KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”
Gelegentlich wird gemeint, Karl Marx habe die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung als einen sozusagen automatisch sich vollziehenden Vorgang aufgefasst.
Damit wird Bezug genommen auf das – vor 155 Jahren – im Spätsommer 1867 im Verlag von Otto Meißner zu Hamburg erschienene umfassende Werk „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Von Karl Marx. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals“.
Marx selbst hat das 24. Kapitel des ersten Bandes seines Werkes „Geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation“ überschrieben.[1]
Eine gesellschaftliche Tendenz ist eine Möglichkeit, die unter bestimmten Bedingungen zu einer Notwendigkeit wird, sie ist also kein Automatismus oder Selbstläufer unabhängig vom Verhalten der betroffenen Menschen und Klassen.
Marx’ Argumentation war – verkürzt – so: „Privateigentum, als Gegensatz zum gesellschaftlichen, kollektiven Eigentum (das in der Urgesellschaft existiert hatte, die bis 1867 für relevante Teile der Menschheit in verschiedenen Übergangsformen durchaus noch Bestand hatte – E. K.), besteht nur da, wo die Arbeitsmittel und die äußeren Bedingungen der Arbeit Privatleuten gehören.“[2] Diese Produktion verewigen zu wollen, hieße „die allgemeine Mittelmäßigkeit zu dekretieren“.[3] Marx weiter: „Auf einem gewissen Höhegrad bringt sie die materiellen Mittel ihrer eignen Vernichtung zur Welt. Von diesem Augenblick regen sich Kräfte und Leidenschaften im Gesellschaftsschoße, welche sich von ihr gefesselt fühlen. Sie muß vernichtet werden, sie wird vernichtet. Ihre Vernichtung, die Verwandlung der individuellen und zersplitterten Produktionsmittel in gesellschaftlich konzentrierte, daher des zwerghaften Eigentums vieler in das massenhafte Eigentum weniger, daher die Expropriation (Enteignung) der großen Volksmasse von Grund und Boden und Lebensmitteln und Arbeitsinstrumenten, diese furchtbare und schwierige Expropriation der Volksmasse bildet die Vorgeschichte des Kapitals. (...) Das selbsterarbeitete, sozusagen auf Verwachsung des einzelnen, unabhängigen Arbeitsindividuums mit seinen Arbeitsbedingungen beruhende Privateigentum wird verdrängt durch das kapitalistische Privateigentum, welches auf Exploitation (Ausbeutung – E. K.) fremder, aber formell freier Arbeit beruht. (...) Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, der Ausbeutung, aber auch der Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs (Enteigner – E. K.) werden expropriiert. (...) Es ist Negation der Negation. Diese stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf der Grundlage der Errungenschaft (!!!) der kapitalistischen Ära: der Kooperation und des Gemeinbesitzes der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel.“[4]
Marx zitierte dazu aus dem mit Friedrich Engels 1848 verfassten „Manifest der Kommunistischen Partei“, S. 11: „Der Fortschritt der Industrie, dessen willenloser und widerstandsloser Träger die Bourgeoisie ist, setzt an die Stelle der Isolierung der Arbeiter durch die Konkurrenz ihre revolutionäre Vereinigung durch die Assoziation. Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst weggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie produziert also vor allem ihren eignen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich ... Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehn, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse.“[5]
Ist das alles nur „Schnee von gestern“? Hat sich in den Zeiten seit dem Erscheinen des „Manifestes“ und des „Kapitals“ nicht in erstaunlicher Weise die „Lebendigkeit“ dieser beiden Schriften gezeigt, weshalb sie längst Bestandteile des UNESCO-Weltkulturerbes geworden sind?
Wenn dies keine literaturgeschichtliche Rarität bleiben soll, bleibt die mühsame geistige Erschließung dieses Erbes als eine Hilfe für die Orientierung und Meisterung aktueller und möglicher Situationen eine Aufgabe jeder heranwachsenden Generation.
