KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”
Artikelserie (1. Teil KAZ 377, S. 16ff; 2. Teil KAZ 380, S. 24 ff; 3. Teil KAZ 381, S. 39 ff)
Für den deutschen Faschismus, mehr als in anderen Ländern, war der Antisemitismus ein besonders herausragendes Merkmal. „Die Juden sind unser Unglück“ und in sie wurde alles Übel der Welt hineinprojiziert, egal, ob „Bolschewismus“ oder „Finanzkapital“. Der Rasseantisemitismus war aber keineswegs eine Erfindung Hitlers oder des Nazi-Philosophen Rosenberg, sondern hatte Tradition in Deutschland und war von weit früheren, teilweise heute noch geehrten völkischen Nationalisten und Sozialdarwinisten aus der Taufe gehoben worden (vgl. Lagarde im 2. Teil, KAZ 380). Ideologisch und inhaltlich war nichts an Hitlers krudem Weltbild originell. Er stand in den antisemitischen Fußstapfen seiner Vorgänger und Vordenker aus dem wilhelminischen Kaiserreich.
Was die Nazis von ihren Vordenkern unterschied war jedoch die nackte Gewalt und Brutalität, mit der sie ihre Ideologie mittels der staatlichen Macht, der offen terroristischen Diktatur, durchsetzten. Neu war auch, dass nicht nur in der Arbeiterklasse, sondern auch innerhalb der Bourgeoisie keine anderen Strömungen und Parteien geduldet wurden. Oder wie Dimitroff es analysierte: „Faschismus an der Macht ist die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“ Also kein Wechsel der Klassenherrschaft, aber eine andere Form und Methode. Dies betraf nicht nur die Arbeiterorganisationen, die zerschlagen und entrechtet wurden. Sondern der Faschismus an der Macht legte auch ein ungeheures Tempo an den Tag, was die Entrechtung und Verfolgung der deutschen Juden anging – und dies betraf zahlenmäßig insbesondere die meist patriotischen und relativ gutsituierten deutschen „assimilierten“ Juden. Dem Verbot der KPD Ende Februar 1933 folgte die Auflösung der Gewerkschaften Ende Juni, sowie der SPD und anderer Parteien am 22. Juni 1933. Parallel dazu wurden die Juden aus dem Staatsapparat und öffentlichen Dienst nach und nach entfernt („Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, etc.). Zwei Jahre später folgten die Nürnberger Rassegesetze, an denen junge Nachwuchsjuristen sich schulten, die später zu Führungskräften der BRD aufsteigen sollten, wie z. B. der spätere Staatssekretär unter Konrad Adenauer, Hans Josef Maria Globke. Sie wurden für die Staatsräson der BRD gebraucht; oder wie Adenauer es später ausdrückte: „Schmutziges, braunes Wasser schüttet man nicht weg, wenn man kein anderes zum Ersatz hat ... “
Wie wir in unserem 3. Teil in KAZ 380 dargelegt haben, war das zionistische Vorhaben der „Lösung der Judenfrage“ durch einen Judenstaat in Palästina im Deutschland der Weimarer Republik offizielle Staatsräson (gegründet auf das völkische Motiv der Ausschaffung der Juden aus Deutschland und sodann umgesetzt durch koloniale Ansiedelung in Palästina). Und zwar genauer als ethnisch reiner Siedlerstaat[1]. Diese Staatsräson herrschte in allen bürgerlichen Kreisen der Weimarer Republik vor, egal ob liberal, christlich-konservativ, deutsch-national revanchistisch oder offen faschistisch[2]. In der Formel des jüdischen Siedlerstaats fanden sich alle Strömungen des Bürgertums und seines traditionell völkischen Begriffs von der Nation wieder.[3] Diese „warme Sympathie“ für den Zionismus war so weit verbreitet und reichte soweit ins ultra-reaktionäre, rasse-antisemitische Lager, dass selbst die Nazis anfangs wie selbstverständlich von der zionistischen Lösung – als antisemitische Erfüllung! – sprachen[4]. So meinte Hitler in seiner berühmten Rede im Bürgerbräukeller 1920, direkt nach einer ausufernden Triade gegen die Juden: „Menschenrechte soll er [der Jude] sich da suchen, wo er hingehört, in seinem eigenen Staat Palästina“[5].
In deutscher, völkisch-nationalistischer Tradition orientierte Hitler von Anfang darauf, sich der Juden zu entledigen, wie es zuvor die liberalen und völkischen Imperialisten vor und nach dem Weltkrieg propagiert und betrieben hatten – damals aber eben noch als freiwillige „Ausschaffung“ ohne Gewalt. Dieses Hitlersche Kernprogramm erschien also damals all den anderen völkischen Nationalisten des deutschen Bürgertums keineswegs als unerhört oder radikal neu. (Der Inhalt selbst war ihnen sehr vertraut und viele von Ihnen rümpften eher über Hitlers rüpelhaftes Auftreten die Nase, als über den programmatischen Inhalt seiner Politik.[6]) Sie selbst hatten ja die Ausschaffung der Juden aus dem Deutschen Reich und ihre Ansiedlung in Palästina Jahrzehnte zuvor erfunden und den Zionismus darin begeistert unterstützt (siehe KAZ 378, 380, 381). Hingegen das, was wir heute mit Hitler verbinden, der Holocaust, jenes geschichtlich einzigartige Menschheitsverbrechen einer aktiv und industriell betriebenen staatlichen Ausrottung von Millionen Menschen (vom Säugling bis zum Greis) einer imaginierten sog. „Rasse“ war jedoch dem deutschen Faschismus nicht von Anfang an eingeschrieben [7]. Aus seinen frühen Schriften, wie „Mein Kampf“, lassen sich nur im Nachhinein und mit Mühe erste Hinweise auf ein mögliches Auschwitz herauslesen.
Tatsächlich war die entscheidende Voraussetzung für das Umschalten auf fabrikmäßigen Mord im Januar 1942 auf der Wannsee-Konferenz der bereits tobende Raub- und Vernichtungskrieg im Osten. Und bereits 8 Monate vor der Entscheidung, 11 Millionen Jüdinnen und Juden aus ganz Europa zu ‚vernichten‘[8], hatte der deutsche Staat und die deutsche Generalität den „Hungerplan“ für den Massenmord an slawischen „Untermenschen“ beschlossen; ihm zufolge sollte die dreifache Anzahl, nämlich 32 Millionen Russen, Ukrainer, etc. systematisch durch Hunger und Zwangsarbeit vernichtet, und der Rest der noch überlebenden Bevölkerung nach Osten, hinter den Ural oder jedenfalls jenseits des neu zu besiedelnden „deutschen Lebensraums“ in Russland, Belorussland und der Ukraine verschoben werden[9].
Hitler betrieb zunächst jahrelang und konsequent ein Programm der Entrechtung und Verfolgung deutscher Jüdinnen und Juden einerseits und ihrer “friedlichen“ Ausschaffung aus Deutschland andererseits. Bereits im April 1933 entwarfen seine staatlichen Behörden, deutsche Diplomaten des Auswärtigen Amtes, Beamte und Experten (Bevölkerungsplaner, Logistiker und v.a. Wirtschafts- und Außenhandels- und Devisenexperten) einen entsprechenden Plan und schlossen mit der zionistischen Führung in Palästina einen Vertrag zu diesem Zwecke – das sogenannte Ha-Avara oder Transfer-Abkommen[10]. Einer der bekannteren Namen dieser Stabstellen war die junge Führungskraft Adolf Eichmann, welcher nach 1942 zu einem der Vollstrecker des Holocaust wurde.
