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Nicht die Freiheit, die Befreiung herrschte (Bertolt Brecht)

oder

die Frage der Macht

Die Frage der Macht, also die Frage, wer über die Gesellschaft regiert, wer herrscht, stellt sich seit dem Bestehen von Klassen. Der Klassenkampf, der genau um diese Machtfrage geführt wird, ist eine entscheidende Triebkraft in der gesellschaftlichen Entwicklung.

Die Oktoberrevolution stürzte als erstes Land der Welt die Herrschaft der Kapitalisten und Gutsbesitzer. Sie erkämpfte für die arbeitende und besitzlose Bevölkerung die Macht über die Wirtschaft und den Staat. Das waren keine bloßen Reformen mehr, sondern die Umwälzung der Gesellschaft eines ganzen Landes.

Doch bis das Proletariat die ganze Macht erobert hatte, vergingen Jahre erbitterter Auseinandersetzungen zwischen dem Alten und dem Neuen.

Die Revolution schritt nicht im Triumphzug zum Sieg, es war ein Ringen um die Herrschaft - als Gegner das Kapital - und ein Ringen um die Köpfe gegen die kleinbürgerliche Denkweise innerhalb der Arbeiterbewegung.

Im Jahr 1917 vollzog sich ein Epochenwandel, es war der Anfang vom Ende der bürgerlichen und der Beginn der proletarischen Weltrevolution.

Das Ende der bürgerlichen Revolution manifestierte sich am Ausbruch des l.Weltkrieges.

„Der Charakter eines Krieges (ob er ein reaktionärer oder ein revolutionärer Krieg ist) hängt nicht davon ab, wer der Angreifer ist und in wessen Land der ‘Feind’ steht, sondern davon, welche Klasse den Krieg führt, welche Politik durch diesen Krieg fortgesetzt wird. Ist der Krieg ein reaktionärer, imperialistischer Krieg, d.h. ein Krieg, der von zwei Mächtegruppen der imperialistischen gewalttätigen, raubsüchtigen, reaktionären Weltbourgeoisie geführt wird, so macht sich jede Bourgeoisie (sogar die eines kleinen Landes) der Mittäterschaft am Raube schuldig, und ... die Aufgabe ... des revolutionären Proletariats, ist es dann, die proletarische Weltrevolution vorzubereiten als einzige Rettung vor dem Schrecken des Weltgemetzels.“ (Lenin Werke, Bd.28, S.287)

Die Oktoberrevolution war ein Teil der proletarischen Weltrevolution. Doch sie konnte nicht auf einen Schlag siegreich sein, die Revolution brauchte zwei Etappen, um zu siegen.

Zuerst fegte die bürgerlich-demokratische Revolution, die vom gesamten Volk getragen wurde, den Zar von seinem wackligen Thron. Dann schritt das revolutionäre Proletariat zusammen mit der besitzlosen Bevölkerung in Stadt und Land weiter voran und stürzte die Herrschaft der Kapitalistenklasse im schwächsten Glied der Kette der imperialistischen Länder und beendete damit den Krieg.

Warum war Rußland das schwächste Glied?

Während in den anderen imperialistischen Staaten die Konzentration von Produktion und Kapital schon so stark entwickelt war, daß sie das ganze Land, die ganze Gesellschaft erfaßte, gab es in Rußland nur vereinzelte Industriezentren mit Großproduktion. Noch am Anfang seiner Entwicklung, aber schon imperialistisch nahm die monopolistische Bourgeoisie am Raubkrieg teil, mußte aus ökonomischem Zwang heraus an ihm teilnehmen. Die Organisation des ganzen Landes war nicht so straff und ausgefeilt wie in den imperialistischen Staaten des Westens. Das russische Proletariat war darüber hinaus mit den Kampferfahrungen der Revolution von 1905 und der darauffolgenden Klassenkämpfe gewappnet.

Noch den Zarismus im Nacken, ökonomisch abhängig von der Bourgeoisie Frankreichs und Englands wirkten sich die militärischen Niederlagen, die sich im dritten Kriegsjahr häuften, verheerend auf die Ordnung in Rußland aus. Konnten die anderen imperialistischen Mächte das Chaos und den Hunger noch irgendwie „regeln“, zeigte sich dieses durch den Krieg hervorgerufene Elend in Rußland besonders deutlich.

Diese Niederlagen waren ausschlaggebend für die erste Etappe der Revolution, für die Februarrevolution, sie brachten das ganze Volk gegen den Zarismus auf.

Das Volk, das waren auf der einen Seite die Arbeiter, armen Bauern und Soldaten, die immer mehr unter Not und Entbehrungen litten und ihr Leben zu Tausenden auf dem Schlachtfeld ließen.

Auf der anderen Seite die Bourgeoisie im Bündnis mit den Gutsbesitzern, die den imperialistischen Krieg mit angezettelt, gut an ihm verdient hatte und jetzt um ihre Profite bangen mußte. Das war der Grund, warum sie schließlich gegen den Zar aufstanden, denn in ihren Augen war er ein schlechter Feldherr und sein Despotentum schränkte sie politisch zu stark ein.

