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KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”

Was steckt eigentlich hinter der Israelfreundschaft des deutschen Imperialismus?

1.Teil – Siedlerkolonialismus, die preußische DNA des Zionismus (KAZ 377, S. 16 ff)

2. Teil – Zionismus als Spiegelung des deutschen völkischen Nationalismus

Der Zionismus war (und ist) eine bürgerliche Nationalbewegung. Er entstand im 19. Jahrhundert in Mitteleuropa, vornehmlich im deutschsprachigen Raum und übernahm die deutsche völkische Idee von Nation als „ethnisch reiner“ Gemeinschaft. Dies steht im Gegensatz zum modernen, gerade auch marxistischen, Begriff der Nation als einer „historisch entstandenen Gemeinschaft“. Historisches Entstehen beinhaltet hierbei gerade auch die Mischung der verschiedenen, vorhandenen vor-nationalen Bevölkerungsgruppen, Stämme, „Völker“, etc. Die Nation ist weder räumlich-geographisch noch zeitlich, in ihrer Entwicklung ein feststehendes, unveränderliches Gebilde, sondern formt sich während ihres Bestehens fortlaufend um.

Der deutsche, historische Nationalismus war wesentlich geprägt durch einen völkischen Nationalismus, ganz im Gegensatz zum Nationenbegriff der Französischen[1] oder auch US-Amerikanischen Revolution in den Nordstaaten der USA[2].

Der völkische Nationalismus unterstellt eine homogene Nation im Sinne eines ethnisch-kulturellen (oder auch ethnisch-biologischen) Volkskörpers, der dann ideologisch zu einem Kollektivsubjekt, einer Schicksalsgemeinschaft überhöht wird. Meist beruft er sich dabei auf einen gemeinsamen Feind, nach außen hin, oder im Inneren („Volksfeinde“, „Andersartige“, „Fremde“). Die vermeintliche Sicherung der „Volksgemeinschaft“ rechtfertigt dabei den Ruf nach einem starken Staat im Inneren und eine aggressiv-chauvinistische Machtpolitik gegenüber anderen Völkern, Nationen oder Staaten.

Im Preußischen Judenedikt am 12. März 1812, während der Napoleonischen Kriege (1800-1814) reichte es nur zum Wandel vom geduldeten Schutzjuden zum preußischen Bürger jüdischen Glaubens, aber ohne volle rechtliche Emanzipation und wirtschaftliche Freisetzung… In der folgenden Phase der Reaktion traten die Gegner der Emanzipation auf den Plan. Sie richteten sich nicht nur aber auch gegen Juden und argumentierten mit Fremdenhass und Identitätsangst im „christlich-teutschen Kreis“. Emanzipatorische Gesetze wurden revidiert und erst 1847, in der Vorrevolution gab es wieder Ansätze und Vorschläge zur neuerlichen Erweiterung der Emanzipation, sowohl allgemein, als auch speziell für Juden. Die neuen Gesetze der Paulskirche banden die Bürgerrechte nicht mehr an die Religion. Die Revolution 1848 wurde jedoch vom Bürgertum selbst aufgegeben. Die bürgerlichen Liberalen waren also keineswegs verlässliche „Weggefährten“ für die deutschen Juden, sondern schwankten selbst ständig zwischen Emanzipation und Restauration.

Völkischer Nationalismus und Zionismus[3]

Was die Zionisten mit den deutschen völkischen Nationalisten einte, war eine grundlegend völkische Vorstellung[4]. Geprägt waren die deutschen Nationalstaatsdenker dabei von den politischen Umständen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Ihr nationaler Weckruf entwickelte sich oftmals in scharfer Abgrenzung gegen die Franzosen, die als napoleonische Besatzungstruppen in den versprengten deutschen Einzellanden standen, und zwar nicht nur politisch gegen eine Herrschaftsform, sondern rasch gegen „alles Französische“, die französische Nation als solche. Hinzu trat die, gerade den Romantikern eigene Vorstellung von der deutschen Volkseele als einer übergeschichtlichen, immerwährenden Gemeinschaft, die durch „Überfremdung“ oder „Vermischung“ bedroht sei. Diese Gedankenwelt reichte bis tief in die Reihen der Aufklärer.

