Für Dialektik in Organisationsfragen
Kaum war die DDR in den Händen des Staates der deutschen Monopolherren, machten sich die Herrschaften an die weitere Neuaufteilung der Welt zu ihren Gunsten – anknüpfend an die Ziele, für die sie die Welt bereits zweimal mit Krieg überzogen haben. Nicht nur die Nachkriegsordnung nach 1945 sollte in weitere Fetzen zerrissen, sondern auch noch gleich die Ergebnisse des Ersten Weltkrieges revidiert werden. Bereits im Herbst 1991 wurde auf einer von der Bundeswehr und der Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeberverbände in Fürstenfeldbruck durchgeführten Tagung geplant, was heute mit der Abspaltung des UN-Protektorats Kosovo von Serbien eine neuerliche Spitze erfährt: die Zerschlagung Jugoslawiens. Damals erklärte der Verteidigungsminister a.D. Rupert Scholz: „... dass der Jugoslawienkonflikt unbestreitbar fundamentale gesamtdeutsche Bedeutung hat. Wir glauben, dass wir die wichtigsten Folgen des zweiten Weltkrieges überwunden und bewältigt hätten. Aber in anderen Bereichen sind wir heute damit befasst, noch die Folgen des Ersten Weltkrieges zu bewältigen. Jugoslawien ist als eine Folge des ersten Weltkrieges eine sehr künstliche, mit dem Selbstbestimmungsrecht nie vereinbar gewesene Konstruktion.“ Die Bedeutung dieser Folge des Ersten Weltkrieges für den deutschen Imperialismus erklärte der damalige jugoslawische Ministerpräsident Pasic auf der Friedenskonferenz 1919: Der neue jugoslawische Staat solle und werde ein Bollwerk gegen den „deutschen Drang nach Osten“ sein. Um dieses Bollwerk ein zweites Mal zu überwinden schlussfolgerte Scholz, „dass meines Erachtens Kroatien und Slowenien völkerrechtlich unmittelbar anerkannt werden müssen. Wenn eine solche Anerkennung erfolgt ist, dann handelt es sich im Jugoslawienkonflikt nicht mehr um ein innenpolitisches Problem Jugoslawiens, in das international nicht interveniert werden dürfe.“[1] Seitdem wühlen und intervenieren deutsche Politiker, Diplomaten, Geheimdienste und Militär, um die Großmachtansprüche des deutschen Imperialismus auf dem Balkan über zersplitterte, handlungsunfähige und von Deutschland abhängige Kleinststaaten durchzusetzen und den Einfluss Russlands, Frankreichs und der USA zurückzudrängen.
Wir rekapitulieren: Die Zerschlagung Jugoslawiens begann 1991 mit der einseitigen Anerkennung Sloweniens und Kroatiens durch Deutschland, Österreich und den Vatikan![2] Alle übrigen EU-Staaten, die USA und die UNO verweigerten zunächst die Anerkennung. Sie befürchteten eine Sezessionswelle mit Bürgerkriegsfolgen und zugleich die Hegemonie Deutschlands auf dem Balkan. Zu Recht, wie nicht nur die jüngere Geschichte gezeigt hat, nachdem über Nacht alle Nicht-Kroaten, d.h. vor allem Serben, mit einer neuen Verfassung zu Ausländern in Kroatien erklärt worden sind – mit den Folgen von Bürgerkrieg und Vertreibung. Auch wenn die USA im Bosnien-Krieg (Bosnien-Herzegowina war damals geographisch zu über 60% von Serben bewohnt) noch das Heft in die Hand bekommen und den Befriedungsvertrag von Dayton durchsetzen konnte, trieb Deutschland die Konflikte weiter bis zum Krieg gegen Jugoslawien 1999 voran und übernahm spätestens mit Beendigung des Kosovo-Krieges wieder die schon 1991 mit der einseitigen Anerkennung Sloweniens und Kroatiens beanspruchte Führung, die es nun auch weiterhin in der Region behalten und ausbauen will[3].
Mit der Nachkriegs-Resolution 1244 wurde Kosovo zum UN-Protektorat (UNMIK), das die Region „demokratisieren“, also im Sinne imperialistischer Interessen befrieden sollte, militärisch unterstützt von den KFOR-Truppen der NATO. Nicht vorgesehen war in dieser Resolution allerdings die Unabhängigkeit des Kosovo oder eine Übernahme durch die EU, wie diese sie am 14.12.2007 in Form einer „Stabilisierungsmission“ beschlossen hatte: Danach sollen rund 2.000 Polizisten, Richter und Staatsanwälte den neuen Zwergstaat, unabhängig von seinem zu klärenden Status[4], verwalten. Nun musste die Mission mit Namen „Eulex“[5] immer wieder verschoben werden, da handfeste Interessen anderer Staaten deutlich im Wege standen, und dies auch noch mit der Rückendeckung des Völkerrechts: Russland und China als Mitglieder des UN-Sicherheitsrats, Serbien als unmittelbar betroffener Staat, dem ein weiteres Stück seines Territorium entrissen[6] werden sollte und wurde. Vor allem aber waren sich auch die EU-Staaten alles andere als einig. Noch im Sommer 2007 berichtete die SZ: „Für den Herbst prophezeien hohe Diplomaten eine europäische Zerreißprobe über die Zukunft des Kosovo. Eine Zerreißprobe, die die junge gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU in ihren Grundfesten erschüttern und unkalkulierbare Risiken in der Nachbarschaft der Union haben könnte ... Mühsam hatten die Europäer sich nach den katastrophalen Zerwürfnissen über die Balkanpolitik in den frühen 90er Jahren darauf geeinigt, dass völkerrechtlich anerkannte Grenzen nur noch durch friedliche Einigung oder durch Beschluss des Sicherheitsrates verändert werden dürfen.“[7] Nun war es aber längst klar, dass es weder eine friedliche Einigung, noch einen UN-Beschluss geben wird. Die mühsame Einigung, mit der man weitere Alleingänge der Deutschen verhindern wollte, wurde wieder über den Haufen geworfen. EU-Staaten wie Zypern oder Spanien, denen bei einem Abnicken dieses Völkerrechtsbruchs sehr unwohl war angesichts der wackligen territorialen Integrität ihrer eigenen Staaten, mussten erst noch auf Linie gebracht werden. Die neue „Einigung“ bestand dann darin, Eulex durchzuführen, die Entscheidung über die Anerkennung des Kosovo als unabhängigen Staat jedoch jedem EU-Staat selbst zu überlassen. Entsprechend haben u.a. Spanien, Zypern, Griechenland und Rumänien den Kosovo bisher nicht als eigenständigen Staat anerkannt.[8]
Auch auf dem Balkan selbst musste Deutschland einen diplomatischen Eiertanz vollführen, um sein Interesse an der Sezession des Kosovo durchzusetzen: Da galt es zunächst, die Wiederwahl der EU-Marionette Boris Tadic[9] abzusichern und Serbien mit einem EU Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen oder zumindest einer Light-Version in Form eines reduzierten Handels- und Visa-Abkommens zu locken, die der störrische serbische Ministerpräsident Kostunica[10] entschieden ablehnte. Parallel musste man die Führung im Kosovo davon abhalten, mit einer voreiligen einseitigen Unabhängigkeitserklärung alles zu verderben, d.h. die Mehrheit der Staaten gegen den Völkerrechtsbruch aufzubringen. Vorsorglich wies man in (deutschen) bürgerlichen Medien natürlich auf die „imperialen“ Interessen Russlands hin, das kürzlich mit Gazprom[11] 51% der serbischen Erdölgesellschaft Nis erworben hat und die Gasversorgung Serbiens mittels Ausbau der bestehenden Gasleitung („South Stream“) aus Russland durch das Schwarze Meer nach Bulgarien[12] absichern will.
