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KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”

Im April 2025 hatten sich in Stuttgart GenossInnen der DKP und der SDAJ den Text Lenins „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ vorgenommen und den Gen. Conny Renkl/Berlin gebeten einige Fragen zu beantworten und in einer Videokonferenz Antworten vorzutragen sowie für die Diskussion zur Verfügung zu stehen.

Aspekte von Lenins Schrift

„Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“

Frage: Bedeutung des Textes für die marxistische Gesellschaftstheorie

Die Arbeit von Lenin zum Imperialismus ist ein hervorragendes Beispiel, wie der historische und dialektische Materialismus angewendet werden kann. Dessen eindringlichster Leitgedanke ist: Die Wahrheit ist immer konkret. Das verpflichtete Lenin dazu, die Wirklichkeit zu erforschen, statt sie in ein Schema zu pressen. Seine Studien umfassen einen ganzen Band (LW 39) mit 900 Seiten. Aber der Weg zur Erkenntnis geht nicht nur über das Durchlesen und Exzerpieren zahlloser Schriften, Artikel, Statistiken. Es geht voran in der ständigen Konfrontation mit dem eigenen Vorwissen, mit den marxistisch geprägten Vorkenntnissen, mit den unterschiedlichen Erkenntnissen und (auch gegnerischen) Standpunkten zum Thema. Der Weg zu Erkenntnis muss geleitet sein von der Parteilichkeit – nicht zu verwechseln mit engem Parteiischsein. Parteilichkeit heißt auf dem Standpunkt der gesellschaftlichen Klasse stehen, die das Bestehende grundsätzlich in Frage stellt in der Gewissheit, dass es überwunden werden kann und nicht ewig ist. In diesem Sinn war Lenin ausgebildet als einer der besten russischen Kenner der Werke von Marx und Engels (s. die bürgerliche „Granats Enzyklopädie“, die für das Stichwort „Karl Marx“ 1913[1] als Verfasser „V. Ilyin“ – und nicht etwa Georgi Plechanow oder Wera Sassulitsch auswählte, die mit Marx und Engels noch korrespondiert hatte). Im Übrigen ist das keineswegs Lenins einzige Schrift zu ökonomischen Fragen!! Man sehe sich nur den Band 1 der Werke an.[2]

Als 1914 der 1. Weltkrieg begann, nahm Lenin sich Hegels „Wissenschaft der Logik“ vor, das berühmte „Lehrbuch“ der Dialektik, das schon Marx und Engels inspiriert hatte. Und er war als einer der bedeutenden Führer der russischen Revolution von 1905 und der SDAPR der lebende Inbegriff des anderen großen Leitsatzes des dialektischen und historischen Materialismus: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt drauf an, sie zu verändern.“ (Feuerbach-These 11) Das als kleiner Versuch den Autor der vorliegenden Schrift zu charakterisieren!

Die Bedeutung der Schrift selbst ist nicht mehr oder weniger als die Theorie von Marx und Engels auf die „Höhe der Zeit“ zu bringen. Das hieß die stürmische Entwicklung der Produktivkräfte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eingezwängt in ihr Verhältnis zu den kapitalistischen Produktionsverhältnissen zu verstehen und die Schlussfolgerungen für die Arbeiterklasse und die anderen Klassen der Gesellschaft zu ziehen.

Das Wichtigste an Lenins Arbeit ist das Herausarbeiten des Monopols als Ergebnis der von Marx entdeckten Bewegungsformen des Kapitals, nämlich von Akkumulation, Konzentration und Zentralisation des Kapitals. Das Monopol wird gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur bestimmenden Bewegungsform des Kapitals, als Produktionsverhältnis, das alle anderen gesellschaftlichen Verhältnisse überlagert (s. dazu die grandiose Zusammenfassung am Schluss der Arbeit S. 308[3]).

Lenin erkennt darin Fortschritt, Fortschritt in der Vergesellschaftung der Produktion, der den Imperialismus als Übergang zu einer höheren Gesellschaftsform kennzeichnet, ihn zum Vorabend der proletarischen Revolution und des Sozialismus macht. Alternative ist ein „Fäulniszustand“, der verhältnismäßig lange anhalten kann, wenn die Beseitigung des Imperialismus auf sich warten lässt.

Lenin weist nach, dass der Krieg die andere Form der „Bewältigung“ der tiefen Widersprüche im Imperialismus ist und charakterisiert daher die aktuelle Epoche als eine Epoche der Kriege und Revolutionen (die natürlich stets auch die Gefahr der Konterrevolution beinhalten).

Und er erkennt den Opportunismus und Revisionismus in der Arbeiterbewegung einerseits als Ergebnis des Imperialismus selbst; als Ergebnis der Herausbildung einer aus den imperialen Extraprofiten bestochenen Arbeiteraristokratie und damit als Ergebnis des imperialistischen Parasitismus und als Ausdruck der damit verbundenen Korruption/Fäulnis. Und er sieht in der Bekämpfung des Opportunismus andererseits die zentrale Aufgabe des Kampfs innerhalb der Arbeiterklasse, um an die Revolution heranzukommen.

Lenins Text ist eine ausgezeichnete Bestätigung der Erkenntnisse aus dem Marxschen „Das Kapital“ und eine Weiterentwicklung und Bereicherung der marxistischen Gesellschaftstheorie auf den Stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts mitten im Weltkrieg und noch vor der Oktoberrevolution.

