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Die Arbeiterklasse in Westdeutschland

Überblick oder woher kommt der Reichtum?

In Westdeutschland leben 1997/98 66,6 Millionen[1] registrierte Menschen. Davon gehen 32,1 Millionen Menschen (48,2%), in der bürgerlichen Statistik in Selbständige und abhängig Beschäftigte unterteilt, irgendeiner Erwerbstätigkeit nach oder sind beim Arbeitsamt erwerbslos gemeldet.

34,5 Mill. Menschen (51,8%) sind zu jung oder zu alt, sind für längere Zeit aus dem Arbeitsprozeß herausgefallen und leben von Sozialhilfe oder schlagen sich sonstwie durchs Leben, sind zuhause und kümmern sich um Haushalt und Kinder oder besitzen soviel Vermögen, daß sie sich nicht einmal mehr den Schein irgendeiner Erwerbstätigkeit geben müssen. Dieser kleine Unterschied wird von der bürgerlichen Statistik nicht extra ausgewiesen.

Von den 32,1 Mill. Erwerbspersonen sind:

3,2 Mill. erwerbslos gemeldet (9,9%)

22,1 Mill. Arbeiter und Angestellte (68,8%)

2,2 Mill. Beamte (6,8%)

3,1 Mill. Selbständige und mithelfende Familienangehörige (9,6%).

Der Rest (1,5 Mill.) sind Menschen, die zwar einer Erwerbstätigkeit nachgehen, aber nicht hauptsächlich von dieser leben oder leben können. Wie z.B. Rentner, die zu ihrer Rente noch hinzuverdienen müssen und für 620,- DM sozialversicherungsfrei arbeiten. Deshalb werden sie in der Statistik nicht unter Arbeiter und Angestellte aufgeführt.

Oder aber auch Unternehmer, die als solche gemeldet sind, aber hauptsächlich von ihrem Vermögen leben. So sehr verwischt die bürgerliche Statistik Klassenunterschiede!

Alles ganz anders als zu Marx’ Zeiten?

Wir haben den Vergleich zu den gesellschaftlichen Verhältnissen in jener Zeit, in der Marx lebte, in der KAZ 231/232 schon einmal gezogen - mit allen Vorbehalten, die ein solches Vorgehen beinhaltet. In einer Zeit, da sich das Vorurteil, Klassen seien etwas, was der grauen Vorzeit angehört, so hartnäckig hält, kann es nicht schaden, die „graue Vorzeit“ mit den heutigen Zahlen noch einmal zu vergleichen.

Marx schrieb über die engliche Gesellschaft 1861:

„Nach dem Zensus von 1861 zählte die Gesamtbevölkerung von England und Wales 20.066.224 Personen, wovon 9.776.259 männlich und 10.289.965 weiblich. Zieht man hiervon ab, was zu alt oder zu jung zur Arbeit, alle ,unproduktiven’ Weiber, jungen Personen und Kinder, dann die ,ideologischen’ Stände, wie Regierung, Pfaffen, Juristen, Militär usw., ferner alle, deren ausschließliches Geschäft der Verzehr fremder Arbeit in der Form von Grundrente, Zins, endlich Paupers, Vagabunden, Verbrecher usw., so bleiben in rauher Zahl 8 Millionen beiderlei Geschlechts und der verschiedensten Alterstufen, mit Einschluß sämtlicher irgendwie in der Produktion, dem Handel, der Finanz usw. funktionierenden Kapitalisten.“[2]

Im folgenden (s. unten) zählt Marx die abhängig Beschäftigten in den einzelnen Bereichen auf und kommt auf insgesamt 3,9 Millionen, also nicht ganz die Hälfte der 8 Millionen Erwerbspersonen. Den Rest von 4,1 Mill. würde die Statistik heute als gute 50% Selbständige führen, die in Westdeutschland aktuell nur mehr 9,6% ausmachen. Von daher haben die Klassenverhältnisse sich erst einmal vereinfacht: Die abhängig Beschäftigten, einschließlich der Erwerbslosen, stellen 90% der Erwerbsbevölkerung dar.

Bedenkt man zusätzlich, daß ein erheblicher Teil dieser Selbständigen noch vor kurzem Arbeiter oder Angestellte waren, die die Kapitalisten aus Kostenersparnis zu Scheinselbständigen[3] machten, ein weiterer großer Teil Kleinbürger sind, dann wird deutlich, daß die Kapitalisten heute wirklich nur mehr eine verschwindende Minderheit sind!

Doch zurück zu Marx. Er schrieb weiter:

„Von diesen 8 Millionen kommen auf:

Ackerbauarbeiter (mit Einschluß der Hirten und bei Pächtern wohnenden Ackerknechte und Mägde)

1.098.261 Personen

Alle in Baumwoll-, Woll-, Worsted-, Flachs,- Hanf,- Seide,- Jutefabriken und in der mechanischen Strumpfwirkerei und Spitzenfabrikation Beschäftigten 642.607 Personen

Alle in Kohle- und Metallbergwerken Beschäftigten

565.835 Personen

In sämtlichen Metallwerken (Hochöfen, Walzwerke usw.) und Metallmanufakturen aller Art Beschäftigten

396.998 Personen

Dienende Klasse

1.208.648 Personen

Rechnen wir die in allen textilen Fabriken Beschäftigten zusammen mit dem Personal der Kohlen- und Metallbergwerke, so erhalten wir 1.208.442; rechnen wir sie zusammen mit dem Personal aller Metallwerke und Manufakturen, so die Gesamtzahl 1.039.605, beidesmal kleiner als die Zahl der modernen Haussklaven. Welch erhebendes Resultat der kapitalistisch exploitierten Maschinerie.“[4]

Von den 22,1 Mio. Arbeitern und Angestellten in Westdeutschland arbeiten im Bereich:

Land- und Forstwirtschaft 0,2 Mill.

