Irgendwann, als die Herstellung der KAZ Nr.290 sich dem Ende näherte, muß einer der erschöpften Genossen oder Genossinnen des Layout-Kollektivs wohl einfach die Nase voll gehabt haben von den in dieser KAZ (Schwerpunktthema: Militarisierung) dargestellten erbärmlichen Zuständen. Ganz aus Versehen bekam die letzte Seite ihren letzten Schliff: der Abmarschplatz der Demonstration in Berlin zu Ehren von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wurde kurzerhand bezeichnet mit: Leninplatz (vormals Platz der Vereinten Nationen).
Das stimmt leider noch nicht. Es fällt uns allerdings schwer, diesen Fehler zu tadeln. Ein so guter Fehler verdient eher ein paar Zeilen zum Beweis seiner Berechtigung. Und das heißt in diesem Fall, einen Blick in die jüngere Geschichte.
Schon in den zwanziger Jahren demonstrierten die Berliner Arbeiter jedes Jahr im Januar zur Gedenkstätte für ihre ermordeten Führer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin-Friedrichsfelde. Nachdem die Hitlerfaschisten vom Kapital an die Macht gebracht worden waren, zerstörten sie das Denkmal. An dieser Stelle wurde nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus ein Mahnmal errichtet. In der DDR wurde die Tradition der Berliner Arbeiter wieder aufgegriffen und jedes Jahr im Januar nach Friedrichsfelde demonstriert.
„Verordnet!“ – „Hingekarrt!“, so wütete die Bourgeoisie. Aber wie erschrocken rangen die westdeutschen Medien nach Worten, als 1990 sich zehntausende DDR-Bürger ganz frei entschieden, am Sonntag vor dem Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht „wie immer“ nach Friedrichsfelde zu gehen. Und das ist bis heute jedes Jahr so. Dieses Jahr mußte sogar die bürgerliche Journaille zugeben, daß über Hunderttausend Karls und Rosas gedachten.
Und nun zurück zum Leninplatz, der einige Kilometer von der Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde entfernt liegt. Dort stand ein großes Lenin-Denkmal, das vom Senat von Berlin nach langem Kampf gegen das antifaschistische Berlin 1992 geschleift wurde. Der Widerstand zur Verteidigung des Lenin-Denkmals hatte eine Breite, die weit über die Kommunisten, die Anhänger der Lehren Lenins, hinausging. Protestaktionen erschwerten ständig die ohnehin schon schwierige Arbeit, das tonnenschwere Monument zu beseitigen. Täglich kamen Menschen, um frische Blumen an den vom Senat um Lenin gezogenen Zaun zu stecken. Junge Antifaschisten hatten Zelte aufgeschlagen und bewachten wochenlang Tag und Nacht das Denkmal.
Die Bürgerinitiative Lenin-Denkmal, die an erster Stelle den Widerstand organisierte, rief im Januar 1992 dazu auf, vom – damals noch – Leninplatz, vom bereits vom Senat geköpften, aber noch nicht gestürzten Lenin aus gemeinsam nach Friedrichsfelde zu marschieren. Es wurde eine sehr große Demonstration, die sich mit den zehntausenden vereinte, die zum „Stillen Gedenken“ direkt nach Friedrichsfelde kamen. Und sie wurde sofort zur Tradition: Jedes Jahr heißt es nun, wir treffen uns um 10 am Leninplatz (natürlich Leninplatz, wo denn sonst? – auch wenn er inzwischen in „Platz der Vereinten Nationen“ umbenannt wurde), und marschieren gemeinsam zu Karl und Rosa.
Da muß man nun verstehen, daß der Berliner Senat (Große Koalition) äußerst enttäuscht und sauer ist. Seine Aufgabe ist es, diese Stadt einschließlich Daimler-Benz-City, Bannmeile, gezähmter Ossis und sonstiger Ausländer, unter den Teppich gekehrter Armut und eingeschüchterter Antifaschisten gewienert und gebügelt der Bonner Regierung zu übergeben. Deshalb waren ja weder Mühe noch Kosten gescheut worden, um das Lenin-Denkmal wegzukriegen. Und jetzt stehen jedes Jahr Zehntausend aus Ost und West bei Lenin, um zu den Zehntausenden in Friedrichsfelde und zu Karl und Rosa zu demonstrieren!
Der Senat arbeitet fieberhaft an der Beseitigung dieser Schwierigkeiten. Der Kampf gegen Lenin geht weiter. Eine Methode dabei ist, das Gerücht zu kolportieren, daß die Demonstration vom Leninplatz und das stille Gedenken in Friedrichsfelde zwei konkurrierende Veranstaltungen seien – und dieses Gerücht wird bis zum Erbrechen von den bürgerlichen Medien wiederholt. Tatsächlich begeben sich ungeheuer viele Menschen direkt nach Friedrichsfelde und nehmen nicht an der Demonstration teil, obwohl sie sie richtig finden und sehr mit ihr sympathisieren. Darunter sind zum Beispiel viele Ältere und Menschen mit kleinen Kindern, die sich den langen Weg oder die Auseinandersetzungen mit der prügelnden und unberechenbaren Polizei nicht zutrauen. Von denen, die bei der Ehrung – ob mit oder ohne Demonstration – mitmachen, glauben sowieso sehr wenige (und immer weniger) an das Gerücht der konkurrierenden Veranstaltungen. Was den Senat von Berlin zu der Schlußfolgerung gelangen läßt: Wer nicht hören will muß fühlen. Seit einigen Jahren schon wird mit Hilfe unrechtmäßiger und brutaler Polizeieinsätze versucht, die Demonstration von dem stillen Gedenken zu trennen. Der bisher schärfste Einsatz dieser Art war in diesem Jahr. Die Demonstration kam wegen der widerrechtlichen polizeilichen Störungen erst lange nach dem angekündigten Ende des stillen Gedenkens an - aber es wurde nichts beendet. Es wurde gewartet und die Sache löste sich erst auf, nachdem auch der letzte der Demonstrationsteilnehmer an der Gedenkstätte der Sozialisten vorbeigezogen war. Nicht alle Demonstrationsteilnehmer kamen an - viele mußten in Krankenhäusern versorgt werden, weil von der Polizei auf sie eingeknüppelt und -geschlagen worden war, ohne den geringsten Anlaß. Es half nichts – das Ziel, die Demonstration vom Leninplatz von der Ehrung für Liebknecht und Luxemburg zu trennen, wurde auch dieses Jahr nicht erreicht.
Natürlich ist für viele Berliner der Leninplatz nicht nur einmal im Jahr im Januar der Leninplatz. Zum Beispiel nutzten unbekannte Revolutionäre anläßlich des Jahrestags der Gründung der DDR 1997 die vom Senat an der Stelle des entwendeten Denkmals aufgeschütteten Klamotten, um an den richtigen Namen des Platzes zu erinnern (siehe Fotos).
Wir sehen also, der Fehler liegt nicht bei den Genossinnen und Genossen, die die letzte KAZ hergestellt haben. Der Fehler liegt ganz woanders. Und er ist korrigierbar. Dazu beitragen heißt auch: Nächstes Jahr im Januar treffen wir uns wieder am Leninplatz, um gemeinsam zu Karl und Rosa zu marschieren.