Für Dialektik in Organisationsfragen
Um die Bedeutung der Rolle Bayerns als ‚Ordnungszelle‘ für 1923 für die Abwehrkämpfe der Arbeiterklasse hier zu schildern, möchte ich folgende Einschränkungen machen. Wir gehen weder auf die Rolle Bayerns bei der Reichsgründung 1871 noch auf die Ereignisse der bayrischen Räterepublik und die Rolle der Sozialdemokratie bei der Zerschlagung der bayrischen Räterepublik ein. Wir können hier nicht auf den „Kapp-Putsch“ eingehen und wir setzen Kenntnisse über Hitler voraus. Ebenfalls soll hier die Rolle des Antisemitismus nicht beleuchtet werden.
Vom Beginn der Weimarer Republik an gab es starke Kräfte, diese bürgerliche parlamentarische Demokratie zu zerstören und eine (faschistische – in Klammern, weil es den Begriff noch nicht gab) Diktatur zu errichten. Ziel war die Unterdrückung der Arbeiter, die gesamtnationalen wirtschaftlichen Krisenlasten auf sie abzuwälzen und so die Krise zu überwinden, um dann wieder in einen erneuten Versuch zur Neuaufteilung der Welt starten zu können.
„Das Klassenverhältnis hingegen zwang die Monopolbourgeoisie wider Willen zur Anerkennung der bürgerlich-parlamentarischen Weimarer Republik jedenfalls solange, als sie nicht über ausreichende Mittel verfügte, diese Republik zu beseitigen.“[1]
Die Macht war erschüttert, der imperialistische Staatsapparat weitgehend gelähmt, die Armee befand sich in Auflösung.
In dieser äußerst krisenhaften Situation suchte der deutsche Imperialismus nach Werkzeugen, um seine Herrschaft zu retten. Eines war die Entstehung faschistischer (Massen-)Bewegungen, ein anderes die Vorbereitung militärischer Putsche. Es ist also kein Zufall, dass so rivalisierende reaktionäre Gruppen entstanden, die teilweise gemeinsam, teilweise gegeneinander agierten. Ihr gemeinsamer Feind war die Arbeiterbewegung. Sowohl die Vertreter des ‚reformistischen Pazifismus‘ als auch der antimilitaristische Kampf der Kommunisten und die ‚landesverräterischen Erfüllungsgehilfen‘ ständen dem Wiedererstarken des deutschen Imperialismus im Weg und mussten erst einmal beseitigt werden. Dabei mussten Fragen wie „Bewegung oder Partei?“ – „militärische oder politische Organisation?“ – „Teilnahme am Parlament oder Ablehnung des Parlaments?“ – „Monarchie oder Diktatur?“ geklärt werden.
Die Erkenntnis, dass ohne eine massenhafte Unterstützung der Bevölkerung keine kriegerischen Handlungen durchzuhalten waren und dass die „Propaganda geradezu den Rang einer neuen Waffengattung“ [2] gewann, wurde von den Herrschenden beherzigt, indem sie ihren Zielen zugetane Propagandisten förderten.
Ein Hauptaugenwerk legten sie dabei auf bewaffnete Kräfte wie Freikorps, Bürger- und Einwohnerwehren und andere Wehrverbände. Als Bürgerkriegstruppen der Bourgeoisie waren sie zunächst Anhänger der Monarchie als Abgrenzung zur Republik, einig aber mit allen Feinden der organisierten Arbeiterschaft.
Das ländlich geprägte Bayern wurde zum territorialen Stützpunkt der extrem rechten Kräfte ganz Deutschlands. Nach der blutigen Niederschlagung der Räterepublik war die einzige staatstragende Macht in Bayern das Militär.[3] Bayern wurde „die Hauptbasis des extrem-reaktionären, intransigenten[4] Flügels der deutschen Monopolbourgeoisie in ihrem Kampf gegen die Arbeiterbewegung und gegen die Weimarer Republik und deshalb wurde es unvermeidlich und folgerichtig zur Brutstätte und zum Experimentierfeld des sich formenden deutschen Faschismus.“[5]
Ohne auf die näheren Umstände eingehen zu wollen, soll hier festgehalten werden, dass es in Bayern starke separatistische Kräfte gab, die die Unterordnung des Landes unter die Reichsregierung nur schwer akzeptieren konnten. Nichtsdestotrotz wurde das Königreich Bayern 1871 ins Reich eingegliedert und trat auch bei Gründung der Weimarer Republik nicht aus.
