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„Rezepte’’ in anderen Ländern gegen Erwerbslosigkeit

Mit dem „Jobwunder“ in den USA verhält es sich folgendermaßen: Rückgang der Erwerbslosenquote von 7,5% in 1992 auf 4,5% in 1997 (zum Vergleich BRD 1992: 8,5%; 1997: 12,7%). 4,5% Erwerbslose entsprechen in den USA aller­dings immerhin rd. 6,2 Millionen registrierten Erwerbslosen. Und das wird als „Vollbeschäf­tigung” gefeiert. „Aber diese Zahl muß verdoppelt werden, weil Regierungsstatistiken nie die verdeckte Arbeitslosigkeit mitzählen. Millionen Amerikaner werden, auch wenn sie nur stundenweise arbeiten, als vollbeschäftigt registriert. Millionen, die es aufgege­ben haben, nach Arbeit zu suchen, werden statistisch nicht mehr erfaßt.” (IGM, „direkt“ vom 2.9.1998) „27 Millionen US-Bürger haben heute zwar einen Arbeits­platz, aber nicht genug zu essen, meldet Second Harvest, Amerikas größte Suppen­küchen-Organisation. 40 Millionen Amerikaner haben zwar einen Job, aber keine Krankenversicherung, muß man hinzufügen.” (a.a.O.) Diese über 40 Millionen entsprechen rd. einem Sechstel der Gesamtbevölkerung der USA. Weit über dem Durchschnitt betroffen sind die schwarze Bevölkerung und die sog. Latinos, Migranten aus Latein­amerika und der Karibik (22 bzw. 34%).

Waren 1991 rd. 1,2 Millionen Amerikaner hinter Gittern, so sind es 1997 fast 1,8 Mio. Das ist nicht nur eine schöne Möglich­keit, die Erwerbslosenstatistik zu „verbes­sern”, sondern vor allem Ausdruck des versteckten Bürgerkriegs in den USA, der einher­geht mit einer massiven Aufrüstung der Polizei, der epidemischen Ausbrei­tung von privaten Sicherheitsdiensten und dem Boom bei technischen Überwa­chungssyste­men für Häuser der Reichen bis hin zu wohlhabenden Kleinbürgern.

Der bedeutendste Autohersteller der Welt, General Motors, war mit rd. 720.000 Be­schäftigte bis vor kurzem der größte private „Arbeitgeber” in den USA. Die Verleih­firma für Arbeitskräfte Manpower Inc. hat inzwischen diesen Platz eingenommen.

Im Durchschnitt wird in den USA 1998 um sechs Wochen länger gearbeitet für ein Einkommen, das niedriger liegt als 1989. Wer als Erwerbsloser neue Arbeit fand, mußte damit rechnen, um 14% weniger zu verdienen als vorher. 79% aller Jobs, die zwischen 1989 und 1997 angeboten wurden, sind in Niedriglohn-Branchen. Als Beruf mit der höchsten Wachstumsrate bis 2006 wird vom staatlichen Bureau for Labor Statistics prognosti­ziert: Kassiererin.

Nach offiziellen Statistiken gelten 13,3%, das sind rd. 35 Millionen aller US-Bürger, als arm. Im sonnigen Kalifornien leben fast 30% aller Kinder unter sechs Jahren in Armut. Erhebungen des United States Department of Agriculture (Landwirtschafts­ministerium) aus dem Jahr 1995 ergeben, daß 11 Millionen Amerikaner „mäßigen oder strengen” (moderate or severe) Hunger leiden. Weitere 24 Millionen verzichten nach dieser Statistik regel­mäßig auf Mahlzeiten und schränken sich beim Essen aus Geldmangel ein.

Die Verelendung in den USA geht einher mit der zunehmenden Konzentration des Reichtums in wenigen Händen. 1994 hatten 1% der reichsten Haushalte (Jahresein­kommen von 200.000 US-$ und mehr) einen Anteil von 14% am Einkommen aller Haushalte, 1997 hatten diese 1% sich einen Anteil von 20% angeeignet. Die reich­sten 1% der Haushalte besaßen 1995 über 40% des gesamten Vermögens, die reichsten 10% der Haushalte hatten 72%.

