KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”
Während die Konterrevolution zwischen 1989 und 1992 nach und nach die DDR, die osteuropäischen Länder überrollte und schließlich mit der Liquidierung der Sowjetunion vorläufig triumphierte, hatten die chinesischen Kommunisten 1989 die Kraft, mit den konterrevolutionären Umtrieben fertig zu werden. Dabei hatte Gorbatschow, der Vollender Chruschtschows, schon danach gegiert als Handelsreisender in Sachen Untergrabung des Sozialismus, auch in der VR China sein Werk zu tun.[2]
In seiner „Ankara-Rede“ führte er 1999 aus:
„Eine Welt ohne Kommunismus wird besser sein. Nach dem Jahr 2000 kommt die Zeit des Friedens und des Aufblühens der Menschen. Es besteht hier jedoch eine große Belastung, die den Weg zu Frieden und Wohlstand der Menschheit bremsen wird. Das ist der Kommunismus in China. Ich war in Peking zur Zeit der Studentenunruhen 1989, als es schon den Anschein hatte, dass der Kommunismus in China zusammenbricht. Ich wollte zu den Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens sprechen und ihnen sagen, dass sie durchhalten sollen, dass wir mit ihnen sympathisieren und dass es auch in China Perestroika geben muss. Die chinesische Führung wünschte das nicht. Das war ein unermesslicher Schaden. Wäre der Kommunismus in China gefallen, wäre die Welt weiter auf dem Weg zu Frieden und Gerechtigkeit.“
Zhao Ziyang, damals Ministerpräsident und Generalsekretär der KP China, hatte Gorbatschow noch empfangen. Im Zuge der Räumung des Platzes des Himmlischen Friedens (Beijing, Juni 1989) wurde er als Sympathisant der Konterrevolutionäre beschuldigt und aus seinen Funktionen entfernt. Er verbrachte die restlichen 15 Jahre seines Lebens unter Hausarrest. Auch dieses offenbar ein Ausdruck des Kampfes zweier Linien in der Kommunistischen Partei, der seit Mao Tsetungs Tod 1976 in der Parteiführung verpönt war, nicht mehr wahrgenommen werden wollte.
Vor dem Hintergrund dieser Fragestellung beurteilen wir die Große Proletarische Kulturrevolution als einen entscheidenden Beitrag der chinesischen Kommunisten unter der Führung des Vorsitzenden Mao Tsetung, der der revolutionären und antiimperialistischen Bewegung weltweit neuen Ansporn gegeben hat. Sie hat das Werk der Vorläufer Gorbatschows bei der Liquidierung des Sozialismus und des sozialistischen Lagers erschwert. Sie hat in China selbst den damaligen Machthabern, die den kapitalistischen Weg gingen, den Weg versperrt und gleichzeitig die Voraussetzungen geschaffen, auf denen China heute aufbaut. Und sie versetzt heutigen Machthabern in der KP China, sofern sie den kapitalistischen Weg gehen, noch immer einen heilsamen Schrecken.
Sie war „Groß“, weil sie alle Lebensbereiche Chinas bis in die entferntesten Ecken des Landes und jeden in seinem Denken und Handeln einbezog; sie war „Proletarisch“, weil sie den Emanzipationsprozess der revolutionären Klasse von der Kultur der Bourgeoisie vorwärts trieb; und es war eine „Revolution“, weil sie die bisher vorherrschenden Formen der Herrschaftsausübung im Sozialismus gründlich umwälzte.
Sie löste das ein, was ihr Titel Große Proletarische Kulturrevolution in wörtlicher Übersetzung aus dem Chinesischen bedeutet (nach Joachim Schickel, dem großen Kenner Chinas): „Die Massen ändern den Auftrag: Herrschen sollen Alle, denen die Produktionsmittel zukommen; damit sie Kultur haben können – die Massen selber; historia facit saltum“ (die Geschichte macht einen Sprung – der Verfasser).[3]
Die wichtigsten Lehren der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ sind u.E.:
1. Große Proletarische Kulturrevolution steht für die Organisierung der Bewusstwerdung der Massen, die ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen.
2. Große Proletarische Kulturrevolution steht für den Kampf gegen die revisionistische Kernaussage von der Unumkehrbarkeit des Sozialismus. Sie steht für die Anerkennung von Klassen und Klassenwidersprüchen im Sozialismus.
