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„Die von Clabecq’’

Im Betrieb, auf der Straße, vor Gericht - der lange Atem belgischer Stahlarbeiter im Kampf um ihre Arbeitsplätze und für eine andere Gewerkschaft

Am 26. November 1998, um 8.00 Uhr morgens, erscheinen vier Gewerkschaftsdelegierte[1] und neun Arbeiter des belgischen Stahlwerks „Forges de Clabecq“ in Tubize (Wallonie, französischsprachiger Teil Belgiens) vor dem Gericht der Kleinstadt Nivelles, südlich von Brüssel.

Vor einer eindrucksvollen Kulisse aus zahllosen Fahnen und Transparenten bekunden ihnen mehr als 1200 Kolleginnen und Kollegen aus den verschiedensten Betrieben, Branchen und Gewerkschaften des Landes ihre Solidarität. Ihr lautstarker Protest gilt der Tatsache, daß hier Arbeiter von der bürgerlichen Justiz abgeurteilt werden sollen, die es gewagt haben, jahrelang einen unerschrockenen und in ganz Belgien beachteten Kampf um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu führen. Einen Kampf, der nicht nur dem Kapital, den Banken, korrupten Politikern und dem staatlichen Gewaltapparat galt, sondern der den Blick vieler Arbeiter auf die Wurzeln allen Übels, auf das kapitalistische System richtete, der die bestehenden sozialdemokratischen Gewerkschaftsstrukturen ordentlich durchrüttelte und als eine Konsequenz daraus eine „Bewegung für die Erneuerung der Gewerkschaften“ (MRS)[2] initiierte.

Seit November vergangenen Jahres läuft dieser Prozeß nahezu wöchentlich hinter geschlossenen Türen ab. Gegen die derart amtierende - und allseits so titulierte - Klassenjustiz und für die Freiheit ihrer Klassenbrüder finden sich jeweils donnerstags mehrere hundert Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude ein. Ein Ende dieser von der Gendarmerie[3] stark gesicherten Veranstaltung ist nicht vor Anfang Mai zu erwarten.

Im Gegensatz zu den Arbeitern von Clabecq, die unermüdlich für den Erhalt „ihres“ Werkes gefochten haben, müssen die Stahlbosse und Bankiers, die die Stahlschmieden („Forges“) in Clabecq geschlossen und sich mit Millionengewinnen davongemacht haben, nicht vor Gericht erscheinen. Die Schnelligkeit und Verbissenheit, mit der die belgische Bourgeoisie an die Eröffnung dieses Prozesses ging, steht auch in scharfem Kontrast zum Vorgehen von Polizei und Justiz, als es um Verbrechen ging, in die - mehr oder weniger offensichtlich - Staatsorgane wie die Gendarmerie oder Politiker wie der ehemalige NATO-Generalsekretär Claes verwickelt waren.[4]

Als Anführer der jetzt als „Bande von Clabecq“ geschmähten Gewerkschaftsdelegation sollen vor allem zwei Kollegen gebrochen und ihr Ansehen und ihr Einfluß bei den Arbeitern zerstört werden: der Vorsitzende der betrieblichen Gewerkschaftsdelegation bei Forges de Clabecq, Roberto D’Orazio und sein engster Mitstreiter Silvio Marra, beide seit Jahrzehnten Mitglieder der Metallarbeitergewerkschaft CMB in der sozialistischen Dachgewerkschaft FGTB.

Die unglaubliche Liste der Beschuldigungen in diesem Prozeß, die im wesentlichen auf Gendarmerie-Aussagen basieren, reicht von Körperverletzung über Diebstahl, Geiselnahme und Sachbeschädigung bis hin zu bewaffneter Rebellion. Keine Frage, daß mit der Drohung hoher Gefängnis- und Geldstrafen gegen einzelne klassenbewußte und kämpferische Arbeiter die gesamte Arbeiterbewegung getroffen und eingeschüchtert werden soll.

Renault, Levi’s, Boel[5], VW ... täglich wird die Liste der Betriebe im Lande länger, die teilweise oder ganz dicht gemacht werden, weil sie für die Kapital- und Aktienbesitzer nicht mehr den geforderten Profit abwerfen.

Allerdings konnten sich die Unternehmer und die Provinzregierung der Wallonie[6] im Fall von Clabecq nach der Verkündung des Konkurses Ende 1996 nicht so gefahrlos wie sonst meist üblich unter Hinterlassung eines „Sozialplans“ aus der Affäre ziehen. Denn schon seit 1992 bereitete sich die betriebliche Gewerkschaftsdelegation zusammen mit der Belegschaft aktiv auf den Widerstand gegen die schrittweise Zerschlagung des Stahlstandortes Clabecq vor.

Erhebliche Anstrengungen, die Führungen ihrer Gewerkschaften zur Unterstützung ihres Kampfes zu bewegen, blieben ohne Erfolg.

Darüber hinaus haben die betroffenen Kollegen das gesamte Spektrum der bürgerlichen Parteien gegen sich, allen voran die Sozialdemokraten von der „Sozialistischen Partei Belgiens (PS). Allein die „Partei der Arbeit Belgiens“ (PTB) hat von Anfang an aktiv auf der Seite der Stahlarbeiter gestanden und sich so ein hohes Ansehen und Vertrauen bei den Kollegen erworben.

Die Ausdauer und Entschlossenheit derer von Clabecq hat gezeigt, was organisierte Arbeiter dem Klassengegner heute abringen können. Das Stahlwerk ist wieder in Betrieb, der Schrecken der Arbeits- und Hoffnungslosigkeit konnte für viele Familien erst einmal gebannt werden. Aber, der Kampf hat auch Opfer gekostet. Und er wird weitergeführt.

