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Buchbesprechung

Nebensache Mensch

Das Buch von Rainer Roth ist eine sehr aktuelle und reichhaltige Faktensammlung über die Lage der Arbeiter heute, die er den Forderungen und Zielen der Kapitalisten gegenüberstellt:

Im Februar 2003 waren 4,7 Mio. Menschen arbeitslos gemeldet. Für diese 4,7 Mio. arbeitslosen Menschen stehen 390.000 offene Stellen zur Verfügung. Kapitalistenverbände und Regierung sehen als Lösung des Problems, dass die Senkung der Unterstützung angegangen werden soll. Auch durch Lohnsenkung soll die Arbeitslosigkeit gesenkt werden. Man hofft, dadurch würden die Kapitalisten mehr Stellen anbieten. Sind Löhne und Sozialleistungen niedrig genug, so die vorherrschende Meinung, kann die Arbeitslosigkeit beseitigt werden. Die Lohnarbeiter wehren sich, ob beschäftigt oder nicht, gegen die Senkung ihres Lebensstandards.

Die Manager aus Wirtschaft und Politik sehen in den Lohnarbeitern die Ursache aller Probleme. Die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland hat in den Augen der Herrschenden kläglich versagt. Der technische Fortschritt hat die Möglichkeit geboten, die Arbeitszeit zu verkürzen. Welche Gründe gibt es, dass der technische Fortschritt immer mehr Arbeitslosigkeit und Existenzunsicherheit hervorbringt? Der Reichtum, den die Lohnarbeiter erzeugen, wächst. Warum haben sie immer weniger davon? Wofür müssen sie immer mehr Opfer bringen? Millionen Lohnarbeiter bringen täglich die Leistung, die von ihnen verlangt wird und noch mehr. Wieso kommt es dennoch zu gewaltigen Wirtschaftkrisen, in denen wieder abgebaut wird, was sie soeben mit ihrer Energie und Kreativität aufgebaut haben.

Das Produkt vergangener Arbeit sind tausend Milliarden an Kapital. Diejenigen, die das Kapital besitzen und darüber verfügen, können beschwören, dass sie mit dem Problem Arbeitslosigkeit nichts zu tun haben. Sie klagen die Lohnarbeiter an, mit ihrer Anspruchsmentalität alle Probleme verursacht zu haben. Insbesondere die Arbeitslosen selbst. Folglich sollen sie auch für das zahlen, was sie angerichtet haben. Sie hätten nicht erkannt, was die Bedürfnisse des Kapitals seien, darum müssten die Lohnarbeiter auch dafür aufkommen. Eine Wirtschaftsordnung, die solche Probleme erzeugt, steht selbst auf dem Prüfstand.

Nun schreibt der Autor über 200 Seiten über die Arbeitslosigkeit, untersucht alle Gruppen von Lohnarbeitern und weist nach, dass nicht die Arbeiter schuld sind, sondern das Kapital, das so viele Mängel an den einzelnen Arbeitern und Gruppen auszusetzen hat. Dafür einige Beispiele:

Die vorherrschende Meinung – selbst in den Gewerkschaften ist: die Arbeitslosen, die Arbeit angeboten bekommen und sie ablehnen, weil sie ihrer Meinung nach unter ihrer Qualifikation ist, seien nur faul. Deshalb wäre es nur Recht, ihnen die Unterstützung zu streichen. Die arbeitslos sind und z.Z. wegen Krankheit arbeitsunfähig, wären faul (1,2 Mio.), die in Umschulungen, Fortbildungen oder Beschäftigungsmaßnahmen stecken, also nur vorübergehend unterbrochen (0,7 Mio.) – die arbeitslos gemeldet waren und versäumten sich erneut zu melden und deswegen aus der Liste gestrichen wurden (1 Mio.), die nur geringfügig beschäftigt sind, deshalb weniger als 15 Stunden wöchentlich arbeiten – die nach Schule oder Studium eine Ausbildungsstelle suchen (rund 740.000), die wegen Arbeitslosigkeit in den Vorruhestand oder Altersrente abgedrängt wurden – die in Haft sind – die als Ausländer keine Arbeitserlaubnis erhalten. Man nennt sie die Stille Reserve. Im Jahr 2001 1,914 Mio. Personen.

