KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”
Kunst um der Kunst willen war ihm zuwider. Er stellte sich und sein Können in den Dienst der Sache, in den Dienst der Befreiung der arbeitenden Klassen.
Er blieb standhaft, als die Nazis seinen Vater verfolgten und ihn kaufen wollten.
Er blieb standhaft, als Stalinist zum Schimpfwort wurde.
Er blieb standhaft gegen die Anfeindungen seiner Person und seiner Kunst, gegen die sich einst (1967!) eine „Liga gegen entartete Kunst“ gebildet hatte.
Er blieb aber auch standhaft gegen die Verlockungen von Geld, Titeln und Ansehen.
Er blieb standhaft, als mit dem Untergang der sozialistischen Staaten in Europa bei vielen die Verzweiflung überhand nahm oder der Wendehals wuchs. Auf Wendehälse hatte er es auch früher schon besonders abgesehen, den Biermann hätte er verbal beinahe erschlagen.
Er, der standhaft Bleibende, kannte die menschliche Schwäche, auch die Schwäche unserer Klasse, die heute noch schwach ist und der einmal die ganze Welt gehören wird. Den Mensch als Torso darzustellen, bringt bei Hrdlicka das Fragmentarische unserer Existenz zum Ausdruck, das Unvollkommene, das Unvollständige, das Einzelne und Vereinzelte, das erst durch Solidarität und Vergesellschaftung, durch Eingreifen und Handeln aufgehoben werden kann.
Um stark zu bleiben, musste er die Schwächen des Fleisches und des Geistes ausleben und auskosten. Überliefert ist die Liebe Hrdlickas zum rohen Stein, diesem Objekt seiner Begierde, an dem er sich frenetisch versucht, den er beschädigen, der ihm zu Willen sein muss und der ihn höhnisch angrinst, ob seines Schweißes und ihn am Erfolg seiner Knochenarbeit verzweifeln lässt.
Sehen wir den „Marsyas“![1]
Die Geschichte von Marsyas wird fälschlicherweise auch als Ausdruck von Hybris, menschlicher Überheblichkeit (etwa bei Adrienne Braun, Stuttgarter Zeitung, 7.12.2009) interpretiert. Wie man jedoch erkennen kann, enthält sie eher die Aufforderung: Wenn Du Dich mit denen da Oben einlässt, frage nach den Spielregeln. Denn: Wenn die die Spielregeln diktieren, wird Dein Los grauenhaft sein.
Wie Hrdlicka nicht nur bei Marsyas das menschliche Leiden darstellt, berührt es, ohne uns niederzudrücken. Er führt es weg vom einzelnen Marsyas, zeigt sein Leid im Nicht-Individuellen, zeigt das Leiden an sich. Das Individuum wird Teil eines größeren Ganzen, aus Mimik wird Ausdruck! Und am Ende zählt nur, ob du gekämpft und dich gewehrt hast. Dafür steht die hochgereckte Faust.
Die Skulpturen des Marsyas brachten Hrdlicka auch den Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung, als er 1964 drei Versionen auf der Biennale in Venedig ausstellte.
Den von den scheinbar Übermächtigen Geschundenen, der daraus aber im Gegensatz zu Marsyas seine Kraft zum Zusammenschluss, zur Stärke unserer Klasse entwickelt, dies bringt Hrdlicka im Denkmal für Friedrich Engels in Wuppertal zum Ausdruck. Es trägt den Titel: Die starke Linke. Die Stärke kommt aus dem Bewusstsein: Das Proletariat hat nichts zu verlieren als seine Ketten!
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Wir kämpfen mit Dir, alter Bärbeiß!
Zur weiteren Auseinandersetzung mit Leben und Werk Alfred Hrdlickas, das wir hier nur an zwei Beispielen verdeutlichen konnten, sei auf die gerade erschienene NVS (Neue Volksstimme), kommunistische Zeitung aus Wien/Österreich hingewiesen.
Corell, Sebastian Müller, Turvy
1 „Dann tötete Apollon den Satyr Marsyas, einen Anhänger der Göttin Kybele (- Fruchtbarkeits- und Muttergöttin aus Kleinasien, was auch auf die Ablösung der Urgesellschaft mit ihren matriarchalen Formen hinweisen kann – die Verf.). Ursache hierfür war ein Fluch. Athene hatte eines Tages aus dem Knochen eines Steinbocks eine doppelte Flöte gemacht. Bei einem Gelage der Götter spielte sie darauf. Anfangs konnte sie nicht verstehen, warum Hera und Aphrodite sich darüber ins Fäustchen lachten, obwohl die Musik den anderen Göttern zu gefallen schien. Sie ging daher allein mit ihrer Flöte an einem Fluss in einem phrygischen Wald und beobachtete ihr Spiel im Spiegel des Wassers. Sofort erkannte sie, wie lächerlich dieses blaue Gesicht und diese aufgeblasenen Wangen sie machten, warf sie fort und verfluchte jeden, der sie aufheben sollte.
Marsyas war das unschuldige Opfer dieses Fluches. Er stolperte über diese Flöte. Kaum hatte er sie an die Lippen gesetzt, da begann sie die Musik der Athene zu spielen. Im Gefolge Kybeles zog er durch Phrygien und erfreute die unwissenden Bauern mit seinem Spiel. Sie riefen, dass selbst Apollon nicht schönere Musik hätte machen können, auch nicht auf seiner Leier. Marsyas war töricht genug, ihnen nicht zu widersprechen. Da wurde Apollon zornig und forderte ihn zu einem Wettbewerb auf. Der Sieger sollte dem Verlierer jede Strafe, die er wollte, auferlegen dürfen. Marsyas stimmte zu, und Apollon rief eilig die Musen als Schiedsrichter zusammen. Der Wettstreit zeigte, dass sie einander gleich waren. Die Musen waren von beiden Instrumenten entzückt, so dass Apollon dem Marsyas zu rief: ‚Ich verlange, dass du mit deinem Instrument das Gleiche machst wie ich mit meinem. Drehe es um und singe und spiele zur gleichen Zeit.’
Dies war selbstverständlich mit einer Flöte unmöglich, und Marsyas konnte der Aufforderung nicht nachkommen. Aber Apollon drehte seine Leier um und sang so wunderbare Hymnen zu Ehren der olympischen Götter, dass die Musen zu seinen Gunsten entscheiden mussten. Dann rächte er sich, obwohl er Milde vortäuschte, äußerst grausam an Marsyas. Er zog ihm bei lebendigem Leib die Haut ab und nagelte ihn an eine Tanne (oder wie manche sagen, an eine Platane) in der Nähe des Flusses, der nun seinen Namen trägt.“ (R. von Ranke-Graves, Griechische Mythologie Bd. 1, S.65 f.)