Bayern war stärker ländlich geprägt als der Reichsdurchschnitt, nur etwa 33 Prozent der Erwerbstätigen waren in Industrie und Handel, fast 44 Prozent in Forst- und Landwirtschaft beschäftigt. Industriestädte waren quasi Inseln in einem überwiegend agrarisch strukturierten Land. Und die Verbindungen der Arbeiter zum Land waren in den Industriestädten ebenfalls noch stark. So kamen zum Beispiel in Nürnberg zwischen 1900 und 1910 100.000 neue Einwohner hinzu, die vom Land in die Stadt gezogen waren, die nur rudimentäres proletarisches Bewusstsein besaßen.
In Sachsen war das Verhältnis genau umgekehrt. 60 Prozent der Erwerbstätigen arbeiteten in Industrie und Handel, nur ca. 12 Prozent in Land- und Forstwirtschaft. „Sachsen war dasjenige Land, dessen Industrie am gleichmäßigsten über fast das ganze Gebiet verteilt war ...“[6]. Daraus resultierte auch die unterschiedliche sozialpolitische Entwicklung dieser beiden Länder, das eine als Rückzugsort der extrem rechten Kräfte der Weimarer Republik, das andere zu einem Stützpunkt der revolutionären demokratischen Kräfte.
„Die Niederschlagung der Bayrischen Räterepublik ... machten aus Bayern ein Land, dessen Parlament und dessen Regierung ganz im Schatten der Militärs standen ... Das Militär war praktisch die einzig staatstragende Macht ...“[7] Die Vertreter dieses Militärs vertraten die Ansicht, dass sie „Männer brauchen, denen das Kriegshandwerk Freude macht“[8]. Die bayrischen Truppen waren der Reichswehr angegliedert worden, aber hatten sofort separate Ziele verfolgt.
Zwei Dinge wurden 1919 sofort in Angriff genommen. Zum einen wurde ein „Nachrichtendienst“ geschaffen, der die Aufgabe hatte, sich um die Stimmung in der Arbeiterschaft und deren Anführer zu kümmern, diese gegebenenfalls in ‚Schutzhaft‘ zu nehmen, falls Streiks oder Ähnliches drohten. Zum anderen sollten „unzuverlässige Elemente“ in der Armee ausfindig gemacht werden und ‚zuverlässige‘ Reichswehrangehörige nationalistisch „geschult“ werden. Außerdem sollten die Einwohnerwehren und Freikorps organisiert und ans Militär gebunden werden. „In keinem anderen Land des Reiches bestand eine solche Vielzahl reaktionärer militärischer und halbmilitärischer Verbände, wie in Bayern, und in keinem Lande war der Anteil der durch sie erfassten Einwohner so groß wie hier.“[9]
Die bayrische Reichswehrführung unterhielt enge Beziehungen zu General von Lüttwitz und Wolfgang Kapp, die im März 1920 putschten, weil sie den Friedensvertrag nicht akzeptieren wollten und auch um die Verkleinerung der Reichswehr von noch 300.000 auf 100.000 Mann zu verhindern. Bekanntlich ist der Putsch gescheitert und hat unter anderem die ‚Brigade Erhard‘, ein nationalistisches Freicorps, die eine besonders blutige Spur im Ruhrgebiet hinterließ und die wegen der Unterstützung des Putsches im Reich verboten wurde, nach Bayern verschlagen, wo sie sich ungehindert organisieren konnte. Auch General Ludendorff begab sich nach München und wurde dort von seinen Anhängern unterstützt und hofiert. Die bayrischen Militärs nutzten das Chaos und nötigte die Regierung Hoffmann am 14.03.1920 zum Rücktritt, und der Regierungspräsident von Oberbayern Gustav von Kahr wurde zum Zivilkommissar bestellt. Die Münchner Arbeiter riefen zum Generalstreik auf. Doch nachdem der Putsch durch den bayerischen Landtag legalisiert und Kahr mit einer Stimme Mehrheit zum Ministerpräsidenten gewählt worden ist, wurde der Streik am 17.03. abgebrochen. Somit hatten die reaktionärsten Kräfte der Bourgeoisie Bayern fest in der Hand. Kahr war ein glühender Monarchist und erbitterter Gegner der „marxistischen“ Regierung in Berlin, der „dazu berufen war, als rettender Diktator zuerst Bayern und dann das ganze Reich von den ‚Roten‘ zu befreien und Deutschland in die ‚nationale Diktatur‘ zu führen.“[10]
Im Mai 1920 sollten die Einwohnerwehren auf Verlangen der Siegermächte aufgelöst werden, dem sich die Führer Bayerns, und somit als ihr Sprecher Kahr widersetzte. Es wurde vorsorglich eine Tarnorganisation aufgebaut, die Organisation Escherich (Orgesch), die in ganz Deutschland die Einwohnerwehren unter einem Dach zentralisieren sollte. Es gab zahlreiche Verbindungen zu national-reaktionären Verbindungen, Organisationen und Personen im ganzen Reich, die sich untereinander vernetzten. Die Bewaffnung erfolgte über die Reichswehr. Bei der offiziellen „Auflösung“ der Einwohnerwehren und ‚Vaterländischen Verbände‘ im Juni 1921 wurden die Waffen in geheimen Waffenlagern gesichert, zu deren Verwaltung eigens eine Organisation „Feldzeugmeisterei“ geschaffen wurde, deren Chef Ernst Röhm war. Er gehörte der Reichswehr noch bis Anfang 1924 an.
