Für Dialektik in Organisationsfragen
Unter der Überschrift „Zeit zu handeln“ heißt es auf der Titelseite der „metall – Dein Magazin“ (Ausgabe Januar/Februar 2025): „Wir kämpfen für den Industriestandort Deutschland“.
Der Vorstand macht die IGM dabei – ähnlich wie in den Vorjahren – zum Standortwächter für die „Zukunft der Industrie“. Die Kapitalisten und ihr geschäftsführender Ausschuss, die Regierung, tun nach seiner Meinung zu wenig für ihre Erhaltung und Sicherung. „Nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch die Politik muss ihrer Verantwortung gerecht werden und jetzt kluge Entscheidungen für den Industriestandort Deutschland treffen ...“, erklärt IGM-Vorsitzende Christiane Benner im metall-Magazin. Hierbei hört ihre „kluge Entscheidung“ beim Denken an die zukünftige Existenz des Standorts BRD im Wesentlichen beim Auto, beim Autobau durchs Autokapital auf. In dem Sinne stellt sie fest: „Wertschöpfung und Beschäftigung in der Automobil- und Zulieferindustrie entscheiden über die Zukunft unseres Landes. Es stehen nicht nur einzelne Standorte auf dem Spiel, sondern die Perspektiven ganzer Regionen! Die Zeit zu handeln ist jetzt.“
Die IGM-Mitglieder und Belegschaften sind darum für Samstag, den 15. März 2025 unter der Forderung – „Die Zukunft der Industrie sichern“ – zum „Aktionstag“, zum Freizeit-Groß-Kampftag aufgerufen. Angeführt von den fünf IGM-Vorstandsmitgliedern wird in Stuttgart, Frankfurt (Main), in Köln, Leipzig und Hannover demonstriert. Von Kollegin Benner wird den Demonstrierenden dabei mit auf den Weg gegeben: „Es geht um die Menschen in diesem Land: um Dich und Deinen Arbeitsplatz. Wir und unsere Familien brauchen eine Perspektive. Auch darum geht es. Dafür werden wir gemeinsam kämpfen ...“
Anleitung und Aufgabenbeschreibung dazu finden wir u. a. auf den Seiten 10 bis 13 in der metall. Die neue Regierung – „Egal wer künftig das Land regiert“ – wird darin aufgefordert, nach der Bundestagswahl beherzt und entschlossen zu handeln (s. Kasten Karenztage).
Hierbei wird der „gemeinsame Kampf“ in der Freizeit, an Wochenenden usw. allerdings nicht ausreichen, um den längst und immer wieder gegen die Interessen der Lohnabhängigen getroffenen „beherzten“ und „klugen Entscheidungen“ von Kapital und Regierung eine handfeste Antwort zu verpassen. Z. B. die gemeinsame Organisierung von Demos und Streiks in den Betrieben, der „gemeinsame Kampf“ während der Arbeitszeit!
Abgesehen von den durch die Kapitalisten angekündigten zigtausenden Rausschmissen, Arbeitszeitverlängerungen ohne Lohn, generelle Lohnkürzungen usw., geht es hierbei gegen das Kriegsgeschrei und die sich dabei im Gange befindende und bereits erwähnte fortschreitende Militarisierung der Gesellschaft. Dabei wird der Standort Deutschland – Schulen, Universitäten, Gesundheitseinrichtungen, Krankenhäuser, Rüstungs- und andere Betriebe – mit den bekannten Milliardenbeträgen der sogenannten „Zeitenwende“, mit Kriegsbeteiligung, mit der Lieferung von „Waffenpaketen“ an die Ukraine, „verteidigungs-“ und ebenso „kriegsfähig“ und „kriegstüchtig“ hochgerüstet. Das ist von allen Angriffen auf die Interessen der Lohnabhängigen, auf die Lebensbedingungen „unserer Familien in diesem Land“ der schärfste Angriff. Die Perspektive für sie heißt hierbei: In allen Regionen Opfer bringen, für alles, was als notwendiges Ziel für Hochrüstungs- und Kriegspolitik als unabdingbar verkauft wird. Wie z. B. von der Politik bereits „klug“ und „beherzt“ entschieden – Sozialabbau bzw. anders ausgedrückt – den „Gürtel enger schnallen“ für „Kanonen statt Butter“! (Kasten „Renten für die Rüstung“)
Aus der aktuellen metall 1-2 2025 erfahren wir nichts, kein Wort von IGM-Vorsitzender Benner oder IGM-Vorstand gegen die kapital- und regierungsseitigen Aufrüstungs- und Kriegsvorbereitungspläne. Kein Aufruf der IGM-Führung, mit der Absicht, Mitglieder und Belegschaften gegen diese Entwicklung in der BRD zu mobilisieren. Dafür gibt es einen für den vom IGM-Vorstand angesagten „gemeinsamen Kampf“ an Kapital und neue Regierung gerichteten Zukunftsplan: Unter der Überschrift „Die Zeit drängt“ werden den Mitgliedern damit ohne Diskussion offensichtlich in der Vorstandsetage entstandene „11 Punkte für ein modernes, innovatives und gerechtes Industrieland“ als Aufgabe und Ziel der IGM untergejubelt[1].
