Die schrittweise Ablösung des Feudalismus durch den Kapitalismus begann vor über 200 Jahren. Dabei wurde auf der einen Seite der Adel durch die Kapitalisten (die Bourgeoisie) abgelöst, diese verfügen über die gesamten Produktionsmittel und eignen sich den durch die Arbeit der Arbeiterklasse geschaffenen Reichtum an. Auf der anderen Seite wurde die unterdrückte Bauernschaft durch die neu entstehende Arbeiterklasse (das Proletariat) abgelöst, diese muß ihre Arbeitskraft an das Kapital verkaufen und schafft dabei allein den gesellschaftlichen Reichtum. Die Teilung der Gesellschaft in Besitzende (Kapitalisten) und Besitzlose (Arbeiter) ist das erste entscheidende Machtverhältnis, es bedeutet die Spaltung in die zwei Hauptklassen und ist deshalb der Grundwiderspruch des Kapitalismus. Dieser Grundwiderspruch führt zu einer Menge weiterer Widersprüche, Auswirkungen und Folgen, die für sich wiederum weitere Entwicklungen auslösen. Die Ursachen der Veränderungen und Bewegungen sind also in dem ökonomischen System des Kapitalismus bedingt, sie sind nicht vorbestimmt oder von höheren Mächten, Göttern oder hellsehenden Einzelpersonen gesteuert.
Das Streben nach Ausweitung von Reichtum und Macht ist für das Kapital eine Notwendigkeit, ein Zwang, der zur Sicherung des eigenen Überlebens erfüllt werden muß. Dieser Kampf der Kapitalisten untereinander um die Beute erhöht den Druck auf alle Beteiligten und bringt verschiedenste Formen der Auseinandersetzung hervor: Kooperationen, Bündnisse, Zusammenschlüsse, aber auch ruinösen Wettbewerb, Übernahmen, Krisen, ökonomische und militärische Kriege und vieles mehr. Aus dem Zwang des Überlebens folgt also das zweite „Grundgesetz des Kapitalismus“: Der Kapitalist muß nicht nur „seine“ Arbeiter ausbeuten, er muß gleichzeitig auch in der Konkurrenz der Kapitalisten untereinander bestehen. Er muß ständig neue Absatzmärkte, günstige Rohstoff- und Einkaufsquellen, profitable Verwertungsmöglichkeiten suchen und finden. Sind andere schneller, billiger, günstiger -haben diese zum Beispiel modernere und effektivere Maschinen-, wird er aus dem Markt geworfen und die Pleite besiegelt seinen Untergang. Im Laufe der Entwicklung schlägt ein Kapitalist viele andere Kapitalisten tot, die Zahl der bestimmenden, herrschenden Kapitalisten wird immer kleiner.
Der Elektrokonzern ABB beschreibt das Gesetz der kapitalistischen Konkurrenz in einer Anzeige Ende 1996 wie in der untenstehenden Anzeige.
Der Konkurrenzkampf der Kapitalisten untereinander führt Ende des 19. Jahrhunderts dazu, daß sich immer größere und damit stärkere Konzerne herausbilden, die den kleineren Kapitalisten die Bedingungen diktieren, diese beherrschen, sie oft schlucken oder vernichten. Die Konzerne gewinnen dadurch Marktanteile hinzu, Kapital und Einfluß werden konzentriert. Kapitalistische Krisen wie zum Beispiel derzeit in Rußland oder Südostasien führen dabei zur Schwäche der betroffenen Kapitalisten, die derzeit erfolgreicheren, stärkeren Kapitalisten Westeuropas und der USA versuchen den Zeitpunkt zu nutzen und sich zu günstigen Bedingungen neue Marktanteile zu sichern und Konkurrenten aufzukaufen.
