Für Dialektik in Organisationsfragen
Die letztes Jahr auf dem Hintergrund einer äußerst krisenhaften Entwicklung so rasch ansteigenden Preise, wie in diesem Land seit Jahrzehnten nicht mehr, weckten die Erinnerung an das Jahr 1923. Die unmittelbaren Auslöser für die Inflation damals waren andere als heute, so wie insgesamt die Situation nicht unmittelbar vergleichbar ist. Doch nicht anders als heute waren die Bemühungen der Herrschenden, die Krisenlasten auf dem Rücken der Arbeiterklasse abzuwälzen. Von daher lohnt es sich, diesen Zeitraum vor 100 Jahren in Erinnerung zu rufen. Nicht in erster Linie wegen Krisenerscheinungen wie der Inflation, sondern wegen der Kämpfe der Arbeiterklasse gegen die Angriffe von Regierung und Kapital, gegen den aufkommenden Faschismus als Notnagel für die Monopolbourgeoisie zur Rettung ihrer Macht und Herrschaft. Wegen der Erkenntnisse, die die Kommunisten aus diesen Kämpfen zogen, dem Ringen um die Einheitsfront, um eine richtige Einschätzung von Arbeiterregierungen als Schritt hin zur Revolution, um die Notwendigkeit des schnellen Umstellens auf sich rasch zuspitzende Klassenkampfsituationen.
In der letzten Ausgabe der Kommunistischen Arbeiterzeitung 383 haben wir uns mit der Ruhrbesetzung durch den französischen Imperialismus, die Reaktion des deutschen Imperialismus und die Entwicklung der Strategie und Taktik der Arbeiterklasse zur Überwindung der Herrschaft des deutschen Imperialismus beschäftigt. Kämpfe um die Einheitsfront und soziale Kämpfe führten dann Mitte 1923 dazu, dass die reaktionäre Regierung Cuno zurücktreten musste.
Nach dem Abbruch des Generalstreiks gegen die Regierung Cuno gingen die Kapitalisten und ihre Regierung Stresemann (siehe dazu auch den Artikel „Regierung(en) Stresemann und das Ende der Ruhrbesetzung“ auf S. 22) sofort dazu über, den Angriff auf die Arbeiterklasse zu forcieren. Während des Streiks hatten sie noch Versprechungen gemacht, die soziale Lage der Arbeiter zu verbessern. Jetzt gingen sie dazu über, Arbeiter wegen der Beteiligung am Generalstreik zu entlassen.
Die Länderregierungen verboten, dem Beispiel des preußischen Innenministers Carl Severing, ein Sozialdemokrat, folgend die Betriebsrätebewegung. Hunderte revolutionäre Arbeiter wurden verhaftet.
Dem Monopolkapital war klar, dass dies nicht ausreicht, das Anwachsen der revolutionären Bewegung zu verhindern. Die entscheidenden Gruppen des Finanzkapitals traten deswegen dafür ein, die Auseinandersetzung mit dem französischen Imperialismus über das Ruhrgebiet zu beenden.
„Am 26. September verkündete die Regierung den Abbruch des ‚passiven Widerstandes‘. Am Tag darauf verhängte der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert – unter Berufung auf den Artikel 48 der Verfassung – den militärischen Ausnahmezustand über das ganze Reich. Die gesamte vollziehende Gewalt ging damit in die Hände des Reichswehrministers Otto Geßler über.“[1]
Für die Reaktion und ihre Regierung unter Stresemann war die Regierung der Großen Koalition von besonderer Wichtigkeit. Stresemann erklärt später, „dass es für die Durchführung vieler der damaligen Gesetze und Aktionen von größter Bedeutung für die Beruhigung der Massen war, dass sie mit der Sozialdemokratie geschah und nicht gegen die Sozialdemokratie.“[2]
Jetzt übten auch die britischen und vor allem die US-amerikanischen Finanzkapitalisten Druck auf den französischen Imperialismus aus, um ihn an der Ausnutzung des Erfolgs im Ruhrkampf zu hindern. Ein möglicher Sieg der Arbeiterklasse in Deutschland hätte auch bedeutet, dass eine wichtige Aggressionsbasis des Weltimperialismus gegen die Sowjetunion für die Imperialisten weggefallen wäre. Ein Sieg der Arbeiterklasse in Deutschland wäre eine große Gefahr für die Monopolbourgeoisie gewesen, auch in den anderen imperialistischen Staaten.