Ganz ähnlich die Zionisten 100 Jahre später; für sie waren feststehende, unwandelbare Nationalitäten (und auch Rassen) einfache Tatsachen, die nationale (sei es kulturell-ethnische, oder auch „rassische“) Trennung erschien ihnen natürlich und wünschenswert. Einige von ihnen begeisterten sich auch für den Sozialdarwinismus.

Eine Sonderrolle im deutschen Nationalismus spielt dabei der völkische Antisemitismus, also knapp ausgedrückt, die Idee von der Eliminierung jüdischen Lebens in Deutschland. Grob kategorisierend kann das auf drei Wegen geschehen: Durch Integration, Segregation oder Ausschluss. Erstens, die Idee der Integration setzt auf Assimilierung, aber auf eine, die, zu Ende gedacht, dazu führen sollte, dass der Jude aufhört, Jude zu sein. Die Segregation will zweitens eine „Durchmischung“ mit den „volksdeutschen“ Nicht-Juden verhindern – sei es durch Ghettoisierung oder gesetzliche Beschränkungen bürgerlicher Freiheiten – und so den Prozess der Assimilierung beschränken, wieder revidieren. Und schließlich, drittens, bedeutete der Ausschluss die physische Entfernung der Juden aus Deutschland. In der Folgezeit traten alle drei Elemente in unterschiedlicher Mischung bei allen völkischen deutschen Nationalisten und Antisemiten auf. Über eine Spanne von 150 Jahren, vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis Ende der 1930er Jahre, lautete das Programm: Eliminierung jüdischen Lebens, in der jeweils einen oder anderen Form.

So rief selbst der große Vertreter des deutschen Idealismus J.G. Fichte (1762-1814) Anfang des 19. Jahrhunderts in seinen „Reden an die deutsche Nation“ dazu auf, den „Volksgeist“ hochzuhalten und zu ehren. Er warnte vor der Judenemanzipation und schlug vor, die Juden nach Palästina zurückzuschicken, denn die Juden könnten niemals als Deutsche gelten; sie seien ein „dickköpfiges, hartes, undankbares, anmaßendes Volk[5]. Und an anderer Stelle fordert er: „Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein ander Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken. (…)[6]

Als „Patriarch“ des rassisch motivierten Antisemitismus – also einer rassistisch statt religiös begründeten Judenfeindschaft – gilt Wilhelm Marr (1819-1904). Er war es auch, der den neuen Begriff „Antisemitismus“ prägte[7]. Allerdings, trotz seines schäumenden Judenhasses setzte Marr nicht auf physische Vernichtung, sondern schwankte stattdessen in seinem Wunsch nach Eliminierung zwischen vollkommener Assimilation oder Auswanderung. Er stellte – geradezu bedauernd – fest, dass die Juden kein eigenes Vaterland hätten und beklagte als Judenhasser, dass sie jemals „ihre biblische Heimat“ Palästina verlassen hätten… Zugleich warb er für ihre Auswanderung nach Palästina, in der Hoffnung, dass dies letztendlich den Sieg des Deutschtums über das Judentum sichern helfen könnte.

Überschäumender Antisemitismus (P. Lagarde)

Eine wichtige Rolle spielte auch der Göttinger[8] Orientalist Paul de Lagarde (1827-1891). Er befand: „Mit jedem einzelnen Juden ist Freundschaft möglich, allerdings nur unter der Bedingung, daß er aufhöre Jude zu sein: die Judenheit als solche muß verschwinden.“ In seiner vielzitierten Hetzschrift „Juden und Indogermanen“ 1887 führte er biologistische und eliminatorische Begrifflichkeiten ein und sprach von Juden als Ungeziefer.

