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Für Dialektik in Organisationsfragen

Kämpfe der deutschen Arbeiter 1905 und 1906

Auch die deutsche Arbeiterklasse blieb zur Zeit der russischen Revolution nicht untätig. Das Jahr 1905 wurde zu einem Jahr heftigster Klassenkämpfe. Es kam zum bisher größten Streik im Ruhrgebiet. Am 7. Januar 1905 brach er auf der Zeche „Bruchstraße“ in Langendreer aus. Ursache waren vom berüchtigten ‚Kohlenbaron‘ Hugo Stinnes veranlasste Arbeitszeitverlängerungen und Zechenstillegungen. Zehn Tage später streikten bereits 100.000 Bergleute. Bald darauf hatte sich die Mehrheit der Ruhrkumpels angeschlossen. Während der Auseinandersetzung stieg die Zahl der streikenden Bergarbeiter auf 215.000 an. Sie forderten die Achtstundenschicht, höhere Löhne, Garantien für die Sicherheit in den Gruben und die Aufgabe aller Schikanen wegen politischer Betätigung. Durch Solidaritätsstreiks und Sympathiekundgebungen in ganz Deutschland und im Ausland wurde der Kampf der Bergleute unterstützt. In Belgien traten 80.000 Kumpels in den Streik. Englische und französische Arbeiter halfen durch eindrucksvolle Solidaritätsaktionen. Die Nachricht von der Revolution in Russland und den Massenstreiks der russischen Arbeiter wurde in dieser Situation als direkte Unterstützung der Ruhrkumpels begrüßt. Ihr Streik wurde jedoch trotz ihrer Kampfbereitschaft am 9. Februar 1905 von den reformistischen Gewerkschaftsbeamten und Führern der bürgerlichen Gewerkschaftsverbände abgewürgt. Die Begründung dafür war die unverbindliche Zusage der Regierung, Änderungen am Berggesetz vorzunehmen.

Auf entsprechende Diskussionen in der deutschen Arbeiterbewegung blieben die Berichte über die Massenstreiks in Russland nicht ohne Wirkung. Sie lösten scharfe Auseinandersetzungen aus. Massenstreik passte nicht in das Konzept der reformistischen Gewerkschaftsführer vom „friedlichen Hineinwachsen in den Sozialismus“ und ihren Predigten von der Zusammenarbeit mit den Kapitalisten (heute Sozialpartnerschaft, CO-Management, Bündnisse u. a.). Mit der im nebenstehenden Artikel zitierten Resolution des Kölner Gewerkschaftskongresses hatten sie sich bereits im Mai 1905 einfach über die Forderung vieler Arbeiter und ganzer Gewerkschaftsorganisationen nach revolutionären Kampfmitteln hinweggesetzt.

Als unmittelbare Folge der Empörung über dieses Vorgehen stand der politische Massenstreik auf dem Jenaer Parteitag der deutschen Sozialdemokratie vom17. bis 23. September 1905 im Mittelpunkt der Diskussionen. Das Hauptreferat dazu hielt August Bebel. Er erklärte, dass der politische Massenstreik „nicht bloß eine theoretische, sondern auch eine eminent praktische Frage nach einem Kampfmittel ist, das gegebenenfalls angewendet werden soll und muss”. Und Bebel sagte weiter: „Ja, nichtswürdig, erbärmlich ist aber auch die Arbeiterklasse, die sich wie Hundsfötter behandeln ließe, die ihren Bedrängern nicht die Spitze zu bieten wagte. Da ist Russland, da ist die Junischlacht, da ist die Kommune! Bei den Manen dieser Märtyrer solltet Ihr nicht einmal ein paar Wochen hungern, um Eure höchsten Menschenrechte zu verteidigen! Da kennt Ihr die deutschen Arbeiter schlecht, wenn man ihnen das nicht zutraut!“ (Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung Bd.2, S. 99, Berlin 1966)