Deutsche Juden sollten möglichst vollständig zur Ausreise im Allgemeinen und speziell zur Emigration nach Palästina bewegt werden. Die Hauptschwierigkeit aus deutscher, aber auch zionistischer Sicht war hierbei jedoch eine finanzielle! Was sollte dabei mit dem Vermögen, v.a. der gut situierten oder gar reichen deutschen Juden geschehen? Die Zionisten wollten so viel wie möglich davon für ihren kolonialen Aufbau bekommen, Hitlerdeutschland aber ebenfalls so viel wie möglich davon für sich und seine Kriegsrüstung behalten. Gelöst wurde dieses Dilemma durch das Transfer- oder „Ha-Avara“ -Abkommen zwischen den Vertretern der Nazis und der Zionisten.
Die merkwürdige Allianz zwischen Nazis und Zionisten und ihre Kooperation in Deutschland wurden von F. Nicosia[11] als „Ein Nützlicher Feind“ charakterisiert und die jahrelangen Verhandlungen zwischen beiden von Y. Bauer in seinem Buch „Jews for Sale“[12] eingehend beschrieben. Einige Punkte sind hier festzuhalten: Weder war Hitler ein Freund des Judenstaats, noch waren die Zionisten, zumindest ihre herrschende Strömung, Anhänger des deutschen Faschismus. (Allerdings konnten sich einige oppositionelle Zionisten, die sog. Revisionisten[13] in der zionistischen Bewegung, angeführt von Zeev Jabotinsky durchaus für ein Staatsmodell wie das Mussolinis begeistern.) Sie wussten, mit wem sie es zu tun hatten und waren sich im Klaren, dass die Nationalsozialisten ein Todfeind der Juden (nicht nur in Deutschland) waren. Trotzdem gingen sie dieses Bündnis ein, denn ein Charakteristikum des Zionismus war uns schon früher begegnet – sein ungeheurer, auf Machtoptimierung ausgerichteter Pragmatismus! Und aus Sicht eines zionistischen Führers wie Ben Gurion in Palästina gab es tatsächlich nur eine einzige Überlebensfrage für den Zionismus und damit, aus seiner Sicht, für die gesamte Judenheit. Dies war die Frage des erfolgreichen kolonialen Aufbaus vor Ort, der Verdrängung der Palästinenser, der Besiedelung des Landes, des Aufbaus starker, ‚proto-staatlicher‘[14] Strukturen – und als unabdingbare Voraussetzung für all dies, ein verlässlicher Zustrom zweier Elemente, nämlich jüdischer Einwanderer und Geld zur Finanzierung. Dieses Interesse überwog bei weitem etwaige moralische Bedenken. Eine klare Solidarität mit den Juden Deutschlands und eine Kritik ihrer immer offener betriebenen Entrechtung war – aus dieser Sicht – ungeeignet, um die Pläne für eine zunehmende jüdische Auswanderung nach Palästina umzusetzen.
Insgesamt lässt sich feststellen, dass zwischen 1933 und bis mindestens 1939, die deutschen Nationalsozialisten und die Zionisten in Palästina sich wechselseitig als zumindest teilweise nützlich für die eigenen Ziele betrachteten – ein gemeinsames Kalkül unter ansonsten gegenseitiger Feindschaft; und zwar sowohl mit den althergebrachten Trägern der Staatsräson aus dem Apparat der Weimarer Republik, wie auch unter deren neuen Trägern, den Hitlerfaschisten und ihren hochmotivierten Wirtschafts-, Raum- und Rasse-Planern. Um das Transferabkommen nicht zu gefährden bekämpften die offiziellen Zionisten offen den Widerstand, auch jüdischen Widerstand gegen den Faschismus, so etwa die internationale jüdische Boykottbewegung gegen Hitlerdeutschland. Und obwohl sich führende Zionisten wie Ben Gurion wohl wenig Illusionen über die Brutalität des Hitlerismus machten, ordneten sie etwaige moralische Skrupel ihrem Hauptziel, der Ansiedlung und Übernahme Palästinas unter. Sie entschlossen sich zu enger Kooperation mit dem Hitlerregime, wenngleich alles andere als auf Augenhöhe.
Es ist also nur eine punktuelle Kongruenz, die aber eben eine Zeit lang (bis Anfang des II. Weltkriegs) von gegenseitigem Nutzen war[15] – auf jeden Fall jedoch und von Anfang an zu Lasten und gegen die Interessen der kolonisierten und zunehmend verdrängten Palästinenser.
Die bis 1933 wenig erfolgreiche zionistische Emigration aus Deutschland nach Palästina schoss in den Folgejahren (und als Folge der nationalsozialistischen Judenverfolgung) bis 1939 in die Höhe.
In Palästina rief diese Einwanderungswelle europäischer und speziell deutscher Juden extreme Spannungen hervor. Es war für das palästinensische Volk unübersehbar, dass diese Mitteleuropäer nicht nur als Flüchtlinge kamen, die Schutz und Unterschlupf suchten, sondern als neue Herren, als eine weitere europäische Kolonialvariante – diesmal aber mit dem erklärten und laut verkündeten Ziel, einen eigenen, ethnisch reinen Judenstaat an die Stelle der Palästinenser und ihrem Kampf nach Selbstbestimmung zu setzen. Insofern war der Zionismus ein gefährlicherer Feind als die Briten mit ihrer ebenfalls brutalen Mandatsmacht. Und dies war kein Missverständnis, sondern ergab sich logisch und zwingend aus dem Selbstverständnis des Zionismus, der als Wesenskern den auf Verdrängung setzenden Ansiedlungskolonialismus des Bismarck‘schen Kaiserreichs in sich trug (siehe 1. und 2. Teil in KAZ 377 und 380).
Anders ausgedrückt: die von den Nazis durch ihre fortwährenden Maßnahmen gegen die Juden beförderte Massenauswanderung deutscher Juden schlug sich direkt in Palästina nieder und verschärfte den bereits mehr als nur schwelenden Konflikt zwischen den Palästinensern und der britischen Besatzungsmacht, sowie der von ihr geförderten jüdisch-zionistischen Kolonisation.
Die sog. Arabische Revolte begann zunächst als spontaner Protest von palästinensischen Hafenarbeitern in Haifa im April 1936, weitete sich aber rasch zu einem monatelangen Generalstreik aus und hielt in unterschiedlicher Intensität ab 1937 auch mit starker ländlicher Beteiligung breiter Volksschichten bis 1939 an.
Politisch richtete sich die Revolte, neben ihrem sozialen Inhalt, nicht nur gegen das britische Kolonialregime im Allgemeinen, sondern im Besonderen auch gegen die immer bedrohlicher anwachsende und von den Mandatsbehörden wohlwollend geförderte zionistische Masseneinwanderung, Ansiedlung und Landnahme.
