Während der Aktionen von Friedenskräften zum NATO-Krieg gegen Jugoslawien war eine typische Reaktion unter deutschen Teilnehmern: Sie wendeten sich ab und verließen die Kundgebung, wenn Jugoslawen mit ihren Spruchbändern, mit Fahnen, darunter auch solche mit dem Cetnik-Emblem und Parolen nationalistischen Inhalts sich einreihten. Das scheint zunächst Ausdruck der Ablehnung jeglichen Nationalismus. Das ist gut. Das ist gut insbesondere in einem Land wie Deutschland, wo nicht nur Nazibanden auf deutsch-nationaler Welle reiten, sondern mit der Debatte um den „Standort Deutschland“ die herrschende Klasse Nationalismus und Chauvinismus bis hinein in die Reihen der Gewerkschaften hat blühen lassen. Können wir es uns aber mit der Verurteilung von Nationalismus in Jugoslawien so einfach machen? Ist Nationalismus dort das Gleiche wie Nationalismus hier? Ist der Nationalismus in einem Land, das sich gegen das Diktat der Großmächte à la Rambouillet, gegen die Verletzung seiner territorialen Integrität, gegen die Bombardierung seines Landes, gegen die Zerstörung seiner Lebensgrundlagen, seiner sozialen und politischen Institutionen zur Wehr setzt, wirklich mit dem gleichen Maß zu messen wie der Nationalismus bei uns? Ist das der gleiche Nationalismus in Jugoslawien wie in der BRD, die sich anschickt, Großmacht zu werden, die sich um eine ganze DDR vergrößert hat und wo Revanchistenverbände mit territorialen Forderungen an Nachbarstaaten zu den staatstragenden Kräften gezählt werden, die die Vorherrschaft in Europa anstrebt, ein Land, das nach Bevölkerung, ökonomischem und militärischem Potential ein Vielfaches aufzuweisen hat gegenüber Jugoslawien. Hier ein Staat, der maßgeblich an der Zerfetzung Jugoslawiens Anteil hatte und hat, dort Jugoslawien, ein Staat, der sich gegen seine weitere Zerstückelung wehrt. Hier Goliath, dort David – alles Jacke wie Hose? Ein Blick in die Geschichte zeigt nicht nur die Hintergründe für die unvollendet gebliebene Bildung von Nationalstaaten in der Balkanregion. Die Geschichte zeigt auch, welche Rolle die Großmächte in dieser Entwicklung gespielt haben und wie sich über den Streit um Einfluß auf dem Balkan und auf die Staaten dieser Region, nicht nur diese Länder sich in militärische Auseinandersetzungen verwickelt haben, sondern sich die Großmächte selbst über der Aufteilung des Balkan in die Situation manövrierten, die zum 1. Weltkrieg führte. Schließlich kann die historische Betrachtung hilfreich sein, um die zeitliche Dimension bei der Entstehung von Kriegen ins Blickfeld zu rücken. Der Weltkrieg kam nicht mit einem großen Kladderadatsch, sondern entwickelte sich in mehr als dreißig Jahren, in denen sich Krisen und Verschnaufpausen, militärische Auseinandersetzungen und Friedensabkommen, Bildung von Allianzen und ihr Zerfall miteinander abwechselten.
Vor simplen Analogieschlüssen von heute zu damals kann dabei nur gewarnt werden. Nein wirklich, die USA waren damals in Europa noch kaum präsent, auch an die Wiederherstellung Österreich-Ungarns und des Osmanischen Reichs denkt heute niemand ernsthaft. Ein politisches Gebilde wie die EU, das – bis auf Rußland – alle Großmächte des Kontinents „vereint“, gab es ebensowenig wie eine NATO, die – bis auf Rußland und Japan – alle Großmächte vereint. Keine Spur damals auch zu finden von UN, Weltbank oder Internationalem Währungsfonds. Die riesigen Kolonialreiche, die damals entstanden waren, sind – jedenfalls wenn man nur die politische Souveränität betrachtet – seit Jahrzehnten zerfallen. Und dennoch bleibt es frappierend, wie bei allen Änderungen in den Erscheinungsformen, das Wesen der Auseinandersetzungen gleich geblieben ist, wie sich der Imperialismus als Strickmuster erhalten hat und sich seit der Zerschlagung der Sowjetunion ungehemmt reproduziert. Die Aussage von Brecht, daß der Friede der Imperialisten aus dem gleichen Stoff sei wie ihr Krieg, ist wieder zu einem Nadelbett für jedes behagliche Zurücklehnen geworden, wenn jetzt nach Bombenhagel die schwarz-rot-goldenen Friedenstauben lüstern zu gurren beginnen.
