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Ergebnisse aus einer Diskussion von KAZ-Lesern mit den Autoren

Zum Buch „Papst ohne Heiligenschein?, Joseph Ratzinger in seiner Zeit und Geschichte“ von Richard Corell und Ronald Koch.

Das Buch dient dazu, nicht nur die aktuelle Stellung Ratzingers zur gesellschaftlichen Entwicklung herauszuarbeiten, sondern auch die Funktion der Kirchen und die Stellung der Katholiken und anderer Christen besser zu verstehen.

Die unmittelbar sichtbaren Eingriffe der Kirchen in die Tagespolitik haben zwar im Vergleich zu etwa den 60er Jahren („Hirtenbriefe“) nachgelassen, ihr Einfluss wird aber von vielen Genossen unterschätzt. Zu erinnern ist hier an die Diskussion um den Religionsunterricht vor einiger Zeit in Berlin, wo der Machttechniker Schröder gleich die Brisanz erkannte, und die SPD zurückpfiff. Der derzeitige SPD-Vorsitzende Beck ging am 15.11.06 soweit, die Entscheidung des Präsidenten des Landgerichts Trier zu kritisieren, der entschieden hatte, nach einer Renovierung in den Sitzungssälen keine Kruzifixe mehr aufhängen. (Website katholisch.de 17.11.06)

Hauptsächlich wird der katholische Einfluss sichtbar in der Auseinandersetzung in Lateinamerika, wo viele Kirchenmitglieder und auch Priester und einzelne Bischöfe die Befreiungsbewegungen unterstützten. Zugleich wurde aber der Vatikan mit Ratzinger in prominenter Position an der Seite des US-Imperialismus aktiv um die Befreiungsbewegungen zu schwächen und zu zerstören. Dazu wäre er ohne seinen historischen Einfluss und das Geld der europäischen Mitglieder nicht in der Lage gewesen.

Anhand der Biographie von Joseph Ratzinger wird in dem Buch die ursprüngliche Rolle der katholischen Kirche als Hüterin der Herrschaftsregeln des späten römischen Reiches beleuchtet. Der Papst in Rom erhält seine herausgehobene Funktion aus dem Anspruch der fränkischen Herrscher, sich nicht mehr dem Kaiser in Byzanz/Konstantinopel unterzuordnen. Diesen Anspruch lassen sie sich vom Papst in Rom legitimieren, nachdem sie ihn zur höchsten Autorität der Christenheit erklärt und ihm den Vatikanstaat zugestanden haben. Damit ist die gegenseitige Abhängigkeit von Papst und Kaiser im ganzen europäischen Mittelalter begründet.

Mit der bürgerlichen Revolution verliert die katholische Kirche diese Grundlage.

In Konkurrenz zu den eher national ausgerichteten protestantischen Kirchen erkämpft sich der Vatikan Ende des 19.Jahrhunderts seine Stellung zurück, indem er nun den Kapitalismus zur natürlichen Ordnung erklärt, und sich zur ideologischen Ausgleichsarbeit an den Widersprüchen des entstehenden Imperialismus verpflichtet. Dies wird in der „katholischen Soziallehre“ niedergelegt. Diese „katholische Soziallehre“ besagt nichts anderes, als dass der Arbeiter klaglos arbeiten soll. Da der einzelne Kapitalist aber dazu neige, die Ausbeutung (die Wortwahl ist anders) soweit zu treiben, dass das Überleben der Arbeiterklasse nicht gewährleistet ist, muss der Staat im Gesamtinteresse (der Kapitalisten) für ein Überleben der Arbeiterklasse sorgen. Die Kirche bietet sich an, dieses „moralische“ Ziel zu unterstützen, und den unvermeidlich von der Ausbeutung erzeugten Unmut in Arbeitervereinen, Genossenschaften etc. zu kanalisieren.

Das Buch verfolgt nun den Aufstieg Ratzingers, der durch seine bayerisch–katholisch–monarchistische Familie geprägt wurde.

