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Demokratismus gegen Demoralisierung

16 Jahre Kohl, 16 Jahre Agonie. Ein weiteres Mal, das hätte uns doch kein Schwein geglaubt. Wir wären doch zur Lachnummer der ganzen Welt geworden.

Das haben viele gedacht. Viele haben das getan, was die Gewerkschaftsführung uns schon seit Jahren riet, immer wenn der Gürtel besonders drückte, die Ungerechtigkeit einen ganz ohnmächtig vor Wut machte: Macht Euer Kreuz halt an der richtigen Stelle, dann wird nach der nächsten Wahl alles anders.

Und dann kam der 26. September und wir haben gewählt und wir wußten aus Erfahrung, man kann den Sozis nicht trauen. Aber der „Dicke“ ist weg. Wir wollen wieder was: Und zwar mehr Demokratie. Also weg mit dem alten Staatsbürgerschaftsrecht, her mit einem Asylrecht, das auch eines ist.

Wir wollen uns wieder wehren können, atmen können. Also weg mit allen Verschlechterungen der Arbeits- und Sozialgesetzgebung seit 1982.

Und natürlich: Die Reichen sollen zahlen!

Aber es wird alles viel schlimmer! Schon wenige Monate nach ihrem Amtsantritt fliegen Bomben auf Belgrad. Auch deutsche Bomber tragen die schwere Last. Wie vor 50 Jahren, fast zum Jahrestag, und wieder ohne Kriegserklärung. Ihre Geheimdiplomatie, ihre Zersetzungspolitik mittels Geldtropf für die Zerschlagung von Jugoslawien hat also gewirkt.

Sie bombardieren heute mit unseren Argumenten, wie:

Damit kein neues Auschwitz mehr geschieht, sagen sie, – während sie früher unsere Warnungen vor einer faschistischen Gefahr verlachten. Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg! – und den kriegslüsternen deutschen Imperialismus mißachteten. Wir kämpfen einen gerechten Krieg für eine gerechte Sache! – ist heute ihre Parole, während sie unsere Aufrufe zur Solidarität mit den Volksbefreiungsbewegungen verhöhnten.

Wenn sie „mehr Verantwortung in der Welt“ übernehmen wollen, dann wollen sie nicht etwa für ihre Verbrechen überall auf der Welt vor einem Tribunal der Völker Platz nehmen, sondern sich das Recht nehmen, noch mehr Völker zusammenzubomben, die es wagen, sich nicht an sie zu verkaufen.

Aber jetzt ist Frieden. Die Bomben und die mediale Kriegsmaschinerie schweigen. Die zu Ritualen verkommenen Vorgänge des täglichen politischen Geschäftes kehren zurück. Schneller als wir es uns gedacht. Ja sie setzen die Kontinuität fort, in der Reform zum Schimpfwort verkommen ist – zur Androhung von Gewalt gegen die Ärmsten.

Des Spießers liebste Eigenschaft – die Unterwerfung unter die Sachzwänge – regiert wieder unsere Normalität nach dem Krieg:

„Klar ist viel Elend auf der Welt. Deshalb sind wir ja in den Kosovo, um das Übel schon an der Wurzel anzugehen. Sonst kommen doch alle nur zu uns. Nicht nur aus dem Kosovo, auch aus Kurdistan (und wo wir sonst noch wirken). Wer soll die denn alle aufnehmen. Du etwa? Wer soll das denn alles zahlen? Na also.

Und die Ausländer. Klar ist es denen bei uns nicht so gut gegangen. Wie Gäste sind die echt nicht aufgenommen worden. Aber wenn die alle wählen dürfen und dann noch denen ihre Kinder. Und die kommen dann auch alle. Man weiß ja, daß die recht viele kriegen und auch noch eine ganz andere Bindung an die Großfamilie haben und so. Man will die ja auch zu nix zwingen. Vielleicht wollen die so bleiben und nicht total den Kontakt in ihre Heimat verlieren. Manche wollen sich auch gar nicht so recht anpassen. Aber tolle Pizza und Döner machen die schon. Und die Kinder sind auch ganz niedlich – wenn die so klein sind.“