Die Bildung von Nationalstaaten in Südosteuropa erfolgt im 19. Jahrhundert im Kampf gegen das Osmanische Reich. Ganz Südosteuropa unter Einschluß Griechenlands war im 14. und 15. Jahrhundert unter die Herrschaft der Osmanen geraten (wir sprechen nicht von Türkei und „Türken“, da es hier darum geht, die Gesellschaftsform - die feudalistische - herauszustellen und nicht die Nationalitäten). Kroatien und Ungarn kommen nach der Schlacht von Mohacs (1526) zum Osmanen-Reich. Nach der nochmaligen Belagerung Wiens im Jahr 1683 (erstmals 1529) waren die osmanischen Truppen in den folgenden Jahren besiegt worden. Durch den Frieden von Karlowitz (1699) kommen Kroatien und Ungarn zum Habsburger-Reich.
Im Krieg 1821 bis 1829 erkämpft Griechenland die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich (und erhält als fragwürdige Errungenschaft Könige aus deutschem Adel – Wittelsbach, dann Glücksburg). Rumänien und Serbien erklären einseitig 1861 bzw. 1862 ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich.
Auf dem Berliner Kongreß von 1878 wird die Unabhängigkeit Rumäniens, Serbiens und Montenegros von den Großmächten anerkannt. Bosnien und die Herzegowina werden Österreich-Ungarn zugesprochen („befristete Okkupation“, formell aber weiterhin unter der Oberhoheit des Sultans). Bulgarien erhält faktische Unabhängigkeit, bleibt aber ebenfalls formell unter der Oberhoheit des Sultans. Das zaristische Rußland, das unterstützt durch die Befreiungsbewegungen der Völker im Krieg von 1877/78 die militärischen Siege über das Osmanen-Reich errungen hatte und bis vor Istanbul vorgedrungen war, wird auf Druck von Österreich-Ungarn und vor allem von seiten Englands sowie mit Unterstützung Bismarcks mit Bessarabien „abgespeist“. England und Österreich-Ungarn sehen im Erhalt der osmanischen Herrschaft in Südosteuropa eine Stütze gegen das Vordringen Rußlands nach Westen. Die osmanische Herrschaft auf dem europäischen Kontinent erstreckt sich nach dem Berliner Kongreß immerhin noch vom Bosporus über Mazedonien (mit Thessaloniki und Skopje) bis Albanien. Die neuen Nationalstaaten werden Monarchien und Bulgarien und Rumänien werden mit Königen aus deutschem Hochadel ausstaffiert (in Bulgarien: Haus Hessen-Darmstadt, später Sachsen-Coburg; in Rumänien: Haus Hohenzollern-Sigmaringen). Der Berliner Kongreß markiert auch den Anfang einer Abkühlung der Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland (durch die Parteinahme des Deutschen Reichs für England und Österreich-Ungarn).
