Für Dialektik in Organisationsfragen
Aufgrund der Angriffe auf die Arbeiterklasse war die Regierung Stresemann nicht nur bei den Arbeitern verhasst. Sie war auch bei den Reaktionären und Faschisten der Inbegriff des „Erfüllungspolitikers“[1], hinter dem das „Weltjudentum“ stünde. Hinter den Reaktionären standen die Teile des Monopolkapitals, die den direkten Weg des Wiederaufstiegs des deutschen Imperialismus gegen alle anderen Kräfte durch Terror und Gewalt forcierten. Doch diese Strömung fand damals noch keine Mehrheit innerhalb des Monopolkapitals, weshalb sie zu dieser Zeit zum Scheitern verurteilt war. Nichtsdestotrotz versuchten sie, ihre Pläne in die Tat umzusetzen.
Hans von Seeckt war Chef der Heeresleitung. Er verfolgte gegen die Auflagen des Versailler Vertrags den Wiederaufbau des deutschen Heeres. Er vertrat die Auffassung, dass die Reichswehr als „Staat im Staate“ fungieren sollte, unabhängig von der jeweiligen Reichsregierung. Unter seiner Führung wurde das Konzept eines modernen „Expertenheeres“ entwickelt, das in Friedenszeiten in kleiner Zahl von bestausgebildeten, mit modernsten Waffen ausgerüsteten Soldaten besteht in einem System, das im gegebenen Augenblick ins Unermessliche erweitert werden konnte. Zum Konzept gehörte auch, dass große Massen von Wehrfähigen in Lehrgängen und Wehrübungen ausgebildet wurden.
Schon wegen der französischen Forderungen nach Begrenzung des deutschen Heeres war er strikt gegen eine Übereinkunft mit der französischen Regierung, wie sie Stresemann anstrebte. Er wollte lieber die Sowjetunion dazu drängen, über eine erneute Teilung Polens zu verhandeln. General Seeckt war sich darüber klar, dass ein Putsch wie bei Kapp (1920) oder in Küstrin unter Buchrucker (1. Oktober 1923) nicht zum Erfolg führen würde. Er wollte eine Militärdiktatur, ein Direktorium, dem er vorstand, unabhängig vom Parlament. Ebert sollte das Direktorium berufen und mit allen Vollmachten ausstatten, damit es ohne Parlament regieren konnte. Er wollte, dass das Direktorium als legitime Regierung der Weimarer Republik anerkannt werden sollte. Dafür musste Stresemann zum Rücktritt gedrängt werden.
Nachdem es unter Stresemann gelungen war, die Arbeiterregierungen in Sachsen und Thüringen zu stürzen, war es für Seeckt nun viel schwieriger, Gründe für die Abdankung Stresemanns anzuführen. Er versuchte am 3. November, Ebert für seine Pläne zu gewinnen, doch dieser verlangte von ihm, sich an den deutschen Botschafter in den USA Wiedfeldt zu wenden und ihm die Kanzlerschaft anzubieten. Ebert war zwar auch für die Ablösung Stresemanns, aber er wollte nicht entscheiden, ohne das Parlament einzubinden.
Doch der beabsichtigte Nachfolger als Kanzler Wiedfeldt lehnte sowohl Kanzlerschaft als auch den Eintritt in das „Direktorium“ Seeckts ab. Er „gewann den Eindruck, dass jede Art militärischer Diktatur oder Monarchie Amerikas Bemühungen für die damals im Verein mit England erstrebte Konferenz gefährde und amerikanischen Getreidelieferung wie auch den guten Beginn des großen amerikanischen Hilfswerkes in Frage stelle.“[2] Seeckt machte am 5. November einen erneuten Vorstoß bei Ebert, diesmal mit Reichswehrminister Geßler im Schlepptau, doch Ebert schickte die beiden direkt zu Stresemann, den sie zum Rücktritt aufforderten. Dieser fragte zurück, ob die Reichswehr ihm den Gehorsam verweigern würde. Da antwortete Geßler, bevor Seeckt sich äußern konnte, dass die Reichswehr ihm gehorche.
