Am 19. April 2005 wird es 60 Jahre zurückliegen, dass die KZ-Häftlinge von Buchenwald nach ihrer Selbstbefreiung in einem öffentlichen Schwur „die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln” forderten als Grundlage für den „Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit”.
Die Restauration des kapitalistischen Systems und die Wiedereinsetzung faschistischer „Fachleute” in ihre früheren Positionen stand in Westdeutschland im offenen Widerspruch zu dieser Forderung. War doch das Wissen um die unmittelbare Verantwortung des deutschen Finanzkapitals für Faschismus und Krieg Teil der eigenen Erfahrung.
Diese Wiederherstellung alter Machtverhältnisse bedurfte der Rechtfertigung bzw. Relativierung aller begangenen Verbrechen. Daher wurde von Anfang an ein heftiger Kampf um die Be- und Umwertung des Hitlerfaschismus und seiner Nutznießer geführt. Auf allen Gebieten – Ökonomie, Politik, Geschichte und Kultur – begann ein bis heute andauernder Prozess der Revision, der die Periode des Faschismus neuen alten “Deutungsmöglichkeiten” zugänglich machen sollte. Als eine der Folgen dieser reaktionären Politik fanden sich dann antifaschistische Widerstandskämpfer während des Kampfes gegen die Wiederbewaffnung in den Gefängnissen der Adenauer-Regierung wieder.
Teil dieser Entwicklung war auch die Legendenbildung um den sog. Röhm-Putsch. Mit dieser Umschreibung der Geschichte wurde den Interessen der alten/neuen Herren auf zweierlei Weise gedient. Einerseits – die Legende von einer „national-revolutionären” Fraktion innerhalb der faschistischen NSDAP. Dabei waren die Schlägertrupps der SA ein aktiver Teil der Zerschlagungspolitik gegenüber der organisierten Arbeiterbewegung, ihrer Parteien und der bürgerlichen Demokratie. Andererseits – die Legende von der unabhängigen, nur von Hitler und seinen Kumpanen organisierten „Massenbewegung”. Nach dieser Lesart gab es in Deutschland 1933 – 45 nur noch ein Macht- und Willenszentrum: Adolf Hitler.
Eben diese falsche Spur legte auch Bernd Eichingers Film „Der Untergang”. So können die Hauptverantwortlichen von Kapital und Industrie zu unbeteiligten Opfern eines diffus waltenden Schicksals oder des individuellen Größenwahns einzelner umgewertet werden.
Kurt Gossweiler hat in seinem nachstehend abgedruckten Artikel diese Absichten durchschaubar gemacht. Es handelt sich dabei um die Kurzfassung eines 1983 erschienenen Buches „Die Röhm – Affäre, Hintergründe – Zusammenhänge – Auswirkungen“, das leider mittlerweile vergriffen ist, aber neu aufgelegt werden soll.
Arbeitsgruppe „Faschismus“
Zum siebzigsten Jahrestag des Blutbades vom 30. Juni 1934 wurden wir wieder überschwemmt mit Berichten darüber, wie Hitler an diesem Tage die von ihm lange geplante und sorgfältig vorbereitete blutige Abrechnung mit dem unbequem und lästig gewordenen Chef der „Sturm-Abteilungen“ (SA) der Nazipartei, Ernst Röhm, und dessen Unterführer befahl und sich entschlossen an ihre Spitze stellte.
Das ist die Legenden-Version des 30. Juni, mit der seit Anfang der fünfziger Jahre eine andere, damals in der BRD-Geschichtsschreibung dominierende und weitgehend an den Tatsachen orientierte Darstellung der Ereignisse um dieses Datum herum verdrängt wurde. Zu den Hauptvertretern dieser verdrängten Darstellung gehörte auch der damalige wissenschaftliche Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Hermann Mau. In seiner Arbeit „Die zweite Revolution – der 30. Juni 1934“ veröffentlicht in der Zeitschrift seines Instituts, in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte. Heft 2/1953, kam er aufgrund des von ihm durchforschten Materials zu einem Ergebnis, das – kurz zusammengefasst – besagt:
Hauptinteressenten an der Entmachtung Röhms waren Göring, Himmler und die mit ihnen verbündete Reichswehrführung: Blomberg, und vor allem Reichenau. Sie drängten Hitler zum Vorgehen gegen Röhm, der selbst Kriegsminister werden wollte. Hitler aber schwankte lange zwischen Röhm und Göring, und erst ganz massiver Druck sowie die Drohung, die Armee werde die Exekutive übernehmen, brachten Hitler schließlich zum Handeln.
Mit welch durchschlagendem Erfolg diese Tatsachen gestützte Darstellung verdrängt und an ihre Stelle die Legendenversion zur fast alleinherrschenden Version gemacht wurde, zeigt sich unter anderem auch daran, dass sie selbst von antifaschistischen Autoren und Zeitschriften übernommen wird. So lesen wir in der antifa vom April/Mai d. J. In einem Artikel zum 30. Juni 1934: „Dabei ging es ... um nichts anderes, als um die Ausschaltung innerfaschistischer Konkurrenten ... Mit Unterstützung der Reichswehrführung und auf Befehl Hitlers schaltete die SS am 30. Juni 1934 die gesamte Führung der SA aus.“
Das ist leider die kritiklose Übernahme der Knopp’schen Art, den Kerngehalt der Legendenversion zur Grundlage der Darstellung der Geschichte des „Dritten Reiches“ zu machen, demzufolge es in Deutschland zwischen 1933 und 1945 nur ein einziges Willens- und Befehlszentrum gab: Adolf Hitler – womit die monopolkapitalistischen und militärischen Machthaber im „Dritten Reich“ aus Hauptverantwortlichen für die faschistischen Verbrechen in Opfer Hitlers verwandelt werden.
Es ist aber auch zu wenig gesagt, wenn die Mordaktion vom 30. Juni nur als Ausdruck eines Machtkampfes zwischen Reichswehrführung und SA-Führung dargestellt wird.