Gänzlich uneigennützig werden die deutschen Interessen vorgetragen, denen es um nichts weniger gehe als um „nachhaltige Stabilität“ und „Demokratie“ in der Region. Originell ist diese Verschleierung deutscher Expansionsinteressen wahrlich nicht. Schon Friedrich List, Gründer des ersten Industriellenverbandes in Deutschland, der als Erster Mitte des 19. Jahrhundert für seine Klasse umfassend die Notwendigkeit deutscher Südostexpansion ausführte, wollte nur „Gutes“: „Deutschland hat die Bestimmung, den Südosten zu zivilisieren.“[13] Heute heißt das für Demokratie und Stabilität zu sorgen. Diesem unverdächtig anmutenden Zweck, tatsächlich aber der „wissenschaftlichen“ Fundierung des Führungsanspruchs Deutschlands auf dem Balkan, diente eine großangelegte Studie des Institut für Europäische Politik in Berlin im Auftrag des Zentrums für Transformation der Bundeswehr (ZTransBW) aus dem Jahr 2006 mit dem Titel „Operationalisierung von Security Sector Reform (SSR) auf dem Westlichen Balkan – Intelligente/kreative Ansätze für eine langfristig positive Gestaltung dieser Region“, die es sich dank Ihrer Offenheit bei gleichzeitiger „Geheimhaltung“ lohnt (noch mutet man der Öffentlichkeit nicht zu, Deutschland wieder als überall aufmischende Weltmacht vorzustellen), im Folgenden genauer betrachtet zu werden:
Mit „Security Sector Reform“ ist gemäß dem „Erweiterten Sicherheitsbegriff“ der EU der komplette Umbau des Sicherheitsapparates eines Landes unter ziviler „demokratischer“ Kontrolle des Umbaulandes gemeint, die es natürlich auch erst herzustellen gilt. Die Auffassung dieses modernen Befriedungsbegriffs gibt die Studie wie folgt zum besten: „Der Ansatz der Sicherheitssektorreform stellt sich somit ausschließlich als Teilaspekt einer tiefergehenden gesellschaftlichen Transformation dar, welche nicht auf eine bloße effizienzorientierte Umstrukturierung der unterschiedlichen Sicherheitskräfte setzt, sondern vielmehr die Veränderung der gesamtgesellschaftlichen ,Sicherheitskultur’ im Reformland anstrebt.“ Und damit der Leser angesichts des hochgestochenen Kauderwelschs nicht im Unklaren gelassen wird, folgt die Fußnote: „Dies wird besonders in autoritären Systemen wie etwa der DDR deutlich, die durchaus über effiziente Sicherheitssektoren verfügte.“[14] Es geht also NICHT um „Sicherheit“, sondern um die Herstellung eines Besatzerstatus unter Abschaffung sämtlicher Souveränitätsrechte und Zerschlagung historisch gewachsener Strukturen; es geht um die Zurichtung der Gesellschaft formal nach dem Format bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaften, inhaltlich, ihrem Wesen nach, zu treuen Vasallen imperialistischer Hegemonialinteressen, hier: deutscher.
Entsprechend desaströs wird die Lage im Kosovo gezeichnet: Beherrscht werde das Land von mafiösen Strukturen, die sich nach dem Krieg des Staatsapparates bemächtigt und jeden Ansatz „demokratischer“ Verwaltung zunichte gemacht haben. Armut und Analphabetentum grassieren – 37% unterhalb der Armutsgrenze, mindestens 43% Arbeitslosigkeit (75% unter jungen Menschen), das Import-Export-Verhältnis bei 27:1, wobei 43% der arbeitenden Bevölkerung auf Subsistenzwirtschaft beschränkt ist.[15] Die mangelnde Stromversorgung habe bisher im Winter immer wieder Erfrierungstote gefordert – ein Versagen, das die Studie der EU als im Rahmen der UNMIK direkte Verwalterin der Energieagentur KEK im Kosovo anlastet[16].
Überhaupt spart die Studie nicht mit Kritik an der UNMIK-Verwaltung, die es nicht vermocht habe, demokratische bzw. stabile Verwaltungsstrukturen aufzubauen, sondern vielmehr mit der Anerkennung von Kriegsverbrechern als örtliche Verhandlungspartner bis hin zu Verstrickungen im Mafiamilieu den heutigen Zustand eher befördert habe. Statt einer modernen Justiz beherrsche das „aus dem 15. Jahrhundert stammende, mündlich überlieferte Gewohnheitsrecht (,Kanun’)“, das „insbesondere patriarchal-tribale Prinzipien wie das der Großfamilie und der Altersautorität umfasst. Der Kanun schreibt dabei nicht nur die Vorherrschaft des Mannes fest, sondern baut darüber hinaus auf einem gewaltlegitimierenden Ehrkonzept auf, welches die Begriffe Besa (Ehre) und Gjakmaria (Blutrache) in den Mittelpunkt eines pseudojuristischen Ordnungssystems stellt.“[17]
Außerdem sei das „multiethnische Gesellschaftsmodell“ völlig gescheitert, da es UNMIK nicht geschafft habe, die nicht-albanische (sprich: serbische) Bevölkerung zu schützen, die zu Hunderttausenden das Land verlassen haben und deren „Reste“ in Enklaven hausen muss, aus denen man sich nicht herausbewegen könne, ohne dem „smart Terror“ der albanischen Bevölkerung „unterhalb der internationalen Wahrnehmungsschwelle“[18] ausgeliefert zu sein (Steine auf Busse, verbale Einschüchterungen, behördliche Gängelei etc.).