Nachdem man Seeckts Pläne als gescheitert ansehen musste, drängte Stinnes, Vertreter der Schwerindustrie an der Ruhr, als Mitglied der DVP- Fraktion bei den Beratungen am 5. und 6. November Stresemann zum Rücktritt mit den Worten: „Wer mit Bayern nicht in Ordnung kommt, kann Deutschland nicht regieren.“[3] Stinnes hatte schon seit dem Beginn der Ruhrbesetzung beste Verbindungen nach Bayern zu den Kampfverbänden und Hitler. Ebenso hat er vielfältige Verbindungen zu rechtsradikalen Kräften im übrigen Deutschland aufgebaut und auf sie Einfluss. Doch Stresemann hatte die realistischere Einschätzung dieser Kräfte, „dass das Fehlen einer klaren politischen Zielsetzung und Mangel einer Leitung“[4] die „widerstreitenden Tendenzen, Rivalitäten und Meinungsverschiedenheiten“[5] noch ernstzunehmende Putschversuche verhinderten.
Stinnes wollte die „nationale Diktatur“ vorrangig, um den Acht-Stunden-Tag wieder abzuschaffen und die Löhne direkt senken zu können. Da dies nicht ging, ohne den Widerstand der Arbeiterklasse zu brechen, setzte er auf eine gewaltsame Unterdrückung. Dafür brauchte er die Massen, die ihm Hitler und seine Spießgesellen versprachen. Diese „garantierten“ ihm die Ausrottung des Marxismus und jeden Gedanken an Sozialismus in Deutschland. Aber auch Stinnes setze auf einen legalen Weg, an die Macht zu kommen. Er glaubte, dass die KPD kurz vor einem Aufstand stünde und wollte diesen zum Losschlagen nutzen, um dann die Macht an sich zu reißen. Seiner Einschätzung nach würde jeder, der als erstes losschlagen würde im Ausland diskreditiert sein. Deshalb fürchtete er auch „vorschnelle“ Angriffe von rechts auf die Staatsmacht. Er hielt zu allen potentiellen Putschisten Kontakt, besonders aber zu Seeckt über seinen Mittelsmann und Generaldirektor Minoux, der auch im „Direktorium“ Seeckts einen Platz als Wirtschaftssachverständiger erhalten sollte.
Die Lage in Bayern hatte sich schon im September zugespitzt. Am „Deutschen Tag“, 1. bis 2. September in Nürnberg, gab man sich noch einig nach der Regierungsbildung Stresemanns gegen den gemeinsamen Feind. Doch schon dort zeigten sich die Widersprüche. Ludendorffs Rede zielte auf die einende Kraft der Hohenzollern im Reich, was die dabeistehenden Anhänger der Wittelsbacher Monarchie zutiefst empörte.
Gustav von Kahr wurde am 26. September zum Generalstaatskommissar mit diktatorischen Vollmachten ernannt, der sofort über Bayern den Ausnahmezustand verhängte wie Ebert über das ganze Reich. Seine Ziele waren die Wiedereinführung der Monarchie in Bayern und der Kampf gegen das „marxistisch verseuchte Berlin“. Um die Ziele erreichen zu können, versuchte er, sich mit den im „Kampfbund“ vereinten Reaktionären und Faschisten zu verbünden, sie zu instrumentalisieren und vor seinen eigenen Karren zu spannen. Als erste Schritte war die Abspaltung Bayerns geplant, mit eigener Währung und keinerlei Steuerzahlungen mehr an das Reich. Sodann sollte der „Kampfbund“ in Sachsen und Thüringen einmarschieren, mit den dortigen Regierungen aufräumen und anschließend nach Berlin ziehen, um dort die Macht zu übernehmen. Hier stand Kahr mit Seeckt in Kontakt, der diesen für sein Direktorium vorgesehen hatte.