Es gehört ein Herz von der Härte der Krokodilshaut dazu, um mit den armen ausgesogenen Deutschen nicht Mitleid zu empfinden und – was dasselbe ist – um die Juden nicht zu hassen, um diejenigen nicht zu hassen und zu verachten, die – aus Humanität! – diesen Juden das Wort reden oder die zu feige sind, dies Ungeziefer zu zertreten. Mit Trichinen und Bacillen wird nicht verhandelt, Trichinen und Bazillen werden auch nicht erzogen, sie werden so rasch und so gründlich wie möglich vernichtet.[9]

Der Tonfall Lagardes mag im Nachhinein zwar so klingen wie der der Nazis, und Lagarde war zweifellos einer ihrer geistigen Wegbereiter. Jedoch forderte er selbst keineswegs die physische Vernichtung der Juden in Deutschland und Europa. Stattdessen betrachtete er den Zionismus als nützliches Instrument, das Ziel der jüdischen Ausschaffung zu erreichen, „nach Palästina oder noch lieber nach Madagaskar“… Statt Ausrottung also Auswanderung:

Möge Israel als eigenes Volk existieren und einen eigenen Staat gründen: Deutschland und Österreich werden mit diesem Volke und Staate in freundlichem Einvernehmen leben, und Angehörige dieses israelitischen Staates werden bei uns so wohlwollend und artig behandelt werden, wie die Angehörigen jedes anderen Staates es werden – als Ausländer.[10]

Wir sehen hier bereits die geradezu bizarre Verknüpfung eines auf rassistischem Hass gründenden „Wohlwollens“ mit einer auch heute gerühmten „besonderen deutschen Freundschaft“ mit Israel.

Folgerichtig wurde Lagarde führendes Mitglied im illustren[11] „Deutschen Verein zur Erforschung Palästinas“ (Palästinaverein)[12]. Gegründet 1877/78, orientierte sich dieser am Vorbild des Britischen Survey of Palestine, welcher wiederum die britische Kolonisierung Palästinas vorbereiten half. Bei beiden Vereinen ging es zwar um ‚Palästina‘, aber stets nur um Landraub, nie um die Palästinenser und deren Wünsche und Nöte[13].

Daneben entwickelte Lagarde auch die imperialistische Idee eines deutschen Grenzkolonialismus im Osten. An Russland gerichtet, forderte Lagarde „freiwilligen“ Gebietsabtritt, verbunden mit „Abschaffung“ der dortigen Juden (nach Palästina „oder noch lieber nach Madagaskar“):

Möge es die Gewogenheit haben, freiwillig einige fünfzig Meilen nach Mittelasien hinüberzurücken, wo Platz die Hülle und Fülle ist, der ihm zur Seite, uns ferne abliegt: möge es uns so viel Küste am schwarzen Meere geben, daß wir von da aus unsre Bettler und Bauern in Kleinasien ansiedeln können. (…) Das von Rußland in Gutem oder in Bösem zu erwerbende Land muß weitläufig genug sein, um in Bessarabien[14] und nordöstlich von ihm auch alle in Österreich und in der Türkei lebenden Rumänen ((aber) weniger der, mit den Juden Polens, Russlands (und) Österreichs, nach Palästina oder noch lieber nach Madagaskar abzuschaffenden rumänischen Juden) als Unterthanen des Königs Karl anzusiedeln. Diese Politik ist etwas assyrisch[15], aber es gibt keine andere mehr als sie.[16]

Interessant ist bei Lagarde auch eine weitere Verknüpfung in Sachen deutsche Staatsräson: Er warf nämlich den Juden vor, die Revolutionen von 1848 angezettelt zu haben, um Deutschland und Österreich zu zerstören; eine frühe Variante dessen, was später ein Kernpunkt der Nazi-Hetze werden sollte – die Idee von der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung. Bei Lagarde war es allerdings noch sein Hass auf die bürgerliche, nicht etwa proletarische Revolution.

Antisemitismus zur Jahrhundertwende (Chamberlain, Dühring, Treitschke, etc.)

Doch zurück zum 19. Jahrhundert: Heinrich von Treitschke (1834-1896) betrachtete den in seiner Zeit auftretenden Antisemitismus als „eine natürliche Reaktion des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element“ und wünschte sich die Emigration der Juden (und die Schaffung einer Heimstätte für sie – in Palästina oder andernorts), denn niemand könne „gleichzeitig Deutscher und Jude“ sein… Auch Adolf Stöcker (1835-1909) von der Christlich-sozialen Partei machte sich für eine „Rückkehr“ der Juden nach Palästina stark.