Sie stellt vielmehr den Versuch bestimmter Kreise der herrschenden Klasse und ihrer politischen und militärischen Exponenten dar, die Krise, in welche die Konsolidierungsphase der faschistischen Diktatur geraten war, mit einem Gewaltstreich zu beenden.
Die Konsolidierung wurde am stärksten gefährdet durch eine zunehmende Massenunzufriedenheit, die sogar die Massenbasis der Naziregierung unsicher werden ließ, ganz besonders auch deshalb, weil von ihr auch die bisher als stärkstes und zuverlässiges Terrorinstrument gegen die Arbeiterbewegung eingesetzte SA befallen wurde.
Besonders stark war die Unzufriedenheit in der Arbeiterschaft, war sie doch ihrer Gewerkschaften beraubt und statt dessen in die faschistische Arbeitsfront (DAF) gepresst worden, und wurde sie doch durch die faschistische Gesetzgebung, wie das „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ („Arbeitsordnungsgesetz“ vom 20. Januar 1934) der Willkür der Unternehmer ausgeliefert.
Die grossmäuligen Versprechungen über die rasche Beseitigung der Arbeitslosigkeit erwiesen sich infolge der durch wachsenden Rohstoff- und Devisenmangel verursachten großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten als uneinlösbar. Anfang 1934 gab es noch vier Millionen offiziell ausgewiesene Arbeitslose, und die Unternehmer nutzten die Zerschlagung der Gewerkschaften zur weiteren Senkung der in der Weltwirtschaftskrise schon auf das Existenzminimum gedrückten Löhne aus.
Die Arbeiter nahmen all dies nicht widerstandslos hin.[1] Ihr Widerstand reichte von passiver Resistenz bis zu offenen Streiks. Eine deutliche Ohrfeige für das Regime war das Abstimmungsergebnis bei den Vertrauensrätewahlen im März/April 1934: rund 75 Prozent der Arbeiter stimmten direkt oder indirekt - durch Wahlenthaltung - gegen die faschistischen Vertrauensratskandidaten. Die Hitlerregierung sah sich gezwungen, Ende März die unbefristete Weitergeltung der noch laufenden Tarifverträge anzuordnen, obwohl diese nach dem Arbeitsordnungsgesetz am 1. Mai 1934 durch einseitig von den Unternehmern erlassene „Tarifverträge“ hätten abgelöst werden sollen.
So war es bisher den Hitler, Goebbels und Ley (Führer der DAF) nicht gelungen, die Mehrheit der deutschen Arbeiter auf ihre Seite zu ziehen. Und es zeichnete sich nun für die Naziführer sogar die Gefahr ab, das Vertrauen großer Teile ihrer kleinbürgerlichen Millionengefolgschaft zu verlieren.
Am schärfsten traten die Symptome der wachsenden Unzufriedenheit unter den Nazianhängern in der SA in Erscheinung. Die SA wurde zu einem Brennspiegel der Unzufriedenheit und Verbitterung großer Teile der kleinbürgerlichen und proletarischen Nazianhänger. Die SA-Männer hatten nicht nur auf die Erfüllung der sozialen Versprechungen, auf die Enteignung der Banken und Konzerne und des Großgrundbesitzes gewartet, sondern auch auf die Einlösung der feierlichen Versicherungen aus der „Kampfzeit“, sie würden dereinst zur Armee des „Dritten Reiches“ werden. Stattdessen war nach dem „Sieg“ am 30. Januar 1933 immer wieder die Reichswehr zum alleinigen Waffenträger erklärt worden, und im August 1933 waren die SA-Männer sogar ihrer Hilfspolizeifunktionen wieder entkleidet worden.
In den Reihen der SA ging deshalb als Antwort auf Hitlers am 6. Juli 1933 erstmals ausgesprochene, danach aber mehrfach wiederholte Erklärung, die „nationale Revolution“ sei beendet, immer lauter der Ruf nach der „zweiten Revolution“ um. In der Berliner SA kursierte der Spruch. „Hitler, gib uns Arbeit und Brot, gibst Du es nicht, dann werden wir rot!“ Manche SA-Stürme erhielten den Spitznamen „Beefsteak-Sturm“: außen braun und innen rot.
Diese wachsende Unzufriedenheit unten trug dazu bei, dass sich die ständigen Interessenkollisionen und die Kämpfe um den herrschenden Einfluss oben, in den verschiedenen Fraktionen der herrschenden Klasse und, als deren Reflex, auch in der Naziführung, im ersten Halbjahr 1934 gefährlich zuspitzten und immer mehr auf eine gewaltsame Lösung zudrängten.
Im Rahmen dieses Aufsatzes kann nur in Umrissen und an einigen besonders markanten Beispielen gezeigt werden, worum es in diesen Kämpfen ging.[2]
Im imperialistischen Deutschland kämpften vor allem zwei große Hauptgruppen der großen Industriemonopole um die Vorherrschaft: die Schwerindustrie, vor allem also die Kohle- und Stahlunternehmen, auf der einen, die Elektro- und die Chemieunternehmen auf der anderen Seite.
Nach Deutschlands Niederlage 1918 waren sich beide Gruppen im Ziel einig: Revanche für die Niederlage in einem besser vorbereiteten zweiten Waffengang um die Weltherrschaft, und als ersten Schritt dazu: Beseitigung der Weimarer Republik und Herstellung eines Staates, in dem kein Parlament die Durchsetzung des Willens der Monopolherren behindern konnte
Im Sektor der Großbanken bildeten sich nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Eindringen des amerikanischen Kapitals ebenfalls zwei Hauptrichtungen heraus: Mit der Deutschen Bank an der Spitze jene Richtung, die unverändert am Ziel festhielt, Deutschland wirtschaftlich und finanziell zur stärksten Macht zu machen, die es mit jeder anderen Macht, gegebenenfalls auch mit England und den USA, aufnehmen konnte. Und eine zweite Richtung, die sich eng mit dem US-Kapital verband und deshalb in der Außenpolitik darauf drängte, dass die Expansionsziele Deutschlands nur im Osten lagen und der Krieg gegen die Sowjetunion nur im festen Einvernehmen mit dem Westen, d. h. den USA und England, vorbereitet und durchgeführt würde.
