Öl wird an den verschiedensten Plätzen der Welt gefördert und meist weit davon entfernt verbraucht. Dieses globale Geschäft beherrschen, zumindest in der ehemalig „freien Welt“ (jetzt sind ja fast alle „befreit”) einige wenige Konzerne, Ölmultis oder auch die „sieben Schwestern“ genannt. An ihrem Beispiel läßt sich gut zeigen, was Globalisierung unter marktwirtschaftlichen Bedingungen heißt, welche Rolle unser eigenes Land und „technische Revolutionen“ in diesem Prozeß spielen. Als Aufhänger dient ein Buch von Anton Zischka „Ölkrieg Wandlungen der Weltmacht Öl“, erschienen im Wilhelm Goldmann Verlag Leipzig. Aus dem Vorwort zum 101.-128 Tausend Februar 1941:
„Während dieses Buch in Druck ging, brach der Krieg ,der Demokratien’ gegen das nationalsozialistische Deutschland aus. Wie der Weltkrieg wurde dieser Krieg Englands vom ersten Tag an als ,Krieg für Freiheit und Recht’ getarnt, hetzte England Unzählige in den Tod, nur um die Ideale der Menschheit aufrechtzuerhalten. „Diese Geschichte des Rohstoffes Öl ist nun zu einer Antwort auf die mit allen Mitteln in der Welt verbreitete Hetzpropaganda geworden. Sie zeigt an einem Einzelbeispiel, wie die englischen ,Ideale’ in Wirklichkeit beschaffen sind.“ Die materialistische Grundlage von „Idealen“ suchen, klingt ja ganz spannend. Geht auch gut weiter.
„Ungleiche Verteilung von Kräften war schon immer eine der Hauptursachen der Kriege, sie ist es immer noch. Und Öl ist geballteste Kraft.“ (a.a.O. S.5).
Wie sind diese Kräfte nach Ansicht unseres nationalen Autors zur Zeit des Kaiserreiches vor dem ersten Weltkrieg verteilt?
„Deutschland eines der höchstindustrialisierten Länder, mit einem dichteren Verkehrsnetz als die meisten anderen, hatte so gut wie kein eigenes Öl. Es fand auch in seinen Kolonien keine Quellen; seine Felder bei Pechelbronn im Elsaß waren so unbedeutend wie die in Hannover, die kaum ein Tausendstel der Welterzeugung lieferten... Deutschlands Industrie erlebte durch Fleiß und Erfindungsgeist einen ungeahnten Aufstieg. Aber all seine Maschinen waren von fremdem Öl abhängig. Wie die Ölmagnaten Frankreich und Italien ihre Bedingungen diktierten, so diktierten sie sie auch Deutschland.
Das Reich versuchte sich freizumachen. Aber das Deutschland der Vorkriegszeit war zu sehr in seinen Träumen von einer „friedlichen“ Eroberung der Welt befangen, glaubte zu sehr an den freien Welthandel, um der englischen Realpolitik gewachsen zu sein. Es hatte keine Ölquellen, darum wollte es Ölquellen kaufen. Die Deutsche Bank steckte Millionen und aber Millionen in südamerikanische und Balkan-Ölfelder, sie beteiligte sich an den großen Öltrusts, glaubte, daß Aktien die Grenzen offen halten würden. Es kam der Weltkrieg, und die Träume vom freien Welthandel zerrannen. Jetzt versuchte Deutschland Ölquellen zu erobern: es begann die Offensive gegen Rumänien und gegen Baku, Truppen wurden nach Kleinasien geschickt, und Wasmuth focht verzweifelt in Persien. Aber sechs Monate bevor die Türken die Ölfelder des Kaukasus erreichten, deckten die Tankdampfer der Standard Oil in Frankreichs Hafen; als Deutschland zum russischen Öl kam, als die rumänischen Quellen wieder zu liefern begannen, da hatten Hunger nach Brot und Hunger nach Treibstoffen schon die Fronten erschüttert, da hatte schon, wie Curzon es sagte, ,eine Woge von Öl die Alliierten zum Sieg getragen’.
