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Zum Verhältnis deutscher und US-Imperialismus

Räder müssen rollen für den Sieg
Daimler schluckt Chrysler!

Am 7.Mai 1998 wurde die als spektakulär bezeichnete Fusion von Daimler und Chrysler mit viel Drumherum verkündet. Das Wort der „Welt-AG“ machte die Runde, der „Transnationale Zusammenschluß unter Gleichen“ wurde vielbeschworen. Allerorten galt Daimler-Chrysler als Musterfall für die angebliche Abkehr des Kapitals von nationalen Zuordnungen, als Beispiel für „Globalisierung“, die Staaten und Zuordnungen wie deutsches oder amerikanisches Kapital angeblich überflüssig macht.

Transnational oder „fest in teutscher Hand“

Etwas mehr als ein Jahr ist seitdem erst vergangen und den schönen Worten sind die harten Fakten gewichen:

– Zum Zeitpunkt der „Fusion“ war der Aktienanteil amerikanischer Aktionäre an dem neuen Konzern Daimler-Chrysler bei 44%. Gemäß FAZ vom 16.03.1999 ist der Anteil durch Verkäufe binnen weniger Monate auf 25% zurückgegangen, Tendenz weiter fallend.

– Im Zuge der „Fusion“ wurde die Aktienform umgestellt auf sogenannte Namensaktien. Bei dieser Aktienform muß jeder Eigentümerwechsel namentlich an die AG gemeldet werden. So erhält man einen detaillierten Überblick über die Aktionäre, ihre Anteile und ihre Herkunft. Die neu eingeführten Namensaktien können nur als Schutzinstrument gegen feindliche (ausländische) Übernahmen gedeutet werden[*], die Verwaltung dieser Namensaktien liegt bei einer gemeinsamen Tochter von Daimler und der Deutschen Bank.

– Die erste Hauptversammlung des neuen Konzerns fand - unter Beteiligung von schätzungsweise 20 Amerikanern unter 20.000 Aktionären - natürlich in Stuttgart statt; im Jahr 2000 möchte man allerdings die Stadt wechseln. Überlegt wird aber keineswegs ein Flug über den Atlantik, die Wahl steht zwischen Frankfurt und Berlin.

– Von den 17 Vorständen haben immerhin sieben einen amerikanischen Paß, nach übereinstimmender Einschätzung von Beobachtern besetzen jedoch nur zwei einen wirklich wichtigen Posten. Von den 20 Aufsichtsräten sind sieben nicht aus Deutschland. In der „Newsweek“ witzelt ein ehemaliger Chrysler-Manager: „Ich weiß nicht, an wen ich berichte – aber sein Name lautet entweder Wolfgang oder Jürgen oder Kurt.“

– Die nach dem Statut bestehende Doppelspitze zwischen Daimler-Boß Schrempp und dem ehemaligen Chrysler-Chairmann Eaton (Schrempp: „Mein Freund Bobby“) ist von vornherein bis 2002 befristet. Die Wirtschaftswoche faßt am 06.05.1999 zusammen: „Jürgen Schrempp regiert – Bob Eaton spielt im operativen Geschäft von Daimler-Chrysler keine Rolle mehr“. Während der Hauptversammlung durfte Eaton auch nur ein bißchen über Strategie und Visionen lamentieren, während Schrempp im Anschluß die Fakten verkündete. Es wird erwartet, daß Eaton noch im Laufe des Jahres 1999 zurücktritt, dann regiert Schrempp auch ganz offiziell allein.

– Viele Chrysler-Manager haben sich neue Jobs gesucht, bei Ford, General-Motors oder anderswo; für „the germans“ wollte man jedenfalls nicht knechten. Auch der frühere Chrysler-Geschäftsführer in Deutschland hat das Handtuch geworfen, da auch seine Tätigkeit der Mercedes-Vertriebszentrale untergeordnet werden sollte. Ein Daimler-Manager redet Klartext: „Die Floskel [vom Zusammenschluß unter Gleichen] brauchten wir in der Anfangsphase doch nur, um die Amis ins Boot zu holen ... wie ein Mercedes-Mitarbeiter schenkelklatschend meint: ,Chrysler ist doch ohnehin nur gekauft’.“ (Wirtschaftswoche 06.05.1999)