Die USA hatten 1992-1998 eine anhaltende Aufschwungsphase der Konjunktur, die nicht zuletzt eng zusammenhängt mit der wiedergewonnenen Führungsposition unter den Imperialisten der Welt. Die war durch den Vietnamkrieg erschüttert, durch den Niedergang der Sowjetunion wieder gefestigt und durch den Golfkrieg 1991 vor aller Welt, als „Neue Weltordnung“ wieder etabliert worden. Seitdem haben die USA ihre Rüstungsmaschinerie ständig unter Dampf gehalten - von Nicaragua bis Irak, von Sudan bis Jugoslawien.

Krieg und Konjunktur - diese „relativ günstige“ Situation für die Werktätigen konnte nicht genutzt werden, weil der gewerkschaftliche Organisationsgrad von 25% im Jahr 1973 auf 14% (= rd. 16 Millionen Mitglieder) im Jahr 1997 zurückgegangen ist. Der Niedergang der US-Gewerkschaften ist nicht in der gebotenen Kürze zu analy­sieren. Die Arbeiterbewegung dort führt großartige Kämpfe mit über viele Monate andauernden Streiks und sieht sich einer extrem gewerkschaftsfeindlichen Gesetz­gebung gegenüber: 1979 z.B. wurden Truppen der Nationalgarde gegen den Streik der schwarzen Werftarbeiter in Newport News, Virginia eingesetzt; 1981 ersetzte Reagan die Fluglotsen bei ihrem Streik durch militärisches Personal, weil für Angestellte im öffentlichen Dienst (auf Bundesebene sog. federal employees) das Streikrecht nicht gilt. Dagegen können die Unternehmer Sicherheitsdienste zu „Privatarmeen“ aufrüsten, wie etwa bei den großen Streiks der Bergarbeiter zwischen 1989 und 1994. Ein befreundeter Gewerkschaftsfunktionär aus den USA schreibt uns dazu: „Viele dieser ‚Sicherheitskräfte‘ waren ehemalige Soldaten (Fallschirmjäger etc.), aber auch viele Kohlekumpels waren ehemalige Soldaten, und so hielten sie sich gut.“ Durch staatliches Eingreifen kann eine Wiederaufnahme der Arbeit für bis zu 10 Wochen erzwungen werden (nach dem Taft-Hartley-Gesetz von 1947, das neben dieser und anderen gewerkschaftsfeindlichen Klauseln z.B. auch schon bein­haltete, daß Kommunisten keine Funktionen in den Gewerkschaf­ten innehaben durften.) Der Einsatz dieses Gesetzes wurde zuletzt wieder diskutiert beim großen Streik der UPS-Arbeiter 1997, die ihren Sieg nicht zuletzt auf die Solidarität ihrer Kolleginnen und Kollegen in Europa zurückführen! Nicht zuletzt erschwert es diese Gesetzgebung den Gewerk­schaften sehr, in den Betrieben Fuß zu fassen.[*]

Eine oft kämpferische Basis sah sich dabei über Jahrzehnte mit der Gewerkschafts­führung des Dachverbandes AFL-CIO und zahlreicher Einzelgewerkschaften konfrontiert, die oft stramm antikommunistisch ausgerichtet sind, nationalistisch orientiert (das wird auch historisch durch den Kampf gegen Nazideutschland begründet), traditionell der Demokratischen Partei verbunden sind und immer wieder durch Korruptionsaffären erschüttert wurden. Große Hoffnungen setzen viele Kollegen in die seit 1995 im Amt befindliche neue Führung des AFL-CIO.

Soweit zum reichsten Land der Welt, das über 40% aller Rohstoffe der Welt verbraucht, das dank einer hoch im Kurs stehenden Währung sich die niedrigsten Zinsen und ein hohes Handelsdefizit, sprich ständig mehr Importe von Waren als Exporte, leisten kann.

