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Ein Arbeiterleben für die 35-Stunden-Woche – Feierabend im Handwerksbetrieb

35-Stunden-Woche – dafür gekämpft aber selber im Betrieb nicht erlebt

Mein Arbeiterleben hat nicht ausgereicht, um die 35-Stunden-Woche noch im Betrieb zu erleben. Mit knapp 15 Jahren – der 2. Weltkrieg hatte mich ein Jahr Schule gekostet – kam ich am 1. April 1949 in Aachen im Handwerksbetrieb in die Lehre. Lehrberuf Karosseriestellmacher. Arbeitszeit, nach der damals als Gesetz geltenden Arbeitszeitordnung, der „AZO”: 48 Stunden in der Woche, 8 Stunden an 6 Werktagen. So stand es zumindest auf dem Papier. Doch hatte ich hatte „Glück”! In der Bude war der Samstag frei (für Überstunden). Dafür wurde allerdings nichts aus einem 8-Stunden-Tag. Die samstags ausfallenden Stunden mussten auf die übrigen 5 Tage verteilt werden. Dadurch wurde von morgens 8.00 Uhr bis abends 18.00 Uhr und freitags bis 18.30 Uhr, bei 30 Minuten Mittagspause, gearbeitet. „Normal” waren damit von montags bis donnerstags 9½ und freitags 10 Stunden. Für uns Stifte, wir waren zu dritt, hat das allerdings nie gestimmt. Nach Feierabend musste die Werkstatt immer noch aufgeräumt und einigermaßen sauber gemacht werden. Was dann meistens auch noch eine halbe Stunde und oft länger dauerte. Der Freitag war dabei der schlimmste Tag. Da ging es häufig bis 20. 00 Uhr und manchmal auch bis 21.00 Uhr (alles selbstverständlich, kein warmer Händedruck). Je nachdem, wie viel Berge Späne und Sägemehl, der Abfall von den Holzverarbeitungsmaschinen, als Brennmaterial für den Winter gebunkert werden mussten. So kam es vor, dass meine Mutter, meine Oma oder beide vor lauter Unruhe im Betrieb auftauchten. Sie wollten wissen, wo ich bleibe und was los ist. Von dem angeblich freien Samstag habe ich nichts gemerkt. Er ging bei mir für 8 Stunden Berufsschule drauf. Ich sagte das meinem Chef, er war der Obermeister der Handwerksinnung. Ganz vorsichtig meinte ich, dass mir dafür ein freier Tag während der Woche zustünde. Er lachte: „Nein Jung‘, dat jeht aber nicht. Du wirst doch hier gebraucht!” Nachdem dann die Berufsschule auf einen anderen Tag in der Woche verlegt war (lt. Chef sollte ich die Zeit nachholen), wurde ich samstags im Betrieb gebraucht. Die Kundschaft, „unsere Brötchengeber”, die Bauern noch mit ihren Pferdefuhrwerken, die Bierkutscher, Spediteure und all die anderen Autofahrer hatten sich durchgesetzt. In der Woche war jetzt um 17.00 Uhr und samstags – „offizieller Normalarbeitstag” um 14.00 Uhr Schluss.

Die veränderte Arbeitszeit war „günstiger” für die Überstunden, die von den Kunden verlangt wurden. Sie hatten nie Zeit und es hieß immer: „Der Wagen muss morgen wieder laufen Junge!” Fast hilflos waren wir ihnen ausgeliefert. Ja, wir haben sie geradezu gehasst, wenn sie kurz vor Feierabend ankamen, uns die Verabredungen, den Trainingsabend, den Kinobesuch usw. kaputt machten. Uns je nach Auftrag zwangen, den Arbeitstag bis 10.00/11.00 Uhr abends auszudehnen und uns auch noch rum scheuchen wollten. Manchmal bin ich an Samstagen nach 20.00 Uhr nach Hause gelaufen. Nur damit die Kinokarte nicht hops ging und das Geld dafür auch noch weg war. Vorsichtshalber ließ ich sie mir meistens vorher von Freunden oder meiner Mutter für die 21.00 Uhr Vorstellung besorgen.