Neben friedlichem Protest, wie Massendemonstrationen, umfasste sie ab 1937 zunehmend auch bewaffnete Guerillaaktionen gegen die britischen Mandatstruppen, sehr früh aber auch schon gewaltsame Zusammenstöße und gegenseitige Angriffe und Racheaktionen zwischen Palästinensern und jüdischen Siedlungen.[16] Die Mandatsmacht ging allerdings einseitig gegen die Palästinenser[17] und dabei mit ungeheurer Härte vor und ertränkte diese Revolte schließlich 1938/39 buchstäblich in Blut [18]. Für die palästinensische Widerstandsbewegung war diese britische Gewaltorgie, bei der ihre politische Führung enthauptet wurde, eine Niederlage, von der sie sich nie zur Gänze erholen konnte.
Die palästinensische Tragödie ist also an dieser Stelle erneut zumindest zu einem wichtigen Teil im Zusammenhang mit der deutschen Staatsräson zu sehen. Zunächst, im 19. Jahrhundert, bei der ursprünglichen Entstehung des Zionismus als Reaktion auf den deutschen völkischen Antisemitismus. Dann als Übernahme des preußischen Modells der Ansiedlungskommission durch die Zionisten. Und nun, in den 30er Jahren, als eine alte, nun aber durch die von den Nazis forcierte Massenauswanderung als eine weitere Konstante der deutschen Staatsräson.
Im Gegensatz zu allen anderen Immigrationswellen war die Einwanderung deutscher Juden hochgradig organisiert. Bereits nach der Balfour Deklaration setzte sich in Deutschland der jüdische Jugendbund Blau-Weiß die sog. „Umschichtung“ deutscher Juden in andere Berufsgruppen als Vorbereitung für die Einwanderung zum Ziel und errichtete dazu in ganz Deutschland Lehrgüter[19] für die landwirtschaftliche und handwerkliche „Tauglichmachung“ (הכשרה – Hachscharah).
Diese von Deutschland aus organisierten Ansiedlungen waren jedoch zunächst ein grandioser Misserfolg. Sie scheiterten kläglich an den Bedingungen vor Ort in Palästina[20]. Von den nur 977 Auswanderern bis Anfang der 1930er Jahre, kehrte die Hälfte oft schon nach wenigen Monaten nach Deutschland zurück (oder zogen weiter in die USA, nach Großbritannien, etc.)! Damit schienen die zionistischen Umschichtungskonzepte zunächst gescheitert.
Dies änderte sich jedoch ab 1933. Große Ströme deutscher (und osteuropäischer) Auswanderer erreichten nun Palästina unter der forcierten Massenauswanderung der Nazis und dem Transferabkommen mit den Zionisten Ben Gurion und Ruppin.
Die Konzepte zur „Umschichtung“ und „Tauglichmachung“ durch organisierte Anwerbung, Einwanderung und gezielte Ansiedlung in Palästina erfuhren von 1933 bis 1936 geradezu eine Renaissance. Und die Nazis erlaubten den Zionisten (als einziger jüdischen Organisation) die Weiterführung und den Ausbau ihrer Ausbildungslager zur „Tauglichmachung“ (Hachscharah) für das Handwerk und die Landwirtschaft in Palästina.
Und wieder einmal war hierbei Arthur Ruppin entscheidend, denn er war der praktische Organisator, bereits seit Anfang des Jahrhunderts im Land und ein Experte für Raum- und Wirtschaftsgeographie[21] (s. KAZ 377). Und er saß an den entscheidenden Stellen, die Gelder aus dem Ausland holten und verteilten, sowie auch die Einwanderung selbst regulierten (Palästinaamt, Berlin) und in Palästina planmäßig verteilten (Jewish Agency). Das heißt, er plante, organisierte und leitete ganz praktisch sowohl die Raumplanung und Planung neuer Siedlungen, als auch ihre Organisation (bis ins Detail) und ihre unerlässliche Fütterung mit Subventionen (woraus schließlich die Kibbuzbewegung hervorging[22]). Und von Anbeginn war hierbei für ihn (und für Ben Gurion) die Verdrängung und Vertreibung der Palästinenser ein Hauptziel und Herzensanliegen[23].
So sorgte die organisierte (und von den Nazis unterstützte) zionistische Ansiedlung während der 1930er Jahre letztlich für ein wichtiges Reservoir an wissenschaftlich und praktisch hochqualifizierten Kräften, die entscheidend zum Aufbau jenes geplanten, rein „jüdischen Sektors“ in Palästina beitrugen, welcher schließlich zur Nakba (Katastrophe) für die Palästinenser führte.
Darüber hinaus stellte Palästina somit auch ein interessantes und frühes Testfeld des deutschen Imperialismus für dessen Planungen zum deutschen „Lebensraum im Osten“ dar.[24]
Ein Kernelement des Zionismus, nicht nur ideologisch, sondern ganz praktisch ist die Verdrängung der palästinensischen Bevölkerung und dafür die Ansiedelung jüdischer Bevölkerung und deren Arbeitskraft. Der Jüdische Nationalfonds (JNF) erwarb Land mit der Bestimmung und Auflage, es als unveräußerlichen, ewig jüdischen Besitz zu halten.[25] Palästinenser wurden von ihrem Land vertrieben und durften nicht einmal als Tagelöhner auf jüdischen Plantagen arbeiten[26]. Die jüdische Gewerkschaft Histadrut verbot Palästinensern sogar, Mitglied zu werden[27], etc. Dieses Konzept ethnischer Säuberung ist in Israel weiterhin gültig und formt bis heute die israelische Staatsräson – eine der Hauptursachen für den anhaltenden sog. ‚Konflikt‘ in Nahost, bzw., genauer gesagt, für die durch und durch rassistische Grundverfassung des Staates Israel.
Dieses Bild vom „Muskeljuden“ Max Nordaus (s. KAZ 380), dem sonnengebräunten Kibbuznik mit Spaten und Gewehr über der Schulter und auf eigener Scholle, geistert noch heute durch die deutschen Mythologien des offiziellen Israelbilds. Mit der Wirklichkeit in Palästina hatte es schon in den 30er Jahren wenig zu tun[28].
Umso mehr gefiel dieses Bild jedoch den zeitgenössischen Nazis. Und es erbrachte den Zionisten deren zeitweilige, ob geheuchelte oder ehrliche Sympathie und Bewunderung.
Vertreter der alten Weimarer Staatsräson, wie der deutsche Generalkonsul in Jerusalem Heinrich Wolff[29] schrieben 1934 an das Auswärtige Amt: „Sie (die Zionisten) haben eben hier schnell erkannt, welche Möglichkeiten sich aus dem Unglück der Juden in Deutschland für den Zionismus und die Entwicklung Palästinas ergeben können.“[30]
In der Folge besuchten verschiedene Nazis Palästina und berichteten in einem Ton der Bewunderung über die zionistischen Erfolge in der Kolonisation und Verdrängung der Palästinenser.