Durch Versailles verlor Deutschland auch noch seine Ölfelder bei Pechelbronn, und es verlor natürlich all seine Beteiligungen an fremden Ölfirmen. Aber es hatte auch viele Illusionen verloren, es hatte klarer sehen gelernt als die meisten anderen Länder. Seine Not wurde zum entscheidenden Ansporn. Deutschland hatte kein Öl. So mußte es Öl erfinden. Statt Aktienpakete zu erwerben, den Feind mit dem eigenen Geld zu stärken, steckte man endlich Kapital in große Forschungsstätten.“ (a.a.O. S.14).
Euphorisch schildert der Verfasser die Entwicklung der Kohleverflüssigungsverfahren und deren segensreiche Wirkung: „Bergius hatte jedoch zäh weitergearbeitet, er fand die Hilfe der IG. Farben, und schließlich waren alle Schwierigkeiten überwunden, 1925 ein fabrikationsreifer Prozeß entwickelt und die nötigen Apparate konstruiert. Damit aber war ein gewaltiger Schritt vorwärts auf dem Weg getan, der die Menschheit von Sklaven der Natur zu Beherrschern der Natur machen wird. Eines der gefährlichsten Naturmonopole war gebrochen. Langsam sich vorwärtstastende Forscher hatten neuen Lebensraum erobert und einen der erbittertsten Kämpfe um Rohstoffe sinnlos werden lassen, indem sie diesen Rohstoff allen zugängig machten. ...Als Ende 1934 der Staat alle deutschen Braunkohlengruben veranlaßte, gemeinsam die ,Braunkohlenbenzin - AG’ zu gründen, wurde der Traum der Wissenschaftler, aus Ursachen des Krieges Waffen des Friedens zu machen, wahr.“ (a.a.O. S.15). Wäre ja so schön, warum hat es doch nicht geklappt mit dieser „technischen Revolution“ und ihrer segensreichen Wirkung auf unser Leben?
Zwei Argumente dazu spricht selbst der von der Naziideologie begeisterte Autor an. Einmal schreibt er bei „diesen Rohstoff allen zugängig machen” das Wort „allen“ gesperrt, weil er schon merkt, daß dies für die segensreiche Wirkung nicht unwichtig wäre. Fragt sich nur, wie sich das mit den Bestrebungen der großen Unternehmen verträgt, genau das nicht zuzulassen, sondern allein den Finger am Drücker zu haben . Dies soll später noch untersucht werden.
Zum zweiten geht es um Frage der „Rentabilität“. „In der kapitalistischen Gesellschaft“, schreibt Engels „können die Produktionsmittel nicht in Tätigkeit treten, es sei denn, sie hatten sich zuvor in Kapital, in Mittel zur Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft verwandelt. Wie ein Gespenst steht die Notwendigkeit der Kapitaleigenschaft der Produktions- und Lebensmittel zwischen ihnen und den Arbeitern.“ (Friedrich Engels, Anti-Dühring, Peking 1972, S.367).
Und eben dieses Gespenst - glaubt der Autor - hätten die Nazis verscheucht:
„Bis nach dem Umbruch, bis zur Machtergreifung des Nationalsozialismus, wußte man es praktisch nicht (wie Benzin aus Kohle zu gewinnen sei), denn bis dahin hatte die ,Rentabilität’ es verboten, Großanlagen für synthetische Rohstoffe zu errichten. Da rücksichtsloser Raubbau billiger ist als zähes Erforschen neuer Möglichkeiten, blieb der Kampf um Öl blutig und voll Gewalt, bis nach 1933 in Deutschland Forschung und Leistung so gesichert wurden, daß sie über Zufall und Gewalt siegen konnten.“ (Zischka, a.a.O. S.13).
Haben die Faschisten etwa das Profitprinzip reformiert, tatsächlich das Gespenst der Kapitaleigenschaft gezähmt? In Wirklichkeit haben sie ihm so freien Raum geben müssen, daß sich das in der Prosperität oft harmlos wirkende Gespenst als alles verschlingendes Monster zeigte. Dies wird im folgenden zu zeigen sein. Was heißt bei Engels „das Gespenst der Kapitaleigenschaft”? Kapital ist sich selbst verwertender Wert und die Arbeitszeit ist das Maß der (Tausch)werte. Diesem Maß haben sich die Gebrauchswerte unterzuordnen. Ob also z.B. die Kohlehydrierung nützlich und für die Entwicklung der Gesellschaft wünschenswert wäre, hat nichts zu sagen. Interessant wäre in diesem Zusammenhang eine „Verwohlfeilerung“, d.h. wenn es mit der Synthese gelänge, das Produkt „Benzin“ in kürzerer Zeit als bisher (= durch Raffinierung aus Erdöl) herzustellen.