Roberto D’Orazio, Silvio Marra und ihre Mitstreiter waren in den vergangenen Jahren in fast allen großen Arbeitskämpfen vor Ort, haben Erfahrungen gesammelt und ausgetauscht und Solidarität organisiert. Mit ihren betriebsübergreifenden Aktionen ist es ihnen immer wieder gelungen tausende Arbeiter auf die Straße zu bringen. Und es war möglich, daß in solchen Demonstrationen neben Kampftransparenten und Gewerkschaftsfahnen auch schon mal Portraits von Marx, Engels und Lenin mitgeführt wurden.

Nach zahlreichen antirassistischen und antifaschistischen Aktivitäten konnte die Belegschaft von Forges de Clabecq schon im November 1994 mit Stolz die Auszeichnung für den ersten „Betrieb ohne Rassismus“ entgegennehmen.

Zur Bedeutung ihres antirassistischen Kampfes sagt Silvio Marra:

„Wir konnten nur deshalb erfolgreich gegen die Schließung unserer Fabrik kämpfen, weil wir davor den Rassismus besiegt haben. (...) Es arbeiteten 16 Nationen bei Forges. 25 Jahre lang haben wir versucht, uns untereinander zu verstehen. Es war der Kampf, der uns die Augen darüber öffnete, daß es keine Unterschiede zwischen uns gibt. Und nach 25 Jahren organisierten wir eine Umfrage und 80 Prozent der Belegschaft machten mit ihrer Abstimmung Forges zum ,Betrieb ohne Rassismus’“. (Solidair, Zeitung der PTB, Nr.45, 11/97)

Sie standen an der Seite streikender Lehrer und Schüler für ein besseres Bildungssystem ebenso, wie an der der Eltern der verschwundenen Kinder, die eindrucksvolle Demonstrationen gegen die staatlich geduldete Bedrohung organisierten. Wo sie eine Möglichkeit sahen, versuchten die Arbeiter von Clabecq eine Verbindung zwischen den Kämpfen „in der Welt der Arbeit und den anderen sozialen Bereichen“ (D’Orazio) herzustellen.

Mit solchen Losungen wie „Wer nicht wagt zu kämpfen, wagt nicht zu gewinnen“ und ihrem populären „Wir lassen uns nichts mehr gefallen“ haben die Kollegen von Forges de Clabecq immer wieder unterstrichen, daß allein die Unversöhnlichkeit mit dem Profitsystem und der Mut, gegen seine Sachwalter den Kopf und die Faust zu erheben, einen Ausweg sichtbar werden lassen.

Noch nie hat hier eine betriebliche Gewerkschaftsdelegation so massenwirksam und für die Gegenseite so verlustreich gezeigt, wo es langgehen muß: gegen die „unvermeidlichen“ Opfer an Arbeitsplätzen, an Sicherheit und Leben von Arbeitern, die das Kapital wie selbstverständlich und täglich fordert. Und gegen diejenigen, die - ob Politiker oder Gewerkschaftsfunktionäre - fürs eigene Konto und zur Rettung der eigenen Haut , die Geschäfte von Konzernherrn und Banken besorgen.

Arbeitsgruppe „Gewerkschaft“

1 Das sind Gewerkschaftsmitglieder, die vom zuständigen Gewerkschaftssekretär für 4 Jahre benannt werden und deren Anzahl (sie bilden die betriebliche „Gewerkschaftsdelegation“) sich nach der Belegschaftsstärke richtet. Sie genießen Kündigungsschutz und werden in seltenen Fällen – wie bei Clabecq – von der Belegschaft direkt gewählt. Sie haben Freistunden für Gewerkschaftsarbeit im Betrieb (vergleichbar mit der Betriebsratstätigkeit bei uns) und sprechen im Namen der Belegschaft. Ihr gewählter Wortführer bei Clabecq war Roberto D’Orazio.

2 s. Kasten zur „Bewegung für die Erneuerung der Gewerkschaften“ (MRS) am Ende des Artikels.

3 militärisch organisierte Polizeitruppe, die weitgehend demokratischer Kontrolle entzogen ist und (im Gegensatz zur Gemeindepolizei) das gefährlichste Repressionsorgan des belgischen Staatsapparates darstellt.

4 – Zu nennen sind hier besonders die über die Landesgrenzen hinaus bekanntgewordenen bis heute unaufgeklärten Verbrechen der sog. „Bande von Nijvel“, deren brutalen, militärisch ausgerüsteten und organisierten Raubüberfällen zwischen 1983 und 1985, v.a. auf Supermärkte, 28 Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fielen;

– die staatliche Vertuschungsaktion (im flämischen Teil Belgiens „Operatie Doofpot“ genannt) in Sachen der mißbrauchten und verschwundenen Kinder;

– und nicht zuletzt die „Verurteilung“ führender Politiker im sog. „Augusta-Prozeß“, die für das Einsacken von Millionen an Schmiergeldern nicht 1 Tag ein Gefängnis von innen sehen mußten.

5 Boel, ebenfalls ein Stahlwerk, dessen Belegschaft eine lange Tradition im Kampf um Arbeitsplätze und gegen die Zerschlagung der belgischen Stahlindustrie hat, und die z.B. am 18. Januar 1999 einen Tag streikte, um mit einer Abordnung von mehreren hundert Kollegen die „13 von Clabecq“ beim Prozeßtermin in Nivelles zu unterstützen. An der an diesem Tag durchgeführten Besetzung des Gerichts waren sie aktiv beteiligt.

6 die Besitzverhältnisse bei Forges de Clabecq: bis zum Konkurs in Privatbesitz der Familie Dessy, nach der Schließung zunächst Übernahme durch die wallonische Regierung und dann durch die schweizerisch-italienische Kapitalgruppe Duferco.

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