Die revolutionären Volksmassen erhoben sich für Brot, Beendigung des Krieges und für Freiheit, also für den Sturz der Monarchie.

Die Bourgeoisie dagegen wollte die Macht ergreifen, im Interesse der Fortführung des imperialistischen Krieges, im Interesse der Einverleibung anderer Länder und deren Ausplünderung. Dabei unterstützt von der herrschenden Klasse Frankreichs und Englands, für die Rußland ein wichtiger militärischer Verbündeter war, „beschäftigte“ er doch Deutschland vom Osten her.

Der zaristische Hof steuerte auf einen Separatfrieden mit den Deutschen hin, um seine eigene Haut zu retten

Um den Krieg fortsetzen zu können und um die Volksmassen ruhigzustellen, versuchte die Bourgeoisie, die Lage mit einer Palastrevolution zu retten. Sie wollten lediglich den Zaren auswechseln. Das Volk kam ihr zuvor.

Die Februarrevolution, die mit vereinzelten Streiks begann, entwickelte sich bald zum politischen Generalstreik. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei, die schließlich in bewaffnete Kämpfe mündeten. Teile der Armee, weigerten sich auf die Arbeiter zu schießen, und immer mehr Soldaten gingen auf die Seite des revolutionären Proletariats über. Die zaristischen Minister und Generäle wurden verhaftet. Die Arbeiter von Petrograd, Moskau und anderen Städten hatten zusammen mit den in den Soldatenrock gesteckten Bauern die Führung in dieser Revolution übernommen und nur durch ihre Führung konnte die bürgerliche Revolution verwirklicht werden.

Die Bourgeoisie wollte nicht wirklich den Zarismus stürzen, war er doch eine dienliche Marionette, der mit seiner aufgeplusterten Krone vor ihnen, den wahren Herrschern Rußlands stand. Da die Bourgeoisie, durch den Eintritt in das Stadium des Imperialismus, ihren fortschrittlichen Charakter in der Geschichte verloren hatte, verbündete sie sich mit der Reaktion und den halbfeudalen Großgrundbesitzern, also mit den Kräften, die gegen die bürgerliche Demokratie waren.

Sie verbündete sich mit ihnen aus Angst vor dem Proletariat und aufgrund der gleichen Interessen: maximale Ausbeutung und die gewinnbringende Weiterführung des Krieges.

Die Bauern wollten Land, wollten „idealen“ Kapitalismus, gerechte Aufteilung des Bodens, sie erhoben sich gegen Leibeigenschaft, Frondienst und feudalen Großgrundbesitz.

Waren in den früheren bürgerlichen Revolutionen die Bauern Bündnispartner der Bourgeoisie, denn es war das Interesse beider, die Fesseln des Feudalismus zu sprengen, so wurde nun die Bauernschaft zum Bündnispartner des Proletariats. Die Arbeiterklasse kämpfte entschlossen gegen den Feudalismus, weil dessen Sturz ihnen bessere Lebensbedingungen und vor allem bessere Voraussetzungen für den Klassenkampf bot. Aufteilung des Großgrundbesitzes, also Land für die Bauern bedeutete für sie Brot, Brot, auf dem die feudalen Gutsbesitzer saßen.

Das Proletariat mußte, anstelle der Bourgeoisie, die nicht mehr fähig dazu war, die sich statt dessen mit dem feudalen Großgrundbesitz, mit der Reaktion verbündet hatte, die Aufgabe der bürgerlichdemokratischen Revolution erledigen.

Die Klasse der Kapitalisten im Bündnis mit den Gutsbesitzern, die Rußland schon lange wirtschaftlich lenkte, war schon beinahe ganz an der Macht. Es bedurfte aber noch der Revolution, die den Zarismus stürzte und die politische Stellung ihrer Klasse festigte.

Der Großteil der werktätigen Bevölkerung, trunken von den ersten und schnellen Erfolgen der Revolution, glaubte den Versprechungen der Vertreter des Kleinbürgertums, den Menschewiki und Sozialrevolutionären. Für sie war die Revolution mit dem Sturz des Zaren beendet. Nun galt es, sich mit der Bourgeoisie zu arrangieren (in ihren Worten hieß das, die Revolution zu „verankern“ und überzugehen in Bahnen eines „normalen“, verfassungsmäßigen Zusammenlebens mit der Bourgeoisie). Da sie das Vertrauen der Masse der Bevölkerung hatten, erhielten sie die Zustimmung der Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten, sich an der Bildung der Provisorischen Regierung zu beteiligen.

Die Provisorische Regierung hatte anfangs (später sorgte das Ministerkarusell für Abwechslung) folgende Zusammensetzung: an ihrer Spitze stand der Fürst Lwow (Premierminister in der Regierung des Zaren), es gehörten ihr weiter prominente Vertreter der Kapitalistenklasse und der Großgrundbesitzer an, sowie die Führer der Kadetten und der Oktobristen, beide Parteien der liberaldemokratischen Bourgeoisie. Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre paktierten mit dieser Regierung und stützten damit die Macht der Bourgeoisie.