Hier am Beginn des imperialistischen Stadiums des Kapitalismus zeigt sich schon ein Strickmuster: Über die Aufteilung eines (noch feudalen) Staates wie das Osmanen-Reich wird von den Großmächten entschieden. Über die Aufteilung der Beute entscheiden sie; die Vertreter der Völker werden nicht gefragt, nicht einmal deren nationale Bourgeoisie. Das Territorium der neuen Staaten wird nicht nach Nationalitäten gebildet (was in dieser Region ohnehin unmöglich ist, wo über Jahrhunderte hinweg eine Verschmelzung der Völker stattgefunden hat), sondern nach Nutz und Frommen der Großmächte und ihrer jeweiligen Kräftekonstellation. Zur Bemäntelung der Aufteilung nach der Macht werden Ansprüche und Gegensätze aus der Epoche des Feudalismus (und sogar der Sklavenhaltergesellschaft) und der für den Feudalismus typischen kirchlich-religiösen Ideologie (Katholizismus, Orthodoxie, Islam) konserviert. Daraus ergeben sich ständige Minderheiten- und Irredenta-Probleme[2] (groß-magyarisch, groß-kroatisch, groß-serbisch, groß-albanisch, groß-bulgarisch, groß-griechisch), die von den Großmächten genutzt und je nach Lage geschürt oder erstickt werden. Schon hier wird in Umrissen erkennbar, daß die nationalen Befreiungsbewegungen von den Großmächten instrumentalisiert werden können, um die Versklavung von Völkern abzusichern. Darin zeigt sich auch, daß die Herrschaft des Imperialismus die Herrschaft einer untergehenden Klasse ist: Statt zur Befreiung (wie noch in England, Amerika und in Frankreich und schon halbseiden-kompromißlerisch mit Adel und Kirche in Deutschland und in Italien) führt die Bourgeoisie jetzt die Völker zur Unterjochung. Ihr emanzipatorischer Elan ist erloschen. Das zeigt sich auch darin, daß die befreiten Gebiete in erster Linie als Beute der Großmächte gesehen werden. Über der Aufteilung der Beute entstehen ernste Differenzen zwischen den Großmächten selbst.
In den sog. Balkankrisen 1908-1913, die im 1. und 2. Balkankrieg 1912/1913 kulminieren, geht es um die Neuaufteilung des europäischen Teils des Osmanischen Reichs, der dem Sultan 1878 verblieben war.
Die russische Revolution von 1905-1907 beeinflußt stark einen neuen Aufschwung der nationalen Befreiungsbewegungen nicht nur in Südosteuropa. Kroaten, Serben, Slowenen, Ungarn nehmen Verbindung mit Tschechen und Slowaken auf (Resolution von Fiume 1905, in der sich die südslawischen Abgeordneten in den Parlamenten der Donaumonarchie zu einem einzigen brüderlichen Volk erklärt hatten). Serbien als unabhängiger Staat wird dabei der Kristallisationspunkt der Unabhängigkeitsbestrebungen der südslawischen Völker und ruft damit den besonderen Haß der Habsburger hervor, die die Einheit ihres Reichs und ihren Einfluß in Südosteuropa bedroht sehen. Seit 1879 sind sie im „Zweibund“ fest mit dem Deutschen Reich verbunden und sind immer mehr von ihm abhängig geworden.
Aber auch im Zentrum des Osmanen-Reichs gärt es: 1908 erheben sich die Jungtürken gegen die Herrschaft des Sultans Abdul Hamid, der schließlich abgesetzt wird (dieses Jahr markiert den Beginn des politischen Übergangsprozesses des Osmanen-Reichs in den bürgerlichen Nationalstaat Türkei). Deutschland sieht zunächst in der jungtürkischen Revolte eine direkte Bedrohung der eigenen Stellung in der Türkei (Bagdad-Bahn, vgl. dazu KAZ 291, S.28) und befürchtet eine Zunahme des englischen Einflusses.[3] Österreich-Ungarn fürchtet die Forderung nach Rückgabe Bosniens und der Herzegowina, die vorsorglich und völkerrechtswidrig im Oktober 1908 annektiert werden. Damit verschärft sich die Spannung der Mittelmächte, also Deutschland und Österreich-Ungarn, zu Serbien, aber auch zur Entente.[4] Im Reichstag spricht Kanzler v. Bülow am 7. Dezember von „Nibelungentreue“ zu Österreich-Ungarn. Anfang 1909 fordert Deutschland Rußland ultimativ auf, die Annexion Bosnien-Herzegowinas anzuerkennen. Rußland gibt schließlich nach und die anderen Großmächte sanktionieren den räuberischen Akt durch Stillschweigen.