Der Großonkel Georg des derzeitigen Papstes war einer der „Miterfinder“ der katholischen Soziallehre.

Der Aufstieg des Ratzinger-Papstes vollzog sich im unmittelbaren Anschluss an die Arbeiten des Großonkels. In seiner ersten Enzyklika (Lehrschrift von dogmatischem Charakter) „Gott ist Liebe“ interpretiert er die katholische Soziallehre.

Gegen die kirchliche Liebestätigkeit erhebt sich seit dem 19. Jahrhundert ein Einwand, der dann vor allem vom marxistischen Denken nachdrücklich entwickelt wurde. Die Armen, heißt es, bräuchten nicht Liebeswerke, sondern Gerechtigkeit. Die Liebeswerke – die Almosen – seien in Wirklichkeit die Art und Weise, wie die Besitzenden sich an der Herstellung der Gerechtigkeit vorbeidrückten, ihr Gewissen beruhigten, ihre eigene Stellung festhielten und die Armen um ihr Recht betrügen würden. Statt mit einzelnen Liebeswerken an der Aufrechterhaltung der bestehenden Verhältnisse mitzuwirken, gelte es, eine Ordnung der Gerechtigkeit zu schaffen, in der alle ihren Anteil an den Gütern der Welt erhielten und daher der Liebeswerke nicht mehr bedürften. An diesem Argument ist zugegebenermaßen einiges richtig, aber vieles auch falsch. Richtig ist, daß das Grundprinzip des Staates die Verfolgung der Gerechtigkeit sein muß und daß es das Ziel einer gerechten Gesellschaftsordnung bildet, unter Berücksichtigung des Subsidiaritätsprinzips jedem seinen Anteil an den Gütern der Gemeinschaft zu gewährleisten. Das ist auch von der christlichen Staats- und Soziallehre immer betont worden ...

Die Anpassung der „katholischen Soziallehre“ an den jeweiligen Hauptbündnispartner – wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’ – scheint eine der wesentlichen Aufgaben des jeweiligen Papstes zu sein. Pius XII, Pacelli, und sein Vorgänger setzten auf die Faschisten. Sie erklärten den „Ständestaat“ des ungarischen Faschisten Horthy, des Österreichers Dollfuss, sowie die Regime Francos, Mussolinis und Hitlers für die gottgewollte Waffe gegen den „Bolschewismus“, und opferten, nicht ohne milliardenschwere Gegenleistung, ihre eigenen Organisationen, soweit sie gesellschaftlich tätig waren.

Ziemlich bald nach Stalingrad, als der Untergang des Hitlerfaschismus und seiner Verbündeten sich abzeichnete, wandte sich Pius XII dem US-Imperialismus zu. Dessen Nachfolger Roncalli leitete als Johannes XXIII. mit dem 2. Vatikanischen Konzil die Reformen ein, die, oft als „Liberalisierung“ missverstanden, sich der Doppelstrategie des Imperialismus anpassten. Der Imperialismus in Westeuropa war wieder stark geworden und in Konkurrenz zum US-Imperialismus getreten. Während der US-Imperialismus sich vor allem militärisch in den Ex-Kolonien der Westeuropäer als neue Weltmacht profilierten, streckten die Westeuropäer die diplomatische „Friedenshand“ nach Osten aus. Diese „neue Ostpolitik“ wurde von Roncallis Nachfolger Montini als PaulVI. weitergeführt.

Als Meister der Verbindung von Untergrundarbeit und Diplomatie erwies sich der polnische Bischof Wojtyla, der spätere Johannes Paul II, der an der Seite der US-Außenpolitik, auch ganz praktisch Hand in Hand mit BND und CIA , wesentlich zum Niedergang der vom „Nationalkommunismus“ und anderen Spielarten des Revisionismus aufgeweichten Regierung Polens beitrug.