Schon 1933 verbrachte SS-Untersturmführer Leopold von Mildenstein mit seiner Frau einen sechsmonatigen Aufenthalt in Palästina[31]. Nach seiner Rückkehr sang er 1934 im „Angriff“, dem Propagandaorgan der NSDAP, ein Loblied auf den jüdischen Siedlerkolonialismus. Besonders angetan war er von der „Bevölkerungsexplosion im jüdischen Palästina“[32] und den aggressiven Kolonisations- und Verdrängungsmethoden der Zionisten – streng nach den Methoden der preußischen Ansiedlungskommission. In seinen Berichten übernahm er das zionistische Bild von „optimistischen, hart arbeitenden und idealistischen Menschen, die die Absicht hätten, das Land mit ihrem eigenen Schweiß aufzubauen“[33] und stellte es der nazistischen Karikatur vom parasitären jüdischen Untermenschen in Europa gegenüber. Zudem interpretierte er den zionistischen Drang nach Landaneignung und Besiedelung in deutscher Blut-und-Boden Manier als eine Art Wundermittel zur Rasseveredelung: „Der Boden hat ihn und seine Gefährten in einem Jahrzehnt neu gestaltet. Diese neuen Juden sind ein neues Volk.“ Dies schrieb von Mildenstein in der Goebbels-Zeitung „Der Angriff“ in einer zwölfteiligen Artikelserie namens: „Ein Nazi fährt nach Palästina“. Die Artikelserie wiederum machte SD-Chef Heydrich auf das junge Talent aufmerksam. Er machte von Mildenstein zum Leiter der Abteilung II/112 des SS-Sicherheitsdiensts (SD), dem sog. ‚Judenreferat‘, womit dieser zuständig für den Verbleib bzw. die Ausschaffung deutscher Juden nach Palästina wurde.
Gestapo-Chef Heydrich selbst schrieb im Mai 1935 einen Artikel im offiziellen Organ der SS, Das Schwarze Korps, in welchem er die Zionisten mit folgenden Worten rühmte: „Die Zionisten halten sich streng an einen Rassenstandpunkt und helfen mit ihrer Auswanderung nach Palästina beim Aufbau ihres eigenen jüdischen Staates ... Unsere guten Wünsche und unser offizielles Wohlwollen gehen mit ihnen.“[34] (Hervorh. durch die Verf.)
Die Abteilung II/112 (Juden) bekam ein eigenes Referat ‚Zionisten‘. Zu dessen Leiter holte sich von Mildenstein 1935 eine wiederum hochmotivierte Nachwuchskraft ins Amt: Adolf Eichmann.
Bis 1939 bestanden Kontakte zwischen den Zionisten in Palästina und den Nationalsozialisten, zunächst offiziell und nach 1937/38 inoffiziell und geheim u. a. mit der Haganah, der Vorläuferin der heutigen israelischen Armee (IDF), damals noch eine paramilitärische Untergrundorganisation der Zionisten[35]. Im Auftrag Heydrichs nahm Eichmann, getarnt als Journalist in Ägypten, sogar Kontakt mit der Haganah auf, um eine illegale Einwanderung, also ohne Einverständnis der Briten zu planen. Über seinen Besuch zionistischer Kolonien in Palästina im Oktober 1937, äußerte er sich rückblickend: „Wäre ich Jude gewesen ... wäre ich der glühendste Zionist gewesen, den man sich vorstellen kann“.
Ab 1936/37 wurde absehbar, dass die Auswanderung der Juden nach Palästina viel zu langsam voranging, zumal die britische Mandatsmacht aufgrund der Arabischen Revolte die Einwanderung zunehmend einschränkte. Eine massenhafte Auswanderung von Juden in die USA oder nach Großbritannien kam auch nicht in Frage, da hierzu die Bereitschaft dieser Staaten fehlte.
Während die deutsche Staatsräson unter Hitler zunehmend zu offener Gewalt, Verfolgung und Terror griff, schlossen Staaten wie Großbritannien „nur“ ihre Grenzen für die unaufhaltsam anschwellenden Ströme unorganisierter Auswanderer und Flüchtlinge. Eine Abschottung ähnlich der heutigen ‚Festung Europa‘ gegen Afrikaner, Araber, Afghanen ... – und damals speziell gegen Juden.
Somit kam im Ergebnis das rassepolitische Konzept der Nazis über eine forcierte „friedliche“ Auswanderung zum Erliegen. Hätten die USA und GB damals ihre Pforten für deutsche und europäische Juden geöffnet, wäre die Wannseekonferenz vom Januar 1942 möglicherweise völlig anders verlaufen.
So aber suchte sich der deutsche Faschismus andere Methoden zu einer „Endlösung der Judenfrage“. So erwogen die verschiedenen Planungsstäbe und Referate[36] zusätzlich auch andere Optionen, wie z. B. die millionenfache Vertreibung von Juden nach Madagaskar mit dem erklärten Ziel, sie dort verhungern zu lassen. (Eine andere Variante des Völkermords also, wie er auch gegenüber den Slawen im offiziellen Hungerplan von Anfang 1941 zur Massenausrottung von 32 Millionen Slawen verfolgt wurde.) Der Plan zur industriell betriebenen „Endlösung“ der Judenfrage durch den Holocaust wurde jedoch erst 1942[37] auf der Wannseekonferenz beschlossen. Dieser Beschluss und seine Umsetzung markiert einerseits den Endpunkt der verbrecherischen Rassepolitik der Nazis, die aber eben auf der rassistischen und völkischen Politik des Kaiserreichs und auch großenteils von Weimar aufbauen konnte, andererseits ist dies aber auch eine endgültige Abkehr der Nazis von der zwangsweisen Aussiedelung der Juden und der Beginn eines staatlichen Plans zur systematischen Vernichtung der Juden Europas.
Die historisch tradierte deutsche Staatsräson gegenüber der jüdischen Bevölkerung und ihre Aussiedelung selbst wurde von den Nazis bewusst aufgegriffen und benutzt, um die systematische Judenverfolgung zu begründen und „die friedliche Ausschaffung“ voran zu treiben. Die „Ausschaffung“ der Juden aus Deutschland[38] blieb unverändert Staatsziel, die gewaltsame Kolonisation und ethnische Säuberung Palästinas – im Sinne der preußischen Ansiedlungskommission – unverändert die bevorzugte, ‚natürliche‘ Methode.
Im Anliegen der „Ausschaffung“ der europäischen Juden und in der vorgeblichen ‚Notwendigkeit‘ der Errichtung eines ethnisch reinen Judenstaates in Palästina waren sich die Nazis zunächst weitgehend einig mit den Zionisten. Dies entsprach auch der traditionellen deutschen Staatsräson. Die deutsche Staatsräson gegenüber Palästina fand dann in der Bundesrepublik Deutschland nicht erst 2008 durch Angela Merkel in der Knesset und vor der internationalen Öffentlichkeit ihre Renaissance[39]. Die bedingungslose Verteidigung des Staates Israel und seiner völkischen und rassistischen Politik gegenüber den Palästinensern ist dabei das weiterhin feste Fundament bundesdeutscher Politik.
