KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”
Die Kulturrevolution als Ausdruck des Kampfes zweier Linien in der sozialistischen Gesellschaft und in der KPCh, als Sprung nach vorn mit dem Ziel, die Massen zu selbstbewussten Kämpfern für den weiteren Aufbau des Sozialismus und gegen die Kräfte der Restauration und des Revisionismus zu machen, war im April 1969 vom IX. Parteitag der KPCh als erfolgreich abgeschlossen erklärt worden. Freilich – wie Zhou Enlai in seinem Bericht an den X. Parteitag 1973 erklärte – hatte Mao Tsetung bereits vorausgesagt: „Vielleicht muss nach einigen Jahren wieder eine Revolution durchgeführt werden.“
Es war viel erreicht worden. Die Revolution im Erziehungswesen, in Wissenschaft und Technik, in der Medizin sowie in Kunst und Literatur hatte den Gegensatz zwischen Stadt und Land verringert, der bäuerlichen wie der Arbeiterjugend neue Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten eröffnet, das Analphabetentum weitgehend überwunden, die medizinische Versorgung auf dem Land verbessert.
Der Schlüssel für diese Erfolge, die bis dahin noch keine politische Massenkampagne bewirkt hatte: „allseitig und von unten“ war die „dunkle Seite“ der Partei enthüllt worden.[1]
Nach den Jahren der „großen Unordnung“ (ein Begriff, der im Chinesischen ausgesprochen positiv besetzt ist) war offenbar die Zeit gekommen zur Sicherung und Konsolidierung der Erfolge.
Viel Auseinandersetzung hat es um die Frage der Permanenz der Revolution gegeben.
Revolutionäre müssen stets d.h. permanent die großen Umwälzungen bedenken, die bevorstehen und die sie zu leiten haben, um zum Kommunismus zu kommen. Und sie haben dabei mitzudenken, dass Quantität in Qualität umschlägt – und nach Erreichen einer neuen Qualität dann die Entwicklung wieder in quantitativen Schritten weiter geht. Sie haben mitzudenken, dass Revolution und Evolution zusammengehören. Dass die Entwicklung Sprünge macht – aber nicht dauernd.
Die Losung: „Die Revolution anpacken, die Produktion fördern“ brachte das dialektische Verhältnis von Revolution und Produktion auf den Begriff. Wer nur Produktion will, ohne dadurch den revolutionären Zielen des Proletariats näher kommen zu wollen, dient den Interessen der Bourgeoisie. Wer nur Revolution will, ohne für Arbeit und Brot zu sorgen, untergräbt die materiellen und ideellen Kräfte des Proletariats und dient damit den Interessen der Bourgeoisie. Den Pfad zu bestimmen, der zwischen den beiden Polen einzuschlagen ist, dazu gehört Wissen, Wissen vom Klassenkampf, vom Produktionskampf vom wissenschaftlichen Experimentieren. Letztlich entschieden, welcher Weg einzuschlagen ist, wird durch die Auseinandersetzungen in der Partei, in der Klasse, im Volk.
Den revisionistischen Kräften um Liu war vorgeworfen worden, dass sie trotz vielfältiger Bemühungen sie von der Krankheit (hier Verletzung der Dialektik von Revolution und Produktion nach rechts) zu heilen, nicht bereit waren Hilfe anzunehmen und sich damit Widersprüche im Volk in antagonistische Widersprüche verwandelten, die gewaltsam ausgetragen werden.
Den Kräften um Jiang Qing wird nun vorgeworfen, dass sie – ebenfalls trotz großer Anstrengungen nicht zuletzt von Mao Tsetung – nicht willig und fähig waren an der Heilung ihrer Krankheit (hier Verletzung der Dialektik von Revolution und Produktion nach links) mitzuwirken.
Die so genannte „Viererbande“, die erst 1976 als solche bezeichnet wurde, gehört zu den schwer einschätzbaren Erscheinungen der chinesischen Revolutionsgeschichte. Die Rolle der vier Politbüromitglieder und Aktivisten der Kulturrevolution, von Mao Tsetungs Frau Jiang Qing, dem Arbeiteraktivisten Wang Hongwen und den Theoretikern und Literaturkritikern Zhang Chunqiao und Yao Wenyuan sowie ihren Anhängern ist und bleibt widersprüchlich. Denn ihr Werdegang ist mit dem Auf und Ab der Revolution eng verknüpft, mit der Unterstützung wie der Kritik durch Mao Tsetung, der Euphorie wie der Verdammung durch die Massen, ihren Erfolgen wie ihren Niederlagen und ihrer schließlichen Verurteilung, die auch der Kulturrevolution als Ganzes galt.