Einen gesicherten Feierabend gab es nur, wenn nicht viel zu tun war. Trotzdem traute sich auch dann niemand, den Laden vor 17.15 Uhr zu verlassen. Das galt als ehrenrührige „Minutenjägerei”. Wenn der Chef bemerkte, dass ich 10 Minuten nach Schluss ungewaschen mit dem Fahrrad aus dem Betrieb fuhr, riss er die Bürotüre auf und rief: „Alter Minutenjäger!”. Tarifvertrag oder gar Tariflöhne waren unbekannte Dinge. Daran hat sich auch nichts geändert, als ich mit 18 als einziger in die Gewerkschaft eintrat.

Tarifvertrag und Normalarbeitstag

Was das bedeutet, wurde mir erst klar, als ich nach 3 Lehr- und 2 Gesellenjahren in einen Industriebetrieb wechselte. Mitte September 1954 fing ich in einer Elektromotorenfabrik an. Damals arbeiteten dort noch ca. 2200 Arbeiter und Angestellte. Es galt der Tarifvertrag und es gab Tariflöhne. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Mein Lohn stieg um 57 Pfennig in der Stunde, von einer Mark auf 1,57 DM. Hinzu kam: Der Feierabend, der „Normalarbeitstag” war trotz auch tarifvertraglich noch geltender 48-Stunden-Woche gesichert. Vor allem, der Samstag Nachmittag war frei. Gearbeitet wurden täglich 8½ Stunden von 7.00 Uhr bis16.00 Uhr und samstags 5½ Stunden, von 7.00 Uhr bis 12.30 Uhr.

Nach 2 Jahren gab es die erste größere Verkürzung der Arbeitszeit, 3 Stunden weniger in der Woche. Ab dem 1. Oktober 1956 wurde in der Metallindustrie die 45-Stunden-Woche mit 6½ Prozent Lohnausgleich eingeführt. Das freie Wochenende, der arbeitsfreie Samstag rückte in greifbarere Nähe. Über Zwischenstufen, mit weiteren Arbeitszeitverkürzungen in den Jahren 1959 1 Stunde, 1962 1,5 Stunden und 1964 1 Stunde, hat es bis zur Verwirklichung der 40-Stunden-Woche in der Metallindus­trie noch 11 Jahre gedauert. Am 1. Januar 1967 wurde sie eingeführt. Damit wurde der Normalarbeitstag mit 8 Stunden Arbeit an 5 Tagen in der Woche und der arbeitsfreie Samstag möglich. Meine ehemaligen Kollegen im Handwerksbetrieb, wo ich gelernt hatte, reparierten zu diesem Zeitpunkt in der Woche immer noch mindestens 48 Stunden Fahrzeuge.

Zwischenzeitlich war ich längst Funktionär, Vertrauensmann bei der IG Metall. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen zusammen organisierte ich die vielen Warnstreiks im Betrieb zur weiteren Verkürzung der Arbeitszeit. Der Kampf für die 35-Stunden-Woche hatte begonnen und ich war der felsenfesten Überzeugung, ihre Durchsetzung im Betrieb zu erleben. Es ist mir nicht gelungen. Ich habe es nur bis zur 37-Stunden-Woche geschafft. Als sie am 1. April 1989 durchgesetzt wurde, stand fest: Unsere Bude wird vom Röchling Konzern, zu dem der Betrieb damals gehörte, platt gemacht. Der Rest von ehemals 2.200 Arbeitern und Angestellten, noch rd. 600 Kolleginnen und Kollegen fliegt. Die übrigen waren über eine Reihe von Sozialplänen schon vorher auf die Straße befördert worden. Am 1. Juni 1991 war ich nach 37 Betriebsjahren und über 42 Jahren Arbeit mit dabei. Als die 35-Stundenwoche am 1. Oktober 1995 eingeführt wurde, stand ich nach Krankheit und Arbeitslosigkeit kurz vor der Rente. Für einen Betriebsbereich – Hydraulische Anlagen mit knapp 100 Beschäftigten, wurden die 35-Stunden noch Realität. Er hat die Betriebsschließung noch ca. 7 Jahre überlebt.

Ludwig Jost

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