Diese Richtung wurde in der Weimarer Republik vor allem von der Danat-Bank (Darmstädter- und Nationalbank) und der Dresdner Bank vertreten. Die wichtigste Figur dieser Richtung, die man als „amerikanische Fraktion“ im deutschen Monopolkapital bezeichnen kann, war der Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht.
Diese Fraktion hatte auch einen Flügel im Lager der Industrie in jenen Unternehmen, die eng mit USA-Kapital verbunden waren. Das war vor allem der Thyssen-Konzern, einer der Gründer-Konzerne der Vereinigten Stahlwerke. Neben Hjalmar Schacht war Fritz Thyssen die zweite Hauptfigur der „amerikanischen Fraktion“.
Aber auch die beiden Bank-Gruppen waren im Ziel – weg mit dem Versailler Vertrag und weg mit der Weimarer Republik – einig.
Uneinig waren sich die beiden Hauptgruppen im Industrie- und im Banksektor aber über den Weg zu diesen Zielen.
In der Schwerindustrie – zu nennen wären die Namen Stinnes, Kirdorf – wurde als Weg zur Beseitigung der Weimarer Republik der Weg der Gewalt, des Putsches oder des Staatsstreiches bevorzugt. Hauptvertreter ihrer Linie in der Politik war die Partei Alfred Hugenbergs, die „Deutschnationale Volkspartei“ (DNVP). Auf das Konto von Schwerindustrie und Hugenberg-Partei und deren militärischen Verbündeten ging der am Arbeiterwiderstand gescheiterte Kapp-Putsch (März 1920).
Auf der Seite der neuen Industrien – Elektro-Chemie – setzte man von Anfang an – erst recht aber nach dem Scheitern des Kapp-Putsches – auf einen „legalen“ Weg der Beseitigung der Weimarer Republik, also auf den Weg der Ausnutzung der Bestimmungen der Weimarer Verfassung, um diese außer Kraft zu setzen und zu beseitigen. Nur auf diesem „legalen“, „verfassungsmäßigen“ Wege – so ihre richtige Einschätzung – würde der SPD die Duldung und das Stillhalten beim Übergang vom Parlamentarismus zur Diktatur ermöglicht werden. Das aber war notwendig, wollte man den gemeinsamen, sogar bewaffneten Abwehrkampf von Sozialdemokraten und Kommunisten, die Überwindung der Spaltung der Arbeiterklasse im gemeinsamen Kampf, verhindern.
Aber für die erfolgreiche Verwirklichung des „legalen“ Weges der Abschaffung der bürgerlichen Demokratie bedurfte es einer verfassungsändernden Zweidrittel-Mehrheit im Parlament. Die aber war nur mit der NSDAP, mit der Hitlerpartei, zu erreichen.
Die „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Partei“ (NSDAP) verdankte ihre Entstehung dem Bedürfnis der reaktionärsten Kreise der herrschenden Klasse Deutschlands und ihrer politischen Vertretung der „Alldeutschen“ nach einer politischen Kraft, die imstande wäre, die Masse der Arbeiter dem Einfluss der marxistisch orientierten Arbeiterbewegung zu entziehen und sie für das Ziel der nationalistischen, antidemokratischen Rechten, der gewaltsamen Beseitigung der Weimarer Republik, zu gewinnen und einzuspannen. Eine solche Kraft durfte, ja musste sich als „Arbeiterpartei“ vorstellen. Dieser neuen „Arbeiterpartei“ wurden von der bayerischen Reichswehrführung – in welcher der Hauptmann Ernst Röhm eine gewichtige Rolle spielte – Leute zugeführt, die ihr geeignet schienen, diese Partei in ihrem Sinne auszurichten. Auf diese Weise geriet auch Hitler in diese Partei. Es war vor allem Ernst Röhm, der ihn dort förderte und ihm den Weg an die Spitze der Partei bahnte.
Von ihrem Anfang an wurde diese Partei auch mit Spenden aus dem Großbürgertum bedacht.
Angespornt von Mussolinis „Marsch auf Rom“ 1922 unternahmen es im November 1923 Hitler und seine Förderer, zu denen sich auch General Ludendorff gesellte, durch einen „Marsch auf Berlin“ die Macht zu übernehmen.
Nach dem kläglichen Scheitern dieses Putsches schien die NSDAP auf ewig zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Bei den Reichstagswahlen im Mai 1928 kam sie mit 810.000 Stimmen gerade mal auf 2,6 Prozent.
Dann aber brach im Oktober 1929 die Weltwirtschaftskrise auch über Deutschland herein, auf die die Herrschenden – wie auch in unseren Tagen – mit brutalstem Sozialabbau reagierten. Während der aber heute verschleiernd durch „Reformen“ verordnet wird, gaben die Regierungen unter Beteiligung aller bürgerlichen Parteien damals ihren Sozialabbau-Erlassen den treffenden Namen „Notverordnungen“.
An denen waren alle bürgerlichen Parteien beteiligt, von Hugenbergs Deutschnationalen über die Deutsche Volkspartei (der Partei des 1929 verstorbenen Gustav Stresemann), das katholische Zentrum, aus dem der Kanzler Heinrich Brüning sowie dessen Nachfolger als Reichskanzler, Franz von Papen, kamen, bis zur SPD, die eine Politik der Tolerierung betrieb und darüber hinaus alles tat, um einen gemeinsamen Widerstand von SPD, KPD und Gewerkschaften gegen die Kapitaloffensive zu verhindern.