Und das Unternehmermagazin „Wirtschaftswoche“ lobpreist: „Flexibilität, eine ausgeprägte Lohnspreizung und ein starker Arbeitsanreiz durch geringe Sozial­leistungen. Auch in den USA werden die meisten Arbeitsverträge heute individuell ausgehandelt. Ein allgemein gültiges Kündigungsschutzgesetz gibt es nicht. Bei rund zwei Drittel aller Beschäftigten kann der Arbeitgeber auch unbefristete Jobs ‚aus gutem Grund‘ jederzeit auflösen. Niedrige Löhne machen - anders als in Deutschland - einfache Dienstleistungen für Kunden bezahlbar.“ (Wiwo 25.2.1998)

Quellen: wo nicht direkt angegeben: L. Mishel et al., The State of Working Amerika, 1998-1999: E. Luttwack, Turbo Capitalism, Levitt/Conrow, Confessions of a Union Buster, Revolutionary Worker, 21.3.1999, People’s Weekly World, 6.2.1999, div. Fundstellen im Internet - eigene Übersetzung. Dank an unseren Freund Ben H. in den USA für seine wertvollen Hinweise.

Die Niederlande und Dänemark werden häufig ebenfalls als positives Beispiel für die Reduzierung der Erwerbslosigkeit angeführt. Die Zahl der registrierten Erwerbs­losen sank in Dänemark zwischen 1993 und 1998 von 350 auf 200 Tausend (12,4 bzw. 7,6%). In den Niederlanden sank die offizielle Erwerbslosenquote von 1994 7,1 auf 3,8% in 1998. Die gute Konjunktur in diesem Zeitraum ist vor allem für diese Reduzierung verantwortlich. Der wichtigste Unterschied dieser Länder ist nicht nur die Größe und damit die größere Überschaubarkeit der Ökonomie, sondern vor allem, daß diese Länder im Gegensatz zur BRD keine imperialistischen Länder sind, insbesondere kein imperialistisches Land, das sich einen nicht unbedeutenden Staat wie die DDR (die selbst von der Fläche und Bevölkerungszahl größer war als Dänemark bzw. die Niederlande) einverleibt und seine Ökonomie buchstäblich plattgemacht hat. Insbesondere die niederländischen Gewerkschaften gelten als wenig kämpferisch und als stark „sozialpartnerschaftlich“ orientiert. Das kann jedoch keineswegs mit der Haltung der Gewerkschaftsführung in der BRD verglichen werden. Diese Haltung geht in den Niederlanden bis auf die Zeiten der hitlerdeut­schen Okkupation zurück. Damals waren auch Teile der niederländischen Bourge­oisie dem Widerstand zuzurechnen, was dieser Bourgeoisie zu neuem Ansehen verholfen hat. Das gleiche gilt auch für Dänemark. Dort kann der Staat Arbeitskämp­fe per Gesetz beenden. Statt sich an den verschiedenen Teilzeitmodellen und dem wachsenden Zwang für viele Arbeitslose bei Strafe von Kürzung der (sehr hohen, fast dem Durchschnittslohn entsprechenden) Erwerbslosenunterstützung ein Beispiel zu nehmen, sollten sich die Gewerkschaftsführungen in der BRD fragen, warum in Dänemark im April/Mai 1998 ein zweiwöchiger Generalstreik mit über 500.000 Beteiligten möglich war!

