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Die Mörder sind unter uns!

Schluss mit dem Pfingsttreffen der Gebirgsjäger in Mittenwald!

Bericht von den diesjährigen Aktivitäten gegen das Gebirgsjägertreffen in Mittenwald 2004

Ein Aufruf an alle Antifaschisten

Wir rufen alle AntifaschistInnen und AntimilitaristInnen zur Teilnahme an den geplanten Protestveranstaltungen gegen die Traditionspflege[1] der Gebirgsjäger auf. Zu Pfingsten, am 29. und 30. Mai 04, wollen wir erneut dazu beitragen, dass dieses Soldatentreffen nicht ungestört über die Bühne gehen kann.“ So war es zu lesen im diesjährigen Aufruf des Arbeitskreis (AK) Angreifbare Traditionspflege und genauso ist es auch gekommen: Etwa 500-600 Teilnehmer zählt die Demo zum Auftakt der Veranstaltungen (2003 waren es ca. 200 Teilnehmer), die trotz einiger Verspätung, die dem massiven Aufgebot und den Schikanen der Polizei zu „verdanken“ ist, ihren Weg durch den Dorfkern Mittenwalds nimmt.

Seit Jahrzehnten ehrt der „Kameradenkreis der Gebirgstruppe“ seine gefallenen „Helden“ und verliert kein Wort über die Verbrechen und Opfer.

Ulrich Sander, Landessprecher der VVN-BdA/NRW, kritisiert in seiner Auftaktrede scharf die Traditionspflege derer, die Verbrecher zu Helden erklären und Massaker an Zivilisten, Frauen, Kindern und Alten zu „normalen“ Kriegshandlungen im Rahmen der sog. „Bandenbekämpfung“ verfälschen.

Die Demonstranten fordern auf ihrem anschließenden Demozug lautstark die Verurteilung der Täter und die Entschädigung der Opfer dieser „Elitetruppe“ der faschistischen Wehrmacht, die ihre Blutspur durch ganz Europa, von Finnland bis Jugoslawien hinterlassen hat.

Die Gesten und Meinungsbekundungen der meisten „Einheimischen“ sind ziemlich eindeutig: Kopfschütteln, Beschimpfungen der meist jungen Antifaschisten, sie sollten lieber was arbeiten, bis hin zu der Äußerung gegenüber dem Überlebenden des KZ Theresienstadt, Ernst Grube Landesvorstand der VVN Bayern, es sei von Hitler leider vergessen worden ihn zu vergasen.[2]

Antifaschistisches Gedenken unerwünscht

Bei der Zwischenkundgebung vor der Ortskirche wird an dieser, provisorisch, eine Tafel zum Gedenken an die Opfer der Gebirgstruppe angebracht, welche von einer Schulklasse im Geschichtsunterricht angefertigt wurde. Diese wird jedoch schon Minuten, nachdem die Demo weiterzieht, von Jugendlichen im Dorf abgerissen und in Stücke zertreten. Im Vorfeld dieser Aktion versuchen ca. 15 Neonazi-Skinheads eine „Gegenkundgebung“ direkt bei der antifaschistischen Demo abzuhalten, werden allerdings von der Polizei, zu „ihrem eigenen Schutz“, abgedrängt. Am Abend finden sich dann die anständigen Bürger zum Gottesdienst in ihrer Kirche ein, die sie so erfolgreich „sauber“ gehalten haben.

Mittenwald wird verrammelt!

Das diesjährige Hearing am Nachmittag findet am Ortsrand statt in der Gaststätte der Eissporthalle, eigentlich viel zu klein, um alle Teilnehmer aufzunehmen, doch ist es gar nicht so leicht in Mittenwald überhaupt Örtlichkeiten zu finden, die den sog. „Brendtengegnern“ zur Verfügung gestellt werden. (Der Gastwirt, der seine Räume letztes Jahr zur Verfügung gestellt hatte, machte auf Grund des massiven Mobbings 2004 einen Rückzieher.)
Mittenwalder ist keiner anwesend.