Da auf dem Markt zunächst weiter nach Maßgabe der (längeren) durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit getauscht wird, konnte mit dem in der Syntheseindustrie angelegten Kapital ein Extraprofit erzielt werden. Bis dahin ist dies - in Kürze - das ganz normale Wertgesetz, das im Kapitalismus die Produktion regelt und von Zischka unter dem Schlagwort „Rentabilität“ angesprochen wird. Welche Probleme gab es nun hier mit der Gewinnung von Öl durch die Hydrierung von Kohle?
Einerseits wußte niemand so genau, wieviel Arbeitszeit dieses Verfahren - industriell betrieben - wirklich verbrauchen würde. Es bestand aber die starke Vermutung, daß es nicht „rationell“ genug wäre. Trotzdem haben die Nazis erst mal seine Anwendung durchgesetzt. Andererseits haben sie sich nicht allein darauf verlassen, sondern auch versucht, sich gewaltsam in den Besitz von Ölquellen zu setzen. Bei beiden Punkten - Durchsetzung eines „unrationellen“ Verfahrens gegen die Marktgesetze und gewaltsame Besetzung von Ölquellen statt Erwerb eines Anteiles - geht es um den Ersatz bzw. die Überlagerung ökonomischer Gesetze durch Gewalt (im Extremfall Raub statt Kauf von Öl).). Um beurteilen zu können, was geschah, muß also das Verhältnis von Gewalt oder Macht zum ökonomischen Gesetz geklärt werden.
Zur Frage der Gewalt immer lohnend zu lesen ist die Polemik von Engels gegen Dühring, der die Gewalt als das „geschichtlich Fundamentale“ nachzuweisen versucht. („Gewaltstheorie“ im Anti-Dühring). An Dührings Beispiel von Robinson, der Freitag „mit dem Degen in der Hand“ zur Arbeit preßt, zeigt er, daß die Gewalt nur das Mittel, der ökonomische Vorteil dagegen der Zweck ist. „Um soviel fundamentaler der Zweck ist als das seinetwegen angewandte Mittel, um ebensoviel fundamentaler ist in der Geschichte die ökonomische Seite des Verhältnisses gegenüber der politischen.“ (Engels, a.a.O. S.209) Robinson „mit dem Degen in der Hand“ macht Freitag zu seinem Sklaven. Woher hat er den Degen? Und vor allem:
„Nicht einem jeden ist mit einem Sklaven gedient, Um einen solchen brauchen zu können, muß man über zweierlei verfügen: erstens über die Werkzeuge und Gegenstände für die Arbeit des Sklaven, und zweitens über die Mittel für seinen notdürftigen Unterhalt. Ehe also Sklaverei möglich wird, muß schon eine gewisse Stufe in der Produktion erreicht und ein gewisser Grad von Ungleichheit in der Verteilung eingetreten sein.“ (a.a.O. S.210).