3. Große Proletarische Kulturrevolution steht für die Unversöhnlichkeit mit dem Klassenfeind außerhalb der sozialistischen Länder, für Unversöhnlichkeit mit dem Imperialismus.
4. die Große Proletarische Kulturrevolution steht dafür, dass ein halbkoloniales, halbfeudales Agrarland sich vom Imperialismus befreien und durch Aufbau des Sozialismus. seine Unabhängigkeit verteidigen kann, wenn sich die Bauernmassen unter der Führung des Proletariats zusammenschließen.
Was Lenin stets getan hatte: den Massen Klarheit über den Ernst der Lage zu verschaffen und ihre Hilfe, ihr Eingreifen einzufordern – das entwickelt Mao Tsetung zu einem festen Bestandteil im Denken der chinesischen Revolutionäre: Aus den Massen schöpfen, in die Massen tragen.
Die chinesischen Kommunisten machen in der Großen Proletarischen Kulturrevolution Ernst damit, was Stalin bereits erkannt hatte. Sie sammeln damit weitere Erfahrungen, wie ein grundlegendes Problem des Sozialismus angepackt werden kann: Einerseits als kommunistische Partei die konsequente Kritik der herrschenden Verhältnisse zu leisten, andererseits als Kommunistische Partei den Staat zu leiten – und damit die herrschenden Verhältnisse selbst zu repräsentieren.[4]
In diesem Sinn haben die Kommunisten die Aufgabe, die Kritik der Massen an den herrschenden Verhältnissen zu organisieren und dabei die Waffen der Kritik zu schaffen, damit daraus die Bewegung werden kann, die notwendig sein wird, um die herrschenden Verhältnisse umzustürzen.
Massenlinie – das ist keine Mystifizierung der großen Zahl, ist keine Anbetung von Spontaneität, sondern Ausdruck für das Selbstverständnis der Kommunisten: dass die Massen die Geschichte machen, dass wir den Namen Kommunist dann verdienen, wenn wir einen Beitrag leisten, den Massen einerseits den Weg zu weisen, und dass wir diesen Beitrag andererseits nur leisten können, wenn wir von den Massen lernen.
Massenlinie, das ist die Probe auf unsere Theorie:
„ (...) allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem (am Menschen) demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst. (...) Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde. Man will euch wie Menschen behandeln!“ (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung, MEW Bd.1, S.385)
Mit dieser praktizierten Massenlinie stellt die Große Proletarische Kulturrevolution einen wirklichen Gegenpol gegen Chruschtschow und seinen angeblichen Kampf gegen den Personenkult her.
Hier wird die Frage der Partizipation richtig gestellt. Nicht die Massen dürfen am Kampf der Kommunisten partizipieren, sondern umgekehrt, die Kommunisten partizipieren am Kampf der Massen und müssen sich darin bewähren.
Eine ihrer vornehmsten Aufgaben dabei ist die Bestimmung der Hindernisse, der Feinde, für Entwicklung und Fortschritt. Mao Tsetung hatte dazu in seiner großartigen Schrift „Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volk“ entscheidende Hinweise gegeben.
In der Großen Proletarischen Kulturrevolution wird die praktische Anwendung deutlich, wie Auseinandersetzungen geführt werden können. Die lange Prüfung, ob eine andere Ansicht einen Widerspruch „im Volk“ oder einen Widerspruch „zwischen uns und dem Feind“ darstellt. Die damit verbundene Frage, wie mit dem anderen, der diese Ansicht vertritt, umzugehen ist, ob die Methode der Überzeugung oder die Methode des Zwangs im Vordergrund steht.
„Wenn unser Land das Land der Diktatur des Proletariats ist und die Diktatur von einer Partei, der Partei der Kommunisten geleitet wird, die Macht mit anderen Parteien nicht teilt noch teilen kann – ist es dann nicht klar, dass wir selber unsere Fehler aufdecken und korrigieren müssen, wenn wir vorwärts schreiten wollen, ist es dann nicht klar, dass es sonst niemand gibt, der sie aufdecken und korrigieren könnte? Ist es nicht klar, Genossen, dass die Selbstkritik eine der gewichtigsten Kräfte sein muss, die unsere Entwicklung voran treiben.“ (J.W. Stalin, Über die Arbeiten des vereinigten Aprilplenums des ZK und der ZKK, SW 11, S. 27)
Stalin sieht auch die Gefahr des Loslösens der führenden Genossen von den Massen: „Aber die Tatsache, dass die Führer sich bei ihrem Aufstieg von den Massen entfernen und die Massen beginnen, von unten zu ihnen aufzuschauen, ohne dass sie es wagen, sie zu kritisieren – diese Tatsache muss eine gewisse Gefahr der Loslösung der Führer von den Massen und eine Entfernung der Massen von den Führern herauf beschwören.