Bergbau, Energie- 0,3 Mill. und Wasserversorgung

Verarbeitendes Gewerbe 7,1 Mill. (im wesentlichen Industrie)

Baugewerbe 1,4 Mill.

Handel 3,2 Mill.

Verkehr 0,9 Mill.

Nachrichtenübermittlung (Post) 0,2 Mill.

Banken und Versicherungen 1,0 Mill.

Dienstleistungen 6,4 Mill.

Sozialversicherungen 1,4 Mill. und Gebietskörperschaften.

Als nächstes fällt ins Auge, daß von den 32,1 Mill. Erwerbsbevölkerung 9 Mill. Arbeiter und Angestellte oder 28% in der Gewinnung von Rohstoffen und Herstellung von Gütern aller Art (von Nahrungsmitteln über Maschinen bis Waffen) arbeiten, während 13,2 Mill. oder 41% in allen anderen Bereichen beschäftigt sind. In England 1861 machten die 2,7 Mill. abhängig Beschäftigten in dem zuerst genannten Bereich noch einen Anteil von 34% der Erwerbsbevölkerung aus.

Noch etwas läßt sich aus dem Vergleich der Zahlen feststellen:

Die 2,7 Mill. abhängig Beschäftigten in der Produktion im damaligen England stellten 13,5% der gesamten Bevölkerung dar, die 9 Mill. Arbeiter und Angestellte in Westdeutschland sind anteilig an der Gesamtbevölkerung zufällig ebenfalls 13,5%. Doch während davon auszugehen ist, daß ein Großteil der damaligen „Selbständigen“ Handwerker und kleine Manufakturbesitzer waren, die selbst noch arbeiten mußten, also an der Herstellung des stofflichen Reichtums beteiligt waren, so sind es heute im wesentlichen diese 13,5% Angestellten und Arbeiter, die den gesamten stofflichen Reichtum, der in Westdeutschland hergestellt wird, erarbeiten. D.h. die Vergesellschaftung der Produktion ist sehr viel weiter vorangetrieben, als zu Marx’ Zeiten.

Die Voraussetzungen für den Sozialismus sind also besser geworden, die Voraussetzungen für die Kapitalisten von der Tendenz her schlechter: durch die Entwicklung der Produktivkräfte, vorangetrieben durch die Gier nach Profit, trocknen sie sich selbst tendenziell die einzige Quelle des Profits, die lebendige Arbeit, aus. Auch wenn sie immer wieder Wege finden, dieser Tendenz entgegenzuwirken, können sie sie zum einen nicht außer Kraft setzen, zum anderen verschärfen sie mit ihren Gegenmaßnahmen ihre Lage. So ist z.B. eine solche Gegenmaßnahme die zunehmende Ausbeutung anderer Völker. Doch damit kommen sie nicht nur ihren Konkurrenten, den „Bündnispartnern“ ins Gehege, sondern schaffen mit der Ausbeutung dieser Völker gleichzeitig mögliche Bündnispartner für die Arbeiterklasse hier im Kampf gegen den gleichen Gegner.

Und als letztes: trotz aller Kassandra-Rufe oder ernst gemeinter Besorgnis über das Verschwinden der Arbeiterklasse, womit hauptsächlich das Industrieproletariat gemeint ist, ist die Zahl der in der Industrie Beschäftigten absolut wie relativ gegenüber damals größer (heute 22% der Erwerbsbevölkerung, damals 14%).

Wer gehört zur Arbeiterklasse?

Von den 22,1 Mill. Angestellten und Arbeitern sind 12,2 Mill. Angestellte und 10 Mill. Arbeiter. Doch auch ein Herr v. Pierer von Siemens oder ein Herr Piëch, Vorstandschef bei VW sind Angestellte. Wer von den Angestellten gehört also zur Arbeiterklasse?

Die bürgerliche Statistik kennt keine Klassen und will sie auch gar nicht kennen, sie gibt das Verhältnis von Arbeitern und Angestellten bekannt, ohne nach Klassenunterschieden zu fragen.

Doch im Statistischen Jahrbuch 1998 ist eine „Gehalts- und Lohnstrukturerhebung“ von 1995 veröffentlicht zur „Darstellung der Abstufung und Streuung der Arbeitnehmerverdienste nach lohnbestimmenden Merkmalen“[5]. Beim ersten Blick auf die Zahlenkolonnen mit Bruttojahresverdienstsummen von unter 12.000 bis 240.000 und mehr (bei Arbeitern) bzw. 300.000 und mehr (bei Angestellten) und der jeweils entsprechenden Anzahl der Arbeiter oder Angestellten erschrickt man erst einmal. Soll das noch eine einheitliche Arbeiterklasse sein? Doch bei genauerem Nachrechnen ist festzustellen, daß 99% der 4,4 Mill. erfaßter Arbeiter bis zu 96.000.- DM, einschließlich aller Zuschläge und Einmalzahlungen, im Jahr verdienen (bei 13 Monatsgehältern sind das im Monat 7384.-DM). Zieht man diese Grenze auch bei den 4,1 Mill. Angestellten, zählt man zusätzlich alle weg, die in die Kategorie „Leitende Angestellte mit voller Aufsichts- und Dispositionbefugnis“ (3,6%) fallen und vorsichtshalber auch alle, die als Spezialisten „in verantwortlicher Tätigkeit mit eingeschränkter Dispositionsbefugnis“ (23%) bezeichnet werden, dann bleiben 70% der Angestellten übrig. Diese sind materiell nicht besser gestellt als Arbeiter und haben ebenso wenig wie jene eine Stellung im Betrieb, die von ihnen das Handeln eines Bourgeois verlangt oder sie zum Kleinbürger zwischen Kapitalisten und Arbeitern macht.

