In der Anlage übermittle ich die Ablichtung eines Leserbriefes aus der FAZ vom 27.11.97. Diesen Brief und seine Veröffentlichung in der „Frankfurter Allgemeinen” (FAZ) halte ich für eine Ungeheuerlichkeit. 52 Jahre nach der Niederschlagung des Nazi-Regimes ist es heute wieder möglich, in einer der nach landläufiger Meinung angesehensten Zeitungen der Bundesrepublik ein ganzes Volk pauschal als „verbrecherisch“ und „kriminell“ zu bezeichnen. In diesem Leserbrief wird offen und direkt ausgesprochen, was der FAZ-Herausgeber Johann Georg Reissmüller in schwach verhüllter Form zum Ausdruck bringt: Haß gegen „die Serben“ - entsprechend der Losung von 1914 „Serbien muß sterbien“ und entsprechend der Äußerung von Außenminister Kinkel, man müsse „die Serben in die Knie zwingen“, ganz zu schweigen von der Ausrottungspolitik der deutschen Okkupatoren von 1941-45 gegen das serbische Volk.
Wenn heute öffentlich „die Serben“ ungestraft pauschal als „verbrecherisch“, „kriminell“ und „barbarisch“ bezeichnet werden können, ist abzusehen, wann demnächst das Volk der „Zigeuner“ und eines Tages wieder „die Juden“ kollektiv als „verbrecherisch“, „kriminell“ und „barbarisch“ bezeichnet werden. Folgt man der Logik des Autors völlig unbeschadet dessen, was in Jugoslawien im einzelnen geschehen ist - hätte das deutsche Volk ohne Zweifel nach dem 8. Mai 1945 ausgerottet werden müssen.
Mit jahrelanger Diskriminierung, wie in dem oben genannten Leserbrief gegenüber den Serben praktiziert, erreichte es die Nazipropaganda, daß an sich ganz normal empfindende Deutsche den Judenprogromen vom 9. November 1938 tatenlos, teils auch zustimmend zusahen. Die im gleichen Stil von den Nazis praktizierte Kriminalisierung „der Slawen“ machte Soldaten der Wehrmacht bereit, ohne Skrupel die in der bekannten Ausstellung belegten Verbrechen gegen Polen, Tschechen und Russen zu begehen.
Wenn der Autor dieses meiner Ansicht nach den Straftatbestand der „Völkerhetze“ erfüllenden Leserbriefes und die für die Publikation verantwortliche Redaktion der FAZ nicht öffentlich zur Verantwortung gezogen werden, ist die Ausstellung des Hamburger „Instituts für Sozialforschung“ - für die Herr Reemtsma dankenswerterweise gerade von der Stadt Hamburg ausgezeichnet wurde - umsonst gezeigt worden, jedes weitere Wort über „Auschwitz“ wertlos.
Schließlich: Was geht im Kopf eines Bundeswehrsoldaten in Bosnien vor und wie wird er sich im Konfliktfall verhalten, wenn er in der FAZ gelesen hat, „die Serben“ seien als Volk „verbrecherisch“, „kriminell“ und „barbarisch“? Paßt das zu den Videos, die kürzlich als bei Einheiten der Bundeswehr aufgenommen bekannt wurden?
Offenbar hat, je länger, je mehr, Brecht recht, wenn er schon 1947 schrieb: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch.“
Rolf Vellay
Leserbrief in der FAZ vom 27.11.1997
Ende Oktober wurde in Serbien in pompöser Aufmachung gemeldet, daß verschiedene Institutionen und Persönlichkeiten wie die Serbische Akademie der Künste und Wissenschaften, Intellektuelle, Professoren, Künstler, Politiker einschließlich Pavles, des ersten Mannes der serbisch-orthodoxen Kirche, beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag beantragt hätten, den gemeinen Verbrecher Radovan Karadzic von der Strafverfolgung auszunehmen.
Warum die Serben dies durch ihre Elite tun, dafür gibt es zweifellos verschiedenen Gründe, und sie verfolgen weitere Ziele damit. Warum erheben die Serben ihre Stimme so sehr dafür, daß Karadzic von Schuld reingewaschen wird und zusammen mit ihm das ganze militärische und zivile serbische Establishment, das in die Ereignisse im gesamten ehemaligen Jugoslawien verwickelt war und die Hände tief in Blut tauchte?