In Großbritannien wurde die offizielle Erwerbslosigkeit von 10,4% in 1993 auf 6,5 in 1998 reduziert. Der Info-Dienst der IG Metall, „direkt“ vom 2.9.1998 schreibt dazu: „Gerade zu Frau Thatchers Zeiten wurde die Arbeitslosenquote ziemlich herunter­manipuliert.“ Nicht nur die Erwerbslosenunterstützung von rd. 150,- DM/Woche für einen Alleinstehenden übt einen Zwang aus, fast jede Arbeit zu jeder Bedingung anzunehmen - und damit auf das Lohnniveau insgesamt zu drücken. Durch weitere Kürzungen werden Erwerbslose noch zusätzlich bestraft, wenn sie eine Arbeit oder eines der Beschäftigungsprogramme der Labour-Regierung ablehnen. Großkotzig verkündet dies die Blair-Regierung als „New Deal“, als Vertrag mit den Staatsbür­gern, der nichts anderes ist als ein Lohndrückerprogramm und ein Feldzug auf die sozialen Errungenschaften der englischen Arbeiterbewegung. „Die Einigkeit mit New Labour, die Gerhard Schröder im November durch eine binationale Programmkommission demonstrierte, ist echt : Im Wochenrhythmus treffen sich seitdem Mitarbeiter des Kanzleramts mit Kollegen aus Downing Street No. 10 (dem Sitz des britischen Premiers - die Arbeitsgruppe). ‚Wir wollen vor allem eins wissen‘, sagt ein Kanzlervertrauter: ‚Wie Tony Blair die flächendeckende Arbeits- und Fortbildungspflicht politisch durchsetzt.‘“ (Capital 1/1999).

Die einstmals kämp­ferischen englischen Gewerkschaften sind schon seit Margret Thatchers Zeiten, insbesondere seit der Niederschlagung des großen Bergarbeiter­streiks von 1984/85 (mit Unterstützung durch den faktischen Streikbruch der damali­gen Führung der IG Bergbau und Energie) erheblich geschwächt. Der gewerkschaft­liche Organisations­grad (also der Anteil der gewerkschaftlich Organisierten an der Anzahl der abhängig Beschäftigten) liegt zwar 1995 mit rd. 33% noch über dem der BRD mit rd. 29% (nach Statistiken der Internationalen Arbeitsorganisation, Genf), aber der Organisa­tionsgrad hatte noch 1985 bei über 45% gelegen (BRD rd. 36%). Immer wieder mit Hinweis auf das „wirtschaftsfriedliche“ Verhalten der BRD-Gewerk­schaften, haben „sozialpartnerschaftliche“ und damit nationalistische Einstellungen in den englischen Gewerkschaften Fuß fassen können. Diese Tendenzen wurden begünstigt durch die traditionell enge Verbindung zur regierenden Labour Party, wo 26 der Einzelgewerk­schaften des Dachverbandes TUC direkt der Labour Party angeschlossen sind und automatisch eine beträchtliche Anzahl von Delegierten zu den Parteitagen der Labour Party entsenden. Dort wurden die Gewerkschaften massiv unter Druck gesetzt, als Blair zur Voraussetzung für seine Kandidatur die Partei erpreßte und sie zwang, die „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ aus ihrem Programm zu streichen. Wohin die Reise geht: „Ich will ein Klima schaffen eher wie zwischen Demokraten und Republikanern in den USA“, sagte Blair. „Niemand stellt auch nur für einen Moment in Frage, daß die Demokraten eine unternehmerfreundliche Partei (a pro-business party) sind. Und niemand sollte das bei New Labour in Frage stellen“ (Financial Times vom 16.1.1997).

Fazit: Die „Rezepte“ in anderen Ländern zur Reduzierung der Erwerbslosigkeit, auf die die sozial-grüne Regierung und manche Gewerkschaftsführer in der BRD schie­len, sind im wesentlichen der seit 1993 anziehenden Konjunktur und dem Fälschen von Statistiken geschuldet. Sie gehen in den für einen Vergleich nur zulässigen imperialistischen Ländern, hier USA und Großbritannien, einher mit Hungerkuren für die werktätige Bevölkerung und einer geradezu obszönen Steige­rung des Reich­tums der Reichen. Die Voraussetzung dafür war und ist die Schwächung der Gewerkschaften durch gesetzgeberische Eingriffe, Druck der Staatsmacht und als Grundlage des ganzen: die wachsende Macht und die größeren Freiheiten des Kapitals. Hinzu kommt in allen imperialistischen Ländern ein Trend zur Reduzierung der Industrie als klassisches Rekrutierungsfeld der Gewerkschaften, eine Vermeh­rung der Angestellten („white-collars“ = Weißkragen) vor allem im sog. Dienstlei­stungssektor, der Teilzeitbeschäftigten und der Scheinselbständigen bei - nüchtern betrachtet - hoher Erwerbslosigkeit. Dies alles sind Umstände, die zunächst einmal eine gewerkschaft­liche Organisierung erschweren. Insbesondere solange sich die Gewerkschaften in ihrer Rekrutierung vor allem auf den typischen voll­zeitbeschäftig­ten Facharbeiter konzentrieren. Viel schwerer wiegt jedoch die ideologische Entwaffnung der Gewerk­schaften.