Die Gefahr kann dazu führen, dass die Führer überheblich werden und sich für unfehlbar halten. Aber was kann gut daran sein, wenn die führenden Spitzen überheblich werden und anfangen, von Oben auf die Massen herab zu schauen? Es ist klar, dass dies zu nichts Anderem führen kann als zum Untergang der Partei.“ (a.a.O., S 28. f.)
Es ist hier nicht der Platz zu klären, ob die KPdSU unter Stalins Führung diese Vorstellungen genügend umgesetzt hat bzw. umsetzen konnte. Die Aufgabe jedenfalls hat Stalin vollkommen richtig und mit der ihr gebührenden Ernsthaftigkeit („Untergang der Partei“!) umrissen.
In seiner Rede auf dem VIII. Kongress des Kommunistischen Jugendverbands wird er noch deutlicher:
„Woraus erklären sich die schändlichen Fälle moralischer Zersetzung und moralischen Verfalls in einigen Gliedern unserer Parteiorganisationen? Daraus, dass dort das Monopol der Partei ad absurdum geführt, die Stimme der Massen erstickt, die innerparteiliche Demokratie beseitigt und der Bürokratismus gezüchtet wurde. Wie ist dieses Übel zu bekämpfen? ... Es gibt hierfür nur einen einzigen Weg – die Organisierung der Kontrolle von Unten, die Organisierung der Kritik der Millionenmassen der Arbeiterklasse gegen den Bürokratismus in unseren Institutionen, gegen ihre Mängel, gegen ihre Fehler.
Ich weiß, dass wir, wenn wir den Zorn der werktätigen Massen gegen die bürokratischen Auswüchse in unseren Organisationen entfachen, mitunter genötigt sind, einige unserer Genossen anzutasten, die in der Vergangenheit Verdienste hatten, jetzt aber an der Krankheit des Bürokratismus leiden. Kann uns das aber davon abhalten, die Kontrolle von Unten zu organisieren. Ich denke, das kann es nicht und darf es nicht. Für die alten Verdienste soll man sich vor ihnen verneigen, für die neuen Fehler und den Bürokratismus aber sollte man ihnen tüchtig eins drauf geben (Heiterkeit, Beifall).“ (a.a.O., S. 63, 65)
Praktizierte Massenlinie in der Kulturrevolution ist auch eine Lehre aus dem eher administrativen Vorgehen (Ausweisung, Gerichtsverfahren etc.) gegen Trotzki, Bucharin und tutti quanti, auch sie Machthaber, die den kapitalistischen Weg gehen!
Deng Xiaoping, der nach der Kulturrevolution weitere zwanzig Jahre maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung Volkschinas haben sollte, repräsentierte offenbar im Verhältnis zur proletarischen Linie eine abweichende Linie, die „nur“ einen Widerspruch im Volk darstellte.
Wenn um die Revolutionierung der Produktionsverhältnisse gekämpft wurde, wenn der Klassenkampf voran getrieben wurde, repräsentierte Deng das notwendige UND. ... und Produktivkräfte entwickeln, und Produktion steigern.
Nur Deng alleine dann wieder ab 1978 hieß dann: nur noch Produktion steigern, nur noch Technologie, ohne Klassenkompass. Dann bekommt der „schwarze Wind“ die Überhand: Liebedienern vor den US-Imperialisten, Vietnam überfallen, dann bleibt nur der Machthaber, der den kapitalistischen Weg geht. Freilich auch einer, der seine Entwicklungsprojekte „von Unten“ voran treiben lässt, einer der Gorbatschow und seine Anhängerschaft in China in die Schranken weist ...