AG Palästina
Am 28. August 1933 wurde im Runderlass Nr. 54/1933 des Reichswirtschaftsministeriums der Vertrag in Vollzug gesetzt. Er erhielt den Namen Ha-Avara (hebräisch für Transfer / Übertragung). Man einigte sich auf eine Treuhandgesellschaft in Palästina, die den Auswanderern das auf ein Reichsbank-Sonderkonto eingezahlte Vermögen in Palästina auszahlte und außerdem – und das war für die zunehmend isolierte deutsche Wirtschaft wichtig – den Absatz deutscher Exporte übernahm. Die Treuhandgesellschaft erhielt damit ein De-facto-Monopol auf solche Vermögensübertragungen jüdischer Auswanderer nach Palästina. In Deutschland entstand die „Palästina-Treuhandstelle zur Beratung deutscher Juden GmbH“ (‚Paltreu‘) unter Beteiligung der Banken M. M. Warburg & Co. (Hamburg), A. E. Wassermann (Berlin) und der Anglo-Palestine Bank in Tel Aviv. Das Ha-Avara-Abkommen ermöglichte den Betroffenen, einen Teil ihres Vermögens nach Palästina zu transferieren, zwang sie aber (mit zionistischer Mithilfe), einen bestimmten Prozentsatz ihres zu übertragenden Vermögens als „Reichsfluchtsteuer“ dem deutschen Fiskus zu überlassen. Der Vertrag wurde etwa 50.000 bis 60.000 jüdischen deutschen Auswanderern nach Palästina aufgezwungen, zu einem geschätzten Preis von 140 Millionen ℛℳ wurden Waren und Güter exportiert, wodurch entsprechende Zahlungen der Importeure in Palästina-Pfund zusammenkamen. Ab 1937 blockierten die britischen Behörden wegen des arabischen Aufstands zunehmend die jüdische Immigration. Mit Kriegsbeginn 1939 war der Devisentransfer (obwohl bis 1941 formal zulässig) offiziell nicht mehr möglich.[40]
Für die Zionisten war dieser rege Menschen- und Vermögenshandel mit Nazideutschland von unschätzbarem Wert: 60 Prozent allen in Palästina investierten Kapitals (zw. 1933 u. Sep. 1939) gingen auf das Transfer-Abkommen zurück.
Zugleich zeigt sich hier aber nochmals die bereits im 2. Teil (KAZ 380) angesprochene Bedeutung Palästinas für den deutschen Imperialismus, nämlich hauptsächlich als Empfänger deutscher Exporte und als Türöffner für die übrige arabische Region.
Schon in der Weimarer Republik hatte sich diese Besonderheit in aller Deutlichkeit gezeigt. Die Zionisten waren eine kleine Minderheit von gerade einmal 10%, die in scharfem Gegensatz zur Mehrheit der deutschen, alt eingesessenen und meist gutsituierten sog. „assimilierten“ Juden stand. Diese Mehrheit deutscher Juden waren meist deutsche Patrioten – für Kaiser und Vaterland – vertreten durch den CV (Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens). Die Zionisten waren im kleineren ZVfD (Zionistische Vereinigung für Deutschland) organisiert. Die ZVfD beteiligte sich in keiner Weise am Abwehrkampf gegen den aufkommenden Faschismus und lehnte dies sogar offen als unnütz und als Zeitverschwendung ab – denn das einzige Heil sah sie ja in der schleunigen Emigration weit weg von Europa! Die etwa 500.000 deutschen Juden machten nur ein knappes Prozent der Bevölkerung aus und so war letztlich auch der Einfluss des relativ gesehen weitaus größeren CV sehr gering. Und nicht nur zahlenmäßig, sondern auch ideologisch hatte diese Richtung einfach keinerlei Lobby-Power in Deutschland. Im Gegensatz dazu hatte die ZVfD die „warme Sympathie“ der bürgerlichen Parteien für die Auswanderung der jüdischen Bevölkerung.
Nach 1933 konnten die Zionisten, anders als der CV, an diese gemeinsame Interessensbasis mit dem völkischen Gedankengut, den ökonomischen und Staatsinteressen des deutschen Imperialismus und somit seiner Staatsräson anknüpfen. Und dies geschah 1933, bei der Anbahnung und Unterzeichnung des Ha-Avara-Abkommens mit den Nazis erstaunlich reibungslos und schnell.
Während der CV 1935 von den Nazis aufgelöst wurde, konnte die ZVfD bis Ende 1938 existieren; Funktionäre des ZVfD im von Arthur Ruppin 1908 gegründeten und jahrelang geleiteten Palästinaamt (‚Amt für Eretz Israel‘) der Jewish Agency[41] gingen in Berlin ein und aus und arbeiteten dort noch jahrelang in enger Kooperation mit den Behörden des Deutschen Reiches weiter. Auch die zentrale, auf Deutsch erscheinende Publikationsreihe „Palästina – Zeitschrift für den Aufbau Palästinas konnte bis 1938 in Wien und Berlin herausgegeben werden. Und sogar die Ausbildungslager zur Vorbereitung jüdischer Auswanderer (Hekhalutz) bestanden weiter in Deutschland ... (s.u. Kap. Zionistische Raum- und Siedlungspolitik). Während alle anderen jüdischen Gruppen schwerer Verfolgung durch das Hitlerregime ausgesetzt waren, konnten die offiziellen Zionisten in Deutschland während der 30er Jahre weitgehend unbehelligt, sogar mit staatlicher Förderung weiter agieren.
Das Ha-Avara-Abkommen wurde noch bis Dezember 1939 teilweise umgesetzt. Und bis 1939/40 wurde mit Unterstützung der SS die nun bereits illegale Einwanderung nach Palästina gegen die britischen Einwanderungsbeschränkungen organisiert.
Punktuell ging diese Verbindung aber auch über ein kaltes Kalkül hinaus[42] und äußerte sich in ideologischen Gemeinsamkeiten. So z. B. beim Vater der Siedlerbewegung in Palästina, Arthur Ruppin: Der gelernte Volkswirt und passionierte Rassekundler[43] besuchte noch im Sommer 1934 den rassetheoretischen Vordenker der Nazis, F.K. Günther – aka „Rasse-Günther“, wie er von den Nazis liebevoll getauft wurde – um sich mit diesem über „wissenschaftliche“ rassetheoretische Fragen auszutauschen[44] und sogar weitgehende Übereinstimmung zu erzielen[45], wie er in seinem Tagebuch notierte: „Auf Veranlassung von Dr. Georg Landauer[46] fuhr ich am 11.8. nach Jena zu Prof. Hans F. K. Günther ... Die Unterhaltung dauerte zwei Stunden ... Günther war sehr liebenswürdig, ... stimmte mir bei, dass die Juden nicht minderwertig, sondern anderswertig seien und dass die Judenfrage in anständiger Weise geregelt werden müsse.“
Denn selbst eine streng eugenisch-rassistische Weltsicht war mit seinem „humanistischen Zionismus“ kompatibel. Noch gegen Ende des Jahres 1942, als der Holocaust, die Massenvernichtung europäischer und v.a. osteuropäischer Juden bereits offen wütete, finden wir in seinen Notizbüchern Studien über Rassefragen, so. z. B. zur Nasenform verschiedener Rassen und jüdischer „Rasse-Subtypen“.
(siehe Abbildung – Notizbuch 1942)
In den USA ging die Abschottung zurück auf das Johnson-Reed Einwanderungsgesetz von 1924[47]. Hiernach gab es sehr geringe feste Quoten für jeweilige jährliche Kontingente von Einwanderern aus den verschiedenen Staaten, so. z. B. 25.957 aus Deutschland und ohne spezielle Berücksichtigung unterschiedlicher Gruppen, wie z. B. Juden oder polizeilich verfolgte Antifaschisten. Dies führte dazu, dass v.a. in den späten 30er Jahren hunderttausenden Visa-Anträgen aus Deutschland nur wenige Plätze zur Aufnahme gegenüberstanden, wie Anna Seghers in ihrem Roman Transit eindrucksvoll beschrieben hat.