Allgemein wurde dieses Vorgehen der Mittelmächte als Rache für die politische Niederlage in der Marokko-Krise von 1905, wo sich Deutschland als Verteidiger der Unabhängigkeit Marokkos (faktisch aber als Verteidiger der Eisenerzinteressen der Gebrüder Mannesmann) gegen französische imperialistische Bestrebungen nicht durchsetzen konnte. 1911 erheben sich marokkanische Stämme gegen den Sultan und die französische Fremdherrschaft. Deutschland tritt als „Schutzmacht der Völker“ auf und schickt das Kanonenboot Panther vor die marokkanische Küste. Das unmittelbare Interesse besteht darin, sich an der Atlantikküste Marokkos einen Stützpunkt zu sichern. Berlin droht Frankreich und verlangt von ihm entweder einen Teil Marokkos mit Agadir oder größere Kompensationen auf Kosten anderer französischer Besitztümer in Afrika. Nachdem sich England hinter Frankreich gestellt hatte, kommt im Herbst 1911 ein französisch-deutsches Übereinkommen zustande: Deutschland gibt sein Einverständnis zur Errichtung eines französischen Protektorats über Marokko, wofür Frankreich an Deutschland einen Teil des französischen Kongogebietes abtritt, das an Deutsch-Kamerun grenzt.
Während der französisch-deutschen Verhandlungen über Marokko beginnt Italien Krieg gegen die Türkei. Der Krieg zieht sich in die Länge. Der drohende Ausbruch des Kriegs auf dem Balkan zwingt die Türkei, „Frieden“ zu schließen und Tripolis und die Kyrenaika an Italien abzutreten.
Im Jahr 1912 war ein Bündnis der Staaten Bulgarien, Serbien, Montenegro und Griechenland zustandegekommen. An seiner Organisation hatte die russische Diplomatie aktiv teilgenommen, die diese Koalition gegen Deutschland, Österreich und die Türkei auszunutzen beabsichtigte. Aber die Balkanstaaten eröffneten den Krieg früher, als die Zarenregierung gedacht hatte. In den ersten Oktobertagen 1912 beginnt Montenegro die Kriegshandlungen gegen die Türkei. In fürchterlichen Schlachten siegen die Truppen des Balkanbundes und besetzen bis November den größten Teil des europäischen Gebietes der Türkei.
Österreich-Ungarn nimmt gegenüber dem Balkanbund eine entschieden feindselige Haltung ein. Es will verhindern (ebenso wie Italien), daß Serbien als neuer Konkurrent an die Adria vorstößt. Dabei sind Österreich und Italien selber uneins, wer den Einfluß über Albanien erhalten soll. Rußland unterstützt Serbien. Es erfolgt Mobilmachung in Österreich und Rußland.
Im Dezember 1912 beginnen Friedensverhandlungen in London. Die Verhandlungen ziehen sich vor allem wegen der massiven Interessengegensätze der Großmächte hin. Hochgespielt wird jedoch die Frage, ob Adrianopel (heute Edirne) zu Bulgarien kommen soll.
Erst im Mai kommt es zu einem Friedensvertrag. Die Türkei wird darin auf die heutigen Gebiete auf dem europäischen Kontinent zurückgeworfen. Es wird ein albanischer Staat gegründet, der jedoch in Abhängigkeit von Österreich und Italien steht.
Die Niederlage der Türkei hatte die Mittelmächte geschwächt. Sie stellen sich nun die Aufgabe, den Balkanblock zu sprengen und Serbien von Bulgarien zu trennen.
Nach ihrem Mißerfolg bei dem Versuch, die Adriaküste in Besitz zu nehmen, wenden sich Serbien und Griechenland dem Osten der Balkanhalbinsel zu. Sie verlangen von Bulgarien, es solle die Anteile vergrößern, die ihnen nach dem Frieden von London bei der Aufteilung der von der Türkei abgetretenen Gebiete Mazedoniens und Thraziens zugefallen waren. Bulgarien weigert sich. Es kommt ein Geheimvertrag zwischen Serbien und Griechenland gegen Bulgarien zustande. Rußland versucht, Serbien und Griechenland zu mäßigen und Bulgarien zu einem teilweisen Nachgeben zu bewegen. Österreich-Ungarn dagegen drängt Bulgarien (und dessen König Ferdinand I. aus dem Hause Sachsen-Coburg) zum Krieg.