Der Text ist keine Ansammlung von Weisheiten und Lehrsätzen, sondern eine Aufforderung – versehen mit einer Fülle von Anleitungshinweisen – auf dieser Grundlage die weitere Entwicklung zu untersuchen, zu verstehen und zu handeln.

Frage: Welche Unterschiede gibt es zwischen dem Imperialismus von 1916 und dem aktuellen Imperialismus?

Bemerkenswert, dass der Begriff „Imperialismus“, dessen Zeitalter in bürgerlichen Geschichtsbücher meist 1914 endete, inzwischen gehäuft von Leuten wie z.B. Scholz und anderen verwendet wird, um nicht etwa deutsches Großmachtstreben, sondern um Russland zu charakterisieren, während „wir“ gleichzeitig „werte – und regelbasiert“, freiheitlich und demokratisch seien.[4]

Bevor wir deshalb die Änderungen seit damals betrachten, wollen wir kurz/verkürzt festhalten, was unverändert, was strukturell gleich geblieben ist am Imperialismus.

– Die Basis des Imperialismus ist der Kapitalismus, das Privateigentum an Produktionsmitteln in der Hand von wenigen Kapitalisten, denen eine Masse von Arbeitern, Bauern und sonstigen Kleinbürgertums, die kein oder geringes Eigentum an Produktionsmitteln halten.

– Das Monopol ist das zentrale Produktionsverhältnis.

– Ökonomie und Politik werden durch das Finanzkapital/die Finanzoligarchie dominiert

– Die Welt ist unter die imperialistischen Großmächte aufgeteilt, Der Kampf geht bei ungleichmäßiger Entwicklung der Monopole und Großmächte um die Neuaufteilung der Absatzmärkte, Rohstoffquellen und Einflusssphären zur Sicherung von Monopolprofit.

Und nun eine Skizze der Änderungen im Imperialismus nach 1916.

Monopol als Produktionsverhältnis ist in neue Dimensionen gewachsen: Als Großbetrieb galt 1916, was Beschäftigte > 50 hatte (s. S. 200) – heute selbst bei bürgerlicher Statistik > 1.000 Beschäftigte. Weltweit sind heute drei bis vier Trusts dominant an der Spitze ihrer jeweiligen Branche.

Enorme Produktivkraftentwicklung: Textil (ab 18. Jahrhundert) – Kohle, Eisen, Stahl, Maschinenbau, Eisenbahn, Dampfschifffahrt (im 19. Jh.) – Chemie, Elektro, (Ende 19. Jh.) Öl, Automobil, Luftfahrt (ab Anfang 20. Jh.) –IuK-Technologie (ab Mitte 20 Jh.) – Gen-Technologie (ab Ende 20. Jh.) – Organisation der Produktion: Fließfertigung, Automatisierung der Hand-, ab Ende des 20 Jhs. der Kopfarbeit.

Internationale Vergesellschaftung der Produktion und als Anpassung daran (zur Sicherung der privaten Aneignung, zur Verteidigung des Privateigentums an den Produktionsmitteln): Staatsmonopolistischer Kapitalismus mit flexibler Unterordnung des Staates unter die Monopole bzw. Monopolgruppen. s. dazu die Verweise Lenins unter dem Stichwort „Staatsmonopole“ (S. 219, 221, 265)

Aufteilung der Welt:

– Ausscheiden Russlands aus dem Kreis der imperialistischen Großmächte und über 70 Jahre Aufbau und Verteidigung des ersten sozialistischen Landes der Welt: Entwicklung nach der Oktoberrevolution bis zur Konterrevolution von 1989 ff. (Russland wird rot; siegt im 2. Weltkrieg – Osteuropa wird volksdemokratisch; China, DVRK, Kuba, Vietnam, Laos, Kambodscha – Befreiung vieler Länder vom offenen kolonialen Joch)

– Aufstieg des sozialistischen China trotz Isolierung durch Imperialismus und Sowjetunion (zwischen 1960 und 1985) auf der Grundlage des Kampfs gegen Revisionismus und Konterrevolution.

– US-Hegemonie gegenüber Frankreich und Großbritannien, Wiederaufstieg der besiegten Imperialisten Deutschland, Italien, Japan

– Konterrevolution 1989 ff. und Kollaps der Sowjetunion und der sozialistischen Länder in Europa

– Aufteilung der ehemals sozialistischen Länder unter die imperialistischen Großmächte

– Rekolonialisierungsbestrebungen durch die imperialistischen Großmächte (Golfkrieg, Jugoslawien, „war on terror“ etc.) – Gegenbewegung wie BRICS und „globaler Süden“ um den Kern der VR China und Russland (Shanghai Cooperation Organisation – SCO)

– US-Hegemonie und Wegfall der Schranken für den Imperialismus („Globalisierung“) – Krisenhaftigkeit (2000, 2008), Terror, Kriege

– Kampf um die Neuaufteilung des „Wirtschaftsgebiets“ (S. 258) verschärft seit Ukraine 2014/2022

Vor der Bildung neuer Allianzen (vgl. deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt 1939).

Frage: Was sind die Ursachen des Krieges in der Ukraine und wie kann er beendet werden? Ist es ein gerechter und gleichzeitig ungerechter Krieg?