Die einen sagen, der hartnäckige Kampf der Vier war nur der überspitzte Ausdruck des Versuches, den notwendigen Aufbau einer fortgeschrittenen Industriegesellschaft (aus einer zu 85 Prozent bäuerlichen Gesellschaft heraus) und die damit verbundenen Gefahren „auf den kapitalistischen Weg zu geraten“ mit der Fortsetzung der Revolution, d.h. der massenhaften Beteiligung der Arbeiter, Bauern und Studenten an der Umgestaltung der Produktionsverhältnisse, des Überbaus, der Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins zu verbinden.
Für andere sind sie während des Abflauens und dann zum Ende der Kulturrevolution zu Linkssektierern geworden, je mehr, desto weniger sie die Massen noch für ihre Kampagnen gewinnen konnten. Wieder andere ordneten sie als Rechtsopportunisten und Karrieristen ein, die sich mit linksradikalen und extremen Parolen als Revolutionäre aufspielten, um die Unbedachten zu täuschen und nach der Machtübernahme in der KPCh strebten. Vereinfacht stellt sich ihre Position dar als „rot kontra produktiv“, statt im Sinne Mao Tsetungs: „rot und produktiv“.
Ohne Zweifel repräsentierten die Vier auch nach dem offiziellen Ende der Kulturrevolution eine Parteiströmung, die Mao Tsetungs Kampf gegen die auf die technokratische Konsolidierung der Wirtschaft bedachten „Machthaber auf dem kapitalistischen Weg“ weiterführen wollte. Aber Mao Tsetung sah in diesen nachkulturrevolutionären Auseinandersetzungen die Gefahr der einseitigen und vor allem vom Ehrgeiz seiner Frau beförderten Zerstörung des Erreichten und setzte auf die Lösung in der dialektischen Verbindung der notwendig anstehenden Modernisierung des Landes und der Beibehaltung der revolutionären Massenlinie. Ministerpräsident Zhou Enlai hatte das schon in seinem Plan der „Vier Modernisierungen“ zum Ausdruck gebracht.
Schon früh hatte Mao Tsetung seine Frau und die Vier kritisiert (siehe Kasten: Warnungen Mao Tsetungs an Jiang Qing und die „Viererbande“)
Deng Xiaoping, 1973 mit Mao Tsetungs Einverständnis rehabilitiert, (zu Maos Stellvertreter, zum ersten Stellvertreter Zhou Enlais und zum Stabschef der Streitkräfte ernannt) und der inzwischen unheilbar kranke Zhou hatten einen Großteil des Partei- und Staatsapparats, einschließlich zahlreicher, im Bereich der Ökonomie inzwischen wieder rehabilitierter Fachkräfte und alter Kader, auf ihrer Seite – die Vier standen im Kampf der Gegensätze auf der anderen. Für Deng Xiaoping hieß das: „Primat der Entwicklung der Produktivkräfte“ auf dem Weg zu einem modernen und leistungsfähigen Industriestaat China. Die Vier dagegen standen weiter für Klassenkampf und Revolution, gegen den Vormarsch der Technokraten und ihre wirtschaftlichen Ziele, in denen sie die Gefahr des Abdriftens in kapitalistische Akkumulations- und Ausbeutungsverhältnisse sahen. Jiang Qing und ihre Mitstreiter hatten während der Kulturrevolution in solchem Maße Einfluss auf den Propagandaapparat (die Medien), die Kulturpolitik und das Erziehungswesen gewonnen, dass sie ihre Ansichten in ganz China verbreiten und zeitweise die Publizität von Partei- und Staatsführung einschränken konnten. Das trug dazu bei, Sympathien in der Jugend- und Frauenbewegung zu gewinnen, sowie Einfluss in den Gewerkschaften und der Volksmiliz. Auch in Teilen der Industriearbeiterschaft, wie z.B. im Stahlwerk Anshan konnten sie für ihre Linie mobilisierend wirken.
