Der Arbeitskampf im Osten war auch der Arbeitskampf im Westen! Die Unterscheidung zwischen West und Ost gibt es für uns nicht! Diese Unterscheidung wird mit Hilfe der Medien zum Zweck der Spaltung unter den Arbeitern in die Köpfe transportiert.
Keiner würde auf die Idee kommen und sagen: „In Westfrankreich gibt es die 35 Std.Woche und in Ostfrankreich nicht!“In Frankreich ist die 35 Std.Woche per Gesetz eingeführt.
Ein alter, aber richtiger Gewerkschaftsspruch lautet: „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Es wurde mit Erstaunen aufgenommen, dass die IG-Metall diesen Arbeitskampf begonnen hat, da in den letzten 20 Jahren Kampfvermeidung oberstes Gebot der Gewerkschaften war.
Wir sind mit ca. 20 Leuten aus unserem Betrieb mit einem Bus, der von der IG-Metall Ortsverwaltung gestellt wurde, nach Brandenburg (Stadt) gefahren, um dort die Arbeiter vom ZF Getriebebauerwerk zu unterstützen. ZF baut unter anderem Getriebe für BMW München, wo später die Bänder zum Stillstand kamen.
Am Abend des 18. Juni 03 ca. 21.30 sind wir los gefahren (Donnerstag, der 19. Juni war hier in NRW Feiertag), damit wir in den frühen Morgenstunden ankommen. Das hatte zwei Gründe. Zum einen ist es nachts am schwersten für die Arbeiter, stundenlang vor den Werkstoren zu stehen, wenn sie schon längere Zeit im Streik sind, so dass eine moralische Unterstützung, dass sich Kollegen dazu stellen zu diesem Zeitpunkt einfach nur gut tut. Zum anderen war noch genug Zeit, um sich kennen zu lernen und darüber zu verständigen, wie wir die Arbeiter beim Streik unterstützen können in ihrem unserem Kampf, wenn Streikbrecher zur Frühschicht wollen.
Die Stimmung auf der Fahrt war gut, das Gefühl praktisch etwas tun zu können, schweißt zusammen.
Um 4 Uhr morgens kamen wir bei ZF Getriebebau an. Die Arbeiter, die dort vor dem Tor standen, waren sehr überrascht, dass wir sie um diese Zeit besuchen kommen. Wir waren sehr überrascht, wie viele um diese Zeit dort waren und wie gut alles organisiert war.
Bänke und Tische waren längs vor dem Tor aufgestellt, davor war noch eine zusätzliche Absperrung. Ein großes Zelt diente als Streiklokal! Alle hatten einen sehr guten Erfahrungsaustausch gehabt in diesen Gesprächen. Wir haben gemeinschaftlich festgestellt, wie die Presse gegen uns arbeitet. Kein Gefühl, die „Wessis“ kommen nur hier hin um alles kaputt zu machen, damit ihre Arbeitsplätze im Westen erhalten bleiben. Kein Gefühl, die „Ossis“ verstehen unser Kommen als Klugscheißer, die uns zeigen wollen wie denn „richtig“ gestreikt wird. Es herrschte das Bewusstsein vor, dass es um die Einführung der 35 Stunden-Woche im Osten geht und damit auch um die Verteidigung der 35 Stunden-Woche im Westen. Dass es um uns alle geht, wie wir in Zukunft arbeiten werden. Und dass wir uns nicht in Ost und West spalten lassen.
Das Streiklokal am Streikort zu platzieren fanden wir sehr gut, weil zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden. Da alle zum Streiklokal müssen, sind auch viele am Streikort, bleiben, stellen sich dazu und stärken die Streikfront.
Aus einem scheinbaren Nachteil für den Streik, den die Werksleitung per Richterbeschluss erzwungen hat, haben sich durch die Fantasie der Arbeiter noch einige lustige Vorfälle ergeben.
Der Richterbeschluss sah vor, dass die Arbeiter eine 3 m breite und nach oben hin offene Gasse lassen müssen, um das Einfahren von „Arbeitswilligen“ zu ermöglichen. Sollten diese Auflagen nicht eingehalten werden, wird ein Bußgeld von 25.000 Euro gegen Klaus Zwickel erhoben. So stand es in diesem Papier. Nebenbei wird uns aufgezeigt, dass Justizia blind ist auf dem rechten Auge.
Die so genannten „Arbeitswilligen“ sind für uns Streikbrecher.