Der Ukraine Krieg ist Ausdruck des Kampfs der imperialistischen Großmächte um die Hegemonie mit dem Ziel:

– Schwächung Russlands bzw. Ausschaltung Russlands als starker Bündnispartner der VR China

– Aufteilung der Ukraine: Stichworte „Fuck the EU“ (2014) bis Aufteilung der Rohstoffe (u.a. Trump Deal-Vorschlag 2025)

Russland ist kein imperialistisches Land, sondern ein post-sozialistisches Land auf dem Weg der Transformation zu einem Land unter der Herrschaft einer neuen nationalen Bourgeoisie mit offenem Ausgang: kapitalistische Halbkolonie, imperialistisch oder wieder zurück zum Sozialismus

Gerecht oder ungerecht? Immer fragen: von welcher Seite? Russland führt einen gerechten Krieg. In der Ukraine besteht die Aufgabe der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten, das Kompradoren-Regime zu stürzen und die Imperialisten aus dem Land zu treiben.

Er kann beendet werden auf der Grundlage des Vorschlags der VR China.

Frage: Gibt es eine neue Weltkriegsgefahr oder ist das imperialistischer „Normalzustand“?

Lenin sieht (mitten im 1. Weltkrieg) die Frage, ob die Widersprüche zwischen den imperialistischen Großmächten friedlich oder gewaltsam ausgetragen werden, als nachrangig an (vgl. S. 278).

Er scheint es für relativ unerheblich zu halten, ob die Erde durch normale imperialistische Ausbeutung oder durch Krieg samt Gas, Atombombe etc. unbewohnbar gemacht wird.

Er richtet das Augenmerk ganz auf die Aufgabe der Beendigung des Kriegs durch Verwandlung des Kriegs in den Bürgerkrieg gegen das Finanzkapital, die Finanzoligarchie und ihren Staat.

Für Schwächung und Niederlage des eigenen Imperialismus, Stärkung der eigenen Friedenskräfte, für den Sieg der sozialistischen Länder, Zusammenschließen auf der Basis des proletarischen Internationalismus für den Sieg der Friedenskräfte in der Welt: Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker vereinigt Euch! – heißt die Devise. (s. KAZ 391)

Frage: Inwieweit ist der Imperialismus bzw. sind die imperialistischen Eigenschaften von Ländern gebunden an ihre konkrete, historische Entwicklung (Überbau, Staat, politische Herrschaft)? Könnte bspw. Brasilien imperialistisch werden?

Deutscher Imperialismus – dieser Begriff drückt einen Widerspruch aus. Der Imperialismus treibt aufgrund des Akkumulationszwangs der Monopole notwendig über die Nation hinaus (Waren- und Kapitalexport, Einflusssphären), insofern ist der deutsche Imperialismus auch nicht-deutsch, international.

So hat jede imperialistische Großmacht ihre besondere Prägung durch die nationale Herkunft. Der deutsche Imperialismus insbesondere: zu spät und zu kurz gekommen bei der Aufteilung der Welt im 19. Jahrhundert und entwickelt durch eine besonders feige, aber hochorganisierte Bourgeoisie (ähnlich wie Italien und Japan, dagegen Frankreich, Britannien, USA, die wenigstens eine siegreiche Revolution gegen den Feudalismus geführt haben. US sogar gegen Kolonialismus und Sklaverei) und der ersten Sozialdemokratie, die 1918/19 eine Konterrevolution gegen die eigene Arbeiterklasse angeführt hat.

Die imperialistischen Großmächte sind seit dem Aufkommen von kapitalistischen Monopolen und Imperialismus relativ stabil. Gegenüber Lenins Aufzählung von 6 Großmächten (S. 262) war nach der Oktoberrevolution nur Russland ausgeschieden. Die restlichen sind heute z.B. in den G7 versammelt (mit zusätzlich Italien, Kanada). Diese halten trotz relativ geringer Bevölkerung, Fläche und Rohstoffen Spitzenpositionen in der Weltwirtschaft.

Länder konnten und können zu imperialistischen Großmächten aufsteigen und aus dieser Liga absteigen – so z.B. Frankreich nach der Besetzung durch Hitlerdeutschland 1940 oder Deutschland unter der Besatzung nach 1945-49 oder Japan.

Die Führungsrolle der USA seit dem 2. Weltkrieg bezieht sich auf die Stellung gegenüber imperialistischen Großmächten (nicht etwa Halbkolonien) und auf die Notwendigkeit der Niederhaltung der Sowjetunion und des Sozialismus. Nach der Niederlage 1989 ff. sehen wir wie die Großmächte über Russland und andere Nachfolgestaaten der Sowjetunion sowie die ehemaligen Volksdemokratien (einschließlich der DDR) herfallen. Es ist ein (ungeordneter, teilweise erbitterter) Kampf um die Neuaufteilung der Sowjetunion und Osteuropas. Mit dem Aufstieg Chinas und der Konsolidierung Russlands ergeben sich aber auch neue Expansionsmöglichkeiten für den Imperialismus und neue Allianzen sind möglich.