Denn das Sagen in dieser Regierung hatten die Kräfte, die kein Brot geben konnten, weil sie dann den gutsherrlichen Besitz hätten angreifen und enteignen müssen, also ihren eigenen Besitz, sie konnten keinen Frieden geben, weil sie den Krieg mit allen Mitteln fortsetzen wollten und sie konnten keine „Freiheit“ geben, weil sich hinter dieser Regierung die Reaktion sammelte und sammeln konnte.

Waren die Sowjets 1905 Streik- bzw. Kampforganisationen der Arbeiter, so bildeten sie 1917 die Keimzelle einer Arbeiter- und Bauernregierung. Durch den organisierten Zusammenschluß erleichterten sie den Kampf für bessere Lebens- und Kampfbedingungen.

„Die Revolution von 1905 hatte gezeigt, daß die Sowjets Organe des bewaffneten Aufstands und zu gleicher Zeit der Keim einer neuen, einer revolutionären Macht sind.“ Geschichte der KPdSU(B), S.222

„... neben der bürgerlichen Regierung existierte eine andere Macht - der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Die Soldatendeputierten im Sowjet waren in der Hauptsache Bauern, die für den Krieg mobilisiert worden waren. Der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten war das Organ des Bündnisses der Arbeiter und der Bauern gegen die zaristische Macht und zugleich das Organ ihrer eigenen Macht, das Organ der Arbeiterklasse und der Bauernschaft.

Somit ergab sich eine eigenartige Verflechtung von zwei Gewalten, zwei Diktaturen: der Diktatur der Bourgeoisie in Gestalt der Provisorischen Regierung und der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft in Gestalt der Sowjets der Arbeiter und Soldatendeputierten.

Es ergab sich eine Doppelherrschaft.“ Geschichte der KPdSU(B), S.223 f.

Den Menschewiki, die Vertreter des Kleinbürgertums in der Arbeiterklasse, gelingt es, das Exekutivkomitee der Sowjets zu besetzen; die Deputierten wählten sie. Die Frage nach Beendigung des Krieges wurde vertuscht, die Verschleppung der Nahrungsbeschaffung und die Beschwichtigungen wurden mit der Zeit immer sichtbarer.

Die Bolschewiki, bis zu dieser Zeit noch in der Illegalität, konnten sich aufgrund der Bedingungen der Doppelherrschaft (das hieß Gewährung eines Höchstmaßes an bürgerlichen Freiheiten, um die Massen ruhigzustellen und die Machtfrage zu verschleiern) reorganisieren und legal ihre Tätigkeit entfalten. Sie betrieben eine geduldige Aufklärungspolitik für eine sozialistische Perspektive.

W.l. Lenin, im April 1917 aus dem Exil zurückgekehrt, formulierte in seinen Thesen „Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution“ das weitere Vorgehen der Bolschewiki:

Kampf der „Regierung der Kapitalisten, der ärgsten Feinde des Friedens und des Sozialismus“ ..., „keinerlei Unterstützung der provisorischen Regierung, Aufdeckung der ganzen Verlogenheit aller ihrer Versprechungen, insbesondere hinsichtlich des Verzichts auf Annexionen. ... Aufklärung der Massen darüber, daß die Sowjets der Arbeiterdeputierten die einzig mögliche Form der revolutionären Regierung sind, und daß daher unsere Aufgabe, solange sich diese Regierung von der Bourgeoisie beeinflussen läßt, nur in geduldiger, systematischer, beharrlicher, besonders den praktischen Bedürfnissen der Massen angepaßter Aufklärung über die Fehler ihrer Taktik bestehen kann. Solange wir (in den Sowjets, d. Red.) in der Minderheit sind, leisten wir die Arbeit der Kritik und Klarstellung der Fehler, wobei wir gleichzeitig die Notwendigkeit des Übergangs der gesamten Staatsmacht an die Sowjets der Arbeiterdeputierten propagieren, damit die Massen sich durch die Erfahrung von ihren Fehlern befreien.” (Lenin Werke, Bd.24, S.4f.)

Die Forderungen der Bolschewiki waren: sofortige Beendigung des Krieges, alle Macht den Sowjets, Nationalisierung des Grund und Bodens, Schaffung einer einheitlichen Staatsbank und Errichtung der Arbeiterkontrolle über Produktion und Verteilung der Güter.

Die Aufklärung der Bolschewiki bestand unter anderem darin, daß sie hervorhoben, daß dieser Krieg ein imperialistischer Krieg war, ein Krieg der russischen Bourgeoisie gegen die Bourgeoisie eines anderen Landes, auf Kosten des Volkes. Für diese Klasse war der Raubkrieg notwendig, um bei der Aufteilung der Welt etwas abzubekommen. Dieser Punkt war deshalb so wichtig, weil noch viele Arbeiter und Bauern dachten, daß der Zar den Krieg „geführt“ hatte und sein Sturz die Bedingung für den Frieden war.