Was lernen wir daraus? Ein Anfang könnte die konsequente Fragestellung nach den Widersprüchen im Volk und den Widersprüchen zwischen uns und dem Feind sein, die Frage, welchen Charakter unsere Widersprüche zur Arbeiteraristokratie und ihre sozialdemokratischen Repräsentanten haben, zum Kleinbürgertum und seinen „grünen“ und „gelben“ Repräsentanten usw. Das könnte helfen, in unserem Land wieder Politik zu machen statt die in der Linken so verbreitete Zeigefinger – Pädagogik endlos weiter zu führen. Statt Mahnen und moralischen Appellen die unterschiedlichen Klasseninteressen erkennen und daran festmachen, mit wem wir uns gegen den deutschen Imperialismus zusammenschließen können.
Zur Massenlinie gehört, das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass der Kampf zweier Linien auch nach der siegreichen Revolution weitergeht, der Kampf zwischen der proletarischen und der bürgerlichen Linie, dass die Frage, wer in diesem Kampf siegen wird, nicht entschieden ist.[5]
Die Große Proletarische Kulturrevolution greift Überlegungen an vom Sozialismus als einer relativen stabilen Gesellschaftsformation, in der man sich einrichten kann. Sie greift die vom modernen Revisionismus verbreitete Lehre von der Unumkehrbarkeit des Sozialismus an. Eine Lehre, die den Feind beschönigt und die Massen einschläfert.
Was nicht vorwärts geht, geht zurück! Der Sozialismus ist eine Etappe auf dem Weg zum Kommunismus, oder eben – wie wir inzwischen wissen – eine Etappe zurück zum Kapitalismus.
Die bestehenden Verhältnisse, den eingeschlagenen Weg, den Sozialismus, vom Ziel her, vom Kommunismus her, zu kritisieren – das hat die Kulturrevolution geleistet. Groß und proletarisch, weil um die Lebensfrage und Existenzberechtigung des Proletariats als herrschende Klasse gestritten wurde, formelhaft gemeinhin unter „historische Mission der Arbeiterklasse“ in den Handbüchern abgeheftet.
Die Große Proletarische Kulturrevolution ist gelebte Dialektik.
Revolution und Produktion
Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse
Sein und Bewusstsein
Proletariat oder Bourgeoisie
Und auch:
Proletariat und Bourgeoisie. Denn auch diese beiden Pole des Klassenwiderspruchs gehören unauflöslich zueinander, bis es dem Proletariat im Kampf gegen die Bourgeoisie gelingt, solche Verhältnisse zu schaffen, die die Existenz von Klassen generell überflüssig machen.
Wie aber wird dabei bestimmt, welches jeweils konkret in Raum und Zeit der Haupt- und Nebenwiderspruch ist und welches die hauptsächliche Seite des Widerspruchs ist? Wann also und wo das Bewusstsein die entscheidende Rolle spielt oder wann das Sein, wann die Produktionsverhältnisse oder wann die Produktivkräfte?
Die Große Proletarische Kulturrevolution legt offen, dass die jeweiligen Festlegungen kein Geniestreich sind, sondern - auf der Grundlage von Wissen über Klassen- und Produktionskampf sowie Kenntnissen vom wissenschaftlichen Experimentieren - in der Auseinandersetzung unter den Massen und mit den Massen entschieden wird. Dabei geben die Massen den Ausschlag im Kampf zweier Linien. (Um Mystifizierungen vorzubeugen: Diesen Ausschlag können die Massen natürlich auch geben durch Indifferenz und Passivität)
In den Jahren der Großen Proletarischen Kulturrevolution wird etwas fühlbar von Kommunismus; nicht von einem „Formel-Kommunismus“, sondern von einem Kommunismus, wo Ruhe möglich wird, weil es quirlt und brodelt, wo Jeder und Jede sich nützen können, weil keine Ausbeutung mehr herrscht, wo alle privat sein können, weil es kein Privateigentum mehr gibt, und sich deshalb zusammen schließen können. Frei und einzeln wie ein Baum, zusammen und verbunden wie ein Wald.
Es wird etwas fühlbar, was die großen Alten erahnt hatten: „Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minoritäten im Interesse von Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl.“ (Kommunistisches Manifest)
Unversöhnlichkeit gegen den Imperialismus heißt für ein sozialistisches Land vor allem seine Unabhängigkeit zu verteidigen und dafür die politischen-ideologischen, die materiell-ökonomischen und die militärischen Voraussetzungen zu schaffen.
„Auf die eigene Kraft bauen“ war die große Losung der Kulturrevolution, die das chinesische Volk mobilisierte und ermöglichte, der Einkreisung Chinas durch den Imperialismus und der Isolierungspolitik im sozialistischen Lager durch die Chruschtschowianer in der Sowjetunion zu widerstehen.