Die Widersprüche im Lager der großkapitalistischen und militaristischen Kreise über die geeigneten Formen, die Arbeiterklasse weiter zu unterdrücken, verschärften sich trotzdem.
Die extreme Reaktion trat gegen den Abbruch des Ruhrkampfes auf. Sie forderte die Errichtung der offenen Diktatur des Monopolkapitals.
In Bayern verfolgte die monarchistische Reaktion offen separatistische Pläne. Die bayerische Regierung ging gegen die Arbeiterklasse und andere demokratische Kräfte noch brutaler vor. Die in Bayern stationierte Reichswehr wurde, entgegen der Weimarer Verfassung, auf die bayerische Regierung vereidigt. Die NSDAP unter Hitler bereitete von Bayern ausgehend einen Putsch gegen die Reichsregierung vor. (Siehe hierzu auch den Artikel „Reaktionäre gegen die Republik“ auf Seite 24)
Der Abbruch des „passiven Widerstands“ war auch mit einem Wiederauflegen des rheinischen Separatismus verbunden.
Im Herbst 1923 erreichte die Inflation ihren Höhepunkt. Einer Goldmark entsprachen durchschnittlich
Im September 23,5 Mio. Mark
Im Oktober 6 Mrd. Mark
Im November 522 Mrd. Mark
und im Dezember 1 Billion Mark
Siehe hierzu auch den Artikel: „Inflation 1923 – ein Blick zurück“, KAZ 382 Seite 30.
„In Deutschland herrschte allgemeine wirtschaftliche Zerrüttung. Die Industrieproduktion sank auf etwa ein Fünftel des Vorkriegsstandes. Viele Unternehmer schlossen ihre Betriebe oder schränkten die Produktion wesentlich ein. Im November gab es etwa 3 Mio. Arbeitslose und 6 Mio. Kurzarbeiter, die Unterstützung erhielten. Die Großagrarier sabotierten Lieferungen von Lebensmitteln gegen das wertlose Papiergeld und beschworen damit die Gefahr einer Hungerkatastrophe herauf. Das deutsche Großkapital stieß breiteste Massen der deutschen Werktätigen in ein Elend, dessen Ausmaß selbst die Not während der Hungerzeiten des ersten Weltkrieges und der ersten Nachkriegsjahre übertraf.“[3]
Durch das soziale Elend gedrängt begann Mitte September eine neue Streikwelle. Obwohl die Beteiligung der SPD an der Stresemannregierung natürlich Illusionen schürte, ging angesichts der sozialen Lage das Anwachsen einer linken Strömung in der Sozialdemokratie weiter. Vielerorts nahm die Bereitschaft zu, mit der KPD zusammenzuwirken.
„Besonders eindrucksvoll war der Generalstreik der Arbeiter in Baden Mitte September. Er begann mit einem Streik der Textilarbeiter Lörrachs, die die Wiedereröffnung der von den Unternehmern Anfang September stillgelegten Betriebe, die Enteignung von Produktionssaboteuren und die Legalisierung. der Kontrollausschüsse und der proletarischen Hundertschaften durchsetzen wollten. Gegen die Lörracher Arbeiter zog die badensische Regierung unter dem Einfluß des sozialdemokratischen Staatspräsidenten von Baden, Adam Remmele, Sicherheitspolizei zusammen, die die Stadt besetzte, Maschinengewehre aufstellte und Stacheldraht zog. Die Polizei ermordete bei brutalen Überfällen drei Arbeiter und verletzte viele andere schwer. 300 Arbeiter wurden verhaftet. Die Betriebsrätevollversammlung der Arbeiter Lörrachs, an der viele Sozialdemokraten teilnahmen, beschloß einstimmig die Fortsetzung des Streiks und verlangte den Abzug der Sicherheitspolizei. Große Teile der Arbeiterschaft Badens traten in den Solidaritätsstreik. Das zwang die Regierung nachzugeben. Am 24. September, nach dem die Polizeitruppen abgezogen waren, wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Dieser Streik zeigte, daß die Arbeiterklasse auch in politisch weniger entwickelten Bezirken in Bewegung geriet und große kämpferische Entschlossenheit offenbarte.“[4]
Der Masseneinfluss der KPD vergrößerte sich weiter. Z.B. stieg die Zahl der kommunistischen Fraktionen im ADBG von Juli bis Oktober von 4.000 auf 6.000. Die Mitgliederzahl der KPD stieg im Laufe eines dreiviertel Jahres von 200.000 auf 300.000 Mitglieder.