Alle diejenigen, die nicht dazu taugen, sich rückhaltlos für den Profit einzusetzen, alle Arbeitskräfte, die sie nicht gekauft haben, haben Mängel. Zu faul, zu unqualifiziert, zu teuer, zu alt, zu wenig mobil, zu jung, zu unflexibel usw. Sie genügen den Ansprüchen des Kapitals nicht. Dann wird das Thema erst richtig ausgeschöpft, selbst Frauen, die Kinder erziehen, fallen darunter, die Angehörige pflegen oder schwanger sind. Arbeitslose, die Sozialhilfe bekommen, sind besonders faul. So geht es weiter über 8 Seiten. Dann Ausführungen über Arbeitslose, wie sie unter der Arbeitslosigkeit leiden, sie kommen sich nutzlos und überflüssig vor, ihr Selbstwertgefühl wird gemindert. Beispiele werden gebracht, wie die Unterstützung nur für geraume Zeit für den gewohnten Lebensstandard ausreicht, so entstehen soziale Isolation, Konflikte in den Familien ... Auf dem Grund des Heeres an Arbeitslosen lagern sich diejenigen ab, die abgesunken sind, die Süchtigen, die zu krank sind, zu alt oder zu behindert. Es sind die psychisch Gestörten, Resignierten und Verzweifelten. Sie sind unter den Arbeitslosen zu finden, weil sie ausgemustert sind und weil das Kapital kein Interesse an ihnen hat. Miegel (Berater von Stoiber) sagt, für sie sei eher die Sozialpolitik zuständig. Die unterste Schicht nimmt zu mit den Schwierigkeiten der Kapitalverwertung. Die Ware Arbeitskraft ist nicht rentabel genug? Ältere über 50 gibt es kaum noch in den Betrieben, kosten zu viel, höherer Krankenstand (das zeigt die Auswirkungen der erhöhten Ausbeutung), längerer Urlaub, höhere Löhne, höherer Kündigungsschutz, geringere Belastbarkeit. Verwertbarkeit ist wichtiger als Qualifikation. Lieber keine Ingenieure als über 45-Jährige, lieber keine Informatiker als welche über 45. Ältere werden als Risikogruppe eingestuft. Nicht das Alter ist das Risiko, das Risiko besteht darin, dass ihre Arbeitskraft nicht genug Gewinn abwirft. Ältere sind eine Last für das Kapital aus vorgenannten Gründen.

Nachdem die älteren Lohnarbeiter in den Augen des Kapitals so schlecht abschnitten, meinte man, die Jugend wären begehrte Arbeitskräfte. Man höre und staune: Jugendliche sind zu teuer! Stellt die Industrie fest. Das Institut für Berufsbildung hat die Kosten bei 2500 Unternehmen untersucht. Mathias Schmitt, der Durchschnittsazubi aller Betriebe: seine jährlichen Personalkosten betrugen 8.269 €. Das für ihn eingesetzte Ausbildungspersonal kostete 5.893 €, die Anlage-und Sachkosten waren 545 € und die sonstigen Kosten 1.728 €, insgesamt also im Jahr 16.435 €. Da er auch im Betrieb arbeitet brachte er Erträge von 7.730 € ein. Durchschnittsazubi Schmitt kostete die Durchschnittsfirma also netto 8.705 € im Jahr oder netto 725 € monatlich. Und dann ging es weiter mit eingeschränkter Nutzung der jugendlichen Arbeitskraft – Verlagerung von Ausbildungskosten auf die Arbeitsämter, auf den Staat, umschulen statt ausbilden. Die Geburtenrate ist mal stark, mal schwach. Das Kapital ist abhängig von seinem Rhythmus und braucht mal mehr mal weniger junge Menschen.

Die nächste Problemgruppe sind Frauen. Schwerbehinderte sind auch eine Gruppe mit Problemen. „Minderleister“ werden aussortiert – Problemgruppe: Geringqualifizierte. Wir sind erst auf Seite 115 und so geht es weiter bis auf Seite 191. Ausländer, Sozialhilfeempfänger ... – immer sind die anderen Schuld, im Osten wollen sie zu viel arbeiten, wo anders zu wenig. Die „Arbeitsplatzbesitzer“ haben zu viel Kündigungsschutz!

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den Fakten und Gegenüberstellungen in diesem Buch. Der Autor hat alles durchleuchtet. Er schreibt über die rasante technische Entwicklung, das tendenzielle Sinken der Profitrate, über die Krisen, über die sinkende Arbeitszeit zur Herstellung von Produkten. Der Kapitalüberschuss ist der Grund für Kapitalexport, die Eigentumsverhältnisse sind die Ursache für das Elend der Arbeiter ... Dieses Buch durchleuchtet die Kapitalverhältnisse genau, ganz besonders interessant sind die Seiten, da er feststellt: das Kapital ist am Ende.

Wie wir dieses Ende beschleunigen können und verhindern können, dass das Kapital versucht, wieder mit Faschismus und Krieg sein Ende hinauszuzögern – auf diese Fragen müssen Kommunisten und alle klassenbewussten Arbeiter sich selbst die Antwort erkämpfen. Auf diesem steinigen Weg bietet das Buch von Rainer Roth nützliches und aktuelles Material für die Überzeugungs- und Organisationsarbeit bei den Arbeitern.

Arbeitsgruppe „Stellung des Arbeiters
in der Gesellschaft heute“

Rainer Roth: Nebensache Mensch – Arbeitslosigkeit in Deutschland, DVS – Digitaler Vervielfältigungs- und Verlagsservice, Frankfurt am Main, ISBN 3-932246-39-X

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