Konsequenterweise griffen sie Deng Xiaoping, aber auch Zhou Enlai an. Doch es gelang ihnen nicht, gegen die Vorstellungen Zhou Enlais, die dieser in seinem „Bericht über die Tätigkeit der Regierung“ auf der 1. Tagung des IV. Nationalen Volkskongresses im Januar 1975 als „die allseitige Modernisierung der Landwirtschaft, Industrie, Landesverteidigung, Wissenschaft und Technik“ vorgetragen hatte und die als die „Vier Modernisierungen“[2] von Deng als Grundlage der Regierungspolitik beansprucht wurden, einen wirklichen Durchbruch zu erzielen. Die auf diesem Volkskongress verabschiedete neue Verfassung enthielt sowohl weitgehende Rechte für die Arbeiter[3], als auch Elemente wie begrenzte Zulassung privaten Wirtschaftens und Leistungsentlohnung, die Deng Xiaopings Politik legitimierten.
Im Juli 1976 übernahm Deng Xiaoping in Vertretung des schwerkranken Zhou Enlai die Amtsgeschäfte des ZK der KPCh. Die Wirtschaft stabilisierte sich und die Versorgungslage wurde verbessert. Deng Xiaoping gegenüber hielt es Mao Tsetung für notwendig, weiter gegen die Linie zu mahnen, zuerst Leistung und Produktion, statt Umgestaltung der Menschen und der Gesellschaft. Zum Beispiel in einem Neujahrsartikel 1976, der in der „Volkszeitung“, der „Roten Fahne“ und dem Armeeblatt die Weisung erteilte: „Stabilität und Einheit (von Deng Xiaoping bevorzugte Begriffe) heißt nicht den Klassenkampf aufgeben. Der Klassenkampf ist das Hauptkettenglied, alles andere hängt von ihm ab.“[4]
8. Juli 1966, Schreiben an Jiang Qing: „In der ganzen Welt gibt es über hundert Parteien, die größte Zahl dieser Parteien glauben nicht mehr an den Marxismus-Leninismus. Wenn Marx und Lenin bereits von ihnen zerschmettert wurden, um wie viel eher dann wir? Ich meine, auch du solltest dieser Frage Beachtung schenken, und dir nicht den Sieg in den Kopf steigen lassen. Häufig solltest du über die eigenen Schwächen, Fehler und Mängel nachdenken.“[1]
20. März 1974; an Jiang Qing: „Es ist besser, wenn wir uns nicht sehen. Vieles, was ich mit dir in früheren Jahren besprochen habe, hast du nicht durchgeführt. Wozu also soll es gut sein, wenn wir uns öfter sehen? Es gibt die marxistisch-leninistischen Klassiker, es gibt meine Bücher, aber du willst sie einfach nicht studieren.“
17. Juli 1974; an die Vier: Ihr müsst aufpassen; bildet nicht eine kleine Fraktion von vier Leuten.“[2]
Oktober 1974; über Jiang Qing: „Jiang Qing hat ein machtgieriges Herz. Sie will, dass Wang Hunweng Vorsitzender des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses wird, sie selbst aber Vorsitzende des ZK der Partei.“
24. Dezember 1974; an die Vier: „Bildet keine Fraktion, wer das tut, wird straucheln.“
3. Mai 1975; an die Vier: Ihr sollt keine Viererbande bilden, lasst das sein. Warum macht ihr in dieser Weise weiter? Warum schließt ihr euch nicht mit den mehr als zweihundert Mitgliedern des ZK zusammen? Es ist nicht gut, in einem kleinen Kreis von Leuten zu bleiben. Das ist noch niemals gut gewesen.“
Zum Problem der Viererbande: Wenn es nicht in der ersten Hälfte dieses Jahres gelöst wird, dann eben in der zweiten Hälfte; wenn nicht dieses Jahr, so nächstes Jahr; wenn nicht im nächsten, so im Jahr darauf.“
1975; von Jiang Qing: „Nach meinem Tod wird sie Unruhe stiften.“
Quellen:
Martin, Helmut: Mao intern, Carl Hanser, München, 1974, S.192
Schickel, Joachim: Im Schatten Mao Tsetungs, Fischer, Frankfurt/M, 1982, S. 25
1 Martin, H., a.a.O., S. 194
2 Schickel, J., a.a.O., S. 25
Deng Xiaopings Wirtschaftspolitik war auch darauf ausgerichtet, den Einfluss der Arbeiter und politischen Kader in den Betrieben zurückzudrängen, d.h. Erfolge der Kulturrevolution rückgängig zu machen. Für die Vier einmal mehr die Gelegenheit, ihre Warnungen vor dem Abgleiten „auf den kapitalistischen Weg“ und in den „sowjetischen Revisionismus“ zu verstärken, gegen die Gefahr der materiellen Leistungsanreize und für mehr Entscheidungskompetenzen der Belegschaften Stellung zu beziehen.