„Die hinter der Regierung Stresemann stehenden Teile der Großbourgeoisie bereiteten, nachdem sie durch den Abbruch des ‚passiven Widerstands‘ die Hände für den Kampf im Innern freibekommen hatten, zielstrebig die gewaltsame Niederschlagung der revolutionären Bewegung vor; Dabei betrachteten sie die Koalition mit der Sozialdemokratie als willkommenen Deckmantel. Die herrschende Klasse besaß – im Unterschied zur Zeit der Novemberrevolution – eine militärische Macht, die einsatzfähig und gut bewaffnet war. Breite Schichten der Werktätigen standen noch im Bann von Chauvinismus und Revanchismus und wurden dadurch an der Erkenntnis der wahren Ursachen ihrer Not gehindert. Schließlich beeinflussten – trotz des beträchtlichen Rückgangs des opportunistischen Einflusses – rechte Führer der VSPD und der Gewerkschaften noch Millionen deutscher Werktätiger und banden sie mit den verschiedensten Mitteln an die imperialistische Staatsmacht. Die Mehrheit der Arbeiterklasse befand sich noch unter opportunistischem Einfluss“.[5]
Die Zentrale der KPD und das EKKI gingen seit dem Ende des Generalstreiks gegen die Cuno-Regierung davon aus, dass sich in schnellem Tempo die revolutionäre Krise entwickelt und damit der entscheidende Kampf heranreift. Auf Initiative der Kommunisten bildeten sich Aktionsausschüsse, in denen sich Funktionäre und Mitglieder der kommunistischen, sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Organisationen zum Kampf gegen die drohende Militärdiktatur, gegen Faschismus und Massenelend zusammenschlossen. Es entstanden neue organisatorische Formen der Einheitsfront.
„In Aktionsausschüssen und Arbeiterversammlungen schlugen Kommunisten Kampfprogramme vor, die unter anderem die Aufhebung des Ausnahmezustandes, die Entwaffnung aller konterrevolutionären Organisationen und die Bewaffnung der proletarischen Hundertschaften, die Sicherung des Achtstundentages, die Einführung einer wertbeständigen Währung, die Enteignung und Bestrafung von Produktionssaboteuren und die Sicherung der Lebensmittelversorgung für die Bevölkerung verlangten und damit die Aufforderung verbanden, für die Errichtung einer Arbeiter-und-Bauern-Regierung zu kämpfen.“[6]
Bei der Abwehr der separatistischen Bewegung im Rheinland und Ruhrgebiet, die seit Ende September immer offener hervortrat, spielte die KPD in diesen Gegenden eine große Rolle.
Seit dem Beschluss über die Vorbereitung des Kampfes um den Sturz der Regierung konzentrierten sich die Parteiorganisationen der KPD immer stärker auf die militärischen Probleme. Der militärische Rat traf Aufstandsvorbereitungen und organisierte die Bewaffnung der proletarischen Hundertschaften.
„Der Militärische Rat arbeitete einen Plan aus, der die konkreten Aufstandsvorbereitungen im wesentlichen auf Sachsen und Thüringen beschränkte. Der Aufstand sollte in diesen beiden Ländern aus der Verteidigung gegen einen Einmarsch der Reichswehr und gegen einen von Bayern ausgehenden Überfall der Faschisten herauswachsen. (...) Während sie die militärischen und die organisatorischen Vorbereitungen für den bewaffneten Aufstand sorgfältig traf, vernachlässigte die Partei demgegenüber die weitere Entfaltung der Massenkämpfe, vor allem das Ringen um die Einheitsfront der Arbeiterklasse. (...) Die großen Sympathien, die Millionen Werktätige im Herbst 1923 den deutschen Kommunisten entgegenbrachten, wurden häufig mit der Bereitschaft der Massen gleichgesetzt, unter Führung der KPD „in den Entscheidungskampf“ zu treten. Die Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes wurde infolgedessen nicht genügend mit dem Kampf um die Durchsetzung der unmittelbaren Tagesinteressen der Werktätigen und mit der Verteidigung der von der herrschenden Klasse aufgehobenen oder bedrohten demokratischen Rechte verbunden. (...) Besondere Bedeutung für die Klassenauseinandersetzungen im Herbst 1923 hatte die Entwicklung in Mitteldeutschland. In Sachsen und Thüringen bestand ein für die Arbeiterklasse verhältnismäßig günstiges politisches Kräfteverhältnis. Die Einheitsfrontbewegung war hier schon weiter entfaltet als in anderen Teilen Deutschlands. Im Gegensatz zu den meisten deutschen Ländern konnte die revolutionäre Betriebsrätebewegung legal wirken, und ein Drittel aller proletarischen Hundertschaften war hier konzentriert. Beide Länder konnten einen Ausgangspunkt für den siegreichen Kampf der Arbeiterklasse gegen die Militärdiktatur, für die Errichtung der Arbeiter-und-Bauern-Regierung in Deutschland bilden.“[7]
Die Regierung Erich Zeigner in Sachsen und die Regierung August Frölich in Thüringen waren beide sozialdemokratische Regierungen. In beiden Ländern setzten die fortgeschrittenen Teile der Arbeiterklasse, mit Teilen der sozialdemokratischen Funktionäre und Mitglieder, den ersten Schritten zur Errichtung einer Militärdiktatur in Deutschland die Forderung entgegen, eine Regierung der proletarischen Einheitsfront zu bilden.