Die Gewalt ist also nichts statisch „geschichtlich Fundamentales“, sondern steht stets in Bezug zur Ökonomie, zu den Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Wie können die damals, in den 20er Jahren (und heute?) charakterisiert werden? Aus der freien Konkurrenz sind - gerade in der Chemie- und Ölindustrie Monopole erwachsen, die über und neben der freien Konkurrenz stehen. Die von den Monopolen, Syndikaten, Trusts, Kartellen dirigierten Kapitalmassen geben ihnen eine Fähigkeit zur Willkür und Gewaltmöglichkeiten, die im Konkurrenzkapitalismus nicht denkbar sind. Außenseiter werden ausgeschaltet, kleine und mittlere Eigentümer unterworfen. An die Stelle der freien Konkurrenz tritt der Kampf um die Quote in einem aufgeteilten Weltmarkt. Dieser Kampf um die Aufteilung ist der Inhalt der ökonomischen Entwicklung im Imperialismus, der Zweck, um den es geht. Die Form, in der er ausgetragen wird, kann wechseln, das Mittel der Gewalt wird hier in aller Regel eine wichtige Rolle spielen. „Die Kapitalisten teilen die Welt nicht etwa aus besonderer Bosheit unter sich auf, sondern weil die erreichte Stufe der Konzentration sie zwingt, diesen Weg zu beschreiten, um Profite zu erzielen; dabei wird die Teilung ,nach dem Kapital’, ,nach der Macht’ vorgenommen - eine andere Methode kann es im System der Warenproduktion und des Kapitalismus nicht geben. Die Macht aber wechselt mit der ökonomischen und politischen Entwicklung; um zu begreifen, was vor sich geht, muß man wissen, welche Fragen durch Machtverschiebungen entschieden werden; ob diese Verschiebungen nun ,rein’ ökonomischer Natur oder außerökonomischer (z.B. militärischer) Art sind, ist eine nebensächliche Frage, die an den grundlegenden Anschauungen über die jüngste Epoche des Kapitalismus nichts zu ändern vermag. Die Frage nach dem Inhalt des Kampfes und der Vereinbarungen zwischen den Kapitalistenverbänden durch die Fragen nach der Form des Kampfes und der Vereinbarungen (heute friedlich, morgen nicht friedlich, übermorgen wieder nicht friedlich) ersetzen heißt zum Sophisten herabsinken“. (Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Ges. Werke Bd.22, S. 257f.)
Die Gewaltmöglichkeiten und die Fähigkeit der Monopole zur Willkür bedeuten nicht, daß die Gesetze des Kapitalismus wie z.B. das Wertgesetz (aber auch Mehrwertgesetz, Akkumulation, tendenzieller Fall der Profitrate usw.) außer Kraft gesetzt sind. Das Wertgesetz bleibt Regulator der Produktion und des Austausches, erinnert immer wieder daran, daß die in den Produkten vergegenständlichte Arbeit Maßstab des Tauschwertes ist. Diese spezifisch imperialistische Verbindung von ökonomischem Gesetz (hier: Wertgesetz) und gewaltsamer Raubpolitik hat Hitler intuitiv und gar nicht „bizarr“ ganz gut verstanden:
„ Die Eroberung Rußlands bot natürlich auch ein weit lohnenderes Ziel: die Ölvorkommen des Kaukasus - Maikop, Grosny und Baku selbst. Um seine Pläne zu rechtfertigen, legte Hitler seine eigenen bizarren Berechnungen dar: die Anzahl der Verluste auf seiten der Deutschen wären bei einem Krieg mit Rußland nicht höher als die Zahl der Arbeiter, die in der Synthetik-Industrie (Leuna) gebunden seien. Also gab es keinen Grund, es nicht zu wagen.“ (Daniel Yergin; Der Preis. Die Jagd nach Öl, Geld und Macht. S. Fischer Verlag 1991, S.434). Gleiches meint Clemenceau, als er 1918 an Wilson kabelt:
„Ein Tropfen Öl ist uns einen Tropfen Blut wert.” (Zischka, a.a.O. S 22) Das Wertgesetz macht diese beiden Flüssigkeiten vergleichbar und im Imperialismus setzt es sich durch in besonders krassen und schroffen Widersprüchen, Reibungen und Konflikten, es wird wirklich immer wieder notwendig, das eine für das andere zu vergießen. Insofern hat der Faschismus das „Gespenst der Kapitaleigenschaft“ nicht gezähmt, sondern das Monster erst voll entfesselt.
Zischka sieht nicht das aus den Produktionsverhältnissen resultierende Wertgesetz als Ursache der Kriege, sondern eine noch ungenügende Entwicklung der Produktivkräfte. Die Wissenschaft hat es in der Beherrschung der Natur noch nicht so weit gebracht, daß Energie dort und in dem Umfang produziert werden kann, wo sie gebraucht wird. Er glaubte, daß dies durch „das zähe Ringen der deutschen Forscher, die einen begehrten Rohstoff allen zugängig machten“, geändert würde, daß durch die Entdeckung der Ölsynthese (später auch Atomkraft, Kernfusion oder Kommunikationstechnologie) „Waffen des Friedens aus Ursachen der Kriege“ würden. Bekanntlich hat diese „Waffe des Friedens“ aber den zweiten Weltkrieg nicht verhindert, sondern eher für das Flugbenzin gesorgt, mit dem die Stukas (Sturzkampfbomber) der Nazis ihre Angriffe flogen. Diese sollten genau das herbeibomben, was Zischka am Beispiel Öl beschreibt: dem zu spät und zu kurz gekommenen Imperialisten doch noch eine Quote am aufgeteilten Markt zu sichern.