Ende Juni beginnt Bulgarien den Krieg und greift Serbien an. Bulgarien steht damit nicht nur gegen seine vormaligen Verbündeten Serbien, Griechenland und Montenegro. Auch Rumänien tritt an deren Seite. Die Türkei greift ein, um sich Adrianopel wieder zurückzuholen.
Bulgarien wird in wenigen Tagen besiegt. Im Vertrag von Bukarest wird Bulgarien die Abtretung Mazedoniens und des größten Teil Thraziens an Serbien und Griechenland diktiert. Rumänien erhält die Süddobrudscha.
In diesem Abschnitt der Geschichte, als die Länder der Balkanregion wieder zum Brennpunkt werden, hat sich das Strickmuster weiterentwickelt. Aus der relativen Eintracht der Großmächte auf dem Berliner Kongreß sind feindselige Allianzen hervorgegangen: Hie der Dreibund, dort die Tripelentente. Die Formierung der Allianzen hat als treibendes Element den Widerspruch zwischen den Großmächten. Der Hauptwiderspruch liegt dabei zwischen England, das seine Vormachtstellung in Industrie und Handel sowie seinen riesigen Kolonialbesitz gegen den rasch und seit 1870 industriell wesentlich schneller wachsenden „jungen“ Räuber Deutschland (später insbesondere nach dem russisch-japanischen Krieg auch gegen Japan) zu verteidigen sucht. Wo die einzelne Großmacht sich nicht mehr allein und auf Kosten von Dritten (also Nicht-Großmächten) ausdehnen kann, muß sie nach Verbündeten suchen. Die in einer solchen Allianz gefundene Einheit ist immer Einheit der Widersprüche und kann jederzeit als Widerspruch aufbrechen (aus dem Dreibund z.B. scheidet Italien 1915 aus und schlägt sich auf die Seite der Entente). Es sind zeitweilige Bündnisse, die im Kampf um die Beute, um die Neuaufteilung der Absatzmärkte, der Rohstoffquellen und der Einflußsphären geschlossen werden und darüber wieder zusammenbrechen können.
Die Staatenbildung auf dem Balkan wird im Kampf der Völker gegen das Osmanische Reich vollzogen - und gerät von Anfang an und verstärkt in einer unter die Großmächte zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollständig in Einflußsphären aufgeteilten Welt, also in das Spannungsfeld der Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten selbst. Gerade wegen ihrer formalen politischen Unabhängigkeit werden sie zu Schachfiguren. Vorhandene Gegensätze innerhalb dieser Nationalstaaten in Sprache, Kultur, Religion können von den Großmächten aufgestachelt werden, um Regierungen unter Druck zu setzen, die dem jeweiligen Großmachtblock nicht genehm sind. Die Politik des Lavierens zwischen den Großmächten, daher der Schein der politischen Unzuverlässigkeit, wird typisch für diese Staaten. Der materielle Grund liegt in der Rivalität der Großmächte selbst begründet. Die dominierende Rolle der Großmächte hat ihre Basis in den Monopolen, die sich dort seit 1890 herausgebildet haben. Ihr Streben ist auf Beherrschung, nicht Befreiung ausgerichtet: Beherrschung der Märkte, Rohstoffquellen und Kapitalanlagesphären. Die Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital zum Finanzkapital innerhalb der Ökonomie der Großmächte führt in der außenpolitischen Wirkung dazu, daß die Geld- und Kreditquellen, aber auch die Herrschaft über die Entwicklung der Technik (einschließlich der militärischen) in den Händen der Finanzkapitalisten der Großmächte monopolisiert sind. Neue Unternehmen, neue Nationen werden zu unliebsamen Konkurrenten, die entweder in Abhängigkeit zu bringen sind oder vernichtet werden müssen. Das bedeutet für die innenpolitische Entwicklung der neu entstandenen Balkanstaaten, daß die nationale Bourgeoisie sich nicht frei entfalten kann und eine freie Entwicklung des Kapitalismus gehemmt wird. Der durch die französische Revolution von 1789 eingeschlagene Weg: Das Volk unter der Führung der Bourgeoisie sprengt die feudalen Fesseln, entmachtet Adel und Kirche, gibt den Bauern