Selbstverständlich wird die ganze Misere nicht darauf zurückgeführt, dass der deutsche Imperialismus es vermocht hat, das „Völkergefängnis“ für die ethnische Barbarei zu öffnen und mit der Bombardierung Serbiens auch den Kosovo ins Mittelalter zurück zu katapultieren, sondern vielmehr auf den Umstand, dass sich die UNMIK aus 49 Entsendestaaten zusammensetzt, die, zum großen Teil aus afrikanischen und asiatischen Staaten stammend, ein „gehäuftes Maß an Inkompetenz und Bereicherungsstreben“[19] mitgebracht hätten. Hinzu seien erhebliche Abstimmungsprobleme zwischen KFOR und UNMIK gekommen, wobei jede nationale Einheit ihre eigenen Wege gehe.[20] Schaut man sich dazu die Karte der territorialen KFOR-Aufteilung in eine deutsche, eine italienische, eine französische und eine US-amerikanische Zone an, kann man sich vorstellen, wie das kleine Gebiet des Kosovo durch konkurrierende imperialistische Interessen heruntergewirtschaftet wurde und wie es weiterhin zum Spielball der imperialistischen „Mannschaften“ Eulex und KFOR wird – „Unabhängigkeit“ hin oder her. Denn KFOR soll bleiben, nur UNMIK soll durch Eulex abgelöst werden, auch ohne irgendeine völkerrechtliche Grundlage.
Da wird es Zeit, dass Deutschland die Führung übernimmt und einmal ordentlich durchgreift. So zeige sich ja schon, wie gut es mit der Abstimmung funktioniert, wenn Deutsche an der Spitze stehen: „Zu verdanken ist dieser Fortschritt [eines Koordinierungstreffens zwischen den verschiedenen Protektoratsinstitutionen im Oktober 2006 – die AG] insbesondere dem guten persönlichen Verhältnis des deutschen UNMIK-Chefs Joachim Rücker[2] mit dem ebenfalls aus Deutschland stammenden KFOR-Kommandeur, Generalleutnant Roland Kather, und unterstreicht nicht nur die Bedeutung von top-down-Prozessen, sondern auch den hohen Stellenwert von Beziehungsnetzwerken und ,persönlicher Chemie’ im Einsatz“, die natürlich nur unter deutschen Landsleuten so richtig aufkommen kann ...
So wird im letzten Kapitel der Studie „Nationale Interessen und Optionen“ die Notwendigkeit deutscher Führung begründet (IEP-Studie S. 120 ff):
– „Deutschland als Vorreiter einer neuen Sicherheitsphilosophie“: „Im Gegensatz zu anderen Staaten begreift sich Deutschland bereits heute als Motor einer nachhaltigen Sicherheitspolitik ... und könnte durch die Einnahme einer Vorreiterrolle bei der Entwicklung einer neuen europäischen und transatlantischen Sicherheitsphilosophie einen enormen internationalen Ansehensgewinn realisieren.“
– „Deutsche EU-Ratspräsidentschaft 2007 als Wegbereiter“. Deutschland möge in dieser Eigenschaft den Strategiewechsel[22] mit einem „10-Punkte-Papier zur Zukunft des Kosovo nach der Statuslösung“ einleiten und ein EU-internes „Food for Thought“ Papier einbringen, wonach im Namen der Bekämpfung organisierter Kriminalität der „Elitenwechsel“ im Kosovo ermöglicht bzw. von wirtschaftlicher Aufbauhilfe abhängig zu machen ist.
– „Deutsche Personalstrategie für internationale Positionen“. Hier geht es darum, aus der Tatsache, „dass mittlerweile nahezu alle Führungsfunktionen auf dem Balkan mit deutschen Staatsbürgern besetzt sind“, „nachhaltig Kapital zu schlagen und mit einem aktiven politischen Gestaltungswillen zu verknüpfen“, was bisher nicht gelungen sei.
Eine ad hoc Arbeitsgruppe namens „Kosovo Strategy Group“ aus „unabhängigen Experten“ möge den Strategiewechsel mittels „klassischer parlamentarischer Lobbyarbeit“ zur „Bewusstseinsschaffung unter Führungspersonen der Regierungsfraktionen sowie den Mitgliedern des Auswärtigen Ausschusses und des Verteidigungsausschusses“ während der deutschen Ratspräsidentschaft vorbereiten.
Im Mittelpunkt des „Strategiewechsels“ stehen die eingangs der Studie vorgestellten „Deutsche(n) Interessen auf dem Balkan“:
– Der Kosovo ist das „unzweifelhaft ... zentrale sicherheitspolitische Handlungsfeld Deutschlands. Deutschland ist dabei nicht nur der wichtigste Truppensteller auf dem Balkan, dem eine erhebliche Verantwortung beim Schutz eigener (ziviler und militärischer) Kräfte sowie der lokalen Zivilbevölkerung zufällt, sondern verkörpert obendrein den bedeutendsten Geldgeber für den regionalen Wiederaufbau, was nahezu zwangsläufig ein aktives Interesse am Gelingen der internationalen Stabilisierungsbemühungen mit sich bringt.“
– „Die Stabilisierung des Balkan als Lackmustest europäischer Handlungsfähigkeit“. Hier geht es um die „deutsche und europäische Glaubwürdigkeit zum weltweiten Krisenmanagement“ und die „zukünftige außen- und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit Deutschlands und der Europäischen Union“, weshalb ein Scheitern der ressourcenintensiven Mission[23] auf jeden Fall verhindert werden müsse. Dazu gehört im übrigen auch, den an anderer Stelle erwähnten[24] „kontraproduktiven“ Einfluss der USA zurück zu drängen. Dazu gehöre die „teils offene Behinderung europäischer Ermittlungsbemühungen“ gegen Kriminelle (der stellvertretende UNMIK-Chef Steve Schook betrinke sich einmal die Woche mit Expräsident Ramush Haradinaj) und der Verstoß gegen die UN-Resolution 1244 durch eine von pentagonnahen Firmen organisierte Militärausbildung des KPC (Kosovo Protection Corps)[25].
– „Kosovo als ‘Zentrales Experimentierfeld“ der ESVP (Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik). Es geht um die „einzigartige Chance zur Weiterentwicklung gemeinsamer europäischer Fähigkeiten sowie der Vernetzung ziviler und militärischer Krisenmanagementakteure [unter deutscher Führung – die AG], da faktisch alle sicherheitspolitischen Kompetenzbereiche betroffen sind. Dies gilt insbesondere für das Kosovo, welches sich angesichts wachsender Interessenkonflikte mit den USA und Russland zunehmend zu einem ,Prüfstein für die EU’“ entwickle.