Trotzdem die Leute am Boden oder auf den Fensterbrettern sitzen, die Stimmung ist gut unter den Teilnehmern am diesjährigen Hearing mit Zeitzeugen aus Griechenland, Frankreich und Deutschland. Es finden Beiträge statt zu den NS- Kriegsverbrechen der Gebirgsjäger in Frankreich und Griechenland, zur Bedeutung des bewaffneten Widerstandes gegen die Deutschen und zu Entschädigungsforderungen.

Eingeladen sind Ernst Grube, ehemaliger Gefangener im KZ Theresienstadt, der das Grußwort spricht, Panagiotis Babouskas, Überlebender des Massakers in Lyngiades/Griechenland, Ludwig Baumann, Vorsitzender der Vereinigung der Opfer der Militärjustiz, der als Deserteur mehrere Wochen in der Todeszelle auf seine Hinrichtung durch NS-Schergen wartete, Martin Klingner, Rechtsanwalt, der Infos zu den Entschädigungsforderungen der Opfer von Distomo gab, und Jakob Baruch Szmulewicz, jüdischer Partisan der FTP-MOI in Frankreich.

Dieser schildert sehr eindringlich, wie er sich in Paris als ganz junger Mensch (geboren 1924) der jüdischen Sektion der Kommunistischen Partei anschließt, 1941 nach Lyon geht, nach dem Einmarsch der Deutschen in die so genannte Freie Zone als Illegaler für die Jugendorganisation der M.O.I. (der vorwiegend aus Juden bestehenden Immigrantenorganisation der Kommunistischen Partei) arbeitet und 1943 in die bewaffnete Einheit der M.O.I., Liberté, in Grenoble aufgenommen wird. Anfang 1944 kehrt er nach Lyon zurück, wo er bis zur Befreiung im Détachement Carmagnole kämpft. Heute lebt er wieder in Paris.

Äußerst eindrucksvoll sind seine Berichte, wie er beispielsweise den Befehl erhält sich eine Waffe zu besorgen und als 17-jähriger einen Soldaten überfallen soll, oder wie sich sein bester Freund nach einer Verwundung selbst mit einer Handgranate tötet, um nicht in die Hände der Deutschen zu fallen. Von den ersten 100 Partisanen in seiner Einheit hätten nur 18 den Krieg überlebt, so Szmulewicz.

In der Jugendherberge – Antifaschisten unerwünscht!

Übernachtet wird bei Temperaturen um 0°C auf dem Campingplatz, da sich die Jugendherberge Mittenwald weigert, „Brendtengegner“, wie sie die Antifaschisten nennt, aufzunehmen. Unter der Rückendeckung des bayrischen Jugendherbergsverbandes beruft sich die Jugendherberge auf ihre angebliche „Neutralitätspflicht“. Am nächsten Morgen treibt sich schon in aller „Herrgottsfrüh’“ die Polizei auf dem Zeltplatz herum um auszuschnüffeln, wie viel „Kapazität“ sie brauchen wird, um alle Teilnehmer der Aktion am „Hohen Brendten“ ordentlich zu schikanieren und zu behindern. Dennoch kann die für 9 Uhr angesetzte Aktion direkt unterhalb des Gebirgsjägertreffens pünktlich beginnen und die alten und jungen Militaristen werden zu ihrem „Feldgottesdienst“ gebührend empfangen, mit Transparenten und Sprechchören. Einige Jugendliche haben sich Wegweiser gebastelt, auf denen „Stalingrad“ zu lesen ist, was die alten Herren besonders erzürnt.

Polizeilich verordnete Friedhofsruhe

Während des Feldgottesdienstes ab 10.30 Uhr wird den Demonstranten jegliche Äußerung über Lautsprecher aus „Pietätsgründen“ untersagt. Von „getarnten“ Teilnehmern kann man anschließend erfahren, wie der Pfarrer oben in seiner Ansprache meinte, dieses Denkmal werde noch stehen, wenn keiner der „Demonstrierer“ mehr am Leben sei.