Was heißt das? Überträgt man dieses Ergebnis auf alle Wirtschaftsbereiche, was höchstens zuungunsten der Größe der Arbeiterklasse gehen kann[6], bedeutet dies, daß, mit fließenden Grenzen nach oben und unten, ca. 8,5 Mill. Angestellte zur Arbeiterklasse gehören. Das aber heißt, daß die Arbeiterklasse derzeit 18,5 Mill. beschäftigte und 3,2 erwerbslose Arbeiter und Angestellte umfaßt und das sind weit über die Hälfte (67,5%) der gesamten Erwerbsbevölkerung. Oder, da diese Klasse wie alle Klassen aus Familien besteht, Kindern und Alten, umfaßt sie weit über die Hälfte der Gesamtbevölkerung Westdeutschlands.

Nun sind aber auch Teile der Beamten, soweit sie nicht zum staatlichen Unterdrückungsapparat gehören, wie z.B. die Lokführer und kleinen Postbeamten nichts anderes als Arbeiter, ebenso wie viele Scheinselbständige, die als Regaleinrichter, Zeitungsausfahrer oder Kurierdienste für eine Firma wie früher schuften, doch ohne jegliche Arbeiterrechte. Auch wenn die Bourgeoisie vieles tut, um uns solche Arbeiter zu klauen und abspenstig zu machen, ist die Arbeiterklasse also eher noch größer.

Eine beachtliche Mehrheit in diesem Land, doch man hört und sieht sie derzeit kaum. Großbürger bestimmen die öffentliche Meinung, das öffentliche Leben. Kleinbürger sehen nur mehr diese Seite, traben hinterher oder wehren sich an einzelnen Punkten und werden als die Vertreter des Fortschritts angesehen. Da ist es für jeden von uns ganz sinnvoll, sich zu vergegenwärtigen, wie groß wir eigentlich sind!

Eine einheitliche Klasse?

Nun sind die Arbeitsbedingungen nicht nur zwischen Angestellten und Arbeitern, sondern auch innerhalb der Angestellten und Arbeiter sehr unterschiedlich. Es ist ein Unterschied, ob ich als Ingenieur am Schreibtisch sitze und innerhalb einer bestimmten, festgelegten Zeit etwas weiterentwickeln soll oder an der Maschine stehe, die mir gar keine andere Wahl läßt, als das zu tun, was sie bestimmt. Es ist etwas anderes, ob ich als Erzieherin Kinder beschäftige, als Krankenschwester Patienten pflege oder als Schreibkraft den x-ten unsinnigen Brief über die Möglichkeiten eines Unternehmers, seine Steuern noch mehr zu senken, tippen muß.

Der Kapitalismus hat in seiner Entwicklung Tätigkeiten in massenhafter Zahl in die Form der Lohnarbeit gepreßt, an denen am deutlichsten zu sehen ist, daß diese Form der menschlichen Arbeit einer weiteren Entwicklung nicht mehr gerecht wird. Er hat, verstärkt in den letzten 30 Jahren, Tausende von Intellektuellen hervorgebracht und machte fast ebenso viele zu Lohnarbeitern. Es gibt keinen größeren Konzern mehr, in dem nicht ganze Abteilungen, teilweise ganze Betriebe (z.B. bei Siemens) mit Forschung und Weiterentwicklung von Verfahren oder Produkten beschäftigt sind, damit die Kapitalisten der Konkurrenz voraus sind oder zumindest mit ihr mithalten können. So sind inzwischen von den 7,1 Mill. Arbeitern und Angestellten in der Industrie über ein Drittel (2,6 Mill.) Angestellte, in der Chemischen Industrie sind sogar etwas mehr Angestellte als Arbeiter. Seit Anfang der 80er Jahre hat sich die Zahl der erwerbstätigen Akademiker verdoppelt.[7]

Doch das Denken, das Erforschen läßt sich schlecht in die Regel pressen: Hier beginnt und dort endet die Zeit, in der ich meine Arbeitskraft dem Kapital verkaufe und über den Rest der Zeit verfüge ich selbst! Ein Grund, warum es den Unternehmern so leicht gelingt, Ingenieure zum Durchbrechen sämtlicher Arbeitszeitbestimmungen in Tarifverträgen oder Gesetzen zu bewegen und diese dann ein solches Sklavendasein gegenüber dem Betriebsrat als ihre Freiheit verteidigen. Zusätzlich erleichtert wird ein solches Verhalten auch dadurch, daß viele dieser Kolleginnen und Kollegen aus kleinbürgerlichen Familien kommen[8] mit ihren besonderen Vorstellungen von Individualität und Freiheit.