Am 10. Oktober wurde in Sachsen und 6 Tage später in Thüringen eine Arbeiterregierung geschaffen.
„Während die Regierungsbildung in Sachsen ohne bindende Abmachungen der beiden Parteien zustande kam, vereinbarten die KPD und die VSPD Groß-Thüringens ein gemeinsames Regierungsprogramm. In diesem Programm hieß es, dass die ,Sicherstellung der Existenz der werktätigen Bevölkerung und der entschiedenste Kampf gegen den Faschismus, Revanchepolitik, Reaktion und die verfassungswidrige Militärdiktatur‘ (Neue Zeitung Jena, 13. Oktober 1923) Grundlage der Regierungspolitik sein sollten. Im einzelnen sah das Programm die Verwirklichung einer Reihe demokratischer Forderungen vor wie den Aufbau gemeinsamer republikanischer Notwehren, die Unterstellung der gesamten Polizei unter zuverlässige republikanische Beamte, die Bekämpfung der faschistischen Organisationen und die staatliche Anerkennung der Kontrollausschüsse. Es legte eine Reihe von Maßnahmen zur Sicherung der Ernährung und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit fest. Eine Durchsetzung dieser richtigen demokratischen Forderungen hätte der Arbeiterregierung die notwendige Massenbasis zu sichern vermocht und die Positionen der Arbeiterklasse im Kampf gegen die konterrevolutionären Kräfte gestärkt.“[8]
„Doch die Arbeiterregierungen enttäuschten die Hoffnungen der Massen. Der Staatsapparat blieb unverändert. Den Befehlen des Reichswehrkommandeurs folgend, beteiligten sich Polizei- und Justizorgane in Sachsen an der Unterdrückung der kommunistischen Presse, während Kommunisten in der Regierung saßen. Vor allem aber machten die Regierungen in Sachsen und Thüringen, trotz aller bei der Koalitionsbildung getroffenen Absprachen, keine wirksamen Schritte zur unmittelbaren Verbesserung der materiellen Lage der Arbeiter, der werktätigen Bauern, der Angehörigen des Mittelstandes und der Intelligenz, aller von der Inflation schwer getroffenen Schichten, und zur Verwirklichung konsequent demokratischer Maßnahmen. Anstatt, gestützt auf die Gewerkschaften und andere Organe der Arbeiterklasse, die Arbeitsaufnahme in stillgelegten Betrieben und die Ablieferung landwirtschaftlicher Produkte durch die Großagrarier zu erzwingen, begnügte sich das Kabinett Zeigner mit einem Appell an die Unternehmerorganisationen und die Bankkapitalisten Sachsens, zur Verhinderung einer wirtschaftlichen Katastrophe die Regierung zu unterstützen.“[9]
Als Gegenoffensive forderten die Kapitalisten von der Reichsregierung, mit Hilfe der Reichswehr „Ruhe und Ordnung“ wieder herzustellen.
