Für Dialektik in Organisationsfragen
Es soll gejubelt werden an diesem 9. November. Worüber? Über den Fall der Mauer vor 20 Jahren, über die wieder gewonnene Freiheit der Menschen in der DDR, über die geglückte Wiedervereinigung. So wird es uns seit Wochen von den bürgerlichen Medien eingetrichtert. Doch der 9. November steht auch für einen ganz anderen Jahrestag: In der Nacht vom 8. auf den 9. November 1938 brannten die Synagogen im faschistischen Deutschen Reich, wurden jüdische Menschen aus ihren Wohnungen getrieben, durch die Straßen gehetzt, ihre Geschäfte zerstört. Über 90 Menschen wurden ermordet.
Antifaschisten versuchten damals unter Lebensgefahr das Volk aufzuklären, wozu diese antisemitische Barbarei diente: „Menschen werden, weil sie jüdischer Abstammung sind, verhöhnt, besudelt, boykottiert, misshandelt, erschlagen. Menschen, fühlende Wesen wie wir. ... Mit niedrigsten Verleumdungen und raffiniertester Demagogie, mit gewalttätigen Pogromen und unmenschlichen „Gesetzen“ wütet die Hitler-Regierung gegen die Juden. ... Hitler hat so oft erklärt, er mache einen Unterschied zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital und das letztere, das seien die Banken und das werde abgeschafft zum Wohle des Volkes. Nun gibt es eine solche Trennung zwischen Großindustrie und Großbanken überhaupt nicht, denn sie sind unlösbar miteinander verfilzt und sitzen gegenseitig in den Aufsichtsräten. Über dies sind es da wie dort nur die Arbeiter und Angestellten, die schuften und schaffen und nur die Großaktionäre, die nichts tun und raffen. Nun, die Nazi-Oberbonzen sagten jedenfalls, es werde gegen die Juden vorgegangen, denn sie sind eben das „raffende Kapital“ und dem wird ein Ende gemacht. Sehen wir zu, was geschehen ist: Die allermeisten Banken in jüdischen Händen wurden liquidiert. Wer übernahm sie? Das Volk? ... Die jüdischen Bankhäuser Bleichröder und Gebrüder Arnhold wurden von der Dresdner Bank gefressen, das heißt von deren Beherrschern, dem Kanonenprinzen Krupp jun., dem Trustkönig Flick, dem Hamburger Millionär Senator v. Berenberg-Goslar, dem Versicherungsmagnaten Kiszkalt und den Großbankiers Busch, Dr. Meyer, Schippel und Rasche. Ist das das Volk? ... So sieht auch die „Arisierung“ beim „schaffenden“ Kapital aus: Krupp hat die Reederei Blumenfeld, Hamburg; an sich genommen, der Stumm-Konzern die jüdische Eisengroßhandlung Ettlinger, Karlsruhe, und der Mannesmann-Konzern die Metallwerke Wolff, Netter & Jacoby und die Röhrenwerke samt dem dazugehörigen Lübecker Hochofenwerk verschlungen. ... Die „Arisierung“ der Banken, Warenhäuser und Industriewerke ist nichts anderes als ein Fischzug der größten Industrie- und Bank-Konzerne. Die mächtigsten Großbanken und mächtigsten Großindustriellen ... haben einen schönen Raub gemacht, sind noch mächtiger geworden und häufen noch tollere Profite in ihren Geldsack. Hat das Volk was bekommen? Nichts.“
„Hitlers Judenverfolgungen führen das deutsche Volk in die Dschungel der Konzern-Tiger und der Bank-Hyänen – und zu alledem in das Unglück eines neuen Weltkrieges. ... Hitler und seine Kumpane bezeichnen seit jeher die demokratischen Staaten und alle Staaten, gegen die sie Krieg vorbereiten, als „verjudet“. Die Judenhetze dient als Stimmungsmache für den Krieg. ... Hitlers Judenhaß ist eine seiner Tarnkappen für die Intervention gegen Spanien, für einen Überfall auf die Tschechoslowakei, einen Krieg gegen Frankreich, England, die Sowjetunion, Amerika, für einen neuen verhängnisvollen Weltkrieg. ... In der kommenden deutschen demokratischen Republik wird es keine Pranger und Pogrome, keinerlei Raubzüge des Finanzkapitals und keinen Rassenhaß, sondern Freiheit für das ganze Volk und Frieden für das Land geben. Deutsche! Jeder Schlag Hitlers gegen die Juden ist zugleich ein Hieb gegen Euch alle. Jeder Schlag zieht fester die Ketten auch um Eure Glieder. Jeder Schlag rückt näher das von den braunen Bonzen gewollte neue Kriegsgemetzel.“ (Hervorhebungen im Original)[1]