Der antisemitische Vordenker Eugen Dühring (1833-1921) war besessen von der Idee eines „Rassenkampfes“ zwischen Juden und „Ariern“, denn die Juden wären „zu keinem innovativen und positiven Gedanken fähig“, sie lebten „parasitär“ und wären nur auf „Ausbeutung und Weltherrschaft“ versessen[17]. Einerseits beabsichtigte er, die Juden in einer Art Staat außerhalb von Europa, möglicherweise in Palästina, „zusammenzudrängen“. Zugleich aber warnte er[18], wie zuvor schon Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) vor den Gefahren, die ein unabhängiger jüdischer Staat mit sich bringen würde, nämlich als Machtbasis für eine jüdische ‚Weltverschwörung‘, wie sie besonders der deutsche Rassenantisemitismus als seinen Kerngedanken erfand und postulierte.[19]

Antisemitismus und Auswanderung zur Jahrhundertwende

Der Wirtschaftswissenschaftler Werner Sombart (1861-1941)[20] bestand 1912 darauf, dass die jüdische Assimilation weder möglich noch wünschenswert sei, denn die „Judaisierung“ der deutschen Kultur wäre genauso verwerflich wie die „Germanisierung“ der jüdischen Kultur. Deshalb unterstützte er den Zionismus und befand, dass allein der jüdische Nationalismus die „Judenfrage“ lösen könne. Während damals die Nicht- oder Anti-Zionisten Sombart des Antisemitismus beschuldigten, stimmten die Zionisten mit seinen Schlussfolgerungen und Empfehlungen überein.

Heinrich Claß (1868-1951) vom Alldeutschen Verband verknüpfte dann die „Lösung der Judenfrage“ auch gleich noch wie Lagarde mit einer deutschen Expansion nach Osteuropa: Nach seinem Konzept sollten die Juden nach Palästina geschickt und die Polen und Russen weiter nach Osten zurückgedrängt werden.

Wir haben hier also feine Unterschiede – Emigration ja, Judenstaat nein. Das änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg.

Deutsche Staatsräson und Judenfrage in der Weimarer Republik

In der Weimarer Republik betrachteten viele Deutschnationale und offene Antisemiten den Zionismus als eine „vernünftige“ Lösung der „Judenfrage“ – so z.B. Wilhelm Stapel, Hans Blüher, Max Wundt und der evangelische Pastor Johann Pepperkorn. (Und in seiner Rede im Bürgerbräukeller im Juli 1920 sagte Hitler noch: „Menschenrechte soll er (der Jude) sich da suchen, wo er hingehört, in seinem eigenen Staat Palästina.“)

Wir sehen also: Der völkische Nationalismus als aggressive, chauvinistische Staatsräson war nicht nur tief verwurzelt im Kaiserreich sondern auch später in der Weimarer Republik und er lieferte gleichsam auch die Vorlage für den Zionismus als mitteleuropäischer Ideologie ihrer Zeit. Es nimmt daher wenig Wunder, dass die deutsche Staatsräson stets großen Gefallen an der Idee einer jüdischen, kolonialen Ausgründung fand. Überdies griffen die (im Wesentlichen deutschen) Zionisten durchaus auch auf antisemitische Stereotype zurück, eigneten sie sich an und entwickelten sie fort:

So vertrat der jüdische, im kaiserlichen Österreich geborene Arzt, Journalist und bekennende Sozialdarwinist Max Nordau (1849-1923) die Idee eines „Muskeljudentums“: „Der Zionismus erweckt das Judentum zu neuem Leben (…). Er bewirkt dies sittlich durch Auffrischung der Volksideale, körperlich durch die physische Erziehung des Nachwuchses, der uns wieder das verloren gegangene Muskeljudentum schaffen soll.“

Demgegenüber verwarf der österreichisch-jüdische Kritiker Karl Kraus (1874-1936) Herzls Argumente und beschuldigte ihn, die antisemitische Propaganda über mehrfache, einander widerstrebende jüdische Loyalitäten zu bestätigen. Herzl war damit laut Kraus ein Sprachrohr für die antisemitische Forderung, Juden sollten ihr Geburtsland verlassen.[21]