1926, „friedliche“ Zeit. Die IG Farben erwirbt die Patente für das Bergius Verfahren. Um das Verfahren allen zugänglich zu machen? Nun es müssen ja nicht unbedingt gar alle sein. Man dachte eher an ein kleines Kartell und verhandelte zunächst mit einer führenden britischen Chemiegruppe. Da schaltete sich die Standard Oil of New Jersey ein. Sie war die mit Abstand größte Tochter (mit fast der Hälfte des Kapitalwertes) der 1911 entflochtenen Standard Oil Rockefellers, firmiert heute als Exxon und hat ihre Führungsposition nie verloren. Deren Chef Teagle, alarmiert durch die Gefahr, den europäischen Markt an das neue synthetisch hergestellte Öl zu verlieren, eilte nach Leuna. „Obwohl die Hydrierung von Kohle auf rein wirtschaftlicher Ebene wahrscheinlich nie mit Rohöl konkurrieren kann”: sagte Howard, „könnte die nationalistische Komponente der Auslöser dafür sein, daß Hydrierung in vielen Ländern zur Grundlage einer unabhängigen verarbeitenden Industrie wird, wenn sie bereit sind, den Preis dafür zu zahlen“ Standard und die IG Farben schlossen zunächst ein begrenztes Abkommen, das es Standard erlaubte, eine Hydrieranlage in Louisiana zu bauen (Yergin, a.a.O. S. 427).
1928 trafen sich im schottischen Schloß Achnacarry die Chefs der großen Ölgesellschaften (Standardtöchter Shell, Gulf, Anglo Persian = die spätere BP) und einigten sich in zweiwöchiger Diskussion auf ein siebzehnseitiges Dokument, das die Bezeichnung „Pool Assoziation“ erhielt. Bekannter wurde es als das Achnacarry - oder „As is“ - Abkommen. Danach bekam jede Gesellschaft eine Quote auf jedem der verschiedenen Märkte zugeteilt - einen prozentualen Anteil am gesamten Ölverkauf auf der Basis der Absätze von 1928. (a.a.O. S.343). Ein Deutscher war auch dabei: Heinrich Riedemann, Jerseys erster Mann in Deutschland. Die IG Farben waren nicht vertreten, die Quote für den Spätstarter: Nullkommanull.
1929: Weltwirtschaftskrise. Standard und die IG Farben schließen ein weitergehendes Abkommen, nachdem Standard die weltweiten Rechte - mit Ausnahme der deutschen - für das Hydrierverfahren übertragen werden. Als Gegenleistung erhielt die IG Farben zwei Prozent des Stammkapitals der Standard - 546.000 Anteile - im Wert von 35 Millionen Dollar. Die beiden Finnen verpflichten sich, sich aus dem Betätigungsfeld des Partners herauszuhalten. Um es mit den Worten eines Vertreters der Standard auszudrücken: „Die IG hält sich aus dem Ölgeschäft heraus - und wir lassen die Finger vom Chemiegeschäft.“ (a.a.O. S. 428). Sonst gibt’s eins auf die Finger!
Juni 1932: Zwei Repräsentanten der IG Farben treffen sich in München mit Hitler in dessen Privatwohnung am Prinzregentenplatz. Die IG Farben hat große Summen in die Herstellung von synthetischem Treibstoff investiert, aber es sieht so aus, als könnte das Projekt ohne weitere Schutzzölle und ohne Unterstützung der Regierung niemals Gewinne abwerfen.
Die NSDAP hat fast 20% der Sitze im Reichstag und prangert im Wahlkampf die IG Farben als „Handlanger des internationalen Geldadels“ an. Sie wirft ihr vor, daß sie Juden auf einflußreichen Positionen beschäftigt und stellt die Firma in Karikaturen als „Isidor G. Farben“ dar.