Die deutsche demokratische Republik kam. Doch so weitsichtig, wie diese Schrift 1938 die Judenverfolgung als Kriegsvorbereitung erkannte und das Gemetzel vorhersah, wie auch die notwendige Konsequenz, so konnte sich damals doch niemand vorstellen, wie sehr die Barbarei noch steigerungsfähig war. Die Reichspogromnacht war das Fanal für 6 Millionen ermordeter Juden in Europa und 60 Millionen Kriegstoter. Und es war für die Antifaschisten damals auch nicht vorhersehbar, dass das deutsche Volk bis zum Schluss sich und die Völker der Welt nicht selbst von dieser Barbarei befreite. So konnte die Deutsche Demokratische Republik nur mit Hilfe der Sowjetunion und nur in einem Teil Deutschlands errichtet werden. Sie war keine Idylle, sondern ein Kampfplatz gegen die Kriegsverbrecher in den Chefetagen der Banken und Konzerne, die die Hitlerfaschisten unterstützt und an die Macht gebracht haben. Deren Interesse an und Verantwortung für diesen barbarischen Krieg war damals so offenkundig, dass sogar die Militärregierung der Vereinigten Staaten für Deutschland in ihren Ermittlungen gegen die Banken und Konzerne z.B. für die Deutsche Bank zu dem Schluss kam: „Es wird empfohlen, daß: 1. die Deutsche Bank liquidiert wird, 2. die verantwortlichen Mitarbeiter der Deutschen Bank angeklagt und als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden, 3. die leitenden Mitarbeiter der Deutschen Bank von der Übernahme wichtiger oder verantwortlicher Positionen im wirtschaftlichen und politischen Leben Deutschlands ausgeschlossen werden.“[2] Was die I.G. Farben betrifft, das Kartell aus BASF, Bayer und Hoechst, forderte der Direktor der Untersuchungsabteilung für Kartelle und Auslandsvermögen im Amt der amerikanischen Militärregierung am Schluss seiner Erklärung: „Wenn die Politik der Alliierten das Ziel verfolgt, daß „Deutschland nie wieder seine Nachbarn und den Frieden in der Welt bedrohen kann“, dann muß die I.G. Farben mit ihren Möglichkeiten zur Rüstungsproduktion zerstört werden.“[3] Soweit es in den Möglichkeiten zunächst der sowjetischen Besatzungszone und dann der DDR lag, wurde genau dieses Ziel verfolgt. Die Arbeiter wurden mobilisiert, die Fabriken der enteigneten Kriegsverbrecher in die eigenen Hände zu nehmen. Es war nicht zuletzt ein Kampf um die Hirne der Arbeiter, der Bauern, Ärzte, Krankenschwestern, Wissenschaftler…das Land selbst wieder aufzubauen und zu verwalten. Ohne und gegen die nun im Westen versammelten Monopolherren. Denn dort konnten sie ungeschoren daran gehen, ihren Reichtum und ihre Macht wieder zu vermehren. Wie z.B. Herr Abs, führender Vertreter der deutschen Monopolbourgeoisie. Als Vorstandmitglied der Deutschen Bank seit 1938 und in den Aufsichtsräten vieler Monopole sitzend, war er Hitlers Finanzberater. Obwohl 1945 als Kriegsverbrecher zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, wurde dieses Urteil nie vollstreckt. Bald konnte er als Leiter der nicht liquidierten Deutschen Bank seine führende Rolle wieder aufnehmen und wurde bruchlos Wirtschaftberater der Adenauer-Regierung.
An all das will die Bundesregierung, wollen die Medien, wollen die Herrschenden nicht erinnern an diesem 9. November. Vielleicht bringt der eine oder die andere Politikerin ein paar Worte über das Unrecht der Reichspogromnacht über die Lippen und dass Deutschland fest zu seiner Verantwortung stehe. Doch ansonsten soll gefeiert werden. Gefeiert, dass die Herrschaften den Konsequenzen dieser Verantwortung bis heute entkommen sind. Sektkorken werden knallen, Luftballone fliegen, weil sie vor 20 Jahren noch einmal gesiegt haben über die Sozialdemokraten, Kommunisten, Demokraten, die diese Verantwortung ernst genommen haben. Sie werden jubeln, weil Deutsche Bank, BASF, ThyssenKrupp und wie sie alle heißen, seitdem noch viel mächtiger geworden sind und überall in der Welt wieder Krieg führen können – für ihren Einfluss, ihre Absatzmärkte, ihren Profit. Und nicht zuletzt brauchen sie das ganze Spektakel, um die Herzen und Hirne der Arbeiter mit ihrer Propaganda vom „Unrechtsstaat DDR“ zu vernebeln. Sie brauchen uns perspektivlos und damit handsam. Wir sollten uns nicht für dumm verkaufen lassen.
gr
aus: „Auf Draht“, eine Zeitung, die vor Münchner Betrieben verteilt wird, hrsg. von DKP München und Gruppe KAZ München, 3.11.2009.
1 Aus einer Tarnschrift aus den Reihen der KPD von 1938
2 Hans Magnus Enzensberger (Herausgeber): O.M.G.U.S. Ermittlungen gegen die Deutsche Bank 1946/1947, S. 11
3 Hans Magnus Enzensberger (Herausgeber): OMGUS Ermittlungen gegen die I.G. Farben, S. 346, September 1945