Es ist unerträglich!
Wer eine dunkle Hautfarbe hat, wer obdachlos oder behindert ist, wird auf unseren Straßen zum Freiwild, wird gejagt, geschlagen, ermordet.
Es muss endlich was geschehen!
Ist es da nicht egal, wer gegen die Nazischläger vorgeht?
Zum Beispiel CSU-Beckstein und Stoiber. Die blasen sich auf und tun so, als wären sie als erste Menschen überhaupt auf die Möglichkeit eines – seit über 30 Jahren von Antifaschisten immer wieder geforderten – NPD-Verbots gekommen. Aber ist das nicht besser, als wenn sie die Straßen-Nazis weiter gewähren lassen würden?
Zum Beispiel die Propagandamaschine von Presse bis Fernsehen. Keinen Tag gibt es mehr ohne Bericht über Nazi-Schandtaten (früher gab es diese Schandtaten auch, aber kaum Berichte), mit Meinungsumfragen wird für ein NPD-Verbot geworben, über antirassistische Kundgebungen wird zum Teil berichtet, als wären sie eine ganz neue Erfindung und nicht die ganzen Jahre früher verschwiegen, verleumdet und zusammengeprügelt worden. Aber ist das nicht besser, als wenn sie über die Verbrechen der Jung-Nazis wie bis vor wenigen Wochen noch schweigen würde?
Zum Beispiel das Großkapital, das einst mit Hilfe der Hitlerfaschisten einen beträchtlichen Teil seines heutigen Reichtums und seiner heutigen Macht ergattert hat, seine früheren Sklaven und gequälten Opfer jetzt mit Almosen abspeist (wenn überhaupt) und ihnen gleichzeitig verbietet, ihre Ansprüche mit Hilfe des normalen bürgerlichen Rechts durchzusetzen. Das macht jetzt treuherzig gegen Rechtsradikale im Betrieb Front, als könnte es kein Wässerchen trüben. Aber ist das nicht besser, als wenn die Kapitalisten mit den Schlägernazis gemeinsame Sache machen würden?
Kein Arbeiter, kein Antifaschist kann sich damit beruhigen, dass durch die plötzlichen „demokratischen“ Anwandlungen dieser Herrschaften irgendetwas besser würde. Viele Antifaschisten sind jetzt erst recht auf die Straße gegangen, weil sie den neugebackenen Antirassisten nicht über den Weg trauen. Als diese Biedermänner 1992 nach den faschistischen Brandanschlägen auf Asylbewerberheime in Rostock und Hoyerswerda mit Unschuldsmienen neben uns in den Lichterketten standen, in Berlin auf einer riesigen Kundgebung lange Reden hielten und ungeheuer betroffen waren, da war auch schon, hast du nicht gesehen, das Grundgesetz in punkto Asylrecht bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Wofür haben sie jetzt wieder ihre Lichtlein angezündet?
Hat es in den letzten Wochen tatsächlich so viel mehr Angriffe der Nazi-Schläger gegeben als vorher?
Das wissen wir nicht. Die Statistiken darüber sind in den Händen der Polizei, und was wir wissen, ist, dass die ganzen Jahre ständig verharmlost, heruntergespielt und verheimlicht wurde. So wies die PDS-Abgeordnete Ulla Jelpke nach, dass in den letzten zehn Jahren über 100 Menschen von Neonazis ermordet wurden – die Bundesregierung dagegen weiß nur von 16 Mordopfern! Zum Beispiel ist die tödliche Hetzjagd auf den algerischen Asylbewerber Omar ben Noui voriges Jahr in Guben unter „Landfriedensbruch“ registriert worden[1] . Eine der perfidesten Methoden, das Volk zu täuschen, war die Behauptung, die Opfer würden ihre Unterkünfte selber anzünden. Um diese Propaganda zu erhärten, wurden keine Kosten gescheut: jahrelang wurde gegen den libanesischen Asylbewerber Safwan Eid der Prozess geführt, um zu beweisen, dass er den Brand in der Flüchtlingsunterkunft in Lübeck im Januar 1996 gelegt habe. Dieses Manöver ging daneben und endete mit Freispruch, auch durch die Solidarität vieler Antifaschisten.
Auszuschließen ist nicht, dass die Zahl der Angriffe in den letzten Wochen und Monaten zugenommen hat. Immerhin hat CDU-Rüttgers mit seinem „Kinder statt Inder“ die Hunde noch mal extra scharf gemacht. Da musste doch jeder Dumpfbacke schlagartig einleuchten, dass die Inder (also alle, die eine für das treudoofe Gemüt zu dunkle Hautfarbe haben) an der nationalen Schande des Mangels an Computerspezialisten schuld sind und bestraft gehören. Da wird schon auch mal ein Mensch aus Pakistan auf die S-Bahngleise geworfen, Wissenschaftler werden am Rande eines Kongresses von Nazis angegriffen, ausländische Geschäftspartner der Kapitalisten können es nicht mehr wagen, das deutsche Nachtleben zu genießen.