Aufgrund dieser Tendenz der Konzentration und der Bildung mächtiger Konzerne wird dieses Stadium als monopolistischer Kapitalismus oder Imperialismus bezeichnet. Monopolkapitalismus (Imperialismus) heißt dabei nicht, daß nur noch Monopolbetriebe, im Extremfall nur noch ein einziges riesiges Monopol existiert. Monopolisierung bedeutet, daß Kapital und Macht sich auf eine kleine Zahl von Kapitalverbänden (Monopolen) konzentrieren, so daß diese alles in der Hand haben, während eine wesentlich höhere Anzahl von Kleinbetrieben diesen Monopolen weitgehend machtlos gegenübersteht, den Entscheidungen und Vorgaben der Monopole auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Dieser monopolistische Kapitalismus, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts durchsetzte, löste den in der ersten Phase des Kapitalismus geltenden „Kapitalismus der freien Konkurrenz“ ab.
Im ersten Stadium des Imperialismus produzierten viele Einzel- und Kleinbetriebe für einen räumlich stark begrenzten, in seiner Gesamtheit weitgehend unbekannten Markt. Im Gegensatz dazu haben im Imperialismus die wenigen Monopole einen weitgehenden Überblick über den gesamten Markt. Sie können somit ihre Strategien und Ziele im Kampf gegen kleinere, gleich große und größere Konkurrenten viel genauer ansetzen und versuchen, die Produktion genauer zu steuern, zu planen und sich damit durchzusetzen.
Die nationale Monopolbildung in den ökonomisch am weitesten entwickelten Ländern, also den sieben imperialistischen Ländern (USA, BRD, Japan, Großbritannien, Frankreich, Italien und Kanada – auch bekannt als „G 7-Staaten“) führt zur Abschwächung der Konkurrenz im Inland und gleichzeitig zu einer stärkeren internationalen Konkurrenz der Monopole untereinander.
Dies ist an der Automobilindustrie gut zu erkennen. Die Zahl der Automobilkonzerne auf der Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten stark reduziert, allein der VW-Konzern hat im Laufe dieser Entwicklung die kleineren Konkurrenten: Audi, Seat, Skoda, NSU und zuletzt Rolls-Royce geschluckt und gleichzeitig seine Größe noch durch Kapitalexport in diverse Länder (Mexiko, USA, Spanien etc.) ausgeweitet. Diese Entwicklung wird weitergehen, wie sich am Beispiel Daimler-Chrysler (siehe Artikel in dieser KAZ) zeigt, es wird von einer weiteren Halbierung der Anzahl der heute bestehenden Automobilkonzerne in den nächsten 10-20 Jahren ausgegangen. Die Anzahl von Marken kann dabei durchaus bestehen bleiben, sie ist aber lediglich Schein für das Publikum, bzw. die potentiellen Käufer.
Im Stadium des Imperialismus haben die kapitalistischen Hauptländer die ganze Erde unter sich aufgeteilt. Die Aufteilung erfolgte zunächst durch die Eroberung von Kolonien, um Zugang zu billigen Rohstoffen und Waren zu erhalten, Absatzmärkte zu sichern und/oder strategisch wichtige Positionen einzunehmen. Die Erweiterung der Einflußbereiche erfolgt also durch Kolonialisierung und Unterdrückung von Nationen und Völkern, die ökonomisch deutlich geringer entwickelt sind. Nach Abschluß der sozusagen ersten Runde der Aufteilung der Welt können keine neuen Teile mehr entdeckt oder erobert werden, Ausdehnung der Einflußgebiete der Welt kann nur noch zu Lasten von Konkurrenten erfolgen, es beginnt von nun an die ständige Neuaufteilung der Welt unter den Imperialisten. Die bestimmenden Monopole können sich dabei nie mit ihrem jeweiligen Einflußgebiet einfach „zufrieden geben“, sie werden von den anderen bedrängt und bedrängen diese ihrerseits, jeder gegen jeden, Stillstand ist Rückschritt!