Ministerpräsident Zhou Enlai starb am 8. Januar 1976.
Deng Xiaoping hielt die offizielle Trauerrede, wurde aber nicht zum Ministerpräsidenten ernannt, sondern Hua Guofeng, der auf Vorschlag Mao Tsetungs auch 1. Stellvertretender Vorsitzender der KPCh wurde. Im April kam es aus Anlass des traditionellen Totenfestes (zur Ehrung der Verstorbenen) zu stürmischen Demonstrationen auf Pekings Tien-An-Men–Platz und in anderen Städten, an denen sich Millionen beteiligten. In Nachrufen auf Zhou Enlai, wie in Lobeshymnen auf Deng Xiaoping, ebenso wie in scharfer Kritik an der „Kaiserwitwe“, mit der Jiang Qing genannt, aber Mao Tsetung gemeint war – kam der noch immer tobende Linienkampf in den Massen zum Ausdruck.
Für das Geschehen auf dem Tian-An-Men-Platz, bei dem es auch zu Ausschreitungen gekommen war, wurde nach Beratungen des Politbüros Deng Xiaoping verantwortlich gemacht und in der Folge aller seiner Ämter enthoben, ohne ihn jedoch aus der Partei auszuschließen, „um zu sehen, wie er sich in Zukunft verhält.“[5] Im weiteren Verlauf des Jahres 1976 führten die Versuche Jiang Qings und ihrer Anhänger, im Namen der Parteizentrale Militärregionen unter ihre Kontrolle zu bringen, zu Demonstrationen gegen sie und für die Rehabilitierung von Deng Xiaoping. Auch ihr Versuch, die Stadtmilizen von Beijing und Shanghai unter ihre Führung zu stellen, misslang.
Alles deutet daraufhin, dass die „Viererbande“ versuchte, in ihrem fortgesetzten Kampf gegen die Rechtsabweichungen ihre Position in Partei, Volksbefreiungsarmee und Betrieben auszubauen und sich an Deng Xiaopings Stelle zu setzen, um nach Mao Tsetungs absehbarem Tod die Führung in Partei und Staat zu übernehmen.
Die hektischen Aktivitäten der Vier, Dengs Anhänger und Positionen in ganz China zu verfolgen und zu brandmarken, führten vielerorts zu Unruhen, Demoralisierung und Ablehnung. Öffentliche Diskussionen und Wandzeitungen in den Städten unterstrichen das.
Am 8. September 1976 starb der „Große Steuermann“, wie er nach Lin Biaos und gegen Mao Tsetungs Willen genannt wurde. Am 7. Oktober ernannte das ZK – einer letzten Weisung Mao Tsetungs folgend - Hua Guofeng zum Nachfolger als Parteivorsitzenden.[6]
Die Presse, obwohl weitgehend von der „Viererbande“ kontrolliert, brachte Mao Tsetungs Mahnung: „Den Marxismus, nicht den Revisionismus praktizieren, sich zusammenschließen und nicht Spaltertätigkeit betreiben, offen und ehrlich sein und sich nicht mit Verschwörungen und Ränken befassen.“[7] Demgegenüber organisierten die Vier weiter Versammlungen um Unterstützung zu gewinnen. Jiang Qing trieb ihre sektiererische Politik dabei so weit, dass sie es ablehnte, die von einer Erdbebenkatastrophe betroffenen Regionen Tangshan und Fegnan aufzusuchen, obwohl Hua Guofeng sie darum gebeten hatte und selbst an der Spitze einer Delegation in das Erdbebengebiet reiste, um die umfangreichen Hilfsmaßnahmen vor Ort zu leiten. (In Tangshan, einer der großen Industriestädte des Landes waren über 700.000 Menschen umgekommen, kein Haus, keine Fabrik stand mehr.)
