KAZ
Lade Inhalt

Wer hat meine Jeans genäht?

Vor gar nicht langer Zeit ging ein Sturm der Entrüstung durch unser Land: Uns werden überall Waren angeboten, die von kleinen Kindern, schon von Fünfjährigen zu einem Hungerlohn unter unvorstellbar grausamen Bedingungen gefertigt werden. Es gab weltweit Boykottaufrufe gegen diese Kinderausbeuter, es gab teilweise sogar spektakuläre Aktionen der Kinder selbst.

Die Boykottaktionen waren ehrenwert und menschlich gedacht. Hinter diesen skandalösen Enthüllungen aber verschwand etwas das allgemeine Wissen, daß sehr viele Waren überhaupt unter unwürdigsten Bedingungen von Arbeitern jeden Alters gefertigt werden, die wir dann zu Schleuderpreisen kaufen können. Bananen sind billiger als Äpfel, zerrissene Kleidung wird kaum noch wie früher geflickt, weil es günstiger ist, eine Überstunde für ein neues Kleidungsstück draufzulegen.

Die Kleidung, die wir kaufen, wird hauptsächlich im Ausland hergestellt[1], wie z.B. aus dem folgenden Bericht hervorgeht:

Die von Klaus Steilmann 1958 gegründete Bekleidungsgruppe (eines der „führenden Bekleidungsunternehmen“ in Europa, d.V.) fertigt mit 3.500 Mitarbeitern etwa ein Zehntel ihrer Kollektionen in Deutschland. Bei anderen Textilunternehmen ist der Anteil der Inlandsproduktion noch sehr viel kleiner. Auch Steilmann hält den Tag nicht mehr für fern, an dem seine Gruppe in noch größerem Umfang jenseits der Grenzen schneidert. Schon heute beschäftigt das Unternehmen dort 14.000 Mitarbeiter in eigenen Betrieben und sorgt in fremden Firmen für die Beschäftigung von mehr als 10.000 Arbeitskräften.“[2]

Der Anteil an Arbeitern und Angestellten, die im Ausland für deutsche Kapitalisten arbeiten, betrug 1996 über 3 Millionen[3], gegenüber ca. 22,4 Millionen in Westdeutschland (ca. 28,2 Millionen in der gesamten BRD; nur „verarbeitendes Gewerbe“: ca. 6,8 Millionen in Westdeutschland, 7,9 Millionen in der BRD gesamt)[4]. Bei den Zahlen in Westdeutschland und der einverleibten DDR ist zu berücksichtigen, daß hier alle in Kleinbetrieben ohne Filialen im Ausland Arbeitenden enthalten sind, und alle, die für ausländische Kapitalisten arbeiten, die in der BRD investiert haben. Außerdem handelt es sich bei den hier und im folgenden uns zur Verfügung stehenden „Inlandszahlen“ um die Summe der Zahlen in Westdeutschland/Westberlin und in der einverleibten DDR. In Wirklichkeit sind aber Investitionen im Osten Deutschlands auch so etwas wie Auslandsinvestitionen - hier werden Billiglöhne und verhältnismäßig große Rechtlosigkeit der Arbeiter bei hoher Qualifikation der Arbeitskräfte und Subventionen für den „Aufbau Ost“ geboten; die Bedingungen sind also völlig andere als in Westdeutschland und Westberlin.

Von den über 3 Millionen Arbeitern und Angestellten im Ausland wird ein großer Teil in hochindustrialisierten Ländern ausgebeutet: Mehr als eine halbe Million in den USA und ca. 1,2 Millionen in Ländern der EU.

Es gibt verschiedene Motive der Kapitalisten, im Ausland zu investieren, nicht nur das der Billiglöhne. Es kann dabei auch um die Erschließung von Absatzmärkten, das Umgehen von Handelsschranken, um Subventionen, um das Vermeiden von Umweltauflagen etc. gehen. Immer geht es darum, die Konkurrenz anderer Monopole weltweit aus dem Feld zu schlagen. Dazu dient vor allem der Kapitalexport. Bei der Ausplünderung armer Länder spielen aber auch noch andere Maßnahmen als die Ausbeutung von Billigarbeitskräften eine große Rolle - vor allem die Aneignung von Rohstoffen durch Raub oder Zahlung von Schleuderpreisen.