Doch mit dem Sturz des Zarismus erlangte die kriegführende Klasse, die Bourgeoisie, die politische Macht und was sie mit dieser Macht anstellte, zeigte sich recht schnell: Die Arbeiterkontrolle war nur teilweise verwirklicht und der gutsherrschaftliche Großgrundbesitz blieb unangetastet. Fortsetzung des Krieges mit einer erfolglosen Offensive im Juli 1917, bei denen 60.000 Soldaten in den Tod geschickt wurden, blutige Niederschlagung der darauffolgenden Demonstrationen in den Städten Rußlands, Verbote von revolutionären Zeitungen, Verhaftungen von Bolschewiken, Wiedereinführung der Todesstrafe und als Höhepunkt der konterrevolutionäre Putsch, ausgeführt von General Kornilow, unterstützt von Bourgeoisie, Offizieren und Resten des Zarenhofes, mit dem Ziel, eine Militärdiktatur zu errichten, um ein für alle Mal mit „Aufwieglern’’ und „Vaterlandsverrätern’’ aufzuräumen.

Die schonungslose Unterdrückung der Proteste im Juli und die allerletzte Lehre, der Kornilowputsch, bedeutete das endgültige Ende der Doppelherrschaft, von der Seite der Herrschenden nicht etwa demokratisch und liberal beendet, sondern „aufgekündigt“ mit Gewalt, mit Diktatur.

Das alles geschah zwischen Februar und August. In dieser Zeit der Doppelherrschaft zeigte die Bourgeoisie binnen eines halben Jahres ihre wirkliche, ihre reaktionäre Fratze und sie machte sich daran, die neben ihr bestehende Macht der Sowjets der Arbeiter, Bauern und Soldaten zu zerschlagen. Sie konnte und wollte die Revolution nicht vorantreiben, sie versuchte statt dessen sie zurückzuziehen und zu schwächen, um ihre Herrschaft zu sichern.

Die Volksmassen wandten sich von den Menschewiki ab, denn sie konnten mit eigenen Augen sehen, was das Paktieren mit den Ausbeutern gebracht hatte. Die Erfahrungen dieses halben Jahres verdeutlichten, daß das Kleinbürgertum,...

„... schwankt und wankt, daß es heute dem Proletariat folgt, morgen vor den Schwierigkeiten der Umwälzung zurückschreckt, bei der ersten Niederlage oder halben Niederlage der Arbeiter in Panik gerät, die Nerven verliert, sich hin und her wirft, wehklagt, aus einem Lager in das andere überläuft ... wie unsere Menschewiki und Sozialrevolutionäre.“ (Lenin Werke, Bd.28, S.253)

Die Arbeiter, armen Bauern und Soldaten haben zusammen mit der Bourgeoisie den Zarismus weggefegt und damit für die Bourgeoisie die Macht erkämpft, nun erkannten sie, daß die Bourgeoisie der Verwirklichung ihrer Forderungen im Wege stand. Sie erkannten, daß die Einschätzung der Bolschewiki richtig war, denn sie forderten schon im April, die Bourgeoisie möglichst klein zu halten und die Macht den Sowjets zu übergeben.

Es konnte nun keinen friedlichen Übergang mehr zum Sozialismus geben, weil die reaktionäre Bourgeoisie die Doppelherrschaft mit ihrem Stiefel zertreten hat, um alleine die Macht auszuüben. Und vor allem eines lernte das Proletariat: die bürgerliche Demokratie ist ein mit Sprüchen wie Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte hübsch bestickter Mantel, der die wirklichen Vorgänge verdecken soll. Und zwar die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die Diktatur der Bourgeoisie.

Lenin schrieb dazu in seiner Broschüre „Der Renegat Kautsky“, folgendes:

„In der bürgerlichen Demokratie werden die Massen von den Kapitalisten mit tausenderlei Kniffen, die um so raffinierter und wirksamer sind, je entwickelter, die „reine“ Demokratie ist, von der Teilnahme der Regierung, von der Ausnutzung der Versammlungs- und Pressefreiheit usw. abgehalten. ... Die Teilnahme am bürgerlichen Parlament (das in der bürgerlichen Demokratie nie über die wichtigen Fragen entscheidet: diese Fragen werden von der Börse, von den Banken entschieden) ist den werktätigen Massen durch tausenderlei Hindernisse versperrt, und die Arbeiter wissen und empfinden, sehen und fühlen ausgezeichnet, daß das bürgerliche Parlament eine ihnen fremde Einrichtung ist, ein Werkzeug zur Unterdrückung der Proletarier durch die Bourgeoisie, eine Einrichtung der feindlichen Klasse, der ausbeutenden Minderheit.“ (Lenin Werke, Bd.28, S.245f.)

Das revolutionäre Bewußtsein der Volksmassen schritt voran, im Sinne der Unvermeidlichkeit der proletarischen Revolution, die Bolschewiki erlangten in diesem halben Jahr der verschärften Klassenkämpfe die Mehrheit in den Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten, denn sie war die einzige Kraft, die sich auf keine Kompromisse mit den Herrschenden einließ und die konsequent die Forderungen der Volksmassen umsetzen wollte.

