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Augenzeugenbericht von Eberhard Frasch

Die Flut in Theresienstadt

26. August 2002

Mitte August, die Hochwasserwelle rollt von Prag in Richtung Dresden, irgendwo zwischen den Bildern und Schlagzeilen begegnet mir die lapidare Ein-Zeilen-Meldung: „Stadt und Gedenkstätte Theresienstadt unter Wasser.“ Ich recherchiere im Internet und finde schließlich einige wenige Bilder: Der Nationalfriedhof überschwemmt, einsam ragt der Davidstern aus den Fluten; die Torüberschrift „Arbeit macht frei“ im Spiegel des Wassers, die Straßen von Theresienstadt Kanäle. Berichte, genauere Informationen: Fehlanzeige.

Ich habe den Eindruck: Diese Senke in Nordböhmen, in der die Ohre in die Elbe mündet und die kilometerweit überflutet ist, liegt im toten Winkel der Berichterstatter, auch derer in Deutschland, die – verständlicherweise wegen der eigenen Hochwasserprobleme – der dramatischen Situation Terezins kaum Beachtung schenken. In mir reift der Entschluss, auf eigene Faust nach Theresienstadt zu fahren – in doppelter Intention: einmal um meine Hilfe bei den Aufräumarbeiten anzubieten, zum anderen, um aus der eigenen Anschauung heraus zu versuchen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Katastrophe dieses durch die Naziverbrechen mit Deutschland so eng verknüpften Ortes zu lenken. Selbstverständlich bin ich mir meiner bescheidenen Möglichkeiten bewusst, trotzdem ...

So sammle ich Sachspenden bei den Geschäften im Umfeld und mache mich auf zu einer Reise ins Ungewisse: eine endlos sich hinziehende Bahnfahrt durch die Tagebau-Mondlandschaften Nordböhmens bei brütender Hitze, kein Schaffner weiß, wo welcher Zug im Überschwemmungsgebiet endet. Schließlich lande ich doch in Litomerice/Leitmeritz und gelange mit der Hilfe eines Taxifahrers am Abend des 20. August durch alle Sperren nach Theresienstadt – der Großteil des Wassers war erst am Vortag abgeflossen. An den Hauswänden die unübersehbare dunkelflächige Wasserstandsmarke: in der gesamten Stadt ca. 1,50 - 2 Meter über dem Straßenniveau – ein Bild der Zerstörung. Die ersten Aufräumarbeiten sind für diesen Tag abgeschlossen, die Helfer ziehen für heute ab. Der Großteil der Einwohner ist noch evakuiert. So werde ich die Nacht in einer menschenleeren Stadt bei Kerzen und Mondlicht verbringen – umgeben von einer unheimlichen Stille.

Ich werde sehr herzlich empfangen und komme für diese Nacht (und drei weitere) im trocken gebliebenen zweiten Stock der Begegnungsstätte unter. Die nächsten Tage helfe ich zunächst Materialien aus der Sammlung zu bergen, zu sichten, zu reinigen und zu desinfizieren, u.a. persönliche Habseligkeiten der Ghettobewohner und Häftlinge, Koffer, Werkzeuge, aber auch die Folterwerkzeuge und Waffen ihrer Peiniger. Wir, das zwischen Verzweiflung und Entschlossenheit schwankende Personal sowie die Mitglieder der Freiwilligendienste aus Deutschland und Österreich, später auch Soldaten, räumen die überschwemmten Räume: fast das gesamte Mobiliar, die Teppichböden, unzählige Publikationen, wissenschaftliche und pädagogische Dokumentationen, Geschäftsakten – alles muss auf dem Müll, vieles unersetzlich. Was trocken geblieben ist und gereinigt werden kann, wird nach oben gebracht, um die Erdgeschossräume für die Renovierung vorzubereiten. Durchnässte Dokumente werden in Lkws tiefgekühlt abgefahren, in der Hoffnung sie retten zu können.

In den nächsten Tagen bekomme ich allmählich einen Überblick: In den Häusern der Begegnungsstätte (eines davon erst kürzlich eröffnet) sind v.a. die technischen Einrichtungen in Küche und Büros betroffen; im Museum sind v.a. die Büros und das Kino beschädigt, die „Kleine Festung“ (das ehemalige Gestapo-Gefängnis) steht noch länger unter Wasser, dort ist der Schaden an Gebäuden, Einrichtung und Materialien unübersehbar, der Nationalfriedhof  ist eine Schlammwüste, jüdischer Friedhof und Krematorium sind noch vollkommen überflutet, als ich am 23. August abreise. Von der Stadt und der Umgebung ganz zu schweigen.

Nach einer ersten Bestandsaufnahme der Direktion liegt der Schaden bei 2 Mio Euro. Im Augenblick kann sich niemand vorstellen, wie der Kraftakt, die Begegnungsstätte wieder voll instandzusetzen, gemeistert werden kann. Auf der Heimreise habe ich einen Spendenaufruf der Direktion im Gepäck und lasse das Versprechen zurück, ihn in Deutschland zu verbreiten.

Hoffnungszeichen durch zukunftsorientierte Erinnerung zu geben, ist der Auftrag einer Gedenkstätte. Ihre Mitarbeiter brauchen heute in ihrem Kampf gegen den Schlamm und die Verzweiflung ein Zeichen der Hoffnung von uns: unsere Spende für den Wiederaufbau.

Spendenkonto: Verein der Freunde und Förderer von Theresienstadt e.V. Potsdam/Berlin,
Nr. 586 301 400, Deutsche Bank Berlin (BLZ 100 700 00),
Kennwort: Gedenkstätte Theresienstadt

Eberhard Frasch, Schuhstr.45, D-72108 Rottenburg
Tel. 07472/915468, Fax 07472/915469

Aus dem Spendenappell der Leitung der Gedenkstätte Theresienstadt:

Die Leitung der GEDENKSTÄTTE THERESIENSTADT appelliert an alle Menschen, denen die Existenz und die Arbeit der Einrichtung am Herzen liegt, einen Spendenbeitrag zur Beseitigung der Schäden und zum Wiederaufbau zu leisten.

Informationen über die Situation und über Spendenkonten in Deutschland durch Herrn Eberhard Frasch:

Tel. 07472-915468, Fax 07472-915469, mail e.frasch@gmx.de

Wir danken allen, die uns durch Weitergabe der Information oder eine Spende unterstützen!

Dr. Blodig
(Vizedirektor)

Aus der Pressemitteilung, mit der Eberhard Frasch den Spendenappell der Gedenkstättenleitung an die Presse weiterleitete:

Zu meiner Person: Ich bin Historiker und Fachleiter für Geschichte und Politik an einem Tübinger Gymnasium. … Da in den Medien in Tschechien und noch mehr in Deutschland und Österreich (verständlicherweise wegen der eigenen Hochwasserprobleme) die dramatische Situation Terezíns kaum Beachtung findet, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, das öffentliche Augenmerk (auch) dorthin zu lenken. Ein erster Schritt ist, die Pressemitteilung und den Spendenappell in Deutschland und Österreich zu verbreiten.

Eine Information der Deutsch-Tschechischen Nachrichten, Schwanthalerstr. 139 Rgb., 80339 München.

V.i.S.d.P.: Renate Hennecke, Adresse s.o. – E.i.S. 1. September 2002

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