Konferenz von Évian und Ende der deutschen Auswanderungspolitik 1938/39
Am deutlichsten zeigt sich diese Politik der Verweigerung vielleicht in der heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Konferenz von Évian vom Juli 1938. 32 Staaten, vor allem aus Lateinamerika und Europa, aber auch aus Nordamerika und Australien nahmen daran teil, um über die Aufnahme jüdischer Emigranten zu beraten. (Faschistische Staaten wie Italien und das Deutsche Reich waren nicht beteiligt.) In Worten waren sich alle einig, wie verzweifelt die Lage der jüdischen Vertriebenen und wie dringend ihre Aufnahme sei. Nur erklärte sich kein einziger Staat selbst dazu bereit, seine Pforten zu öffnen oder auch nur die Einwanderungsquoten für diese Juden etwas zu erhöhen; weder Frankreich, noch die USA, noch Großbritannien. Mit der Schande von Évian wurde die vielleicht letzte Chance verspielt, den Holocaust zu vermeiden. (Die Zionisten, die beobachtend teilnahmen, wollten natürlich eine Masseneinwanderung nach Palästina, doch die Briten hatten, wie oben beschrieben, seit der Arabischen Revolte die Kontingente vermindert. Zudem hatte das kleine Palästina – mit einer Fläche von etwas mehr als einem Drittel Bayerns – nicht die geringste Möglichkeit, 11 Millionen europäische Juden zu beherbergen. Pro Kopf gerechnet hatte Palästina sowieso bereits eine astronomisch höhere Aufnahmequote als jedes andere Land der Erde. Im ‚Einwanderungsland‘ USA kam zwischen 1933 und 1941 ein/e jüdische/r Immigrant/in auf etwa 849 einheimische US-Staatsbürger[48]. In Palästina hingegen kam ein jüdischer Einwanderer auf ca. zwei Palästinensische Einheimische. – d.h. eine mehr als vierhundertfache Einwanderungs- und Aufnahmequote.
Ein letzter Anlauf – Wohlthat-Rublee 1939
Auf das schmähliche Ende der Konferenz reagierte die Nazi-Presse mit höhnischem Triumph: Der ‚Völkische Beobachter‘ schrieb, Deutschland biete der Welt seine Juden an, aber keiner wolle sie haben. Trotzdem versuchten Hitlers Staatsbeamte weiter und bis kurz über den Kriegsbeginn hinaus, die jüdische Auswanderung zu forcieren. Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht und Görings oberster Devisenbewirtschafter Helmuth Wohlthat[49] verhandelten Anfang 1939 mit dem US-amerikanischen Anwalt George Rublee ein Abkommen, das sog. Rublee-Wohlthat-Abkommen, dessen Programm die „Auswanderung aller erwerbsfähigen Juden deutscher Staatsangehörigkeit und staatenloser Juden aus Deutschland innerhalb von fünf Jahren“ vorsah. Dieses Programm wurde zwar noch im Februar 1939 vom Zwischenstaatlichen Komitee für Flüchtlinge (ICR) verhandelt, aber nicht mehr ratifiziert.
1 Es ist hierbei völlig unerheblich ob das Wort „Jude“ in Herzls „Judenstaat“ als ethnische, kulturelle, nationale, völkische, religiöse Kategorie begriffen wird – der Zionismus selbst sprang und springt, den jeweiligen aktuellen Umständen entsprechend, pragmatisch zwischen den verschiedenen Kategorien hin und her.
2 In der SPD kann man vereinfacht gesagt unterscheiden zwischen mehr bürgerlichen, rechts-sozialdemokratischen und links-sozialdemokratischen Strömungen. Die KPD lehnte den Zionismus als nur eine weitere bürgerliche und zudem kolonialistische Strömung grundsätzlich ab.
3 Es gab selbstverständlich graduelle Unterschiede; die extrem kleine liberale DDP betrachtete die gutsituierten, ebenfalls liberalen und patriotischen Juden Deutschlands nicht als völkischen Fremdkörper; was aber nicht bedeutet, dass sie je so weit gegangen wäre, dem Zionismus entgegenzutreten.
4 Ebenso wie der Rasseideologe Alfred Rosenberg sah Hitler die Nützlichkeit des Zionismus in einem künftigen nationalsozialistischen Staat. Am 6. Juli 1920 rief er öffentlich dazu auf, „den Juden“ aus Deutschland hinauszuwerfen. Und im ‚Völkischen Beobachter‘ „erschienen 1920 einige anonyme Artikel, die für die zionistischen Auswanderungsbestrebungen eintraten, z. B. am 31.3. und am 27. 6. 1920.“ (zit. nach Nicosia, 1989, Fußnote 34: „Reginald Phelps, Hitler als Parteiredner im Jahre 1920, in: VfZ 11 (1963), S. 305.“)
5 Francis Nicosia (1989): Ein nützlicher Feind (VfZ 37, no. 3). www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1989_3_1_nicosia.pdf
6 Ein ähnliches Phänomen erleben wir heute in der bürgerlichen Berichterstattung über Trump oder die AFD ...
7 bzw. nur als theoretische Möglichkeit, nicht aber als geschichtliche Realität oder ideologisch zwangsläufige Notwendigkeit ...
8 Die auf der Wannsee-Konferenz vorgelegten Listen zählten rund 11 Millionen im deutschen Herrschaftsbereich lebende Juden, von Finnland bis Sizilien und von Portugal bis in die Türkei und natürlich in die Sowjetunion; www.yadvashem.org/sites/default/files/styles/main_image_1block/public/1_127.jpg?itok=_TlLd6Fr;
9 Das Vorhaben stand und wurde nie revidiert. Verhindert wurde es nur durch den heldenhaften und opferreichen Kampf der Sowjetsoldaten und der Völker der Sowjetunion. Nur durch den militärischen Sieg über die Kriegsmaschine des deutschen Imperialismus wurde dieser weitaus umfangreichere Völkermord vereitelt.
10 Auch dieser Judentransfer konnte sich auf die Erfahrungen einer viel älteren deutschen Tradition stützten – die Organisation der Massenauswanderung v.a. osteuropäischer Juden in die USA, vor dem 1. Weltkrieg und durchs Kaiserreich, mit einem Sonderbahnhof in Berlin und anschließendem Transit nach Bremerhaven & Hamburg zur Einschiffung in die USA. Im 19. Jahrhundert und bis 1914 betrug die jüdische Auswanderung allein aus Russland ca. 2 Millionen, davon 1,5 Millionen in die USA; weniger nach Westeuropa (Großbritannien, Deutschland) und nur in winziger Anzahl nach Palästina.
11 Nicosia, 1989, a.a.O.
12 Yehuda Bauer (1994): Jews for Sale? Nazi-Jewish Negotiations, 1933-1945, New Haven 1994,
13 Ihre Partei war der Hauptrivale gegen Ben Gurions sozialdemokratisches Lager (mit häufig wechselnden Parteinamen und Allianzen). Sie gründeten die Herut-Partei, die später in Likud umbenannt wurde und seit 1977 verschiedenste israelische Ministerpräsidenten stellte – von M. Begin über Y. Shamir bis B. Netanyahu (der dienstlängste Staatschef Israels, im Amt bis 2021und wieder seit Nov. 2022). Doch für die gesamte Phase von Anfang des Jahrhunderts bis 1977, war die Allianz Ben Gurions (später als Labour bekannt) eindeutig die dominierende, die alle Geschicke und taktischen wie auch strategischen Entscheidungen des Zionismus bestimmte – zwar stets in heftig ausgetragenem Meinungsstreit mit Jabotinsky und Herut, aber letztlich allein oder im Verbund mit kleinen, schwachen Parteien, wie z. B. den Orthodoxen ... Im Folgenden wird also immer, wenn von Zionismus die Rede ist, diese herrschende Strömung Ben Gurions gemeint sein.