Es ist deshalb falsch, zu sagen, die imperialistischen Länder würden einfach gemeinsam die Welt beherrschen und „ihre Weltordnung“ den anderen Nationen aufdrücken. Sie tun dies einerseits natürlich, andererseits befinden sie sich aber auch im ständigen Kampf untereinander. Dieser Kampf wird mal intensiver, mal weniger intensiv geführt, er findet statt mit einer Vielzahl von Bündnissen, Zusammenschlüssen und Gegenallianzen, die geschlossen und wieder beendet werden. Nach dem zweiten Weltkrieg überwog im wesentlichen die Zielsetzung der Beseitigung der sozialistischen Länder Osteuropas. Bemerkenswert ist dabei, daß sich in der Politik für dieses Ziel eine weitgehende Einigkeit der imperialistischen Länder herausbildet. Die Priorität liegt auf einem zeitlich begrenzten Bündnis mit der Erwartung langfristiger Vorteile für alle Bündnispartner. Diesem Ziel werden auch kurzfristige ökonomische Interessen untergeordnet. 1989 war das Ziel erreicht und die Einverleibung der DDR durch den deutschen Imperialismus war der Startschuß für die Neuaufteilung der Welt. In Osteuropa liegt nun ein riesiges Gebiet mit vielen Rohstoffen, billigen Arbeitskräften und potentiellen Käufern – die Jagd um die Beute ist voll entbrannt und das Bündnis fällt auseinander.
Die kapitalistische Entwicklung verläuft in den imperialistischen Ländern unterschiedlich schnell und in verschiedener Intensität, da jeweils andere geschichtliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedingungen vorherrschen. Die Ungleichheit der Entwicklung folgt auch daraus, daß sich aus den „friedlichen“ Kämpfen zwischen den Monopolen um Absatzmärkte und Profite Sieger und Besiegte ergeben. Schon in der Phase vor dem Imperialismus gibt es deshalb Aufstieg und Fall verschiedener Weltmächte. Das portugiesische Weltreich kommt und geht, Spanien löst Portugal ab und wird später von England abgelöst. Vor dem 1.Weltkrieg gerät Englands Position als mit Abstand wichtigster Kolonialmacht in zunehmenden Widerspruch zum steigenden Anteil Deutschlands an der Weltindustrieproduktion. Die unterschiedliche ökonomische Entwicklung wird Ausgangspunkt der gewaltsamen Neuaufteilung der Welt.
Die ungleichen Entwicklungen zwischen den imperialistischen Hauptmächten untereinander bergen den wesentlichen Sprengstoff zur Entfesselung inner-imperialistischer Kriege. Dabei heißt Imperialismus nicht dauernder Krieg zwischen den imperialistischen Ländern. Der ständige ökonomische Kampf um Einflußgebiete und Profit ist die Vorstufe zum Krieg, es ist der Krieg ohne Panzer und Raketen. Solange die Ziele auf diesem „friedlichen“ Weg erreicht werden können, ist dies den Imperialisten recht, denn Krieg ist immer auch ein Risiko für die Kapitalverwertung. Zeitweilig „friedlich“ können daher die erfolgreicheren Imperialisten sein, solange sie relativ unangefochten zum Ziel des Maximalprofits gelangen. Begonnen werden inner-imperialistische Kriege entweder durch „junge, aufstrebende“ Imperialmächte, die nur auf kriegerischem Weg den Sprung an einen entsprechenden Platz auf der Weltbühne schaffen können (so wie Deutschland es bisher zweimal versuchte) oder durch „absteigende“ Imperialisten, die von anderen in ihrer Position bedrängt werden und durch einen Krieg versuchen, ihre Position zu verteidigen. Letzteres trifft unseres Erachtens derzeit auf die USA zu (siehe dazu auch Artikel in dieser KAZ auf S.6 Hauptfeind USA?).