Nicht von Friedensfähigkeit des Imperialismus – wie es die modernen Revisionisten verbreiteten – war die Rede, sondern von der Unvermeidlichkeit von Kriegen, solange die Imperialisten Macht haben. Aber der Imperialismus wurde als eine absteigende, als eine überwindbare Kraft erkannt. „Alle Imperialisten und Reaktionäre sind Papiertiger“, die man zwar taktisch in ihrer Aggressivität ernst, strategisch aber leicht nehmen müsse.
Und diese taktische Seite wurde gründlich berücksichtigt. Das Atomwaffenmonopol des Imperialismus und der Sowjetunion wurde durchbrochen – gleichzeitig verbindlich erklärt, dass China niemals als Erster diese Waffen einsetzen werde.
„Tiefe Tunnels graben, überall Getreidevorräte anlegen, nie nach Hegemonie trachten“ war die Losung, die anzeigte, dass im Kriegsfall an erster Stelle der Schutz der Bevölkerung steht und nicht die Entwicklung des Drohpotenzials gegen andere.
China wurde für jeden potenziellen Aggressor „zu einem zähen Stück Fleisch“, das den imperialistischen Wölfen im Hals stecken bleiben würde, sollten sie einen Überfall anzetteln.
So merkwürdig es auf den ersten Blick aussieht: Der Erfolg dieser Politik der Unversöhnlichkeit gegenüber dem Imperialismus wurde manifest gerade durch die Besuche der Nixon 1973 und des Oberreaktionärs des deutschen Imperialismus, Strauß, 1974 in Beijing. Denn: Jetzt mussten nach Jahrzehnten der Isolierung und Verdammung die Häuptlinge der Imperialisten in China anrutschen, keinen Chinesen konnten sie mehr zitieren, keine Kulis und Rikscha-Fahrer kommandieren.
Die Volksrepublik konnte den von den Imperialisten hochgezogene „Eisernen Vorhang“ durchbrechen. Als äußeres Zeichen erhielt die VR China 1974 ihren Sitz im Sicherheitsrat der UNO.
Unversöhnlichkeit wird nicht dadurch sichtbar, dass man sich einigelt, Kontakte vermeidet und sich radikal abgrenzt und keine Kompromisse schließt. Unversöhnlichkeit wird an der Art der Kompromisse erkennbar, die mit dem Feind abgeschlossen werden. Lenin spricht von Kompromissen, die man mit den Räubern eingeht; und er unterscheidet Kompromisse, die dazu dienen, mit den Räubern die Beute zu teilen und solchen, die dazu nützen, den Räubern die Beute wieder abzunehmen. Chruschtschow stand unseres Erachtens für die erste Art von Kompromissen, für die faulen Kompromisse; die KP China zu Mao Tsetungs Zeiten für die zweite Art, für eine Politik der friedlichen Koexistenz, die den Feind nicht beschönigt.
Wir kommen hier allerdings an einen Punkt, der noch gründlichere Untersuchungen erfordert, als wir sie leisten können: Die Verschärfung der Gangart während der Kulturrevolution in der Außenpolitik der VR China gegenüber der UdSSR wie es in der Kennzeichnung als „Supermacht“, als „Sozialimperialismus“ und „Sozialfaschismus“ zum Ausdruck gebracht wurde. In die Analyse müssen solch umstrittene Ereignisse der Weltpolitik einbezogen werden wie u.a. die Intervention von Staaten des Warschauer Paktes in die CSSR 1968, die Grenzkonflikte am Ussuri 1969, die „Entspannungspolitik“ der SU und die Verträge von Moskau 1970 ff., die Auseinandersetzung in Kampuchea, der chinesische Überfall auf Vietnam 1979, die Truppenentsendung der SU nach Afghanistan 1981 – um nur die bekanntesten Vorgänge zu nennen.
Die Lehren für uns waren (damals noch im Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD organisiert): Wir stimmten zwar in den Chor derer ein, die die Sowjetunion in „chinesischer Manier“ brandmarkten. Aber wir kritisierten die „Drei-Welten-Theorie“, die mit einer Überschätzung der „Supermächte“ zu einer Unterschätzung der anderen Imperialisten, insbesondere des deutschen Imperialismus, führte. Und wir vertraten sowohl gegenüber der DKP, die die BRD als vom US-Imperialismus abhängige „Bananenrepublik“ einschätzte, als auch gegenüber sog. „K-Gruppen“, die zur Einheit mit den „nationalen Kräften“ aufriefen (wie die KPD/AO oder die KPD/ML), um Deutschland zu befreien von Imperialismus und Sozialimperialismus:
Der Hauptfeind steht im eigenen Land und heißt deutscher Imperialismus.