14 Diese umfassten unmittelbare, naheliegende Aufgaben, wie z. B. Bildung, welche die Briten den Zionisten zur Selbstorganisation überlassen hatten. Weiter war auch die politische Repräsentanz in der Innenregulierung den Juden und ihren Parteien selbst überlassen. Schließlich der Aufbau militärischer Strukturen (wie der späteren Haganah, der Vorläuferin der heutigen Armee). Aber v.a. auch die staatliche ökonomische Struktur! Denn wir haben es beim Zionismus mit dem bizarren Sonderfall zu tun, worin eine staatliche, proto-staatliche politische Organisation sich eine Ökonomie, eine eigene Bourgeoisie erzeugt, sät, hegt, pflegt und aufzieht. Vgl. J. Nitzan & Sh. Bichler (2002): The global political Economy of Palestine; Pluto Press, London. www.econstor.eu/bitstream/10419/157972/1/bna-008_20020901bn_gpe_of_israel.pdf
15 Nicosia (1989), a.a.O.
16 Und vor allem kam es sehr schnell zu immer gewalttätigeren Zusammenstößen, Angriffen, Attentaten und gegenseitigen Racheaktionen zwischen Palästinensern und Zionisten.
17 So arbeitete z. B. Reuven Shiloah, der spätere erste Direktor des Mossad, bereits während der Arabischen Revolte eng mit dem Britischen Geheimdienst zusammen.
18 Am Ende der Revolte, im September 1939, zählten die britischen Kolonialtruppen 242 Opfer; der jüdische Bevölkerungsanteil Palästinas hatte über 300 Opfer zu beklagen. Den gewaltigen Blutzoll zahlten allerdings die Palästinenser, mit über fünf Tausend Todesopfern und über 15.000 Verwundeten, sowie Gefangenen und von den Briten Zwangsvertriebenen. Es wird geschätzt, dass insgesamt mehr als zehn Prozent der erwachsenen männlichen Bevölkerung getötet, verwundet, eingesperrt oder vertrieben wurden. Dies war ein auf Jahrzehnte hinaus folgenreicher Aderlass gerade auch für die politische Führung der palästinensischen Unabhängigkeits- und Befreiungsbewegung. Quellen: www.palestinianhistorytapestry.org/tapestry/0450-kuyffiyeh-1936-arab-revolt/; Kanafani, Ghassan. Thawrat 36 – 39: Khalfiyyat wa Tafasil wa Tahlil [The 1936 – 1939 Revolt: Background, Details, and Analysis]. Jerusalem: Matba’at al-Nasir, al-Wikala al-Filastiniyya lil-Sahafa wa al-Nashr. siehe auch: M. Hughes (2009): „The Banality of Brutality: British Armed Forces and the Repression of the Arab Revolt in Palestine, 1936–39“, Brunel University, doi.org/10.1093/ehr/cep002; abrufbar unter: web.archive.org/web/20160221163210/v-scheiner.brunel.ac.uk/bitstream/2438/7251/4/The%20banality%20of%20brutality.pdf
19 13 verschiedene Trainingslager von Schlesien bis Freiburg/Br., mit 1.715 Auszubildenden www.jewishgen.org/databases/holocaust/0041_German_training_camps.html
20 Ungewohnt harte Lebensbedingungen, das Gefühl der Isolation der von Deutschland aus landsmannschaftlich organisierten Gruppen, sowie Zwistigkeiten mit der Histadrut-Gewerkschaft
21 Durch seine frühen Studien für sein Buch „Syrien als Wirtschaftsgebiet“ (1916)
22 Das heißt, die Kibbuzim waren keineswegs gut funktionierende, ökonomisch eigenständige Vorposten der Kolonisation. Sie bewährten sich jedoch militärstrategisch durch ihre Organisiertheit als (eher militärische denn agrarische) bewaffnete Außenposten zur Eroberung, Kontrolle und Absicherung kolonisierten Landes gegenüber einem fast ausschließlich palästinensisch bewohnten und bestellten Land. Dies erkannte Ruppin und dazu finanzierte er sie. Der Rest ist Mythos.
23 Im Gegensatz zu Ben Gurion, setzte Ruppin aber „nur“ auf interne Vertreibung innerhalb Palästinas. Auf diesen Gegensatz gründet sich sein Ruf als besonders sanfter, „humanistischer“ Zionist.
24 Dies sah auch die alte wie auch die junge Grade der deutschen Kolonial-, Eroberungs- und Ansiedlungsplaner des deutschen Imperialismus so. Schon gegen Ende und erst recht nach dem Scheitern der Ansiedlungskommission in Posen betätigten sich die nach dem 1. Weltkrieg ihrer Kolonien verlustig gegangenen deutschen Planer gerne als Berater für die zionistischen Vorhaben (s. KAZ 377). Ebenso konnten sich die jungen Raumplaner Hitlers für die Möglichkeiten und Erfahrungen der zionistischen Ansiedlung in Palästina begeistern (s.u. von Mildenstein, Eichmann, etc.)
25 Aus der Präambel des JNF; siehe KAZ 377
26 Vor allem Ben Gurions Labour-Flügel der zionistischen Bewegung führte in den 1920er und 30er Jahren scharfe Kampagnen um „jüdische Arbeit“ durch, besetzten jüdische Orangenplantagen, auf denen Palästinenser arbeiteten und vertreiben diese teils mit offener Gewalt. Jüdische Plantagenbesitzer, die – nach dem Modell Rothschilds – die billigeren Palästinenser einstellten, wurden als Verräter gebrandmarkt.
27 So z. B. unter den gemischten Hafenarbeitern in Haifa. Dieses Aufnahmeverbot der Histadrut war bis in die 1960er Jahre gültig. www.hagalil.com/archiv/98/04/kibbuz.htm
28 Und heute betreibt kaum noch ein Kibbuz Landwirtschaft. Die Feldarbeiter wurden ab 1967 zunehmend Palästinenser aus den besetzten Gebieten, seit den 90er-Jahren dann durch Thais und Chinesen ersetzt. Siehe KAZ 359: „Foreign Workers Are the New Kibbutzniks“; (Haaretz, 27.9.2014) www.haaretz.com/israel-news/1.617887
29 Wolff war altgedienter Diplomat im Staatsapparat der Weimarer Republik und Vertreter ihrer Staatsräson. Er war überzeugter und aktiver Zionist. Eingesetzt von Hindenburg 1932 als Generalkonsul in Jerusalem, setzte er sich 1933 gegen die jüdische internationale Boykottbewegung gegen die Nazis ein, da diese nicht nur dem Ansehen Deutschlands schade, sondern auch dem Absatz deutscher Waren in Palästina. So wurde er ein früher Wegbereiter für die Devisenbeschaffung im Sinne des Transfer-Abkommens. Aufgrund seiner jüdischen Ehefrau blieb ihm 1933 die Aufnahme in die NSDAP verwehrt; der ‚Stürmer‘ schimpfte ihn einen „Judenfreund“. 1935/37 wurde er deshalb in den Ruhestand versetzt. und kehrte 1936 mit seiner Frau ins Deutsche Reich zurück, um dort bis an sein Lebensende 1946 seine Pension zu beziehen.