Die beiden Vertreter der IG Farben bringen Wahlkampfspenden mit und stellen Hitler das Projekt der Kohlehydrierung vor. Ihr Hauptargument lautet, daß synthetischer Treibstoff Deutschlands Abhängigkeit von ausländischem Öl reduzieren würde. Hitler legt seine Pläne dar, Deutschland zu motorisieren und neue Autobahnen zu bauen. Er erklärt, daß sich ein solcher Treibstoff wunderbar mit seiner Idee von einem neuen Deutschland vereinbaren ließe und verspricht die Pressekampagne gegen die IG Farben zu stoppen. Er verspricht auch, die Schutzzölle für den synthetischen Treibstoff aufrechtzuerhalten, wenn die Nazis an die Macht kamen. Als die IG Farben-Vertreter ihrem Generaldirektor von dem Gespräch berichten, meint der: „Dann scheint der Mann ja vernünftiger, als ich gedacht habe.” (a.a.O. S. 425). Einer der beiden Firmenvertreter leitete später die Treibstoffabrik der IG Farben in Auschwitz. Er beschrieb die Lage von Auschwitz mit seinen ergiebigen Kohlevorkommen und dem unerschöpflichen Potential an Arbeitskräften als „äußerst günstig“ (a.a.O. S 447).
1940: Die mittlerweile ausgebauten Syntheseanlagen der IG Farben in Leuna laufen auf vollen Touren, der Ausstoß hat sich auf 10 Millionen Liter pro Tag erhöht, was 46% der gesamten Ölversorgung ausmacht. Aber nicht um den „Volksgenossen“ im VW über die neuen Autobahnen zu tragen. Dem synthetischen Treibstoff kommt unter militärischen Gesichtspunkten eine hervorragende Bedeutung zu. Hydrierung, das Bergius-Verfahren, lieferte etwa 95% des gesamten Bedarfs an Flugbenzin. Ohne synthetischen Treibstoff hätte die Luftwaffe am Boden bleiben müssen (a.a.O. S. 432).
Frühjahr 42: Die Nazis bereiten die Operation Blau vor. Das Hauptziel ist das Öl des Kaukasus, von dort sollte es weiter zu den Ölfeldern des Iran und des Irak gehen und dann weiter nach Indien.
9. August 42: Die Wehrmacht erreicht Maikop, das westlichste der kaukasischen Ölzentren. Die Rote Armee hat die Anlagen bis hinunter zum kleinsten Werkzeug so gründlich zerstört, daß die Deutschen bis zum Jahre 1943 nur ganze 10.000 Liter pro Tag fördern können. Mit den erbeuteten russischen Treibstoffvorräten (Diesel) kann die Wehrmacht wenig anfangen, da ihre Panzer Benzin brauchen. Auf der Jagd nach Öl geht den deutschen Truppen das Öl aus. Benzinnachschub wird z. T. auf dem Rücken von Kamelen transportiert. Die „Blitzkrieger“ verlieren ihren entscheidenden Vorteil, die Schnelligkeit.
November 1942: Der letzte Versuch der Wehrmacht, über die Pässe Richtung Grosny und Baku durchzubrechen, wird von der Roten Armee endgültig abgewehrt.
Winter 42/43: Feldmarschall Erich von Manstein bittet Hitler, die deutschen Truppen im Kaukasus seinem Kommando zu unterstellen, damit er der 6 Armee in Stalingrad zur Hilfe kommen kann. Hitler lehnt ab. „Es geht um den Besitz von Baku, Herr Feldmarschall. Wenn wir das Öl bei Baku nicht kriegen, ist der Krieg verloren.“ (a.a.O. S.438). 8 Wochen später kapitulierte die 6. Armee bedingungslos.
1943: Bis 1943 wird die Produktion, insbesondere durch den Einsatz von Zwangsarbeitern von 10 Millionen Liter 1940 auf 18 Millionen Liter pro Tag gesteigert. (a.a.O. S. 447). Für die Zwangsarbeiter der IG Farben in Auschwitz erhielt die SS je nach Fähigkeiten einen Tagessatz von drei oder vier Mark, Kinder die Hälfte. Sie bekamen höchstens 1.000 Kalorien pro Tag und arbeiteten gewöhnlich ein paar Monate lang, bevor sie starben oder ermordet wurden. In einem Brief an die SS schreibt die Firma: „Wir haben deshalb darum gebeten, daß man von Auspeitschungen auf dem Fabrikgelände absehen solle und sie ins Innere der Konzentrationslager verlegen möge“.(a.a.O. S. 448) Insgesamt passierten mehr als 300.000 Gefangene die Pforten der IG Farben bei Auschwitz. Die Fabrikanlagen waren so riesig, daß sie mehr Strom als ganz Berlin verbrauchten. Doch auch durch diesen Einsatz von Arbeitskraft zum geringst denkbaren Wert (1.000 Kalorien für einige Monate) kann der deutsche Imperialismus den Ausgang des Krieges nicht mehr wenden. Der Versuch der Neuaufteilung ist gescheitert.