Zionismus als Spiegelung des völkischen Nationalismus

Der Zionismus war demnach eine Reaktion auf den völkischen und zunehmend auch rabiat antisemitischen deutschen Nationalismus – jedoch in Form einer Spiegelung, nicht einer Negation oder Aufhebung von dessen völkischem Charakter; in ihm erblickt der deutsche Chauvinismus und Nationalismus sein Spiegelbild. An die Stelle der ethnisch/völkisch homogenen deutschen Volksgemeinschaft setzte er eine eigene jüdische Volksgemeinschaft. Er „erfand“ – wie Shlomo Sand es ausdrückt – das jüdische Volk[22] und behauptete dessen Existenz als Nation, in scharfer Abkehr vom modernen, demokratischen Nationenbegriff. Wie der deutsche, völkische Nationalismus beinhaltet der Zionismus als sein grundlegendes Element die Eigenschaft, sich über eine aggressive Abgrenzung nach außen, gegenüber anderen Völkern, Nationen oder Ethnien zu definieren. Dieser prinzipiell negative Nationenbegriff findet bis heute seine aggressive Anwendung gegenüber den Palästinensern, deren schiere Existenz und Anwesenheit als störend, ja, als Bedrohung begriffen wird.[23] Ein Gedanke, welcher der deutschen Staatsräson alles andere als fremd ist. Hierbei ist zu betonen, dass die Juden Mitteleuropas und speziell Deutschlands natürlich allen Grund dazu hatten, von einer den Juden „feindlichen Umwelt“ auszugehen. Es bedarf deshalb zweierlei: Einerseits Verständnis für die Suche nach einem Ausweg angesichts des ausgrenzenden völkischen Nationalismus und Antisemitismus. Zugleich aber muß verstanden werden, dass die Übernahme und Neuanwendung desselben völkischen Prinzips ungeeignet ist für die Formulierung eines zukunftsfähigen, demokratischen Programms. Dies gilt insbesondere für den Zionismus an der Macht – die zionistische Praxis gegenüber einem kolonial unterdrückten Volk – wie wir ihn heute in Israel vorfinden. Und es ist die deutsche Staatsräson selbst, die systematisch diesen wesentlichen Unterschied bis heute verwischt und in die verheerende Formel umpackt: Juden = Zionismus = Israel!

Der Zionismus und das deutsche Kaiserreich

Eines der deutschen Kriegsziele im Herbst 1914 war es, Osteuropa zu erobern, dabei aber die Juden aus den „Neulanden des Ostens“ unbedingt zu entfernen. Sie sollten im verbündeten Osmanischen Reich, in Palästina, angesiedelt werden. Ganz im Sinne des Zionismus wollte sich Deutschland nach dem Sieg gegenüber dem Sultan „ausbedingen, dass Palästina unter türkischer Oberhoheit dem nationalen Judenstaat zur Verfügung gestellt wird.[24] Also eine „jüdische Heimstätte“ nicht unter Britischem Mandat, sondern unter osmanischem, bzw. einem gemeinsamen, deutsch-osmanischen „Schutzdach“.

Der rabiate Antisemitismus des Kaisers, wie auch aller anderer europäischen Monarchen schreckte Herzl nicht ab[25]. Im Gegenteil: Er, genau wie später (und weitaus erfolgreicher!) der zionistische Emissär Chaim Weizman in London, machte sich genau diesen abscheulichen Judenhass zunutze. Versprach doch der Zionismus die Erfüllung des Traums aller Antisemiten, nämlich ihr Verschwinden aus Europa! Dieser „Pragmatismus“ zeichnet den Zionismus bis heute aus[26], und erklärt auch teilweise die stets anzutreffende besondere Nähe des Staates Israel mit den am meisten reaktionären, rassistischen, ja, sogar antisemitischen Staaten und Herrschern weltweit – ob Südafrika unter der Apartheid, Persien unterm Schah, Bolsonaro in Brasilien, Orban in Ungarn, Modi in Indien oder seit jüngstem: Bin Salman in Saudi-Arabien.