Kurzum: Deutschland hat sich mit dem Vehikel der EU – koste es, was es wolle – auf dem Balkan durchzusetzen, gegen Russland und gegen die USA, als „Lackmustest“ und „Prüfstein“ für weitere imperialistische Aktionen anderswo.
Und die Wirtschaftsinteressen? Aus der Studie erfahren wir, dass „nach unabhängigen Schätzungen allein in der Trepca-Mine im nördlichen Teil Kosovos Erzvorkommen im Wert von 25 Mrd. vermutet“ werden. „Hinzu kommt, dass sich besonders die gesicherten, auf rund 8,7 Mio. Tonnen geschätzten Braunkohlevorkommen bereits wenige Meter unter der Erde befinden und somit als leicht abbaubar gelten“.[26] Obwohl die Qualität der Braunkohle als minderwertig zu erachten sei, stehen die Energiemonopole RWE und EnBW bereits in den Startlöchern: Sie „gehören zu den offiziellen Bewerbern um das etwa 3,5 Mrd. Euro teure Projekt eines neuen, 2,1 Megawatt großen Braunkohlekraftwerks ,Kosovo C’ mitsamt neuer Kohlegrube.“[27]
Wichtiger noch als die Rohstoffvorkommen des Kosovo ist allerdings die Beherrschung des Balkan als strategischer Brückenkopf nach Vorder- und Zentralasien. Und hier geht es, neben Absatzmärkten und Einflusszonen, u.a. konkret um die Gasvorkommen im zentralasiatischen Raum und deren Absaugung via Pipelines über den Balkan Richtung Westeuropa:
Die „Nabucco“-Pipeline, deren Baubeginn für 2009 geplant ist, soll Gas aus der Kaspischen Region, vor allem dem Iran (South-Pars-Feld, das bereits von Total, Shell und ENI/Agip genutzt wird), über die Türkei, an Serbien vorbei (!) über Bulgarien, Rumänien und Ungarn zum Netzknoten Baumgarten an der slowakisch-österreichischen Grenze leiten. Das Konsortium wird von der österreichischen OMV betrieben, RWE wurde jüngst als zusätzlicher Partner zu den Erdgasunternehmen der Region ins Boot gelassen. Inzwischen ist auch eine Beteiligung von Gaz de France im Gespräch – das Bündnis mit Frankreich hat schließlich seinen Preis. Die Konkurrenzpipeline heißt „South Stream“ und wird von Russland in Absprache mit den Förderländern Turkmenistan und Kasachstan betrieben. Die Pipeline, an der der italienische Energiekonzern ENI beteiligt ist, soll von Russland durch das Schwarze Meer über Bulgarien, Mazedonien und Albanien nach Süditalien führen und ebenfalls eine Abzweigung nach Österreich haben. Das Nabucco-Konsortium will daher Russland in sein Projekt einbinden und South Stream in Bulgarien an Nabucco anschließen, um sowohl Gas aus Russland als auch aus Zentralasien zu transportieren. Gegen Gas aus Iran zieht allerdings die US-Regierung zu Felde, auch wenn sie „offiziell“ das Nabucco-Projekt unterstützt. Dabei scheint eher die Frontstellung gegen Russland eine Rolle zu spielen, da South Stream wiederum eine Konkurrenz-Pipeline zur US-amerikanischen BTC (Baku-Tbilissi-Ceyhan) Pipeline ist, die bewusst russisches Territorium umgeht. Eine Unterstützung des Nabucco-Projekts ohne den Iran ist allerdings faktisch keine, denn dort lagern mehr als Dreiviertel aller Gasreserven in Zentralasien ...[28]
Das Gerangel um Pipelines heißt aber nichts anderes als Kampf um die langfristige Zugriffssicherung auf Energiequellen, heißt wiederum nichts anderes, als sich alle bzw. möglichst viele Staaten der Region – die „Besitzer“ der Rohstoffquellen wie die Transitländer – gefügig zu machen. Und darum ist es auch wichtig, wer den Balkan entsprechend „mundgerecht“ zerstückelt und beherrscht!
Der International Crisis Group, die die Sezession des Kosovo „begleitet“ hat, gehören hochrangige Vertreter der deutschen Bourgeoisie[29] an und man darf damit rechnen, dass nun ein erheblicher Teil der strategischen Vorstellungen der deutschen Denkfabrik (IEP) umgesetzt wird. Da man auf Unruhen gefasst war und der Studie entsprechend einen Truppenrückzug aus der Region auch nach der „Unabhängigkeit“ für wenig opportun hält, hat die Bundeswehr bereits seit November letzten Jahres ihre Aktivitäten in der Region verstärkt. So begann bereits am 16.11.2007 das deutsche NATO-Reservebataillon (Operational Reserve Force, ORF) im Süden Serbiens mit Patrouillen. Die 550 Soldaten entstammen dabei hauptsächlich dem Gebirgsjägerbataillon 232 aus Bischofswiesen-Strub (bei Berchtesgaden in Bayern), dessen Tradition auf das 1938 gegründete Gebirgsjägerregiment 100 zurückgeht, das wiederum an Kriegsverbrechen der Wehrmacht beteiligt war. Das Gebirgsjägerbataillon 232 hat bereits einige Einsätze in Kroatien, in Bosnien-Herzegowina und in Mazedonien hinter sich.[30]
Nachdem sich der deutsche Imperialismus in der Kosovo-Frage hat durchsetzen können, ist damit aber längst nicht das Ende der Fahnenstange auf dem Balkan erreicht: Die fast ausschließlich von Serben bewohnte Republika Srpska in Bosnien-Herzegowina könnte sich veranlasst fühlen, ebenfalls die Unabhängigkeit zu verlangen. Darauf vorbereitet, beteiligen sich bereits deutsche Soldaten an sogenannten „Liaison and Observation Teams“ in Bosnien-Herzegowina. Die autonome serbische Provinz Vojvodina könnte die Sezession verlangen mit der Begründung, dass dort eine starke ungarische Minderheit lebt. In Mazedonien und Süd-Serbien sind bereits bewaffnete Albaner unterwegs, um sich mit dem Kosovo zusammenzuschließen und ein „Großalbanien“ zu fordern.
Wie lange und wie oft noch wird der deutsche Imperialismus zündeln, bis die Region endgültig wieder in Flammen steht und deutsche Tornados abermals den Balkan zerbomben? Wie weit werden die imperialistischen Konkurrenten mitspielen bzw. stillhalten? Die Sezession des Kosovo ist ein weiterer Schritt in den nächsten Krieg, wenn es nicht gelingt, dem deutschen Imperialismus einen Riegel vorzuschieben.