Die zweite Etappe der Revolution begann, die Sozialistische Oktoberrevolution.

Die Provisorische Regierung wurde gestürzt, am Abend tagte der II. Gesamtrussische Kongreß der Arbeiter- und Soldatendeputierten, der die Übernahme der gesamten Macht durch die Sowjets verkündete, 2 Tage später wurde der „Rat der Volkskommissare’’ gewählt, die erste Sowjetregierung unter dem Vorsitz von W.l.Lenin.

Die Regierung des werktätigen Volkes wurde errichtet. Jetzt begann die Umgestaltung des Staates und der Wirtschaft. Die Herrschaft der Bourgeoisie war zwar gebrochen, sie waren allerdings noch nicht besiegt.

Die Bourgeoisie war immer noch stärker als die Sowjetmacht. Stärker deshalb, weil ihnen noch ihr Geld blieb, sie hatten die Routine in der Verwaltung und in der Organisation der Betriebe, es blieb ihr enger Kontakt zu Spezialisten und Fachkräften im technischen Bereich und es blieben all ihre „Erfahrungen“ in Militär und Kriegsführung.

Während die Sowjetmacht allein in der Welt stand, die proletarische Revolution hatte in einem Land gesiegt, so hatten die Ausbeuter noch ihre internationalen Beziehungen zur Weltbourgeoisie, die Waffen, Geld, Agenten und Soldaten nach Rußland schickten, um die erste Arbeiter- und Bauernmacht der Welt zu erdrosseln.

Das machte sie stärker und sie hofften noch, sie konnten noch hoffen.

„... die Ausbeuter (behalten, d.Red.) unvermeidlich die Hoffnung auf eine Restauration, und diese Hoffnung verwandelt sich in Versuche der Restauration. Und nach der ersten ernsten Niederlage werfen sich die gestürzten Ausbeuter, die ihren Sturz nicht erwartet, an ihn nicht geglaubt, keinen Gedanken an ihn zugelassen haben, mit verzehnfachtem Haß in den Kampf für die Wiedererlangung des ihnen weggenommenen „Paradieses“, für ihre Familien, die ein so schönes Leben geführt haben und die jetzt von dem „gemeinen Pack“ zu Ruin und Elend (oder zu „gewöhnlicher“ Arbeit...) verurteilt werden.“ (Lenin Werke, Bd.28, S.253)

Wegen des zähen Widerstandes der Bourgeoisie und aufgrund der ihr verbliebenen Vorteile nach der proletarischen Revolution, errichtete das „gemeine Pack“ die Diktatur, die Herrschaft des Proletariats zur Niederhaltung der Bourgeoisie als Klasse.

Demokratie wurde der Klasse entzogen, die schuld an Krieg und Elend war, die, als sie merkten, ihre Macht und ihre Reichtümer sind in Gefahr, über Leichen gingen und mit aller Kraft versuchten, die Sowjets, die die Mehrheit der Bevölkerung vertrat, zu zerschlagen, die noch über Jahre hinweg Tausende Menschen in den Tod schickten, um wieder ihr Recht auf Ausbeutung zu erlangen.

Und dieser verlogenen bürgerlichen Demokratie, auf die sich die Herrschenden stützten, um ihre Diktatur zu verschleiern und aufrecht zu erhalten, wurde etwas anderes entgegengesetzt, die Sowjetmacht, die proletarische Demokratie:

„Die Sowjets sind die unmittelbare Organisation der werktätigen und ausgebeuteten Massen selbst, die es ihnen erleichtert, den Staat selbst einzurichten und in jeder nur möglichen Weise zu leiten. Gerade die Vorhut der Werktätigen und Ausgebeuteten, das städtische Proletariat, erhält hierbei den Vorzug, da es durch die Großbetriebe am besten vereinigt ist; es kann am leichtesten wählen und die gewählten Deputierten kontrollieren. Die Sowjetorganisation erleichtert automatisch den Zusammenschluß aller Werktätigen und Ausgebeuteten um ihre Vorhut, das Proletariat. Der alte bürgerliche Apparat - das Beamtentum, die Privilegien des Reichtums, der bürgerlichen Bildung, der Beziehungen usw. (diese tatsächlichen Privilegien werden umso mannigfaltiger, je entwickelter die bürgerliche Demokratie ist) - all das fällt bei der Sowjetorganisation weg. Die Pressefreiheit hört auf, Heuchelei zu sein, denn die Druckereien und das Papier werden der Bourgeoisie weggenommen. Das gleiche geschieht mit den besten Baulichkeiten, den Palästen, Villen, Herrensitzen. Die Sowjetmacht hat den Ausbeutern kurzerhand Tausende und aber Tausende dieser besten Baulichkeiten weggenommen und dadurch das Versammlungsrecht für die Massen, jenes Versammlungsrecht, ohne das die Demokratie ein Schwindel ist, millionenmal „demokratischer“ gemacht. Die indirekten Wahlen zu den nichtlokalen Sowjets erleichtern es, die Sowjetkongresse einzuberufen, machen den gesamten Apparat billiger, beweglicher und für die Arbeiter und Bauern zugänglicher, und das in einer Zeit, wo das Leben brodelt und die Möglichkeit bestehen muß, einen örtlichen Abgeordneten besonders rasch abzuberufen oder zum allgemeinen Sowjetkongreß zu entsenden.“ (Lenin Werke, Bd.28, S.246 f.)