Erste Absetzbewegungen seitens der Bundeswehr sind jedoch dieses Jahr schon zu beobachten. So hat die Bundeswehr zunächst ihr Musikkorps, welches seit 1952 jedes Jahr das musikalische Rahmenprogramm bewältigte, diesmal nicht zur Verfügung stellen wollen.[3] Eine weitere Neuerung für die alten Gebirgsjägerhasen ist, dass sie für Transport und Verpflegung durch die „Truppe“ erstmalig zu bezahlen hatten. Und zu allem Überdruss konnte die „Verschönerung“ des Denkmals trotz schärfster Bewachung diesmal wieder nicht verhindert werden. Unter einer groß angebrachten Aufschrift „MÖRDER“ mussten die Ewiggestrigen ihre Gedenkfeier abhalten.

Die Forderung bleibt: Bestrafung der Kriegsverbrecher – Entschädigung aller NS-Opfer[4]

Zu guter Letzt wurden die alten und neuen Militaristen dann nachmittags auf „Umwegen“ ins Tal geschleust, um ihnen den Anblick und die Kritik der Antifaschisten, ein zweites Mal, zu ersparen. Die Zeiten, in denen sich das größte Militaristentreffen Deutschlands ungestört abspielen konnte, sind jedenfalls ein für alle mal vorbei. Sie dürfen keine Ruhe mehr finden, die Kriegsverbrecher der „Edel­weißtruppe“. Laut einem Bericht der FR vom 27. Mai 2004 sind jetzt Verfahren gegen zwei „Veteranen“ aus der Nähe von Augsburg vom zuständigen Oberstaatsanwalt Maaß, Leiter der NRW- Zentralstelle zur Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen in Dortmund, an die zuständige Staatsanwaltschaft in München abgegeben worden. Ihnen wird eine Beteiligung am Massaker von Kephalonia[5] vorgeworfen. „Ob und wann Anklage erhoben wird, müssen nun die bayrischen Kollegen entscheiden“, so Maaß.

Darauf kann man sich allerdings erfahrungsgemäß nicht verlassen. Der Kampf für die Bestrafung der Kriegsverbrecher und die Entschädigung aller NS-Opfer muss weiter von einer möglichst breiten antifaschistischen Basis angeschoben werden.

Deshalb auch nächstes Jahr wieder: Auf nach Mittenwald! Schluss mit dem Gebirgsjägertreffen!

Arbeitsgruppe Faschismus

1 „Die Mörder sind unter uns!“ war das Motto der diesjährigen Veranstaltungen in Mittenwald 2004 des Arbeitskreis „Angreifbare Traditionspflege“. Dies war das Motto der diesjährigen Veranstaltungen in Mittenwald, in Anlehnung an die Kampagne des Simon Wiesenthal Zentrums „Operation letzte Chance“, mit deren Hilfe die noch verbliebenen Kriegsverbrecher aufgespürt werden sollen.

2 Der Versuch Anzeige wegen dieser Äußerung zu erstatten wurde zunächst von den umstehenden Polizeikräften mit dem Hinweis vereitelt, sie seien nicht zuständig. Erst nach mehrmaligen Anläufen fand sich ein Polizeibeamter bereit eine Anzeige aufzunehmen.

3 Wie sich im nachhinein herausstellte, hat sich das Bundesverteidigungsministerium dann doch kurzfristig zur Teilnahme ihrer „Musikantentruppe“ entschlossen. (Siehe auch den Brief der VVN-BdA an die Bundesregierung)

4 Forderungen aus dem Aufruf des AK Angreifbare Traditionspflege zu Mittenwald 2004

5 Siehe auch den Artikel „Mittenwalder Militärtradition im Dienst des deutschen Imperialismus“ in der letzten Nummer der KAZ

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