Das Verhalten von Jiang Qing setzte das Ansehen der „Linken“ in der Bevölkerung weiter herab, ebenso wie die selbstherrliche Aktion ihrer Führerin, ein Gedicht zirkulieren zu lassen, das Mao Tsetung ihr in früheren Jahren gewidmet hatte, und in dem es hieß, sie solle „nach dem Höchsten streben.“ Doch Mao hatte damit den revolutionären Geist und nicht das höchste Amt gemeint – woraus Jiang Qing den Anspruch auf den Parteivorsitz ableitete. Ein weiteres gefälschtes Mao-Zitat, bei dem es sich angeblich um seinen letzten Willen handelte, spielte wahrscheinlich die letztlich auslösende Rolle für ihre Ausschaltung.
Hua Guofeng handelte im Einvernehmen mit der ZK-Mehrheit, der Verwaltung und den Bezirkskommandeuren und ließ die Vier mitten in einer Versammlung am 6. Oktober 1976 verhaften. Nur in den vormaligen Hochburgen der Vier, in denen ihre Gefolgsleute in der Partei Parallelstrukturen mit eigenen Machtorganen aufgebaut hatten, gab es punktuellen Widerstand dagegen. „Alle vermeintlichen Bastionen der Viererbande wurden rasch erobert: Die Tsinghua-Universität, die Redaktion der Volkszeitung, das Kulturministerium. In Shanghaier Wandzeitungen wurden Jiang Qing und ihre Gefolgsleute scharf kritisiert. Die Hoffnung, dass die Shanghaier Arbeiter und Milizionäre Wang Hungwen unterstützen würden, erwies sich rasch als trügerisch. Es war ihm auch nicht gelungen, den Allchinesischen Gewerkschaftsbund unter seiner Kontrolle zu bringen und die Arbeitermiliz zu einer Hausmacht der „Viererbande“ im Kampf gegen die Volksbefreiungsarmee (VBA) zu machen. Innerhalb weniger Tage billigten Massendemonstrationen in ganz China den Präventivschlag der Partei gegen die „Verschwörer“.[8]
Um einen klaren Trennungsstrich zwischen dem verstorbenen Vorsitzenden und Jiang Qing zu ziehen, beschloss das ZK, der Ständige Ausschuss des nationalen Volkskongresses und die Militärkommission beim ZK, für Mao Tsetung auf dem Tien-An-Men-Platz eine Gedenkhalle zu errichten und außerdem die Herausgabe seiner Gesammelten Werke unter Aufsicht des Politbüros zu beschleunigen.
Am 24. Oktober kamen über eine Million Chinesen auf dem größten Platz in Peking zusammen, diesmal um Hua Guofengs Ernennung und die Niederlage der „Viererbande“ zu feiern. Ein Grund für den Jubel der Massen, die sich lange unter kräftiger Mitwirkung der Vier gegen Deng Xiaoping und andere Rechtsabweichler gewandt hatten, über deren Verhaftung kann die Tatsache gewesen sein, dass Mao Tsetung sie bereits kritisiert und ihnen seine Unterstützung entzogen hatte. Dagegen hatten ihre Gegner, durch die ständigen Attacken der Vier sich zu einer Gruppe aus alter Garde und erfahrenen Kämpfern zusammengeschweißt mit der Armee im Rücken erhebliches Gewicht und gewonnen. Zu den wichtigsten Waffen in der Abrechnung mit der „Viererbande“ wurden Mammutkonferenzen über beispielhafte Betriebe in der Landwirtschaft (Dezember 1976: „Lernt von Dazhai“) und Industrie (Mai 1977: „Lernt von Daqing“), Kampagnen, die eigentlich in Dengs Sinne – ohne ihn zu nennen – auf die schnelle Vorwärtsentwicklung der Produktivkräfte setzten. [9] Auf dem XI. Parteitag der KP Chinas im August 1977 wurde Hua Guofeng in seinem Amt bestätigt. Der Parteitag bekräftigte das Ziel, die „Vier Modernisierungen“ bis zum Jahr 2000 zu verwirklichen. Deng Xiaoping wurde wieder ins ZK gewählt und zu einem der stellvertretenden Ministerpräsidenten ernannt.