Das Bündnis der beiden reaktionären Richtungen konnte aber nicht gelingen, denn die schwarz-weiß-rot orientierten Kampfbünde waren an einer Abspaltung Bayerns nicht gelegen. Ganz im Gegenteil, für sie war der „Kampfbund“ „geistige Waffenschmiede für den Befreiungskampf“.[6] Ihr Aushängeschild war Ludendorff, der „Sieger von Tannenberg“, der die Unterstützung der Reichswehr garantieren würde oder wenigstens ihre Neutralität. In Ludendorffs Weltbild war „die Gesundung der deutschen Arbeiterschaft durch die völkische Bewegung“[7] Voraussetzung für die „Befreiung Deutschlands“ von der „Unterdrückung des internationalen Weltjudentums“. Dafür benötigte man die „richtige“ Propaganda als wichtige Waffengattung.[8] Und hier kam Hitler ins Spiel, als fähigsten Verbreiter und Vollstrecker von Ludendorffs Ideen. Staatssturzpläne gab es zu dieser Zeit viele, als Ziele waren aber auch immer die Unterdrückung der Arbeiterklasse und die „Befreiung“ Deutschlands genannt. Die Wege unterschieden sich aber. Vertreter des „Kampfbunds“ stritten sich, ob die militärische oder die politische Seite die Führung innehaben sollte. Dabei war man sich über die Konkurrenz zu den weiß-blauen durchaus bewusst und wollte die Staatsgewalt in Bayern vor ihnen erringen.
Noch am 25. September kam es zu einer Aussprache aller Führer der im „Kampfbund“ organisierten Verbände, bei der Hitler die politische Führung des „Kampfbundes“ übertragen wurde. Der Führer der SA Röhm war von Anfang an für die Bewaffnung der „Vaterländischen Verbände“ durch die Reichswehr zuständig. Er hatte den Zusammenschluss der Verbände zum „Kampfbund“ mit initiiert und organisiert. Er wollte, dass „seine“ NSDAP die Führung im „Kampfbund“ übernahm. Röhms Bemühungen hatten endlich Erfolg. Er reichte seinen Abschied vom aktiven Heeresdienst ein, um an keinerlei Befehle seiner Vorgesetzten mehr gebunden zu sein. Diese hatten ihn nie aus den Augen gelassen und jetzt gerade nach Berlin versetzen wollen.
Doch die weiß-blauen waren schneller, ihr Mann Kahr bildete ein Triumvirat mit Lossow als Landeskommandanten der Reichswehr und Seißer als dem Chef der Landespolizei, das Bayern zur Hauptstoßkraft gegen die Berliner Regierung machen wollte. Mit dem Ausnahmezustand wurde gleichzeitig das Republikschutzgesetz für Bayern außer Kraft gesetzt und Kahr ließ den steckbrieflich gesuchten Kapitänleutnant Erhardt aus Tirol nach München holen, um ihn mit der Zusammenziehung seiner Truppen an der bayrisch-thüringer Grenze zu beauftragen. Um seine eigenen Vorbereitungen vor Störungen zu schützen, verbot er auch die von Hitler geplanten 14 Versammlungen am 27. September in München. Durch die Übergabe der Reichsgewalt an Geßler durch Ebert war Lossow nun diesem unterstellt.
Am 27. September erschien im Völkischen Beobachter (VB) ein Schmäh-Artikel gegen General Seeckt. Reichswehrminister Geßler verbot daraufhin den VB und verlangte die Vollstreckung von General Lossow, der die Weisung an Kahr weitergab. Kahr erteilte nur eine Rüge, Lossow meldete nach Berlin, dass er den Befehl nicht ausführen könne.
Am 9. Oktober verlangte Seeckt den Rücktritt von Lossow, der nicht erfolgte und am 20. Oktober wurde er von Geßler entlassen. Kahr setzte Lossow am gleichen Tag als bayrischen Landeskommandanten ein und beauftragte ihn mit der Weiterführung der VII. Division. Am 22. Oktober wurden die Reichswehrtruppen in Bayern auf die bayrische Landesregierung „als Treuhänderin des deutschen Volkes bis zur Wiederherstellung des Einvernehmens zwischen Bayern und dem Reich“ eingeschworen.