Die Lehre, die wir für heute daraus ziehen sollten:
An der Front gegen den Imperialismus gibt es drei Frontabschnitte:
– die vom Imperialismus befreiten Stützpunktgebiete des Proletariats, kurz: die sozialistischen Länder,
– die Arbeiterbewegung (und die demokratisch-antifaschistisch-antimilitaristische, Bewegung) in den imperialistischen Ländern,
– die Befreiungs- und Unabhängigkeitsbewegungen in den vom Imperialismus abhängigen Ländern.
Alle drei sind Teil der Weltrevolution des Proletariats. Gemeinsames Ziel: Sturz des Imperialismus, aber unterschiedliche Frontabschnitte – unterschiedliche Aufgaben – unterschiedliche Bündniskräfte. Und große Unterschiede zwischen den Frontabschnitten und innerhalb jeden Frontabschnitts in der Entwickeltheit des Kampfes, der Mobilisierung der eigenen Kräfte, der unterschiedlichen Stärke des Feindes ...
Bevor hier kurzschlüssig zur Gründung einer neuen „Internationale“ aufgerufen wird, die diese unterschiedlichen Aufgaben so vermitteln könnte, dass daraus eine maximale Schlagkraft gegen den Imperialismus entwickelt werden kann, sollte zunächst mehr der Blick geschärft werden für die Unterschiede und Gemeinsamkeiten, für Freund und Feind, für Kompromiss und Kompromiss.
Zu bedenken ist, dass die Mehrheit der Menschen noch in Ländern lebt, in denen halbkoloniale und halbfeudale Verhältnisse bestehen. Halbkolonial bedeutet hier, dass trotz formaler politischer Souveränität die Herrschaft durch eine oder mehrere imperialistische Großmächte ausgeübt wird; halbfeudal bedeutet, dass die große Masse des Grundbesitzes in der Hand von Großgrundbesitzern ist, die neben ihrer ökonomischen Macht überkommene politische Macht ausüben. Die Herrschaft des Imperialismus über diese Länder behindert selbst eine kapitalistische Entwicklung. Die Folgen dieser Verhältnisse sind Massenelend, Landflucht, Verslumung der Städte, Fäulnis und Perspektivlosigkeit. Die KP China hat den Weg gewiesen, dass solche Länder - gestützt auf ein Bündnis mehrerer Klassen unter der Führung des Proletariats – sich nicht nur vom Joch des Imperialismus befreien können („Neue Demokratie“), sondern diese Unabhängigkeit verteidigen können, wenn sie den Weg des Sozialismus gehen. D.h. sie gehen den Weg der Revolutionierung der Produktionsverhältnisse damit die Produktivkraft der Menschen gesteigert werden kann. Dazu gehören eben nicht nur die Einführung neuer Techniken, sondern dazu gehört die Beseitigung des Analphabetentums, das Sammeln von Erfahrungen im Umgang mit Technik, dabei die Entwicklung organisatorischer und administrativer Fähigkeiten in der Leitung von Produktionsprozessen und in der Leitung des Staats, die Schaffung von Bewusstsein über die Möglichkeiten der Entwicklung, die kritische Aneignung von Erkenntnissen aus anderen Ländern für die eigenen Verhältnisse.
Die hier genannten Merkmale einer eigenständigen Entwicklung finden sich in der Entwicklung Chinas bereits in Ansätzen der Kampagne des „Großen Sprungs nach Vorn“ und verstärkt in der Großen Proletarischen Kulturrevolution.
Dort wurden die Voraussetzungen geschaffen, auf denen das Programm der vier Modernisierungen aufsetzen konnte.
Seitdem hat die Führung der KP China einen Weg eingeschlagen, der dem Kapitalismus immer breiteren Raum gelassen hat, während Errungenschaften der Massen aus der Großen Proletarischen Kulturrevolution zurückgenommen und die Rechte der Massen eingeschränkt wurden.
Beispiellos in der Geschichte scheint das Tempo der Entwicklung in diesem Land zu sein. Die VR China ist zur Werkstatt der Welt geworden.