Alle Länder, in denen kapitalistische Monopole entstehen, haben den Drang und den Zwang über den nationalen Rahmen hinauszugehen (z.B. Tata, Mittal in Indien und die ganzen „Tiger“staaten, Brasilien etwa Petrobras, Vale Inco, Votorantim, Odebrecht/Novonor, AB Imbev mit engen Kartell­abhängigkeiten bei Öl, Nickel, Bier) sind aber bis jetzt stets in Zaum gehalten worden von den Großmächten. Aus dieser Sicht sind die meisten Länder dieser Welt Halbkolonien, in denen eine oder mehrere der imperialistischen Großmächte allein oder gemeinsam die ökonomischen Grundlagen beherrschen. Sie stützen sich dabei auf Überreste der Feudalklasse und der Kompradorenbourgeoisie oder in ehemals sozialistischen Ländern auf zu „Oligarchen“ aufgestiegene ehemalige Kader zusammen mit wiederaufgetauchten Überresten der alten Klassen (z.B. Schwarzenberg in CR).

Ich halte es für falsch, leichtfertig den Begriff imperialistisch auf Länder, die expansive Ziele verfolgen, anzuwenden wie etwa die Türkei. Die Türkei ist m.E. weiterhin eine Halbkolonie des Imperialismus (unter gemeinsamer Vorherrschaft des US, britischen und deutschen Imperialismus) und das wird oft durch die Wut über das Erdogan-Regime verdeckt und wird entsprechend genutzt, um ggf. Stimmung zu machen und dabei auch noch Deutschland als hintergangen und geschädigt darzustellen.

In imperialistischen Ländern kann es progressive Bewegungen zum Kampf um Unabhängigkeit geben, wie Résistance und Resistenza gezeigt haben (s. Lenin, Über die Junius-Broschüre, wo er gegen den Standpunkt Rosa Luxemburgs polemisiert, „dass es keine nationalen Kriege mehr geben kann.“ – s. LW 22, S. 314 ff.)

Frage: Was sind die Chancen und Risiken einer multipolaren Weltordnung?

Die „multipolare Weltordnung“ wird nicht nur von uns (DKP, KP Chinas u.a.) mit positiver Konnotation verwendet. Wir sollten uns aber im Klaren sein, dass dieser Begriff aus der bürgerlichen US-Politikwissenschaft des Kalten Kriegs stammt (Kenneth Waltz, William Wohlforth, Karl Deutsch u.a. – s.a. Spieltheorie, Kybernetik) – auch wenn er – aus gutem Grund – von den Führungen in der VR China und der RF verwendet wird. Er „übergeht“ die Klassenfragen und die tatsächlichen Widersprüche zwischen den beteiligten Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung.

Das wird auch deutlich daran, wer sonst noch Multipolarität verwendet:

An zentraler Stelle in der „Nationalen Sicherheitsstrategie“ der BRD z.B. heißt es: „Wir leben in einem Zeitalter wachsender Multipolarität.“ Im Vorwort stellt Olaf Scholz schlicht fest: „Neue Machtzentren entstehen, die Welt des 21. Jahrhunderts ist multipolar.“ ...

Doch der Begriff wird auch bei der AfD verwendet. Auf dem Parteitag zur Europawahl sagte der Vorsitzende Tino Chrupalla: „Multipolarität bedeutet, nicht mehr eine einzige Weltmacht beherrscht die Welt, sondern mehrere gleichberechtigte Mächte setzen in ihren Regionen ihre Vorstellungen von Recht und Ordnung durch.“ (zitiert nach Internationale Politik vom 28.08.23: internationalepolitik.de/de/wir-leben-einer-multi-polaren-welt – 14.12.24)

Es geht also nicht darum sich darüber zu freuen, dass der US-Imperialismus geschwächt wird, sondern darum, dass die Widersprüche im Imperialismus und zwischen den imperialistischen Staaten sich verschärfen und wie wir als deutsche Kommunisten dies nutzen können.

Die wirklichen Widersprüche in der Welt waren einmal in den Moskauer Beratungen von 1957 und 1960 so formuliert:

– Widersprüche zwischen dem sozialistischen (damals noch existenten) und dem imperialistischen Lager

– Widersprüche zwischen Proletariat und Bourgeoisie innerhalb der kapitalistischen Länder, insbesondere BRD

– Widersprüche zwischen unterjochten Nationen und Imperialismus

– Widersprüche zwischen den verschiedenen imperialistischen Staaten und Widersprüche zwischen den verschiedenen monopolkapitalistischen Gruppierungen.[5]

Für unseren Kampf als Arbeiterklasse in einem imperialistischen Land ist es dabei wichtig zu sehen:

– das fortschrittliche, anti-imperialistische Lager um die VR China soll nicht einem geschlossenen Block imperialistischer Mächte gegenüber stehen. Es sollen Möglichkeiten eigenständiger Entwicklung auf der Grundlage der Prinzipien der friedlichen Koexistenz geschaffen werden. Allerdings ist damit der Imperialismus in seinen ausbeuterischen Grundlagen bedroht und wird dadurch sogar aggressiver. Also: kein Frieden per se!

– Wenn der deutsche Imperialismus im Sinn von „Multipolarität“ in stärkere Konfrontation zu den anderen imperialistischen Mächten geht, muss er Zugeständnisse an die Arbeiteraristokratie machen – oder auf terroristischen Kurs gehen. Also: Auch nicht vorteilhaft per se!