1975: In den 30 Jahren seit Kriegsende ist der deutsche Imperialismus vom Juniorpartner des US-Imperialismus zum ernstzunehmenden Rivalen aufgestiegen. Immer noch Kampf um die Quote, derzeit noch friedlich. Wie hatte Zischka die Zeit vor dem ersten Weltkrieg beschrieben: „Das Reich versuchte sich freizumachen...Es hatte keine Ölquellen, darum wollte es Ölquellen kaufen“. (Zischka, a.a.O. S. 13) So auch am
17. September 1979: Heute sollen die versiegelten Angebote für den Kauf der kalifornischen Ölfirma Belridge geöffnet werden. Die VEBA will mit einem Angebot von ca. 4 Milliarden DM dabei sein. Besonders interessant ist für die VEBA, daß Belridge auch über Schwerölvorkommen verfügt. Die Technologie der Gewinnung von Schwerölen ist verwandt mit der Kohleverflüssigung nach dem Bergius-Verfahren. Das Handelsblatt sieht schon „einen guten Fang“ (10.9.79). Im letzten Augenblick legt die an der VEBA beteiligte Wintershall AG (im Besitz der IG Farben Nachfolgerin BASF) ein Veto gegen das Gebot ein. Noch traut man sich nicht, Achnacarry so offen zu brechen und ins Allerheiligste des Weltmonopolkapitals einzubrechen: den Heimatmarkt der größten Ölkonzerne der Welt.
1989 versucht genau das die Metallgesellschaft (MG), ein Herzstück des deutschen Monopolkapitals, an dem die Deutsche und die Dresdner Bank wesentlich beteiligt sind. Sie kauft Castle, eine Öl-Gesellschaft in Familienbesitz. Sie sollte „das Vehikel für den großen Plan der Metallgesellschaft sein, um in den US - Energiemarkt einzubrechen. In ihrem Bemühen ,eine integrierte US-Energiegesellschaft zu werden, übernahm MG via Castle die Kontrolle über große Öl-Lieferungen und vermarktete sie direkt an US-Firmen. Im Höhepunkt lieferte MG 2% des US - Ölverbrauchs.“ (Business Week 24.1.94).
1994 gibt’s dann eins auf die Finger. Um den etablierten Ölmonopolen Marktanteile abzujagen, hatte MG unerhörte Konditionen angeboten und entsprechend abenteuerlich war die Finanzierung über hochspekulative Teminmarktgeschäfte (langfristige Lieferverträge hatte der „have not“ mit kurzfristigen Terminkontrakten „gesichert“), 94 wurde dem Habenichts ohne eigene Quellen das Hemd zu kurz. Der Ölpreis bewegte sich in die „falsche“ Richtung und es entstanden Milliardenverluste, die nicht nur zum Verlust von Castle führten, sondern fast die „Perle der deutschen Industrie“ endgültig ruinierten.
1997 hat man immer noch keine wesentlichen eigenen Quellen. Aber da liegt eine Sache direkt vor der eigenen Haustür über die ihr Vorstandsmitglied sagt:
„Wir sind ein süßes Stück und jeder will einen Teil davon“ (Wiktor Iljuschin beim Dinerempfang in der Moskauer Gasprom Zentrale, Spiegel 40/97, S.125).
Das süße Stück ist das bei weitem größte Unternehmen Rußlands ( 10% des Bruttoinlandproduktes, 40% des Steueraufkommens, FAZ 20. 1 1.97) der größte Erdgasproduzent der Welt (25% der Weltförderung) und hat immense Reserven noch im Boden liegen (33% der bekannten Gasreserven, Spiegel 40/97).