„Der zugespitzte Klassenkampf verstärkte die Schwankungen der linken sozialdemokratischen Führer. Von den rechten Führern im sozialdemokratischen Parteivorstand unter Druck gesetzt, in bürgerlich-parlamentarischen Illusionen befangen, wichen sie jedem Schritt nach vorn aus und suchten jede selbstständige Aktion der Massen zu verhindern.“[10]
Die Lage spitzt sich Mitte Oktober in Deutschland weiter zu. Es kommt zu Hungerunruhen in zahlreichen Städten. Die Polizei ging bei Hungerdemonstrationen besonders brutal vor und tötete und verletzte viele Werktätige.
Die Reaktion des Reichstags: Am 13. Oktober wird ein Ermächtigungsgesetz, auch mit den Stimmen der Sozialdemokraten, beschlossen, das der Regierung ermöglichte, mit Notverordnungen zu regieren. Am 21. Oktober begann dann auch der Einmarsch der Reichswehr in Sachsen.
„Am Vorabend dieser Reichsexekution, am 20. Oktober, beschloss die Führung der KPD angesichts des unmittelbar bevorstehenden Angriffs der reaktionären Kräfte auf die Arbeiterregierungen, den Generalstreik einzuleiten, aus dem, entsprechend dem Aufstandsplan, die bewaffnete Erhebung zum Sturze der Regierung Stresemann hervorgehen sollte. Der Aufruf an die gesamte deutsche Arbeiterklasse zum Generalstreik und zum Kampf um die Arbeiter-und-Bauern-Regierung sollte von einer Konferenz der sächsischen Regierung mit Vertretern der Betriebsräte, Gewerkschaften und Kontrollausschüsse Sachsens ergehen, die zum 21. Oktober nach Chemnitz einberufen worden war. Es wurde weiter festgelegt, dass am 23. Oktober die bewaffnete Erhebung in Hamburg beginnen sollte, die als Signal für den Aufstand in ganz Deutschland gedacht war.
In der Zentrale der KPD wurde der Entwurf eines Kampfprogramms beraten, das der Chemnitzer Konferenz vorgelegt werden sollte und eine Reihe bedeutsamer politischer und ökonomischer Grundsätze für eine Arbeiter-und-Bauern-Regierung enthielt. Sie sahen unter anderem vor: Aufhebung des Belagerungszustandes, Entwaffnung der faschistischen und sonstigen reaktionären Kräfte und umfassende Bewaffnung der Arbeiterschaft, Durchsetzung der Produktionskontrolle, Beschlagnahme des Vermögens und der Betriebe von Landesverrätern, Schiebern und Produktionssaboteuren, Beschlagnahme von Großgrundbesitzerland und seine Übergabe zur Nutzung vor allem an Landarbeiter und Kleinbauern sowie eine Reihe von Maßnahmen zur unmittelbaren Verbesserung der Lebenslage der Arbeiter, der Kleinbauern, der Angehörigen des Mittelstandes und der freien Berufe. Der Programmentwurf stellte die Aufgabe, die Selbstbestimmung und die Einheit Deutschlands zu erhalten und enge politische und wirtschaftliche Beziehungen mit der Sowjetunion herzustellen.
An der Chemnitzer Konferenz am 21. Oktober 1923 nahmen neben den Vertretern der sächsischen Arbeiterschaft auch Abgesandte der revolutionären Betriebsrätebewegung und von Aktionsausschüssen aus vielen Gebieten Deutschlands teil. Nachdem einige Minister der sächsischen Regierung mehrere Stunden lang über die derzeitige Wirtschaftslage Sachsens und über Pläne der Regierung zur wirtschaftlichen Stabilisierung gesprochen hatten, ergriff Heinrich Brandler das Wort und schlug der Konferenz die sofortige Ausrufung des Generalstreiks vor. Der linkssozialdemokratische Minister Georg Graupe antwortete mit der Forderung, diese Frage nicht zu behandeln, und drohte, dass die Sozialdemokraten andernfalls die Konferenz verlassen würden. Nach langen Verhandlungen wurde lediglich ein Mehrheitsbeschluss über die Bildung einer paritätischen Kommission gefasst, die bei verschärfter Situation mit der sächsischen Regierung, den Arbeiterparteien und den Gewerkschaften über die Ausrufung eines Generalstreiks verhandeln sollte. Damit war der entscheidende Zeitpunkt für den Beginn des Generalstreiks verpasst. Die Kommunisten, alle revolutionären Arbeiter in ganz Deutschland warteten vergeblich auf das Signal zum Kampf.“[11]
„Der Druck des Finanzkapitals und der rechten sozialdemokratischen Führer verstärkte vielmehr im entscheidenden Augenblick die Schwankungen unter jenen linken sozialdemokratischen Mitgliedern und Funktionären, die sich im Kampf gegen den Faschismus und zur Verteidigung bürgerlich-demokratischer Freiheiten den Kommunisten angenähert hatten.