– Wenn etwa der deutsche Imperialismus sich der VR China annähern würde, dann ist das gut, weil dadurch der Sozialismus und sein Aufbau in China eine Atempause/zeitweilige Entspannung bekommt. Für uns bedeutet das: Die deutsche Bourgeoisie hat mit der VR ein Abkommen geschlossen, aber nicht mit der deutschen Arbeiterklasse. Das Joch der Ausbeutung bleibt. Also: Der Kampf geht weiter!

Summa: Durch Multipolarität alleine oder aktuell: durch Schwächung des US-Imperialismus alleine ist weder der Frieden noch der Fortschritt gesichert.

Entscheidend bleibt, dass die Arbeiterklasse Kraft gewinnt im Kampf gegen den eigenen Imperialismus, die eigenen Monopole, ihre Partei aufbaut, die Gewerkschaften stärkt in der Auseinandersetzung gegen den Sozialdemokratismus, gegen die Sozialpartnerschaft mit der Bourgeoisie.

 

Im Verlauf hatten sich weitere Fragen ergeben:

Frage: Wie ist der Kapitalexport der VR China vor allem im Rahmen der „Seidenstraßen“-Initiative zu bewerten?

Wir sollten bei Verwendung von Begriffen – hier „Kapitalexport“ – vorsichtig sein und darauf achten, dass sie historisch und sozial spezifisch sind. Das ist einer der wichtigen Hinweise von Marx, dass es Produktionsmittel bereits seit der Menschwerdung des Affen gibt. Kapital werden Produktionsmittel aber erst, wenn ihnen eine große Masse von Arbeitern gegenübersteht, die keine Produktionsmittel besitzen und sich eine kleine Klasse von Eigentümer herausgebildet hat, die die Produktionsmittel besitzen. Wenn wir die Volksrepublik China als sozialistisches Land anerkennen, dann sind die Mittel, die im Rahmen der Belt-and-Road-Seidenstraßen-Initiiative zur Verfügung gestellt werden antiimperialistische Aufbauhilfe. Dann sind Anlagen im Ausland nicht Kapitalexport, sondern Maßnahmen zur Verteidigung und Stärkung des sozialistischen Aufbaus.

Frage: Wie ist die Charakterisierung des Imperialismus als „sterbender Kapitalismus“ zu verstehen?

Dazu der Abschnitt in Kapitel X, in der Lenin vom „sterbenden Kapitalismus“ spricht und die ihn, wie eingangs festgehalten, als großen Dialektiker ausweist: „Aus allem, was über das ökonomische Wesen des Imperialismus gesagt wurde, geht hervor, daß er charakterisiert werden muß als Übergangskapitalismus oder, richtiger, als sterbender Kapitalismus. Höchst aufschlußreich ist in dieser Hinsicht, daß die Schlagworte der bürgerlichen Ökonomen, die den jüngsten Kapitalismus beschreiben, „Verflechtung“, „Fehlen der Isoliertheit“ usw. heißen; die Banken seien „Unternehmungen, die nach ihren Aufgaben und nach ihrer Entwicklung nicht einen rein privatwirtschaftlichen Charakter haben und die immer mehr aus der Sphäre der rein privatrechtlichen Regelung herauswachsen“. Und derselbe Riesser, von dem diese Worte stammen, erklärt mit todernster Miene, daß sich die „Voraussage“ der Marxisten über die „Vergesellschaftung“ „nicht verwirklicht“ habe!

Was bedeutet denn dieses Wörtchen „Verflechtung“? Es erfaßt bloß einen einzelnen, wenn auch den auffallendsten Zug des Prozesses, der sich vor unseren Augen abspielt. Es zeigt, daß der Beobachter einzelne Bäume aufzählt, aber den Wald nicht sieht. Es kopiert sklavisch das Äußere, Zufällige, Chaotische. Es verrät uns in dem Beobachter einen Menschen, der von dem unverarbeiteten Material erdrückt wird und sich in dessen Sinn und Bedeutung absolut nicht zurechtfindet. „Zufällig verflechten sich“ Aktienbesitz und Privateigentümerverhältnisse. Aber das, was dieser Verflechtung zugrunde liegt, was ihre Grundlage bildet, sind die sich verändernden gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse. Wenn aus einem Großbetrieb ein Mammutbetrieb wird, der planmäßig, auf Grund genau errechneter Massendaten, die Lieferung des ursprünglichen Rohmaterials im Umfang von zwei Dritteln oder drei Vierteln des gesamten Bedarfs für Dutzende von Millionen der Bevölkerung organisiert; wenn die Beförderung dieses Rohstoffs nach den geeignetsten Produktionsstätten, die mitunter Hunderte und Tausende Meilen voneinander entfernt sind, systematisch organisiert wird; wenn von einer Zentralstelle aus alle aufeinanderfolgenden Stadien der Verarbeitung des Materials bis zur Herstellung der verschiedenartigsten Fertigprodukte geregelt werden; wenn die Verteilung dieser Produkte auf Dutzende und Hunderte von Millionen Konsumenten nach einem einzigen Plan geschieht (Petroleumabsatz in Amerika wie in Deutschland durch den amerikanischen Petroleumtrust) – dann wird es offensichtlich, daß wir es mit einer Vergesellschaftung der Produktion zu tun haben und durchaus nicht mit einer bloßen „Verflechtung“; daß privatwirtschaftliche und Privateigentumsverhältnisse eine Hülle darstellen, die dem Inhalt bereits nicht mehr entspricht und die daher unvermeidlich in Fäulnis übergehen muß, wenn ihre Beseitigung künstlich verzögert wird, eine Hülle, die sich zwar verhältnismäßig lange in diesem Fäulniszustand halten kann (wenn schlimmstenfalls die Gesundung von dem opportunistischen Geschwür auf sich warten lassen sollte), die aber dennoch unvermeidlich beseitigt werden wird.“