Der Unterschied zwischen Kleinkrämern und großen Räubern

Die fünf deutschen Konzerne, die am meisten Kapital im Ausland investiert haben, sind VW, Bayer, Daimler Benz, Siemens und Hoechst[5] (wobei uns nur Statistiken vorliegen, die 1996/1997, also vor den Freßorgien deutscher Konzerne im Jahr 1998, erstellt wurden). Diese fünf Konzerne beschäftigen weltweit über 1,2 Millionen Arbeiter und Angestellte, davon ca. 520.000 im Ausland (das sind 42%, wenn man die genaueren Zahlen zugrunde legt: 1.245.511 gesamt, 522.942 im Ausland). Es ergibt sich also ein ganz anderes Bild als bei der Bekleidungsindustrie: Die Mehrheit der Arbeiter dieser Konzerne ist in der BRD (gesamt) beschäftigt. Nur bei den Chemiegiganten Bayer und Hoechst ist der Anteil der Arbeiter im Ausland größer als der im Inland (54 und 61% im Ausland). Daimler Benz hat absolut und relativ von den fünfen am wenigsten Beschäftigte im Ausland: 68.907, das sind nur 22% der gesamten Belegschaft.[6]

Wer ist die Bekleidungsindustrie mit ihrer großen Zahl Arbeiter im Ausland gegenüber diesen fünf Großen? Wenn diese fünf sich über das Schicksal der BRD und die ganze Welt verständigen, darf der „führende Bekleidungsunternehmer“ Klaus Steilmann nicht mal am Katzentisch sitzen.

Der Unterschied besteht in der Zusammensetzung des Kapitals - man nennt das die „organische Zusammensetzung“. Das Kapital, das der Kapitalist einsetzt, besteht aus konstantem Kapital - das sind Maschinen, Gebäude, Rohstoffe, und variablem Kapital - das sind die Auslagen für die Arbeitskraft, also Löhne und „Lohnnebenkosten“. Bei den vorhin genannten fünf großen Konzernen ist natürlich der Anteil des konstanten Kapitals anteilig viel größer als z.B. bei Bekleidungsunternehmen, da die Großen die neueste Technologie einsetzen. Anders wären ihre Waren nicht herstellbar (z.B. Maschinen für die Industrie, Medikamente, ja selbst Autos oder simple Bürogeräte erfordern heute viel modernere Produktionsbedingungen, während sich das Kleidernähen in den letzten hundert Jahren im Vergleich dazu kaum verändert hat), und sie versuchen so auch, Arbeitszeit einzusparen, um in der Konkurrenz mit den anderen Großen auf der Welt zu bestehen. So erklärt sich der sehr große Einsatz an Kapital im Ausland mit vergleichsweise geringem Anteil an variablem Kapital, also mit vergleichsweise wenigen Arbeitern im Ausland. Daß die Bekleidungsindustrie so viele Arbeiter im Ausland ausbeutet, beweist ihre technologische Rückständigkeit und ihre untergeordnete Rolle im Treiben der Imperialisten.

Da habe ich nun meine neuen Jeans gekauft. In ihnen steckt womöglich das Leid und Elend gepeinigter Kinder, deren kurzes Leben von Anfang bis Ende qualvoll und freudlos ist. Wer hat schon so ein strapazierfähiges Gewissen, daß ihn dieser Gedanke völlig kalt läßt?