Das bot der NSDAP die Möglichkeit, aus ihrer Bedeutungslosigkeit herauszukommen, indem sie sich als die einzige Partei darstellte, die stets und ständig die Republik der „Novemberverbrecher“ bekämpft habe, während alle anderen Parteien „Systemparteien“ seien, die einzige Partei auch, die einen Ausweg aus der Krise zeige, nämlich die Beseitigung der „Judenrepublik“ durch eine „nationale Revolution“ und die Herstellung des „Dritten Reiches“, indem ein „deutscher Sozialismus“ und eine „deutsche Volksgemeinschaft“ errichtet würden.
Ihre von den schlimmsten Arbeiterfeinden wie Thyssen, Stinnes, Kirdorf finanzierte sozialdemagogische Propaganda hatte durchschlagenden Erfolg. Bei den Reichstagswahlen vom September 1930 erhielt die Nazipartei über sechs Millionen Stimmen und rückte damit hinter der SPD an die zweite Stelle. Bei den Juliwahlen 1932 verdoppelte sie ihr Wahlergebnis und wurde mit über 13 Millionen und 37 Prozent aller Stimmen zur stärksten Partei.
Damit war die Nazipartei zu drr politischen Kraft geworden, die für beide Richtungen in der herrschenden Klasse gleichermaßen unentbehrlich war: sowohl für jene, welche die Weimarer Republik per Staatsstreich liquidieren wollte, als auch und erst recht für jene, die sie „legal“, mit einer parlamentarischen Zweidrittelmehrheit, aus der Welt schaffen wollte.
Allerdings waren die Vorstellungen, welche Rolle die Nazipartei danach spielen sollte, bei fast allen sehr anders als bei den Naziführern selbst. Deren Vorbild war Mussolini-Italien, der Parteiführer als Staatsführer, und die Partei als die Staatspartei.
Mit der Ausnahme von Thyssen und Schacht war eine solche Rolle den Nazis jedoch zunächst von keiner Gruppe ihrer monopolkapitalistischen Förderer zugedacht.
Einigen – wie Hugenberg, Bruening, Papen und dem Reichspräsidenten Hindenburg und den hinter ihnen stehenden Industriellen und Junkern – schwebte vor, nach der mit Hilfe der Nazipartei erfolgten Beseitigung der Weimarer Republik als nächsten Schritt die Wiedererrichtung der Monarchie durch den Reichspräsidenten proklamieren zu lassen.
Als Papen die Nachfolge Brünings als Reichskanzler antrat (Juni 1932), setzte er am 20. Juli per Staatsstreich die sozialdemokratisch geführte Preußenregierung ab. Als er sich im November aber anschickte, auf gleiche Weise die Weimarer Verfassung für ungültig zu erklären und eine neue, das Parlament seiner Rechte völlig beraubende Ständeverfassung zu erlassen, hatte er den Bogen überspannt. Der Widerstand der Arbeiterschaft gegen seine brutalen Notverordnungen sowie die Furcht vor einer Wiederkehr einer geschlossenen Front der Arbeiter zur Abwehr eines Putsches von oben machten seiner Kanzlerschaft ein Ende. Ihm folgte am 3. Dezember der Reichwehrminister Schleicher auf den Kanzlerstuhl.
Der verfolgte einen anderen Plan, der im Wesentlichen Interessen des Chemietrusts der IG Farben zum Ausdruck brachte. Ihm schwebte vor, die Weimarer Republik durch eine Militärdiktatur abzulösen, die sich aber nicht nur auf die Bajonette, sondern auch auf eine möglichst breite Massenbasis stützen sollte, die er aus den freien Gewerkschaften und dem der SPD nahestehenden „Reichsbanner“ auf der einen, auf der anderen Seite aus dem Gregor-Strasser-Flügel der NSDAP und der von Strasser gegründeten „Nationalsozialistischen Betriebszellen-Organisation“ (NSBO) und der von Röhm geführten SA bilden zu können hoffte. Schleicher hatte darüber schon Verhandlungen geführt mit Führern des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) und mit Gregor Strasser, und er hatte auch erreicht, dass die Reichsbannerführung mit Röhm Kontaktgespräche aufnahm. Diese aus so gegensätzlichen Lagern zusammenzuführende Massenbasis einer Militärdiktatur sollte zusammengehalten werden durch die Verwirklichung eines wirtschaftspolitischen Programms, wie es Interessenvertreter des Chemietrusts IG-Farben seit längerem propagierten und dessen Forderungen sowohl in der Sozialdemokratie als auch von der Strasser-Richtung der NSDAP aufgenommen worden waren.
Dazu gehörten:
1. Schluss mit der so genannten „Osthilfe“, d. h. mit der staatlichen Stützung bankrotter, nicht mehr sanierungsfähiger Junkergüter. Statt dessen deren Aufteilung zugunsten der Schaffung rentabler Grossbauernwirtschaften in Ostelbien.
2. Endgültige Verstaatlichung der infolge der Wirtschaftskrise nur durch staatliche Gelder vor dem Zusammenbruch geretteten Unternehmen. Das betraf auf Industrieseite die Vereinigten Stahlwerke (kurz: Stahlverein), den größten und mächtigsten Stahlkonzern Deutschlands und Europas, zu dessen führenden Leitern solche schwerindustriellen Förderer der Nazipartei gehörten wie Thyssen, Vögler, Kirdorf.
Auf der Bankseite betraf es in erster Linie die Dresdner Bank. Durch ihre Rettung mit Staatsgeldern war sie zu fast hundert Prozent in Staatshand gekommen. An ihrer dauerhaften Verstaatlichung war aus Konkurrenzgründen vor allem die Deutsche Bank interessiert.
3. Auf außenpolitischem Gebiet: Beseitigung des Versailler Vertrages und Aufhebung der Rüstungsbegrenzung für Deutschland nicht durch Konfrontation mit Frankreich, sondern auf der Grundlage von Verhandlungen mit Frankreich über ein Wirtschafts- und Militärbündnis.