In dem Sinne brauchen weder Kapital noch Regierung zu befürchten, dass ihnen am 15. März 2025 Argumente der IGM-Vorstände gegen ihre Aufrüstungs- und Kriegspolitik um die Ohren fliegen. Diese Aufgabe sollten/ müssten Metallerinnen und Metaller, die gewerkschaftliche Basis in den Betrieben und Gewerkschaften auf den Demonstrationen übernehmen und mit Transparenten deutlich machen: Die Mobilisierung gegen Aufrüstungs- und Kriegspolitik mit allem, was dazu im „gerechten Industrieland“ BRD geplant und beabsichtigt ist, ist zurzeit nach wie vor die wichtigste gewerkschaftliche Kampfaufgabe. Dafür stehen ebenso nach wie vor die in diesem Zusammenhang auf gewerkschaftlichen Basis-Konferenzen und Veranstaltungen gegen die DGB- und generelle Vorstandspolitik der Gewerkschaften beschlossenen Forderungen: Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter gegen Burgfrieden, gegen Rassismus, gegen Aufrüstung, gegen Faschismus und Krieg!
Ludwig Jost
Wiedereinführung von Karenztagen bei Krankheit
Der Chef der Allianz, ein Herr Bäte, will lt. Handelsblatt die „Arbeitgeber“ durch Einführung von einem Karenztag entlasten. „Damit würden die Arbeitnehmer die Kosten für den ersten Krankheitstag selbst tragen.“ Unterstützt wird die Forderung von „Finanzwissenschaftler Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen“. Gegenüber der Bildzeitung hat er dazu erklärt: „Die Einführung eines unbezahlten Krankheitstages ist ein sinnvoller Vorschlag und sollte von der nächsten Regierung zügig umgesetzt werden. Noch besser wären drei Karenztage. Auch das würde kein soziales Problem auslösen.“
Das soziale Problem sind die bei der Ausbeutung der Arbeitskraft in der Regel nicht zu vermeidenden Unfälle und Krankheiten. Dabei scheinen Figuren wie Bäte und sogenannte „Experten“ wie Raffelhüschen auf die jährlich darüber veröffentlichten Berichte der Krankenkassen zu lauern. Die werden dann genutzt, um mit Vorschlägen wie Karenztagen und/oder Anderem (2022/23 Arbeitszeit, KAZ 383) über die Lohnabhängigen, über die „Versicherten“ herzufallen. Hintergrund sind jetzt der Bericht des Statistischen Bundesamtes und der Krankenkassen DAK und KKH. „Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren 2023 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durchschnittlich 15,1 Tage krankgemeldet. Die Krankenkasse DAK-Gesundheit weist für 2023 einen noch höheren Durchschnittswert aus: Demnach hatte weit über die Hälfte der DAK-Versicherten von Januar bis Dezember 2023 mindestens eine Krankschreibung. Im Gesamtjahr kam es dabei im Durchschnitt zu 20 Fehltagen pro Kopf“ (Focus online, Artikel dpa). Die Fehltage wegen psychischer Leiden wie Anpassungsstörungen, Depressionen und chronischer Erschöpfung sind hierbei 2024 im Vergleich zu 2023 „von deutschlandweit 387 Tagen pro 100 Mitglieder auf 392 Tage gestiegen.“ Für die Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Rückenschmerzen und Bandscheibenvorfälle wird von der Krankenkasse KKH für den gleichen Zeitraum eine Steigerung von „464 Tagen auf 466 Tage pro 100 Erwerbstätige“ gemeldet.
Mit der Warnung vor „Präsentismus“ – heißt: krank zur Arbeit gehen – hat DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel erklärt: „Schon vor Corona gaben etwa 70 Prozent der Beschäftigten an, mindestens einmal im Jahr krank zur Arbeit erschienen zu sein und im Durchschnitt fast neun Arbeitstage pro Jahr trotz Erkrankung gearbeitet zu haben“. Wie Piel feststellt, ist das lt. repräsentativer Umfrage branchenübergreifend weit verbreitet. Möglicherweise soll das mit der branchenübergreifenden Durchsetzung von Karenztagen noch gesteigert werden. Wie es im dpa-Artikel heißt, will sich Unions-Fraktionsvize Sepp Müller (CDU) nicht „neuen Ideen verschließen“. Er findet den Vorschlag sinnvoll, dass Arbeitnehmer am ersten Krankheitstag keinen Lohn bekommen. Im Nachrichtenportal „Politico“ hat er festgestellt: „Unsere Sozialsysteme werden immer weiter beansprucht ... Auch wenn das Thema der Karenztage sich nicht in unserem Wahlprogramm findet, könnte dies ein altbewährter Ansatz sein.“
Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Tino Sorge, hat den „altbewährten Ansatz“ bereits aufgegriffen und bei Politico erklärt, dass er einen „Krankenstands-Gipfel“ fordert, um über die Lage mit den beteiligten Akteuren zu beraten. Vielleicht hat er für die „Unions-Akteurs-Beratung“ schon eine „Gesetzesinitiative“ im Hinterkopf.
1 abrufbar unter www.igmetall.de/politik-und-gesellschaft/wirtschaftspolitik/fuer-modernes-innovatives-und-gerechtes-industrieland