Der ertappte Täter reagiert aggressiv

Die Reaktion auf die „Germanisierung“ seitens des US-Monopolkapitals ließ nicht lange auf sich warten: Die Daimler-Chrysler AG ist aus dem für institutionelle Großanleger (z.B. Investment-Fonds, Versicherungen, Pensionsfonds) in den USA maßgeblichen Standard&Poor’s-Verzeichnis der 500 größten amerikanischen Industrieaktien herausgeflogen. Die Begründung eines Verantwortlichen: „Daimler-Chrysler ist eine deutsche Gesellschaft, die in Deutschland ... ansässig ist.“ (FAZ 16.3.1999)

Nicht als ganz normale Reaktion im Monopolkapitalismus, will man so etwas in der Stuttgarter Konzernzentrale interpretieren. Mit schon kaum mehr verhohlenem Antisemitismus wurde für solche Gegenmaßnahmen der Jüdische Weltkongreß verantwortlich gemacht. In der Wirtschaftswoche vom 28.1.1999 hieß es: „Deutsche Bank/Daimler Chrysler: Angst vor Rabbi Singer.“ Man macht eine de facto feindliche Übernahme und reagiert aggressiv, wenn nicht alle Welt in Jubel darüber ausbricht, daß ein Herzstück des US-Monopolkapitals (das ja auch in der Rüstung tätig ist) in die Hände der Finanziers des Nazi-Kriegs und des Holocausts bzw. unter die Fittiche eines Unternehmens kommt, das sich an der Arbeit von Zwangsarbeitern bereichert hat, das maßgeblich an der Ausrüstung von Nazi-Wehrmacht und heute der Bundeswehr beteiligt ist. Jetzt wo es um die Interessen der deutschen Monopolherrn geht, wird auf einmal von der Deutschen Bank und Daimler Bereitschaft signalisiert, über Entschädigungen an Überlebende des Holocaust und der Zwangsarbeit zu verhandeln. Auf einmal wird auch die Schröder/Fischer-Regierung aktiv und schickt Bodo Hombach nach Washington. Nicht um das Leid der Opfer ist es ihm zu tun, sondern um das Wohl der deutschen Wirtschaft. Seine für uns alle beschämende Aufgabe war es, die Entschädigungen „überschaubar“ zu halten und vor allem mit einer Fondslösung für die Entschädigungen ein für allemal weitere Ansprüche auszuschalten. Gerne hätte man die Sache noch vor dem Angriff auf Jugoslawien vom Tisch gehabt. „Den von Deutschlands Unternehmen erhofften finanziellen Schlußstrich wird es in diesem Jahrhundert nicht geben“, meint bedauernd die „Wirtschaftswoche“ (04.02.1999). Dabei wäre man zu gerne die Schatten der Vergangenheit losgeworden, jetzt wo Deutschland sich wieder offen in ihren Schatten begibt.

Kapitalistische Logik verschärft politische Widersprüche

Da überdeutlich ist, daß es sich nicht um eine Fusion, sondern eine Übernahme handelt, stellt sich die Frage, warum läßt sich Chrysler dies gefallen? Eine wichtige Rolle spielt dabei, daß Chrysler nicht solche Großaktionäre hatte wie Daimler. Bei Daimler hatte die Deutsche Bank seit Jahrzehnten 25%, heute hat sie etwa 12% des neuen Konzerns. Da es solche, für deutsche Konzerne typische Großaktionäre bei Chrysler nicht gab, hatte Daimler es leichter. Die Aktionäre und Anlagefonds schielten offensichtlich auf das für sie finanziell attraktive Angebot des Aktientausches. Gleichzeitig war Chrysler „nur“ der drittgrößte Autokonzern der USA, in Konkurrenz zu den US-Riesen General Motors und Ford hatte Chrysler somit schlechtere Karten. Die Alternative zur jetzigen Entwicklung wäre somit ein anderes „Bündnis“ gewesen, bei dem Chrysler gleichfalls untergegangen wäre. Insofern stand offensichtlich die Wahl zwischen verschiedenen schlechten Alternativen.