Auf dem Parteitag verbesserten die revolutionären Kräfte das Organisationsstatut. Es ging zwar in Richtung demokratischer Zentralismus, war aber völlig auf „parlamentarischen Kampf“, der Organisation der Partei nach Wahlkreisen ausgerichtet. Das Wichtigste aber: Der Parteitag beschloss eine gegen die Politik der Reformisten gerichtete Resolution, die den politischen Massenstreik zum neuen Kampfmittel erklärte und dazu feststellte: „dass es namentlich im Falle eines Anschlages auf das allgemeine, gleiche direkte und geheime Wahlrecht oder das Koalitionsrecht die Pflicht der gesamten Arbeiterklasse ist, jedes geeignet erscheinende Mittel zur Abwehr nachdrücklich anzuwenden. Als eines der wirksamsten Kampfmittel, um ein solches politisches Verbrechen an der Arbeiterklasse abzuwehren oder um sich ein wichtiges Grundrecht für ihre Befreiung zu erobern betrachtet gegebenenfalls der Parteitag ‚die umfassendste Anwendung der Massenarbeitseinstellung’“.

Der erste politische Massenstreik

Trotz Bedrohung von Polizeiterror und Militär streikten am 17. Januar 1906 in diesem Sinne 80.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in Hamburg. Hafenarbeiter und viele Belegschaften anderer Betriebe versuchten damit die Einführung eines noch reaktionäreren Wahlrechtes nach preußischem Muster zu verhindern. Es war der erste politische Massenstreik in Deutschland. Der Streik der Bergarbeiter im Ruhrgebiet hatte in den Jahren 1905/1906 insgesamt zu einem Aufschwung der Kämpfe der deutschen Arbeiterklasse geführt. Im Herbst 1905 streikten über 40.000 Arbeiter in der Berliner Elektroindustrie gegen die zur Disziplinierung der Arbeiterklasse angewendete Aussperrungstaktik der Kapitalisten. Zigtausende Arbeiter landeten dadurch auf der Straße. Insgesamt waren 1905 und 1906 800.000 Arbeiterinnen und Arbeiter an Streiks beteiligt. Ihrer Forderung nach politischen Massenstreiks wurde jedoch nicht Rechnung getragen. Die sozialdemokratische Parteiführung ließ die vorhandene Massenbewegung und Empörung über die Kapitalisten und die Gewalttaten des bürgerlichen Staats ins Leere bzw. in rein parlamentarische Aktionen auslaufen.

Schließlich legten der Parteivorstand der SPD und die Generalkommission der Gewerkschaften in Geheimverhandlungen fest, dass der Beschluss des Jenaer Parteitags nicht bindend sei. Auf dem Mannheimer Parteitag setzte die Generalkommission der Gewerkschaften durch, dass die eventuelle Anwendung des Massenstreiks von ihrer Zustimmung abhängig gemacht wird. Der Mannheimer Parteitag erweckte bei vielen Arbeitern die Illusion, dass jetzt die Auseinandersetzung über den Massenstreik zu einem befriedigenden Abschluss gekommen sei.

Das Gegenteil war der Fall – dies war in Wirklichkeit eine der wichtigen, sehr verhängnisvollen Weichenstellungen der deutschen Sozialdemokratie, die bis heute zur Entwaffnung der Arbeiterklasse beitragen. Seitdem wurden unzählige Anschläge auf die Rechte und politische Verbrechen an der deutschen und internationalen Arbeiterklasse und an den Völkern der Welt begangen – das schlimmste Verbrechen, der Krieg. In vielen Fällen – und darüber muss sich jede sozialdemokratische Arbeiterin und jeder Arbeiter, die Genossinnen und Genossen Gedanken machen und Klarheit verschaffen – war die deutsche Sozialdemokratie an diesen Verbrechen direkt beteiligt. Entweder durch ihre Zustimmung oder durch Nichtstun und Duldung. Und das spätestens seit 1914. Als die sozialdemokratische Reichstagsfraktion am 4. August mit ihrer Zustimmung zu den Kriegskrediten für den imperialistischen 1. Weltkrieg offen ins Lager des deutschen Imperialismus überlief. Ja zum Krieg, anstatt die Arbeiter zum Generalstreik gegen das politische Verbrechen aufzurufen.

Arbeitsgruppe „Stellung des Arbeiters in der Gesellschaft heute“

(Informationen aus: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung Bd. 2, Dietz Verlag Berlin 1966)

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