Außerdem brannten die britischen und amerikanischen Panzer bei feindlichen Treffern wie Fackeln, da sie im Gegensatz zu den sowjetischen mit Benzinmotoren ausgerüstet waren.

15 Glutschko Offizier in Panzerinstandsetzungseinheiten „Panzer erwachen wieder“ Militärverlag der DDR Seite 281

16 Marschall der Sowjetunion I.I.Jakubowski „Erde im Feuer“ Seite 107

17 Jakowlew „Ziel des Lebens“ Seite 418 Konstrukteur der berühmten Jagdflugzeuge vom Typ Jak 1, Jak 3 und Jak 7

18 Der zweite Weltkrieg, 1939-1945, Kurze Geschichte, Internationales Redaktionskollegium, Dietz Verlag 1985, Berlin

19 Brauchte man zum Durchbruch der Mannerheimer Linie (benannt nach dem Oberbefehlshaber der Konterrevolution 1918 Carl Gustav Freiherr von Mannerheim, der auf der Karelischen Landenge – „vor der Nase“ Leningrads (St. Petersburgs) – mit Hilfe der imperialistischen Großmächte von 1920-29 eine ausgedehnte Befestigungsanlage errichten ließ, deren Bau ab Sommer 1938 wieder aufgenommen und 1939 erweitert wurde) im Jahr 1940 fast drei Monate so schafften das die sowjetischen Verbände 1944 in 3 Wochen obwohl diese noch stärker als damals ausgebaut war.

20 Umfassung ist eine Operation bei der feindliche Gruppierungen durch zwei Angriffsspitzen aufgespalten und dann eingeschlossen werden. Siehe Einkesselung der 6. Armee der Wehrmacht bei Stalingrad.

21 In der sozialistischen Geschichtsschreibung wird der Abschnitt des Verteidigungskrieges der Sowjetunion bis zur Zerschlagung der faschistischen Wehrmacht zutreffend als „Großer Vaterländischer Krieg” bezeichnet.

22 Die Frage, wann und warum diese wirtschaftlichen Erfolge in der Sowjetunion nicht mehr erreicht wurden, kann in diesem Zusammenhang hier nicht behandelt werden.

23 Bezeichnung der faschistischen Heeresführung für den Angriff auf Frankreich

24 Vermutlich sogar mehr als dieses, weil der Verteidiger in einer solchen Kriegsituation objektiv grundsätzlich im Vorteil ist.

25 am 01.01.1943

26 die meist im faschistischen Hinterland gegen die Bevölkerung und die Partisanen eingesetzt waren wie z.B. Ukrainische Nationalisten oder landesverräterische Kosaken, aber auch die SS-Division des ehemaligen Sowjetgenerals Wlassow. Wobei dazu festgehalten werden muss, dass die Kollaboration mit den deutschen Faschisten in der Sowjetunion mit Abstand am geringsten war gegenüber allen anderen Ländern, die die Wehrmacht besetzt hatte.

27 Spiegel Nr. 23 vom 28.05.2004 Seite 63

28 Quelle: „Geschichte in Übersichten“ Verlag Volk und Wissen DDR oder KAZ CD - Geschichte in Übersichten

29 Aktive Kampfhandlungen bestanden insgesamt 1.350 Tage lang

30 Insbesondere erste und zweite polnische Armee, erste tschechoslowakische Armee

31 Diese wurde 1943 aufgelöst, da die Bedingungen für die Kommunistischen Parteien auf nationaler Ebene so verschieden geworden waren, dass die Kommunistische Internationale nicht mehr als zweckmäßig gesehen wurde. So hatten sich zum Beispiel die Bedingungen für den Zusammenschluss von Sozialdemokraten und Kommunisten in einer Einheitspartei teilweise sehr gut entwi­ckelt. Solch ein Zusammenschluss in einzelnen Ländern – der im Osten Deutschlands und in Ungarn nach der Befreiung tatsächlich zustande kam – wäre nicht möglich gewesen bei gleichzeitiger Existenz einer kommunistischen Weltpartei. Auch wenn die Organisationsform der Kommunistischen Internationale damals nicht mehr den aktuellen Bedingungen der Weltrevolution entsprach, trug doch ihr vorheriger Bestand auch zum Erfolg der Anti-Hitler-Koalition bei.

32 aus: Aufruf des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) vom 11.Juni 1945

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