Wird es so weiter gehen, dass hier ein Kapitalismus unter Aufsicht der Kommunistischen Partei sich entwickelt, wird der Beweis erbracht, dass der Tiger doch geritten werden kann? Oder werden die Kommunisten aufstehen und wieder die Massen organisieren, um die Machthaber, die den kapitalistischen Weg gehen, zu vertreiben und ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen? Die Große Proletarische Kulturrevolution wird dabei jedenfalls ein leuchtender Bezugspunkt sein.
KAZ-Fraktion „Ausrichtung
Kommunismus“, Corell
1 „Lehren“ sind im Folgenden nicht als etwas Statisches in Stein Gemeißeltes zu sehen, sondern als etwas, was helfen kann, „genauer hinzusehen“, Maßstäbe für richtig oder falsch zu entwickeln.
2 Gorbatschow reiste übrigens damals im Mai 1989 zum ersten sowjetisch-chinesischen Gipfeltreffen nach 30 Jahren. Und manche hegten die Hoffnung, dass nun die Spaltung der kommunistischen Weltbewegung überwunden werden könnte. Doch Gorbatschow führte die Vernichtung des Sozialismus im Schilde.
3 s. Schickel, Joachim, Dialektik in China – Mao Tsetung und die Große Kulturrevolution, in: Kursbuch 9/1967, S. 48
4 s. Kasten „Stalin und die Massenlinie“
5 Bereits im Jahr 1957, ein Jahr nach dem 20. Parteitag der KPdSU und in Entgegnung auf Chruschtschow, hatte Mao Tsetung ausgeführt: „Der Klassenkampf ist noch nicht zu Ende. Der Klassenkampf zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie, der Klassenkampf zwischen den verschiedenen politischen Kräften und der Klassenkampf zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie auf ideologischem Gebiet wird noch lange andauern und verwickelt sein und zuweilen sogar sehr scharf werden. Das Proletariat trachtet danach, die Welt nach seiner Weltanschauung umzugestalten, und die Bourgeoisie tut das gleiche. In dieser Hinsicht ist die Frage ,wer wen?’ im Kampf zwischen Sozialismus und Kapitalismus immer noch nicht endgültig entschieden.“ (Mao Tsetung, Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volk, in: Fünf philosophische Monographien, S. 127 bzw. AW Bd. 5, S.462)
Dann 1963, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung mit der KPdSU, noch deutlicher gegen das Gesäusel Chruschtschows vom 1980 einzuführenden Kommunismus: „Die sozialistische Gesellschaft erstreckt sich über eine sehr lange historische Etappe. In der sozialistischen Gesellschaft bestehen noch Klassen und Klassenkampf, gibt es einen Kampf zwischen den zwei Wegen, zwischen dem des Sozialismus und dem des Kapitalismus. Es genügt nicht, wenn die sozialistische Revolution einzig und allein an der wirtschaftlichen Front (hinsichtlich des Eigentums an den Produktionsmitteln) durchgeführt wird, damit ist ihr Sieg noch nicht gefestigt. Auch an der politischen und an der ideologischen Front muss eine gründliche sozialistische Revolution erfolgen. Für die Entscheidung der Frage, wer wen im Kampf zwischen Sozialismus und Kapitalismus auf politischem und ideologischem Gebiet besiegen wird, bedarf es eines sehr langen Zeitraums. Mehrere Jahrzehnte reichen dafür nicht aus, hundert Jahre, einige Jahrhunderte werden nötig sein, um diese Frage siegreich zu entscheiden. Was die Dauer betrifft, ist es besser, man bereitet sich auf eine längere Zeit vor als auf eine kürzere; was die zu leistende Arbeit betrifft, ist es besser, man macht sich auf eine schwere und nicht auf eine leichte gefasst. So zu denken und zu handeln ist vorteilhafter, man hat weniger Schaden. Wer das nicht genügend erkennt oder überhaupt nicht versteht, wird ungeheure Fehler begehen. In der historischen Etappe des Sozialismus muss man auf der Diktatur des Proletariats beharren und die sozialistische Revolution zu Ende führen; dann kann man eine Restauration des Kapitalismus verhüten, den Sozialismus aufbauen und die Voraussetzungen für den Übergang zum Kommunismus schaffen.“ (Polemik über die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung, Westberlin 1971, S. 525 f.)