Hua Guofengs Führungskern bestand im wesentlichen aus Vertretern der „Massenlinie“ Mao Tsetungs (Z.B. Ni Zhifu, der sich schon 1964 als Arbeiter auf dem Ölfeld Daqing große Verdienste erworben hatte und jetzt zum Leiter des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes aufstieg), während Deng die Fraktion der rehabilitierten Rechtsabweichler, die in der Kulturrevolution kritisiert worden waren, um sich scharte. Dazu gehörten z.B. der in der Kulturrevolution einflusslos gewordene Wirtschaftsplaner Chen Yun oder der ehemalige Pekinger Bürgermeister Peng Zhen. Auch die Militärveteranen tendierten mehr und mehr zu Deng. Der schleichende Machtübergang von Hua Guofeng zu Deng Xiaoping lässt sich z.B. markieren durch die 1978 an Hand von Mao Tsetungs Text geführten breiten Debatte über die Praxis, wozu es 1978 in einem Artikel der Zeitung der VBA hieß: „Lin Biao, Chen Boda und die „Vierer-Bande“ waren nicht nur politische, sondern auch theoretische Schwindler. Zwar sprachen sie immer davon, ‚das rote Banner hochzuhalten’, in Wirklichkeit aber traten sie es mit Füßen und zerstörten die Einheit zwischen Theorie und Praxis sowie die Prinzipien, dass die Theorie aus der Praxis herrührt und die Wahrheit in den Tatsachen gesucht werden muss ... In ihren Augen waren Marxismus-Leninismus und Mao Tsetung-Ideen keine Wissenschaft und nicht die aus dem konkreten Leben herrührende Wahrheit, sondern etwas Absolutes, ja, ein Glaubensbekenntnis.“[10]
Die Betonung der Praxis durch Deng Xiaoping und seine Anhänger förderte eine Politik, die auf schnelle wirtschaftliche Erfolge abzielte – die Hua Guofeng mit seinen Plänen für eine Modernisierung des Landes nicht hatte erreichen können.
Im Dezember 1977 wurde in der Zeitung „Guangming Ribao“ die Wiedereinführung des Prämien- und Akkordlohns angekündigt. Zur Begründung wurde angeführt, dass damit die sozialistische Verteilung besser zu regeln sei, die negativen Auswirkungen wie Spaltung und Konkurrenz unter den Arbeitern aber begrenzbar seien, weil die Politik weiterhin das Kommando führe.
Auf der Nationalen Wirtschaftskonferenz im März 1978 in Beijing wies Deng Xiaoping der Intelligenz Führungsaufgaben in der Gesellschaft zu und erklärte sie zum Bestandteil der Arbeiterklasse. Hua Guofeng vertrat weiter die an Mao Tsetung orientierte Devise des „Sowohl rot als auch fachkundig“. Zahlreiche in der Kulturrevolution erkämpfte Fortschritte im Bildungswesen wurden zurückgenommen.
Im Dezember 1978 verwarf die Plenarkonferenz des ZK der KPCh – nach eingetretenen Misserfolgen v.a. was die Situation der vom Lande in die Städte zurückgeführten Massen von Jugendlichen betraf – endgültig den Kurs der „Vier Modernisierungen“ und formulierte stattdessen ein Programm, das die Produktivitätssteigerung in der Wirtschaft zur zentralen Aufgabe machte und die Klassenkämpfe großen Stils für beendet erklärte.
Im Februar 1979 entfachte die VR China einen Grenzkrieg gegen das sozialistische Vietnam, der als Strafaktion gegen den Einmarsch vietnamesischer Truppen in Kampuchea deklariert wurde und chinesischen Truppen große Verluste einbrachte.
Auf Wandzeitungen in Peking wurde diese Politik, die „Freunde und Feinde verwechselte“[11] als Verrat am Sozialismus gebrandmarkt.
Das „Primat der Produktivkräfte“ und damit die Linie Deng Xiaopings setzte sich weiter durch. Die 3. Tagung des V. Nationalen Volkskongresses beschloss im September 1980 die Einführung marktwirtschaftlicher Elemente für die staatliche Industrie.
Im Oktober 1980 veröffentlichte die „Volkszeitung“ erstmals eine Kritik an Mao Tsetung, der sich zeitweilig wie ein feudaler Patriarch benommen habe. Schon im August hatte Hua Guofeng als Parteivorsitzender erklärt, Mao trage die Verantwortung für die Exzesse der Kulturrevolution.