Nach der Oktoberrevolution wurde mit dem Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft begonnen. Das „heilige“ Privateigentum an Produktionsmitteln wurde aufgehoben und denen zur Verwaltung und Kontrolle gegeben, die darin arbeiten. Damit wurde der Grundstein gelegt, für eine Gesellschaft, in der es keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen geben soll.

Das war vor 80 Jahren. Doch was hat die Erringung der Macht für das Proletariat bewiesen. Nichts? Ist das mit 89 alles ausgelöscht?

Die Selbständigkeit der Arbeiterklasse als herrschende und führende Klasse wurde unter Beweis gestellt.

Die Kämpfe zwischen Februar und Oktober 1917 haben gezeigt, wohin die kleinbürgerlichen lllusionen der Reformen, der Kompromisse, des Paktierens mit den Ausbeutern führen: Unterordnung des Proletariats unter die Herrschaft der Bourgeoisie und damit die Propagierung ihrer unumstößlichen Macht, Verschleppung und Verschleierung des Klassenkampfs, der Glaube an die Reinheit der bürgerlichen Demokratie und der Glaube an den über den Klassen stehenden bürgerlichen Staat.

Der Sieg der proletarischen Revolution, als „leichterer“ Teil und später die Sicherung und Festigung des Sozialismus wird bestimmt vom Klassenkampf, von der Frage um die Macht. Der Klassenkampf existiert weiter, er verschärft sich oder ändert seine Form, geht über in eine höhere Stufe.

Die Erkenntnisse des wissenschaftlichen Sozialismus wurden in Rußland das erste Mal praktisch angewandt. Das bedeutet nicht, daß sie immer richtig angewandt wurden, bzw. keiner Weiterentwicklung bedürfen. Aber sie bilden heute die Grundlagen für Länder wie Kuba, die den Angriffen des Imperialismus nicht waffenlos gegenüberstehen. Sie geben seinem Volk den aufrechten Gang, für den wir es bewundern.

Wir müssen heute wieder die Machtfrage stellen. Oder ist das Jetzt und Heute das Ende der menschlichen Entwicklung?

Wollen wir noch länger Amboß oder wieder Hammer sein?

Arbeitsgruppe

Wir stehen an einem Wendepunkt der Geschichte. Die Revolution ist für die Werktätigen und Unterdrückten aller Völker zum Appell und zum Kampfruf geworden. Die russische Sowjetrepublik wurde zum Banner der kämpfenden Internationale, sie rüttelt die Zurückgebliebenen auf, erfüllt die Schwankenden mit Mut und verzehnfacht die Kraft und Entschlossenheit aller. Verleumdung und Haß umgeben sie. Doch sie erhebt sich hoch über diesen ganzen schmutzigen Strom - ein großartiges Werk voll gigantischer Energie und edelsten Idealen. Eine neue, bessere Welt nimmt ihren Anfang.

Karl Liebknecht, 1918

Der große Oktober

O großer Oktober

der Arbeiterklasse!

Endliches Sichaufrichten

der so lange

Niedergebeugten!

Soldaten, die ihr

Endlich die Gewehre

in die richtige Richtung gerichtet!

Die den Boden bestellten

im Frühjahr

Taten es nicht

für sich selber. Der Sommer

Beugte sie tiefer.

Noch die Ernte

Ging in die Scheuern der Herren.

Aber der Oktober

Sah das Brot schon

in den richtigen Händen!

Seitdem

Hat die Welt ihre Hoffnung.

Bertolt Brecht, 1937

Zeittafel

1904

Anfang des Jahrhunderts begann die Aufteilung der Welt zwischen den einzelnen Imperialisten. Die russisch-imperialistische Wirtschaftsexpanision führte im Januar 1904 zum Russisch-Japanischem Krieg.

Die zaristische Regierung versprach sich vom Krieg eine Festigung ihrer Macht im Inneren und eine Ausweitung ihres Machtbereiches. Die Arbeiter mußten für den verlorenen Krieg bluten.

Januar 1905

Generalstreik in Petrograd. Bürgerliche riefen zu einer friedlichen Demonstration zum Palast des Zaren auf, um eine Petition zu überbringen.

9. Januar 1905

Der Zar gab den Befehl, auf die Demonstranten zu schießen. Mehr als 1000 Menschen wurden von den zaristischen Truppen getötet.

Überall im Land begannen die Arbeiter Streiks zum Zeichen des Protestes. Sie fingen an, politische Forderungen zu stellen.

Juni 1905

Selbst die Armee, die Stütze des Zarismus wurde von der revolutionären Woge erfaßt. Auf dem Panzerkreuzer Potemkin kam es zur Meuterei und die Matrosen verbündeten sich mit den streikenden Arbeitern in Odessa.

Januar/Februar 1917

Die aufflammenden Streiks im Januar entwickelten sich zum bewaffneten Aufstand. Die Armee schloß sich ihnen an. Die Forderungen lauteten: Für Frieden, für Brot, für Freiheit. Zaristische Minister und Generale wurden verhaftet. Politische Gefangene wurden befreit. Der Zar mußte abdanken.

27.2.1917

In den Städten wurden Arbeiter- und Soldatenräte gebildet, die Sowjets.

Daneben gründete sich eine provisorische bürgerliche Regierung.[1] So kam es zu einer Doppelherrschaft von Bourgeoisie und Proletariat.

3. April 1917

Nun konnte Lenin aus der Illegalität nach Petrograd zurückkehren. Er begann sofort mit dem Kampf um die Mehrheit der Bolschewiki[2] in den Sowjets.

24. April 1917

Siebte Konferenz der Bolschewiki: Die Aprilthesen wurden verabschiedet: “Alle Macht den Sowjets”.

2. Mai 1917

Es bildete sich eine bürgerliche Koalitionsregierung mit den Menschewiki[3] und den Sozialrevolutionären[4]. Bei Neu­wahlen für die Sowjets setzten sich immer mehr die Bolschewiki durch.

3. Juli 1917

Es kam in Petrograd zu blutigen Auseinandersetzungen. Reaktionäre Truppenteile schossen auf demonstrierende Arbeiter. Das war das Ende der Doppelherrschaft.

7. Juli 1917

Haftbefehl gegen Lenin - er floh unter Lebensgefahr nach Finnland und schrieb dort „Staat und Revolution”.

26.Juli - 3. August 1917

VI. Parteitag der Bolschewiki.

18. August 1917

General Kornilow ließ seine Truppen nach Petrograd marschieren, um eine Militärdiktatur zu errichten. Die Arbeiter verteidigten Petrograd erfolgreich.

September 1917

Vorbereitungen zum II. Sowjetkongress. Illegale Rückkehr Lenins nach Petrograd.

10.Oktober 1917

Sitzung des Zentralkomitees der Bolschewiki. Auf ihr wurde mehrheitlich festgestellt, die Zeit für den bewaffneten Kampf sei gekommen.

19. Oktober 1917

Die bürgerliche Regierung rief Truppen von der Front nach Petrograd.

24. Oktober 1917

Kerenski schlug los und verbot das Zentralorgan der Bolschewiki „Rabotschi Putj”. Er schickte Truppen, die Druckerei zu schließen. Doch die Bolschewiki schützten die Druckerei und mit einer kleinen Verspätung wurde mit der Schlagzeile ausgeliefert: Sturz der Provisorischen Regierung!

25. Oktober 1917

Die revolutionären Truppen besetzten die Bahnhöfe, Postamt, Telegraphenamt, die Ministerien und die Staatsbank. Das Vorparlament wurde aufgelöst, die Sowjets übernahmen die Staatsmacht.

25./26. Oktober 1917

(7./8. November)

In der Nacht vom 25. zum 26. Oktober wurde das Winterpalais gestürmt und die Provisorische Regierung wurde verhaftet. Der II. Sowjetkongreß wurde um 22.45h eröffnet. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre verließen den Kongreß.

26./27. Oktober 1917

Am Abend des 26. Oktobers wurde die zweite Sitzung des Sowjetkongresses durch Lenin eröffnet. Arbeiter, Soldaten und Matrosen, die an den Kämpfen teilgenommen hatten, suchten dabeizusein, als Lenin die ersten Dekrete der neuen Regierung verkündete.

5. Dezember 1917

Waffenstillstandsabkommen mit Deut­schland

1918-1920 1917

Die bürgerliche Klasse fand sich nicht mit ihrer Niederlage ab. Bis 1920 wurde in Rußland ein erbitterter Bürgerkrieg geführt. Die niedergerungenen Gutsbesitzer und Kapitalisten verbündeten sich mit den ausländischen Imperialisten. Der zuerst erhoffte schnelle Untergang der Sowjetmacht blieb aus. Deshalb wurden die konterrevolutionären Kräfte in Rußland mit Geld und Waffen ausgestattet. Auch militärisch kämpften fremde Truppen auf russischem Boden gegen die Rote Armee. Nach Ende des Bürgerkriegs und der Intervention von ausländischen Truppen konnte mit dem Aufbau von Wirtschaft und Gesellschaft begonnen werden.

Das Sowjetsystem ist berufen, den westeuropäischen Parlamentarismus, dessen Bankrott wenigstens in Deutschland durch die Nationalversammlung schon bewiesen ist, zu ändern. Während der sechs Monate ihrer Existenz in Rußland haben die Sowjets trotz ihrem Mangel an Erfahrung mehr Initiative und Vernunft gezeigt als die deutschen Parlamente in fünfzig Jahren.

Walther Rathenau, 1919

Das Beispiel lebt

Das Beispiel lebt.

Wir müssen nicht mehr sinnen:

Wie wird uns Friede?

Wie Gerechtigkeit?

Wir sahn Kämpfer,

sahen Kämpferinnen,

und sahn ein Volk,

das selber sich befreit.

Es fiel ein Zar.

Ein alter Thron zerbrach,

und eitle Trugpropheten

stürzten nach.

Erich Mühsam, 1918

Wir Kommunisten erklären: Es gibt nur einen Weg zur Freiheit der Arbeiterklasse, nur einen Weg zum Sozialismus. Karl Marx hat ihn uns vor 80 Jahren gezeigt. Es ist der Weg der proletarischen Klassendiktatur. Lenin und die russischen Arbeiter sind ihn gegangen. Die Sowjetunion ist das Beispiel, das die Arbeiter der ganzen Welt nachahmen müssen.

Fritz Heckert, 1928

Buchtip

Am Stationseingang standen zwei Soldaten mit Gewehren und aufgepflanzten Bayonetten umringt von zirka hundert hitzig auf sie einredenden Geschäftsleuten, Regierungsbeamten und Studenten. Die Soldaten waren unzugänglich und in ihren Gefühlen verletzt wie zu Unrecht gescholtene Kinder.

Ein großer junger Mann mit anmaßenden Manieren, in der Uniform eines Studenten, führte das Wort.

„Ihr werdet doch wohl begreifen, daß ihr euch zu Werkzeugen von Mördern und Verätern macht, wenn ihr die Waffen gegen eure Brüder erhebt“, sagte er in unverschämtem Ton. „Ach Bruder“, antwortete der Soldat ernsthaft, „du verstehst nicht. Es gibt zwei Klassen. Kannst du das nicht sehen? Das Proletariat und die Bourgeoisie. Wir...“

„Oh, ich kenne dieses dumme Gerede“, unterbrach ihn der Student grob. „Ihr dummen Bauern hört ein paar Schlagworte brüllen. Was sie bedeuten, versteht ihr nicht. Ihr plappert sie nach, als wäret ihr Papageien“. Die Menge lachte. „Ich bin selbst Marxist! Und ich sage euch, wofür ihr kämpft, das ist gar kein Sozialismus. Das ist ganz einfach Anarchie, die nur den Deutschen nützt“.

„Oh, ja, ich verstehe“, entgegnete der Soldat, vor Verlegenheit schwitzend. „Du bist ein gebildeter Mann. Das ist leicht zu sehen, und ich bin nur ein einfacher Mensch; aber mir scheint doch ...“

„du scheinst zu glauben, Lenin ist ein aufrichtiger Freund des Proletariats“, unterbrach ihn der andere verächtlich.

„Jawohl, das glaube ich“, erwiderte geduldig der Soldat.

„Nun gut, mein Freund, weißt du dann auch, daß Lenin in einem geschlossenen Zuge durch Deutschland gefahren ist und daß er von den Deutschen Geld genommen hat?“

„Davon weiß ich nichts“, antwortete der Soldat. „Aber mir scheint, daß er gerade das sagt, was ich und meinesgleichen hören wollen. Es gibt zwei Klassen, die Bourgeoisie und das Proletariat“.

„Du bist ein Narr, mein Freund. Ich habe zwei Jahre lang in der Schlüsselburg gesessen, als du noch Revolutionäre niederschossest und „Gott erhalte den Zaren“ sangest. Mein Name ist Wassili Georgijewitsch Panin. Hast du nie etwas von mir gehört?“

„Nein, bedaure“, entgegnete der Soldat bescheiden. „Aber ich bin ja auch kein gebildeter Mann und du vielleicht ein großer Held.“

„Das bin ich“, versetzte der Student mit Überzeugung. „Und ich bin ein Gegner der Bolschewiki, die unser Rußland und die Revolution zugrunde richten. Wie erklärst du dir das?“

Der Soldat kratzte sich den Kopf. „Das kann ich mir nicht erklären. Mir erscheint die Sache ganz einfach; aber ich bin ja kein gebildeter Mann. Es gibt nur zwei Klassen, die Bourgeoisie und das Proletariat...“

„Da kommst du schon wieder mit deinen dummen Phrasen“, schrie der Student.

„Nur zwei Klassen“, fuhr der Soldat hartnäckig fort, „und wer nicht auf der einen Seite ist, der ist auf der anderen“.

John Reed, 10 Tage, die die Welt erschütterten, Berlin 1957, S.247 ff.

1 Duma: russische Volksvertretung von 1905 bis 1917. Erst beratende, dann gesetzgebende Versammlung. Kein demokratisches Wahlrecht, die Besitzenden waren begünstigt.

2 Bolschewiki: auf dem II. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands 1903 bildeten die Anhänger Lenins die Mehrheit (russisch = bolschinstwo) und wurden seither Bolschewiki genannt.

3 Menschewiki: auf dem II. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands 1903 widersetzte sich eine Minderheit (russisch = menschinstwo) den Parteitagsbeschlüssen und bildete eine Fraktion, die Menschewiki genannt wurde.

4 Sozialrevolutionäre: kleinbürgerliche Partei in Rußland

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