Und weiter: „Natürlich ist krank sein nicht so schön. Jeder hat ja auch ein Recht auf einen Arzt. Aber so Raucher, oder so ein Couchpotatoe, der nie mal was für seine Gesundheit tut. Müssen wir das dann alle zahlen? Wir leben schließlich nicht mehr in der DDR. Wir wollen eigenverantwortliches Handeln fördern. Mit den chronisch Kranken oder den Alten (das ist ja eh fast dasselbe), das ist schon heikel. Aber ist zuviel Technik, zuviel Medizin nicht auch inhuman? Da verlieren die doch total ihre Würde. Irgendwann muß man halt einsehen, daß man nicht alles tun sollte, was möglich ist. Und wir reden jetzt gar nicht von den Kosten. Klar man sieht schon, daß viele es mit dem Rücken und dem Herzen haben, die Arbeit ist für manche nicht so einfach. Aber die könnten auch schon früher mit Gymnastik anfangen, Psychotherapie oder Antiraucherprogramme – nicht immer erst wenn es weh tut. Prophylaxe ist das Zauberwort. Auch mit Umwelt- oder Arbeitsgiften oder Amalgam oder so ne Sachen. Das geht nicht von jetzt auf gleich. Das braucht seine Zeit. Und wenn jeder dann Regreß verlangt? Da sind wir bald pleite und wir müssen doch an unsere Kinder denken.“

...

Ja, ja im Kosovo da wurde mal so eben der große Zampano gespielt, da konnte man zeigen, wer man ist. Aber ein bißchen kühler Wind von rechts und schon liegt man in sozialen und staatbürgerlichen Fragen schon auf den Knien vor selbigem.

Aber: „Mit den Nazis da braucht man uns nichts erzählen. Schließlich waren wir auch 68 dabei, wie es gegen die alten Profs ging. Auschwitz hat uns ziemlich berührt (vor allem als ich mit meinen oliv-grauen Jungs dort war) mit der ganzen Schande von dieser Tätergeneration. Da müssen wir noch schwer dran tragen, das überfällt einen jeden Tag. Man muß dann schon sehr bescheiden sein, deshalb tragen wir ja auch bei offiziellen Anlässen mit diesen Juden denen ihre Hütchen. Wir haben halt Schuld abzutragen, da muß man schon Sühne zeigen. Muß auch Verantwortung übernehmen, damit so etwas nicht nochmal passiert. Haben wir ja auch, werden wir ja auch.

Aber daß die jetzt alle kommen. Mit ihren jüdischen Anwälten. Wiedergutmachung wollen die. Unserer Wirtschaft geht es jetzt wirklich nicht so gut. Die Firmenchefs von heute, die haben doch mit damals gar nichts mehr am Hut. Und daß unsere Kinder für die alten Sachen auch noch bluten müssen, weil es dann keine Arbeitsplätze gibt.

Tja, fröhlich ist das Spießerleben der Sozialpartner und Arschkriecher.

Aber was ist denn nun, wenn wir auf Eure Argumente einen heben?

Was ist, wenn wir jedem eine auf die Nase geben, der unserem Freund, der zufällig Asylbewerber ist, an den Kragen will, weil er z.B. widerrechtlich seinen Landkreis verlassen hat, um uns zu sehen?

Was ist, wenn in unseren Pizzerien für Euch Betreten verboten ist?

Was ist, wenn kein Flieger mit Abschiebehäftlingen Eure Flughäfen mehr verlassen kann, weil unser Kollegen sich weigern zu fliegen?

Was ist, wenn wir jeden osteuropäischen Bauarbeiter mit einer Nelke und einem Gewerkschaftmitgliedsbuch begrüßen?

Was ist, wenn unsere Ärzte ihre eigenen Diagnosen ernst nehmen, uns verschreiben, was wir brauchen und Euer Budget mißachten?

Was ist, wenn wir Eure Rathäuser stürmen, weil ihr einen der alten Industrie­magnaten, Kriegsgewinnler, Zwangsarbeiter-Knechter zu Ehrenbürgern erklären wollt?

Was ist, wenn wir plötzlich parteilich sind? Parteilich für unsereins.

Was ist, wenn wir gar nichts mehr von dieser Demokratie, von dieser Gleichheit, von dieser Brüderlichkeit wollen?

Wenn wir auf die heilige Kuh, das Privateigentum, den Kapitalismus überhaupt pfeifen, weil ihr uns doch nur ein drittes Mal für Eure Pfründe, wegen Eurer Arroganz gegen andere Völker hetzen würdet?

Wenn wir uns einfach holen, was uns zusteht?

Was wäre dann?

Arbeitsgruppe Jugoslawien und wir –
gegen die imperialistische Allianz

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