Die Partei „Die Linke“ hat bereits Organklage gegen die deutsche Anerkennung des Kosovo angekündigt. Sie ist in dieser Frage rückhaltlos zu unterstützen. Erfolg kann sie nur in dem Maße haben, wie sich innerhalb der Arbeiterbewegung und im demokratischen Kleinbürgertum eine Bewegung gegen die herrschende Klasse hier im Land und ihre Expansionsbestrebungen formiert:
„Hände weg von Serbien! Abzug aller Soldaten und Bürokraten vom Kosovo! Raus aus dem Balkan!“
Arbeitsgruppe
Zwischenimperialistische Widersprüche
Das mit der Einverleibung der DDR 1990 endgültig wiedererwachte Großdeutschland trieb schnell die Zerschlagung Jugoslawiens voran. Nicht zuletzt bestärkt durch die deutsche Geheimdiplomatie, vollziehen am 25.06.1991 die jugoslawischen Republiken Kroatien und Slowenien die völkerrechtswidrige Abspaltung von Jugoslawien. Dies ist der Auslöser des jugoslawischen Bürgerkrieges. Die jugoslawische Staatsführung versucht mit dem sog. „Operetten“-Einmarsch (mit einer Bundesarmee ohne scharfe Munition und ohne Schießbefehl!) in Slowenien am 27.06.1991, die staatliche Einheit zu retten. Die kroatische Regierung beschließt eine neue Verfassung, die alle Nicht-Kroaten, vor allem die Serben mit einem über 13%-Anteil an der Bevölkerung in Kroatien, zu Minderheiten mit eingeschränkten Bürgerrechten erklärt. Die serbische Bevölkerung in der Kraijna will daraufhin ihrerseits mit Ostslawonien einen eigenen serbischen Staat gründen, die muslimische Bevölkerung in Bosnien pocht auf ihr Selbstbestimmungsrecht, eine Kettenreaktion nimmt ihren Lauf ...
Sie war allerdings von deutscher Seite durchaus berechnet, wenn nicht gar gewollt: Für sie war es ein „Schritt zur Schaffung einer neuen deutschen Einflusssphäre in Mittel- und Osteuropa ... Deutscher Einfluss kehrt zurück in eine Region, in der er lange Tradition hat: vom Ural bis zur Oder und von der Ostsee bis zur Adria. Verglichen mit Deutschland, spielen andere westliche Staaten auf dieser Bühne nur Nebenrollen.“[1] Noch deutlicher wird die Prawda vom 20.2.1993: „Wir wurden mit einer erstaunlichen Tatsache konfrontiert: Die internationale Gemeinschaft erkannte das Recht auf Abtrennung als gewichtiger an als das Recht, in seinem Land zu verbleiben. So wurde ein großes Verbrechen begangen: Jugoslawien, einer der Gründungsstaaten der UNO, wurde zerstört. Ich sage es direkt: Hinter all diesen Ereignissen steht die Politik Deutschlands ... Alles begann mit der Vereinigung Deutschlands. Als das gerade geschehen war, begann Deutschland, die Sieger im Zweiten Weltkrieg zu bestrafen ... Jugoslawien wurde das erste Opfer der Politik des Revanchismus.“[2]
Tatsächlich gelang es Deutschland, in der Frage der einseitigen Anerkennung Sloweniens und Kroatiens die EG zu erpressen: Die Frage der Währungsunion und die „Aufgabe“ der D-Mark wurden plötzlich Verhandlungsmasse bei der Durchsetzung des „Selbstbestimmungsrechts“ Sloweniens und Kroatiens. Und so konnte am 16.12.1991 auf einer EG-Außenministertagung die Anerkennung der Unabhängigkeit zum 15.1.1992 durchgesetzt werden. Das reichte Deutschland aber noch nicht, es musste vorpreschen und schon am 17.12.1991, einen Tag nach der Entscheidung, einseitig anerkennen.[3]
Die New York Times verzeichnet am 22.11.1991: „Seit Kroatien im Juni seine Unabhängigkeit erklärt hat, sind die Serben in Kroatien Opfer einer Einschüchterungskampagne geworden. ... (die) Entscheidung, eine Staatsflagge nach dem Muster der [faschistischen] Ustascha-Flagge einzuführen, hat alles noch viel schlimmer gemacht. ... Man kann den Serben nicht vorwerfen, Angst vor einer Wiedergeburt eines extremistischen Kroatien zu haben.“ Folgerichtig lässt der kroatische Präsident Tudjman nach der Abspaltung Kroatiens alle KZ-Gedenkstätten schließen.