Nicht zuletzt muß gesehen werden, daß Daimler insbesondere in der Anfangsphase der Entwicklung behutsam vorgegangen ist. Man hat die Chrysler-Bosse mit Posten und Bezahlung versorgt. Auch wenn diese nicht mehr viel zu melden hatten, haben sie bei diesem Deal nicht schlecht verdient. Als die Tinte trocken war, ging es dann allerdings umso schneller. Es war dies die erste Übernahme eines US-Konzerns dieser Größenordnung durch einen deutschen Konzern. Daß es beim nächsten Versuch noch einmal so leicht gelingt, ist kaum zu erwarten.

Alles hört auf mein Kommando – Wie die Deutschen bei Daimler-Chrysler die Macht übernehmen“ titelte die „Wirtschaftwoche“. Die FAZ beschrieb die Übernahme am 15.05.1999 etwas diplomatischer: „Daimler-Chrysler ist ein deutscher Konzern, der sich die finanztechnische Übernahme eines amerikanischen Unternehmens zunutze machte. Das gilt in jedem Fall für das enorme Ertragspotential der Amerikaner ...“ Wer satt und zufrieden ist, neigt gelegentlich zu solch schöngeistigen Umschreibungen, bis der nächste Hunger kommt. Daimler-Boß Schrempp hat von Anfang an darauf hingewiesen, daß sich die Zahl der weltweit noch etwa 20 Automobilkonzerne in 10-20 Jahren halbieren wird.

Auch in anderen Branchen wird die Konkurrenz zwischen der BRD und den USA deutlicher. So übernahm die Deutsche Bank vor kurzem Bankers Trust und setzte sich damit auf Platz 1 der Kreditinstitute dieser Welt. Dies war besonders beachtlich, weil die Deutsche Bank noch vor einigen Jahren unter den Top Ten einen Mittelplatz belegte. Schon fast vergessen ist eine andere Auseinandersetzung in der Automobilbranche, der Konflikt zwischen VW und General Motors (Opel), ausgelöst durch den Spitzenmanager Lopez. Der Spiegel hatte damals zu VW-Chef Piech (als dessen Zögling sich Bundeskanzler Schröder versteht) geschrieben: „Für ihn ist Krieg. Und immer wenn es um Krieg geht, den die Herrschaften von der Presse auch ‚Überlebenskampf‘ nennen mögen, wenn ihnen das besser behagt, dann bleiben am Ende nicht alle übrig. ,Es gibt Gewinner und Verlierer. Ich habe die Absicht der Gewinner zu sein.’“ (Spiegel 31/1993) Nach einem langwierigen Wirtschaftskrieg wurde ein außergerichtlicher Vergleich geschlossen. Der Vizepräsident von General Motors International, Gäb, sagte dazu: „Wir haben erreicht, was wir wollten. Es ist ein Tag des Friedens.“ (FAZ 11.01.1997). Die Politik folgt der Ökonomie, ist ihr konzentrierter Ausdruck. Und der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Vielleicht fängt es jetzt an zu dämmern, daß der Krieg gegen Jugoslawien nicht um eine Befreiung des Kosovo „vom serbischen Joch“ geführt wurde, sondern zwischen dem deutschen und dem US-Imperialismus um die Führungsrolle in Europa.

Arbeitsgruppe „Widersprüche
zwischen den Imperialisten“

* In einem anderen Fall, bei der Lufthansa, die ebenfalls Namensaktien einführt, schreibt die FAZ: „Im Rahmen der vollständigen Privatisierung der Lufthansa wird der Bund sich ganz aus dem Unternehmen zurückziehen, will aber mit dem sogenannten Luftverkehrsnachweissicherungsgesetz, das wahrscheinlich am 1. Juli in Kraft treten wird, sicherstellen, daß ausländische Aktionäre keine Mehrheit an der Lufthansa erwerben können. ... Eine vierteljährliche Veröffentlichungspflicht der Stimmenverhältnisse nach Nationalitäten soll die nötige Transparenz für den Kapitalmarkt schaffen.“  (FAZ, 27.6.1999)

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