Kommen wir zum 8. November. Kahr und Lossow versuchten, den „Kampfbund“ (Hitler) hinzuhalten mit der Aussicht auf baldiges Losschlagen ,und warteten auf das Signal von Seeckt. Hitler beschloss mit seinen Verbündeten am 7.11., dass man nicht mehr länger warten wollte und plante für den 11.11. die Machtübernahme in München, um anschließend nach Berlin zu marschieren. Doch als bekannt wurde, dass Kahr und das ganze Kabinett an einer Kundgebung vaterländischer Organisationen am 8. November im Bürgerbräu teilnehmen würden, sollten sie dort gewaltsam zum Mitmachen gezwungen werden und der Termin wurde vorverlegt. Bekanntlich ging der Schuss nach hinten los. Kahr und die ganze Regierung war im Bürgerbräukeller versammelt, Kahr hielt seine Rede und wurde dann von Hitler unterbrochen, der mit bewaffneten SA-Truppen in den Saal stürmte und sich mit einem Schuss in die Decke Gehör verschaffte. „Die nationale Revolution ist ausgebrochen... die bayrische Regierung und die Reichsregierung sind abgesetzt...“[9] Dann nötigte er Kahr, Lossow und Seißer in einen separaten Raum und bot ihnen als „Regierungschef“ verschiedene Posten an. „Inzwischen hatte die SA-Studentenkompanie unter Leitung von Heß die im Saal anwesenden Minister des Kabinetts Knilling verhaftet und dadurch eine ungeheure Erregung unter den Anwesenden hervorgerufen.“[10] Nach Erscheinen Ludendorffs im Bürgerbräukeller ließen sich Lossow und Seißer überreden mitzumachen. Kahr stimmte zögernd zu mit den Worten: „Ich bin bereit, die Leitung der Geschicke Bayerns als Statthalter der Monarchie zu übernehmen.“[11] Dies wurde dann auch im großen Saal verkündet. Anschließend begab sich das Triumvirat in ihre Dienststellen, „angeblich, um die notwendigen Befehle und Anordnungen zu erlassen. Von da ab waren sie aber für Hitler, Ludendorff und Kriebel nicht mehr zu erreichen“.[12]
Die Reichswehr hatte den Putsch nicht unterstützt. Truppen von außerhalb wurden herangeholt. Um zu retten, was nicht zu retten war, wurde der Marsch in die Stadt beschlossen, mit der festen Überzeugung, dass deutsche Soldaten (oder Polizisten) nicht auf Ludendorff schießen würden. Welch ein Irrtum, 13 Kampfbund- und Hitlerleute, ein Unbeteiligter und 4 Polizisten verloren ihr Leben bei der Feldherrnhalle, als der Zug auf eine Sperrkette der Landespolizei traf.
Seeckt wurde dann am 8./9. November von Stresemann zum Militärdiktator ernannt, nachdem die Nachricht vom Putsch Berlin erreicht hatte. Nun war Seeckt am Ziel seiner Wünsche, allerdings nicht als Sieger über Stresemann, sondern Arm in Arm mit diesem gegen die bayrischen Meuterer, zu denen nach ersten Meldungen auch Kahr und Lossow gehören sollten, mit deren Hilfe Seeckt doch Stresemann hatte stürzen wollen.
Kurz zu den rheinischen Separatisten. Hinter diesen Reaktionären stand kein Teil der Monopolbourgeoisie.
Der Teil der Monopolbourgeoisie, der hinter den reaktionären Umsturzversuchen gestanden hatte, wollten, wie oben schon gesagt, einen starken Staat, der ihre Ziele mit Terror und Gewalt durchsetzen konnte. Insgesamt hatte die Monopolbourgeoisie kein Interesse, Teile ihres Einflussgebiets dem französischen Imperialismus zu überlassen. Auch wenn anfangs französische Truppen wohlwollend den Ambitionen gegenüberstanden und Frankreich an „Pufferstaaten“ durchaus Interesse hatte, war die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung und der Arbeiterklasse gegen eine Abtrennung vom Deutschen Reich. Die Ausrufung der „Rheinischen Republik“ am 30. September in Düsseldorf geriet zum Desaster, da bewaffnete Arbeiter die Kundgebung in den Rheinwiesen sprengten und in Köln drei Züge mit Separatisten besetzt am Abfahren gehindert und entwaffnet wurden. Auch Ende Oktober und Anfang November wurden separatistische Bemühungen von der Bevölkerung abgewehrt.
Mit diesen Ereignissen kam es zu einem gewissen Abschluss von Umsturzversuchen von rechts.
H.Renrew
1 Er „erfülle“ die Forderungen der Sieger des I. Weltkriegs
2 Kurt Gossweiler, Kapital, Reichswehr und NSDAP, PapyRossa Verlag, 2012, Reprint von 1982 im folgenden KG S. 358
3 KG S. 358
4 KG S. 359
5 KG S. 359
6 KG S. 330
7 KG S. 333
8 KG S. 333, Ludendorff zitiert nach Der Hitler-Prozeß, München 1924
9 KG S. 386
10 KG S. 387
11 KG S. 389
12 KG S. 390