Überall dort, wo sich die Gewerkschaften nicht mehr als Klassenorganisation des Proletariats gegen die Kapitalisten verstehen, dringt das nationalistische Gift in unsere Reihen und führt - nach dem Vorbild der BRD-Gewerkschaften - zur Zusam­menarbeit mit der „eigenen“ Bourgeoisie. Diese Zusammenarbeit hat zur Grundlage die Vorstellung, daß die Lage der Beschäftigten im eigenen Land nur zu verbessern ist (oder sich weniger verschlechtert) auf Kosten Dritter, auf Kosten der anderen imperialistischen Länder bzw. auf Kosten der vom Imperialismus abhängigen Län­der. „Beggar my neighbour“ (Mach‘ meinen Nachbarn arm) wird diese Politik genannt oder auch „St. Florians-Prinzip („O, heiliger St. Florian, verschon mein Haus, zünd‘ andere an“). Es ist die Politik, die Nation gegen Nation, Volk gegen Volk und Arbeiter gegen Arbeiter stellt und in diesem Sinn nichts anderes ist als Kriegsvorbe­reitung.

Der frischgebackene Kriegsherr Schröder will sich von der „Zuckerbrot-und-Peitsche-Politik“ (mit der weiland Bismarck schon Staat zu machen versuchte) von Blair (der das „Möhre-und-Stock-Politik“- „carrot and stick“- nennt) inspirieren lassen. Und mit Zuckerbrot, Engelszungen und Sammetpfötchen betütteln sie die Bourgeoisie. Sie haben wirklich unsere Peitsche nötig.

Arbeitsgruppe „Gewerkschaft“

* So müssen 70% einer Belegschaft in einer Petition an die Gewerkschaft erklären, daß sie durch eine Gewerkschaft vertre­ten sein wollen. Die Gewerkschaft legt diese Petition dem staatlichen National Labor Relations Board vor. Daraufhin wird im Auftrag der Regierung des jeweiligen Bundesstaats eine Abstimmung im Betrieb angesetzt, bei der 51% der Belegschaft für die Gewerkschaft stimmen müssen. Um diese Abstimmung werden regelrechte Schlachten geführt, wobei die Unternehmer üblicherweise sog. Gewerkschaftsjäger (union busters) engagieren, um Kollegen durch entsprechende Methoden bis hin zu Rufmord, tätlichen Angriffen, Drohungen mit Produktionsverlagerung u.ä. auszu­schalten. Ist diese Mühle schließlich für die Gewerkschaft doch erfolgreich durchlaufen, verhandeln die Gewerkschaften mit den Kapitalisten über einen Tarifvertrag. Ein Zwang zum Abschluß besteht nicht. Kommt ein Vertrag zustande, stimmt die Belegschaft darüber ab. Man sieht hier sehr deutlich, wie bei ökonomischer und politischer Überlegenheit des Kapitals „Freiheit und Democracy“ (denn alles geht ganz demokratisch zu) zur direkten Waffe gegen das Koalitionsrecht der Arbeiter wird.

„Recht auf Arbeit” = Zwangsarbeit?