Zu den schärfsten Gegnern solcher Pläne gehörten Hjalmar Schacht und Fritz Thyssen, die beiden Hauptfiguren der „amerikanischen Fraktion“. Sie waren lange Zeit die einzigen, die Hitler immer darin bestärkten, einem Eintritt der NSDAP in die Regierung nur unter der Bedingung zuzustimmen, dass er, Hitler, Reichskanzler werde.
Der Grund dafür war ihre Überzeugung, dank ihrer jahrelangen Förderung Hitlers und der engen freundschaftlichen Beziehungen Thyssens zu Göring, über den er seine Fördergelder für die Nazipartei leitete, sei die Kanzlerschaft Hitlers eine Garantie dafür, Hitlers Politik zuverlässig in die von ihnen gewünschte Richtung lenken zu können. Das hieß vor allem, im Innern Verhinderung der Verstaatlichung von Dresdner Bank und Stahlverein, und außenpolitisch: nur eine Stoßrichtung der Expansion – gegen die Sowjetunion, bei fester Bindung an die USA und England.
Nach dem Rückschlag für die NSDAP bei den Wahlen am 6. November 1932 – die Nazipartei verlor zwei Millionen Stimmen – mussten Schacht und Thyssen erleben, dass Hitler in Panik verfiel und die Nerven verlor. Er sah eine Rettung vor dem Untergang der Partei nur noch darin, dass sie in die Regierung aufgenommen wurde, auch wenn sie dabei nicht den Kanzlerstuhl besetzen konnte. Als in dieser Situation Reichskanzler Schleicher anbot, Gregor Strasser als Vizekanzler in die Regierung aufzunehmen, gab Hitler dazu seine Zustimmung. Schacht, Thyssen und Göring setzten aber sofort alles daran, Hitler zur Zurücknahme dieser Zustimmung zu bringen und Strassers Ernennung zu verhindern, was ihnen beiden auch gelang.
Darüber hinaus initiierten sie eine Eingabe einer größeren Anzahl von Industriellen und Junkern an den Reichspräsidenten Hindenburg mit der Aufforderung, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen, die diesem am 19. November überreicht wurde. Hindenburg zögerte aber noch, dieser Aufforderung nachzukommen, hatten doch einige seiner junkerlichen Freunde ihn davon informiert, dass es in der NSDAP maßgebliche Leute, wie den NS-Bauernfuehrer Darre, gäbe, die „agrarbolschewistische Ziele“, nämlich die Abschaffung der „Osthilfe“ und die Aufsiedlung verschuldeter Güter an Bauern, verfolgten.
Schacht und Thyssen aber schätzten die Situation richtig ein: Hitler musste nur hartnäckig bei seiner Forderung nach der Kanzlerschaft bleiben. Die drohende Aussicht des Zerfalls seiner Partei musste sogar dazu beitragen, die Widerstände dagegen aus dem Wege zu räumen. So kam es denn auch. Auf einer Geheimberatung Hitlers mit Papen im Hause des Bankiers Kurt von Schroeder in Köln am 4. Januar 1933 wurde eine Vorentscheidung getroffen, die in weiteren Verhandlungen am 30. Januar 1933 schließlich in die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten von Hindenburg mündete. Im Nürnberger IG-Farben-Prozess sagte Schroeder über das Treffen Hitlers mit Papen in seinem Hause aus: „Die allgemeinen Bestrebungen der Männer der Wirtschaft gingen dahin, einen starken Führer in Deutschland an die Macht kommen zu sehen, der eine Regierung bilden würde, die lange Zeit an der Macht bleiben würde. Als die NSDAP am 6. November 1932 ihren ersten Rückschlag erlitt und somit also ihren Höhepunkt überschritten hatte, wurde eine Unterstützung durch die Wirtschaft besonders dringend.“
Das Ergebnis der Geheimverhandlungen war ein Kompromiss: Man einigte sich auf eine Zusammensetzung der Regierung, in der alle Interessenrichtungen vertreten waren, aber keine eine dominierende Stellung einnahm. Damit war gesichert, dass sie weder Hitler und seiner Partei zur Allmacht verhelfen könnte, noch die Schleicher-Strasser-Pläne in die Tat umsetzen, noch ein ausführendes Organ des alleinigen Willens von Schacht und Thyssen, aber auch nicht der Monarchie-Anhänger Hugenberg und Papen sein würde. Aber ebenso sicher war, dass zwischen ihren verschiedenen Bestandteilen Einigkeit nur darin bestand, mit den Resten der bürgerlichen Demokratie radikal Schluss zu machen und jeden antifaschistischen Widerstand brutal zu unterdrücken, dass aber darüber hinaus zwischen ihnen erbitterte Kämpfe um die Vorherrschaft geführt werden würden.
Das Jahr 1933 war gekennzeichnet von der terroristischen Zerschlagung aller legalen Arbeiter- und demokratischen Organisationen und der Errichtung und Konsolidierung der faschistischen Diktatur in Deutschland.
In der ersten Hälfte des Jahres 1934 machten sich indessen immer deutlichere Zeichen für wachsende Gegensätze im Regierungslager bemerkbar.
In den Vordergrund trat immer stärker der Konflikt zwischen Reichswehrführung und Ernst Röhm um die Ausgestaltung und Führung der Armee des „Dritten Reiches“. Röhm, formell zwar Minister, jedoch ohne Geschäftsbereich, forderte das Reichswehrministerium für sich und den Einbau der SA in die Armee als deren Kernbestand. Röhm hatte durchaus auch industrielle Förderer, nämlich in der Chemieindustrie. Über einen ihrer Direktoren, Heinrich Gattineau, der persönlich mit Röhm befreundet war, ließ ihm der IG-Farben-Konzern seit 1931 erhebliche finanzielle Mittel zukommen.[3] Er investierte beträchtliche Summen in die SA und trug am meisten zur Finanzierung des Ausbaus der SA zu einer Vier-Millionen-Armee bei.