Doch das Deutsche Kaiserreich verlor den 1. Weltkrieg und so kam es wie es kam – England, nicht Deutschland wurde Schutzmacht in Palästina.

Bei all dem – Palästinenser spielen keine Rolle

Ihre nationalen und politischen Rechte tauchten in den deutschen und zionistischen Gleichungen und Berechnungen als eigenständiger Faktor überhaupt nicht auf. Während die schiere Existenz von Palästinensern („Arabern“) im zionistischen und v.a. deutschen Diskurs völlig ignoriert wurde, war aber das imaginierte „Land ohne Volk“ natürlich sehr wohl bewohnt, und den Zionisten war dies auch völlig bewusst: Nicht umsonst hatte eine zionistische Erkundungsmission schon 1905 aus Palästina zurück an den Kongress gekabelt: „Die Braut ist schön, aber sie ist bereits verheiratet.“ Der Spruch vom Land ohne Volk war also, von Anbeginn eine Lüge. Gleichwohl eine wirkmächtige Lüge. Sie war Teil der damaligen deutschen Staatsräson und ebenso sollte sie den Zionismus und seinen kolonialen Aufbau in Palästina auf Jahrzehnte hinaus prägen.

AG Palästina

1 Die Französische Revolution brachte erstmals in der Geschichte, per Gesetz vom 13.11.1791 den Juden die sofortige uneingeschränkte Gleichstellung

2 Die Nordstaaten waren zwar auch ein Siedlerkolonialismus, der die sog. „Indianer“ gewaltsam eliminierte, er war aber zugleich, nach innen, ein ausdrücklich multi-ethnisches Einwanderungsland – wovon die Inschrift der Freiheitsstatue zeugt: „Gebt mir eure Müden, eure Armen, / Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren, / Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten; / Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen, …“ (Nach dem Sonett der New Yorker jüdischen Dichterin Emma Lazarus, 1883).

3 Die folgende Auflistung stützt sich in weiten Teilen auf Arbeiten von Yehuda Bauer und von Francis Nicosia, dessen Aufsatz „Ein nützlicher Feind. Zionismus im nationalsozialistischen Deutschland 1933-1939“ aus dem Jahre 1989 für tiefergehende Lektüre empfohlen wird. www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1989_3_1_nicosia.pdf

4 Die völkische Vorstellung von der Nation beinhaltet zugleich die Ablehnung eines multinationalen Staates.

5 Auch Kant hatte das Judentum als eine unmoralische und veraltete Religion beschrieben und die Juden als fremdes Volk charakterisiert.

6 Und weiter: „Aber ihnen Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen alle Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sey.“ aus: Berichtigung der Urtheile des Publicums über die französische Revolution. Fichtes Werke, Bd. 6, Berlin 1971.

7 Er begründete die erste Organisation ihrer Art, die „Antisemitenliga“, und das Substantiv „Antisemitismus“ tauchte erstmals in einem Zeitungsbericht über diese Gründung im Jahr 1879 auf.

8 Bis heute trägt das Gebäude der Akademie der Wissenschaften in Göttingen stolz den Namen Lagarde-Haus.

9 Paul A. de Lagarde: Juden und Indogermanen. Ausgew. Schriften; München, 1924: 339

10 a.a.O.

11 Kaiser Wilhelm II. trat sofort bei und blieb bis zu seinem Tode stets Mitglied Nr. 1. Daneben: Wilhelm I., Kronprinz Friedrich III., Helmuth von Moltke …

12 Dieser Verein besteht heute noch (www.palaestina-verein.de/) und widmet sich der „Erforschung der Geschichte und Kultur Palästinas, insbesondere seiner biblischen Vergangenheit“, womit wieder einmal alles andere als die Palästinenser gemeint sind. Neben Archäologen, Orientalisten und Bibellandforschern, führte der Verein stets deutsche Industrielle, Reichstagsabgeordnete, Diplomaten und Konsuln – heute z.B. das Auswärtige Amt… Den gesamten Faschismus hindurch, bis 1945, operierte er unbeschadet und unbehelligt von Leipzig aus. Eine Unterbrechung erfuhr er lediglich durch seine Abschaffung in der DDR, bis zur Neugründung in Bonn 1952. Heute betreibt er hauptsächlich sog. Biblische Archäologie (ein Widerspruch in sich), und ist auch darin eng verwandt mit Israel, wenngleich ein gewisses Spannungsverhältnis nie ganz verschwinden kann, denn der Verein gräbt nach christlichen, Israel hingegen nach jüdischen Belegen für die Bibel und seine Staatsräson.