Das Monopol als Produktionsverhältnis, das sich im Widerspruch von wachsender Vergesellschaftung der Produktion im internationalen Maßstab und privater Aneignung der Produktion durch eine immer kleinere Zahl von Finanzoligarchen bewegt, weist auf den Übergang zu einer höheren Gesellschaftsform hin, die die private durch gesellschaftliche Aneignung der gesellschaftlichen Produktion ermöglicht und erfordert. Wie bei jedem Übergang stirbt Altes ab und das Neue wächst auf und muss sich durchsetzen. Der Übergang ist durch Krisen und Kriege gekennzeichnet, durch Fäulnis und Stagnation in der Ökonomie, die in einzelnen Ländern, Episoden durch schnelles, ungesundes Wachstum abgelöst werden können. Der Übergang ist gekennzeichnet durch den Drang nach Rückschritt und Reaktion in ideologischer Hinsicht, durch Drang nach Repression und – darauf weist Lenin eindringlich hin – durch Opportunismus, der alle emporstrebenden, neuen, revolutionären Kräfte der Arbeiterklasse zu ersticken droht.

Lenin macht die Länge des Sterbens und Verfaulens von der Geschwindigkeit abhängig, in der das „opportunistische Geschwür“ beseitigt werden kann. Wie wir wissen, ist dies kein geradliniger, kontinuierlicher Prozess. Er beginnt nach der Konterrevolution von 1989 ff. mit der langsamen Gesundung von kommunistischen und Arbeiterparteien.

Das könnte schneller gehen. Aber wir wissen auch, dass „Gesellschaften im Untergang“, so der Titel eines Buchs von Jürgen Kuczynski zum Thema, für solche Übergänge von der Sklavenhaltergesellschaft zum Feudalismus, und vom Feudalismus zum Kapitalismus hunderte von Jahren gebraucht haben mit Zeiten schneller Vorwärtsentwicklung, aber auch gewaltiger Rückschläge.

Von daher: Partei hüten wie den Augapfel, sozialistische Länder unterstützen, Errungenschaften der Arbeiterbewegung verteidigen. Kein Frieden mit Regierung und Kapital!

Conny Renkl, Mai 2025

Lenin, Die Grundsätze des Sozialismus und der Krieg 1914/1915

Die Stellung der Sozialisten zu Kriegen

Die Sozialisten haben die Kriege unter den Völkern stets als eine barbarische und bestialische Sache verurteilt. Aber unsere Stellung zum Krieg ist eine grundsätzlich andere als die der bürgerlichen Pazifisten (der Friedensfreunde und Friedensprediger) und der Anarchisten. Von den ersteren unterscheiden wir uns durch unsere Einsicht in den unabänderlichen Zusammenhang der Kriege mit dem Kampf der Klassen im Innern eines Landes, durch die Erkenntnis der Unmöglichkeit die Kriege abzuschaffen, ohne die Klassen abzuschaffen und den Sozialismus aufzubauen, ferner auch dadurch, daß wir die Berechtigung, Fortschrittlichkeit und Notwendigkeit von Bürgerkriegen voll und ganz anerkennen, d.h. von Kriegen der unterdrückten Klasse gegen die unterdrückende Klasse, der Sklaven gegen die Sklavenhalter, der leibeigenen Bauern gegen die Gutsbesitzer, der Lohnarbeiter gegen die Bourgeoisie. Von den Pazifisten wie von den Anarchisten unterscheiden wir Marxisten uns weiter dadurch, daß wir es für notwendig halten, einen jeden Krieg in seiner Besonderheit historisch (vom Standpunkt des Marxschen dialektischen Materialismus) zu analysieren. Es hat in der Geschichte manche Kriege gegeben, die trotz aller Greuel, Bestialitäten, Leiden und Qualen, die mit jedem Krieg unvermeidlich verknüpft sind, fortschrittlich waren, d.h. der Entwicklung der Menschheit Nutzen brachten, da sie halfen, besonders schädliche und reaktionäre Einrichtungen (z.B. den Absolutismus oder die Leibeigenschaft) und die barbarischsten Despotien Europas (die türkische und die russische) zu untergraben. Wir müssen daher die historischen Besonderheiten eben des jetzigen Krieges untersuchen. ...