3 Meter breit, damit LKW rein und raus fahren können, das war wohl auch ein Gedankengang bei der Betriebsleitung.
Die Arbeiter haben die Gasse an jeder Stelle 3 Meter breit gelassen, und trotzdem konnte kein LKW da durch fahren, ohne die die Bauzäune, die diese Gasse rechts und links begrenzten, zu beschädigen. Eine Beschädigung hätte dann eine Anzeige wegen Sachbeschädigung gegen die Speditionsfirma des LKW-Fahrers gegeben.
Die Gasse wurde scharf nach links und dann sofort wieder scharf nach rechts verlegt.
Aber überall 3 Meter breit. Dort fuhr kein LKW durch. Vor dieser Gasse hatten die Arbeiter einen Zebrastreifen aufgeklebt, der ununterbrochen von vielen zufällig benutzt wurde, wegen der Sicherheit, wofür die Arbeiter an der ganzen Streikstelle laut Richterbeschluss verantwortlich waren.
Darüber hinaus musste auch die Gasse aus Sicherheitsgründen sauber gehalten werden, so der Richter. Das wurde auch genau eingehalten. Eine kleine Kehrmaschine für Gehwege wurde bestellt, die in der Gasse rauf und runter fuhr. Da sehr gründlich gearbeitet wurde, wie es bei Arbeitern üblich ist und wo sich die Betriebsleitung auch im Allgemeinen darüber freut, hat diese Aktion sehr sehr lange gedauert, und hat bei den „Arbeitswilligen das Reinfahren um einiges verzögert.
In der Zeit des Wartens hatten die „Arbeitswilligen“ keine Langeweile. Sie wurden von allen Arbeitern gut unterhalten. Mitunter etwas lautstark, Harmonie stellte sich dabei nicht ein, aber Zweifel an ihrem Handeln, das bei den meisten von Angst bestimmt war. Einige haben unter Beifall der Arbeiter ihr Auto weggefahren und sich dazu gestellt.
Arbeitskämpfe sind kein Zuckerschlecken, aber es gibt auch was zu lachen. Viel gelacht wurde auch über die Panik der Leitenden, die zu Leidenden wurden, weil ihre Autorität nichts mehr wert war. Wir führten mit diesen „Bangemachern“ Diskussionen, dass Verzicht keinen einzigen Arbeitsplatz sicher macht.
Wir sind mit Essen und Trinken von unseren Mitkämpfern im Osten sehr gut versorgt worden. Wir haben an diesen Tag sehr viel gelernt, was sich in den Auseinandersetzungen, die noch kommen werden, gut mit einbringen lässt.
Kurz nachdem wir in Brandenburg waren, wurde ZF Getriebebau aus dem Streik heraus genommen. Warum?
Bei BMW standen die Bänder still!
In der Presse wurde der Streik als Chaotenwerk hingestellt.
Zwickel bricht kurz danach den Streik ab.
Ohne ein einziges Ergebnis.
Obwohl die Verkürzung auf 37 Stunden pro Woche als zwischen Ergebnis, wenn auch als Kompromiss, schon auf den Tisch lag.
Und er zeigt in der Öffentlichkeit sofort mit dem Finger auf Jürgen Peters, um im Nachhinein seinen nicht gewollten Nachfolger zu beschädigen und ihn zum Nicht-Antritt als Kandidat für den ersten Vorsitz in der IG Metall zu zwingen.
Viele westliche Betriebsratsvorsitzende aus großen Konzernen stimmen in diese Schlammschlacht um Jürgen Peters mit ein.
Die Vertrauensleute vertreten die IG Metall im Betrieb, sie beteiligen sich nicht an der Schlammschlacht. Aber eins ist ihnen klar, dass ihre Arbeit in den Betrieben, Vertrauen aufzubauen, über den Haufen geworfen wird, für „Machtstrategien“ ihrer Betriebsratsfürsten.
Es ist gut, dass Jürgen Peters nicht klein beigegeben hat. In dieser Situation sollten wir ihn unterstützen.
Es hat ein gemeinschaftlicher Kampf stattgefunden.
Kampferfahrungen sind wichtig, auch wenn der Kampf verloren geht.
Arbeitskämpfe stärken das Selbstbewusstsein und die Erkenntnis, wer hier die Werte schafft.
Dieser abgebrochene Kampf und die Schlammschlacht in der Öffentlichkeit zeigt unsern Leuten bitter, aber ganz klar, wer uns vertritt und wer uns glaubt treten zu müssen, um seinen Platz zu sichern.
Was verraten sie, nur sich und eine ganze Klasse.
Jupp von Krupp