So geht es natürlich nicht. Es ist zwar ganz gut im Sinne von Stoiber und Henkel, wenn „Volkes Stimme“ ein Weilchen energisch, blutig und gewaltsam nach rechts drängt, denn umso leichter lässt sich staatlicher Rassismus durchsetzen. Aber irgendwann müssen die Hunde auch wieder an die Leine. Und der Zeitpunkt ist längst gekommen: Ausländische Computerspezialisten drängeln sich keineswegs in unser Land, sondern umfahren es lieber weiträumig, weil ihnen ihr Leben lieb ist und weil sie woanders bessere Bedingungen finden. In anderen Ländern hat es sich längst herumgesprochen, dass auf unseren Straßen jedem Ausländer Mord und Totschlag drohen. Und noch kann es sich der deutsche Imperialismus nicht leisten, auf die Meinungen in den Ländern seiner imperialistischen Konkurrenten zu pfeifen – denn die sind notgedrungen immer noch seine Partner. Noch muss er mit ihnen gemeinsam Krieg führen, mit ihnen gemeinsam den Kosovo besetzen – am besten so, dass er immer „gedrängt“ wird, mitzumachen und er sich dieser Verantwortung dann nicht entziehen kann. Noch kann er seine Macht gegenüber anderen Imperialisten nur durch Kapitalexporte vergrößern und muss sich daher an gewisse Spielregeln halten – eine politische Isolation kann er zur Zeit in keiner Hinsicht brauchen.
Und deshalb gibt es jetzt die große Volkserziehung.
Was offiziell eine Anti-NPD-Kampagne darstellen soll, ist in Wirklichkeit ein weiterer Schritt, die bürgerlich-demokratische Republik auszuhöhlen und sturmreif zu machen für den Faschismus, der nicht immer Stiefel, Glatzen und Hakenkreuzfahnen trägt, sondern je nach Zeitgeschmack auch mal Schlips und Kragen und ein demokratisches Mäntelchen. Den rassistischen Wahn vom „nützlichen“ und „schädlichen“ Ausländer als Staatsideologie, die hundertprozentige brutale Abwehr aller Flüchtlinge aus anderen Ländern, den Frontalangriff auf die Versammlungsfreiheit, die Durchsetzung der unbedingten Staatstreue der Bürger der BRD, die Einschränkung der bürgerlichen Rechte von „Extremisten“ – also letztlich hauptsächlich von Antifaschisten – all das haben die wackeren Anti-NPD-Kämpfer von der CSU mit im Gepäck. Es setzt sich jetzt fort, was wir anlässlich der CDU-Spenden-„Affäre“ in unserer vorigen Ausgabe festgestellt haben: „Es ist die Vorbereitung des Angriffs auf die bürgerlich-parlamentarische Republik – von rechts. Und Faschismus ist bisher nie anders an die Macht gekommen als über heftige bis hin zu gewaltsamen Auseinandersetzungen (und wechselnden Bündnissen) um die Führung im reaktionären Lager; Auseinandersetzungen, die sich über Jahre hinwegziehen und mit einem Zerfall der bürgerlich-demokratischen Formen der Macht und mit einer Demontage der demokratischen Rechte und Freiheiten einhergehen.“[7] Die überraschende Forderung nach dem NPD-Verbot, verbunden mit der Forderung nach restloser Abschaffung des Asylrechts, dürfte eines der erfolgreichsten Husarenstücke der CSU seit dem Tod von Strauß sein, die Führung im reaktionären Lager an sich zu reißen. Niemand anderer hat mit dieser Gerissenheit den Managern der Großindustrie die innigsten Wünsche von den Augen abgelesen und gleichzeitig die Reihen der SPD, der Grünen und sogar links von denen stehender Antifaschisten in einige Verwirrung und Verlegenheit gebracht. Die Diskussionen und Handlungen der Regierung sind nur noch hektisch und zerfahren, die CDU kann sich wieder mal (wie 1999 bei der rassistischen Unterschriftenkampagne und 2000 bei dem Führungswechsel im Zuge der Spenden“affäre“) nur als Anhängsel der CSU betätigen. Und was die NPD betrifft: die hat ihre Schuldigkeit getan, jedenfalls vorläufig (das kann schon wieder anders sein, wenn diese Zeilen in der Druckmaschine sind). „Mit Hilfstruppen darf man nicht zimperlich sein, und seien sie noch so reaktionär“[8] , hat F.J.Strauß einmal gesagt. „Nicht zimperlich sein“ – das gilt für die Retter des Vaterlands in der CSU im doppelten Sinne: Nicht zimperlich sein, die Dienste dieser Stiefelnazis in Anspruch zu nehmen zur Schaffung eines reaktionären Klimas der Einschüchterung, aber auch nicht zimperlich sein, wenn ein kräftiger Tritt in den Hintern der neonazistischen Vollidioten im Interesse des Kapitals angezeigt ist.
Nur im Kampf gegen Rassismus, für Völkerfreundschaft, können wir dem Schwindel von Stoiber und Beckstein begegnen. Und deshalb fordern wir:
Redaktion der
Kommunistischen Arbeiterzeitung
1 Neues Deutschland 16.8.00, S.1 „PDS-Fraktion kritisiert auch die Bundesregierung“.
2 taz 4.7.00, S.4 „Einwanderung ja, aber bitte auf Bayerisch“.
3 Neues Deutschland 14.8.00, S.4 „Demo gegen rechte Gewalt“.
4 Alle Fakten über den BGS in diesem Absatz nach Frankfurter Rundschau 25.7.00 „Körperverletzung im Amt – nie bei BGS-Beamten“ von Dieter Balle.
5 Siehe KAZ Nr.295, S.13 „Schwarz-Braunes aus Berlin/Brandenburg-Preußen“.
6 taz 14.8.00, S.11 „Das widerwärtige Spiegelbild“.
7 KAZ Nr.295, S.5/6 „Einig gegen Rechts!“.
8 Spiegel vom Oktober 1970, zitiert nach KAZ Nr.58, S.5.