Ein Kartell der Förderländer (analog zur OPEC) existiert bei Erdgas bis jetzt noch nicht. Erdgas deckt fast 20% des Primärenergieverbrauches Deutschlands, Tendenz steigend. Das Herz von Gazprom ist das Leitungssystem, die Rohre dafür stammen zu fast 100% von Mannesmann. Deutsche Bankenkonsortien haben in den letzten Jahren wieder Milliardenkredite an die Gazprom gegeben, zuletzt unter Führung der Dresdner Bank 2,5 Milliarden Dollar zum Bau der fast 5.000 km langen Jamallinie, die von Sibirien über Belorußland durch Polen bis Frankfurt an der Oder führen soll. Wann mit dem Bau begonnen wird und ob das Jamal Vorkommen erschlossen wird, ist noch offen. Lantschakow von der Gasprom: „Es besteht keine Notwendigkeit, die Jamal Vorkommen in nächster Zeit zu erschließen. Wir können schon jetzt mehr fördern, als Europa kaufen kann.“ (FR 29.9.97). Nun kauft aber nicht „Europa“, sondern es kaufen die Monopole, die das Gas verteilen.
In Deutschland ist das vor allem die marktbeherrschende Ruhrgas, an der die Ölmonopole maßgeblich beteiligt sind, (Shell 12,5%, Esso 12,5%, BP 25%, Mobil ca.10%).
Gegen die Ruhrgas (und damit die „sieben Schwestern” s.o.) agiert mit zunehmendem Erfolg die BASF (und damit IG Farben) Tochter Wintershall, die gemeinsam mit der Gazprom (Anteil 35%) die Wingas gegründet hat:
„Herbert Detharting, Vorstandsvorsitzender der Wintershall AG, Kassel, kündigt in einem Gespräch mit dem Handelsblatt an, daß der Kampf um höhere Marktanteile mit Nachdruck fortgesetzt werde...er bezifferte diesen Beitrag auf derzeit 12% und kündigt als mittelfristige Zielsetzung einen Anteilswert von 15% an“ (HB 8.7.97).
Also wieder: Kampf um die Quote
Daneben fordert Wintershall Partner Gazprom die US Multis auch im Iran heraus. Gemeinsam mit der französischen Total und der malaysianischen Petronas werden 3,6 Milliarden Dollar in das Gasfeld Pars Sud im Golf investiert. Damit würde, so US Senator Alfonse D’ Amato, „bewußt und provokativ ein internationaler Konflikt heraufbeschworen.“(SZ 4.10.97). Die USA drohen mit dem „Antiterrorismus - Gesetz“. Es sieht Strafaktionen gegen solche ausländischen Firmen vor, die in Iran oder Lybien in den Energiesektor investieren. Im äußersten Fall könnten in den USA befindliche Vermögenswerte des betreffenden Konzerns beschlagnahmt, Mitarbeiter und deren Familien die Einreise verweigert und den Unternehmen jeder Handel mit den Vereinigten Staaten untersagt werden. Auch die niederländisch-britischen Mitglieder der „sieben Schwestern“ wollen nicht abseits stehen, wenn ein „süße Stück“ zu verschlingen ist.
Am 17.11.97 meldet die FAZ: „Shell und Gazprom schließen das größte Energieabkommen der Welt. Gemeinschaftsunternehmen gegründet, Übernahme von Rosneft geplant.“
Drei Tage später die SZ: „Am Dienstag hat BP nun erneut seinen Hut in den Ring geworfen beim harten Kampf um Rußlands riesige Rohöl- und Erdgasreserven. BP will sich mit einem Aktienpaket von 10% und gegen die Zahlung von fast einer Milliarde DM beim sechstgrößten russischen Ölunternehmen Sidanko einkaufen, das von der Oneximbank kontrolliert wird.“
Die Konkurrenz schläft nicht, wie Zischka schon damals geklagt hat. Auf was sollen wir uns verlassen? Daß der deutsche Imperialismus das diesmal friedlich hinkriegen wird? Wer, wenn nicht wir, soll ihm auf die Finger hauen? Wenn es erst die Konkurrenten tun, dann heißt das 3. Weltkrieg und für viele von uns wird es zu spät sein.
Arbeitsgruppe „Globalisierung“