1992 löst dann der bosnische Präsident Izetbegovic illegal das bosnische Parlament auf und geht zu einem fundamentalistisch-islamischen Kurs über. In seiner bereits 1979 formulierten und 1990 wieder aufgelegten „Islamischen Deklaration“ tritt er für „den Kampf zur Schaffung einer großen islamischen Föderation von Marokko bis Indonesien, von Schwarzafrika bis Mittelasien“ (S. 60) ein. Diese Föderation soll das staatliche und gesellschaftliche Leben nach streng-religiösen Maßstäben organisieren. Nach dieser Zielsetzung gelingt es den von verschiedener Seite unterstützten moslemischen Kräften, sich im jugoslawischen Bürgerkrieg immer wieder als alleinige Opfer und die serbischen Einheiten als schuldige Täter darzustellen. Dieses völlige Zerrbild wird gerade von den deutschen Medien massiv aufgenommen, dreiste Fälschungen und Fehldarstellungen wirken maßgeblich an der Stimmungsmache mit. Gleichzeitig wird das eigentlich gegen alle Bürgerkriegsparteien bestehende UN-Embargo vielfach unterlaufen, der ehemalige Geheimdienstler Erich Schmidt-Eenboom stellt fest: „...der Bundesnachrichtendienst ... hat, was Kroatien betrifft, den größten Anteil an der Aushöhlung der Embargobeschlüsse der UN.“[4]
Am 6.4.1992, pikanterweise der 51. Jahrestag des faschistischen Überfalls auf Jugoslawien, erkennt die EG abermals auf Druck Deutschlands[5] , das sich diesmal der Unterstützung der USA versichert hatte, Bosnien-Herzegowina an. Damit begann „der zweite Akt der jugoslawischen Tragödie, der blutige Aufteilungs- und Aneignungskrieg um Bosnien mit seinen grausamen Flucht- und Vertreibungswellen.“[6]
Der Ex-Botschafter der DDR in Jugoslawien, Ralph Hartmann, weist nach, dass jede Eskalationsstufe bis hin zu Dayton (14.12.1995) und anschließend bis zum Kosovo-Krieg von Deutschland und deutschen Interessen getrieben wurde. Deutschland war demnach systematisch in der „Scharfmacher“-Rolle gewesen und hat mit dieser die NATO-Einsätze erst möglich gemacht. „Sanktionsverhängung gegen die Serben, Sanktionsverhinderung gegenüber Kroatien, Embargostopp für die Moslems“[7] , sei das Muster bundesdeutscher Parteinahme gewesen. Die USA konnte erst dann mit Dayton das Heft in die Hand bekommen, nachdem der Vance-Owen und der Vance-Stoltenberg Plan am Widerstand der bosnischen Serben gescheitert waren. Der Ruf nach militärischem Eingreifen ist von deutscher Seite bereits 1991 erklungen[8] , es folgten eine Reihe von „Beiträgen“ des von allen historischen Fesseln befreiten deutschen Imperialismus: 15.7.1992 Regierungsbeschluss zur Teilnahme von Einheiten der Bundesmarine am NATO-Einsatz zur Sanktionsüberwachung, 2.4.1993 Regierungsbeschluss über Teilnahme von Bundeswehrsoldaten an AWACS-Einsätzen über Bosnien-Herzegowina, 30.6.1995 Bundestagsbeschluss zur Teilnahme der Bundeswehr an der 10.000 Mann starken Schnellen Eingreiftruppe von EU und NATO, 6.12.1995 Regierungsbeschluss zur Beteiligung der Bundeswehr der internationalen „Friedenstruppe“ (IFOR) in Bosnien-Herzegowina und damit zum größten Auslandseinsatz in der Geschichte der Bundeswehr.[9]
Die Abspaltung des Kosovo wurde ebenfalls maßgeblich und früh von Deutschland vorangetrieben. Nachdem im September 1991 die albanische Bevölkerungsmehrheit in Kosovo die „Republik Kosovo“ ausruft, die einzig von Albanien anerkannt wird, wird die Exilregierung mit Ibrahim Rugova an der Spitze in Stuttgart beherbergt, über die Achse Bonn-Tirana[10] (damals noch regiert vom BRD-treuen Sali Berisha) die Sezessionsbewegung im Kosovo angeheizt und parallel die damals noch u.a. von den USA als „Terrorvereinigung“ eingestufte UCK vom BND aufgerüstet.[11] Bis zur Verhandlungsfarce in Rambouillet war und blieb Deutschland die treibende Kraft, um auch in diesen Krieg zu stürzen und einen historischen militärischen Beitrag zu leisten, der das Friedensgebot des Grundgesetzes für immer zur Makulatur machen sollte.
Die Kriegsinteressen der imperialistischen Konkurrenten lassen sich wie folgt auf den Punkt bringen: „Die Verhältnisse im Kosovo spielten längst keine Rolle mehr. Die USA wollten den eigenen Rang und die Bedeutung der NATO in der Weltpolitik vor Augen führen, Großbritannien und Frankreich ihre militärische Führungsrolle im Rahmen der EU unter Beweis stellen und Deutschland einen weiteren Teil Jugoslawiens in ein auch von Berlin aus verwaltetes Protektorat verwandeln.“[12] Entsprechend sortierte sich die Haltung der Konkurrenten zum NATO-Überfall auf Jugoslawien: „Die USA und Deutschland standen für eine harte Linie gegen Belgrad und für Nato-Luftangriffe, notfalls ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats. Großbritannien schloss sich dieser Linie mit Einschränkungen an. Italien und Frankreich bestanden auf dem UN-Mandat, während Russland Luftschläge gegen Belgrad ebenso ablehnte wie die Entsendung einer Nato-geführten Truppe in das Kosovo und deshalb bei bestimmten Fragen gar nicht erst einbezogen wurde.[13] Die einzige Macht aber, die in dieser Gemengelage immer wusste, wohin sie wollte und damit die anderen zwang, sich zu positionieren, war Deutschland. Großbritannien hatte die Eskalationsbewegungen an der Seite der USA nachvollzogen, allerdings mehr verbal (als Signal an den bevorzugten Bündnispartner), ansonsten war Großbritannien in actu sehr zurückhaltend. Frankreich hatte sich gegen die USA positioniert, um seine Eigenständigkeit unter Beweis zu stellen (ohne aber zugleich die Achse Bonn-Paris offen zu torpedieren), und die USA hatte auf keinen Fall den Durchmarsch der neuen Großmacht Deutschland dulden können.[14] Ex-Außenminister Henry Kissinger drückte das Dilemma der USA aus: „Jetzt gibt es keine Alternative mehr zur Fortsetzung und Intensivierung des Krieges, wenn nötig bis zum Einsatz von Bodentruppen - eine Lösung, gegen die ich bisher leidenschaftlich gekämpft habe, aber die jetzt erwogen werden muss, um die Glaubwürdigkeit der Nato [sprich: der USA – die AG] zu wahren.“[15] Tatsächlich standen 150.000-200.000 NATO-Soldaten für die Bodenoffensive bereit, als es der Schröder-Regierung gelang, Russland für eine UN-Resolution ins Boot zu holen, auf diese Weise die Führung wieder in die Hand zu bekommen und den deutschen Imperialismus plötzlich als Friedensmacht zu präsentieren[16] .
Die jetzige Anerkennung des Kosovo erfolgte zwar scheinbar von den USA zuerst, tatsächlich aber war sie das langjährige Werk deutscher Wühlarbeit. Daher ist es auch kein Zufall, dass Deutschland als erstes Land eine Botschaft in Pristina eröffnet hat (vom Auswärtigen Amt offiziell bestätigt am 27.2.2008[17] ). Aber auch heute gilt wieder, wie im obigen Zitat so treffend formuliert: „Die Verhältnisse im Kosovo spiel(t)en längst keine Rolle mehr.“ Der Kosovo ist nur ein weiterer Baustein in der Beherrschung des Balkans - unter deutscher Führung. Schon klopfen die „Karpaten-Ungarn“ an die Tür und wollen in Rumänien und der Vojvodina Autonomierechte für ihre Volksgruppen durchsetzen – eine weitere Gelegenheit für bundesdeutsches Eingreifen tut sich auf ...