Hitler geriet in dieser Frage zwischen zwei Feuer, denn auch die Reichswehrführung verlangte von ihm eine klare Entscheidung gegen Röhms Forderungen und für die Reichswehr als „alleinigem Waffenträger der Nation“.
Hitler versuchte, einer Entscheidung auszuweichen, indem er Zusagen nach beiden Seiten machte, aber beide zur Geduld mahnte, bis der richtige Zeitpunkt zum Handeln gekommen sei.
Der Reichswehr-SA-Konflikt war der offenkundigste, aber keineswegs der einzige.
Vertreter der um den entscheidenden Einfluss in der Regierung kämpfenden Interessengruppen trugen Hitler ihre Forderung nach Umbildung der Regierung vor. Gleich mehrere forderten die Ablösung des Wirtschaftsministers Kurt Schmitt. Schmitt war als Kandidat der Gegner des ersten Wirtschaftsministers der Hitlerregierung, Alfred Hugenberg – der wie kein anderer die Allianz von Schwerindustrie und Junkertum verkörperte –, nach dessen Sturz am 29. Juni 1933 zum Reichswirtschaftsminister aufgestiegen. Am gefährlichsten für Schmitt war nun Hjalmar Schacht, der bereits Reichsbankpräsident war, aber auch noch den Posten des Wirtschaftsministers für sich forderte. Schmitt war kein Mann der Schwerindustrie, sondern stand der Chemie-Industrie und deren wirtschaftspolitischen Absichten nahe. Von ihm war zu befürchten, dass er die Pläne zur Verstaatlichung von Stahlverein und Dresdner Bank nicht verhindern, sondern verwirklichen würde. Er wollte außerdem die von den Großunternehmen selbst geleitete Organisation der „Wirtschaft“, den „Reichsverband der Deutschen Industrie“ (RDI), an dessen Spitze der Leiter des Krupp-Konzerns, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, stand, durch eine staatlich gelenkte Organisation der gesamten Wirtschaft ersetzen. Klar, dass auch Krupp und die Spitzenleute der Schwerindustrie von Hitler forderten, Schmitt zu entlassen.
Aber auch die Gegenseite blieb nicht müßsig. Die IG Farben hatten dank ihrer ökonomischen Stärke, ihrer Unentbehrlichkeit für die Aufrüstung und ihrer internationalen Beziehungen nicht geringe Möglichkeiten, Druck auf die Regierung und auf Hitler auszuüben, und sie hatten nicht wenige einflussreiche Vertreter ihrer Interessen in der Nazipartei.[4]
Das blieb offenbar nicht ohne Wirkung auf Hitler. Im April 1934 nahm er sogar wieder persönlichen Kontakt zu dem seit Dezember 1932 aller seiner Parteiämter verlustig gegangenen Gregor Strasser auf. Zwischen beiden kam es am 20. Juni zu einer persönlichen Aussprache, in deren Gefolge Strasser drei Tage später sein ihm 1932 abgenommenes Goldenes Parteiabzeichen wieder zurückbekam. Gregor Strassers Bruder Otto Strasser berichtete später, Gregor habe ihm über das Gespräch mit Hitler berichtet. Hitler habe zugestimmt, dass Gregor im September 1934 in das Kabinett eintreten sollte.
Es gab auch noch andere Ereignisse, die darauf hinwiesen, dass Vorbereitungen für eine Regierungsumbildung im Gange waren, bei der auch General Schleicher ins Kabinett zurückkehren würde. Bei Schleicher liefen die Fäden sowohl zu Röhm wie zu Strasser zusammen, und er entfaltete eine große Aktivität zur Umbildung der Regierung. Für sich hatte er dabei den Posten des Vizekanzlers, für Strasser das Wirtschafts-, für Röhm das Reichswehr- und für Brüning das Außenministerium vorgesehen. Er nahm auch Kontakte zum französischen Botschafter Francois Poncet auf, um mit ihm über die deutsch-französischen Beziehungen nach einer solchen Regierungsumbildung zu beraten. Natürlich blieb das der Gegenseite nicht verborgen.
Alarmiert von dem darin zum Ausdruck kommenden zweideutigen Verhalten Hitlers, beschlossen Blomberg und Reichenau, Hitler zum Vorgehen gegen Röhm und die SA zu zwingen.
Schon im April hatte Blomberg Hitler einen Handel vorgeschlagen: Er sicherte Hitler zu, im Falle des Ablebens des schwer erkrankten Reichspräsidenten Hindenburg werde Hitler dessen Nachfolger werden, wenn er vorher Röhm abgesetzt und die von der SA ausgehende Gefahr beseitigt hätte.
Hitler hatte sich einverstanden erklärt – und war weiter untätig geblieben, mehr noch, er hatte auch Gespräche mit Röhm – am 4. Juni – und Strasser geführt, die auf eine Annäherung hindeuteten.
Bei dem Gespräch mit Röhm hatte der sich mit Hitler darauf geeinigt, zur Entspannung der Situation den Beginn des Jahresurlaubs der SA auf den 1. Juli zu legen. In dem drei Tage später veröffentlichten Urlaubsbefehl Röhms befindet sich auch eine Passage, die darauf hinweist, dass die Besprechung mit Hitler Röhm Grund gegeben hat, sehr zuversichtlich in die Zukunft zu sehen. Es hieß darin nämlich: „Wenn die Feinde der SA sich in der Hoffnung wiegen, die SA werde aus ihrem Urlaub nicht mehr oder nur zum Teil wieder einrücken, so wollen wir ihnen diese Hoffnungsfreude lassen. Sie werden zu der Zeit und in der Form, in der es notwendig erscheint, darauf die gebührende Antwort erhalten. Die SA ist und bleibt das Schicksal Deutschlands!“
Die so angesprochenen Feinde der SA warteten nicht ab, bis die SA-Leute aus ihrem Urlaub zurückkamen, ja, sie warteten nicht einmal den Beginn dieses Urlaubes ab.