Trotz des Hochhaltens der Familie hat die kapitalistische Gesellschaft aufgrund der Verwertungsbedürfnisse des Kapitals halbherzig nachvollzogen, daß die Erziehung von Kindern, die Pflege von alten und kranken Menschen gesellschaftliche Aufgaben sind, die den engen Rahmen der Familien, deren Eltern das Kapital als Lohnarbeiter brauchte und deren Kinder es als qualifizierte Arbeiter[9] zur Verfügung haben will, ebenso sprengt, wie die Wohltätigkeit begüterter Damen nicht mehr ausreichte. Und Tausende von Menschen wurden als Krankenschwestern, Erzieherinnen oder Altenpfleger zu Lohnarbeitern. Diese Tausende sind ein Teil der Arbeiter und Angestellten in dem Bereich Dienstleistungen, deren Zahl von 2,4 Mill. im Jahr 1970 auf 6,2 Mill. 1997 gestiegen ist.

Doch verhalten sie sich als Lohnarbeiter, kämpfen sie gegen die Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen, streiken sie, dann geht das zu Lasten der unmittelbaren Bedürfnisse der Kinder oder Patienten. Tun sie es nicht, lassen sie sich mit dem Appell an ihre Menschlichkeit erpressen, damit der Staat weniger für diese unproduktiven Aufgaben bezahlen muß, verschlechtern sich nicht nur ihre Arbeitsbedingungen immer schneller, sondern auch die Lebensbedingungen der Menschen, die sie betreuen. Was sind das für Alternativen!

Doch auch altbekannte Unterschiede der Arbeits- und Lebensbedingungen innerhalb der Arbeiterklasse gibt es reihenweise. So arbeiten noch Millionen in kleinen Klitschen mit ihren oft besonders ekelhaften Ausbeutungsbedingungen[10]. Die 43% Frauen unter den Arbeitern und Angestellten bekommen in allen Leistungsgruppen durchschnittlich weniger Lohn und Gehalt, soweit ist die Gleichberechtigung am Ende des 20.Jh. in Westdeutschland gediehen. Und natürlich ist es ein Unterschied, ob man im Jahr einen Lohn von 96.000.- erhält, sich ein Auto, Urlaub und dies und jenes leisten kann oder ob der Lohn im Jahr 50000.- DM (immer brutto) beträgt und man noch einen Zweitjob hat, um die Familie zu ernähren oder Schulden abzutragen. Und wieviel schwieriger wird das Leben noch, wenn man erwerbslos ist. Doch dazu bemerkte schon Friedrich Engels: „Es fällt mir nicht ein, zu behaupten, alle Londoner Arbeiter lebten in einem solchen Elend...; ich weiß wohl, daß 10 es besser haben, wo einer so ganz und gar von der Gesellschaft mit Füßen getreten wird - aber ich behaupte, daß Tausende von fleißigen und braven Familien, viel braver, viel ehrenwerter als sämtliche Reiche von London, in dieser eines Menschen unwürdigen Lage sich befinden und daß jeder Proletarier, jeder ohne Ausnahme, ohne seine Schuld und trotz allen seinen Anstrengungen, von gleichem Schicksal getroffen werden kann.“[11]

Nach ein paar Jahrzehnten, in denen es den Anschein hatte, schaute man nicht allzuweit über die Grenzen dieses Landes hinaus, als könnten die Arbeiter in Frieden mit dem Kapital leben, beweisen die Kapitalisten nun seit etlichen Jahren, daß dies nur ein vorübergehender Abschnitt war und Engels recht hatte. In allen Betrieben, ob Banken, Industrien, Kaufhäuser, Pflegeheime, Eisenbahnen, überall wird nach Möglichkeiten gesucht, die Lohnkosten zu senken und menschliche Arbeitskraft einzusparen. Keiner weiß mehr, ob er hier oder dort arbeitet, als Angestellter oder Arbeiter, ob das morgen noch so ist. „Die wachsende Konkurrenz der Bourgeoisie unter sich und die daraus hervorgehenden Handelskrisen machen den Lohn der Arbeiter immer schwankender; die immer rascher sich entwickelnde unaufhörliche Verbesserung der Maschinerie macht ihre ganze Lebensstellung immer unsicherer.“[12] Das ist die gemeinsame Lage der Arbeiterklasse über alle Unterschiede hinweg - in zugespitzter Form: Die Konkurrenz der Bourgeoisie spielt sich als Konkurrenz der Monopole der verschiedenen imperialistischen Staaten auf dem Weltmarkt ab; selbst konjunkturelle Aufschwünge nach einer Krise wirken sich kaum auf die Erwerbslosenquote aus und Krisen bergen die Gefahr, in ihre äußerste Form umzuschlagen, in Kriege.

Arbeiter ohne Paß der BRD

2 Mill. oder 9% der sozialversicherungspflichtigen Arbeiter und Angestellten sind Kolleginnen und Kollegen ohne BRD-Paß. Obwohl Teil der westdeutschen Arbeiterklasse, unterscheidet sich ihre Lage schon alleine dadurch grundsätzlich, daß ihnen die gleichen bürgerlichen Rechte verwehrt werden. Je nach Aufenthaltsstatus graduell abgestuft, droht ihnen immer nicht nur Erwerbslosigkeit und Elend wie allen Arbeitern, sondern auch die Ausweisung. Selbst seit Jahrzehnten fleißig Mehrwert schaffende Arbeiter sehen sich plötzlich ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gezerrt und von Ausweisung bedroht – weil sie ein „schwieriges“ Kind haben.

Diese staatlich verordnete und von Kräften wie der CSU immer weiter vorangetriebene rassistische Ausgrenzung führt dazu, daß diese Kolleginnen und Kollegen der Willkür der Kapitalisten wesentlich mehr ausgesetzt sind, als ihresgleichen mit dem entsprechenden Paß. So schreibt der DGB in einem Thesenpapier „Ausländerbeschäftigung in Deutschland“: „So ist z.B. erwiesen, daß die Sicherheitsvorkehrungen auf Arbeitsplätzen von Ausländern geringer sind und deren Arbeitsunfallhäufigkeit höher ist. Ausländer werden von den Arbeitgebern häufig zu untertariflichen Löhnen beschäftigt, in vielen Fällen auch illegal, wodurch sich die Gewinnquote für die Arbeitgeber noch erhöht.“[13]

Jede Spaltung innerhalb der Arbeiterklasse dient letztendlich dazu, die Gewinnquote für die Kapitalisten zu erhöhen, da sie den gemeinsamen Kampf erschwert. An dem Problem, daß viele hier ohne entsprechende Papiere gezwungen sind zu leben und zu arbeiten, wird das nur besonders kraß deutlich: sie müssen alle Bedingungen annehmen, sie haben keinerlei Rechte mehr. Deutsche Kollegen, die sich mit ihnen solidarisieren wollen, können das in der konkreten Situation gar nicht. Denn decken sie diesen Zustand auf, prangern sie den Unternehmer an, bekommt der zwar eine Geldstrafe, doch die Kolleginnen und Kollegen ohne Papiere werden verhaftet und des Landes verwiesen.

Der DGB schreibt weiter: „Auch dies ist politisch ein Problem, weil Ausländer von vielen Deutschen als Lohndrücker gesehen werden, wodurch sie zu einer Bedrohung für ihren Lebensstandard werden.[13] Wo bleibt der Hinweis des DGB für diese Kollegen, die das zu ihrem eigenen Schaden so sehen, daß unser Lebensstandard ununterbrochen durch die Kapitalisten bedroht wird und nur durch sie? Wo bleibt zumindest die Forderung, solange wir es schon nicht schaffen, daß die Grenzen geöffnet werden, daß in Fällen „illegaler“ Beschäftigung nur die Unternehmer bestraft werden, die Arbeiter aber sofort entsprechende Papiere und Kündigungsschutz erhalten müssen? Nur dann können doch Arbeiter mit und Arbeiter ohne irgendwelche Erlaubnispapiere diesen zusätzlichen Gewinnquoten der Unternehmer schnell ein Ende bereiten.

Doch zurück zu den Arbeitern, die hier zumindest abschnittsweise leben und arbeiten dürfen.

1972 hat die Bundesanstalt für Arbeit eine Untersuchung über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer im Bundesgebiet herausgegeben und u.a. ihre berufliche Stellung im Betrieb untersucht. Danach waren damals:

1% der beschäftigten Arbeiter ohne deutschen Paß Meister u. Vorarbeiter, 15% waren Facharbeiter, 41% angelernte Arbeiter und 31% ungelernte Arbeiter. 11% waren Angestellte.[14]

Eine solche Untersuchung zum aktuellen Stand haben wir nicht gefunden. Doch es scheint sich zumindest nichts verbessert zu haben. Lt. DGB werden sie v.a. als geringqualifizierte Arbeiter beschäftigt, unabhängig von der Ausbildung, die sie in ihrem Heimatland erlernt haben. Damit sind sie zusätzlich von Erwerbslosigkeit bedroht: Die Erwerbslosenquote bei Arbeitern ohne Berufsausbildung insgesamt beträgt in Westdeutschland 18,3%[15], bei Arbeitern ohne BRD-Paß hat sie sich von 1992 mit 11,8% auf heute 20,9% erhöht.[16]

Von den Kolleginnen und Kollegen, die noch eine Arbeitsstelle haben, arbeiten 0,8 Mill. in der Industrie und machen damit einen Anteil von 12,4% aller dort beschäftigten Arbeiter und Angestellten aus. Geht man davon aus, daß die meisten als Arbeiter beschäftigt werden, dann sind 17,4% aller Arbeiter in der Industrie Arbeiter ohne Paß der BRD.

Jeder weiß von zurückliegenden Kämpfen, daß die Arbeiter in der Industrie die kampfstärksten Bataillone innerhalb der Arbeiterklasse sind. Schon alleine deshalb ist es im ureigensten Interesse der Arbeiterklasse und ihrer Gewerkschaften, daß auch alle die gleichen Kampfbedingungen haben. Das heißt v.a. für alle, die hier geboren werden, ohne irgendwelche Generationenregelungen, die Staatsbürgerschaft der BRD und Einbürgerung für jeden, der hier lebt.

Was es mit dem Industrieproletariat auf sich hat

Warum sind die Arbeiter in der Industrie die kampfstärksten Bataillone? Wiederum nicht deshalb, weil sie mit Kampfesgeist geboren wären, sondern aufgrund ihrer Stellung innerhalb der kapitalistischen Produktion. Sie sind massenhaft unter das Kommando weniger Kapitalisten gestellt, sie erleben tagtäglich, daß sie als einzelne Teil eines Ganzen sind, das gesellschaftlich produziert, der produzierte Reichtum ihnen aber immer wieder als Kapital gegenübertritt, während sie selbst um jeden Pfennig Lohn streiten müssen. Sie sind eine nicht zu übersehende Kraft und diese Kraft fühlen sie in dem Moment, wo sie beginnen zu kämpfen. Sie müssen sich tagtäglich der Fabrikdisziplin beugen und lernen damit die Disziplin, die sie nicht nur zum Kämpfen, sondern später auch zur bewußten Organisierung einer Gesellschaft brauchen.

Legen sie die Produktion lahm und sei es nur für eine Stunde, dann zahlen zwar die Kapitalisten eine Stunde weniger Lohn, aber sie verlieren viel mehr dadurch, als sie sich mit der Nichtauszahlung von Lohn einsparen: den Mehrwert, den die Arbeiter sonst in mindestens 3/4 der Stunde produzieren.

Die Industriearbeiter haben damit bessere Voraussetzungen zum Kampf als alle anderen Teile der Arbeiterklasse. Nicht zufällig ist die IG-Metall die größte Einzelgewerkschaft, in deren Bereich die Riesenkonzerne mit Hunderttausenden von Arbeitern fallen. Die Organisierung der Arbeiter durch das Kapital fördert auch ihre eigene Organisierung. Und allemal ist es nützlicher für die Arbeiter, sich auch in sozialdemokratisch geführten Gewerkschaften zu organisieren und dort die Auseinandersetzung zu führen, als unorganisiert zu Hause vor sich hin zu schimpfen.

Doch die Industriearbeiter sind nicht alleine die Arbeiterklasse, sondern haben eine führende Rolle gegenüber den Teilen, die schwierigere Bedingungen haben, um den Kampf aufzunehmen.

Nun hat die Zahl der Beschäftigten in der Industrie von 1970 bis heute um fast 3 Mill. abgenommen, alleine seit 1991 um 1,3 Mill.

Das ist zum einen Ausdruck der Rationalisierung, also der Weiterentwicklung der Produktivkräfte, zum anderen Folge des enorm gestiegenen Kapitalexports. Damit versuchen die Kapitalisten gleich 2 Fliegen auf einen Schlag zu fangen: Sie kaufen in den meisten Fällen Unternehmen in anderen Ländern auf, seit 1990 verstärkt im Osten Europas, um bessere Chancen im Kampf um die Absatzmärkte und Rohstoffquellen dort zu haben. Gleichzeitig versuchen sie damit, den tendenziellen Fall der Profitrate[17] aufzuhalten, indem sie weitaus billigere Arbeitskräfte ausbeuten, als sie das hier bislang können. Und sie haben damit ein weiteres Druckmittel in der Hand, auch die Arbeiter hier noch besser ausbeuten zu können: die inzwischen sattsam bekannte Erpressung, weitere Arbeitsplätze aus dem Land zu exportieren, wenn sich die Belegschaften nicht ihrem Willen fügen.

Doch heißt das, daß das Industrieproletariat in Westdeutschland völlig verschwinden kann? Natürlich gibt es diese Tendenz. Doch die jetzigen Herren dieser Welt können sich nicht über die Flecken einigen, auf denen sie jeweils konkurrenzlos ausbeuten dürfen. Deshalb werden die Kapitalisten einen Teufel tun und ihre gesamte Mehrwertproduktion in andere Länder verlegen, solange sie diese Staaten nicht völlig in der Hand haben. Denn wer garantiert ihnen dann fortwährende günstige Bedingungen, angefangen von einer geringen Besteuerung ihrer Gewinne über möglichst wenige Gesetze zum Schutz der Arbeiter bis dahin, daß notfalls auch Polizei und Militär gegen allzu ausgiebig streikende Arbeiter vorgeht? Wer v.a. garantiert ihnen, daß ihnen die besten Happen nicht von anderen, „fremden“ Kapitalisten weggeschnappt werden? Dazu reicht die ökonomische Durchdringung und der sie begleitende politische Druck des deutschen Imperialismus gegenüber abhängigen Ländern nicht aus. Zu schnell kann die Konkurrenz zwischen den Imperialisten zu Situationen führen, in denen auch abhängige Staaten keine willigen Erfüllungsgehilfen mehr sind oder sein können. Dazu müßte der dt. Imperialismus diese Länder besetzen und das bedeutet Krieg.

Noch befinden wir uns aber vor so einer Möglichkeit und alle fortschrittliche Kräfte innerhalb der Arbeiterwegung haben alles zu tun, was in ihren Kräften liegt, um eine solche Weiterentwicklung der Geschichte zu verhindern.

Auch wenn die Zahl der in der Industrie beschäftigten Arbeiter noch weiter sinkt, von der Anzahl alleine hängt es wohl nicht ab, ob der Kampf gegen das Kapital aufgenommen wird. Zumindest war in jeder Situation, gleich in welchem Land, in der bisher die Arbeiterklasse die Machtfrage gestellt hat, sowohl das Industrieproletariat, wie auch die Arbeiterklasse insgesamt unvergleichlich kleiner, als sie es heute in Westdeutschland ist.

Doch die Kampfbedingungen sind schwieriger geworden. Ganze Belegschaften werden durch Ausgliederungen auseinandergerissen, wie jetzt aktuell bei Siemens, Tarifverträge immer mehr unterlaufen. Betriebliche Regelungen ersetzen Regelungen über alle Betriebe hinweg. Die Maschinen laufen immer länger, 1984 waren es durchschnittlich 61 Std/Woche, 1996 bereits 72[18] – samstags, sonntags wird gearbeitet. Leiharbeiter werden eingesetzt, die sich nicht trauen, aufzumucken, damit sie übernommen werden, andere werden zu Selbständigen erklärt und arbeiten dann rund um die Uhr. Gruppenarbeit wird eingeführt, um noch mehr aus den Arbeitern herauszupressen. Konkurrenzdenken um den Arbeitsplatz, um den Standort und Rassismus machen sich in den Köpfen von Arbeitern breit.

Ja, solange sich die Strömungen in den Gewerkschaften weiterhin durchsetzen können, die die Zusammenarbeit mit den Kapitalisten als einzigen Weg predigen, solange werden das immer schwieriger zu überwindende Hürden bleiben. Doch den Boden, auf dem diese Strömungen gut gedeihen konnten, den machen die Kapitalisten zwangsweise gerade selbst zunehmend dürrer.

Andersherum: Die Notwendigkeit, den Kampf aufzunehmen wird immer größer. Nicht nur in einzelnen Branchen, sondern über die einzelnen Bereiche der Arbeiterklasse hinweg, für einen angemessenen Normalarbeitstag, für gleiche Rechte für alle. Die Bedingungen, dies zu erkennen, werden wieder klarer.

Zum ,Schutz’ gegen die Schlange ihrer Qualen müssen die Arbeiter ihre Köpfe zusammenrotten und als Klasse ein Staatsgesetz erzwingen, ein übermächtiges gesellschaftliches Hindernis, das sie selbst verhindert, durch freiwilligen Kontrakt mit dem Kapital sich und ihr Geschlecht in Tod und Sklaverei zu verkaufen.“[19]

An welcher Frage sich auch immer Kämpfe entzünden werden, die Arbeiter werden lernen müssen, die politische Enthaltsamkeit des DGB zu überwinden, an dem wieder anzuknüpfen, was ihresgleichen vor 150 Jahren schon einmal lernen mußten. Auch wenn die Bourgeoisie alles tun wird, um dies zu verhindern, so kann sie gleichzeitig nicht anders, als ununterbrochen die Voraussetzungen dafür zu schaffen.

Der deutsche Imperialismus wird den Arbeitern dabei allerdings keine 150 Jahre Zeit mehr lassen. Doch die Arbeiterklasse ist auch um 150 Jahre Erfahrung reicher - trotz aller gegenwärtigen Schwäche.

Arbeitsgruppe „Klassenanalyse“

1 Soweit nichts anderes vermerkt, basieren alle Zahlen auf Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes 1998, Grundlage ist das Jahr 1997

2 Karl Marx: „Das Kapital“, MEW Bd.23, S.469f.

3 Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, ebenso wie der DGB, schätzen die Zahl der Scheinselbständigen in ganz Deutschland auf 1 Million (SZ vom 27.2.98 und SZ vom 23./24.5.98)

4 Karl Marx, ebd. S.469

5 Statistisches Jahrbuch 1998, S.570, herausgegeben vom Statistischen Bundesamt. Diese Erhebung bezog sich auf Betriebe mit 10 und mehr Beschäftigten in den Bereichen produzierendes Gewerbe (also Bergbau, Energie-und Wasserversorgung, verarbeitendes Gewerbe und Baugewerbe), Handel und Kredit- und Versicherungsgewerbe. Sie unterscheidet nach Angestellten und Arbeitern und nach Ost und West.

6 Dies u.a. deshalb, weil die Erhebung nur Betriebe ab 10 Beschäftigte einbezieht. In den kleineren Betrieben, in denen Betriebsräte oder Tarifverträge oftmals fast Fremdworte sind, sind die Löhne und Gehälter meist sehr viel geringer.

7 SZ vom 29.7.98

8 Nach einem Bericht über „Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland - 1997“, Hrsg.: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie, hat sich der Anteil der Arbeiterkinder an der gleichaltrigen Bevölkerung in Westdeutschland, die ein Studium an der Fachhochschule oder Universität beginnen, in den 10 Jahren zwischen 1985 und 1995 zwar verdoppelt, aber nur von 7% auf 14%. Der entsprechende Anteil von Kindern Selbständiger erhöhte sich von 25 auf 47%, der von Beamtenkindern von 43 auf 56% und der von Angestelltenkindern von 27 auf 39%.

9 Der Anteil an qualifizierten Arbeitern und Angestellten ist insgesamt gestiegen. So zeigt die Erhebung des Stat. Bundesamtes zur Lohn- und Gehaltsstruktur auch, daß 56% der dort aufgeführten Arbeiter Facharbeiter sind, 24% angelernte und nur 15% ungelernte Arbeiter. Bei den Angestellten ist dies noch auffallender: nur 1,8% sind Angestellte ohne Berfsausbildung. Nach der bereits erwähnten Meldung der SZ v. 29.7.98 ist die Zahl der Erwerbstätigen ohne Berufsausbildung seit Beginn der 80er Jahre um ein Drittel gesunken.

10 Die Statistik über „Unternehmen und Beschäftigte nach Beschäftigtengrößenklassen“, die das Stat. Bundesamt im Statistischen Jahrbuch 1998 aufführt, ist aus dem Jahre 1987! Sie kann deshalb für heute nur als eine sehr ungenaue Grundlage gelten. Danach arbeiteten 1,8 Mill. in Unternehmen mit 1-9 Beschäftigte, 2 Millionen in Unternehmen mit 10-19 Beschäftigten, 6,9 Mill. in Unternehmen mit 20 bis 499 Beschäftigten und 7,5 Mill. in Unternehmen mit 500 und mehr Beschäftigten. In einer gleichen Statistik von 1970 untersuchte das Stat. Bundesamt noch in viel konkreteren Kategorien. Da gab es auch die Einteilung 500 bis 999; 1.000 bis 4.999 und 5.000 und mehr.

So genau sollte man offensichtlich schon 1987 nicht mehr Bescheid wissen, es könnte ja Aufschluß über die Zahl der Monopole geben. Deshalb nur zur Information: Damals arbeiteten 4,0 Mill. in 209 Unternehmen mit 5000 und mehr Beschäftigten! (Statistisches Jahrbuch 1974)

11 Friedrich Engels: „Lage der arbeitenden Klasse in England“, MEW Bd.2, S.263

12 Karl Marx, Friedrich Engels: „Manifest der kommunistichen Partei“ in: MEW Bd.4, S.470

13 Deutscher Gewerkschaftsbund

14 s. dazu: Otto Jacobi/Walther Müller-Jentsch/Eberhard Schmidt: „Gewerkschaften und Klassenkampf“ 1975, S.109

15 SZ v. 19.10.98

16 Deutscher Gewerkschaftsbund

17 Profitrate ist das Verhältnis zwischen dem Mehrwert und der Summe aus variablem (Lohnsumme) und konstantem (Ausgaben für Maschinen, Gebäude, Rohstoffe) Kapital.

18 SZ v.7.9.98

19 Karl Marx: „Das Kapital“, MEW Bd.23, S.320

Bericht aus einem Metallbetrieb

„Wo ist denn euere Arbeiterklasse...?“

Ein Fertigungsbetrieb, noch mit einer eindeutigen Arbeitermehrheit. In der Fertigung rund 70% ausländische Kolleginnen und Kollegen aus fast 20 Nationen. Vom Meister aufwärts allerdings ist alles noch fest „in deutscher Hand“. Der Nationalismus in allen Varianten treibt stinkende Sumpfblüten, aber Arbeitsdruck, die Ungerechtigkeit der Vorgesetzten und die gemeinsamen Ängste um Arbeitsplatz, Miete und Kinder fördern auch täglich aufs neue die Solidarität. Dreck, Hitze und Lärm haben der Fertigung weit über die eigene Belegschaft hinaus die Bezeichnung „Bergwerk“ eingebracht.

„Seit es den Laden gibt“, sagen die alten Kollegen, „wird regelmäßig davon geredet, daß wir dicht gemacht werden. Und wir produzieren noch immer.“ Jetzt sieht es allerdings ganz so aus, als hätte das Ungeheuer der kapitalistischen Konkurrenz beschlossen, auch diese Fertigung zu vernichten. Die Konkurrenz! Diese Mißgeburt aus dem Widerspruch von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung: ganz real in seiner existenzvernichtenden Auswirkung für Millionen und doch so wenig faßbar für die wenigen eines einzelnen Betriebes. Soll man sie nicht doch besser bei Laune halten durch gutes Futter: Überstunden, Wochenendarbeit, Rationalisierung,...?

Der Betriebsrat - verunsichert, mit tausend wichtigen Kleinigkeiten beschäftigt - noch 2 bis 3 Jahre Zeit bis zur Verlagerung? - die Kolleginnen und Kollegen, aber mit welchen Fakten? - angeblich noch keine genauen Pläne seitens der Betriebsleitung! Das Ergebnis dieser unklaren Situation: viele einzelne Diskussionen in der Belegschaft, falsche Hoffnungen, Gleichgültigkeit, Haß ohne klares Ziel, Angst. Ist das wirklich nicht mehr zu verhindern?

„Wir müßten beweisen können, daß wir ohne das Gewurschtel von denen da oben sinnvoll und viel wirtschaftlicher weiterproduzieren könnten.“

„Das haben wir schon gespürt, wie sie bei der letzten Kurzarbeit aus Geldmangel aufgehört haben, die Maschinen zu warten. Dazu wäre doch gerade in der Kurzarbeit die beste Gelegenheit gewesen. Da haben wir gemerkt, daß die an der Fertigung selber garnicht interessiert sind. Nur an der Rendite für die Gesellschafter.“

„In drei Jahren bin ich 58! Da geh ich in Altersteilzeit. Aber für die Jüngeren ist das schlimm.“

„Dann stellen wir uns mit Zaunlatten in den Eingang und die Typen müssen an uns vorbei, die selber nur die Treppe rauffallen und ihr Geld sicher haben und alles auf uns abwälzen.“

„Warum ist eigentlich der Betriebsrat dagegen, daß wir einen Teil vom Urlaub hergeben, um die Kurzarbeit zu vermeiden?“

„Aufhalten kann man das nie, wenn die das beschlossen haben. Aber eine anständige Abfindung müssen sie wenigstens zahlen.“

Die gewerkschaftlichen Vertrauensleute diskutieren auf ihrer Versammlung:

„Wenn die Kollegen kämpfen, können wir verlieren, aber dann sind wir alle nicht so allein und verzweifelt. Aber für welches realistische Ziel sollen wir kämpfen? Wir können doch nicht sagen, daß wir die Fertigung halten können. Das glaubt uns keiner und dann macht auch keiner mit. Dann geht es nur noch um den Sozialplan. Das wird ohnehin schwer genug...“

Die Arbeiterklasse in einem Fertigungsbetrieb...!

Und doch kennt sie auch die Wahrheit:

„Da haben wir also bisher mit unseren Überstunden und Samstagsarbeit und krank in die Arbeit kommen und all das nur gegen uns selber gearbeitet“, hat der Kollege aus der Schleiferei ganz nüchtern festgestellt.

Das Ungeheuer der Konkurrenz ruiniert zuerst diejenigen, von denen es am besten gefüttert wurde.

Also keine Überstunden, keine Arbeit am Wochenende, kürzere Arbeitszeit, höhere Löhne, keine Einschüchterung durch Standortdrohungen, keine Illusionen, daß „wir“ Aufträge brauchen.

Einige von uns wissen es, und auch, daß wir es ohne „die da oben“ besser können, mit der Produktion. Und die zarten Knospen der Solidarität können zur vollen Pracht aufblühen...

Wollte da irgendjemand Steine werfen, gegen diese Arbeiterklasse?!

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