Für Dialektik in Organisationsfragen
Das Magazin Wirtschaftswoche (WW) hat am 18. August 2025 eine „Sensation“ aus seiner Gerüchteküche veröffentlicht: Im VW-Hauptstandort Wolfsburg hätten seit Jahresbeginn tausende Mitglieder der IGM die Mitgliedsbücher vor die Füße geschmissen. Angeblich stammt die Information von einem Insider aus einem Medienbericht. Dabei wurde die Zahl von 2.000 Austritten genannt, die sich kurzfristig auf bis zu 3.000 oder mehr steigern könnten. Beweise? Keine.
Abgesehen von den VW-Betriebsräten wurde damit der IGM-Vorstand unmittelbar auf den Plan gerufen. Er hat die Meldung der Wirtschaftswoche mit einer dagegen gerichteten Erklärung zurückgewiesen, in der wird festgestellt: „Wir liegen von den im Artikel dargestellten Zahlen meilenweit entfernt...Die Darstellung lässt vielmehr erkennen, dass hier bestimmte, klar zu verortende Interessen medial transportiert werden.“
Mit ähnlichen Worten haben sich auch die VW-Betriebsräte geäußert: Von den angeblichen Massenaustritten keine Spur. Bei der angegebenen Insider-Info handelt es sich offensichtlich um eine vom Magazin Wirtschaftswoche als Kapital-Sprachrohr übernommene Auftragsarbeit, mit der ein Angriff auf den Sozialpartner IGM „medial“ verbreitet wurde. Den VWlerinnen und VWlern hierbei Massenaustritte aus der IGM unterzujubeln, entspringt möglicherweise dem Gedanken aus dem Lager des Kapitals: Lassen wir der Belegschaft doch mal den Tipp geben, dass niemand beim Gewerkschaftsaustritt allein ist. Das Ziel dabei ist klar, die weitere Schwächung der Position der IGM. Dem dienen ebenso die Meldungen von den verschiedensten Medien/Presseorganen wie z. B. von NTV: In „Deutschlands größtem Industriekonzern brodelt es“. Oder auch: „Die Frustration ist groß, und die Stimmung kippt“. Sie soll kippen wegen „einer sich ausbreitenden Unzufriedenheit mit dem Tarifabschluss vom 20. Dezember 2024.“ Angeblich sind das alles Insider-Informationen aus Gewerkschaftskreisen oder auch von hochrangigen Gewerkschaftern aus dem VW-Konzern. Was die dabei 2024 vereinbarten 35.000 Rausschmisse betrifft, hat das VW-Personal-Management dafür bereits weit mehr als die Hälfte zusammengetrommelt. Zum dafür notwendigen Abschluss von Aufhebungsverträgen, um die bisher für die mit der „Produktion“ zuständigen Kolleginnen und Kollegen ohne die „betriebsbedingte Kündigung“ mit Abfindungen, Altersteilzeit und anderem aus der Bude zu treiben, hieß es beim NDR am 3. Juni 2025: „Tausende Beschäftigte haben einem Job-Verzicht bereits zugestimmt. Rund 20.000 Austritte aus dem Unternehmen seien vertraglich fixiert, sagte Personalvorstand Gunnar Kilian einer Mitteilung zufolge bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg...“
Mit der Akzeptanz des dafür geltenden Knebelvertrags „Zukunft Volkswagen“, dem sogenannten „Weihnachtswunder von Hannover“, haben VW-Betriebsrat und vor allem die IGM-Führung die Flanken für Kapital-Attacken weit geöffnet. Statt dem großmäulig angekündigten Streik, „den dieses Land noch nicht erlebt hat“, – VW-Betriebsratsvorsitzende Cavallo und IGM-Bezirksleiter Gröger – fünf Jahre Friedenspflicht und Streikverbot. Die generell von der legalistischen sozialdemokratischen Gewerkschafts-Führung akzeptierte Auflage nach dem Tarifvertragsgesetz und Arbeits- sowie Landes- und Bundesarbeitsgerichtsurteilen.
Hierbei hat es den Anschein, dass größere Teile der VW-Belegschaft erst jetzt, beim Einsetzen der Lohn- bzw. Entgelt-Opferstufen, beginnen wahrzunehmen, was ihnen die Tarifkommission im Dezember 2024 als „tragfähigen Kompromiss“ für die nächsten fünf Jahre verkauft und verordnet hat. Wie wir bereits in der KAZ 390 berichtet haben, hat die IGM-Führung ihnen dazu in den entsprechenden Informationsschriften erklärt: „...Damit üben sich Beschäftigte in einem temporären Verzicht, verhindern damit aber gemeinsam den Kahlschlag an den VW-Standorten und helfen sich solidarisch gegenseitig.“ Bei dieser von der IGM-Führung vorgegebenen Klassenkampfübung, können wir nur darauf hoffen, dass sich die VW-Belegschaft beim gemeinsamen temporären Verzichtüben und Kahlschlagverhindern auf ihre Stärke und gewerkschaftliche Solidaritäts-Aktionen besinnt. Wozu die Feststellung gehört, dass nur sie sich selber daran hindern kann, auch während der Friedenspflicht Angriffe des Kapitals durch Warnstreiks und Streik zurückzuschlagen. Die sind dann gleichzeitig das Mittel, um Meldungen wie von der Wirtschaftswoche von angeblichen Massenaustritten aus der IGM zu verhindern oder sie als Lügenmärchen zu entlarven.
Ludwig Jost