Land, schafft einen Binnenmarkt und stellt die moderne bürgerliche Nation her – dieser Weg bleibt den Balkanländern verwehrt. Die Furcht der Bourgeoisie vor dem aufkommenden Proletariat hatte schon in den bürgerlichen Revolutionen bzw. Reformbewegungen in Deutschland, Italien, Rußland und Japan dazu geführt, daß die feudalen Kräfte nicht restlos enteignet und entmachtet wurden. Aus dieser Konservierung der reaktionären Klassenkräfte resultieren daher auch besonders brutale Formen der Klassenunterdrückung nach innen und der besonderen Aggressivität nach außen. Um wieviel mehr mußte diese Tendenz in den Balkanstaaten wirken. Sie führte im Ergebnis dazu, daß nur die äußere Form des bürgerlichen Nationalstaates sich etablieren konnte. Die ökonomische Kernaufgabe der bürgerlichen Revolution, die freie Entwicklung des Kapitalismus und die Befreiung der Bauern, diese Aufgabe konnte die Bourgeoisie dieser Länder schon nicht mehr leisten. Der Einfluß der Großmächte (über Militär und Kredit) ließ der nationalen Bourgeoisie dieser Länder nur soweit Spielraum als sie nicht als Konkurrenz auftreten konnte und stützte die feudal-reaktionären Kräfte der Großgrundbesitzer und der mit ihr verbundenen Ideologie der Kirchen aller Art (inkl. des Islam). Deren Eigentum und Einfluß blieb so weitgehend unangetastet. Statt Nation blieb Nationalismus, also die Perversion der Nation[5]. Die Bourgeoisie in den imperialistischen Ländern war über die Nation hinausgewachsen[6] und die Länder in der Balkanregion konnten nicht mehr in die bürgerliche Nation hineinwachsen. Unter der Herrschaft des Imperialismus blieb für sie nur eine halb-feudale, halb-koloniale Abhängigkeit, also formale politische Unabhängigkeit und verschiedene Abstufungen der ökonomischen und dadurch politisch-inhaltlichen Abhängigkeit. Dabei ist der Nationalismus in diesen Ländern – bei allen barbarischen Formen – ein Nationalismus der Defensive, Ausdruck der nationalen Unterdrückung durch den Imperialismus, ein notwendiges und unvermeidliches Produkt der unvollendeten Nation. Für den Versuch, selbst imperialistische Großmacht zu werden, fehlen jegliche ökonomische Voraussetzungen. Bleibt nur der Weg der volksdemokratischen Revolution unter der Führung des Proletariats im Bündnis mit der Bauernschaft, dem städtischen Kleinbürgertum und der nationalen Bourgeoisie, damit Konstituierung der Nation zum Zweck ihrer internationalistischen Überwindung und Aufhebung.
Der Nationalismus der Großmächte ist ein Nationalismus der Aggression, als Rechtfertigung der Ausplünderung und Unterdrückung anderer Nationen. Außer in Zeiten der unmittelbaren Vorbereitung des Angriffs ist er latent vorhanden, aber spielt im öffentlichen Leben eine untergeordnete Rolle. Solange die Unterdrückung in friedlichen Formen vonstatten geht und die Unterdrückten nicht aufbegehren, kann sich das imperialistische Land die Maske der Liberalität leisten. Die Wölfe sind die Wohltäter und das aufgebrachte Schaf verzerrt ganz unzivilisiert das Gesicht zu häßlichem Blöken.
Die Aufgabe des internationalen Proletariats im 1914 entstandenen Weltbrand war es, der serbischen Bourgeoisie im Krieg gegen Österreich den Sieg zu wünschen.[7] Die Aufgabe des Proletariats in den imperialistischen Ländern bestand darin: statt sich von den sozialdemokratischen Führern in den Krieg der Völker hineinziehen zu lassen, den Krieg gegen die Herrschenden im jeweiligen Land zu beginnen (wie es die Resolutionen auf den Internationalen Sozialistenkongressen in Stuttgart und Basel festgelegt hatten). Die Aufgabe des deutschen Proletariats bestand darin, für die Niederlage des deutschen Imperialismus einzutreten und sich nicht durch „Greuel“ wie das Attentat auf den Habsburger Erzherzog und Thronfolger an die Seite der österreichischen Despotie zu stellen.
Redaktion der
Kommunistischen Arbeiterzeitung
1 „Man muß historisch denken. Dann wird es uns vielleicht nicht besser gehen, aber wir werden schärfer sehen.“
2 Irredenta = unerlöst. Italienischer Ausdruck für Gebiete, die nicht dem „Mutterland“ angeschlossen sind und wo „Volkszugehörige“ unter „Fremdherrschaft“ stehen, von der sie natürlich „erlöst“ werden müssen.
3 Das Deutsche Reich hatte sich schrittweise nach 1888 in Konkurrenz zu Frankreich und vor allem England durch über die Deutsche Bank gegebene Kredite eine bedeutende ökonomische Stellung erobert, die zunehmend auch politisch abgesichert wurde (nicht zuletzt durch Rüstungslieferungen und Militärberater). Die jungtürkische Bewegung war eine Reformpartei, die 1876 gegründet wurde. Sie umfaßte Teile der Grundbesitzer und des Bürgertums, sowie Teile des Offizierskorps, der Beamtenschaft und der Intelligenz. Sie strebte einen Verfassung nach englischem Vorbild an. Nach dem Aufstand von 1908 wurde der pro-englische Kiamil Pascha als Großwesir eingesetzt. Er wurde nach seinem Sturz am 14. Februar 1909 durch den pro-deutschen Hüssein Hilmi Pascha ersetzt. Im April 1909, nach einem Staatsstreich, kamen schließlich Offiziere an die Spitze der Armee, die Schüler der preußischen Militärberater waren.
4 Die Entente oder auch Tripelentente war ein Staatenbündnis zwischen England, Frankreich und Rußland, das sich in den Jahren 1894 bis 1907 herausbildet hatte: 1894 Bündnisverträge zunächst zwischen Rußland und Frankreich – als Reaktion auf die Bildung des „Dreibundes“ zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien 1882 –, dann 1904 zwischen Frankreich und England und schließlich 1907 durch den britisch-russischen Ausgleich.
5 St. Eggerdinger schreibt richtig: „Wenn der historische Beruf der Bourgeoisie erfüllt und der Weltmarkt hergestellt ist, und insbesondere wenn der Kapitalismus mit dem Imperialismus in sein letztes Stadium getreten ist, wird der Nationalstaat von der Notwendigkeit zum Mittel. Die hochentwickelten Länder bedienen sich seiner, andere aber können sich dieses Mittel im Rahmen bürgerlich-kapitalistischer Produktionsweise nicht mehr oder nur noch in pervertierter Form verschaffen.“ (Großdeutschland und der furchtbare Balkan, der Europa heißt, München 1994)
6 In sieben Ländern der Erde: England, Frankreich, Deutschland, Italien, Rußland, Japan, USA (Österreich-Ungarn hielt sich bis 1919 in diesem Kreis – bei allen historischen Widersprüchen zum preußisch dominierten Deutschland – durch Verzahnung mit dem Deutschen Reich).
7 „Das nationale Element im jetzigen Krieg (dem 1. Weltkrieg – die Arbeitsgruppe) ist nur durch den Krieg Serbiens gegen Österreich vertreten (was, nebenbei bemerkt, in der Resolution der Berner Konferenz unserer Partei gesagt ist). Nur in Serbien und unter den Serben haben wir seit vielen Jahren eine nationale Befreiungsbewegung, die Millionen Volksmassen‘ umfaßt und deren ‚Fortsetzung‘ der Krieg Serbiens gegen Österreich ist. Wäre dieser Krieg isoliert, d.h., wäre er nicht mit dem gesamteuropäischen Krieg, mit den eigensüchtigen und räuberischen Zielen Englands, Rußlands usw. verknüpft, so wären alle Sozialisten verpflichtet, der serbischen Bourgeoisie den Sieg zu wünschen – das ist die einzig richtige und absolut notwendige Schlußfolgerung aus dem nationalen Moment im jetzigen Krieg.“ (W.I.Lenin, Der Zusammenbruch der II. Internationale, LW21, S.231, Hervorheb. von Lenin)