Dieses Warum erfordert ein paar Kenntnisse über die Philosophie der serbischen Politik, die seit über einem Jahrhundert blüht und für die Serben und Serbien fruchtbringend ist. Indem die Serben in den verschiedenen Zentren der Welt, wo große Politik gemacht wird, herumschnüffeln, sehen sie die Möglichkeit der Bestrafung auf sich zukommen und ihnen ist bewußt, daß sie sie schon lange verdient haben. Die serbische Elite benutzt in ihrem Antrag auf Freisprechung Karadzics den Slogan „Druck auf Karadzic ist Druck auf das ganze serbische Volk“, welcher die Sorge offenbart, die dieses als barbarisch bloßgestellte Volk in der Seele fühlt. Die Elite bemüht sich, diese Sorge wie bisher zu nutzen, um das kollektiv begangene Verbrechen auf das Verbrechen eines einzelnen zu reduzieren und diesen einzelnen dann am Ende von Schuld reinzuwaschen. Dieser Ausschnitt aus der politischen Philosophie der serbischen Elite, die sich jetzt mit dem Fall Karadzic beschäftigt, ist im Verhältnis zu den Verbrechen des ganzen Volkes nur die Spitze des Eisbergs.
Eine solche Feststellung, nämlich daß ein ganzes Volk barbarisch und kriminell ist, ist schwerwiegend, aber die Tatsachen belegen es. Wer vertrieb und massakrierte die albanische Bevölkerung aus der Gegend von Niš am Ende des letzten Jahrhunderts, wer quälte, mordete und schädigte für lange Zeit die albanische Nation in den Balkankriegen, wer mordete Bulgaren, Rumänen, Ungarn und Bosnier und trennte ihnen ganze Gebiete ab, wer diskriminierte und vertrieb für immer das deutsche, ungarische, rumänische und kroatische Volk aus der Vojvodina? Wer tötete, während derselben Zeit Unschuldige in Slowenien, wer massakrierte und verletzte schwer das kroatische Volk, wer verbrannte, vergewaltigte das bosnische Volk und versuchte es von der Erdoberfläche zu verbannen, wer übt seit über einem Jahrhundert in Kosovo und im Sandzak Apartheid und Völkermord, wer anders als die Serben? Im Telegrammstil habe ich nur ein paar „Nieselregentröpfchen“ erwähnt, die sicherlich die Vorhut des Verbrechens, genannt serbische Intelligenz, reizen werden.
Diese Vorhut des Verbrechens läßt über den Sitz der Serbischen Gesellschaft der Künstler und Schriftsteller in Belgrad den Aufruf ergehen und bemüht sich, auch dieses Mal wieder das uralte Spiel zu spielen, die Schuld so weit wie möglich von Serbien und dem serbischen Volk wegzuschieben, die Schuld wie immer dem Opfer zuzuschieben oder den Einzelverbrecher in Schutz zu nehmen, um das verbrecherische Volk vor Strafe zu bewahren.
Hoffen wir, daß die demokratische Welt dieses Mal dabei ist, das zu sehen, was wirklich ist, nämlich Serbien, das nun seit über einem Jahrhundert den Balkan terrorisiert, indem es sich ausgerechnet vor den Augen Europas als Gendarm aufführt. Und wenn es um seine Sache schlecht bestellt ist, dann läuft es jammernd und klagend nach Moskau, läßt sich wie Schwarzgeld reinwaschen und „verkauft“ anschließend Humanismus und Kultur. Wenn die Welt Serbien nicht endgültig in die Knie zwingt, wird es einen Krieg von europäischem Ausmaß oder noch mehr auslösen. Ein Volk, das Verbrecher unterhält und unterstützt, muß unbedingt bestraft werden. Das haben die Deutschen im Zweiten Weltkrieg erlebt, die Iraker nach ihrer Aggression gegen Kuwait, und warum sollen nicht auch die Serben ihre Strafe erleben?
Prof. Dr. Muje Rugova, Bonn
Hervorhebungen von Rolf Vellay