Der Unterschied zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg

Die Epoche von 1789 bis 1871 hinterließ tiefe Spuren und revolutionäre Erinnerungen. Vor dem Sturz des Feudalismus. des Absolutismus und der Fremdherrschaft konnte von einer Entwicklung des proletarischen Kampfes um den Sozialismus nicht die Rede sein. Sprachen die Sozialisten im Hinblick auf die Kriege einer solchen Epoche von der Berechtigung des „Verteidigungs”krieges, so hatten sie stets gerade diese Ziele, das heißt die Revolution gegen Mittelalter und Leibeigenschaft im Auge. Die Sozialisten verstanden unter einem „Verteidigungs”krieg stets einen in diesem Sinne „gerechten” Krieg (wie sich Wilhelm Liebknecht einmal ausdrückte). Nur in diesem Sinne erkannten und erkennen jetzt noch die Sozialisten die Berechtigung, den fortschrittlichen und gerechten Charakter der „Vaterlandsverteidigung” oder des „Verteidigungs”krieges an. Wenn zum Beispiel morgen Marokko an Frankreich, Indien an England, Persien oder China an Rußland usw. den Krieg erklärten, so wären das gerechte Kriege, Verteidigungs kriege, unabhängig davon, wer als erster angegriffen hat (Hervhbg. Co), und jeder Sozialist würde mit dem Sieg der unterdrückten, abhängigen, nicht gleichberechtigten (Co) Staaten über die Unterdrücker, die Sklavenhalter, die Räuber – über die „Groß”mächte – sympathisieren.

Aber stellen wir uns einmal vor, ein Sklavenhalter, Besitzer von 200 Sklaven, läge im Krieg mit einem anderen Sklavenhalter, Besitzer von 200 Sklaven, um die „gerechtere” Neuaufteilung der Sklaven. Es ist klar, daß die Anwendung der Begriffe „Verteidigungs”krieg oder „Vaterlandsverteidigung” auf einen solchen Fall historisch verlogen und praktisch ein glatter Betrug wäre, begangen von gerissenen Sklavenhaltern am einfachen Volk, an den Kleinbürgern, an der unaufgeklärten Masse. Ganz genauso werden im gegenwärtigen Krieg, den die Sklavenhalter führen, um die Sklaverei aufrechtzuerhalten und zu verstärken, die Völker von der heutigen imperialistischen Bourgeoisie mittels der „nationalen” Ideologie und des Begriffs der Vaterlandsverteidigung betrogen.“

(aus W.I. Lenin, Sozialismus und Krieg (1915), LW Bd. 21, S. 295 ff.)

Beispiel Continental

Umsatz 2024: 39,7 Mrd. Euro, davon im Ausland: 80% (BRD 20%, Europa ohne BRD 30%, Nordamerika 26%, Asien-Pazifik 21%)

Beschäftigte 2024 (jeweils in Tsd.): 190 – davon Deutschland, Europa (mit BRD) 107, Asien 38, Amerika 42, Afrika 2

518 Standorte in 55 Ländern

46% der Aktien in der Hand der Familie Schäffler (über verschiedene Beteiligungsgesellschaften). Der Rest in Streubesitz von Investoren aus Nordamerika (46,8%), Frankreich (4.3%) Skandinavien (3,7%), sonst. europ. Länder (6,9%), Asien, Afrika, Australien zus. 3,3%

Lenin, Über die Junius-Broschüre

Die Unrichtigkeit dieses Arguments ist augenfällig. Selbstverständlich ist es ein Grundsatz der marxistischen Dialektik, daß alle Grenzen in der Natur und in der Gesellschaft bedingt und beweglich sind, daß es keine einzige Erscheinung gibt, die nicht unter gewissen Bedingungen in ihr Gegenteil umschlagen könnte. Ein nationaler Krieg kann in einen imperialistischen umschlagen und umgekehrt. (Hervhbg. Co) Ein Beispiel: Die Kriege der Großen Französischen Revolution begannen als nationale Kriege und waren auch solche. Diese Kriege waren revolutionär, sie dienten der Verteidigung der großen Revolution gegen eine Koalition konterrevolutionärer Monarchien. Als aber Napoleon das französische Kaiserreich errichtete und eine ganze Reihe seit langem bestehender, großer, lebensfähiger Nationalstaaten Europas unterjochte, da wurden die nationalen französischen Kriege zu imperialistischen, die nun ihrerseits nationale Befreiungskriege gegen den Imperialismus Napoleons erzeugten.

Nur ein Sophist könnte den Unterschied zwischen einem imperialistischen und einem nationalen Krieg mit der Begründung verwischen, daß der eine in den anderen umschlagen kann. Die Dialektik hat mehr als einmal – auch in der Geschichte der griechischen Philosophie – als Brücke zur Sophistik gedient. Wir aber bleiben Dialektiker, wir bekämpfen die Sophismen nicht dadurch, daß wir die Möglichkeit jedweden Umschlagens überhaupt leugnen, sondern indem wir das Gegebene in seinem Milieu und seiner Entwicklung konkret analysieren. (Co)

Daß der gegenwärtige imperialistische Krieg, der Krieg von 1914 bis 1916, in einen nationalen Krieg umschlägt, ist deshalb in hohem Grade unwahrscheinlich, weil die Klasse, in der sich die Vorwärtsentwicklung verkörpert, das Proletariat ist, das objektiv danach strebt, diesen Krieg in einen Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie umzuwandeln, ferner aber auch deshalb, weil die Kräfte beider Koalitionen sich nur unerheblich voneinander unterscheiden und das internationale Finanzkapital überall eine reaktionäre Bourgeoisie geschaffen hat. Aber man kann ein solches Umschlagen nicht für unmöglich erklären: wenn das Proletariat Europas auf 20 Jahre hinaus ohnmächtig bliebe; wenn dieser Krieg mit Siegen in der Art der Siege Napoleons und mit der Versklavung einer Reihe lebensfähiger Nationalstaaten endete; wenn der außereuropäische Imperialismus (der japanische und der amerikanische in erster Linie) sich ebenfalls noch 20 Jahre halten könnte, ohne, z. B. infolge eines japanisch-amerikanischen Krieges, in den Sozialismus überzugehen, dann wäre ein großer nationaler Krieg in Europa möglich. Das wäre eine Rückentwicklung Europas um einige Jahrzehnte. Das ist unwahrscheinlich. Es ist aber nicht unmöglich, denn zu glauben, die Weltgeschichte ginge glatt und gleichmäßig vorwärts, ohne manchmal Riesensprünge rückwärts zu machen, ist undialektisch, unwissenschaftlich, theoretisch unrichtig.(Co)