In der Diskussion kristallisierte sich der Eindruck heraus, dass die katholische Kirche für die herrschende Klasse, die Monopolkapitalisten, eine besonders wichtige Rolle spielte in den Zeiten des Übergangs von einer Herrschaftsform zur anderen: Die widerstrebenden kleinbürgerlichen und kleinbürgerlich denkenden Anhänger der christlichen Parteien wurden von Pius in Rom und Bischöfen wie dem Münchener Kardinal Faulhaber angehalten, sich mit der Herrschaft der Faschisten zu arrangieren. In Frankreich rekrutierten die Faschisten von Pétain aus den politischen katholischen Organisationen.

Allerdings waren da in Frankreich die meisten Katholiken bereits diesen Organisationen davongelaufen, weil es den französischen Kommunisten unter der Leitung von Maurice Thorez schon in den 30er Jahren gelungen war, eine breite Front gegen den Faschismus aufzubauen. Der Angriff der vereinten Rechtskräfte scheiterte 1934 in Frankreich und führte zu einer Volksfront-Regierung.

Trotz Tobens der Bischöfe gegen Thorez fand die Volksfrontregierung bei den katholischen Franzosen eine breite Unterstützung. Es war Thorez gelungen, den Grundwiderspruch der Kirche, zwischen den arbeitenden Mitgliedern und den vom Imperialismus ausgehaltenen Kirchenführern, in seiner praktischen Realität zu erkennen und in Bündnispolitik umzusetzen.

In Deutschland verschärft sich dieser Widerspruch mit der von Wojtyla begonnenen und von Ratzinger weitergeführten Strategie der Konzentration auf straff geführte Sonderorganisationen wie Opus Dei . Die Kirchenpropaganda wird nicht mehr vorrangig über die bestehende „allgemeine“ Organisation verbreitet wie kath. Frauenverein, kath. Jugend, sondern über Mitglieder, die sich der diskussionslosen Disziplin der Sonderorganisation unterwerfen. Von diesen Organisationen gibt es nach Ansicht von Fachleuten ca. 100, Opus Dei ist die größte. Die freie Meinung wird dabei getauscht gegen den Einfluss der Organisation, die namentlich Angestellten beim beruflichen Aufstieg hilft.

Die Politik der katholischen Kirche in Deutsch­land wird heute nicht mehr bestimmt vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken, dem Zentralverband der kath. Laien, oder gar der basisdemokratischen „Initiative Kirche von unten“. Einfluss auf die Entwicklung der kath. Kirche in Deutschland haben Organisationen wie das mächtige Opus Dei, denen Ratzinger bei seinem ersten Deutschland –Besuch in Köln den einzigen Besuch außerhalb des offiziellen Programms abstattete, und einer Vielzahl von derartigen rechten katholischen Sonderorganisationen. Z.B. das „Forum deutscher Katholiken“, in deren Kuratorium Ratzinger bis zu seiner Wahl zum Papst aktiv war, ist eine Art Dachorganisation vieler dieser Gruppen.

Wir sollten uns klar darüber sein, dass bei der voraus zu sehenden weiteren Verschärfung der imperialistischen Widersprüche in Deutschland die Befürworter einer faschistischen Lösung auf diese rechten katholischen Gruppen zurückgreifen werden. Diese sind nicht nur Rekrutierungsfeld, sondern auch ein Hebel des Vatikan, sein Kapital, „das moralische Gewicht“, bei einer öffentlichen Rechtfertigung einer eventuellen Machtübertragung an eine faschistische Regierung mit maximalem Profit einzusetzen wie 1929 in Italien und 1933 in Deutschland.

Bereits heute kann z.B. bei gewerkschaftlichen und antifaschistischen Aktionen der unüberwindliche Widerspruch zwischen Mitgliedern und Führung der Kirche zu Tage treten, und wir können die Christen von unserer ehrlichen Einladung zur Zusammenarbeit im Sinne Lenins überzeugen: „Die Einheit ... der unterdrückten Klasse für ein Paradies auf Erden ist uns wichtiger als die Einheit der Meinungen der Proletarier über das Paradies im Himmel.“ (LW 10, S. 74)

Richard Corell steht nach Terminabsprache für Diskussionsgruppen zur Verfügung.

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