Im November 1980 wurde der Prozess gegen die „Viererbande“ eröffnet. Neben Jiang Qing, Zhang Chunqiao, Yao Wenyuan und Wang Honweng standen weitere Angeklagte vor Gericht wie Chen Boda und mehrere Befehlshaber der VBA. Die Angeklagten, denen u.a. ein Mordversuch an Mao Tsetung und konterrevolutionäre Umtriebe vorgeworfen wurden, wurden wie Jiang Qing zum Tode verurteilt oder zu hohen Haftstrafen. Später wurden die Todesstrafen in lebenslange Haftstrafen umgewandelt.
Die 6. Plenartagung des ZK verabschiedete im Juni 1981 die Resolution, die alle nach der Kulturrevolution von rechten und konservativen Kräften erzielten Rückschritte zusammenfasste und unter dem Titel „Über einige Fragen in unserer Parteigeschichte seit der Gründung der VR China“ dekretierte, die Kulturrevolution habe der VR China größten Schaden zugefügt und keinerlei gesellschaftlichen Fortschritt bewirkt. Mao Tsetung wurde angegriffen, er habe „Richtiges mit Falschem vermengt“, „Volk und Feind verwechselt“. Generell habe im Sozialismus eine große politische Revolution „weder eine wirtschaftliche noch politische Basis“, ein „bürgerliches Hauptquartier“ in der Partei habe es nie gegeben.
Diese Einschätzung traf das ZK der KPCh im Jahr 1981.
Nachdem sich in der Sowjetunion das „bürgerliche Hauptquartier“ mit Gorbatschow – immerhin Generalsekretär der KPdSU – an der Spitze durchgesetzt und schließlich sein Werk vollendet hatte, wird das damals gefällte Urteil der chinesischen Genossen über die Große Proletarische Kulturrevolution und die Rolle Mao Tsetungs darin massiv in Frage gestellt.
Die Frage „Wer – wen?“ ist auch in der VR China noch nicht entschieden! Der Imperialismus droht, die internationale und nationale Konterrevolution lauert.
„Vielleicht muss nach einigen Jahren wieder eine Revolution durchgeführt werden.“ (Mao Tsetung)
„Wenn Ordnung und Unordnung, Bestehen und Untergang so deutlich voneinander geschieden wären wie ein hoher Berg von einem tiefen Tal, wie weißer Kalk von schwarzem Lack, so wäre keine Weisheit nötig, ein Narr wüsste auch Bescheid.“[12]
KAZ-Fraktion „Ausrichtung
Kommunismus“, Lobo
1 Suyin, Han: Der Flug des Drachen, Goldmann, München, 1979, S. 387
2 Schickel, J., a.a.O., S. 188
3 Etwa in Artikel 13: „Freie Äußerung von Ansichten, offene Aussprachen, große Debatten und Dazibaos (Wandzeitungen) sind eine neue Form, geschaffen von den Volksmassen für die Durchführung der sozialistischen Revolution. Der Staat garantiert den Volksmassen das Recht, diese Form anzuwenden zur Schaffung einer politischen Situation, in der sowohl Zentralismus als auch Demokratie, sowohl Disziplin als auch Freiheit, sowohl der einheitliche Wille als auch das persönliche Wohlbehagen und die lebendige Aktivität des Einzelnen vereint sind, was dazu beitragen soll, die Führung des Staates durch die Kommunistische Partei Chinas und die Diktatur des Proletariats zu festigen.“ (nach Joachim Schickel, Im Schatten Mao Tsetungs, S. 202
4 Peking Rundschau, 1976, Nr.9
5 Schickel, J., a.a.O., S. 16
6 „Hast du die Sache in der Hand ist mir leicht ums Herz“, zitiert nach Schickel, a.a.O., S.19
7 zitiert nach Schickel, a..a.O., S. 27
8 Chen, Jack. China Rote Garden, 1975, S. 463
9 Peking Rundschau 1977, Nr.1, Hua Guofeng, Rede auf der II. Landeskonferenz zum Lernen von Dadschai in der Landwirtschaft
10 Kuntze, P., 1979: China – Supermarkt 2000 – Wie eine Weltmacht die Industrialisierung vorantreibt, S. 160 f.
11 KAZ, Sonderausgabe April 1981, S. 30
12 aus: „Frühling und Herbst des Lü Puwei“ um 240 vor Null