30 Nikosia (1989, 376)
31 www.timesofisrael.com/when-a-nazi-toured-the-holy-land-to-find-a-solution-for-the-jewish-problem/
32 Axel Meier (2014), Bundeszentrale für politische Bildung; www.bpb.de/themen/nationalsozialismus-zweiter-weltkrieg/die-wohnung/195248/die-artikelserie-ein-nazi-faehrt-nach-palaestina/
33 Meier, a.a.O.
34 F. Nicosia (2000): The Third Reich & The Palestine Question. Routledge, New York. doi.org/10.4324/9781315135397
35 Vorläuferin der heutigen israelischen Armee, IDF
36 Oft in heftiger Konkurrenz untereinander; stellenweise griff auch Hitler persönlich ein.
37 Es waren gerade die anfänglichen Erfolge der Wehrmacht, die immer mehr Juden unter deutsche Herrschaft brachten, statt sich ihrer zu entledigen. Tatsächlich begann der Holocaust bereits im Sommer 1941 mit in aller Eile organsierten Massenerschießungen durch die sog. ‚Einsatzgruppen‘ der Wehrmacht in der Weißrussischen SSR (Belorussland), der Ukraine und anderen eroberten Gebieten der Sowjetunion; so z. B. in Ponary nahe Vilnius (Litauen) schon im Juli 1941, oder in Babi Yar, Ende September 1941.
38 Und mit Fortlauf des Krieges des expandierenden Raumes in Europa unter deutscher Herrschaft
39 Die Bundeszentrale für Politische Bildung kommentierte das wie folgt: „Als Angela Merkel 2008 vor der Knesset betonte, dass Israels Sicherheit Teil deutscher Staatsräson sei, bedeutete das keine Neuerung deutscher Israelpolitik. Vielmehr hat sie damit bestehende Grundentscheidungen bekräftigt.“ (bpb, 20.1.2015) www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/199894/israels-sicherheit-als-deutsche-staatsraeson/
40 de.wikipedia.org/wiki/Ha%E2%80%99avara-Abkommen
41 Eine deutsche Niederlassung des Palästinaamts wurde 1924 gegründet und bestand bis 1941
42 die phantastischen Verschwörungstheorien der Nazis waren natürlich eigentlich völlig inkompatibel mit dem zionistischen Gedankengut.
43 Zeitlebens ein Eugeniker, gewann Ruppin schon in jungen Jahren, 1903 den damals renommierten sozialdarwinistischen Ernst-Haeckel-Preis für seine einschlägige Arbeit „Darwinismus und Sozialwissenschaft“.
44 Ruppin hatte dreieinhalb Jahre zuvor dessen Bestseller „Rassenkunde des jüdischen Volkes“ in einem Buchladen in Tel Aviv entdeckt und mit hohem Interesse verschlungen. Er wusste also genau, auf wen er in Jena traf. (Arthur Ruppin – Briefe, Tagebücher, Erinnerungen. Jüdischer Verlag Athenäum, 1985; S. 422) Günthers Rassenkunde des deutschen Volkes war einer der meistgelesenen Bestseller – mit 50.000 Auflage bis 1933 und 295.000 Exemplaren bis 1942 – und einer der wirkungsvollsten: Zwischen 1922 und 1927 sorgten seine Hetzschriften für eine Verfünffachung der Presseartikel zu „Rasse“. Nach 1945, nach kurzer Inhaftierung, erhielt auch er einen Persilschein als „minderbelastet“ und als Mitläufer“. Die Hetzschriften des „Rasse-Papsts“ wurden in der BRD noch bis in die 1960er Jahre herausgegeben.
45 Ruppin Tagebücher; S. 446
46 Dr. Georg Landauer (1894-1954): Der Kölner Jurist und Volkswirtschaftler diente 1914 als Freiwilliger an der Ostfront. Während seines Studiums nach dem Krieg, war er im deutschnational-zionistischen Kartellverband Jüdischer Studenten (KJV) aktiv und arbeitete danach als Anwalt und Teilhaber verschiedener Industrie- und Handelsfirmen. 1924/25 und 1929-33 leitete er das Palästinaamt, die offizielle Vertretung der World Zionist Oganization (WZO) in Berlin und war führender Mitbegründer des Ha-Avara-Abkommens mit den Nazis. 1934 ging er nach Palästina und bekleidete dort bis 1954 die Leitung der Deutschen Abteilung der „Jewish Agency for Palestine“. Darin unterstützte er Kolonisierungsunternehmen wie RASSCO, die „Rural and Suburban Settlement Company“, und die „Palästinensische Landwirtschaftliche Siedlungsgesellschaft“ (PASA), sowie auch als Vorstand die bis heute führende staatliche Wasseraneignungs- und Versorgungsgesellschaft „Mekorot“. Bereits ab 1920 war Landauer Leiter der deutschen Sektion der damals starken, sozialdemokratisch-zionistischen Organisation „Ha-Poel Ha-Zair“ („Der junge Arbeiter“) und damit Pionier in Fragen des Landerwerbs und der Ansiedlung durch rein jüdische Kooperativen in Palästina. Ha-Poel Ha-Zair konkurrierte bis 1930 mit dem rechteren Flügel Ben Gurions („Achdut Ha-Awodah“, „Arbeitereinheit“), fusionierte aber 1930 mit diesem zur dann führenden „Arbeitspartei“ Mapai (später umbenannt in die heutige „Awodah“, „Arbeit“). Genau wie Ruppin war Landauer gegen die harte Linie Ben Gurions, der ausschließlich auf Vertreibung und ethnische Säuberung der Palästinenser setzte, betrieb aber umso eifriger die koloniale Landnahme und schuf dadurch erst die Grundlagen für die spätere Massenvertreibung (Nakba 1947-49). Schon ab 1946, direkt nach dem Krieg leitete Landauer das Restitutionsbüro der Jewish Agency in München und war 1952 wiederum führend an den Luxemburger Abkommen zur Wiedergutmachung mit Adenauerdeutschland beteiligt.
47 das Einwanderungsgesetz blieb bis 1965 in Kraft
48 Die maximale, aber nie erreichte jährliche Quote seit dem Johnson-Reed Einwanderungsgesetz von 1924 betrug 27.370 deutsche & österreichische Immigranten – sowohl Juden als auch Nicht-Juden.
49 Wohlthat machte nach 1945 eine steile, typisch bundesrepublikanische Karriere in verschiedenen Aufsichtsräten. Und Minister Franz Josef Strauß schlug ihn 1954 sogar für den Posten als Exekutivdirektor der BRD bei der Weltbank vor (was aber Adenauer im Kabinett verhinderte und statt seiner eine andere bewährte Führungskraft durchsetzte, nämlich Otto Donner, 1940-43 Leiter der Forschungsstelle für Wehrwirtschaft beim Vierjahresplan Hermann Görings.)