Für gewisse Zeiträume können die imperialistischen Mächte Einflußgebiete durch Absprachen unter sich aufteilen. Wir haben diese Politik am Beispiel der Taktik gegen die sozialistischen Länder Osteuropas dargestellt. Absprachen halten so lange, wie sich für beide daraus Vorteile ergeben. Da ökonomische Entwicklungen aber ungleich sind, müssen die Absprachen irgendwann gebrochen werden. Die Tatsache, daß der Imperialismus auf Dauer nicht friedlich existieren kann, ergibt sich folgerichtig aus dem ökonomischen System und dem Zwang der Konkurrenz. Lenin erläutert dazu: „Interimperialistische“ ... Bündnisse sind daher ... notwendigerweise nur „Atempausen“ zwischen Kriegen - gleichviel, in welcher Form diese Bündnisse geschlossen werden, ob in Form einer imperialistischen Koalition gegen eine andere imperialistische Koalition oder in der Form eines allgemeinen Bündnisses aller imperialistischen Mächte. Friedliche Bündnisse bereiten Kriege vor und wachsen ihrerseits aus Kriegen hervor, bedingen sich gegenseitig, erzeugen einen Wechsel der Formen friedlichen und nicht friedlichen Kampfes auf ein und demselben Boden imperialistischer Zusammenhänge und Wechselbeziehungen der Weltwirtschaft und der Weltpolitik.“ (Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus)
Die „Atempause“ seit dem letzten Krieg zwischen den Imperialisten (2.Weltkrieg) ist bereits lang. Dies gilt für viele als Beweis, daß inner-imperialistische Kriege nicht mehr stattfinden werden, daß höchstens noch in anderen Teilen der Welt sogenannte Stellvertreter-Kriege geführt werden, so zum Beispiel in Afrika, wo konkurrierende Mächte ihre jeweiligen Truppen unterstützen und diese die Sache ausfechten lassen. Wir sehen die „Atempause“ seit dem zweiten Weltkrieg genau umgekehrt. Gerade weil es eine solch lange Pause gab, sind die düsteren Anzeichen und Entwicklungen – insbesondere seit 1989 – als besondere Alarmzeichen zu sehen. Die Risse und Veränderungen werden am Angriffskrieg gegen Jugoslawien deutlich, die BRD bläst immer lauter zur Neuaufteilung und greift so die USA als führende Macht an. Die Mittel sind derzeit noch ökonomisch und politisch, doch die Option wird klarer, daß diese Politik auch mit militärischen Mitteln fortgesetzt werden können. Denn wenn sie keinen anderen Ausweg mehr sehen, wenn sie ihr Ziel nur noch so erreichen können, dann werden sie es wieder tun. Sie können und werden sich nicht mit weniger zufrieden geben:
„Mit entsprechendem Profit wird das Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.“
Karl Marx, 1867, Das Kapital, 1.Band (MEW Bd. 23)
Rudolf Fürst
Die wesentliche und bis heute aktuelle Charakterisierung der maßgeblichen Merkmale des imperialistischen Stadiums des Kapitalismus formuliert Lenin 1916:
„Deshalb muß man - ohne zu vergessen, daß alle Definitionen überhaupt nur bedingte und relative Bedeutung haben, da eine Definition niemals die allseitigen Zusammenhänge einer Erscheinung in ihrer vollen Entfaltung umfassen kann - eine solche Definition des Imperialismus geben, die folgende fünf seiner grundlegenden Merkmale enthalten würde:
1. Konzentration der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht hat, daß sie Monopole schafft, die im Wirtschaftsleben die entscheidende Rolle spielen;
2. Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie auf Basis dieses „Finanzkapitals“;
3. der Kapitalexport, zum Unterschied vom Warenexport, gewinnt besonders wichtige Bedeutung;
4. es bilden sich internationale monopolistische Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich teilen, und;
5. die territoriale Aufteilung der Welt unter die kapitalistischen Großmächte ist beendet.“
(Lenin, 1916, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus)