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Was haben wir falsch gemacht?

Die Arbeiter in Paris waren die ersten, die die Kapitalisten der ganzen Welt 1871 mit der Diktatur des Proletariats erschreckten. Obwohl sich nach wenigen Wochen die Bourgeoisie unter der Führung des deutschen Junkers Bismarck blutig rächte, wurde die Pariser Kommune zum Fanal der Arbeiter der ganzen Welt. Der proletarische Staat als höchste Organisationsform der Arbeiter zum Zweck des endgültigen Sieges über den Kapitalismus, zum Zweck, die Klassenherrschaft ein für allemal zu beenden, wurde von den russischen Arbeitern 1917 auf der Grundlage der Lehren der Pariser Kommune errichtet. Da aber der endgültige Sieg über den Kapitalismus nicht erreicht ist, solange noch irgendwo auf der Welt Kapitalismus herrscht, ist die Diktatur des Proletariats keine nationale, sondern eine internationale Angelegenheit, eine Sache des Weltproletariats. Die Schwächen, die bei der Durchführung der Diktatur des Proletariats aufgetreten sind und nach opferreichen und siegreichen Kämpfen dann doch zu einer fast kampflosen Übernahme der Macht durch den Weltimperialismus geführt haben, sind Schwächen der internationalen Arbeiterklasse, die gespalten war und deshalb den Kampf nicht konsequent weiter geführt hat. Sondern sehr viele Arbeiter glaubten bürgerlichen desorganisierenden und desorientierenden Parolen und Ideologien und waren nicht imstande, die Sache der Oktoberrevolution zu der ihren zu machen. Die Spaltung des Weltproletariats ist die Hauptwaffe der Kapitalisten gegen die Befreiung der Arbeiterklasse.

Freiheit und Demokratie!, das ist eine der Standardlosungen gegen die Errungenschaften der Oktoberrevolution. Sie wurde nicht nur von Anfang an gegen die Sowjetmacht verwendet, sondern gegen alle befreiten Länder auch nach 1945. Die Gewerkschaftsführung in Westberlin z.B. rief unter der Losung der Freiheit am 16. und 17. Juni 1953 sogar zum Generalstreik auf - nicht etwa gegen das nach der Niederschlagung des Hitlerfaschismus wieder frech im Sattel sitzende Kapital. Das wäre ja schließlich verboten gewesen. Sondern sie riefen die Arbeiter in der DDR zum Generalstreik gegen die DDR auf, was heute noch als „Arbeiteraufstand“ gefeiert wird. Sie rufen nach Freiheit schlechthin und verteidigen damit die Freiheit des Kapitals, und haben damit Generationen von Arbeitern gegen ihre eigene Sache - die Diktatur des Proletariats, die Oktoberrevolution - verhetzt und beeinflußt.

Arbeit und Brot!, natürlich unter der Herrschaft des Kapitals, das war zunächst mal ein Lockangebot der Hitlerfaschisten. Es ist nicht so, daß die Masse der sozialdemokratischen Arbeiter auf dieses Lockangebot reingefallen wäre. Aber weil ihre Führer zu viel Angst vor der für die krisengeschüttelte Weimarer Republik einzig mögliche Alternative hatten - den Anschluß an die Oktoberrevolution zu finden - fürchteten sie den Zusammenschluß mit den kommunistischen Arbeitern, selbst, als es nur um die Einheitsfront zur Verhinderung der Hitlerdikatur ging. Die Hitlerfaschisten konnten die planmäßige Kriegsproduktion anlaufen lassen, Arbeitsplätze garantieren und ohne größeren Widerstand der Arbeiter Sozialdemokraten und Kommunisten ins KZ werfen - in Übereinstimmung mit dem Monopolkapital. Ähnliches Glück hatten nach 1945 die Bundeskanzler Adenauer und Erhardt. Der von den Hitlerfaschisten angezettelte Krieg hatte soviel zertrümmert, daß die Konjunktur einfach glänzend war und immer glänzender wurde. Wohlstand für alle! wurde die Parole. Die Kapitalisten konnten zufrieden sein, und die Arbeiter auch, sofern sie nicht an ihre Klasse und nicht an ihre Zukunft dachten. Der goldene Käfig, den uns die Bourgeoisie zeitweilig bieten kann, ist seit dem 20. Jahrhundert mit großen Katastrophen verbunden - mit Faschismus und Krieg, mit dem Absturz von dem bißchen Wohlleben und scheinbarer Sicherheit in Erwerbslosigkeit und Elend, und in den letzten Jahren auch mit der Verwandlung des Industriestaates DDR in eine von der BRD beherrschte industrielle Wüste. Der goldene Käfig schien so schön, daß mehrere hunderttausend DDR-Bürger ihm nicht widerstehen konnten und die Verantwortung, ein Leben ohne Kapitalisten aufzubauen, fluchtartig von sich warfen. Wie sollten sie denn auch praktisch (und nicht nur theoretisch) erfahren, daß die Gesellschaft, in der wir leben, durch einen tiefen Klassenwiderspruch gekennzeichnet ist, wenn von einem Klassenkampf der Arbeiter so wenig zu sehen war? Nur der Klassenkampf macht gesellschaftliche Realitäten sichtbar. Z.B. hat vor kurzem der Streik der Arbeiter bei der Transportgesellschaft UPS in den USA die Legende vom amerikanischen „Jobwunder“ in aller Welt als billigen Betrug entlarvt. Das Märchen vom „goldenen Westen“ hätte durch den berechtigten Kampf der westdeutschen Arbeiter gegen das Kapital vor aller Welt Lügen gestraft werden können. So aber glaubte so mancher in der DDR diesen Schwindel, türmte „in die Freiheit“ und wurde von der Bourgeoisie als Propagandamaterial gegen den Sozialismus benutzt. Auch das hat zur Zerstörung der DDR (und damit auch der Sowjetunion) beigetragen.

Die Oktoberrevolution ist eine russische Angelegenheit - dieser Irrglaube war und ist wohl das stärkste Gift in der Arbeiterklasse. Als die Oktoberrevolution noch gar nicht gesiegt hatte, ging die Hetze schon los über das asiatische, ungehobelte Verhalten der russischen Arbeiter gegen die Bourgeoisie. Seitdem verstand es die Bourgeoisie und ihre Wasserträger, nationalistische Verhetzung mit dem Antikommunismus zu verbinden. Sie schlugen so zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie konnten die Arbeiter selbst gegen die Diktatur der Arbeiter hetzen (ein Tatbestand, der unter unseren Nachfahren in ferner Zukunft wahrscheinlich verständnisloses Kopfschütteln auslösen wird) und gleichzeitig konnten sie „ihre“ Arbeiter für den nächsten Marsch gegen andere Imperialisten vorbereiten - schließlich wurde ja der Kampf um die dem Imperialismus verbliebene Welt schärfer, weil diese Welt durch den Sieg der Oktoberrevolution für sie kleiner geworden war. Die Spaltung der Arbeiterbewegung in Sozialdemokraten und Kommunisten hat schließlich zu einer Spaltung der Arbeiterbewegung in Nationen geführt, was dem proletarischen Internationalismus Hohn sprach. Nur mit einer so geschwächten Arbeiterklasse war möglich, was die Sozialdemokraten so nun auch wieder nicht gewollt hatten und was viele Sowjetbürger zuerst gar nicht glauben konnten: Hitlerdeutschland schickte die deutschen Arbeiter, einst die engsten Verbündeten der russischen Revolution, in den Krieg gegen die Sowjetunion. Die Mischung zwischen Chauvinismus und Antikommunismus hatte inzwischen den Mythos vom „jüdischen Finanzkapital“ und der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“ geboren, mit dessen Hilfe die Welt unterjocht werden sollte. Die Hetze gegen die Sowjetunion wurde nach dem Sieg über den Hitlerfaschismus nahtlos fortgesetzt. In Westdeutschland hatte das den Boden, daß der staatliche Antibolschewismus als Rechtfertigung dafür angeboten wurde, daß man sich gegen den ersten Staat der Arbeiter hatte hetzen lassen. Anders im Osten Deutschlands: dort wurde den Arbeitern, die sich für den Überfall auf die Sowjetunion und andere Völker hatten mißbrauchen lassen, geholfen, wieder zum proletarischen Internationalismus zurückzufinden.

Arbeiter standen gegen Arbeiter - deshalb konnte die Diktatur des Proletariats nicht zur klassenlosen Gesellschaft, zum „sterbenden Staat“, zu einer Gesellschaft ohne jede Unterdrückung, werden. Da die Weltrevolution durch die Spaltung der Arbeiterbewegung in die Stagnation geraten ist, konnte irgendwann nur noch die Konterrevolution siegen, denn das Kapital in seinem Drang, die Welt zu beherrschen, kann keine „friedliche Koexistenz“ auf Dauer zulassen. Die Grenzen, die der Sozialismus gegen die Bourgeoisie errichtet hat, wurden vom Kapital überrannt und vernichtet. Dafür werden den Arbeitern Grenzen gesetzt. Wer zu uns rein darf und wer nicht, bestimmt die Bourgeoisie. Wir bleiben schön national, sollen für den „Standort Deutschland“, für „Arbeit für Deutsche“ kämpfen und den proletarischen Internationalismus, die Oktoberrevolution vergessen, während die Bourgeoisie ihre Globalisierung betreibt.

Es wird höchste Zeit, aus der Oktoberrevolution und aus dem vorläufigen Triumph der Bourgeoisie Konsequenzen zu ziehen. Damit, daß die Bourgeoisie alle Grenzen überschreitet, zeigt sie uns sogar den Weg: alle diejenigen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um irgendwie überleben zu können, sind eine Klasse (und dazu gehören auch diejenigen, die in befreiten Ländern leben und ihre Arbeitskraft nicht verkaufen müssen - wie sehr ihre Länder auch schon vom Kapital ausgenutzt werden). Diejenigen, die den ganzen Reichtum besitzen und unser Leben beherrschen, sind auch eine Klasse. Dazwischen gibt es es noch viele Menschen, die zu keiner der beiden Hauptklassen gehören und zwischen ihnen hin- und herschwanken. Die Kapitalisten sind sehr klassenbewußt und tun nur Dinge, die in ihrem Klasseninteresse liegen. Davon könnten sich die Arbeiter eine Scheibe abschneiden. Sie sind sich auch immer völlig einig, wenn es gegen ihren Klassenfeind, nämlich uns Arbeiter geht. Das Klasseninteresse der Kapitalisten erfordert aber auch, daß sie sich gegenseitig bekämpfen um die Aufteilung der Welt - mit friedlichen und kriegerischen Mitteln. Deshalb müssen gerade die Arbeiter in unserem Land wachsam sein, denn die Einverleibung der DDR hat den deutschen Imperialismus erstarken und den deutschen Militarismus frecher werden lassen, so daß die Völker Europas mit Sorge auf uns blicken. Das Klasseninteresse des Proletariats ist hier ein ganz anderes als das der Bourgeoisie: der internationale Zusammenschluß, das Bewußtsein, daß wir weltweit eine Klasse sind, ganz gleich, welcher Nation wir angehören oder welche Hautfarbe wir haben. Ohne proletarischen Internationalismus werden wir am Schwanz der Bourgeoisie in die nächste Katastrophe marschieren.

Wir müssen nicht auf „das nächste Mal“ warten, wenn wir die Fehler des Sozialismus korrigieren wollen. Damit können wir sofort anfangen.

Arbeitsgruppe

Die entscheidende Frage für die internationale Arbeiterbewegung ist die Stellung zur proletarischen Diktatur in der Sowjetunion. Hier scheiden sich die Geister, und sie müssen sich scheiden! Die Stellung zur Sowjetunion entscheidet auch über die Frage, zu welchem Lager man in den Fragen der deutschen Politik gehört, zum Lager der Revolution oder zum Lager der Konterrevolution.

Ernst Thälmann, 1926

So ist das wichtigste Ergebnis der Oktoberrevolution für die proletarische Bewegung in Deutschland: die Herausbildung einer revolutionären Arbeiterpartei, der Kommunistischen Partei Deutschlands.

Philipp Dengel, 1927

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