13 Während der britische Palestine Exploration Fund neben der kolonialen auch eine stark anglikanische, soz. christlich-zionistische Note trug, war der deutsche Palästinaverein stärker säkular, setzte dafür deutlicher völkische Akzente. Trotzdem feierte und feiert er bis heute das Erbe der deutschen christlichen Templerkolonien als Segensbringer deutscher Zivilisation für Palästina in Sachen Bodenverbesserung und Ingenieurskunst (Hafen- und Eisenbahnbau).

14 Bessarabien: Heute ziemlich genau das Gebiet Moldawiens (Republik Moldau) zwischen Ukraine und Rumänien. Sein deutsches „Mitteleuropa“ sollte also von Litauen bis zur Adria und von der Nordsee bis kurz vor die Krim reichen und mit der preußischen Germanisierung Polens als Hauptziel (siehe KAZ Nr. 377).

15 Das Neuassyrische Reich gilt als erstes Großreich der Weltgeschichte (ab 9. Jhd vuZ), bekannt als kriegerisch und expansiv

16 Lagarde: Über die nächsten Pflichten deutscher Politik. Göttingen, 1891: 390–391

17 Eugen Dühring (1882): Die Judenfrage als Frage der Rassenschädlichkeit für Existenz, Sitte und Kultur der Völker. Berlin. 1882; S. 127 ff.

18 „irgend eine exotische Zionsgründung … als eine Art Lösung der Judenfrage. Wäre derartiges überhaupt ausführbar, so würde seine Durchführung nur eine Steigerung der Judenmacht bedeuten.“ (Dühring, a.a.O., S 127)

19 F. Nicosia schreibt, dass Chamberlain damit „die intellektuelle Verbindung zwischen dem Antisemitismus des 19. Jahrhunderts und dem nach dem Ersten Weltkrieg aufkeimenden Nationalsozialismus“ herstellte.

20 Sombart, Werner, Die Zukunft der Juden, Leipzig 1912.

21 So in seiner Satire: Eine Krone für Zion (Karl Kraus, Wien, 1898).

22 Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes (auf Deutsch: Propyläen Verlag, 2010; Orig. auf Hebräisch)

23 Es gab eine verwirrende Vielzahl unterschiedlicher Strömungen im Zionismus. Der Einfachheit halber beziehen wir uns hier ausschließlich und durchgehend auf die jeweils herrschende, also praktisch und politisch wirkkräftige Hauptströmung innerhalb der zionistischen Bewegung. In der heutigen Knesset sind alle jüdischen Parteien zionistisch. Die arabischen Parteien belegen nur 10 von 120 Sitzen.

24 So der Alldeutsche Verband 1914 (Zitat, siehe KAZ Nr. 318)

25 Über 20 Jahre hinweg, von 1897 bis 1917, bot Herzl allen reaktionären Monarchien Europas die zionistische Ausgründung als verlässlichen, kolonialen Vorposten im Nahen Osten und im Dienste der jeweils angefragten Macht wie Sauerbier an. Das waren der Zar, die beiden deutschsprachigen Kaiser, die Hohe Pforte Konstantinopels, die britische Krone, wie auch die einzige Republik, Frankreich. Als bevorzugte, soz. „natürliche“ Schutzmacht betrachtete er dabei das preußisch-deutsche Kaiserreich, auf dessen „kulturelle Verwandtschaft“ er sich positiv bezog.

26 Vgl. die jüngsten, mithilfe Trumps eingefädelten „Abraham-Abkommen“, treffsicher mit den weithin reaktionärsten, rassistischsten Regimen der Region – den Golfmonarchien. Premierminister Bennetts dortiger Besuch im Dezember 2021 war geprägt von besonderer „Wärme und Herzlichkeit“, wie israelische Tageszeitungen vermeldeten…

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