Den Herrn Generaldirektor bei Daimler-Benz z.B. muß ich um sein Gewissen beneiden. Nicht nur, weil die Gattin selbstverständlich bei der Schneiderin fertigen läßt. Sondern auch, weil seiner Bilanz der Geruch gequälter Kinder nicht anhaftet (zumindest ist bisher nichts aufgekommen). Mit den geldgierigen und ständig über die mangelnde Kaufkraft der Leute jammernden Habenichtsen von der Bekleidungs-, Teppich-, Spielzeugbranche macht er sich nicht gemein. Die Arbeiter bei Daimler-Benz werden mit Hilfe modernster Technologie ausgebeutet, sie sind erwachsen, frühstücken morgens gut, haben abends ihr verdientes Bier auf dem Tisch und freuen sich auf ihre Rente.

Was können wir tun?

Eigentlich ist die Konsequenz aus diesen scheinbar so verwickelten ökonomischen Verhältnissen ganz einfach: Die Arbeiter, die in Stuttgart die allertollsten Autos bauen, und die Kinder, die im ärmsten Teil der Welt meine Jeans nähen mußten, werden gemeinsam die Welt verändern. Es ist gleich, ob sie das noch nicht wissen, noch nicht glauben oder noch nicht wollen. Sie sind heute Kollegen und morgen Kampfgenossen. Denn ebenso unerträglich wie die Arbeitsqual der Kinder (und der erwachsenen Arbeiter) in den armen Ländern ist auf Dauer der Drang der deutschen Monopole nach ständiger Steigerung der Ausbeutung der Arbeiter, nach völliger Unterwerfung der Arbeiterbewegung und jeder antifaschistischen, antimilitaristischen und antiimperialistischen Opposition, nach Neuaufteilung der Welt zu ihren Gunsten.

Aus diesen Widersprüchen werden die revolutionären Möglichkeiten der Arbeiter wachsen. Das können wir weder verhindern noch hervorrufen, aber wir können unseren Teil beitragen, diesen Prozeß zu beschleunigen durch die Förderung des Klassenbewußtseins der Arbeiter in unserem Land. Wer dabei mithelfen will, sollte den organisierten Kommunismus unterstützen (z.B. durch Mitarbeit an der KAZ). Über theoretische Grundlagen zu diesem Thema - die Beziehungen zwischen den Arbeitern reicher und armer Länder - kann man sich mit Hilfe des folgenden Artikels kundig machen.

Arbeitsgruppe „Klassenanalyse“

1 Gleichzeitig ist der Exportanteil der Bekleidungsindustrie nicht gering, beträgt z.B. bei dem Beispiel im folgenden (Steilmann) fast 50 Prozent, wobei eins der wichtigsten Abnehmerländer Großbritannien ist. Zwischen Export und Import auf irgendeinem Gebiet eine Bilanz zu ziehen, ist uns nicht möglich. Wenn nämlich ein Konzern, der in mehreren Ländern vertreten ist, halbfertige Produkte zur Weiterverarbeitung hin und her schickt, dann taucht das in der offiziellen Wirtschaftsstatistik der betreffenden Länder nicht auf - das ist eine „innere Angelegenheit“ der betreffenden Konzerne. Deshalb können die in diesem Artikel angegebenen Zahlen nur einen Eindruck, nicht aber einen genauen Überblick über Ausbeutung und Umsatz bei uns und in anderen Ländern in den verschiedenen Industriezweigen geben.

2 Süddeutsche Zeitung 16.11.98, S.27

3 Deutsche Bundesbank, Kapitalverflechtung mit dem Ausland, Statistische Sonderveröffentlichung 10, Ausgabe Mai 1996 und Mai 1998, entnommen aus: Politische Berichte 12/98, S.7

4 Statistisches Jahrbuch BRD 1998

5 Eigene Berechnungen, Quelle: UNCTAD 1997, entnommen aus: isw-report Nr.34

6 Eigene Berechnungen, siehe Fußnote 5

Spenden unterstützen die Herausgabe der Kommunistischen Arbeiterzeitung
Email Facebook Telegram Twitter Whatsapp Line LinkedIn Odnoklassniki Pinterest Reddit Skype SMS VKontakte Weibo