In der Zeitschrift „Capital“ (1/1999) kann man nachlesen: „ Sagt der Regierungsmann nach den ersten Bündnisgesprächen: ,Die Lohnspreizung schafft nur Stellen, wenn zugleich der Druck zur Arbeitsaufnahme verstärkt wird.‘ Es ist ein unerhörtes Projekt - und die Nagelprobe für die Stop-and-Go-Veranstaltung Rot-Grün. Gerhard Schröders Chefstratege und Kanzleramtsminister Bodo Hombach hat es gleich nach der Wahl angekündigt: Deutschland muß sich fragen, ‚ob nicht jeder Job besser ist als gar keiner.‘ Seine Antwort lautet ja.“ ... „US-Präsident Clinton habe recht, wenn er Sozialtransfers ‚als zweite Chance und nicht als Dauersubvention‘ verstehe. Das sagte Walter Riester beim Antrittsbesuch am 5. November der Führung der Bundes­anstalt für Arbeit.“ Selbst das Kapitalistenmagazin ist über die Hemmungs­losigkeit des intellektuellen Verfalls erstaunt: „Der Arbeitsamt-Thinktank IAB („Denkfabrik“ Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Nürnberg - die Arbeitsgruppe), der Zwang nach angelsächsischem Muster lange Zeit ablehnte, gibt Deckung: „Er preist die ‚Verpflichtung als neues Instrument der Arbeitsmarktpolitik‘ und spricht gar vom ‚Carrot-and-Stick-Prinzip‘ („Möhre und Stock“ - die Arbeitsgruppe). Ein brutales Bild: der Arbeitslose als Kaninchen, der den Stock so nötig hat wie die Mohrrübe. Die ist am Anfang noch schmackhaft.“ Und weiter: „ Neu ist das nicht - Norbert Blüm hatte dafür die Metapher der ‚Brücke‘ parat. Aber vielleicht kann nur die Linke den Umbau schaffen, der für Millionen von sozial Schwachen einen tiefen Einschnitt bedeutet.“

Das läuft gerade in diesem Land ab, wo 2,5 Millionen inzwischen befristete Jobs haben, die „Scheinselbständigkeit“ blüht, es bei der Arbeitsvermittlung als „zumutbar“ gilt, täglich bis zu drei Stunden zur Arbeitsstelle zu pendeln, und nach sechs Monaten ein Gehalt in Höhe der Erwerbslosenunterstützung bei Strafe der Sperre akzeptiert werden muß, wo Sozialhilfeempfänger nach „Recht und Gesetz“ bereits zur Arbeit gezwungen werden können und die Notstandsgesetze - sozusagen für alle Fälle - die „Dienstverpflichtung“ ermöglichen. Und die Gewerkschaftsführung: „Es gehe nicht um ‚Druck‘, sagt Wilhelm Adamy, Abteilungsleiter Arbeitsmarkt (beim DGB-Bundesvorstand - die Arbeitsgruppe). Aber die staatliche Hilfe müsse ‚mit Verpflichtungen des Betroffenen einhergehen.‘ Es machten sich ‚viel weniger, als gemeinhin eingeschätzt wird‘, in der sozialen Hängematte bequem - ‚aber es wird mit uns kein Problem sein, die Spreu vom Weizen zu trennen.‘“ Auf deutsch: Statt gegen die Absahner in Hochfinanz und Industrie, bieten wir uns als Sozialpolizei an, um unsere Kollegen zu selektieren und zu denunzieren, die es noch verstehen, sich nicht einfach mit der Misere der „Stütze“ abzufinden.

Das „Recht auf Arbeit“, das vor den Zeiten des „Bündnis für Arbeit“ auch einmal von der Gewerkschaftsführung propagiert wurde, führt zu „preußischer Polizeiwirtschaft“, zu „Arbeitshäusern und Kolonien“, darauf hat Friedrich Engels schon hingewiesen. Muß man noch erinnern, wie diese Voraussage in Deutschland schon einmal eingelöst wurde: mit Reichsarbeitsdienst, KZ-System und Lebensraum im Osten (Kolonien)?