Zunächst meldete sich ganz überraschend am 17. Juni Vizekanzler Papen mit einer Rede in der Marburger Universität zu Wort, die ihm kaum einer zugetraut hätte, übte er darin doch, wenn auch diplomatisch formuliert, deutliche Kritik am Machtmonopol der NSDAP.[5]
Der eigentliche Auftakt für die blutigen Ereignisse des 30. Juni 1934 war aber eine Aussprache zwischen Blomberg und Hitler aus Anlass eines Besuches beim erkrankten Hindenburg in Neudeck.
Blomberg stellte Hitler faktisch ein Ultimatum, indem er ihm erklärte, der Reichspräsident werde den Belagerungszustand verhängen und die Kontrolle der Staatsgeschäfte der Armee übertragen, wenn die Reichsregierung sich nicht in der Lage zeige, die gespannte Situation zu beendigen.
Die organisatorischen und militärischen Vorbereitungen der blutigen Abrechnung mit Röhm und seiner SA und anderen missliebigen Politikern lagen von Seiten der Reichswehr bei Reichenau, von Seiten der Nazipartei bei Himmler, dem Führer der SS, und bei Göring, dem preußischen Ministerpräsidenten. Reichenau, Himmler und Göring arbeiteten eng zusammen, wobei die Arbeitsteilung vorsah, dass die Reichswehr lediglich im Hintergrund für alle Fälle bereitstehen sollte, die „Schmutzarbeit“ aber von der SS durchgeführt würde.
Zu den Vorbereitungsarbeiten gehörte auch eine bereits im Mai von SS-Seite zusammengestellte „Reichsliste unerwünschter Persönlichkeiten“.
Und um die Reichswehr auf das Kommende einzustimmen und den noch immer zögernden und unschlüssigen Hitler davon zu überzeugen, dass nicht länger gezögert werden dürfe, verbreiteten die Organisatoren aus Reichswehr und SS in den Tagen vor dem 30. Juni sich täglich und schließlich sogar stündlich steigernde Alarmmeldungen über angebliche Putsch-Vorbereitungen der SA.
Am 28. Juni rief Hitler Röhm, der sich zu einer Kur in Bad Wiessee befand, an, um ihm zu sagen, er werde am 30. Juni selber in Wiessee eintreffen, um sich mit seinen SA-Führern gründlich auszusprechen und um alle bestehenden Missverständnisse zu beseitigen. Röhm solle alle höheren SA-Führer für 11 Uhr morgens einladen. Röhm, über diese Botschaft Hitlers höchst erfreut, holte zum 30. Juni alle erreichbaren höheren SA-Führer nach Bad Wiessee.
Von seiner Absicht, die SA-Führer nach Bad Wiessee zu einer Konferenz einzuladen, hatte Hitler einige Tage vorher schon Blomberg informiert, ihm jedoch als Begründung angegeben, er wolle sie dort verhaften lassen und mit ihnen abrechnen.
Blomberg, Reichenau, Göring und Himmler war es sehr recht, Hitler am Tage X weit weg von Berlin zu wissen, gab ihnen das doch freie Hand, ihre Liste der „unerwünschten Persönlichkeiten“ abzuarbeiten, ohne Hitlers Einsprüche respektieren zu müssen. Denn die enthielt keineswegs nur die Namen von SA-Führern.
Während Hitler in Bad Wiessee zusammen mit Sepp Dietrich, dem Chef der „Leibstandarte Adolf Hitler“ am frühen Morgen des 30. Juni Röhm und die noch in den Betten liegenden SA-Führer verhaften und ins Zuchthaus Stadelheim transportieren ließ, und die SS, gedeckt von bereitgestellten Wehrmachteinheiten, im ganzen Reich schlagartig die SA-Kasernen und -Lokale besetzte, die auf den Listen stehenden SA-Führer verhaftete und die SA entwaffnete, ließen Reichenau, Göring und Himmler in der Hauptstadt und Umgebung ihre Mordtrupps von der Leine. Die dafür vorgesehenen SA-Führer wurden nach ihrer Verhaftung in die Kadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde gebracht und dort von bereitstehenden SS-Exekutionskommandos erschossen.
Zur gleichen Zeit schwärmten SS-Mordkommandos nach ganz anderen, von Reichenau, Göring und Himmler bestimmten Todeskandidaten aus. Sie schossen ihre Opfer nieder, wo sie ihrer gerade habhaft wurden, den General von Schleicher und seine Frau in ihrer Wohnung in Neubabelsberg; ebenfalls in seiner Wohnung den Mitarbeiter Schleichers, Generalmajor von Bredow, den Ministerialdirektor und Führer der katholischen Aktion, Erich Klausener, und den engen Mitarbeiter des Vizekanzlers Papen, Herbert von Bose, in ihren Amtsräumen.
Gregor Strasser wurde in seiner Wohnung verhaftet und im Gestapogefängnis zu Tode geprügelt.
Am Abend des 30. Juni erklärte Göring auf einer Pressekonferenz kaltschnäuzig, er habe seine Aufgabe „aus eigener Machtvollkommenheit“ erweitert. Das bezog sich besonders auf die Morde an Schleicher und Strasser, über die Hitler, als er nach seiner Rückkehr von Berlin von ihnen erfuhr, ebenso aufgebracht wie erschrocken war.
Als Hitler aber nach seiner Rückkehr bekannt gab, dass er in München Röhm wegen seiner früheren Verdienste begnadigt habe, war es an Göring und Himmler, dagegen heftig Einspruch zu erheben: Röhm sei der Hauptschuldige und dürfe auf keinen Fall am Leben bleiben. Hitler gab nach und entschied: Röhm solle Gelegenheit gegeben werden, sein Leben selbst zu beenden.