Die ehemalige Republik Jugoslawien ist jedenfalls in einen Flickenteppich von sieben Staatsgebilden zerstückelt worden: Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Montenegro und jetzt eben Kosovo. Zum Ende der Republik Jugoslawien hatte diese 23 Millionen Einwohner, eine Millionenstadt (Belgrad) und 19 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern. Die Zerstückelung hat nunmehr auch „Staaten“ wie Montenegro mit rund 600.000 Einwohnern hervorgebracht; außer Serbien hat kein Teil mehr als fünf Millionen Einwohner. Entsprechend schwach sind diese Staatsgebilde den umfangreichen Interessen ausländischer Mächte, allen voran dem deutschen Imperialismus, hilflos ausgeliefert. Schon 1940 erklärte Heinrich Himmler: „Ich will damit sagen, dass wir nicht nur das größte Interesse daran haben, die Bevölkerung des Ostens nicht zu einen, sondern im Gegenteil in möglichst viele Teile und Splitter zu zergliedern.“[18] Die Kontinuität deutscher Außenpolitik, über die unterschiedlichen konkreten Herrschaftsformen der Monopolbourgeoisie hinweg, ist nicht zu übersehen.
1 Robert Gerald Livingston: „Guten Morgen Deutschland“, in: Der Spiegel, 4/1992, zit. n. Ralph Hartmann: „Die ehrlichen Makler“, S. 186, Berlin 1999
2 zit. n. ebd., S. 140/141, Berlin 1999
3 ebd., S. 126
4 Erich Schmidt-Eenboom, „Der Schattenkrieger Klaus Kinkel und der BND“, Düsseldorf 1995
5 vgl. FAZ, 7.4.1992, zit. n. Hartmann, S. 135, 1999
6 Reinhard Mutz: Friedensgutachten 1996, zit. n. FR, 13.6.1996
7 Ralph Hartmann, ebd., S. 172
8 ebd., S. 177
9 ebd., S. 244 ff.
10 vgl. Matthias Küntzel, „Der Weg in den Krieg“, S. 83 ff., Berlin 2000
11 ebd., S. 61 ff.
12 ebd., S. 181
13 ebd., S. 166
14 ebd., S. 191 ff.
15 zit. nach „Good Bye, America!“ von Thomas Becker, Jungle World Nr. 16/14.4.1999
16 vgl. KAZ 293, „Hauptfeind USA?“, August 1999
17 Handelsblatt, 28.2.2008
18 Heinrich Himmler 1940, zit nach Reinhard Kühnl: Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten, S. 328, Köln 1980
Obwohl Russland konsequent eine Abspaltung des Kosovo von Serbien ablehnt, und mit dieser Haltung zusammen mit China eine Abstimmung im UN-Sicherheitsrat verhindert hat, schreibt die Izvestia vom 18.2.2008, dass ein Zerwürfnis Russlands mit der EU wegen des Kosovo nicht angestrebt wird.
Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Die forcierte Abspaltung des Kosovo stellt ein Novum in der Nachkriegsordnung und somit im Kampf um die Neuaufteilung der Welt dar. Das ethnische Prinzip, eine reaktionäre Methode der Grenzziehung nach deutschem Vorbild (Ius Sanguis), hat seine Umsetzung nach jahrzehntelanger Vorarbeit in dem bereits zerschlagenen Jugoslawien gefunden.
Der Zusammenhang zwischen dem Kosovo und gewissen Teilrepubliken in Russland und Georgien liegt auf der Hand.
Innerhalb der Sowjetunion waren alle Grenzen durchlässig.
Ossetien ist sowohl Teilrepublik Russlands (der nördliche Teil) als auch Georgiens (der südliche Teil). Erst mit der Zerschlagung der Sowjetunion 1992 ist die Abspaltungswelle in dieser Qualität überhaupt erst denkbar geworden. Die ex-sowjetischen Teilrepubliken sowie die autonomen russischen Republiken gelten nun, ähnlich wie die ehemaligen Republiken Jugoslawiens, als potentielles Einflussgebiet der rivalisierenden imperialistischen Länder.
Entsprechend schreibt die Izvestia am Folgetag der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo: „Süd-Ossetien nimmt das Kosovo als Präzedenzfall.“[1] Dies, so Konstantin Kosatschew, verantwortlicher Sprecher im Hauptkomitee für internationale Angelegenheiten in Russland, führe zu „äußerster Verschärfung zwischen den Positionen Russlands und den USA sowie der Europäischen Union.“
Schaut man sich die Karte des russisch-georgischen Grenzgebietes an und wirft einen Blick auf Ossetien, sieht man, dass die Abspaltungswelle bald auch Russland treffen würde, da Ossetien im Norden russisches und im Süden georgisches Territorium einnimmt. Kein Zufall, dass die abzutrennenden georgischen und sicher bald russischen Teilrepubliken sich in den rohstoffreichen Regionen des Schwarzen und Kaspischen Meeres befinden (Kaukasus).
So lässt sich auch die an der deutschen Position anschlussfähige amerikanische erklären; die Abspaltung des Kosovo gibt den Startschuss für die Zerlegung auch der rohstoffreichen Länder zwischen den o.g. Meeren, richtet sich also mittelbar und unmittelbar gegen Russland und erhöht die Weltkriegsgefahr.
Kosatschew schließt in diesem Zusammenhang eine Anerkennung von Abchasien und Süd-Ossetien (zu Georgien gehörend) aus: „Sobald wir die Unabhängigkeit Abchasiens und Südossetiens anerkennen, provozieren wir eine ernsthafte Krise innerhalb der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS)[2]. Ich bin davon überzeugt, dass eine große Anzahl Staaten, die ihr Kosovo, ihr Abchasien haben, die Situation auf sich übertragen, was ernsthafte Konsequenzen für Russland haben wird.“[3]
Weiter stellt er fest: „bislang kannte die Menschheit zwei Möglichkeiten der Grenzveränderung. 1. Durch militärische Gewalt und 2. politisch; durch gegenseitige Anerkennung.“ Nun aber mache sich ein neues Prinzip breit: „irgendeine national-ethnische Gruppe breitet sich in einem Territorium aus und erklärt es zu ihrem. Wir lehnen die erste und dritte Möglichkeit kategorisch ab[...]“
Die Abtrennung des Kosovo ist ein weiterer Stein einer Dominokette. Weitere Sezessionen mit unabsehbaren Folgen liegen auf der Hand und gehen mit weiteren Bürgerkriegen schwanger. Ein konsequenterer Widerspruch als der diplomatische seitens Russlands trüge bereits die Gefahr eines Weltkrieges in sich. Noch ist es „nur“ das Kosovo, Teil eines durch die Kriege von 1994 und 1999 geschwächten Serbiens, aber die Sezessionsunterstützungen seitens der Bundesrepublik Deutschland greifen eben neben vielen anderen Staaten auch direkt nach Russland[4]. Und das hat ganz andere Möglichkeiten, sich zu wehren als Serbien.