Weiter. Nationale Kriege der Kolonien und Halbkolonien sind in der Epoche des Imperialismus nicht nur wahrscheinlich, sondern unvermeidlich. In den Kolonien und Halbkolonien (China, Türkei, Persien) leben annähernd 1.000 Millionen Menschen, d.h. über die Hälfte der gesamten Bevölkerung der Erde. Nationale Befreiungsbewegungen sind hier entweder schon sehr stark, oder sie wachsen und reifen heran. Jeder Krieg ist eine Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln. Die Fortsetzung der Politik der nationalen Befreiung in den Kolonien werden zwangsläufig nationale Kriege der Kolonien gegen den Imperialismus sein. Solche Kriege können zu einem imperialistischen Krieg der jetzigen imperialistischen „Groß“mächte führen, können aber auch nicht dazu führen – das hängt von vielen Umständen ab. ...

„Daraus ist ersichtlich, wie sinnlos es wäre, den Begriff Imperialismus schablonenhaft anzuwenden und aus ihm die „Unmöglichkeit“ nationaler Kriege zu folgern. Ein nationaler Befreiungskrieg beispielsweise eines Bündnisses von Persien, Indien und China gegen diese oder jene imperialistischen Mächte ist durchaus möglich und wahrscheinlich, da er sich aus der nationalen Befreiungsbewegung dieser Länder ergeben würde, wobei das Umschlagen eines solchen Krieges in einen imperialistischen Krieg zwischen den jetzigen imperialistischen Mächten von sehr vielen konkreten Umständen abhinge, für deren Eintreten zu bürgen lächerlich wäre.

Drittens darf man selbst in Europa nationale Kriege in der Epoche des Imperialismus nicht für unmöglich halten. (Co) Die „Ära des Imperialismus“ hat den jetzigen Krieg zu einem imperialistischen gemacht, sie wird unweigerlich (solange nicht der Sozialismus kommt) neue imperialistische Kriege erzeugen, sie hat die Politik der jetzigen Großmächte zu einer durch und durch imperialistischen gemacht, aber diese „Ära“ schließt keineswegs nationale Kriege aus, z. B. von seiten der kleinen (nehmen wir an, annektierten oder national unterdrückten) Staaten gegen die imperialistischen Mächte, wie sie auch im Osten Europas nationale Bewegungen in großem Maßstab nicht ausschließt.“

1 erstmals 1915 veröffentlicht in Band 28 der Enzyklopädie mit vorgenommenen Kürzungen und Änderungen aus Zensurgründen. Ungekürzt dann 1925 veröffentlicht. Enthalten in LW 21, S. 31 ff.

2 „Neue wirtschaftliche Vorgänge im bäuerlichen Leben“, „Zur sogenannten Frage der Märkte“, „Was sind die Volksfreunde’ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten?“, „Der ökonomische Inhalt der Volkstümlerrichtung und die Kritik an ihr in dem Buch des Herrn Struve“)

3 Seitenzahlen beziehen sich, wenn nicht anders angegeben, auf W. I. Lenin, Werke Bd. 22

4 Bundeskanzler Olaf Scholz hat Russland vor den Vereinten Nationen „blanken Imperialismus“ vorgeworfen und der Ukraine weitere Unterstützung zugesichert. „Putin wird seinen Krieg und seine imperialen Ambitionen nur aufgeben, wenn er erkennt: Er kann diesen Krieg nicht gewinnen“, – www.zeit.de/politik/ausland/2022-09/un-vollversammlung-bundeskanzler-olaf-scholz-russland-ukraine-krieg-sicherheitsrat

„Die größte Bedrohung ist Russlands Imperialismus“ – www.zeit.de/2025/06/olaf-scholz-spd-verteidigung-krieg-bundestagswahl

„Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit. Gerade auch dann, wenn sie uns nicht gefällt. Zur Wirklichkeit gehört: Der Imperialismus ist zurück in Europa.“ – www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/faz-bk-ukraine-2063006

Die Europäische Union ist die gelebte Antithese zu Imperialismus und Autokratie.- ebda

„Putins Umgang mit der Ukraine und anderen Ländern in Osteuropa trägt neokoloniale Züge. Ganz offen träumt er davon, nach dem Modell der Sowjetunion oder des Zarenreichs ein neues Imperium zu errichten.“

5 Ergänzt haben wir diese Widersprüche aus guten Gründen in unserer Analyse zu „Mit Klarheit zur Einheit“ um (www.kaz-online.de/storage/Mit%20Klarheit%20zur%20Einheit.pdf): Widersprüche im sozialistischen Lager und Widersprüche in den sozialistischen Ländern

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