„Seitdem dieser Konfusionarius dies aufgegriffen[1], haben wir die Aussicht, die Heulmeier à la Geiser loszuwerden. Man muß übrigens Bismarck sein, um so eine Dummheit zu begehen, angesichts einer selbst mit Ausnahmsgesetzen nicht niederzuhaltenden Arbeiterbewegung. Vorderhand haben unsre Leute recht, ihn möglichst tief hineinzureiten mit Drängen auf Verwirklichung, sobald der Mann sich etwas mehr engagiert hat (was er aber sicher so bald nicht tut), wird sich die ganze Flunkerei in - preußische Polizeiwirtschaft auflösen. Als Wahlprogramm wird ihm die bloße Phrase verdammt wenig helfen.

Das Recht auf Arbeit ist von Fourier[2] erfunden, bei ihm verwirklicht es sich aber nur im Phalanstère, setzt also dessen Annahme voraus. Die Fourieristen - friedliebende Philister der ‚Démocratie pacifique‘, wie ihr Blatt hieß -, verbreiten die Phrase eben ihres ungefährlichen Klangs wegen. Die Pariser Arbeiter 1848 ließen sie sich - bei ihrer absoluten theoretischen Unklarheit - aufhängen, weil sie so praktisch, so wenig utopisch, so ohne weiteres realisierbar aussah. Die Regierung realisierte sie - in der einzigen Weise, wie die kapitalistische Gesellschaft sie realisieren konnte - in den sinnlosen Nationalwerkstätten. Genauso wurde das Recht auf Arbeit während der Baumwollkrise 1861-64 in Lancashire durch Munizipalwerkstätten realisiert. Und in Deutschland realisiert man es ebenfalls in den Hunger- und Prügel-Arbeiterkolonien, für die der Philister jetzt schwärmt. Als separate Forderung gestellt, kann das Recht auf Arbeit gar nicht anders verwirklicht werden. Man verlangt von der kapitalisti­schen Gesellschaft, es zu realisieren, sie kann das nur innerhalb ihrer Existenzbe­din­gungen, und wenn man das Recht auf Arbeit von ihr verlangt, so verlangt man es unter diesen bestimmten Bedingungen, man verlangt also Nationalwerkstätten, Arbeitshäuser und Kolonien. Soll aber die Forderung des Rechts auf Arbeit indirekt die Forderung der Umwälzung der kapitalistischen Produktionsweise einschließen, so ist sie gegenüber dem heutigen Stand der Bewegung ein feiger Rückschritt, eine Konzession an das Sozialistengesetz, eine Phrase, die keinen Zweck haben kann, als die Arbeiter konfus und unklar zu machen über die Ziele, die sie zu verfolgen haben, und über die Bedingungen, unter denen allein sie erreicht werden können.”

(F. Engels, Brief an E. Bernstein vom 23. Mai 1884, MEW 36, S.150f.)

1 Mit Konfusionarius meint Engels den Reichskanzler Fürst v. Bismarck, der am 9. Mai 1884 im Reichstag für das Recht auf Arbeit eingetreten war. Danach sollten Arbeitsfähige im Falle der Ablehnung ihnen zugewiesener Arbeit in ein Arbeitshaus oder Gefängnis transportiert werden. In Deutschland sollten Erwerbslose zum Ausbessern von Wegen, Steineklopfen, Holzhauen usw. gegen den dafür „angemessenen” Lohn oder Verpflegung herangezogen werden. Der im folgenden erwähnte „Heulmeier” Bruno Geiser war sozialdemokratischer Abgeordneter im Reichstag und einer der führenden Vertreter des rechten Flügels der deutschen Sozialdemokratie. (Anm. Arbeitsgruppe)

2 Charles Fourier (1772-1837) war ein bedeutender französischer utopischer Sozialist. Sein Utopismus bestand vor allem darin, daß er als Weg für die Befreiung der Arbeit die Gründung von ideal konzipierten Arbeitersiedlungen sah, in denen der Widerspruch zwischen Hand- und Kopfarbeit, zwischen Industrie und Landwirtschaft, zwischen Stadt und Land überwunden werden sollte. Die Siedlungen nannte er „Phalanstère” nach der griechischen Schlachtordnung Phalanx. (Anm. Arbeitsgruppe)

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