1 Izvestia online, 18.2.08, 12.44
2 Lockerer Staatenverbund ehemaliger Sowjetrepubliken
3 Izvestia online, 19.2.08, 11.55 Uhr
4 vgl: Minow, Goldendach: Von Krieg zu Krieg; die deutsche Außenpolitik und die ethnische Parzellierung Europas, Berlin 1999.
1 Zitiert nach: Ulrich Sander „Die Macht im Hintergrund“, S.114, PapyRossa- Verlag 2004
2 Die Blätter für deutsche und internationale Politik 10/92 zitieren auf S. 1198 dazu einen westdeutschen Diplomaten: „Es war hart; es war das erste Mal, dass Deutschland andere dazu brachte, zu tun, was sie nicht tun wollten. Wir hatten ein paar Verbündete, nicht sehr viele, plus den Papst.“
3 vgl. Kasten: Die Zerschlagung Jugoslawiens – Chronologie eines deutsch-dominierten Durchmarsches
4 Dies als Schachzug, um Russland auszumanövrieren, denn der ursprünglich vorgesehene „Ahtissari“-Plan des gleichnamigen finnischen UN-Vermittlers vom März 2007, der ein EU-Protektorat nach dem in Bosnien-Herzegowina implementierten Vorbild vorsah, scheiterte an Russlands Widerstand im UN-Sicherheitsrat.
5 Zu lesen als „Lex EU“, die erhebliche Exekutivkompetenzen vorsieht bis hin zur Annullierung von kosovarischen Behördenentscheidungen (Artikel 146). Sie wurde taktischerweise erst 1 Tag nach der Unabhängigkeitserklärung veröffentlicht! (vgl. Handelsblatt, 20.02.2008)
6 Nach der Auflösung des Staatenverbundes Serbien und Montenegro sollte mit dem Kosovo erstmals das serbische Kernland zerschlagen werden.
7 Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 25.7.07
8 Spanien wegen der Separatistenbewegungen im Baskenland, in Katalonien und Galizien, Zypern wegen des türkischen Nordteils, Griechenland wegen seiner Bindung an das griechische Zypern und Rumänien wegen seiner starken ungarischen Minderheit.
9 Beim ersten Wahlgang am 20.1. konnte der „Ultranationalist“ (= jemand, der es wagt, serbische Interessen zu vertreten und dabei von einem großen Teil der Bevölkerung unterstützt zu werden) Tomislav Nikolic noch bei einer „Rekordwahlbeteiligung“ von 61% einen Stimmenanteil von 39,4% gewinnen, unterlag aber in der Stichwahl am 3.2.2008 Boris Tadic. Die EU belohnte das Ergebnis sogleich mit einem neuen Kooperationsangebot zur Bindung Serbiens an die EU.
10 Kostunica vertrat mit seiner Haltung zur Wahrung der serbischen territorialen Integrität 75% der Bevölkerung, die in einer Meinungsumfrage erklärten, sie würden lieber auf einen EU-Beitritt verzichten statt den Kosovo (15% des serbischen Territoriums) aufzugeben (vgl. „Serbien lehnt EU-Kosovo-Mission ab“, Handelsblatt, 17.12.2007).
11 E.on’s Ruhrgas hat an Gazprom einen Anteil in Höhe von 6,5%. Die BASF-Tochter Wintershall erwarb kürzlich direkte Förderrechte am westsibirischen Ölfeld Juschno Russkoje (im Gegenzug erhöht Gazprom seinen Anteil am Wintershall-Gazprom Gemeinschaftsunternehmen Wingas).
12 „Gazprom kommt. Die Russifizierung des serbischen Energiemarkts“, FAZ, 29.1.2008
13 siehe dazu Reinhard Opitz: „Europastrategien des deutschen Kapitals“, Bonn 1994, S. 41
14 IEP-Studie, S. 11
15 ebd. S. 30
16 Nicht erwähnt wird allerdings in der Studie, dass ein gewisser Jo Hanns Trutschler mit gefälschter Vita die KEK jahrelang leitete und 4,3 Millionen Dollar auf Konten von Briefkastenfirmen in Gibraltar abgezweigt hat (vgl. Handelsblatt, 4.2.2008).
17 ebd., S. 34
18 ebd.
19 ebd. S. 73
20 ebd. S. 76
21 Als Nachfolger von Søren Jessen-Petersen unterhält auch Rücker beste Beziehungen zum ehemaligen Ministerpräsident Ramush Haradinaj, der zahlreicher Kriegsverbrechen angeklagt ist.
22 Mit „Strategiewechsel“ ist nach dem Jargon der Studie die „neue Sicherheitsphilosophie“, „nachhaltige Sicherheitspolitik“ etc. gemeint, anstelle des bisherigen sicherheits- und gesellschaftspolitischen Flickwerks von UNMIK und KFOR, das die Studie so kritisiert. Tatsächlich geht es also um einen Wechsel hin zu einem vollständigen Besatzerstatus unter deutscher Führung.
23 Das Handelsblatt spricht in seinem Artikel „Flucht nach vorn“ vom „bisher größte(n) und teuerste(n) außenpolitischen Einsatz“ der EU, 7.12.2007
24 IEP-Studie, S. 80
25 Das sogenannte „Kosovo Schutzkorps“ wurde 1999 gemeinsam von KFOR und UNMIK als Nachfolgeorganisation der UCK gegründet. Niemand wollte die UCK zerschlagen – obwohl dies in der Sicherheitsresolution 1244 vorgesehen war; sie sollte vielmehr in neuer, „ziviler“ Form noch gute Dienste leisten bei der Befriedung des Kosovo und als Grundstein für den Aufbau einer eigenen Armee im Kosovo (unter imperialistischer Aufsicht, versteht sich). Die zahlreichen Übergriffe auf die serbische Bevölkerung, das Schleusen von Waffen u.a. nach Mazedonien, die Korruption und Verbrechensliste der Ex-UCK Führer, all dies ist umfangreich belegt, hat aber weder UNMIK noch KFOR bewogen, diese „Schutzorganisation“ zu säubern bzw. aufzulösen. Es ist daher keineswegs nur der USA vorzuwerfen, gegen die UN-Resolution 1244 zu verstoßen ...
26 IEP-Studie, S. 31
27 „Das letzte afrikanische Land Europas“, Handelsblatt, 14.12.2007
28 vgl. Handelsblatt, 5.2.2008
29 Ex-Außenminister Joseph Fischer, Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe, SPD-Außenpolitikerin Uta Zapf, Ex-SWP (Stiftung Wissenschaft und Politik)-Vorsitzender Christoph Bertram
30 vgl. www.german-foreign-policy .com/de/fulltext/57098