Viele sozialdemokratische und parteilose Konferenzteilnehmer waren von dem Aufruf zum Generalstreik völlig überrascht, weil die Partei die Massen nicht in Teilaktionen systematisch auf den Kampf zum Sturz der Regierung Stresemann vorbereitet hatte. Der Ausgang der Chemnitzer Konferenz veranlasste die Zentrale, den Beschluss über den Generalstreik und den bewaffneten Aufstand aufzuheben.“[12]
In Unkenntnis des Verlaufs der Chemnitzer Konferenz löste die Hamburger Parteiorganisation, dem zuvor gefassten Parteibeschluss folgend, den bewaffneten Aufstand aus.
In der nächsten Ausgabe der KAZ werden wir uns noch genauer mit dem Verlauf des Hamburger Aufstandes und der Zeit bis zum Ende des Jahres 1923 beschäftigen.
Auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1935 bewertet Georgi Dimitroff diese Regierungen wie folgt:
„Im Jahre 1923 konnte man in Sachsen und Thüringen ein anschauliches Bild der rechtsopportunistischen Praxis einer ,Arbeiterregierung‘ sehen. Der Eintritt der Kommunisten in die sächsische Regierung zusammen mit den linken Sozialdemokraten (Zeigner-Gruppe) war an und für sich kein Fehler, im Gegenteil, dieser Schritt wurde durch die revolutionäre Situation in Deutschland vollauf gerechtfertigt. Aber als die Kommunisten sich an der Regierung beteiligten, hätten sie ihre Positionen vor allem zur Bewaffnung des Proletariats ausnützen müssen. Sie haben das nicht getan. Sie haben nicht einmal eine einzige Wohnung der Reichen beschlagnahmt, obwohl die Wohnungsnot der Arbeiter so groß war, dass viele von ihnen mit Frau und Kind kein Obdach hatten. Sie unternahmen auch nichts, um die revolutionäre Massenbewegung der Arbeiter zu organisieren. Überhaupt verhielten sie sich wie gewöhnliche parlamentarische Minister »im Rahmen der bürgerlichen Demokratie«. Wie bekannt, war das das Resultat der opportunistischen Politik Brandlers und seiner Gesinnungsgenossen. Das Endergebnis war ein solcher Bankrott, dass wir auch heute noch gezwungen sind, die sächsische Regierung als klassisches Beispiel dafür anzuführen, wie sich Revolutionäre in der Regierung nicht verhalten dürfen.
Genossen! Wir verlangen von jeder Einheitsfrontregierung eine ganz andere Politik. Wir verlangen von ihr, dass sie bestimmte, der Situation entsprechende revolutionäre Grundforderungen verwirklicht, so z.B. Produktionskontrolle, Kontrolle über die Banken, Auflösung der Polizei, ihre Ersetzung durch eine bewaffnete Arbeitermiliz usw.“[13]
Revolutionäre Krisen entwickeln sich nicht geradlinig. Wie wir gesehen haben, kann eine schwankende Sozialdemokratie nur durch den „Druck der Straße“, heißt durch eine kämpfende Arbeiterklasse gezwungen werden, sich für die Forderungen der Arbeiterklasse „stark zu machen“ und den Kampf gegen den deutschen Imperialismus gemeinsam mit uns Kommunisten zu führen.
Walfried
1 Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung Bd. 3, S. 409
2 Ebenda S. 410, zitiert nach Gustav Streesemann: Vermächtnis. Der Nachlass in drei Bänden. Hrsg. Von Henry Bernhard unter Mitarbeit von Wolfgang Goetz und Paul Wiegler, Erster Band Berlin 1932, S. 326
3 Ebenda S. 412
4 Ebenda S. 413
5 Ebenda S. 415 f.
6 Ebenda S. 418
7 Ebenda S. 422 f.
8 Ebenda S. 424
9 Ebenda S. 425
10 Ebenda S. 426
11 Ebenda S. 427 f.
12 Ebenda S. 429
13 Arbeiterklasse gegen Faschismus, Bericht von Georgi Dimitroff auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale am 2. August 1935, Nachdruck, Herausgeber „Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD“, S. 85 f.