Seit der weltgeschichtlich ersten Aktion 1871 in Paris zur Errichtung einer klassenlosen Ge-sellschaft über die Russische Oktoberrevolution 1917 und die Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (gegründet 1924) über die Gründung und Entwicklung einer Reihe von Volksdemokratien in Asien und Europa, einschließlich der Deutschen Demokratischen Republik am 7. Oktober 1949 (nachdem ein viertel Jahr zuvor separat die Bonner Bundesrepublik gegründet worden war), zum Rat für Gegenseitigen Wirtschaftshilfe die Warschauer Vertragskoalition als Reaktion auf die Gründung der NATO bis zur konterrevolutionären Beseitigung der sozialistischen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken nach dem Tode von Leonid Breshnew sowie der DDR und der volksdemokratischen Staaten in Europa hat sich real gezeigt, dass revolutionär errungene Gesellschaftszustände auch wieder verlustig gehen können – wie 1871 die 71 Tage dauernde Herrschaft der Kommune zu Paris. Solche Entwicklungen können im Laufe der Jahrzehnte verstärkt auftreten, wenn die ersten Generationen der Eroberer die politische Macht des werktätigen Volkes an die Nachgeborenen übergeben, die – gut behütet – von den Mühen und Opfern der Eroberung und ersten Gründung der politischen Macht nur aus Schriften oder vom Hörensagen etwas wissen. Es handelt sich um eine historische Tendenz, d.h. mögliche Entwicklung, die gefestigt werden und immer wieder neu durchgesetzt werden muss, um wirklich zu bleiben. Dazu muss vor allem die Ökonomie als Basis der Gesellschaft, qualitativ und quantitativ errichtet und entwickelt werden. So entwickelt werden, dass sie die Voraussetzungen, den jeweiligen Entwicklungsstand, zur Kenntnis nimmt und auf den Weg führt, der der historischen Tendenz entspricht: von der Kleinproduktion zur großen Industrie, vom Privateigentum zum Gemeineigentum.
Eike Kopf
Die „Kölnische Zeitung“ (Nr. 89, 90 (1. Blatt), 92, 93, 94 und 95 (jeweils 3. Blatt) vom 29. und 30.3. sowie 2., 3., 4. und 5.4.) veröffentlichte „Die Lehren des heutigen Socialismus und Communismus. Zwei Vorträge, gehalten in Barmen, von Heinrich v. Sybel.“ In der ersten Folge heißt es bei dem damaligen Führer der preußischen Historikerschule bezüglich des „größeren, höchst lesenswerthen Buche: Das Capital“.
„Die Forderungen der modernen Socialisten beziehen sich in erster Linie auf eine Umgestaltung des industriellen Lebens. Zugleich aber suchen sie ihre Berechtigung nachzuweisen durch eine neue Auffassung der Grundlagen alles menschlichen Daseins, des Rechtes und des Staates, der Geschichte und der Philosophie. Das schließliche Urtheil über die Ausführbarkeit ihrer Ansprüche kann nur auf dem Standpuncte des praktischen Geschäftsmannes, die Auseinandersetzung aber mit ihren Grundsätzen nur auf dem Boden der Wissenschaft gelingen. (...) Marx ist (...) ein eifriger Schüler der Hegel’schen Philosophie. Nachdem er vor 20 Jahren seinen Wohnort in London genommen, hat er mit einem unermüdlichen Fleiße die Verhältnisse der englischen Industrie, die Entstehung und das Heranwachsen ihrer einzelnen Zweige, die Lage der verschiedenen Arbeiterclassen, die Wechselbeziehungen zwischen Industrie und Ackerbau studirt. Er hat dann diese Forschungen weit zurück in die Vergangenheit ausgedehnt, die Umwälzung der dortigen Lebenszustände durch die großen Entdeckungen des 15. und 16. Jahrhunderts untersucht und so den Ursprung der heutigen Verhältnisse in großem historischen Zusammenhange aufzufassen vermocht. Dabei ist er einer der gründlichsten Kenner der volkswirthschaftlichen Literatur in allen Ländern Europa’s, so daß er sowohl von der theoretischen als von der praktischen Seite mit einer ganz seltenen Vorbereitung seine Aufgabe ergriffen hat. Sein Styl ist nicht eben erfreulich; als guter Hegelianer strebt er die ungeheuren Massen seines Stoffes auf die Entwicklungs-Momente eines einzigen Grundbegriffs zurückzuführen und wird dadurch in seinem Raisonnement oft unerträglich weitschweifig, oft in lästiger Weise schwerfällig. Bündig aber und geschlossen ist seine Erörterung im höchsten Grade; wer ihm die ersten Sätze zugibt, wird unwiderstehlich zur Anerkennung der letzten Folgerungen genötigt.“
Am Schluss seines zweiten Vortrages verwies von Sybel auf „die pariser Commune von 1871“ und sagte: „Die in ihren Fundamenten bedrohte Gesellschaft hat noch immer, vor Allem in Deutschland, alle Mittel, die Gefahr zu beschwören und den Frieden herzustellen. Aber gelingen wird es nur dann, wenn sie die höchsten Kräfte des Menschen an die große Aufgabe setzt: angestrengte Arbeit des Gedankens und unermüdliche Liebe des Nächsten.“
Von da an – im Lichte der dreimonatigen Herrschaft der Commune zu Paris 1871 – wurde die Kritik an Marx’ „Kapital“ und überhaupt an den Schriften von Marx und – ab „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“ 1877 ff. auch – von Engels in wachsendem Maße zum Angelpunkt des geistigen und politischen Lebens.
1 Siehe Marx/Engels: Werke, Band 23, S. 789.
2 Ebenda
3 Ebenda
4 a.a.O. S. 789 f.
5 a.a.O. S. 791