Daraufhin erhielt der Führer des SS-Exekutivkommandos in Stadelheim und Leiter des Konzentrationslagers Dachau, SS-Oberführer Theodor Eicke, die entsprechende Anweisung aus Berlin. Als Röhm dieses Angebot aber mit den Worten ablehnte: „Bestell dem Adolf, den Gefallen tu’ ich ihm nicht!“, wurde er in seiner Zelle von Eicke und dem SS-Hauptsturmführer Lippert erschossen.[6]
Eine genaue Zahl der Opfer des Blutbades um den 30. Juni 1934 konnte nicht festgestellt werden. Sicher ist nur, dass ihre wirkliche Zahl die in der amtlichen Totenliste genannte Zahl von 83 weit überschreitet. So sind in dieser Liste nur zwei antifaschistische Opfer, Mitglieder der KPD, enthalten, obwohl bekannt ist, dass die SS die Situation auch vielfach dazu benutzte, mit besonders verhassten Nazigegnern abzurechnen. Dazu gehörte schon seit den Tagen der Münchener Räterepublik besonders auch Erich Mühsam. Die Nazis hatten ihn gleich nach ihrer Reichstagsbrandstiftung verhaftet und in das Konzentrationslager in Oranienburg gebracht. Dort hatten sie ihn bestialisch misshandelt und von ihm verlangt, er solle Selbstmord begehen. Da er das nicht tat, erhängten sie ihn in der Nacht zum 10. Juli (geleitet wurde diese Aktion ebenfalls von Theodor Eicke).
Die genaue Zahl der Ermordeten lässt sich auch deshalb nicht feststellen, weil in diesen Tagen die Standesämter die Anweisung erhalten hatten, auf den Totenscheinen als Todesursache die Angaben der Gestapo zugrunde zu legen.
Mit den Juni-Morden wurde die Krise der Konsolidierungsphase der faschistischen Diktatur beendet.
„Die Wirtschaft“ war ihre Sorge wegen der gärenden Unzufriedenheit im Volke los. Ihre Erleichterung brachte die Deutsche Bergwerkszeitung am 8. Juli 1934 mit den Worten zum Ausdruck: „Die Wirtschaft hat die nationalsozialistische Machtergreifung (richtig müsste es heißen: ... die Wirtschaft hat die Macht an die Nazis übertragen; von einer Machtergreifung kann nicht die Rede sein! – d. A.) ... vor allem deshalb begrüßt, weil sie für ihre aufbauende Arbeit Ruhe, Ordnung und Sicherheit so nötig braucht wie das liebe Brot. Das wäre in Frage gestellt, wenn es ehrgeizigen Gruppen und Cliquen gestattet sein dürfte, den Kampf um die Macht zu entfesseln. Vor dieser Gefahr ist die Wirtschaft durch das schnelle Zupacken gerettet worden. Sie wird ihren Dank dafür abstatten.“
Der Terror der unzuverlässig gewordenen SA wurde abgelöst durch den noch um vieles blutigeren und allgegenwärtigen Terror des Himmlerschen SS- und Gestapo-Systems. Die SS – bisher noch eine Formation innerhalb der SA – wurde nun unter Himmler zu einer selbständigen Organisation erhoben.
Im internen Machtkampf der Monopolbourgeoisie hatten sich – allerdings nur für die nächsten zwei Jahre – die „amerikanische Fraktion“, mit Schacht-Thyssen an der Spitze, und die Schwerindustrie gegen die IG Farben durchgesetzt. Der Reichswirtschaftsminister Schmitt musste gehen, und Schacht übernahm am 30. Juli kommissarisch dessen Amt.
Und als am 2. August 1934 Hindenburg starb, wurde Hitler sein Nachfolger, indem die beiden Ämter des Staatsoberhauptes und des Reichskanzlers vereinigt wurden. Die Reichswehr wurde von da ab nicht mehr auf Staat und Volk, sondern auf die Person Hitlers vereidigt.
So war also durch das „kleine“ Blutbad des 30. Juni 1934 der Weg freigemacht worden für die Forcierung der Vorbereitungen auf das große Blutbad des Zweiten Weltkrieges des deutschen Imperialismus um die Weltherrschaft.
1 Näheres s. in: Erich Paterna / Werner Fischer / Kurt Gossweiler / Gertrud Markus / Kurt Pätzold, Deutschland von 1933 bis 1939, Berlin 1969, S.104 ff. - Ferner: Kurt Gossweiler, Die Röhm-Affäre. Hintergründe - Zusammenhänge - Auswirkungen, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, Hochschulschriften 151, 1983, Kap. 1: Die ökonomische und politische Lage Hitlerdeutschlands im ersten Halbjahr 1934, S. 31-64.
2 Näheres dazu in: Kurt Gossweiler, „Die Röhm-Affäre in der westdeutschen Geschichtsschreibung ein Beispiel für die Beihilfe westdeutscher Historiker zur Remilitarisierung Westdeutschlands“, in: ders., Aufsätze zum Faschismus Bd. I, S. 277 ff., Köln 1988 und in der Studie des Verfassers „Das Verhältnis von ›alten‹ und ›neuen‹ Industrien zu Demokratie und Faschismus in der Weimarer Republik und im ›Dritten Reich‹“, a.a.O., Bd. II, S. 624 ff.
3 Kurt Gossweiler, Die Röhm-Affäre. Hintergründe – Zusammenhänge – Auswirkungen, Köln 1983, S. 260. (Eine Nachauflage erscheint im Pahl-Rugenstein-Verlag Köln.)
4 a.a.O., S. 250; 254 ff.; 325 ff.
5 Zu dieser Rede erschien in der Jungen Welt (JW) vom 17.6.04 der ausgezeichnet informierende Artikel von Hermann Ploppa: „Als Hitlers Herrenreiter baden ging“. Deshalb belasse ich es bei der Erwähnung dieser Rede.
6 Für den Ablauf der Mordaktion des 30. Juni 1934 siehe Gossweiler, Röhm-Afäre, S. 450-60 sowie Kurt Gossweiler, „Ernst Röhm. Die Nacht der langen Messer“, in: Sturz ins Dritte Reich. Historische Miniaturen und Porträts. Leipzig-Jena-Berlin 1983, S. 266-275.