Als sich die Einwohnerwehren in ihrer bisherigen Form in Bayern doch auflösen mussten, musste auch Kahr seinen Hut nehmen, „wollte er nicht völlig unglaubwürdig und Gegenstand des allgemeinen Spotts werden.“[11] Die folgenden Regierungen waren von der BVP[12] dominiert, der ja auch Kahr angehörte.
Dabei wurde die Arbeiterschaft mit einer Vielzahl von Einschränkungen, Anfeindungen und Verboten drangsaliert. Forderungen nach Demonstrationsverboten, Verboten von KPD und SPD, Streikverboten usw. waren an der Tagesordnung.
Aber auch der ‚Nachrichtendienst‘ der Militärs war nicht untätig. Wie schon oben erwähnt, wollte man auf die Arbeiter national einwirken und sie dem „jüdischen Marxismus“ entreißen. Dazu wurden „Agenten“ gesucht und ausgebildet. Einer dieser „Agenten“ war der Soldat Adolf Hitler, der auf sich aufmerksam machte, indem er Kameraden denunzierte und sich in den Lehrgängen als sehr gelehrig herausstellte. Er wurde zur DAP[13] geschickt, um zu erkunden, wie dort die Stimmung war. Bald wurde er dort „Propagandist“ und wurde von seinen Herren unterstützt, sein Redetalent weiter zu schulen. Am 24.02.2020 wurde die DAP in NSDAP[14] umbenannt und Hitler war bereits in die Führungsriege aufgestiegen. Das Programm sprach kleinbürgerliche Kreise und Studenten an. Immer wieder musste man sich rechtfertigen, warum so wenige Arbeiter gewonnen werden konnten.
„Der Zustrom rechtsradikaler ‚Nationalaktiver‘ aus Norddeutschland nach Bayern bedeutete einerseits eine Verstärkung des Übergewichts der reaktionären Kräfte über die Arbeiterbewegung und die Kräfte der Demokratie; anderseits führte sie aber zu immer schärferen Gegensätzlichkeiten zwischen der ‚schwarz-weiß-roten‘ Reaktion, deren Symbolfigur Ludendorff war, und der ‚weiß-blauen‘ Reaktion, die vor allem die Wittelsbacher Monarchie wiedererrichten wollten und sich um ... Kahr ... scharte.“[15]
Die Lage spitzte sich 1923 drohend zu. Auf der einen Seite stand das Ende der Reichsregierung Cuno, die Beendigung des passiven Widerstands gegen die Ruhrbesetzung und der wirtschaftliche Zusammenbruch durch die Inflation. Auf der anderen Seite stand die Zusammenarbeit der Sozialdemokraten und Kommunisten in den Regierungen Sachsens und Thüringens und das Erstarken der Arbeiterbewegung und die Aufstellung deren Arbeiterhundertschaften.
Die reaktionärsten Kräfte sahen sich gezwungen zu handeln.
Weiter geht es in der nächsten KAZ mit den konkreten Putschplänen und -versuchen der Reaktion Ende 1923.
H. Renrew
1 Kurt Gossweiler, Kapital, Reichswehr und NSDAP (im folgenden KG), PapyRossa Verlag, 2012, Nachdruck des im Akademie-Verlags Berlin/DDR erschienenen Buchs 1982; S. 49
2 KG S. 36
3 KG S. 79
4 kompromisslos
5 KG S. 91
6 KG S. 70
7 KG S. 74
8 KG S. 76, Zitat Franz Ritter von Epp
9 KG S. 79
10 KG S. 84
11 KG S. 86
12 Bayrische Volkspartei
13 Deutsche Arbeiterpartei
14 Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
15 KG S. 92